• S.

    <
    EINIGE DISKUSSIONEN

    Eisbär und Walfisch, hat man gesagt, können nicht mitein-
    ander Krieg fithren, weil sie, ein jeder auf sein Element be-
    schränkt, nicht zueinander kommen. Ebenso unmöglich wird es
    mir, mit Arbeitern auf dem Gebiet der Psychologie oder der
    Neurotik zu diskutieren, die die Voraussetzungen der Psycho-
    analyse nicht anerkennen und ihre Ergebnisse fiir Artefakte
    halten. Daneben hat sich aber in den letzten Jahren eine Oppo-
    sition von Anderen entwickelt, die, nach ihrem eigenen Ver-
    meinen wenigstens, auf dem Boden der Analyse stehen, die
    Technik und Resultate derselben nicht bestreiten und sich nur
    får berechtigt halten, aus dem nämlichen Material andere Fol-
    gerungen abzuleiten und es anderen Auffassungen zu unterziehen.

    Theoretischer Widerspruch ist aber zumeist unfruchtbar. So-
    wie man begonnen hat, sich von dem Material, aus dem man
    schopfen soll, zu entfernen, liuft man Gefahr, sich an seinen
    Behauptungen zu berauschen und endlich Meinungen zu ver-
    treten, denen jede Beobachtung widersprochen hätte. Es scheint
    mir darum ungleich zweckmäßiger, abweichende Auffassungen
    dadurch zu bekämpfen, daß man sie an einzelnen Fällen und
    Problemen erprobt.

    Ich habe oben (S. 475) ausgeführt, es werde gewiß für un-
    wahrscheinlich gehalten werden, „daß ein Kind in dem zarten
    Alter von ュ Jahren imstande sein sollte, die Wahrnehmungen

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 487

    eines so komplizierten Vorganges in sich aufzunehmen und sie
    so getreu in seinem UnbewuBten zu bewahren, zweitens, daß
    eine nachträglich zum Verständnis vordringende Bearbeitung dieses
    Materials zu vier Jahren möglich ist, und endlich, daß es durch
    irgend ein Verfahren gelingen sollte, die Einzelheiten einer solchen
    Szene, unter solchen Umständen erlebt und verstanden, in zu-
    sammenhängender und überzeugender Weise bewußt zu machen“.

    Die letzte Frage ist eine rein faktische. Wer sich die Mühe
    nimmt, die Analyse mittels der vorgezeichneten Technik in solche
    Tiefen zu treiben, wird sich überzeugen, daß es sehr wohl mög-
    lich ist; wer es unterläßt und in irgend einer höheren Schicht
    die Analyse unterbricht, hat sich des Urteils darüber begeben.
    Aber die Auffassung des von der Tiefenanalyse Erreichten ist
    damit nicht entschieden.

    Die beiden anderen Bedenken stützen sich auf eine Gering-
    schätzung der frühinfantilen Eindrücke, denen so nachhaltige
    Wirkungen nicht zugetraut werden. Sie wollen die Verursachung
    der Neurosen fast ausschließlich in den ernsthaften Konflikten
    des späteren Lebens suchen, und nehmen an, die Bedeutsamkeit
    der Kindheit werde uns in der Analyse nur durch die Neigung
    der Neurotiker vorgespiegelt, ihre gegenwärtigen Interessen in
    Reminiszenzen und Symbolen der frühen Vergangenheit auszu-
    drücken. Mit solcher Einschätzung des infantilen Moments fiele
    manches weg, was zu den intimsten Eigentiimlichkeiten der
    Analyse gehört hat, freilich auch vieles, was ihr Widerstände
    schafft und das Zutrauen der AuBenstehenden entfremdet.

    Wir stellen also zur Diskussion die Auffassung ein, solche früh-
    infantile Szenen, wie sie eine erschópfende Analyse der Neurosen,
    z. B. unseres Falles liefert, seien nicht Reproduktionen realer Be-
    gebenheiten, denen man Einfluß auf die Gestaltung des späteren
    Lebens und auf die Symptombildung zuschreiben dürfe, sondern
    Phantasiebildungen, die der Zeit der Reife ihre Anregung ent-
    nehmen, zur gewissermaßen symbolischen Vertretung realer

  • S.

    488 Krankengeschichten

    Wünsche und Interessen bestimmt sind, und die einer regressiven
    Tendenz, einer Abwendung von den Aufgaben der Gegenwart
    ihre Entstehung verdanken. Wenn dem so ist, dann kann man
    sich natiirlich alle die befremdenden Zumutungen an das Seelen-
    leben und die intellektuelle Leistung von Kindern im unmiindigsten
    Alter ersparen.

    Dieser Auffassung kommt auBer dem uns allen gemeinsamen
    Wunsch nach Rationalisierung und Vereinfachung der schwierigen
    Aufgabe mancherlei Tatsächliches entgegen. Auch kann man im
    vorhinein ein Bedenken aus dem Wege räumen, welches sich
    gerade beim praktischen Analytiker erheben könnte. Man muß
    zugestehen, wenn die besprochene Auffassung dieser infantilen
    Szenen die richtige ist, dann wird an der Ausiibung der Analyse
    zunächst nichts geändert. Hat der Neurotiker einmal die üble
    Eigentiimlichkeit, sein Interesse von der Gegenwart abzuwenden
    und es an solche regressive Ersatzbildungen seiner Phantasie zu
    heften, so kann man gar nichts anderes tun, als ihm auf seinen
    Wegen zu folgen und ihm diese unbewuBten Produktionen zum
    Bewußtsein zu bringen, denn sie sind, von ihrem realen Unwert
    ganz abzusehen, fiir uns héchst wertvoll als die derzeitigen Tråger
    und Besitzer des Interesses, welches wir frei machen wollen, um
    es auf die Aufgaben der Gegenwart zu lenken. Die Analyse
    müßte genau ebenso verlaufen wie jene, die im naiven Zutrauen
    solche Phantasien fir wahr nimmt. Erst am Ende der Analyse,
    nach der Aufdeckung dieser Phantasien, käme der Unterschied.
    Man würde dann dem Kranken sagen: „Nun gut; Ihre Neurose
    ist so verlaufen, als ob Sie in Ihren Kinderjahren solche Ein-
    drücke empfangen und fortgesponnen hätten. Sie sehen wohl ein,
    daß dies nicht möglich ist. Es waren Produkte Ihrer Phantasie-
    tåtigkeit zur Ablenkung von realen Aufgaben, die Ihnen bevor-
    standen. Nun lassen Sie uns nachforschen, welches diese Aufgaben
    waren, und welche Verbindungswege zwischen diesen und Ihren
    Phantasien bestanden haben.% Ein zweiter, dem realen Leben zu-

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 489

    gewendeter Abschnitt‘ der Behandlung würde nach dieser Er-
    ledigung der infantilen Phantasien einsetzen können.

    Eine Abkürzung dieses Weges, also eine Abänderung der bis-
    her geübten psychoanalytischen Kur, wire technisch unzulässig:
    Wenn man dem Kranken diese Phantasien nicht in ihrem vollen
    Umfange bewußt macht, kann man ihm die Verfügung über das
    an sie gebundene Interesse nicht geben. Wenn man ihn von
    ihnen ablenkt, sobald man ihre Existenz und allgemeine Umrisse
    ahnt, unterstützt man nur das Werk der Verdrängung, durch
    das sie fiir alle Bemühungen des Kranken unantastbar geworden
    sind. Wenn man sie ihm frithzeitig entwertet, etwa indem man
    ihm eröffnet, es werde sich nur um Phantasien handeln, die ja
    keine reale Bedeutung haben, wird man nie seine Mitwirkung
    bereit finden, um sie dem Bewußtsein zuzuführen. Die analytische
    Technik dürfte also bei korrektem Vorgehen keine Änderung
    erfahren, wie immer man diese Infantilszenen einschåtzt.

    Ich habe erwähnt, daß die Auffassung dieser Szenen als regressiver
    Phantasien manche tatsächlichen Momente zu ihrer Unterstützung
    anrufen kann. Vor allem das eine: Diese Infantilszenen werden
    in der Kur — soweit meine Erfahrung bis jetzt reicht — nicht
    als Erinnerungen reproduziert, sie sind Ergebnisse der Konstruktion:
    Gewiß wird manchem der Streit schon durch dieses eine Zu-
    geständnis entschieden scheinen.

    Ich möchte nicht mißverstanden werden. Jeder Analytiker weiß
    und hat es unzählige Male erfahren, daß in einer gelungenen Kur
    der Patient eine ganze Anzahl spontaner Erinnerungen aus seinen
    Kinderjahren mitteilt, an deren Auftauchen — vielleicht erst:
    maligem Auftauchen — der Arzt sich völlig unschuldig fühlt,
    indem er durch keinerlei Konstruktionsversuch dem Kranken.
    einen ähnlichen Inhalt nahe gelegt hat. Diese vorher unbewuBten
    Erinnerungen müssen nicht einmal immer wahr sein; sie kónnen
    es sein, aber sie sind oft gegen die Wahrheit entstellt, mit
    phantasierten Elementen durchsetzt, ganz ähnlich wie die spontan

  • S.

    490 Krankengeschichten

    erhalten gebliebenen sogenannten Deckerinnerungen. Ich will nur
    sagen: Szenen, wie die bei meinem Patienten, aus so früher Zeit
    und mit solchem Inhalt, die dann eine so auBerordentliche Be-
    deutung für die Geschichte des Falles beanspruchen, werden in
    der Regel nicht als Erinnerungen reproduziert, sondern müssen
    schrittweise und miihselig aus einer Summe von Andeutungen
    erraten — konstruiert — werden. Es reicht auch fiir das Argument
    hin, wenn ich zugebe, daß solche Szenen bei den Fällen von
    Zwangsneurose nicht als Erinnerung bewußt werden, oder wenn
    ich die Angabe auf den einen Fall, den wir hier studieren,
    beschrånke.

    Ich bin nun nicht der Meinung, daB diese Szenen notwendiger-
    weise Phantasien sein müßten, weil sie nicht als Erinnerungen
    wiederkommen. Es scheint mir durchaus der Erinnerung gleich-
    wertig, daB sie sich — wie in unserem Falle — durch Tråume
    ersetzen, deren Analyse regelmäßig zu derselben Szene zurück-
    führt, die in unermiidlicher Umarbeitung jedes Stück ihres
    Inhalts reproduzieren. Tråumen ist ja auch ein Erinnern, wenn
    auch unter den Bedingungen der Nachtzeit und der Traumbildung.
    Durch diese Wiederkehr in Träumen erkläre ich mir, daß sich
    bei den Patienten selbst allmählich eine sichere Überzeugung von
    der Realitåt dieser Urszenen bildet, eine Uberzeugung, die der
    auf Erinnerung gegründeten in nichts nachsteht.'

    Die Gegner brauchen freilich den Kampf gegen diese Argumente
    nicht als aussichtslos aufzugeben. Träume sind bekanntlich lenkbar.*
    Und die Uberzeugung des Analysierten kann ein Erfolg der
    Suggestion sein, für die immer noch eine Rolle im Kräftespiel

    1) Wie frühzeitig ich mich mit diesem Problem beschäftigt habe, mag eine Stelle
    aus der ersten Auflage meiner Traumdeutung (1900) beweisen. Dort heißt es S. 126
    zur Analyse der in einem Traum vorkommenden Rede: Das ist nicht mehr zu haben,
    diese Rede stammt von mir selbst; ich hatte ihr einige Tage vorher erklärt, „daß
    die ältesten Kindererlebnisse nicht mehr als solche zu haben sind, sondern durch
    „Übertragungen“ und Träume in der Analyse ersetzt werden.“

    2) Der Mechanismus des Traumes kann nicht beeinflußt werden, aber das Traum-
    material läßt sich partiell kommandieren.

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 491

    der analytischen Behandlung gesucht wird. Der Psychotherapeut
    alten Schlages würde seinem Patienten suggerieren, daß er gesund
    ist, seine Hemmungen überwunden hat u. dgl. Der Psychoanalytiker
    aber, daß er als Kind dies oder jenes Erlebnis gehabt hat, das
    er jetzt erinnern müsse, um gesund zu werden. Das wäre der
    Unterschied zwischen beiden.

    Machen wir uns klar, daß dieser letzte Erklärungsversuch der
    Gegner auf eine weit gründlichere Erledigung der Infantilszenen
    hinausläuft, als anfangs angekündigt wurde. Sie sollten nicht
    Wirklichkeiten sein, sondern Phantasien. Nun wird es offenbar:
    nicht Phantasien des Kranken, sondern des Analytikers selbst, die
    er aus irgend welchen persönlichen Komplexen dem Analysierten
    aufdrängt. Der Analytiker freilich, der diesen Vorwurf hört, wird
    sich zu seiner Beruhigung vorführen, wie allmählich die Kon-
    struktion dieser angeblich von ihm eingegebenen Phantasie zu-
    stande gekommen ist, wie unabhängig sich doch deren Aus-
    gestaltung in vielen Punkten von der ärztlichen Anregung be-
    nommen hat, wie von einer gewissen Phase der Behandlung an
    alles auf sie hin zu konvergieren schien, und wie nun in der
    Synthese die verschiedensten merkwürdigen Erfolge von ihr aus-
    strahlen, wie die großen und die kleinsten Probleme und Sonder-
    barkeiten der Krankengeschichte ihre Lösung in der einen An-
    nahme fänden, und wird geltend machen, daß er sich nicht den
    Scharfsinn zutraut, eine Begebenheit auszuhecken, welche alle diese
    Ansprüche in einem erfüllen kann. Aber auch dieses Plaidoyer
    wird nicht auf den anderen Teil wirken, der die Analyse nicht
    selbst erlebt hat. Raffinierte Selbsttäuschung — wird es von der
    einen Seite lauten, Stumpfheit der Beurteilung — von der anderen;
    eine Entscheidung wird nicht zu fällen sein.

    Wenden wir uns zu einem anderen Moment, welches die
    gegnerische Auffassung der konstruierten Infantilszenen unterstützt.
    Es ist folgendes: Alle die Prozesse, welche zur Aufklärung dieser
    fraglichen Bildungen als Phantasien herangezogen worden sind,

  • S.

    492 Krankengeschichten

    bestehen wirklich und sind als bedeutungsvoll anzuerkennen. Die
    Abwendung des Interesses von den Aufgaben des realen Lebens,
    die Existenz von Phantasien als Ersatzbildungen für die unter-
    lassenen Aktionen, die regressive Tendenz, die sich in diesen
    Schópfungen ausspricht, — regressiv in mehr als einem Sinne,
    insofern gleichzeitig ein Zurückweichen vor dem Leben und ein
    Zurückgreifen auf die Vergangenheit eintritt, — all das trifft zu
    und läßt sich regelmäßig durch die Analyse bestätigen. Man sollte
    meinen, es würde auch hinreichen, die in Rede stehenden an-
    geblichen frühinfantilen Reminiszenzen aufzuklären, und diese Er-
    klirung hitte nach den ükonomischen Prinzipien der Wissenschaft
    das Vorrecht vor einer anderen, die ohne neue und befremdliche
    Annahmen nicht ausreichen kann.

    Ich gestatte mir, an dieser Stelle darauf aufmerksam zu machen,
    daß die Widersprüche in der heutigen psychoanalytischen Literatur
    gewöhnlich nach dem Prinzip des pars pro toto angefertigt
    werden. Man greift aus einem hoch zusammengesetzten Ensemble
    einen Anteil der wirksamen Faktoren heraus, proklamiert diesen
    als die Wahrheit und widerspricht nun zu dessen Gunsten dem
    anderen Anteil und dem Ganzen. Sieht man etwa näher zu,
    welcher Gruppe dieser Vorzug zugefallen ist, so findet man, es
    ist die, welche das bereits anderswoher Bekannte enthält oder sich
    am ehesten ihm anschlieBt. So bei Jung die Aktualitát und die
    Regression, bei Adler die egoistischen Motive. Zurückgelassen,
    als Irrtum verworfen, wird aber gerade das, was an der Psycho-
    analyse neu ist und ihr eigentümlich zukommt. Auf diesem Wege
    lassen sich die revolutionären VorstóBe der unbequemen Psycho-
    analyse am leichtesten zuriickweisen.

    Es ist nicht überflüssig hervorzuheben, daß keines der Momente,
    welche die gegnerische Auffassung zum Verstündnis der Kindheits-
    szenen heranzieht, von Jung als Neuheit gelehrt zu werden

    1) Ich ziehe aus guten Gründen vor zu sagen: Die Abwendung der Libido von
    den aktuellen Konflikten. ps

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 495

    brauchte. Der aktuelle Konflikt, die Abwendung von der Realität,
    die Ersatzbefriedigung in der Phantasie, die Regression auf
    Material der Vergangenheit, dies alles hat, und zwar in der
    nåmlichen Zusammenfiigung, vielleicht mit geringer Abånderung
    der Terminologie, von jeher einen integrierenden Bestandteil
    meiner eigenen Lehre gebildet. Es war nicht das Ganze derselben,
    nur der Anteil der Verursachung, der von der Realitit her zur
    Neurosenbildung in regressiver Richtung einwirkt. Ich habe da-
    neben noch Raum gelassen fiir einen zweiten progredienten Ein-
    fluB, der von den Kindheitseindriicken her wirkt, der vom Leben
    zurückweichenden Libido den Weg weist und die sonst un-
    erklårliche Regression auf die Kindheit verstehen läßt. So wirken
    die beiden Momente nach meiner Auffassung bei der Symptom-
    bildung zusammen, aber ein fritheres Zusammenwirken scheint
    mir ebenso bedeutungsvoll. Ich behaupte, daß der Kindheits-
    einfluB sich bereits in der Anfangssituation der Neu-
    rosenbildung fühlbar macht, indem er in entscheidender
    Weise mitbestimmt, ob und an welcher Stelle das Indivi-
    duum in der Bewältigung der realen Probleme des Lebens
    versagt.

    Im Streit steht also die Bedeutung des infantilen Moments.
    Die Aufgabe geht dahin, einen Fall zu finden, der diese Be-
    deutung, jedem Zweifel entzogen, erweisen kann. Ein solcher ist
    aber der Krankheitsfall, den wir hier so ausführlich behandeln,
    der durch den Charakter ausgezeichnet ist, daß der Neurose im
    späteren Leben eine Neurose in frühen Jahren der ・Kindheit
    vorhergeht. Gerade darum habe ich ja diesen Fall zur Mitteilung
    gewählt. Sollte jemand ihn etwa darum ablehnen wollen, weil
    ihm die Tierphobie nicht wichtig genug erscheint, um als selb-
    ständige Neurose anerkannt zu werden, so will ich ihn darauf
    verweisen, daß ohne Intervall an diese Phobie ein Zwangszere-
    moniell, Zwangshandlungen und Gedanken anschließen, von denen
    in den folgenden Abschnitten dieser Schrift die Rede sein wird.

  • S.

    494 Krankengeschichten

    Eine neurotische Erkrankung im vierten und fünften Jahr der
    Kindheit beweist vor allem, daB die infantilen Erlebnisse fiir
    sich allein im stande sind, eine Neurose zu produzieren, ohne
    daB es dazu der Flucht vor einer im Leben gestellten Aufgabe
    bedürfte. Man wird einwenden, daß auch an das Kind unaus-
    gesetzt Aufgaben herantreten, denen es sich vielleicht entziehen
    måchte. Das ist richtig, aber das Leben eines Kindes vor der
    Schulzeit ist leicht zu iibersehen, man kann ja untersuchen, ob
    sich eine die Verursachung der Neurose bestimmende „Aufgabe“
    darin findet. Man entdeckt aber nichts anderes als Triebregungen,
    deren Befriedigung dem Kind unmöglich, deren Bewältigung es
    nicht gewachsen ist, und die Quellen, aus denen diese fließen.

    Die enorme Verkiirzung des Intervalls zwischen dem Ausbruch
    der Neurose und der Zeit der in Rede stehenden Kindheits-
    erlebnisse låBt, wie zu erwarten stand, das regressive Stiick der
    Verursachung aufs åuBerste einschrumpfen und bringt den pro-
    gredienten Anteil derselben, den Einfluß früherer Eindrücke,
    unverdeckt zum Vorschein. Von diesem Verhältnis wird diese
    Krankengeschichte, wie ich hoffe, ein deutliches Bild geben. Auf
    die Frage nach der Natur der Urszenen oder frühesten in der
    Analyse eruierten Kindheitserlebnisse gibt die Kindheitsneurose
    noch aus anderen Gründen eine entscheidende Antwort.

    Nehmen wir als unwidersprochene Voraussetzung an, daß eine
    solche Urszene technisch richtig entwickelt worden sei, daß sie
    unerläßlich sei zur zusammenfassenden Lösung aller Rätsel, welche
    uns die Symptomatik der Kindheitserkrankung aufgibt, daß alle
    Wirkungen von ihr ausstrahlen, wie alle Fäden der Analyse zu
    ihr hingeführt haben, so ist es mit Rücksicht auf ihren Inhalt
    unmöglich, daß sie etwas anderes sei als die Reproduktion einer
    vom Kinde erlebten Realität. Denn das Kind kann wie auch
    der Erwachsene Phantasien nur produzieren mit irgendwo er-
    worbenem Material; die Wege dieser Erwerbung sind dem Kinde
    zum Teil (wie die Lektüre) verschlossen, der für die Erwerbung

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 495

    zu Gebote stehende Zeitraum ist kurz und leicht nach solchen
    Quellen zu durchforschen.

    In unserem Falle enthålt die Urszene das Bild des geschlecht-
    lichen Verkehrs zwischen den Eltern in einer fiir gewisse Beob-
    achtungen besonders giinstigen Stellung. Es wiirde nun gar nichts
    fiir die Realität dieser Szene beweisen, wenn wir sie bei einem
    Kranken fånden, dessen Symptome, also die Wirkungen der Szene,
    irgendwann in seinem spiiteren Leben hervorgetreten wåren. Ein
    solcher kann zu den verschiedensten Zeitpunkten des langen Inter-
    valls die Findriicke, Vorstellungen und Kenntnisse erworben haben,
    die er dann in ein Phantasiebild verwandelt, in seine Kindheit
    zurückprojiziert und an seine Eltern heftet. Aber wenn die
    Wirkungen einer solchen Szene im vierten und fünften Lebens-
    jahr hervortreten, so muß das Kind diese Szene in noch früherem
    Alter mitangesehen haben. Dann bleiben aber alle die befrem-
    denden Folgerungen aufrecht, die sich uns aus der Analyse der
    infantilen Neurose ergeben haben. Es sei denn, es wolle jemand
    annehmen, der Patient habe nicht nur diese Urszene unbewußt
    phantasiert, sondern ebenso seine Charakterveränderung, seine
    Wolfsangst und seinen religiösen Zwang konfabuliert, welcher
    Auskunft aber sein sonstiges nüchternes Wesen und die direkte
    Tradition in seiner Familie widersprechen würde. Es muß also
    dabei bleiben, — ich sehe keine andere Möglichkeit, — entweder
    ist die von seiner Kindheitsneurose ausgehende Analyse überhaupt
    ein Wahnwitz, oder es ist alles so richtig, wie ich es oben dar-
    gestellt habe.

    Wir haben an einer früheren Stelle auch an der Zweideutig-
    keit AnstoB genommen, daB des Patienten Vorliebe fir die weib-
    lichen Nates und får den Koitus in derjenigen Stellung, bei
    der diese besonders hervortreten, eine Ableitung von dem beob-
    achteten Koitus der Eltern zu fordern schien, wåhrend doch
    solche Bevorzugung ein allgemeiner Zug der zur Zwangsneurose
    disponierten archaischen Konstitutionen ist. Hier bietet sich eine

  • S.

    496 Krankengeschichten

    nahe liegende Auskunft, die den Widerspruch als Uberdeter-
    minierung lost. Die Person, an welcher er diese Position beim
    Koitus beobachtet, war doch sein leiblicher Vater, von dem er
    diese konstitutionelle Vorliebe auch ererbt haben konnte. Weder
    die spåtere Krankheit des Vaters noch die Familiengeschichte
    sprechen dagegen; ein Vatersbruder ist, wie bereits erwåhnt, in
    einem Zustand gestorben, der als Ausgang eines schweren Zwangs-
    leidens aufgefaBt werden muß,

    Wir erinnern uns in diesem Zusammenhange, daB die Schwester
    bei der Verführung des 5'/,jührigen Knaben gegen die brave alte
    Kinderfrau die sonderbare Verleumdung ausgesprochen, sie stelle
    alle Leute auf den Kopf und greife ihnen dann an die Genita-
    lien." Es mußte sich uns da die Idee aufdrüngen, daß vielleicht
    auch die Schwester in ühnlich zartem Alter dieselbe Szene mit-
    angesehen wie spüter der Bruder und sich daher die Anregung
    für das Auf-den-Kopf-stellen beim sexuellen Akt geholt hätte.
    Diese Annahme brichte auch einen Hinweis auf eine Quelle
    ihrer eigenen sexuellen Voreiligkeit.

    [Ich hatte ursprünglich nicht die Absicht, die Diskussion über
    den Realwert der ,,Urszenen“ an dieser Stelle weiter zu führen,
    aber da ich unterdes veranlaDt worden bin, dieses Thema in
    meinen ,Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse^ in
    breiterem Zusammenhange und nicht mehr in polemischer Absicht
    zu behandeln, so wire es irreführend, wollte ich die Anwendung
    der dort bestimmenden Gesichtspunkte auf den uns hier vor-
    liegenden Fall unterlassen. Ich setze also ergänzend und berich-
    tigend fort: Es ist doch noch eine andere Auffassung der dem
    Traume zu Grunde liegenden Urszene möglich, welche die vorhin
    getroffene Entscheidung um ein gutes Stück ablenkt und uns
    mancher Schwierigkeiten überhebt. Die Lehre, welche die Infan-
    tilszenen zu regressiven Symbolen herabdrücken will, wird zwar
    auch bei dieser Modifikation nichts gewinnen; sie scheint mir

    1) Vgl. S. 455.

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 497

    überhaupt durch diese — wie durch jede andere — Analyse
    einer Kinderneurose endgültig erledigt.

    Ich meine nämlich, man kann sich den Sachverhalt auch in
    folgender Art zurechtlegen. Auf die Annahme, daß das Kind
    einen Koitus beobachtet, durch dessen Anblick es die Uberzeugung
    gewonnen, daß die Kastration mehr sein könne als eine leere
    Drohung, können wir nicht verzichten; auch läßt uns die Be-
    deutung, welche spåterhin den Stellungen von Mann und Weib
    für die Angstentwicklung und als Liebesbedingung zukommt,
    keine andere Wahl, als zu schlieBen, es miisse ein coitus a tergo,
    more ferarum, gewesen sein. Aber ein anderes Moment ist nicht
    so unersetzlich und mag fallen gelassen werden. Es war vielleicht
    nicht ein Koitus der Eltern, sondern ein Tierkoitus, den das Kind
    beobachtet und dann auf die Eltern geschoben, als ob es erschlossen
    hätte, die Eltern machten es auch nicht anders.

    Dieser Auffassung kommt vor allem zu gute, daß die Wölfe
    des Traumes ja eigentlich Schåferhunde sind und auch in der
    Zeichnung als solche erscheinen. Kurz vor dem Traum war der
    Knabe wiederholt zu den Schafherden mitgenommen worden, wo
    er solche große weiße Hunde sehen und sie wahrscheinlich auch
    beim Koitus beobachten konnte. Ich möchte auch die Dreizahl,
    die der Träumer ohne jede weitere Motivierung hinstellte, hieher
    beziehen und annehmen, es sei ihm im Gedächtnis geblieben,
    daß er drei solcher Beobachtungen an den Schäferhunden gemacht.
    Was in der erwartungsvollen Erregtheit seiner Traumnacht hin-
    zukam, war dann die Übertragung des kürzlich gewonnenen
    Erinnerungsbildes mit allen seinen Einzelheiten auf die Eltern,
    wodurch aber erst jene mächtigen Affektwirkungen ermöglicht
    wurden. Es gab jetzt ein nachträgliches Verständnis jener viel-
    leicht vor wenigen Wochen oder Monaten empfangenen Ein-
    drücke, ein Vorgang, wie ihn vielleicht jeder von uns an sich
    selbst erlebt haben mag. Die Übertragung von den koitierenden
    Hunden auf die Eltern vollzog sich nun nicht mittels eines an

    Freud, VIIL 52

  • S.

    498 Krankengeschichten

    Worte gebundenen SchluBverfahrens, sondern indem eine reale
    Szene vom Beisammensein der Eltern in der Erinnerung aufge-
    sucht wurde, welche sich mit der Koitussituation verschmelzen
    ließ. Alle in der Traumanalyse behaupteten Details der Szene
    mochten genau reproduziert sein. Es war wirklich an einem
    Sommernachmittag, wihrend das Kind an Malaria litt, die Eltern
    waren in weiBer Kleidung beide anwesend, als das Kind aus
    seinem Schlaf erwachte, aber — die Szene war harmlos. Das
    Übrige hatte der spätere Wunsch des WiBbegierigen, auch die
    Eltern bei ihrem Liebesverkehr zu belauschen, auf Grund seiner
    Erfahrungen an den Hunden hinzugefügt, und nun entfaltete die
    so phantasierte Szene alle die Wirkungen, die wir ihr nachgesagt
    haben, die nåmlichen, als ob sie durchaus real gewesen und nicht
    aus zwei Bestandteilen, einem früheren indifferenten und einem
    späteren, höchst eindrucksvollen, zusammengekleistert worden wire.

    Es ist sofort ersichtlich, um wieviel das Maß der uns zuge-
    muteten Glaubensleistung erleichtert wird. Wir brauchen nicht
    mehr anzunehmen, daß die Eltern den Koitus in Gegenwart des,
    wenn auch sehr jugendlichen, Kindes vollzogen haben, was fiir
    viele von uns eine unliebsame Vorstellung ist. Der Betrag der
    Nachtråglichkeit wird sehr herabgesetzt; sie bezieht sich jetzt nur
    auf einige Monate des vierten Lebensjahres und greift iiberhaupt
    nicht in die dunkeln ersten Kindheitsjahre zuriick. An dem Ver-
    halten des Kindes, welches von den Hunden auf die Eltern iiber-
    trägt und sich vor dem Wolf anstatt vor dem Vater fürchtet,
    bleibt kaum etwas Befremdliches. Es befindet sich ja in der Ent-
    wicklungphase seiner Weltanschauung, die in „Totem und Tabu“
    als die Wiederkehr des Totemismus gekennzeichnet worden ist.
    Die Lehre, welche die Urszenen der Neurosen durch Zuriick-
    phantasieren aus späteren Zeiten aufklären will, scheint in unserer
    Beobachtung trotz des zarten Alters von vier Jahren bei unserem
    Neurotiker eine starke Unterstiitzung zu finden. So jung er ist,
    so hat er es doch zu stande gebracht, einen Eindruck aus dem

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 499

    vierten Jahr durch ein phantasiertes Trauma mit ① リ > Jahren zu
    ersetzen; diese Regression erscheint aber weder ritselhaft noch
    tendenziós. Die Szene, die herzustellen war, mußte gewisse Be-
    dingungen erfüllen, welche infolge der Lebensumstände des
    Tråumers gerade nur in dieser frühen Zeit zu finden waren,
    wie z. B. die eine, daß er sich im Schlafzimmer der Eltern im
    Bette befand.

    Für die Richtigkeit der hier vorgeschlagenen Auffassung wird
    es aber den meisten Lesern geradezu entscheidend scheinen, was
    ich aus den analytischen Ergebnissen an anderen Fällen hinzu-
    geben kann. Die Szene einer Beobachtung des Sexualverkehrs
    der Eltern in sehr früher Kindheit sei sie nun reale Er-
    innerung oder Phantasie — ist in den Analysen neurotischer
    Menschenkinder wahrlich keine Seltenheit. Vielleicht findet sie
    sich ebenso häufig bei den nicht neurotisch Gewordenen. Viel-
    leicht gehört sie zum regelmäßigen Bestand ihres — bewußten
    oder unbewuBten | Erinnerungsschatzes. So oft ich aber eine
    solche Szene durch Analyse entwickeln konnte, zeigte sie dieselbe
    Eigentiimlichkeit, die uns auch bei unserem Patienten stutzig
    machte, sie bezog sich auf den coitus a tergo der allein dem
    Zuschauer die Inspektion der Genitalien ermöglicht. Da braucht
    man wohl nicht linger zu bezweifeln, daB es sich nur um eine
    Phantasie handelt, die vielleicht regelmäßig durch die Beobachtung
    des tierischen Sexualverkehrs angeregt wird. Ja noch mehr; ich
    habe angedeutet, daß meine Darstellung der „Urszene” unvoll-
    ständig geblieben ist, indem ich mir für später aufsparte mitzu-
    teilen, auf welche Weise das Kind den Verkehr der Eltern stört.
    Ich muß jetzt hinzufügen, daß auch die Art dieser Störung in
    allen Fällen die nämliche ist.

    Ich kann mir denken, daß ich mich jetzt schweren Verdächti-
    gungen von Seiten der Leser dieser Krankengeschichte ausgesetzt
    habe. Wenn mir diese Argumente zu Gunsten einer solchen Auf-
    fassung der „Urszene“ zu Gebote standen, wie könnte ich es

    32"

  • S.

    500 Krankengeschichten

    überhaupt verantworten, zuerst eine so absurd erscheinende andere
    zu vertreten? Oder sollte ich im Intervall zwischen der ersten
    Niederschrift der Krankengeschichte und diesem Zusatz jene neuen
    Erfahrungen gemacht haben, die mich zur Abänderung meiner
    anfänglichen Auffassung genötigt haben, und wollte dies aus irgend
    welchen Motiven nicht eingestehen? Ich gestehe dafür etwas
    anderes ein: daß ich die Absicht habe, die Diskussion über den
    Realwert der Urszene diesmal mit einem non liquet zu beschließen.
    Diese Krankengeschichte ist noch nicht zu Ende; in ihrem weiteren
    Verlauf wird ein Moment auftauchen, welches die Sicherheit
    stort, deren wir uns jetzt zu erfreuen glauben. Dann wird wohl
    nichts anderes übrig bleiben als der Verweis auf die Stellen in
    meinen „Vorlesungen“, in denen ich das Problem der Ur-
    phantasien oder Urszenen behandelt habe.]