• S.

    76

    „3. Als Hans aus unserem Schlafzimmer in ein eigenes Zimmer
    separiert wurde, war er ungefähr 4 Jahre alt.“

    „4. Ein Rest ist noch jetzt da, der sich nicht mehr in Furcht, sondern
    in normalem Fragetrieb äußert. Die Fragen beziehen sich meist darauf,
    woraus die Dinge verfertigt sind (Tramways, Maschinen usw.), wer die
    Dinge macht usw. Charakteristisch für die meisten Fragen ist, daß
    Hans fragt, obzwar er sich die Antwort bereits selbst gegeben hat.
    Er will sich nur vergewissern. Als er mich einmal mit Fragen zu sehr
    ermüdet hatte und ich ihm sagte: „Glaubst du denn, daß ich dir auf
    alles antworten kann, was du fragst?“, meinte er: „No, ich hab’ ge-
    glaubt, weil du das vom Pferd gewußt hast, daß du das auch weißt.“

    „5. Von der Krankheit spricht Hans nur mehr historisch: „Damals,
    wie ich die Dummheit gehabt hab’.“

    „6. Der ungelöste Rest ist der, daß Hans sich den Kopf zerbricht,
    was der Vater mit dem Kinde zu tun hat, da doch die Mutter das Kind
    zur Welt bringt. Man kann das aus den Fragen schließen, wie: „Nicht
    wahr, ich gehör’ auch dir?“ (Er meint, nicht nur der Mutter). Das:
    wieso er mir gehört, ist ihm nicht klar. Dagegen habe ich keinen direkten
    Beweis, daß er, wie Sie meinen, einen Koitus der Eltern belauscht hätte.“

    „7. Bei einer Darstellung müßte vielleicht doch auf die Heftigkeit
    der Angst aufmerksam gemacht werden, da man sonst sagen würde:
    „Hätte man ihn nur ordentlich durchgeprügelt, so wäre er schon spa-
    zieren gegangen.“

    Ich setze abschließend hinzu: Mit der letzten Phantasie Hansens
    war auch die vom Kastrationskomplex stammende Angst überwunden,
    die peinliche Erwartung ins Beglückende gewendet. Ja, der Arzt,
    Installateur usw. kommt, er nimmt den Penis ab, aber nur um einen
    größeren dafür zu geben. Im übrigen mag unser kleiner Forscher nur
    frühzeitig die Erfahrung machen, daß alles Wissen Stückwerk ist, und
    daß auf jeder Stufe ein ungelöster Rest bleibt.

    III. Epikrise.

    Nach drei Richtungen werde ich nun diese Beobachtung von
    der Entwicklung und Lösung einer Phobie bei einem noch nicht
    5jährigen Knaben zu prüfen haben: erstens, inwieweit sie die Behaup-
    tungen unterstützt, die ich in den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“,
    1905 aufgestellt habe; zweitens, was sie zum Verständnisse der so häufigen
    Krankheitsform zu leisten vermag; drittens, was sich ihr etwa zur Auf-

  • S.

    77

    klärung des kindlichen Seelenlebens und zur Kritik unserer Erziehungs
    absichten abgewinnen läßt.

    I.

    Mein Eindruck geht dahin, daß das Bild des kindlichen Sexual-
    lebens, wie es aus der Beobachtung des kleinen Hans hervortritt, in
    sehr guter Übereinstimmung mit der Schilderung steht, die ich in
    meiner Sexualtheorie nach psychoanalytischen Untersuchungen an
    Erwachsenen entworfen habe. Aber ehe ich daran gehe, die Einzel-
    heiten dieser Übereinstimmung zu verfolgen, werde ich zwei Ein-
    wendungen erledigen müssen, welche sich gegen die Verwertung dieser
    Analyse erheben. Die erste lautet: Der kleine Hans sei kein normales
    Kind, sondern, wie die Folge, eben die Erkrankung, lehrt, ein zur
    Neurose disponiertes, ein kleiner „Hereditarier“, und es sei darum un-
    statthaft, Schlüsse, die vielleicht für ihn Geltung haben, auf andere,
    normale Kinder zu übertragen. Ich werde diesen Einwand, da er den
    Wert der Beobachtung bloß einschränkt, nicht völlig aufhebt, später
    berücksichtigen. Der zweite und strengere Einspruch wird behaupten,
    daß die Analyse eines Kindes durch seinen Vater, der, in meinen
    theoretischen Anschauungen befangen, mit meinen Vorurteilen be-
    haftet an die Arbeit geht, überhaupt eines objektiven Wertes entbehre.
    Ein Kind sei selbstverständlich in hohem Grade suggerierbar, vielleicht
    gegen keine Person mehr als gegen seinen Vater; es lasse sich alles
    dem Vater zuliebe aufdrängen zum Dank dafür, daß er sich soviel
    mit ihm beschäftige, seine Aussagen hätten keine Beweiskraft und seine
    Produktionen in Einfällen, Phantasien und Träumen erfolgten natürlich
    in der Richtung, nach welcher man es mit allen Mitteln gedrängt habe.
    Kurz, es sei wieder einmal alles „Suggestion“, und deren Entlarvung
    beim Kinde nur sehr erleichtert im Vergleiche mit dem Erwachsenen.

    Sonderbar; ich weiß mich zu erinnern, als ich mich vor
    22 Jahren in den Streit der wissenschaftlichen Meinungen einzumengen
    begann, mit welchem Spotte damals von der älteren Generation der
    Neurologen und Psychiater die Aufstellung der Suggestion und ihrer
    Wirkungen empfangen wurde. Seither hat sich die Situation gründlich
    geändert; der Widerwille ist in allzu entgegenkommende Bereitwillig-
    keit umgeschlagen, und dies nicht allein infolge der Wirkung, welche
    die Arbeiten Liébault’s, Bernheim’s und ihrer Schüler im Laufe
    dieser Dezennien entfalten mußten, sondern auch, weil unterdes die
    Entdeckung gemacht wurde, welche Denkersparnis mit der Anwendung des
    Schlagwortes „Suggestion“ verbunden werden kann. Weiß doch niemand

  • S.

    78

    und bekümmert sich auch niemand zu wissen, was die Suggestion ist,
    woher sie rührt und wann sie sie einstellt; genug, daß man alles im
    Psychischen Unbequeme „Suggestion“ heißen darf.

    Ich teile nicht die gegenwärtig beliebte Ansicht, daß Kinder-
    aussagen durchwegs willkürlich und unzuverlässlich seien. Willkür gibt
    es im Psychischen überhaupt nicht; die Unverläßlichkeit in den Aussagen
    der Kinder rührt her von der Übermacht ihrer Phantasie, wie die Un-
    verläßlichkeit der Aussagen Erwachsener von der Übermacht ihrer
    Vorurteile. Sonst lügt auch das Kind nicht ohne Grund und hat im
    ganzen mehr Neigung zur Wahrheitsliebe als die Großen. Mit einer
    Verwerfung der Angaben unseres kleinen Hans in Bausch und Bogen
    täte man ihm gewiß schweres Unrecht; man kann vielmehr ganz deutlich
    unterscheiden, wo er unter dem Zwange eines Widerstandes fälscht oder
    zurückhält, wo er, selbst unentschieden, dem Vater beipflichtet, was
    man nicht als beweisend gelten lassen muß, und wo er, vom Drucke
    befreit, übersprudelnd mitteilt, was seine innere Wahrheit ist, und
    was er bisher allein gewußt hat. Größere Sicherheiten bieten auch die
    Angaben der Erwachsenen nicht. Bedauerlich bleibt, daß keine Dar-
    stellung einer Psychoanalyse die Eindrücke wiedergeben kann, die man
    während ihrer Ausführung empfängt, daß die endgültige Überzeugung
    nie durchs Lesen, sondern nur durchs Erleben vermittelt werden kann.
    Aber dieser Mangel haftet den Analysen mit Erwachsenen in gleichem
    Maße an.

    Den kleinen Hans schildern seine Eltern als ein heiteres, auf-
    richtiges Kind, und so dürfte er auch durch die Erziehung geworden
    sein, die ihm die Eltern schenkten, die wesentlich in der Unterlassung
    unserer gebräuchlichen Erziehungssünden bestand. Solange er in früh-
    licher Naivität seine Forschungen pflegen konnte, ohne Ahnung der aus
    ihnen bald erwachsenden Konflikte, teilte er sich auch rückhaltlos
    mit, und die Beobachtungen aus der Zeit vor seiner Phobie unter-
    liegen auch keinem Zweifel und keiner Beanstandung. In der Zeit
    der Krankheit und während der Analyse beginnen für ihn die Inkon-
    gruenzen zwischen dem, was er sagt, und dem, was er denkt, zum Teil
    darin begründet, daß sich ihm unbewußtes Material aufdrängt, das
    er nicht mit einem Male zu bewältigen weiß, zum anderen Teil infolge
    der inhaltlichen Abhaltungen, die aus seinem Verhältnisse zu den Eltern
    stammen. Ich behaupte, daß ich unparteiisch bleibe, wenn ich das
    Urteil ausspreche, daß auch diese Schwierigkeiten nicht größer aus-
    gefallen sind als in soviel anderen Analysen mit Erwachsenen.

  • S.

    79

    Während der Analyse allerdings muß ihm vieles gesagt werden,
    was er selbst nicht zu sagen weiß, müssen ihm Gedanken eingegeben
    werden, von denen sich noch nichts bei ihm gezeigt hat, muß seine Auf-
    merksamkeit die Einstellung nach jenen Richtungen erfahren, von
    denen her der Vater das Kommende erwartet. Das schwächt die Beweis-
    kraft der Analyse; aber in jeder verfährt man so. Eine Psychoanalyse
    ist eben keine tendenzlose, wissenschaftliche Untersuchung, sondern
    ein therapeutischer Eingriff; sie will an sich nichts beweisen, sondern
    nur etwas ändern. Jedesmal gibt der Arzt in der Psychoanalyse dem
    Patienten die bewußten Erwartungsvorstellungen, mit deren Hilfe er
    imstande sein soll, das Unbewußte zu erkennen und zu erfassen, das
    eine Mal in reichlicherem, das andere Mal in bescheidenerem Ausmaße.
    Es gibt eben Fälle, die mehr, und andere, die weniger Nachhilfe brauchen.
    Ohne solche Hilfe kommt niemand aus. Was man etwa bei sich allein
    zu Ende bringen kann, sind leichte Störungen, niemals eine Neurose,
    die sich dem Ich wie etwas Fremdes entgegengestellt hat; zur Bewäl-
    tigung eines solchen braucht es den Andern, und soweit der Andere
    helfen kann, soweit ist die Neurose heilbar. Wenn es im Wesen einer
    Neurose liegt, sich vom „Anderen“ abzuwenden, wie es die Charakteristik
    der als Dementia praecox zusammengefaßten Zustände zu enthalten
    scheint, so sind eben darum diese Zustände für unsere Bemühung
    unheilbar. Es ist nun zugegeben, daß das Kind wegen der geringen
    Entwicklung seiner intellektuellen Systeme einer besonders inten-
    siven Nachhilfe bedarf. Aber was der Arzt dem Patienten mitteilt,
    stammt doch selbst wieder aus analytischen Erfahrungen, und es ist
    wirklich beweisend genug, wenn mit dem Aufwande dieser ärztlichen
    Einmengung der Zusammenhang und die Lösung des pathogenen
    Materials erreicht wird.

    Und doch hat unser kleiner „Patient“ auch während der Analyse
    Selbständigkeit genug bewiesen, um ihn von dem Verdikte der „Sugge-
    stion“ freisprechen zu können. Seine kindlichen Sexualtheorien wendet
    er auf sein Material an wie alle Kinder, ohne dazu eine Anregung zu
    erhalten. Dieselben sind dem Erwachsenen so überaus ferne gerückt;
    ja, in diesem Falle hatte ich es geradezu versäumt, den Vater darauf
    vorzubereiten, daß der Weg zum „Thema“ der Entbindung für Hans
    über den Exkretionskomplex führen müsse. Was infolge meiner Flüchtig-
    keit zu einer dunkeln Partie der Analyse wurde, ergab dann wenigstens
    ein gutes Zeugnis für die „Echtheit“ und „Selbständigkeit“ in Hansens
    Gedankenarbeit. Er war auf einmal mit dem „Lumpf“ beschäftigt,

  • S.

    80

    ohne daß der angeblich suggerierende Vater verstehen konnte, wie er
    dazu kam, und was daraus werden sollte. Ebensowenig Anteil kann
    man dem Vater an der Entwicklung der beiden Phantasien vom In-
    stallateur zuschreiben, die von dem frühzeitig erworbenen „Kastrations-
    komplexe“ ausgehen. Ich muß hier das Geständnis ablegen, daß ich
    dem Vater die Erwartung dieses Zusammenhanges völlig verschwiegen
    habe, aus theoretischem Interesse, um nur die Beweiskraft eines sonst
    schwer erreichbaren Beleges nicht verkümmern zu lassen.

    Bei weiterer Vertiefung in das Detail der Analyse würden sich
    noch reichlich neue Beweise für die Unabhängigkeit unseres Hans von
    der „Suggestion“ ergeben, aber ich breche hier die Behandlung des
    ersten Einwandes ab. Ich weiß, daß ich auch durch diese Analyse keinen
    überzeugen werde, der sich nicht überzeugen lassen will, und ich setze
    die Bearbeitung dieser Beobachtung für jene Leser fort, die sich eine
    Überzeugung von der Objektivität des unbewußten pathogenen Ma-
    terials bereits erworben haben, nicht ohne die angenehme Gewißheit
    zu betonen, daß die Anzahl der letzteren in beständiger Zunahme
    begriffen ist.

    Der erste dem Sexualleben zuzurechnende Zug bei dem kleinen
    Hans ist ein ganz besonders lebhaftes Interesse für seinen „Wiwimacher“,
    wie dies Organ nach der kaum minder wichtigen seiner beiden Funk-
    tionen und nach jener, die in der Kinderstube nicht zu umgehen ist,
    genannt wird. Dies Interesse macht ihn zum Forscher; er entdeckt
    so, daß man auf Grund des Vorhandenseins oder Fehlens des Wiwi-
    machers Lebendes und Lebloses unterscheiden könne. Bei allen Lebe-
    wesen, die er als sich ähnlich beurteilt, setzt er diesen bedeutsamen
    Körperteil voraus, studiert ihn an den großen Tieren, vermutet ihn
    bei beiden Eltern und läßt sich auch durch den Augenschein nicht ab-
    halten, ihn bei seiner neugeborenen Schwester zu statuieren. Es wäre
    eine zu gewaltige Erschütterung seiner „Welt-
    anschauung“, könnte
    man sagen, wenn er sich entschließen sollte, bei einem ihm ähnlichen
    Wesen auf ihn zu verzichten; es wäre so, als würde er ihm selbst ent-
    rissen. Eine Drohung der Mutter, die nichts weniger als den Verlust
    des Wiwimachers zum Inhalte hat, wird darum wahrscheinlich eiligst
    zurückgedrängt und darf erst in späteren Zeiten ihre Wirkung äußern. Die
    Einmengung der Mutter war erfolgt, weil er sich durch Berührung dieses
    Gliedes Lustgefühle zu verschaffen liebte; der Kleine hat die gewöhn-
    lichste und – normalste Art der autoerotischen Sexualtätigkeit begonnen.

  • S.

    81

    In einer Weise, die Alf. Adler sehr passend als „Triebver-
    schränkung“ bezeichnet hat1), verknüpft sich die Lust am eigenen
    Geschlechtsgliede mit der Schaulust in ihrer aktiven und ihrer passiven
    Ausbildung. Der Kleine sucht den Wiwimacher anderer Personen zu
    Gesicht zu bekommen, er entwickelt sexuelle Neugierde und liebt es,
    seinen eigenen zu zeigen. Einer seiner Träume aus der ersten Zeit der
    Verdrängung hat den Wunsch zum Inhalte, daß eine seiner kleinen
    Freundinnen ihm beim Wiwimachen behilflich sein, also dieses An-
    blickes teilhaftig werden solle. Der Traum bezeugt so, daß der Wunsch
    bis dahin unverdrängt bestanden hat, sowie spätere Mitteilungen
    bestätigen, daß er seine Befriedigung zu finden pflegte. Die aktive
    Richtung der sexuellen Schaulust verbindet sich bei ihm bald mit
    einem bestimmten Motiv. Wenn er sowohl dem Vater wie der Mutter
    wiederholt sein Bedauern zu erkennen gibt, daß er deren Wiwimacher
    noch nie gesehen habe, so drängt ihn dazu wahrscheinlich das Bedürfnis
    zu vergleichen. Das Ich bleibt der Maßstab, mit dem man die Welt
    ausmißt; durch beständiges Vergleichen mit der eigenen Person lernt
    man sie verstehen. Hans hat beobachtet, daß die großen Tiere soviel
    größere Wiwimacher haben als er; darum vermutet er das gleiche
    Verhältnis auch bei seinen Eltern und möchte sich davon überzeugen.
    Die Mama, meint er, hat gewiß einen Wiwimacher „wie ein Pferd“.
    Er hat dann den Trost bereit, daß der Wiwimacher mit ihm wachsen
    werde; es ist, als ob der Größenwunsch des Kindes sich aufs Genitale
    geworfen hätte.

    In der Sexualkonstitution des kleinen Hans ist also die Genital-
    zone von vorneherein die am intensivsten lustbetonte unter den erogenen
    Zonen. Neben ihr ist nur noch die exkrementelle, an die Orefizien der
    Harn- und Stuhlentleerung geknüpfte Lust bei ihm bezeugt. Wenn
    er in seiner letzten Glücksphantasie, mit der sein Kranksein überwunden
    ist, Kinder hat, die er aufs Kloset führt, sie Wiwi machen läßt und ihnen
    den Podl auswischt, kurz, „alles mit ihnen tut, was man mit Kindern
    tun kann“, so scheint es unabweisbar anzunehmen, daß diese selben
    Verrichtungen während seiner Kinderpflege eine Quelle der Lust-
    empfindung für ihn waren. Diese Lust von erogenen Zonen wurde für
    ihn mit Hilfe der ihn pflegenden Person, der Mutter, gewonnen, führt
    also bereits zur Objektwahl; es bleibt aber möglich, daß er in noch
    früheren Zeiten gewohnt war, sich dieselbe autoerotisch zu verschaffen,

    1)„Der Aggressionstrieb im Leben und in der Neurose“. Fortschritte
    der Medizin. 1908. Nr. 19.
    Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. I.

  • S.

    82

    daß er zu jenen Kindern gehört hat, die die Exkrete zurückzuhalten
    lieben, bis ihnen deren Entleerung einen Wollustreiz bereiten kann.
    Ich sage nur, es ist möglich, denn es ist in der Analyse nicht klargestellt
    worden; das „Krawallmachen mit den Beinen“ [Zappeln], vor dem
    er sich später so sehr fürchtet, deutet nach dieser Richtung. Eine auf
    fällige Betonung, wie bei anderen Kindern so häufig, haben diese Lust
    quellen bei ihm übrigens nicht. Er ist bald rein geworden, Bettnässen
    und tägliche Inkontinenz haben keine Rolle in seinen ersten Jahren
    gespielt; von der am Erwachsenen so häßlichen Neigung, mit den Ex-
    krementen zu spielen, die am Ausgange der psychischen Rückbildungs-
    prozesse wieder aufzutreten pflegt, ist an ihm nichts beobachtet
    worden.

    Heben wir gleich an dieser Stelle hervor, daß während seiner
    Phobie die Verdrängung dieser beiden bei ihm gut ausgebildeten Kom-
    ponenten der Sexualtätigkeit unverkennbar ist. Er schämt sich, vor
    anderen zu urinieren, klagt sich an, daß er den Finger zum Wiwimacher
    gebe, bemüht sich, auch die Onanie aufzugeben, und ekelt sich vor
    „Lumpf“, „Wiwi“ und allem, was daran erinnert. In der Phantasie
    von der Kinderpflege nimmt er diese letztere Verdrängung wieder zurück.

    Eine Sexualkonstitution wie die unseres kleinen Hans scheint
    die Disposition zur Entwicklung von Perversionen oder ihrem Negativ
    (beschränken wir uns hier auf die Hysterie) nicht zu enthalten.
    Soviel ich erfahren habe (es ist hier wirklich noch Zurückhaltung ge-
    boten), zeichnet sich die angeborene Konstitution der Hysteriker –
    bei den Perversen versteht es sich beinahe von selbst – durch das
    Zurücktreten der Genitalzonen gegen andere erogene Zonen aus.
    Eine einzige „Abirrung“ des Sexuallebens muß von dieser Regel
    ausdrücklich ausgenommen werden. Bei den später Homosexuellen,
    die nach meiner Erwartung und nach den Beobachtungen von
    J. Sadger alle in der Kindheit eine amphigene Phase durchmachen,
    trifft man auf die nämliche infantile Präponderanz der Genitalzone,
    speziell des Penis. Ja, diese Hochschätzung des männlichen Gliedes
    wird zum Schicksal für die Homosexuellen. Sie wählen das Weib zum
    Sexualobjekt in ihrer Kindheit, solange sie auch beim Weibe die Existenz
    dieses ihnen unentbehrlich dünken-den Körperteiles voraussetzen;
    mit der Überzeugung, daß das Weib sie in diesem Pnnkte getäuscht
    hat, wird das Weib für sie als Sexualobjekt unannehmbar. Sie können
    den Penis bei der Person, die sie zum Sexualverkehre reizen soll, nicht
    entbehren und fixieren ihre Libido im günstigen Falle auf „das Weib

  • S.

    83

    mit dem Penis“, den feminin erscheinenden Jüngling. Die Homo-
    sexuellen sind also Personen, welche durch die erogene Bedeutung
    des eigenen Genitales gehindert worden sind, bei ihrem Sexualobjekt
    auf diese Übereinstimmung mit der eigenen Person zu verzichten.
    Sie sind in der Entwicklung vom Autoerotismus zur Objektliebe an einer
    Stelle, dem Autoerotismus näher, fixiert geblieben.

    Es ist ganz und gar unzulässig, einen besonderen homosexuellen
    Trieb zu unterscheiden; es ist nicht eine Besonderheit des Trieblebens,
    sondern der Objektwahl, die den Homosexuellen ausmacht. Ich ver-
    weise darauf, was ich in der „Sexualtheorie“ ausgeführt habe, daß wir
    uns irrigerweise die Vereinigung von Trieb und Objekt im Sexual-
    leben als eine zu innige vorgestellt haben. Der Homosexuelle kommt
    mit seinen – vielleicht normalen – Trieben von einem, durch eine
    bestimmte Bedingung ausgezeichneten Objekt nicht mehr los; in seiner
    Kindheit kann er sich, weil diese Bedingung überall als selbstverständlich
    erfüllt gilt, benehmen wie unser kleiner Hans, der unterschiedslos zärtlich
    ist mit Buben wie mit Mädchen und gelegentlich seinen Freund Fritzl
    für „sein liebstes Mäderl“ erklärt. Hans ist homosexuell, wie es alle
    Kinder sein können, ganz im Einklange mit der nicht zu übersehenden
    Tatsache, daß er nur eine Art von Genitale kennt, ein Genitale
    wie das seinige.

    Die weitere Entwicklung unseres kleinen Erotikers geht aber nicht
    zur Homosexualität, sondern zu einer energischen, sich polygam ge-
    bärdenden Männlichkeit, die sie nach ihren wechselnden weiblichen
    Objekten anders zu benehmen weiß, hier dreist zugreift und dort sehn-
    süchtig und verschämt schmachtet. In einer Zeit der Armut an anderen
    Objekten zur Liebe geht diese Neigung auf die Mutter zurück, von der
    her sie sich zu anderen gewendet hatte, um bei der Mutter in der Neu-
    rose zu scheitern. Erst dann erfahren wir, zu welcher Intensität die Liebe
    zur Mutter sich entwickelt und welche Schicksale sie durchgemacht
    hatte. Das Sexualziel, das er bei seinen Gespielinnen verfolgte, bei
    ihnen zu schlafen, rührte bereits von der Mutter her; es ist in die
    Worte gefaßt, die es auch im reifen Leben beibehalten kann, wenngleich
    der Inhalt dieser Worte eine Bereicherung erfahren wird. Der Knabe
    hatte auf dem gewöhnlichen Wege, von der Kinderpflege aus, den Weg
    zur Objektliebe gefunden und ein neues Lustergebnis war für ihn be-
    stimmend geworden, das Schlafen neben der Mutter, aus dessen Zusam-
    mensetzung wir die Berührungslust der Haut, die uns allen konstitutionell
    eignet, herausheben würden, während es nach der nur artefiziell er-

  • S.

    84

    scheinenden Nomenklatur von Moll als Befriedigung des Kontrektations
    triebes zu bezeichnen wäre.

    In seinem Verhältnisse zu Vater und Mutter bestätigt Hans aufs
    grellste und greifbarste alles, was ich in der „Traumdeutung“ und
    in der „Sexualtheorie“ über die Sexualbeziehungen der Kinder zu den
    Eltern behauptet habe. Er ist wirklich ein kleiner Ödipus, der den
    Vater „weg“, beseitigt haben möchte, um mit der schönen Mutter allein
    zu sein, bei ihr zu schlafen. Dieser Wunsch entstand im Sommerauf-
    enthalte, als die Abwechslungen von Anwesenheit und Abwesenheit
    des Vaters ihn auf die Bedingung hinwiesen, an welche die ersehnte
    Intimität mit der Mutter gebunden war. Er begnügte sich damals mit
    der Fassung, der Vater solle „wegfahren“, an welche später die Angst,
    von einem weißen Pferde gebissen zu werden, unmittelbar anknüpfen
    konnte, dank einem akzidentellen Eindrucke beim Wegfahren eines
    andern Vaters. Er erhob sich später, wahrscheinlich erst in Wien,
    wo auf Verreisen des Vaters nicht mehr zu rechnen war, zum Inhalte,
    der Vater solle dauernd weg, solle „tot“ sein. Die aus diesem Todes-
    wunsche gegen den Vater entspringende, also normal zu motivierende
    Angst vor dem Vater bildete das größte Hindernis der Analyse, bis sie
    in der Aussprache in meiner Ordination beseitigt wurde1).

    Unser Hans ist aber wahrlich kein Bösewicht, nicht einmal ein
    Kind, bei welchem die grausamen und gewalttätigen Neigungen der
    menschlichen Natur um diese Zeit des Lebens noch ungehemmt ent-
    faltet sind. Er ist im Gegenteile von ungewöhnlich gutmütigem und
    zärtlichem Wesen; der Vater hat notiert, daß sich die Verwandlung
    der Aggressionsneigung in Mitleiden bei ihm sehr frühzeitig vollzogen
    hat. Lange vor der Phobie wurde er unruhig, wenn er im Ringelspiele
    die Pferde schlagen sah, und er blieb nie ungerührt, wenn jemand in
    seiner Gegenwart weinte. An einer Stelle der Analyse kommt in einem
    gewissen Zusammenhange ein unterdrücktes Stück Sadismus bei ihm
    zum Vorschein2); aber es war unterdrückt, und wir werden später aus
    dem Zusammenhange zu erraten haben, wofür es steht, und was es er-
    setzen soll. Hans liebt auch den Vater innig, gegen den er diese Todes-
    wünsche hegt.


    1)Die beiden Einfälle Hansens: Himbeersaft und Gewehr zum Totschießen
    werden gewiß nicht nur einseitig determiniert gewesen sein. Sie haben wahr-
    scheinlich mit dem Hasse gegen den Vater ebensoviel zu tun wie mit dem Ver-
    stopfungskomplex. Der Vater, der die letztere Zurückführung selbst errät, denkt
    bei „Himbeersaft“ auch an „Blut“.

    2)Die Pferde schlagen und necken wollen.

  • S.

    85

    wünsche hegt, und während seine Intelligenz den Widerspruch bean-
    ständet1), muß er dessen tatsächliches Vorhandensein demonstrieren,
    indem er den Vater schlägt und sofort darauf die geschlagene Stelle
    küßt. Auch wir wollen uns hüten, diesen Widerspruch anstößig zu
    finden; aus solchen Gegensatzpaaren ist das Gefühlsleben der Menschen
    überhaupt zusammengesetzt2); ja, es käme vielleicht nicht zur Verdrän-
    gung und zur Neurose, wenn es anders wäre. Diese Gefühlsgegensätze,
    die dem Erwachsenen gewöhnlich nur in der höchsten Liebesleiden-
    schaft gleichzeitig bewußt werden, sonst einander zu unterdrücken
    pflegen, bis es dem einen gelingt das andere verdeckt zu halten, finden
    im Seelenleben des Kindes eine ganze Weile über friedlich nebenein-
    ander Raum.

    Die größte Bedeutung für die psychosexuelle Entwicklung unseres
    Knaben hat die Geburt einer kleinen Schwester gehabt, als er 3½ Jahre
    alt war. Dieses Ereignis hat seine Beziehungen zu den Eltern verschärft,
    seinem Denken unlösbare Aufgaben gestellt, und das Zuschauen bei der
    Kinderpflege hat dann die Erinnerungsspuren seiner eigenen frühesten
    Lusterlebnisse wiederbelebt. Auch dieser Einfluß ist ein typischer; in
    einer unerwartet großen Anzahl von Lebens- und Krankengeschichten
    muß man dieses Aufflammen der sexuellen Lust und der sexuellen Wiß-
    begierde, das an die Geburt des nächsten Kindes anknüpft, zum Aus-
    gangspunkte nehmen. Hansens Benehmen gegen den Ankömmling
    ist das in der „Traumdeutung“3) geschilderte. Im Fieber wenige Tage
    nachher verrät er, wie wenig er mit diesem Zuwachs einverstanden ist.
    Hier ist die Feindseligkeit das zeitlich Vorangehende, die Zärtlichkeit
    mag nachfolgen4). Die Angst, daß noch ein neues Kind nachkommen
    könne, hat seither eine Stelle in seinem bewußten Denken. In der Neu-
    rose ist die bereits unterdrückte Feindseligkeit durch eine besondere
    Angst, die vor der Badewanne, vertreten; in der Analyse bringt er den
    Todeswunsch gegen die Schwester unverhohlen zum Ausdrucke, nicht
    bloß in Anspielungen, die der Vater vervollständigen muß. Seine Selb-
    stkritik läßt ihm diesen Wunsch nicht so arg erscheinen wie den analogen
    gegen den Vater; aber er hat offenbar beide Personen in gleicher Weise


    1)Vgl. die kritischen Fragen an den Vater p. 30.

    2)

    „Das macht, ich bin kein ausgeklügelt Buch.
    Ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch.“
    C. F. Meyer, Huttens letzte Tage.

    3)p. 177, 2. Aufl.

    4)Vgl. seine Vorsätze, wenn die Kleine erst sprechen kann. p. 54.

  • S.

    86

    im Unbewußten behandelt, weil sie beide ihm die Mammi wegnehmen,
    ihn im Alleinsein mit ihr stören.

    Dies Ereignis und die mit ihm verknüpften Erweckungen haben
    übrigens seinen Wünschen eine neue Richtung gegeben. In der sieg-
    haften Schlußphantasie zieht er dann die Summe aller seiner erotischen
    Wunschregungen, der aus der autoerotischen Phase stammenden und
    der mit der Objektliebe zusammenhängenden. Er ist mit der schönen
    Mutter verheiratet und hat ungezählte Kinder, die er nach seiner Weise
    pflegen kann.

    II.

    Hans erkrankt eines Tages an Angst auf der Straße. Er kann noch
    nicht sagen, wovor er sich fürchtet, aber zu Beginn seines Angstzustandes
    verrät er auch dem Vater das Motiv seines Krankseins, den Krankheits-
    gewinn. Er will bei der Mutter bleiben, mit ihr schmeicheln; die Erin-
    nerung, daß er auch von ihr getrennt war zur Zeit, als das Kind kam,
    mag, wie der Vater meint, zu dieser Sehnsucht beitragen. Bald erweist
    sich, daß diese Angst nicht mehr in Sehnsucht zurückzuübersetzen ist,
    er fürchtet sich auch, wenn die Mutter mit ihm geht. Unterdeß erhalten
    wir Anzeichen von dem, woran sich die zur Angst gewordene Libido
    fixiert hat. Er äußert die ganz spezialisierte Furcht, daß ihn ein weißes
    Pferd beißen wird.

    Wir benennen einen solchen Krankheitszustand eine „Phobie“
    und könnten den Fall unseres Kleinen der Agoraphobie zurechnen,
    wenn diese Affektion nicht dadurch ausgezeichnet wäre, daß die sonst
    unmögliche Leistung im Raume jedesmal durch die Begleitung einer
    gewissen dazu auserwählten Person, im äußersten Falle des Arztes,
    leicht möglich wird. Hansens Phobie hält diese Bedingung nicht ein,
    sieht bald vom Raume ab und nimmt immer deutlicher das Pferd zum
    Objekte; in den ersten Tagen äußert er auf der Höhe des Angstzustandes
    die Befürchtung: „Das Pferd wird ins Zimmer kommen“, die mir das
    Verständnis seiner Angst so sehr erleichtert hat.

    Die Stellung der „Phobien“ im Systeme der Neurosen ist bisher
    eine unbestimmte gewesen. Sicher scheint, daß man in den Phobien
    nur Syndrome erblicken darf, die verschiedenen Neurosen angehören
    können, ihnen nicht die Bedeutung besonderer Krankheitsprozesse ein-
    zuräumen braucht. Für die Phobien von der Art wie die unseres kleinen
    Patienten, die ja die häufigsten sind, scheint mir die Bezeichnung „Angst-
    hysterie“ nicht unzweckmäßig; ich habe sie Herrn Dr. W. Stekel

  • S.

    87

    vorgeschlagen, als er die Darstellung der nervösen Angstzustände unter
    nahm, und ich hoffe, daß sie sich einbürgern wird1). Sie rechtfertigt sich
    durch die vollkommene Übereinstimmung im psychischen Mechanismus
    dieser Phobien mit der Hysterie bis auf einen, aber entscheidenden und
    zur Sonderung geeigneten Punkt. Die aus dem pathogenen Material
    durch die Verdrängung entbundene Libido wird nämlich nicht kon-
    vertiert, aus dem Seelischen heraus zu einer körperlichen Innervation
    verwendet, sondern wird als Angst frei. In den vorkommenden Krank-
    heitsfällen kann sich diese „Angsthysterie“ mit der „Konversions-
    hysterie“ in beliebigem Ausmaße vermengen. Es gibt auch reine
    Konversionshysterie ohne jede Angst sowie bloße Angsthysterie, die sich
    in Angstempfindungen und Phobien äußert, ohne Konversionszusatz;
    ein Fall letzterer Art ist der unseres kleinen Hans.

    Die Angsthysterien sind die häufigsten aller psychoneurotischen
    Erkrankungen, vor allem aber die zuerst im Leben auftretenden, es sind
    geradezu die Neurosen der Kinderzeit. Wenn eine Mutter etwa von
    ihrem Kinde erzählt, es sei sehr „nervös“, so kann man in 9 unter 10
    Fällen darauf rechnen, daß das Kind irgend eine Art von Angst oder
    viele Ängstlichkeiten zugleich hat. Leider ist der feinere Mechanismus
    dieser so bedeutsamen Erkrankungen noch nicht genügend studiert;
    es ist noch nicht festgestellt, ob die Angsthysterie zum Unterschiede
    von der Konversionshysterie und von anderen Neurosen ihre Bedingung
    in konstitutionellen Momenten oder im akzidentellen Erleben hat, oder
    in welchen Vereinigung von beiden sie sie findet. Es scheint mir, daß es
    diejenige neurotische Erkrankung ist, welche die geringsten Ansprüche
    auf eine besondere Konstitution erhebt, und im Zusammenhange damit
    am leichtesten zu jeder Lebenszeit aquiriert werden kann.

    Ein wesentlicher Charakter der Angsthysterien läßt sich leicht
    hervorheben. Die Angsthysterie entwickelt sich immer mehr zur
    „Phobie“; am Ende kann der Kranke angstfrei geworden sein, aber
    nur auf Kosten von Hemmungen und Einschränkungen, denen er sich
    unterwerfen mußte. Es gibt bei der Angsthysterie eine von Anfang an
    fortgesetzte psychische Arbeit, um die frei gewordene Angst wieder
    psychisch zu binden, aber diese Arbeit kann weder die Rückverwandlung
    der Angst in Libido herbeiführen noch an dieselben Komplexe an-
    knüpfen, von denen die Libido herrührt. Es bleibt ihr nichts anderes übrig,
    als jeden der möglichen Anlässe zur Angstentwicklung durch einen psy-


    1)W. Stekel, Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung. 1908.

  • S.

    88

    chischen Vorbau von der Art einer Vorsicht, einer Hemmung, eines Ver
    botes zu sperren, und diese Schutzbauten sind es, die uns als Phobien
    erscheinen und für unsere Wahrnehmung das Wesen der Krankheit
    ausmachen.

    Man darf sagen, daß die Behandlung der Angsthysterie bisher eine
    rein negative gewesen ist. Die Erfahrung hat gezeigt, daß es unmöglich,
    ja, unter Umständen gefährlich ist, die Heilung der Phobie auf gewalt-
    tätige Art zu erreichen, indem man den Kranken in eine Situation bringt,
    in welcher er die Angstentbindung durchmachen muß, nachdem man
    ihm seine Deckung entzogen hat. So läßt man ihn notgedrungen Schutz
    suchen, wo er ihn zu finden glaubt, und bezeugt ihm eine wirkungslose
    Verachtung wegen seiner „unbegreiflichen Feigheit“.

    Für die Eltern unseres kleinen Patienten stand von Beginn der
    Erkrankung an fest, daß man ihn weder auslachen noch brutalisieren
    dürfe, sondern den Zugang zu seinen verdrängten Wünschen auf psycho-
    analytischem Wege suchen müsse. Der Erfolg belohnte die außerordent-
    liche Bemühung seines Vaters, dessen Mitteilungen uns Gelegenheit
    geben werden, in das Gefüge einer solchen Phobie einzudringen und den
    Weg der bei ihr vorgenommenen Analyse zu verfolgen.

    Es ist mir nicht unwahrscheinlich, daß die Analyse durch ihre
    Ausdehnung und Ausführlichkeit dem Leser einigermaßen undurch-
    sichtig geworden ist. Ich will darum zuerst ihren Verlauf verkürzt
    wiederholen mit Weglassung alles störenden Beiwerks und Hervor-
    hebung der Ergebnisse, die sich schrittweise erkennen lassen.

    Wir erfahren zunächst, daß der Ausbruch des Angstzustandes
    kein so plötzlicher war, wie es auf den ersten Blick erschien. Einige Tage
    vorher war das Kind aus einem Angsttraume erwacht, dessen Inhalt
    war, die Mama sei weg und er habe jetzt keine Mama zum Schmeicheln.
    Schon dieser Traum weist auf einen Verdrängungsvorgang von bedenk-
    licher Intensität. Seine Aufklärung kann nicht lauten, wie bei vielen
    Angstträumen sonst, daß das Kind aus irgend welchen somatischen
    Quellen im Traume Angst verspürt und diese Angst nun zur Erfüllung
    eines sonst intensiv verdrängten Wunsches aus dem Unbewußten
    benützt hat [Vgl. Traumdeutung p. 358], sondern es ist ein echter Straf-
    und Verdrängungstraum, bei dem auch die Funktion des Traumes
    fehlschlägt, da das Kind mit Angst aus dem Schlaf erwacht. Der
    eigentliche Vorgang im Unbewußten läßt sich leicht rekonstruieren.

  • S.

    89

    Das Kind hat von Zärtlichkeiten mit der Mutter geträumt, bei ihr ge-
    schlafen, alle Lust ist in Angst und aller Vorstellungsinhalt in sein Gegen-
    teil verwandelt worden. Die Verdrängung hat den Sieg über den Traum-
    mechanismus davongetragen.

    Aber die Anfänge dieser psychologischen Situation gehen noch
    weiter zurück. Schon im Sommer gab es ähnliche sehnsüchtig-ängstliche
    Stimmungen, in denen er ähnliches äußerte, und die ihm damals den
    Vorteil brachten, daß ihn die Mutter zu sich mit ins Bett nahm. Seit
    dieser Zeit etwa dürften wir den Bestand einer gesteigerten sexuellen
    Erregung bei Hans annehmen, deren Objekt die Mutter ist, deren Inten-
    sität sich in zwei Verführungsversuchen an der Mutter äußert – der
    letzte ganz kurz vor dem Ausbruche der Angst – und die sich nebenbei
    in allabendlicher masturbatorischer Befriedigung entlädt. Ob dann
    der Umschlag dieser Erregung sich spontan vollzieht oder infolge der
    Abweisung der Mutter oder durch die zufällige Erweckung früherer
    Eindrücke bei der später zu erfahrenden „Veranlassung“ der Er-
    krankung, das ist nicht zu entscheiden, ist wohl auch gleichgültig, da
    die drei verschiedenen Fälle nicht als Gegensätze aufgefaßt werden
    können. Die Tatsache ist die des Umschlages der sexuellen Erregung
    in die Angst.

    Von dem Benehmen des Kindes in der ersten Zeit der Angst
    haben wir schon gehört, auch daß der erste Inhalt, den es seiner Angst
    gibt, lautet: „Ein Pferd wird ihn beißen.“ Hier findet nun die erste Ein-
    mengung der Therapie statt. Die Eltern weisen drauf hin, daß die Angst
    die Folge der Masturbation sei, und leiten ihn zur Entwöhnung von
    derselben an. Ich sorge dafür, daß die Zärtlichkeit für die Mutter, die
    er gegen die Angst vor den Pferden vertauschen möchte, kräftig vor
    ihm betont werde. Eine geringfügige Besserung nach dieser ersten
    Einflußnahme geht bald in einer Zeit körperlichen Krankseins unter.
    Der Zustand ist unverändert. Bald darauf findet Hans die Ableitung
    der Furcht, daß ihn ein Pferd beißen wird, von der Reminiszenz eines
    Eindruckes in Gmunden. Ein fortreisender Vater warnte damals sein
    Kind: „Gib den Finger nicht zum Pferde, sonst wird es dich beißen.“ Der
    Wortlaut, in den er die Warnung des Vaters kleidet, erinnert an die
    Wortfassung der Onanieverwarnung [den Finger hingeben]. Die Eltern
    scheinen so zuerst recht zu behalten, daß Hans sich vor seiner ona-
    nistischen Befriedigung schreckt. Der Zusammenhang ist aber noch ein
    loser, und das Pferd scheint zu seiner Schreckensrolle recht zufällig
    geraten zu sein.

  • S.

    90

    Ich hatte die Vermutung geäußert, daß sein verdrängter Wunsch
    jetzt lauten könnte, er wolle durchaus den Wiwimacher der Mutter
    sehen. Da sein Benehmen gegen ein neu eingetretenes Hausmädchen
    dazu stimmt, wird ihm vom Vater die erste Aufklärung erteilt: Frauen
    haben keinen Wiwimacher. Er reagiert auf diese erste Hilfeleistung
    mit der Mitteilung einer Phantasie, er habe die Mama gesehen, wie
    sie ihren Wiwimacher berührt habe. Diese Phantasie und eine im Ge-
    spräche geäußerte Bemerkung, sein Wiwimacher sei doch angewachsen,
    gestatten den ersten Einblick in die unbewußten Gedankengänge des
    Patienten. Er stand wirklich unter dem nachträglichen Eindrucke
    der Kastrationsdrohung der Mutter, die 11/4 Jahre früher vorgefallen
    war, denn die Phantasie, daß die Mutter das gleiche tue, die gewöhnliche
    „Retourkutsche“ beschuldigter Kinder, soll ja seiner Entlastung dienen;
    sie ist eine Schutz- und Abwehrphantasie. Indes müssen wir uns sagen,
    daß es die Eltern waren, welche aus dem in Hans wirksamen pathogenen
    Material das Thema der Beschäftigung mit dem Wiwimacher hervor-
    geholt haben. Er ist ihnen darin gefolgt, hat aber noch nicht selbsttätig
    in die Analyse eingegriffen. Ein therapeutischer Erfolg ist nicht zu
    beobachten. Die Analyse ist weit weg von den Pferden, und die Mit-
    teilung, daß Frauen keinen Wiwimacher haben, ist durch ihren Inhalt
    eher geeignet, seine Besorgnis um die Erhaltung des eigenen Wiwi-
    machers zu steigern.

    Es ist aber nicht der therapeutische Erfolg, den wir an erster
    Stelle anstreben, sondern wir wollen den Patienten in den Stand setzen,
    seine unbewußten Wunschregungen bewußt zu erfassen. Dies erreichen
    wir, indem wir auf Grund der Andeutungen, die er uns macht, mit
    Hilfe unserer Deutekunst den unbewußten Komplex mit unseren
    Worten vor sein Bewußtsein bringen. Das Stück Ähnlichkeit zwischen
    dem, was er gehört hat, und dem, was er sucht, das sich selbst, trotz
    aller Widerstände, zum Bewußtsein durchdrängen will, setzt ihn in den
    Stand, das Unbewußte zu finden. Der Arzt ist ihm im Verständnisse um
    ein Stück voraus; er kommt auf seinen eigenen Wegen nach, bis sie sich
    am bezeichneten Ziele treffen. Anfänger in der Psychoanalyse pflegen
    diese beiden Momente zu verschmelzen und den Zeitpunkt, in dem ihnen
    ein unbewußter Komplex des Kranken kenntlich geworden ist, auch
    für den zu halten, in dem der Kranke ihn erfaßt. Sie erwarten zu viel,
    wenn sie mit der Mitteilung dieser Erkenntnis den Kranken heilen
    wollen, während er das Mitgeteilte nur dazu verwenden kann, mit dessen
    Hilfe den unbewußten Komplex in seinem Unbewußten, dort wo er

  • S.

    91

    verankert ist, aufzufinden. Einen ersten Erfolg dieser Art erzielen
    wir nun bei Hans. Er ist jetzt nach der partiellen Bewältigung des
    Kastrationskomplexes imstande, seine Wünsche auf die Mutter mit-
    zuteilen, und er tut dies in noch entstellter Form durch die Phantasie
    von den beiden Giraffen, von denen die eine erfolglos schreitet, weil
    er von der andern Besitz ergreift. Die Besitzergreifung stellt er unter
    dem Bilde des Sichdaraufsetzens dar. Der Vater erkennt in dieser
    Phantasie eine Reproduktion einer Szene, die sich morgens im Schlaf-
    zimmer zwischen den Eltern und dem Kinde abgespielt hat, und ver-
    säumt nicht, dem Wunsche die ihm noch anhaftende Entstellung ab-
    zustreifen. Er und die Mutter sind die beiden Giraffen. Die Einkleidung
    in die Giraffenphantasie ist hinreichend determiniert durch den Besuch
    bei diesen großen Tieren in Schönbrunn wenige Tage vorher, durch die
    Giraffenzeichnung, die der Vater aus früheren Zeiten aufbewahrt hat,
    vielleicht auch durch eine unbewußte Vergleichung, die an den langen
    und steifen Hals der Giraffe anknüpft.1) Wir merken, daß die Giraffe
    als großes und durch seinen Wiwimacher interessantes Tier ein Kon-
    kurrent der Pferde in ihrer Angstrolle hätte werden können, und auch
    daß Vater und Mutter, beide als Giraffen vorgeführt werden, gibt
    einen vorläufig noch nicht verwerteten Wink für die Deutung der
    Angstpferde.

    Zwei kleinere Phantasien, die Hans unmittelbar nach der Giraffen-
    dichtung bringt, daß er in Schönbrunn sich in einen verbotenen Raum
    drängt, daß er in der Stadtbahn ein Fenster zerschlägt, wobei beide
    Male das Strafbare der Handlung betont ist und der Vater als Mit-
    schuldiger erscheint, entziehen sich leider der Deutung des Vaters.
    Ihre Mitteilung bringt darum auch Hans keinen Nutzen. Aber was
    so unverstanden geblieben ist, das kommt wieder; es ruht nicht, wie
    ein unerlöster Geist, bis es zur Lösung und Erlösung gekommen ist.

    Das Verständnis der beiden verbrecherischen Phantasien bietet
    uns keine Schwierigkeiten. Sie gehören zum Komplexe des Besitz-
    ergreifens von der Mutter. In dem Kinde ringt es wie eine Ahnung
    von etwas, was er mit der Mutter machen könnte, womit die Besitz-
    ergreifung vollzogen wäre, und er findet für das Unfaßbare gewisse
    bildliche Vertretungen, denen das Gewalttätige, Verbotene gemeinsam
    ist, deren Inhalt uns so merkwürdig gut zur verborgenen Wirklichkeit
    zu stimmen scheint. Wir können nur sagen, es sind symbolische Koitus-

    1)Dazu stimmt die spätere Bewunderung Hansens für den Hals seines
    Vaters.

  • S.

    92

    phantasien, und es ist keineswegs nebensächlich, daß der Vater dabei
    mittut: „Ich möchte mit der Mama etwas tun, etwas Verbotenes, ich
    weiß nicht was, aber ich weiß, du tust es auch.“

    Die Giraffenphantasie hatte bei mir eine Überzeugung verstärkt,
    die sich bereits bei der Äußerung des kleinen Hans: „Das Pferd wird
    ins Zimmer kommen“ geregt hatte, und ich fand den Moment geeignet,
    ihm ein als wesentlich zu postulierendes Stück seiner unbewußten
    Regungen mitzuteilen: seine Angst vor dem Vater wegen seiner eifer-
    süchtigen und feindseligen Wünsche gegen ihn. Damit hatte ich ihm
    teilweise die Angst vor den Pferden gedeutet, der Vater mußte das
    Pferd sein, vor dem er sich mit guter innerer Begründung fürchtete.
    Gewisse Einzelheiten, das Schwarze am Munde und das vor den Augen
    [Schnurrbart und Augengläser als Vorrechte des erwachsenen Mannes],
    vor denen Hans Angst äußerte, schienen mir direkt vom Vater auf die
    Pferde versetzt zu sein.

    Mit dieser Aufklärung hatte ich den wirksamsten Widerstand
    gegen die Bewumachung der unbewußten Gedanken bei Hans be-
    seitigt, da ja der Vater selbst die Rolle des Arztes bei ihm spielte. Die
    Höhe des Zustandes war von da an überschritten, das Material floß
    reichlich, der kleine Patient zeigte Mut, die Einzelheiten seiner Phobie
    mitzuteilen und griff bald selbständig in den Ablauf der Analyse ein1).

    Man erfährt erst jetzt, vor welchen Objekten und Eindrücken
    Hans Angst hat. Nicht allein vor Pferden und daß Pferde ihn beißen,
    davon wird er bald stille, sondern auch vor Wagen, Möbelwagen und
    Stellwagen, als deren Gemeinsames sich alsbald die schwere Belastung
    herausstellt, vor Pferden, die sich in Bewegung setzen, Pferden, die
    groß und schwer aussehen, Pferden, die schnell fahren. Den Sinn dieser
    Bestimmungen gibt Hans dann selbst an; er hat Angst, daß die Pferde
    umfallen, und macht so alles zum Inhalte seiner Phobie, was dies
    Umfallen der Pferde zu erleichtern scheint.

    Es ist gar nicht selten, daß man den eigentlichen Inhalt einer
    Phobie, den richtigen Wortlaut eines Zwangs-impulses u. dgl. erst nach
    einem Stücke psychoanalytischer Bemühung zu hören bekommt. Die

    1)Die Angst vor dem Vater spielt noch in den Analysen, die man als Arzt
    mit Fremden vornimmt, eine der bedeutendsten Rollen als Widerstand gegen
    die Reproduktion des unbewußten pathogenen Materials. Die Widerstände
    sind zum Teil von der Natur der „Motive“, zum andern Teil ist wie in diesem
    Beispiele ein Stück des unbewußten Materials inhaltlich befähigt, als Hem-
    mung gegen die Reproduktion eines andern Stückes zu dienen.

  • S.

    93

    Verdrängung hat nicht nur die unbewußten Komplexe getroffen, sie
    richtet sich auch noch fortwährend gegen deren Abkömmlinge und
    hindert den Kranken an der Wahrnehmung seiner Krankheitsprodukte
    selbst. Man ist da in der seltsamen Lage, als Arzt der Krankheit zu Hilfe
    zu kommen, um Aufmerksamkeit für sie zu werben, aber nur wer das
    Wesen der Psychoanalyse völlig verkennt, wird diese Phase der Bemühung
    hervorheben und darob eine Schädigung durch die Analyse erwarten.
    Die Wahrheit ist, daß die Nürnberger keinen henken, den sie nicht
    zuvor in die Hand bekommen haben, und daß es einiger Arbeit bedarf,
    um der krankhaften Bildungen, die man zerstören will, habhaft zu
    werden.

    Ich erwähnte schon in den die Krankengeschichte begleitenden
    Glossen, daß es sehr instruktiv ist, sich so in das Detail einer Phobie
    zu vertiefen und sich den sicheren Eindruck einer sekundär hergestellten
    Beziehung zwischen der Angst und ihren Objekten zu holen. Daher das
    eigentümlich diffuse und dann wiederum so streng bedingte Wesen
    einer Phobie. Das Material zu diesen Speziallösungen hat sich unser
    kleiner Patient offenbar aus den Eindrücken geholt, die er infolge
    der Lage der Wohnung gegenüber dem Hauptzollamte tagsüber vor
    Augen haben kann. Er verrät auch in diesem Zusammenhange eine jetzt
    durch die Angst gehemmte Regung, mit den Ladungen der Wagen,
    dem Gepäcke, den Fässern und Kisten wie die Buben der Gasse zu
    spielen.

    In diesem Stadium der Analyse findet er das an sich nicht bedeut-
    same Erlebnis wieder, welches dem Ausbruche der Krankheit un-
    mittelbar vorausgegangen ist, und das wohl als die Veranlassung für
    diesen Ausbruch angesehen werden darf. Er ging mit der Mama spazieren
    und sah ein Stellwagenpferd umfallen und mit den Füßen zappeln.
    Dies machte ihm einen großen Eindruck. Er erschrak heftig,
    meinte, das Pferd sei tot; von jetzt ab würden alle Pferde umfallen.
    Der Vater weist ihn darauf hin, daß er bei dem fallenden Pferde an
    ihn, den Vater, gedacht und gewünscht haben muß, er solle so fallen
    und tot sein. Hans sträubt sich nicht gegen diese Deutung; eine Weile
    später akzeptiert er durch ein Spiel, das er aufführt, indem er den Vater
    beißt, die Identifizierung des Vaters mit dem gefürchteten Pferde und
    benimmt sich von da ab frei und furchtlos, ja, selbst ein wenig über-
    mütig gegen seinen Vater. Die Angst vor Pferden hält aber noch an,
    und infolge welcher Verkettung das fallende Pferd seine unbewußten
    Wünsche aufgeführt hat, ist uns noch nicht klar.

  • S.

    91

    Fassen wir zusammen, was sich bisher ergeben hat: Hinter der
    erst geäußerten Angst, das Pferd werde ihn beißen, ist die tiefer liegende
    Angst, die Pferde werden umfallen, aufgedeckt worden, und beide, das
    beißende wie das fallende Pferd sind der Vater, der ihn strafen wird,
    weil er so böse Wünsche gegen ihn hegt. Von der Mutter sind wir unter-
    des in der Analyse abgekommen.

    Ganz unerwartet und gewiß ohne Dazutun des Vaters beginnt
    nun Hans seid mit dem „Lumpfkomplex“ zu beschäftigen und Ekel
    vor Dingen zu zeigen, die ihn an die Stuhlentleerung erinnern. Der
    Vater, der hier nur ungern mitgeht, setzt mittendrin die Fort-
    setzung der Analyse durch, wie er sie leiten möchte, und bringt Hans
    zur Erinnerung eines Erlebnisses in Gmunden, dessen Eindruck sich
    hinter dem des fallenden Stellwagenpferdes verbirgt. Fritzl, sein geliebter
    Spielgenosse, vielleicht auch sein Konkurrent bei den vielen Gespielinnen,
    hatte im Pferdespiele mit dem Fuße an einen Stein angestoßen, war um-
    gefallen und der Fuß hatte geblutet. An diesen Unfall hatte das Er-
    lebnis mit dem fallenden Stellwagenpferde erinnert. Es ist bemerkens-
    wert, daß Hans, der zurzeit mit anderen Dingen beschäftigt ist, das
    Umfallen Fritzls, das den Zusammenhang herstellt, zuerst leugnet,
    erst in einem späteren Stadium der Analyse zugesteht. Für uns mag
    es aber interessant sein hervorzuheben, wie sich die Verwandlung von
    Libido in Angst auf das Hauptobjekt der Phobie, das Pferd, projiziert.
    Pferde waren ihm die interessantesten großen Tiere, Pferdespiel das
    liebste Spiel mit seinen kindlichen Genossen. Die Vermutung, daß der
    Vater ihm zuerst als Pferd gedient hat, wird durch Erkundigung beim
    Vater bestätigt, und so konnte sich bei dem Unfalle in Gmunden der
    Person des Vaters die Fritzls substituieren. Nach eingetretenem Ver-
    drängungsumschwunge mußte er sich nun vor den Pferden fürchten,
    an die er vorher soviel Lust geknüpft hatte.

    Aber wir sagten schon, daß wir diese letzte bedeutsame Auf-
    klärung über die Wirksamkeit des Krankheitsanlasses dem Eingreifen
    des Vaters verdanken. Hans ist bei seinen Lumpfinteressen und wir
    müssen ihm endlich dorthin folgen. Wir erfahren, daß er sich früher
    der Mutter als Begleiter aufs Kloset aufzudrängen pflegte, und daß
    er dies bei der damaligen Stellvertreterin, der Mutter, seiner Freundin
    Berta wiederholte, bis es bekannt und verboten wurde. Die Lust, bei
    den Verrichtungen einer geliebten Person zuzuschauen, entspricht
    auch einer „Triebverschränkung“ von der wir bei Hans bereits ein
    Beispiel bemerkt hatten. Endlich geht auch der Vater auf die Lumpf-

  • S.

    95

    symbolik ein und anerkennt eine Analogie zwischen einem schwer be
    ladenen Wagen und einem mit Stuhlmassen belasteten Leibe, der Art,
    wie der Wagen aus dem Tore herausfährt, und wie man den Stuhl aus
    dem Leibe entläßt u. dgl.

    Die Stellung Hansens in der Analyse hat sich aber gegen frühere
    Stadien wesentlich geändert. Konnte ihm der Vater früher voraussagen,
    was kommen würde, bis Hans, der Andeutung folgend, nachgetragen
    war, so eilt er jetzt mit sicherem Schritte voraus und der Vater hat
    Mühe ihm zu folgen. Hans bringt wie unvermittelt eine neue Phantasie:
    Der Schlosser oder Installateur hat die Badewanne losgeschraubt,
    in welcher Hans sich befindet, und ihm dann mit seinem großen Bohrer
    in den Bauch gestoßen. Von jetzt an hinkt unser Verständnis dem
    Materiale nach. Wir können erst später erraten, daß dies die angst
    entstellte Umarbeitung einer Zeugungsphantasie ist. Die große
    Badewanne, in der Hans im Wasser sitzt, ist der Mutterleib; der „Bohrer“,
    der schon dem Vater als ein großer Penis kenntlich wird, dankt seine
    Erwähnung dem Geborenwerden. Es klingt natürlich sehr merkwürdig,
    wenn wir der Phantasie die Deutung geben müssen: Mit deinem großen
    Penis hast du mich „gebohrt“ [zur Geburt gebracht] und mich in den
    Mutterleib hineingesetzt. Aber vorläufig entgeht die Phantasie der
    Deutung und dient Hans nur als Anknüpfung zur Fortführung seiner
    Mitteilungen.

    Vor dem Baden in der großen Wanne zeigt Hans eine Angst,
    die wiederum zusammengesetzt ist. Ein Anteil derselben entgeht uns
    noch, der andere wird durch eine Beziehung zum Baden der kleinen
    Schwester alsbald aufgeklärt. Hans gibt den Wunsch zu, daß die Mutter
    die Kleine beim Baden fallen lassen möge, so daß sie sterbe; seine eigene
    Angst beim Baden war die vor der Vergeltung für diesen bösen Wunsch,
    vor der Strafe, daß es ihm so ergehen werde. Er verläßt nun das Thema
    des Lumpfes und übergeht unmittelbar darauf auf das der kleinen
    Schwester. Aber wir können ahnen, was diese Aneinanderreihung be
    deutet. Nichts anderes, als daß die kleine Hanna selbst ein Lumpf ist,
    daß alle Kinder Lumpfe sind und wie Lumpfe geboren werden. Wir
    verstehen nun, daß alle Möbel-
    Stellwagen und Lastwagen nur Storchen-
    kistenwagen sind, auch nur als symbolische Vertretungen der Gravidität
    Interesse für ihn hatten, und daß er im Umfallen der schweren oder
    schwer belasteten Pferde nichts anderes gesehen haben kann als eine –
    Entbindung, ein Niederkommen. Das fallende Pferd war also nicht
    nur der sterbende Vater, sondern auch die Mutter in der Niederkunft.

  • S.

    96

    Und nun bringt Hans die Überraschung, auf welche wir in der Tat
    nicht vorbereitet waren. Er hat die Gravidität der Mutter, die ja mit
    der Geburt der Kleinen endigte, als er 31/2 Jahre war, bemerkt und sich
    den richtigen Sachverhalt, wenigstens nach der Entbindung, kon-
    struiert, wohl ohne ihn zu äußern, vielleicht ohne ihn äußern zu können;
    es war damals nur zu beobachten, daß er unmittelbar nach der Ent-
    bindung sich so sehr skeptisch gegen alle Zeichen, die auf die Anwesen-
    heit des Storches deuten sollten, benahm. Aber daß er im Unbe-
    wußten und ganz im Gegensatze zu seinen offiziellen Reden
    gewußt, woher das Kind kam und wo es früher verweilt
    hatte, das wird durch diese Analyse gegen jeden Zweifel sicher dar-
    getan; es ist vielleicht das unerschütterlichste Stück derselben.

    Den zwingenden Beweis dafür erbringt die hartnäckig festgehaltene,
    mit soviel Einzelheiten ausgeschmückte Phantasie, daß Hanna schon
    im Sommer vor ihrer Geburt mit ihnen in Gmunden war, wie sie hin-
    gereist ist und damals soviel mehr leisten konnte als ein Jahr später,
    nach ihrer Geburt. Die Frechheit, mit der Hans diese Phantasie vorträgt,
    die ungezählten tollen Lügen, die er in sie einflicht, sind beileibe nicht
    sinnlos; das alles soll seiner Rache am Vater dienen, dem er wegen der
    Irreführung durch das Storchmärchen grollt. Es ist ganz so, als ob er
    sagen wollte: hast du mich für so dumm gehalten und mir zugemutet
    zu glauben, daß der Storch die Hanna gebracht hat, so kann ich dafür
    von dir verlangen, daß du meine Erfindungen für Wahrheit nimmst.
    In durchsichtigem Zusammenhange mit diesem Racheakte des kleinen
    Forschers an seinem Vater reiht sich nun die Phantasie vom Necken
    und Schlagen der Pferde an. Sie ist wiederum doppelt gefügt, lehnt sich
    einerseits an die Neckerei an, der er eben den Vater unterzogen hat, und
    bringt anderseits jene dunkeln sadistischen Gelüste gegen die Mutter
    wieder, die sich, zuerst von uns noch unverstanden, in den Phantasien
    vom verbotenen Tun geäußert hatten. Bewußt gesteht er auch die Lust,
    die Mammi zu schlagen, ein.

    Nun haben wir nicht mehr viele Rätsel zu erwarten. Eine dunkle
    Phantasie vom Zugversäumen scheint eine Vorläuferin der späteren
    Unterbringung des Vaters bei der Großmutter in Lainz zu sein, da sie
    eine Reise nach Lainz behandelt und die Großmutter in ihr vorkommt.
    Eine andere Phantasie, in der ein Bub dem Kondukteur 50.000 fl. gibt,
    damit er ihn mit dem Wagen fahren läßt, klingt fast wie ein Plan, dem
    Vater, dessen Stärke ja zum Teil in seinem Reichtume liegt, die Mutter
    abzukaufen. Dann gesteht er den Wunsch, den Vater zu beseitigen, und

  • S.

    97

    die Begründung desselben, weil er seine Intimität mit der Mutter störe,
    mit einer Offenheit ein, zu welcher er es bisher noch nicht gebracht
    hatte. Wir dürfen uns nicht verwundern, wenn dieselben Wunsch-
    regungen im Laufe der Analyse wiederholt auftreten; die Monotonie
    entsteht nämlich erst durch die angeknüpften Deutungen; für Hans sind
    es nicht bloße Wiederholungen, sondern fortschreitende Entwicklungen
    von der schüchternen Andeutung bis zur vollbewußten, von jeder Ent-
    stellung freien Klarheit.

    Was nun noch folgt, sind solche von Hans ausgehende Bestäti-
    gungen der für unsere Deutung bereits gesicherten analytischen Er-
    gebnisse. Er zeigt in einer unzweideutigen Symptomhandlung, die er
    nur vor dem Hausmädchen, nicht vor dem Vater leicht verkleidet,
    wie er sich eine Geburt vorstellt; aber wenn wir genauer zusehen, zeigt
    er noch mehr, deutet auch auf etwas hin, was in der Analyse nicht mehr
    zur Sprache kommt. Durch die runde Lücke im Gummileibe einer Puppe
    steckt er ein kleines Messerchen hinein, das der Mama gehört, und
    läßt es wieder herausfallen, indem er ihr die Beine auseinanderreißt.
    Die darauffolgende Aufklärung durch die Eltern, daß Kinder tat-
    sächlich im Leibe der Mutter wachsen und wie ein Lumpf heraus-
    befördert werden, kommt zu spät; sie kann ihm nichts mehr Neues
    sagen. Durch eine andere, wie zufällig erfolgende Symptomhandlung
    gibt er zu, daß er den Vater tot gewünscht hat, indem er ein Pferd, mit
    dem er spielt, umfallen läßt, d. h. umwirft, in dem Momente, da der
    Vater von diesem Todeswunsche spricht. Mit Worten bekräftigt er, daß
    die schwer beladenen Wagen ihm die Gravidität der Mutter vorstellten,
    und daß das Umfallen des Pferdes so war, wie wenn man ein Kind
    bekommt. Die köstlichste Bestätigung in diesem Zusammenhange,
    der Beweis, daß Kinder „Lumpfe“ sind, durch die Erfindung des
    Namens „Lodi“ für sein Lieblingskind kommt nur verspätet zu unserer
    Kenntnis, denn wir hören, daß er mit diesem Wurstkinde schon die
    längste Zeit gespielt hat1).

    Die beiden abschließenden Phantasien Hansens, mit denen seine
    Herstellung vollkommen wird, haben wir bereits gewürdigt. Die eine,
    vom Installateur, der ihm einen neuen und, wie der Vater errät, größeren

    1)Ein zunächst befremdender Einfall des genialen Zeichners T. T. Heine,
    der auf einem Blatte im Simplizissimus darstellt, wie das Kind des Selchermeisters
    in die Wurstmaschine gerät und dann als Würstchen von den Eltern betrauert,
    eingesegnet wird und gen Himmel fliegt, findet durch die Lodiepisode unserer
    Analyse seine Zurückführung auf eine infantile Wurzel.

  • S.

    98

    Wiwimacher ansetzt, ist doch nicht bloß die Wiederholung der früheren,
    die sich mit dem Installateur und der Badewanne beschäftigte. Sie ist
    eine siegreiche Wunschphantasie und enthält die Überwindung der
    Kastrationsangst. Die zweite Phantasie, die den Wunsch eingesteht,
    mit der Mutter verheiratet zu sein und viele Kinder mit ihr zu haben,
    erschöpft nicht bloß den Inhalt jener unbewuß-
    ten Komplexe, die sich
    beim Anblicke des fallenden Pferdes gerührt und Angst entwickelt
    hatten, – sie korrigiert auch, was an jenen Gedanken schlechterdings
    unannehmbar war, indem sie, anstatt den Vater zu töten, ihn durch
    Erhöhung zur Ehe mit der Großmutter unschädlich macht. Mit dieser
    Phantasie schließen Krankheit und Analyse berechtigterweise ab.


    Während der Analyse eines Krankheitsfalles kann man einen
    anschaulichen Eindruck von der Struktur und Entwicklung der Neurose
    nicht gewinnen. Es ist das die Sache einer synthetischen Arbeit, der
    man sich nachher unterziehen muß. Wenn wir diese Synthese bei der
    Phobie unseres kleinen Hans unternehmen, so knüpfen wir an die
    Schilderung seiner Konstitution, seiner leitenden sexuellen Wünsche
    und seiner Erlebnisse bis zur Geburt der Schwester an, die wir auf früheren
    Seiten dieser Abhandlung gegeben haben.

    Die Ankunft dieser Schwester brachte ihm mehrerlei, was ihn
    von nun an nicht zur Ruhe kommen ließ. Zunächst ein Stück Ent-
    behrung, zu Anfang eine zeitweilige Trennung von der Mutter und dann
    später eine dauernde Verminderung ihrer Fürsorge und Aufmerksamkeit,
    die er mit der Schwester zu teilen sich gewöhnen mußte. Zuzweit eine
    Wiederbelebung seiner Lusterlebnisse aus der Kinderpflege, hervor-
    gerufen durch all das, was er die Mutter mit der kleinen Schwester
    vornehmen sah. Aus beiden Einflüssen ergab sich eine Steigerung
    seiner erotischen Bedürftigkeit, der es an Befriedigung zu mangeln
    begann. Für den Verlust, den ihm die Schwester gebracht hatte, ent-
    schädigte er sich durch die Phantasie, daß er selbst Kinder habe, und
    solange er in Gmunden mit diesen Kindern wirklich spielen konnte,
    fand seine Zärtlichkeit genügende Ableitung. Aber nach Wien zurück-
    gekehrt, war er wieder einsam, heftete alle seine Ansprüche an die
    Mutter und litt weitere Entbehrung, als er mit 4 Jahren aus dem Schlaf-
    zimmer der Eltern verbannt wurde. Seine gesteigerte erotische Erregbar-
    keit äußerte sich nun in Phantasien, welche die Sommerspielen in

  • S.

    99

    seine Einsamkeit beschworen, und in regelmäßigen autoerotischen Be-
    friedigungen durch masturbatorische Reizung des Genitales.

    Drittens brachte ihm aber die Geburt der Schwester die An-
    regung zu einer Denkarbeit, die einerseits nicht zur Lösung zu bringen
    war, anderseits ihn in Gefühlskonflikte verstrickte. Das große Rätsel
    stellte sich für ihn ein, woher die Kinder kommen, das erste Problem
    vielleicht, dessen Lösung die Geisteskräfte des Kindes in Anspruch
    nimmt, von dem das Rätsel der thebanischen Sphinx wahrscheinlich
    nur eine Entstellung wiedergibt. Die ihm gebotene Aufklärung, der
    Storch habe die Hanna gebracht, wies er ab. Er hatte doch bemerkt,
    daß die Mutter Monate vor der Geburt der Kleinen einen großen Leib
    bekommen hatte, daß sie dann zu Bett gelegen, bei der Geburt gestöhnt
    hatte und dann schlank aufgestanden war. Er schloß also, die Hanna
    ist im Leibe der Mutter gewesen und dann herausgekommen wie ein
    „Lumpf“. Dieses Gebären konnte er sich lustvoll vorstellen, unter An-
    knüpfung an eigene früheste Lustempfindungen beim Stuhlgange,
    konnte sich also mit doppelter Motivierung wünschen, selbst Kinder
    zu haben, um sie mit Lust zu gebären und dann (mit Vergeltungslust
    gleichsam) zu pflegen. In all dem lag nichts, was ihn zu Zweifel oder zu
    Konflikt geführt hätte.

    Aber es war noch etwas anderes da, was ihn stören mußte. Der
    Vater mußte etwas mit der Geburt der kleinen Hanna zu tun haben,
    denn er behauptete, Hanna und er selbst, Hans, seien seine Kinder.
    Er hatte sie aber gewiß nicht in die Welt gesetzt, sondern die Mama.
    Dieser Vater war ihm bei der Mutter im Wege. Wenn er da war, konnte
    er nicht bei der Mutter schlafen, und wenn die Mutter Hans ins Bett
    nehmen wollte, schrie der Vater. Hans hatte erfahren, wie gut er’s bei
    Abwesenheit des Vaters haben könnte, und der Wunsch, den Vater zu
    beseitigen, war nur gerechtfertigt. Nun erhielt diese Feindseligkeit
    eine Verstärkung. Der Vater hatte ihm die Lüge vom Storch erzählt,
    und es ihm damit unmöglich gemacht, ihn in diesen Dingen um Auf-
    klärung zu bitten. Er hinderte ihn nicht nur, bei der Mutter im Bette
    zu sein, sondern vorenthielt ihm auch das Wissen, nach dem er strebte.
    Er benachteiligte ihn nach beiden Richtungen, und dies offenbar zu
    seinem eigenen Vorteile.

    Daß er nun diesen selben Vater, den er als Konkurrenten hassen
    mußte, seit jeher geliebt hatte und weiter lieben mußte, daß er ihm Vor-
    bild war, sein erster Spielgenosse und gleichfalls sein Pfleger aus den

  • S.

    100

    ersten Jahren, das ergab den ersten, zunächst nicht lösbaren Gefühls-
    konflikt. Wie Hansens Natur sich entwickelt hatte, mußte die Liebe
    vorläufig die Oberhand behalten und den Haß unterdrücken, ohne ihn
    aufheben zu können, denn er wurde von der Liebe zur Mutter her immer
    von neuem gespeist.

    Der Vater wußte aber nicht nur, woher die Kinder kommen, er
    übte es auch wirklich aus, das, was Hans nur dunkel ahnen konnte.
    Der Wiwimacher mußte etwas damit zu tun haben, dessen Erregung
    all diese Gedanken begleitete, und zwar ein großer, größer als Hans
    seinen fand. Folgte man den Empfindungsandeutungen, die sich da
    ergaben, so mußte es sich um eine Gewalttätigkeit handeln, die man
    an der Mama verübte, um ein Zerschlagen, ein Öffnungschaffen, ein
    Eindringen in einen abgeschlossenen Raum, den Impuls dazu konnte
    das Kind in sich verspüren; aber obwohl es auf dem Wege war, von
    seinen Penissensationen aus die Vagina zu postulieren, so konnte es doch
    das Rätsel nicht lösen, denn so etwas, wie der Wiwimacher es brauchte,
    bestand ja in seiner Kenntnis nicht; vielmehr stand der Lösung die
    Überzeugung im Wege, daß die Mama einen Wiwimacher wie er besitze.
    Der Lösungsversuch, was man mit der Mama anfangen mußte, damit
    sie Kinder bekomme, versank im Unbewußten, und beiderlei aktive
    Impulse, der feindselige gegen den Vater wie der sadistisch zärtliche
    gegen die Mutter, blieben verwendungslos, der eine infolge der neben
    dem Hasse vorhandenen Liebe, der andere vermöge der Ratlosigkeit,
    die sich aus den infantilen Sexualtheorien ergab.

    Nur in dieser Weise vermag ich, auf die Resultate der Analyse
    gestützt, die unbewußten Komplexe und Wunschregungen zu kon-
    struieren, deren Verdrängung und Wiedererweckung die Phobie des
    kleinen Hans zum Vorscheine brachte. Ich weiß, daß damit dem Denk-
    vermögen eines Kindes zwischen 4 und 5 Jahren viel zugemutet ist,
    aber ich lasse mich von dem leiten, was wir neu erfahren haben, und
    halte mich durch die Vorurteile unserer Unwissenheit nicht für ge-
    bunden. Vielleicht hätte man die Angst vor dem „Krawallmachen
    mit den Beinen“ benützen können, um noch Lücken in unserem Beweis-
    verfahren auszufüllen. Hans gab zwar an, es erinnere ihn an das Zappeln
    mit den Beinen, wenn er gezwungen werden sollte, sein Spiel zu unter-
    brechen, um Lumpf zu machen, so daß dieses Element der Neurose
    in Beziehung zu dem Problem gerät, ob die Mama gerne oder nur
    gezwungen Kinder bekomme, aber ich habe nicht den Eindruck, daß
    hiemit die volle Aufklärung für das „Krawallmachen mit den

  • S.

    101

    „Beinen“ gegeben ist. Meine Vermutung, daß sich bei dem Kinde
    eine Reminiszenz an einen von ihm im Schlafzimmer beobachteten
    sexuellen Verkehr der Eltern geregt habe, konnte der Vater nicht
    bestätigen. Begnügen wir uns also mit dem, was wir erfahren
    haben.

    Durch welchen Einfluß es in der geschilderten Situation bei Hans
    zum Umkippen, zur Verwandlung der libidinösen Sehnsucht in Angst
    gekommen ist, an welchem Ende da die Verdrängung eingesetzt hat,
    das ist schwer zu sagen und könnte wohl nur durch die Vergleichung
    mit mehreren ähnlichen Analysen zu entscheiden sein; ob das intel-
    lektuelle Unvermögen des Kindes, das schwierige Problem der Kinder-
    zeugung zu lösen und die durch die Annäherung an die Lösung ent-
    bundenen aggressiven Impulse zu verwerten, den Ausschlag gab oder
    ein somatisches Unvermögen, eine Intoleranz seiner Konstitution gegen
    die regelmäßig geübte masturbatorische Befriedigung, ob die bloße
    Fortdauer der sexuellen Erregung in so hoher Intensität zum Umschlage
    führen mußte, das stelle ich als fraglich hin, bis uns weitere Erfahrung
    zu Hilfe kommt.

    Dem Gelegenheitsanlasse für den Ausbruch der Krankheit zuviel
    Einfluß zuzuschreiben, verbieten die zeitlichen Verhältnisse, denn An-
    deutungen von Ängstlichkeit waren bei Hans lange vorher, ehe er das
    Stellwagenpferd auf der Straße umfallen sah, zu beobachten.

    Immerhin knüpfte die Neurose direkt an dieses akzidentelle Er-
    lebnis an und bewahrt die Spur desselben in der Erhebung des Pferdes
    zum Angstobjekt. Eine „traumatische Kraft“ kommt diesem Eindrucke
    an und für sich nicht zu; nur die frühere Bedeutung des Pferdes als
    Gegenstand der Vorliebe und des Interesses und die Anknüpfung an das
    traumatisch geeignetere Erlebnis in Gmunden, wie Fritzl beim Pferde-
    spiele umfiel, sowie der leichte Assoziationsweg von Fritzl zum Vater,
    haben den zufällig beobachteten Unfall mit so großer Wirksamkeit aus-
    gestattet. Ja, wahrscheinlich hätten auch diese Beziehungen nicht
    ausgereicht, wenn nicht dank der Schmiegſamkeit und der Viel-
    deutigkeit der Assoziationsverknüpfungen der gleiche Eindruck sich
    auch geeignet erwiesen hätte, an den zweiten der im Unbewußten bei
    Hans lauernden Komplexe, an den von der Niederkunft der graviden
    Mutter zu rühren. Von da an war der Weg zur Widerkehr des Ver-
    drängten eröffnet, und nun wurde er in der Weise beschritten, daß
    das pathogene Material auf den Pferdekomplex umgearbeitet

  • S.

    102

    (transponiert) und die begleitenden Affekte uniform
    in Angst verwandelt erschienen.

    Bemerkenswerterweise mußte sich der nunmehrige Vorstellungs-
    inhalt der Phobie noch eine Entstellung und Ersetzung gefallen lassen,
    ehe das Bewußtsein Kenntnis von ihm nahm. Der erste Wortlaut
    der Angst, den Hans äußerte, war: das Pferd wird mich beißen; er rührt
    aus einer andern Szene in Gmunden her, die einerseits Beziehung zum
    feindseligen Wunsche gegen den Vater hat, anderseits an die Onaniever-
    warnung erinnert. Es hat sich da ein ablenkender Einfluß geltend ge-
    macht, der vielleicht von den Eltern ausging; ich bin nicht sicher, ob
    die Berichte über Hans damals sorgfältig genug abgefaßt wurden, um
    uns entscheiden zu lassen, ob er seiner Angst diesen Ausdruck gegeben,
    ehe oder erst nachdem ihn die Mutter wegen seiner Masturbation
    zur Rede gestellt hatte. Im Gegensatze zur Darstellung der Kranken-
    geschichte möchte ich das letztere vermuten. Im übrigen ist unverkenn-
    bar, daß der feindselige Komplex gegen den Vater bei Hans überall
    den lüsternen gegen die Mutter verdeckt, sowie er auch in der Analyse
    zuerst aufgedeckt und erledigt wurde.

    In anderen Krankheitsfällen fände sich weit mehr über die Struktur
    einer Neurose, ihre Entwicklung und Ausbreitung zu sagen, aber die
    Krankheitsgeschichte unseres kleinen Hans ist sehr kurz; sie wird als-
    bald nach ihrem Beginne von der Behandlungsgeschichte abgelöst.
    Wenn die Phobie sich während der Behandlung dann weiter zu ent-
    wickeln schien, neue Objekte und neue Bedingungen in ihren Bereich
    zog, so war der selbst behandelnde Vater natürlich einsichtsvoll genug,
    darin nur ein Zumvorscheinkommen des bereits Fertigen und nicht
    eine Neuproduktion, die man der Behandlung zur Last legen könnte,
    zu erblicken. Auf solche Einsicht darf man dann in anderen Fällen
    von Behandlung nicht immer rechnen.

    Ehe ich diese Synthese für beendigt erkläre, muß ich noch einen
    andern Gesichtspunkt würdigen, bei dem wir mitten in die Schwierig-
    keiten der Auffassung neurotischer Zustände geraten werden. Wir sehen,
    wie unser kleiner Patient von einem wichtigen Verdrängungsschube
    befallen wird, der gerade seine herrschenden sexuellen Komponenten
    betrifft1). Er entäußert sich der Onanie, er weist mit Ekel von sich,

    1)Der Vater hat sogar beobachtet, daß gleichzeitig mit dieser Verdrängung
    ein Stück Sublimierung bei ihm eintritt. Er zeigt vom Beginne der Ängstlichkeit
    an ein gesteigertes Interesse für Musik und entwickelt seine hereditäre musi-
    kalische Begabung.

  • S.

    103

    was an Exkremente und an Zuschauen bei den Verrichtungen
    erinnert. Es sind aber nicht diese Komponenten, welche beim
    Krankheitsanlasse (beim Anblicke des fallenden Pferdes) angeregt
    werden, und die das Material für die Symptome, den Inhalt der
    Phobie, liefern.

    Man hat also da Anlaß, eine prinzipielle Unterscheidung aufzu-
    stellen. Wahrscheinlich gelangt man zu einem tieferen Verständnisse
    des Krankheitsfalles, wenn man sich jenen anderen Komponenten zu-
    wendet, welche die beiden letztgenannten Bedingungen erfüllen. Dies
    sind bei Hans Regungen, die bereits vorher unterdrückt waren und sich,
    soviel wir erfahren, niemals ungehemmt äußern konnten, feindselig-
    eifersüchtige Gefühle gegen den Vater und sadistische, Koitusahnungen
    entsprechende Antriebe gegen die Mutter. In diesen frühzeitigen Unter-
    drückungen liegt vielleicht die Disposition für die spätere Erkrankung.
    Diese aggressiven Neigungen haben bei Hans keinen Ausweg gefunden,
    und sobald sie in einer Zeit der Entbehrung und gesteigerten sexuellen
    Erregung verstärkt hervorbrechen wollen, entbrennt jener Kampf,
    den wir die „Phobie“ benennen. Während derselben dringt ein Teil
    der verdrängten Vorstellungen als Inhalt der Phobie, entstellt und auf
    einen anderen Komplex überschrieben, ins Bewußtsein; aber kein
    Zweifel, daß dies ein kümmerlicher Erfolg ist. Der Sieg verbleibt der
    Verdrängung, die bei dieser Gelegenheit auf andere als die vor-
    dringliche Komponente übergreift. Das ändert nichts daran,
    daß das Wesen des Krankheitszustandes durchaus an die Natur der
    zurückzuweisenden Triebkomponenten gebunden bleibt. Absicht
    und Inhalt der Phobie ist eine weitgehende Einschränkung der Bewe-
    gungsfreiheit, sie ist also eine machtvolle Reaktion gegen die dunkeln
    Bewegungsimpulse, die sich besonders gegen die Mutter wenden
    wollten. Das Pferd war für den Knaben immer das Vorbild der
    Bewegungslust („Ich bin ein junges Pferd,“ sagt Hans im Herum-
    springen), aber da diese Bewegungslust den Koitusimpuls einschließt,
    wird die Bewegungslust von der Neurose eingeschränkt und das
    Pferd zum Sinnbilde des Schreckens erhoben. Es scheint, daß den
    verdrängten Trieben in der Neurose nichts anderes verbleibt als
    die Ehre, der Angst im Bewußtsein die Vorwände zu liefern. Aber
    so deutlich auch der Sieg der Sexualablehnung in der Phobie ist,
    so läßt doch die Kompromißnatur der Krankheit nicht zu, daß das
    Verdrängte nichts anderes erreiche. Die Phobie vor dem Pferde ist
    doch wieder ein Hindernis, auf die Gasse zu gehen, und kann als

  • S.

    104

    Mittel dienen, um bei der geliebten Mutter im Hause zu bleiben. Darin
    hat sich also die Zärtlichkeit für die Mutter siegreich durchgesetzt;
    der Liebhaber klammert sich infolge der Phobie an sein geliebtes Objekt,
    aber freilich ist nun dafür gesorgt, daß er unschädlich bleibt. In diesen
    beiden Wirkungen offenbart sich die eigentliche Natur einer neuro-
    tischen Erkrankung.

    Alf. Adler hat kürzlich in einer gedankenreichen Arbeit,1) der ich
    vorhin die Bezeichnung Triebverschränkung entnommen habe, aus-
    geführt, daß die Angst durch die Unterdrückung des von ihm so genann-
    ten „Aggressionstriebes“ entstehe, und in weitumfassender Synthese
    diesem Triebe die Hauptrolle im Geschehen, „im Leben und in der
    Neurose“ zugewiesen. Wenn wir zum Schlusse gelangt sind, daß in un-
    serem Falle von Phobie die Angst durch die Verdrängung jener Aggres-
    sionsneigungen, der feindseligen gegen den Vater und der sadistischen
    gegen die Mutter, zu erklären sei, scheinen wir eine eklatante Bestätigung
    für die Anschauung Adlers erbracht zu haben. Und doch kann ich
    derselben, die ich für eine irreführende Verallgemeinerung halte, nicht
    beipflichten. Ich kann mich nicht entschließen, einen besonderen Aggres-
    sionstrieb neben und gleichberechtigt mit den uns vertrauten Selbst-
    erhaltungs- und Sexualtrieben anzunehmen. Es scheint mir, daß Adler
    einen allgemeinen und unerläßlichen Charakter aller Triebe, eben das
    „Triebhafte“, Drängende in ihnen, was wir als die Fähigkeit, der Mo-
    tilität Anstoß zu geben, beschreiben können, zu einem besonderen Triebe
    mit Unrecht hypostasiert habe. Von den anderen Trieben erübrigte
    dann nichts anderes als die Beziehung zu einem Ziele, nachdem ihnen
    die Beziehung zu den Mitteln, dieses Ziel zu erreichen, durch den
    „Aggressionstrieb“ abgenommen wird; trotz all der Unsicherheit
    und Ungeklärtheit unserer Trieblehre, möchte ich vorläufig an
    der gewohnten Auffassung festhalten, welche jedem Triebe sein
    eigenes Vermögen aggressiv zu werden, ohne sich auf ein Objekt zu
    richten, beläßt, und in den beiden bei unserem Hans zur Verdrän-
    gung gelangenden Trieben würde ich altbekannte Komponenten der
    sexuellen Libido erkennen.

    1) S. o.

  • S.

    105

    III.

    Ehe ich nun in die voraussichtlich kurz gehaltenen Erörterungen
    eintrete, was aus der Phobie des kleinen Hans allgemein Wertvolles
    für Kinderleben und Kindererziehung zu entnehmen ist, muß ich dem
    lange aufgesparten Einwande begegnen, der uns mahnt, daß Hans
    ein Neurotiker, Hereditarier, Dégénéré ist, kein normales Kind, von dem
    aus auf andere Kinder übertragen werden darf. Es tut mir lange schon
    leid, daran zu denken, wie alle die Bekenner des „Normalmenschen“
    unseren armen kleinen Hans mißhandeln werden, nachdem sie erst
    erfahren haben, daß ihm tatsächlich hereditäre Belastung nachgewiesen
    werden kann. Seiner schönen Mutter, die in einem Konflikte ihrer Mäd-
    chenzeit neurotisch erkrankte, hatte ich damals Hilfe geleistet, und
    dies war sogar der Anfang meiner Beziehungen zu seinen Eltern. Ich
    getraue mich nur ganz schüchtern, einiges zu seinen Gunsten vorzu-
    bringen.

    Zunächst, daß Hans nicht das ist, was man sich nach der strengen
    Observanz unter einem degenerierten, zur Nervosität erblich be-
    stimmten Kinde vorstellen würde, sondern vielmehr ein körperlich
    wohlgebildeter, heiterer, liebenswürdiger und geistig reger Geselle,
    an dem nicht nur der eigene Vater seine Freude haben kann. An seiner
    sexuellen Frühreife freilich ist kein Zweifel, aber es fehlt da viel Ver-
    gleichsmaterial zum richtigen Urteile. Aus einer Sammeluntersuchung
    aus amerikanischer Quelle habe ich z. B. ersehen, daß ähnlich frühe
    Objektwahl und Liebesempfinden bei Knaben nicht gar so selten ange-
    troffen wird, und aus der Kindergeschichte von später als „groß“ er-
    kannten Männern weiß man das nämliche, so daß ich meinen möchte,
    die sexuelle Frühreife sei ein selten fehlendes Korrelat der intellek-
    tuellen und darum bei begabten Kindern häufiger anzutreffen, als man
    erwarten sollte.

    Ferner mache ich in meiner eingestandenen Parteilichkeit für
    den kleinen Hans geltend, daß er nicht das einzige Kind ist, das
    zu irgend einer Zeit seiner Kinderjahre von Phobien befallen wird. Solche
    Erkrankungen sind bekanntlich ganz außerordentlich häufig, auch bei
    Kindern, deren Erziehung an Strenge nichts zu wünschen übrig läßt.
    Die betreffenden Kinder werden später entweder neurotisch, oder sie
    bleiben gesund. Ihre Phobien werden in der Kinderstube niederge-
    schrien, weil sie der Behandlung unzugänglich und gewiß sehr unbe-
    quem sind. Sie lassen dann im Laufe von Monaten oder Jahren nach,

  • S.

    106

    heilen anscheinend; welche psychischen Veränderungen eine solche
    Heilung bedingt, welche Charakterveränderungen mit ihr verknüpft
    sind, darein hat niemand Einsicht. Wenn man dann einmal einen erwach-
    senen Neurotiker in psychoanalytische Behandlung nimmt, der,
    nehmen wir an, erst in reifen Jahren manifest erkrankt ist, so erfährt
    man regelmäßig, daß seine Neurose an jene Kinderangst anknüpft,
    die Fortsetzung derselben darstellt, und daß also eine unausgesetzte,
    aber auch ungestörte, psychische Arbeit sich von jenen Kinderkonflikten
    an durchs Leben fortgesponnen hat, ohne Rücksicht darauf, ob deren
    erstes Symptom Bestand hatte oder unter dem Drange der Verhältnisse
    zurückgezogen wurde. Ich meine also, unser Hans ist vielleicht nicht
    stärker erkrankt gewesen als so viele andere Kinder, die nicht als „Dege-
    nerierte“ gebrandmarkt werden; aber da er ohne Einschüchterung,
    mit möglichster Schonung und möglichst geringem Zwang erzogen
    wurde, hat sich seine Angst kühner hervorgewagt. Die Motive des
    schlechten Gewissens und der Furcht vor der Strafe haben ihr gefehlt,
    die sonst gewiß zu ihrer Verkleinerung beitragen. Mir will scheinen,
    wir geben zuviel auf Symptome und kümmern uns zuwenig um das,
    woraus sie hervorgehen. In der Kindererziehung gar wollen wir nichts
    anderes als in Ruhe gelassen werden, keine Schwierigkeiten erleben,
    kurz das brave Kind züchten und achten sehr wenig darauf, ob dieser
    Entwicklungsgang dem Kinde auch frommt. Ich könnte mir also vor-
    stellen, daß es heilsam für unseren Hans war, diese Phobie produziert
    zu haben, weil sie die Aufmerksamkeit der Eltern auf die unvermeid-
    lichen Schwierigkeiten lenkte, welche die Überwindung der angeborenen
    Triebkomponenten in der Kulturerziehung dem Kinde bereiten muß,
    und weil diese seine Störung die Hilfeleistung des Vaters nach sich zog.
    Vielleicht hat er nun vor anderen Kindern das voraus, daß er nicht
    mehr jenen Keim verdrängter Komplexe in sich trägt, der fürs spätere
    Leben jedesmal etwas bedeuten muß, der gewiß Charakterverbildung
    in irgend einem Ausmaße mit sich bringt, wenn nicht die Disposition
    zu einer späteren Neurose. Ich bin geneigt so zu denken, aber ich weiß
    nicht, ob noch viele andere mein Urteil teilen werden, weiß auch nicht,
    ob die Erfahrung mir recht geben wird.

    Ich muß aber fragen, was hat nun bei Hans das Anslichtziehen
    der nicht nur von den Kindern verdrängten, sondern auch von den
    Eltern gefürchteten Komplexe geschadet? Hat der Kleine nun etwa
    Ernst gemacht mit seinen Ansprüchen auf die Mutter, oder sind an Stelle
    der bösen Absichten gegen den Vater Tätlichkeiten getreten? Sicherlich

  • S.

    107

    werden das viele befürchtet haben, die das Wesen der Psychoanalyse
    verkennen und meinen, man verstärke die bösen Triebe, wenn man sie
    bewußt mache. Diese Weisen handeln dann nur konsequent, wenn sie
    um Gotteswillen von jeder Beschäftigung mit den bösen Dingen abraten,
    die hinter den Neurosen stecken. Sie vergessen dabei allerdings, daß sie
    Ärzte sind, und geraten in eine fatale Ähnlichkeit mit Shakespeares
    Holzapfel in „Viel Lärmen um nichts“, der der ausgeschickten Wache-
    gleichfalls den Rat gibt, sich von jeder Berührung mit den etwa
    angetroffenen Dieben, Einbrechern recht fernzuhalten. Solches Gesindel
    sei kein Umgang für ehrliche Leute!1)

    Die einzigen Folgen der Analyse sind vielmehr, daß Hans gesund
    wird, sich vor Pferden nicht mehr fürchtet, und daß er mit seinem
    Vater, wie dieser belustigt mitteilt, eher familiär verkehrt. Aber was der
    Vater an Respekt etwa einbüßt, das gewinnt er an Vertrauen zurück:
    „Ich hab’ geglaubt, du weißt alles, weil du das vom Pferde gewußt hast.“
    Die Analyse macht nämlich den Erfolg der Verdrängung nicht rück-
    gängig, die Triebe, die damals unterdrückt wurden, bleiben die unter-
    drückten, aber sie erreicht diesen Erfolg auf anderem Wege, ersetzt den
    Prozeß der Verdrängung, der ein automatischer und exzessiver
    ist, durch die maß- und zielvolle Bewältigung mit Hilfe der höchsten
    seelischen Instanzen, mit einem Worte: sie ersetzt die Verdrän-
    gung durch die Verurteilung. Sie scheint uns den lange ge-
    suchten Beweis zu erbringen, daß das Bewußtsein eine biologische
    Funktion hat, daß mit seinem Insspieltreten ein bedeutsamer Vorteil
    verbunden ist.

    Hätte ich allein die Verfügung darüber gehabt, so hätte ich’s
    gewagt, dem Kinde auch noch die eine Aufklärung zu geben, welche
    ihm von den Eltern vorenthalten wurde. Ich hätte seine triebhaften
    Ahnungen bestätigt, indem ich ihm von der Existenz der Vagina und des
    Koitus erzählt hätte, so den ungelösten Rest um ein weiteres Stück
    verkleinert und seinem Fragedrange ein Ende gemacht. Ich bin über-
    zeugt, er hätte weder die Liebe zur Mutter noch sein kindliches Wesen

    1)Ich kann die verwunderte Frage hier nicht unterdrücken, woher diese
    Gegner meiner Anschauungen ihr so sicher vorgetragenes Wissen beziehen, ob
    die verdrängten Sexualtriebe eine Rolle in der Ätiologie der Neurosen spielen
    und welche, wenn sie den Patienten den Mund verschließen, sobald sie von ihren
    Komplexen und deren Abkömmlingen zu reden beginnen? Meine und meiner An-
    hänger Mitteilungen sind ja dann die einzige Wissenschaft, die ihnen zugänglich
    bleibt.

  • S.

    108

    infolge dieser Aufklärungen verloren, und hätte eingesehen, daß seine
    Beschäftigung mit diesen wichtigen, ja imposanten Dingen nun ruhen
    muß, bis sich sein Wunsch, groß zu werden, erfüllt hat. Aber das pädago-
    gische Experiment wurde nicht so weit geführt.

    Daß man zwischen „nervösen“ und „normalen“ Kindern und
    Erwachsenen keine scharfe Grenze ziehen darf, daß „Krankheit“
    ein rein praktischer Summationsbegriff ist, daß Disposition und Erleben
    zusammentreffen müssen, um die Schwelle für die Erreichung dieser
    Summation überschreiten zu lassen, daß infolgedessen fortwährend
    viele Individuen aus der Klasse der Gesunden in die der nervös Kranken
    übertreten, und eine weit geringere Anzahl den Weg auch in umgekehrter
    Richtung macht, das sind Dinge, die so oft gesagt worden sind und
    soviel Anklang gefunden haben, daß ich mit ihrer Behauptung gewiß
    nicht allein stehe. Daß die Erziehung des Kindes einen mächtigen Einfluß
    geltend machen kann zugunsten oder ungunsten der bei dieser Sum-
    mation in Betracht kommenden Krankheitsdisposition, ist zum min-
    desten sehr wahrscheinlich, aber was die Erziehung anzustreben und wo
    sie einzugreifen hat, das erscheint noch durchaus fragwürdig. Sie hat
    sich bisher immer nur die Beherrschung, oft richtiger Unterdrückung
    der Triebe zur Aufgabe gestellt; der Erfolg war kein befriedigender und
    dort, wo es gelang, geschah es zum Vorteile einer kleinen Anzahl bevor-
    zugter Menschen, von denen Triebunterdrückung nicht gefordert wird.
    Man fragte auch nicht danach, auf welchem Wege und mit welchen
    Opfern die Unterdrückung der unbequemen Triebe erreicht wurde.
    Substituiert man dieser Aufgabe eine andere, das Individuum mit der
    geringsten Einbuße an seiner Aktivität kulturfähig und sozial ver-
    wertbar zu machen, so haben die durch die Psychoanalyse gewonnenen
    Aufklärungen über die Herkunft der pathogenen Komplexe und über
    den Kern einer jeden Nervosität eigentlich den Anspruch, vom Er-
    zieher als unschätzbare Winke für sein Benehmen gegen das Kind
    gewürdigt zu werden. Welche praktischen Schlüsse sich hieraus ergeben
    und inwieweit die Erfahrung die Anwendung derselben innerhalb unserer
    sozialen Verhältnisse rechtfertigen kann, dies überlasse ich anderen zur
    Erprobung und Entscheidung.

    Ich kann von der Phobie unseres kleinen Patienten nicht Abschied
    nehmen, ohne die Vermutung auszusprechen, welche mir deren zur
    Heilung führende Analyse besonders wertvoll macht. Ich habe aus
    dieser Analyse, streng genommen, nichts Neues erfahren, nichts, was
    ich nicht schon, oft in weniger deutlicher und mehr vermittelter Weise,

  • S.

    109

    bei anderen, im reifen Alter behandelten Patienten hatte erraten können.
    Und da die Neurosen dieser anderen Kranken jedesmal auf die näm-
    lichen infantilen Komplexe zurückzuführen waren, die sich hinter der
    Phobie Hansens aufdecken ließen, bin ich versucht, für diese Kinder-
    neurose eine typische und vorbildliche Bedeutung in Anspruch zu
    nehmen, als ob die Mannigfaltigkeit der neurotischen Verdrängungs-
    erscheinungen und die Reichhaltigkeit des pathogenen Materials einer
    Ableitung von sehr wenigen Prozessen an den nämlichen Vorstellungs-
    komplexen nicht im Wege stünden.