• S.

    III
    DIE VERFUHRUNG UND IHRE NACHSTEN FOLGEN

    Die nächste Vermutung richtete sich begreiflicherweise gegen
    die englische Gouvernante, während deren Anwesenheit die Ver-
    änderung des Knaben aufgetreten war. Es waren zwei an sich
    unverstindliche Deckerinnerungen erhalten, die sich auf sie be-
    zogen. Sie hatte einmal, als sie vorausging, zu den Nachkommenden
    gesagt: Schauen Sie doch auf mein Schwånzchen! Ein andermal
    war ihr auf einer Fahrt der Hut weggeflogen zur groBen Be-
    friedigung der Geschwister. Das deutete auf den Kastrations-
    komplex hin und gestattete etwa die Konstruktion, eine von ihr
    an den Knaben gerichtete Drohung håtte zur Entstehung seines
    abnormen Benehmens viel beigetragen. Es ist ganz ungefåhrlich,
    solche Konstruktionen den Analysierten mitzuteilen, sie schaden
    der Analyse niemals, wenn sie irrig sind, und man spricht sie
    doch nicht aus, wenn man nicht Aussicht hat, irgend eine An-
    nåherung an die Wirklichkeit durch sie zu erreichen. Als nåchste
    Wirkung dieser Aufstellung traten Träume auf, deren Deutung
    nicht vollkommen gelang, die aber immer um denselben Inhalt
    zu spielen schienen. Es handelte sich in ihnen, soweit man sie ver-
    stehen konnte, um aggressive Handlungen des Knaben gegen die
    Schwester oder gegen die Gouvernante und um energische Zu-
    rechtweisungen und Züchtigungen dafür. Als hätte er... nach
    dem Bad... die Schwester entblößen ... ihr die Hüllen...
    oder Schleier ‥ . abreiBen wollen und ähnliches. Es gelang aber

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 453

    nicht, aus der Deutung einen sicheren Inhalt zu gewinnen, und
    als man den Eindruck empfangen hatte, es werde in diesen
    Träumen das nämliche Material in immer wieder wechselnder
    Weise verarbeitet, war die Auffassung dieser angeblichen Reminis-
    zenzen gesichert. Es konnte sich nur um Phantasien handeln,
    die der Träumer irgend einmal, wahrscheinlich in den Pubertäts-
    jahren, über seine Kindheit gemacht hatte und die jetzt in so
    schwer kenntlicher Form wieder aufgetaucht waren.

    Ihr Verständnis ergab sich mit einem Schlage, als der Patient
    sich plötzlich der Tatsache besann, die Schwester habe ihn je,
    „als er noch sehr klein war, auf dem ersten Gut“, zu sexuellen
    Tätlichkeiten verführt. Zunächst kam die Erinnerung, daß sie
    auf dem Abort, den die Kinder häufig gemeinsam benützten, die
    Aufforderung vorgebracht: Wollen wir uns den Popo zeigen, und
    dem Wort auch die Tat habe folgen lassen. Späterhin stellte sich
    das Wesentlichere der Verführung mit allen Einzelheiten der
    Zeit und der Lokalität ein. Es war im Frühjahr, zu einer Zeit,
    da der Vater abwesend war; die Kinder spielten auf dem Boden
    in einem Raum, während im benachbarten die Mutter arbeitete.
    Die Schwester hatte nach seinem Glied gegriffen, damit gespielt
    und dabei unbegreifliche Dinge über die Nanja wie zur Er-
    klärung gesagt. Die Nanja tue dasselbe mit allen Leuten, z. B.
    mit dem Gärtner, sie stelle ihn auf den Kopf und greife dann
    nach seinen Genitalien.

    Damit war das Verständnis der vorhin erratenen Phantasien
    gegeben. Sie sollten die Erinnerung an einen Vorgang, welcher
    später dem männlichen Selbstgefühl des Patienten anstößig er-
    schien, verlöschen, und erreichten dieses Ziel, indem sie einen
    Wunschgegensatz an Stelle der historischen Wahrheit setzten.
    Nach diesen Phantasien hatte nicht er die passive Rolle gegen
    die Schwester gespielt, sondern im Gegenteile, er war aggressiv
    gewesen, hatte die Schwester entblößt sehen wollen, war zurück-
    gewiesen und bestraft worden und darum in die Wut geraten,

  • S.

    454 Krankengeschichten

    von der die häusliche Tradition soviel erzählte. ZweckmäBig war
    es auch, die Gouvernante in diese Dichtung zu verweben, der
    nun einmal von Mutter und GroBmutter die Hauptschuld an
    seinen Wutanfällen zugeteilt wurde. Diese Phantasien entsprachen
    also genau der Sagenbildung, durch welche eine später große
    und stolze Nation die Kleinheit und das MiBgeschick ihrer An-
    fånge zu verhüllen sucht.

    In Wirklichkeit konnte die Gouvernante an der Verführung
    und ihren Folgen nur einen sehr entlegenen Anteil haben. Die
    Szenen mit der Schwester fanden im Frühjahr des nåmlichen
    Jahres statt, in dessen Hochsommermonaten die Englånderin als
    Ersatz der abwesenden Eltern eintrat. Die Feindseligkeit des
    Knaben gegen die Gouvernante kam vielmehr auf eine andere
    Weise zu stande. Indem sie die Kinderfrau beschimpfte und
    als Hexe verleumdete, trat sie bei ihm in die Fußstapfen der
    Schwester, die zuerst jene ungeheuerlichen Dinge von der Kinder-
    frau erzåhlt hatte, und gestattete ihm so, an ihr die Abneigung
    zum Vorschein zu bringen, die sich infolge der Verführung, wie
    wir héren werden, gegen die Schwester entwickelt hatte.

    Die Verführung durch die Schwester war aber gewiß keine
    Phantasie. Ihre Glaubwiirdigkeit wurde durch eine niemals ver-
    gessene Mitteilung aus späteren, reifen Jahren erhöht. Ein um
    mehr als ein Jahrzehnt älterer Vetter hatte ihm in einem Ge-
    sprüch über die Schwester gesagt, er erinnere sich sehr wohl
    daran, was für ein vorwitzig sinnliches Ding sie gewesen sei. Als
    Kind von vier oder fünf Jahren habe sie sich einmal auf seinen
    Schoß gesetzt und ihm die Hose geöffnet, um nach seinem Glied
    zu greifen.

    Ich móchte jetzt die Kindergeschichte meines Patienten unter-
    brechen, um von dieser Schwester, ihrer Entwicklung, weiteren
    Schicksalen und von ihrem EinfluB auf ihn zu sprechen. Sie
    war zwei Jahre älter als er und ihm immer voraus geblieben.
    Als Kind bubenhaft unbündig, schlug sie dann eine glünzende

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 455

    intellektuelle Entwicklung ein, zeichnete sich durch scharfen
    realistischen Verstand aus, bevorzugte die Naturwissenschaften in
    ihren Studien, produzierte aber auch Gedichte, die der Vater
    hoch einschåtzte. Ihren zahlreichen ersten Bewerbern war sie
    geistig sehr überlegen, pflegte sich über sie lustig machen. In
    den ersten Zwanzigerjahren aber begann sie verstimmt zu werden,
    klagte, daß sie nicht schön genug sei, und zog sich von allem
    Umgang zuriick. Auf eine Reise in Begleitung einer befreundeten
    älteren Dame geschickt, erzählte sie nach ihrer Heimkehr ganz
    unwahrscheinliche Dinge, wie sie von ihrer Begleiterin miBhandelt
    worden sei, blieb aber an die vorgebliche Peinigerin offenbar
    fixiert. Auf einer zweiten Reise bald nachher vergiftete sie sich
    und starb fern vom Hause. Wahrscheinlich entsprach ihre Affektion
    dem Beginne einer Dementia praecox. Sie war eine der Zeugen
    får die ansehnliche neuropathische Hereditåt in der Familie,
    keineswegs aber die einzige. Ein Onkel, Vaterbruder, starb nach
    langen Jahren einer Sonderlingsexistenz unter Zeichen, die auf
    eine schwere Zwangsneurose schlieBen lassen; eine gute Anzahl
    von Seitenverwandten war und ist mit leichteren nerväsen
    Störungen behaftet.

    Für unseren Patienten war die Schwester in der Kindheit —
    von der Verführung zunächst abgesehen — ein unbequemer
    Konkurrent um die Geltung bei den Eltern, dessen schonungs-
    los gezeigte Überlegenheit er sehr drückend empfand. Er neidete
    ihr dann besonders den Respekt, den der Vater vor ihren geistigen
    Fähigkeiten und intellektuellen Leistungen bezeugte, während er,
    seit seiner Zwangsneurose intellektuell gehemmt, sich mit einer
    geringen Einschätzung begnügen mußte. Von seinem vierzehnten
    Jahr an begann das Verhältnis der Geschwister sich zu bessern;
    ähnliche geistige Anlage und gemeinsame Opposition gegen die
    Eltern führten sie so weit zusammen, daß sie wie die besten
    Kameraden miteinander verkehrten. In der stürmischen sexuellen
    Erregtheit seiner Pubertätszeit wagte er es, eine intime körper-

  • S.

    456 Krankengeschichten

    liche Annäherung bei ihr zu suchen. Als sie ihn ebenso ent-
    schieden als geschickt abgewiesen hatte, wandte er sich von ihr
    sofort zu einem kleinen Bauernmädchen, das im Hause bedienstet
    war und den gleichen Namen wie die Schwester trug. Er hatte
    damit einen für seine heterosexuelle Objektwahl bestimmenden
    Schritt vollzogen, denn alle die Mädchen, in die er sich dann
    später, oft unter den deutlichsten Anzeichen des Zwanges, ver-
    liebte, waren gleichfalls dienende Personen, deren Bildung und
    Intelligenz weit hinter der seinigen zurückstehen mußten. Waren
    alle diese Liebesobjekte Ersatzpersonen für die ihm versagte
    Schwester, so ist nicht abzuweisen, daß eine Tendenz zur Er-
    niedrigung der Schwester, zur Aufhebung ihrer intellektuellen
    Überlegenheit, die ihn einst so bedrückt hatte, dabei die Ent-
    scheidung über seine Objektwahl bekam.

    Motiven dieser Art, die dem Willen zur Macht, dem Behauptungs-
    trieb des Individuums entstammen, hat Alf. Adler wie alles andere
    so auch das sexuelle Verhalten der Menschen untergeordnet. Ich
    bin, ohne die Geltung solcher Macht- und Vorrechtsmotive je zu
    leugnen, nie davon überzeugt gewesen, daß sie die ihnen zuge-
    schriebene dominierende und ausschlieBliche Rolle spielen kónnen.
    Hätte ich die Analyse meines Patienten nicht bis zu Ende ge-
    führt, so hätte ich die Beobachtung dieses Falles zum Anlaß
    nehmen müssen, um eine Korrektur meines Vorurteils im Sinne
    von Adler vorzunehmen. Unerwarteterweise brachte der SchluB
    dieser Analyse neues Material aus dem sich wiederum ergab,
    daB diese Machtmotive (in unserem Falle die Erniedrigungs-
    tendenz) die Objektwahl nur im Sinne eines Beitrags und einer
    Rationalisierung bestimmt hatten, wärend die eigentliche, tiefere
    Determinierung mir gestattete, an meinen früheren Überzeugungen
    festzuhalten.

    Als die Nachricht vom Tode der Schwester anlangte, erzählte
    der Patient, empfand er kaum eine Andeutung von Schmerz. Er

    1) S. unten S. 537.

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 457

    zwang sich zu Zeichen von Trauer und konnte sich in aller
    Kühle darüber freuen, daß er jetzt der alleinige Erbe des Ver-
    mögens geworden sei. Er befand sich schon seit mehreren Jahren
    in seiner rezenten Krankheit, als sich dies zutrug. Ich gestehe
    aber, daß diese eine Mitteilung mich in der diagnostischen Be-
    urteilung des Falles für eine ganze Weile unsicher machte. Es
    war zwar anzunehmen, daß der Schmerz über den Verlust des
    geliebtesten Mitglieds seiner Familie eine Ausdruckshemmung
    durch die fortwirkende Eifersucht gegen sie und durch die Ein-
    mengung der unbewußt gewordenen inzestuösen Verliebtheit er-
    fahren würde, aber auf einen Ersatz für den unterbliebenen
    Schmerzausbruch vermochte ich nicht zu verzichten. Ein solcher
    fand sich endlich in einer anderen, ihm unverständlich gebliebenen
    Gefühlsäußerung. Wenige Monate nach dem Tode der Schwester
    machte er selbst eine Reise in die Gegend, wo sie gestorben
    war, suchte dort das Grab eines groBen Dichters auf, der damals
    sein Ideal war, und vergoB heiße Tränen auf diesem Grabe. Dies
    war eine auch ihn befremdende Reaktion, denn er wußte, daß
    mehr als zwei Menschenalter seit dem Tode des verehrten
    Dichters dahingegangen waren. Er verstand sie erst, als er sich
    erinnerte, daB der Vater die Gedichte der verstorbenen Schwester
    mit denen des groBen Poeten in Vergleich zu bringen pflegte.
    Einen anderen Hinweis auf die richtige Auffassung dieser schein-
    bar an den Dichter gerichteten Huldigung hatte er mir durch
    einen Irrtum in seiner Erzihlung gegeben, den ich an dieser
    Stelle hervorziehen konnte. Er hatte vorher wiederholt ange-
    geben, daB sich die Schwester erschossen habe, und muBte dann
    berichtigen, daß sie Gift genommen hatte. Der Poet aber war
    in einem Pistolenduell erschossen worden.

    Ich kehre nun zur Geschichte des Bruders zuriick, die ich
    aber von hier ein Stück weit pragmatisch darstellen muß. Als
    das Alter des Knaben zur Zeit, da die Schwester ihre Verfithrungs-
    aktionen begann, stellte sich 5'/, Jahre heraus. Es geschah, wie

  • S.

    458 Krankengeschichten

    gesagt, im Frithjahr desselben Jahres, in dessen Herbst die Eltern
    ihn bei ihrer Rückkehr so gründlich verwandelt fanden. Es liegt
    nun sehr nahe, diese Wandlung mit der unterdes stattgehabten
    Erweckung seiner Sexualtütigkeit in Zusammenhang zu bringen.

    Wie reagierte der Knabe auf die Verlockungen der älteren
    Schwester? Die Antwort lautet: mit Ablehnung, aber die Ab-
    lehnung galt der Person, nicht der Sache. Die Schwester war
    ihm als Sexualobjekt nicht genehm, wahrscheinlich, weil sein
    Verhültnis zu ihr bereits durch den Wettbewerb um die Liebe
    der Eltern im feindseligen Sinne bestimmt war. Er wich ihr
    aus und ihre Werbungen nahmen auch bald ein Ende. Aber er
    suchte an ihrer Statt eine andere, geliebtere Person zu gewinnen,
    und Mitteilungen der Schwester selbst, die sich auf das Vorbild
    der Nanja berufen hatte, lenkten seine Wahl auf diese. Er begann
    also vor der Nanja mit seinem Glied zu spielen, was, wie in so
    vielen anderen Fällen, wenn die Kinder die Onanie nicht ver-
    bergen, als Verführungsversuch aufgefaBt werden muß. Die Nanja
    enttäuschte ihn, sie machte ein ernstes Gesicht und erklärte, das sei
    nicht gut. Kinder, die das täten, bekämen an der Stelle eine „Wunde“.

    Die Wirkung dieser Mitteilung, die einer Drohung gleichkam,
    ist nach verschiedenen Richtungen zu verfolgen. Seine Anhäng-
    lichkeit an die Nanja wurde dadurch gelockert. Er hätte böse
    auf sie werden können; später, als seine Wutanfille einsetzten,
    zeigte es sich auch, daB er wirklich gegen sie erbittert war. Allein
    es war fiir ihn charakteristisch, daß er jede Libidoposition, die
    er aufgeben sollte, zunächst hartnäckig gegen das Neue verteidigte.
    Als die Gouvernante auf dem Schauplatz erschien und die Nanja
    beschimpfte, aus dem Zimmer jagte, ihre Autorität vernichten
    wollte, übertrieb er vielmehr seine Liebe zu der Bedrohten und
    benahm sich abweisend und trotzig gegen die angreifende Gouver-

    nante. Nichtsdestoweniger begann er im geheimen ein anderes
    Sexualobjekt zu suchen. Die Verfithrung hatte ihm das passive
    Sexualziel gegeben, an den Genitalien berührt zu werden; wir

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 459

    werden hören, bei wem er dies erreichen wollte, und welche
    Wege ihn zu dieser Wahl führten.

    Es entspricht ganz unseren Erwartungen, wenn wir hören,
    daB mit seinen ersten genitalen Erregungen seine Sexualforschung
    einsetzte, und daB er bald auf das Problem der Kastration geriet.
    Er konnte in dieser Zeit zwei Mädchen, seine Schwester und
    ihre Freundin, beim Urinieren beobachten. Sein Scharfsinn hätte
    ihn schon bei diesem Anblicke den Sachverhalt verstehen lassen
    können, allein er benahm sich dabei, wie wir es von anderen
    männlichen Kindern wissen. Er lehnte die Idee, daß er hier die
    von der Nanja angedrohte Wunde bestätigt sehe, ab, und gab
    sich die Erklärung, das sei der „vordere Popo“ der Mädchen.
    Das Thema der Kastration war mit dieser Entscheidung nicht
    abgetan; aus allem, was er hörte, entnahm er neue Hindeutungen
    darauf. Als den Kindern einmal gefärbte Zuckerstangen verteilt
    wurden, erklärte die Gouvernante, die zu wüsten Phantasien
    geneigt war, es seien Stücke von zerschnittenen Schlangen. Von
    da aus erinnerte er sich, daß der Vater einmal auf einem Spazier-
    weg eine Schlange getroffen und sie mit seinem Stocke in Stücke
    zerschlagen habe. Er hörte die Geschichte (aus Reineke Fuchs)
    vorlesen, wie der Wolf im Winter Fische fangen wollte und
    seinen Schwanz als Köder benützte, wobei der Schwanz im Eis
    abbrach. Er erfuhr die verschiedenen Namen, mit denen man je
    nach der Intaktheit ihres Geschlechts die Pferde bezeichnet. Er
    war also mit dem Gedanken an die Kastration beschäftigt, aber er
    hatte noch keinen Glauben daran und keine Angst davor. Andere
    Sexualprobleme erstanden ihm aus den Märchen, die ihm um
    diese Zeit bekannt wurden. Im „Rotkäppchen“ und in den
    „Sieben Geißlein“ wurden die Kinder aus dem Leib des Wolfs
    herausgeholt. War der Wolf also ein weibliches Wesen oder
    konnten auch Männer Kinder im Leib haben? Das war um diese
    Zeit noch nicht entschieden. Übrigens kannte er zur Zeit dieser
    Forschung noch keine Angst vor dem Wolf.

  • S.

    Krankengeschichten

    460

    Eine der Mitteilungen des Patienten wird uns den Weg zum
    Verständnis der Charakterverinderung bahnen, die während der
    Abwesenheit der Eltern im entferntern Anschluß an die Verführung
    bei ihm hervortrat. Er erzihlt, daB er nach der Abweisung und
    Drohung der Nanja die Onanie sehr bald aufgab. Das be-
    ginnende Sexualleben unter der Leitung der Genital
    zone war also einer äußeren Hemmung erlegen und
    durch deren Einfluß auf eine frühere Phase prågenitaler
    Organisation zurückgeworfen worden. Infolge der Unter-
    drückung der Onanie nahm das Sexualleben des Knaben sadistisch-
    analen Charakter an. Er wurde reizbar, quülerisch, befriedigte sich
    in solcher Weise an Tieren und Menschen. Sein Hauptobjekt
    war die geliebte Nanja, die er zu peinigen verstand, bis sie in
    Tränen ausbrach. So rächte er sich an ihr für die erfahrene
    Abweisung .und befriedigte gleichzeitig sein sexuelles Gelüste in
    der der regressiven Phase entsprechenden Form. Er begann
    Grausamkeit gegen kleine Tiere zu üben, Fliegen zu fangen, um
    ihnen die Flügel auszureiBen, Kifer zu zertreten; in seiner
    Phantasie liebte er es, auch groBe Tiere, Pferde, zu schlagen.
    Das waren also durchwegs aktive, sadistische Betütigungen; von
    den analen Regungen dieser Zeit wird in einem spüteren Zusammen-
    hange die Rede sein.

    Es ist sehr wertvoll, daB in der Erinnerung des Patienten auch
    gleichzeitige Phantasien ganz anderer Art auftauchten, des Inhalts,
    daB Knaben gezüchtigt und geschlagen wurden, besonders auf
    den Penis geschlagen; und für wen diese anonymen Objekte als
    Prügelknaben dienten, läßt sich leicht aus anderen Phantasien
    erraten, die sich ausmalten, wie der Thronfolger in einen engen
    Raum eingesperrt und geschlagen wird. Der Thronfolger war
    offenbar er selbst; der Sadismus hatte sich also in der Phantasie
    &egen die eigene Person gewendet und war in Masochismus
    umgeschlagen. Das Detail daB das Geschlechtsglied selbst die
    Züchtigung empfing, läßt den Schluß zu, daB bei dieser Um-

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 461

    wandlung bereits ein SchuldbewuBtsein beteiligt war, welches
    sich auf die Onanie berief,

    Es blieb in der Analyse kein Zweifel, daß diese passiven
    Strebungen gleichzeitig oder sehr bald nach den aktiv-sadistischen
    aufgetreten waren." Dies entspricht der ungewöhnlich deutlichen,
    intensiven und anhaltenden Ambivalenz des Kranken, die sich
    hier zum erstenmal in der gleichmäßigen Ausbildung der gegen-
    såtzlichen Partialtriebpaare äußerte. Dieses Verhalten blieb für ihn
    auch in der Folge ebenso charakteristisch wie der weitere Zug,
    daB eigentlich keine der jemals geschaffenen Libidopositionen
    durch eine spätere völlig aufgehoben wurde. Sie blieb vielmehr
    neben allen anderen bestehen und gestattete ihm ein unaus-
    gesetztes Schwanken, welches sich mit dem Erwerb eines fixierten
    Charakters unvereinbar erwies.

    Die masochistischen Strebungen des Knaben leiten zu einem
    anderen Punkt über, dessen Erwähnung ich mir aufgespart
    habe, weil er erst durch die Analyse der nichstfolgenden Phase
    seiner Entwicklung sichergestellt werden kann. Ich erwihnte
    schon, daß er nach der Abweisung durch die Nanja seine libidinäse
    Erwartung von ihr lóste und eine andere Person als Sexualobjekt
    in Aussicht nahm. Diese Person war der damals abwesende Vater.
    Zu dieser Wahl wurde er gewiB durch ein Zusammentreffen von
    Momenten geführt, auch durch zufillige wie die Erinnerung an
    die Zerstückelung der Schlange; vor allem aber erneuerte er
    damit seine erste und ursprünglichste Objektwahl, die sich. dem
    NarziBmus des kleinen Kindes entsprechend auf dem Wege der
    Identifizierung vollzogen hatte. Wir haben schon gehört, daB
    der Vater sein bewundertes Vorbild gewesen war, daD er, gefragt,
    was er werden wollte, zu antworten pflegte: ein Herr wie der
    Vater. Dies Identifizierungsobjekt seiner aktiven Strömung wurde

    1) Unter passiven Strebungen verstehe ich solche mit passivem Sexualziel, habe
    aber dabei nicht etwa eine Triebverwandlung, sondern nur eine Zielverwandlung
    im Auge.

  • S.

    462 Krankengeschichten

    nun das Sexualobjekt einer passiven Strömung in der sadistisch-
    analen Phase. Es macht den Eindruck, als hätte ihn die Verführung
    durch die Schwester in die passive Rolle gedrängt und ihm ein
    passives Sexualziel gegeben. Unter dem fortwirkenden Einfluß
    dieses Erlebnisses beschrieb er nun den Weg von der Schwester
    über die Nanja zum Vater, von der passiven Einstellung zum
    Weib bis zu der zum Manne und hatte dabei doch die
    Ankniipfung an seine frühere spontane Entwicklungsphase ge-
    funden. Der Vater war jetzt wieder sein Objekt, die Identi-
    fizierung war der höheren Entwicklung entsprechend durch
    Objektwahl abgeløst, die Verwandlung der aktiven in eine passive
    Einstellung war der Erfolg und das Zeichen der dazwischen vor-
    gefallenen Verführung. Eine aktive Einstellung gegen den über-
    måchtigen Vater in der sadistischen Phase wire natiirlich nicht
    so leicht durchführbar gewesen. Als der Vater im Spätsommer
    oder Herbst zurückkam, bekamen seine Wutanfälle und Tobszenen
    eine neue Verwendung. Gegen die Nanja hatten sie aktiv-
    sadistischen Zwecken gedient; gegen den Vater verfolgten sie
    masochistische Absichten. Er wollte durch die Vorführung seiner
    Schlimmheit Züchtigung und Schläge von seiten des Vaters
    erzwingen, sich so bei ihm die erwünschte masochistische Sexual-
    befriedigung holen. Seine Schreianfålle waren also geradezu Ver-
    führungsversuche. Der Motivierung des Masochismus entsprechend
    hätte er bei solcher Züchtigung auch die Befriedigung seines
    Schuldgefühls gefunden. Eine Erinnerung hat ihm aufbewahrt,
    wie er wihrend einer solchen Szene von Schlimmheit sein
    Schreien verstärkt, sobald der Vater zu ihm kommt. Der Vater
    schlägt ihn aber nicht, sondern sucht ihn zu beschwichtigen,
    indem er mit den Polstern des Bettchens vor ihm Ball spielt.

    Ich weiB nicht, wie oft die Eltern und Erzieher angesichts der
    unerklårlichen Schlimmheit des Kindes Anlaß hätten, sich dieses
    typischen Zusammenhanges zu erinnern. Das Kind, das sich so
    "unbandig benimmt, legt ein Geständnis ab und will Strafe

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 463

    provozieren. Es sucht in der Züchtigung gleichzeitig die Be-
    schwichtigung seines SchuldbewuBtseins und die Befriedigung
    seiner masochistischen Sexualstrebung.

    Die weitere Klärung unseres Krankheitsfalles verdanken wir
    nun der mit groBer Bestimmtheit auftretenden Erinnerung, daB
    alle Angstsymptome erst von einem gewissen Vorfall an zu den
    Zeichen der Charakteränderung hinzugetreten seien. Vorher habe
    es keine Angst gegeben und unmittelbar nach dem Vorfall habe
    sich die Angst in quilender Form geäußert. Der Zeitpunkt dieser
    Wandlung läßt sich mit Sicherheit angeben, es war knapp vor
    dem vierten Geburtstag. Die Kinderzeit, mit der wir uns beschäf-
    tigen wollten, zerlegt sich dank diesem Anhaltspunkte in zwei
    Phasen, eine erste der Schlimmheit und Perversität von der Ver
    führung mit 5'/, Jahren bis zum vierten Geburtstag, und eine
    långere darauffolgende, in der die Zeichen der Neurose vor-
    herrschen. Der Vorfall aber, der diese Scheidung gestattet, war

    kein åuBeres Trauma, sondern ein Traum, aus dem er mit Angst
    erwachte.