• S.

    IV
    DER TRAUM UND DIE URSZENE

    Ich habe diesen Traum wegen seines Gehaltes an Märchen-
    stoffen bereits an anderer Stelle publiziert! und werde zunächst
    das dort Mitgeteilte wiederholen:

    „Ich habe geträumt, daß es Nacht ist und ich in meinem Bett
    liege, (mein Bett stand mit dem Fufende gegen das Fenster,
    vor dem Fenster befand sich eine Reihe alter Nufibüume. Ich
    weiß, es war Winter, als ich träumte, und Nachtzeit). Plötzlich
    geht das Fenster von selbst auf, und ich sehe mit großem
    Schrecken, daß auf dem großen Nufibaum vor dem Fenster
    ein paar weiße Wölfe sitzen. Es waren sechs oder sieben Stück.
    Die Wölfe waren ganz weiß und sahen eher aus wie Füchse
    oder Schüferhunde, denn sie hatten "große Schwänze wie
    Füchse und ihre Ohren waren aufgestellt wie bei den Hunden,
    wenn sie auf etwas passen. Unter großer Angst, offenbar, von
    den Wolfen aufgefressen zu werden, schrie ich auf und er-
    wachte. Meine Kinderfrau eilte zu meinen Bett, um nach-
    zusehen, was mit mir geschehen war. Es dauerte eine ganze
    Weile, bis ich überzeugt war, es sei nur ein Traum gewesen,
    so natürlich und deutlich war mir das Bild vorgekommen, wie
    das Fenster aufgeht und die Wolfe auf dem Baume sitzen. Endlich
    beruhigte ich mich, fühlte mich wie von einer Gefahr befreit
    und schlief wieder ein.“

    1) Mirchenstoffe in Trüumen. Int. Zeitschr. f. ürztl. Psychoanalyse, Bd. I. 1915.
    [Bd. III. dieser Gesamtausgabe.]

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 465

    „Die einzige Aktion im Traume war das Aufgehen des Fensters,
    denn die Wolfe saBen ganz ruhig ohne jede Bewegung auf den
    Asten des Baumes, rechts und links vom Stamm und schauten
    mich an. Es sah so aus, als ob sie ihre ganze Aufmerksamkeit
    auf mich gerichtet hätten. — Ich glaube, dies war mein erster
    Angsttraum. Ich war damals drei, vier, höchstens fünf Jahre alt.
    Bis in mein elftes oder zwölftes Jahr hatte ich von da an immer
    Angst, etwas Schreckliches im Traume zu sehen.“

    Er gibt dann noch eine Zeichnung des Baumes mit den
    Wölfen, die seine Beschreibung bestätigt. Die Analyse des Traumes
    fordert nachstehendes Material zu Tage.

    Er hat diesen Traum immer in Beziehung zu der Erinnerung
    gebracht, daB er in diesen Jahren der Kindheit eine ganz un-
    geheuerliche Angst vor dem Bild eines Wolfes in einem Märchen-
    buche zeigte. Die ältere, ihm recht überlegene Schwester pflegte
    ihn zu necken, indem sie ihm unter irgend einem Vorwand

    Freud, VIII. 30

  • S.

    466 Krankengeschichten

    gerade dieses Bild vorhielt, worauf er entsetzt zu schreien begann. Auf
    diesem Bild stand der Wolf aufrecht, mit einem Fuß ausschreitend,
    die Tatzen ausgestreckt und die Ohren aufgestellt. Er meint, dieses
    Bild habe als Illustration zum Märchen von Rotkäppchen gehört,

    Warum sind die Wölfe weiß? Das läßt ihn an die Schafe
    denken, von denen groBe Herden in der Nåhe des Gutes ge-
    halten wurden. Der Vater nahm ihn gelegentlich mit, diese
    Herden zu besuchen, und er war dann jedesmal sehr stolz und
    selig. Spåter — nach eingezogenen Erkundigungen kann es leicht
    kurz vor der Zeit dieses Traumes gewesen sein, — brach unter
    diesen Schafen eine Seuche aus. Der Vater lieB einen Pasteur-
    schüler kommen, der die Tiere impfte, aber sie starben nach
    der Impfung noch zahlreicher als vorher.

    Wie kommen die Wolfe auf den Baum? Dazu fållt ihm eine
    Geschichte ein, die er den GroBvater erzåhlen gehørt. Er kann
    sich nicht erinnern, ob vor oder nach dem Traum, aber ihr
    Inhalt spricht entschieden fiir das erstere. Die Geschichte lautet:
    Ein Schneider sitzt in seinem Zimmer bei der Arbeit, da öffnet
    sich das Fenster und ein Wolf springt herein. Der Schneider
    schlägt mit der Elle nach ihm — nein, verbessert er sich, packt
    ihn beim Schwanz und reiBt ihm diesen aus, so daB der Wolf
    erschreckt davonrennt. Eine Weile spåter geht der Schneider in
    den Wald und sieht plötzlich ein Rudel Wölfe herankommen,
    vor denen er sich auf einen Baum fliichtet. Die Wolfe sind
    zunächst ratlos, aber der Verstiimmelte, der unter ihnen ist und
    sich am Schneider rächen will, macht den Vorschlag, daß einer
    auf den anderen steigen soll, bis der letzte den Schneider
    erreicht hat. Er selbst — es ist ein kriftiger Alter — will die
    Basis dieser Pyramide machen. Die Wölfe tun so, aber der
    Schneider hat den gezüchtigten Besucher erkannt und ruft
    plötzlich wie damals: Packt den Grauen beim Schwanz. Der
    schwanzlose Wolf erschrickt bei dieser Erinnerung, låuft davon
    und die andern purzeln alle herab.

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 467

    In dieser Erzählung findet sich der Baum vor, auf dem im
    Traum die Wölfe sitzen. Sie enthält aber auch eine unzwei-
    deutige Ankniipfung an den Kastrationskomplex. Der alte Wolf
    ist vom Schneider um den Schwanz gebracht worden. Die
    Fuchsschwånze der Wölfe im Traum sind wohl Kompensationen
    dieser Schwanzlosigkeit.

    Warum sind es sechs oder sieben Wölfe? Diese Frage schien
    nicht zu beantworten, bis ich den Zweifel aufwarf, ob sich sein
    Angstbild auf das Rotkåppchenmårchen bezogen haben könne.
    Dies Märchen gibt nur Anlaß zu zwei Illustrationen, zur
    Begegnung des Rotkåppchens mit dem Wolf im Walde und zur
    Szene, wo der Wolf mit der Haube der GroBmutter im Bette
    liegt. Es müsse sich also ein anderes Märchen hinter der
    Erinnerung an das Bild verbergen. Er fand dann bald, daB es
    mur die Geschichte vom Wolf und den sieben GeiBlein sein
    könne. Hier findet sich die Siebenzahl, aber auch die Sechs, denn
    der Wolf friBt nur sechs GeiBlein auf, das siebente versteckt
    sich im Uhrkasten. Auch das Weiß kommt in dieser Geschichte
    vor, denn der Wolf 1886 sich beim Bicker die Pfote weiß
    machen, nachdem ihn die GeiBlein bei seinem ersten Besuch an
    der grauen Pfote erkannt haben. Beide Märchen haben übrigens
    viel Gemeinsames. In beiden findet sich das Auffressen, das
    Bauchaufschneiden, die Herausbeförderung der gefressenen Per-
    sonen, deren Ersatz durch schwere Steine, und endlich kommt
    in beiden der 0056 Wolf um. Im Märchen von den Се! ет
    kommt auch noch der Baum vor. Der Wolf legt sich nach der
    Mahlzeit unter einen Baum und schnarcht.

    Ich werde mich mit diesem Traum wegen eines besonderen
    Umstandes noch an anderer Stelle beschäftigen müssen und ihn
    dann eingehender deuten und würdigen. Es ist ja ein erster aus
    der Kindheit erinnerter Angsttraum, dessen Inhalt im Zusammen-
    hang mit anderen Träumen, die bald nachher erfolgten, und
    mit gewissen Begebenheiten in der Kinderzeit des Tráumers ein

    30"

  • S.

    468 Krankengeschichten

    Interesse von ganz besonderer Art wachruft. Hier beschrånken
    wir uns auf die Beziehung des Traumes zu zwei Mårchen, die
    viel Gemeinsames haben, zum „Rotkäppchen“ und zum „Wolf
    und die sieben GeiBlein“. Der Eindruck dieser Märchen äußerte
    sich bei dem kindlichen Tråumer in einer richtigen Tierphobie,
    die sich von anderen åhnlichen Fållen nur dadurch auszeichnete,
    daB das Angsttier nicht ein der Wahrnehmung leicht zuging-
    liches Objekt war (wie etwa Pferd und Hund), sondern nur aus
    Erzählung und Bilderbuch gekannt.

    Ich werde ein andermal auseinandersetzen, welche Erklärung
    diese Tierphobien haben und welche Bedeutung ihnen zukommt,
    Vorgreifend bemerke ich nur, daß diese Erklärung sehr zu dem
    Hauptcharakter stimmt, welchen die Neurose des Träumers in
    späteren Lebenszeiten erkennen ließ. Die Angst vor dem Vater
    war das stärkste Motiv seiner Erkrankung gewesen, und die
    ambivalente Einstellung zu jedem Vaterersatz beherrschte sein
    Leben wie sein Verhalten in der Behandlung.

    Wenn der Wolf bei meinem Patienten nur der erste Vater-
    ersatz war, so fragt es sich, ob die Märchen vom Wolf, der
    die Geißlein auffrißt, und vom Rotkäppchen etwas anderes als
    die infantile Angst vor dem Vater zum geheimen Inhalt haben.
    Der Vater meines Patienten hatte übrigens die Eigentümlichkeit
    des „zärtlichen Schimpfens“, die so viele Personen im
    Umgang mit ihren Kindern zeigen, und die scherzhafte Drohung
    „ich fress’ dich auf“ mag in den ersten Jahren, als der später
    strenge Vater mit dem Söhnlein zu spielen und zu kosen pflegte,
    mehr als einmal geäußert worden sein. Eine meiner Patienten
    erzählte mir, daß ihre beiden Kinder den Großvater nie lieb ge-
    winnen konnten, weil er sie in seinem zirtlichen Spiel zu
    schrecken pflegte, er werde ihnen den Bauch aufschneiden.

    1) Vgl. die von O. Rank hervorgehobene Ähnlichkeit dieser beiden Märchen mit
    dem Mythus von Kronos (Vélkerpsychologische Parallelen zu den infantilen Sexual-
    theorien. Zentralblatt f. Psychoanalyse, II, 8.)

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 469

    Lassen wir nun all das beiseite, was in diesem Aufsatze der
    Verwertung des Traumes vorgreift, und kehren wir zu seiner
    nächsten Deutung zurück. Ich will bemerken, daß diese Deutung
    eine Aufgabe war, deren Lösung sich durch mehrere Jahre hin-
    zog. Der Patient hatte den Traum sehr frühzeitig mitgeteilt und
    sehr bald meine Überzeugung angenommen, daD hinter ihm die
    Verursachung seiner infantilen Neurose verborgen sei. Wir kamen
    im Laufe der Behandlung oft auf den Traum zurück, aber erst
    in den letzten Monaten der Kur gelang es, ihn ganz zu ver-
    stehen, und zwar dank der spontanen Arbeit des Patienten. Er
    hatte immer hervorgehoben, daß zwei Momente des Traumes
    den größten Eindruck auf ihn gemacht hätten, erstens die
    völlige Ruhe und Unbeweglichkeit der Wölfe und zweitens die
    gespannte Aufmerksamkeit, mit der sie alle auf ihn schauten.
    Auch das nachhaltige Wirklichkeïtsgefühl, in das der Traum
    auslief, erschien ihm beachtenswert.

    An dies letztere wollen wir anknüpfen. Wir wissen aus den
    Erfahrungen der Traumdeutung, daß diesem Wirklichkeitsgefühl
    eine bestimmte Bedeutung zukommt. Es versichert uns, daß
    etwas in dem latenten Material des Traumes den Anspruch auf
    Wirklichkeit in der Erinnerung erhebt, also daB der Traum sich
    auf eine Begebenheit bezieht, die wirklich vorgefallen und nicht
    bloß phantasiert worden ist. Natürlich kann es sich nur um die
    Wirklichkeit von etwas Unbekanntem handeln; die Überzeugung
    z. B., daB der Großvater wirklich die Geschichte vom Schneider
    und vom Wolf erzählt, oder daß ihm wirklich die Märchen vom
    Rotkäppchen und von den sieben GeiBlein vorgelesen worden
    waren, kónnte sich niemals durch das den Traum überdauernde
    Wirklichkeitsgefúhl ersetzen. Der Traum schien auf eine Begeben-
    heit hinzudeuten, deren Realität so recht im Gegensatz zur
    Irrealitåt der Märchen betont wird.

    Wenn eine solche unbekannte, d. h. zur Zeit des Traumes bereits
    vergessene Szene hinter dem Inhalt des Traumes anzunehmen

  • S.

    470 Krankengeschichten

    war, so mußte sie sehr früh vorgefallen sein. Der Träumer sagt ja:
    ich war, als ich den Traum hatte, drei, vier, höchstens fünf Jahre
    alt. Wir können hinzufügen: und wurde durch den Traum an etwas
    erinnert, was einer noch früheren Zeit angehört haben mußte.

    Zum Inhalt dieser Szene mußte führen, was der Träumer aus
    dem manifesten Trauminhalt hervorhob, die Momente des auf-
    merksamen Schauens und der Bewegungslosigkeit. Wir erwarten
    natürlich, daß dies Material das unbekannte Material der Szene
    in irgend einer Entstellung wiederbringt, vielleicht sogar in der
    Entstellung zur Gegensitzlichkeit.

    Aus dem Rohstoff, welchen die erste Analyse mit dem Patienten
    ergeben hatte, waren gleichfalls mehrere Schliisse zu ziehen, die
    in den gesuchten Zusammenhang einzufiigen waren. Hinter der
    Erwåhnung der Schafzucht waren die Belege fiir seine Sexual-
    forschung zu suchen, deren Interessen er bei seinen Besuchen
    mit dem Vater befriedigen konnte, aber auch Andeutungen von
    Todesangst muBten dabei sein, denn die Schafe waren ja zum
    größten Teil an der Seuche gestorben. Was im Traum das Vor-
    dringlichste war, die Wolfe auf dem Baume, führte direkt zur
    Erzählung des GroBvaters, an welcher kaum etwas anderes als
    die Ankniipfung an das Kastrationsthema das Fesselnde und den
    Traum Anregende gewesen sein konnte.

    Wir hatten aus der ersten unvollständigen Analyse des Traumes
    ferner erschlossen, daß der Wolf ein Vaterersatz sei, so daß dieser
    erste Angsttraum jene Angst vor dem Vater zum Vorschein
    gebracht hitte, welche von nun an sein Leben beherrschen sollte,
    Dieser Schluß selbst war allerdings noch nicht verbindlich. Wenn
    wir aber als Ergebnis der vorläufigen Analyse zusammenstellen,
    was sich aus dem vom Träumer gelieferten Material ableitet, so
    liegen uns etwa folgende Bruchstücke zur Rekonstruktion vor:

    Eine wirkliche Begebenheit — aus sehr früher Zeit —
    Schauen — Unbewegtheit — Sexualprobleme — Kastration
    — der Vater — etwas Schreckliches.

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 471

    Eines Tages begann der Patient die Deutung des Traumes
    fortzusetzen. Die Stelle des Traumes, meinte er, in der es heißt:
    Plötzlich geht das Fenster von selbst auf, ist durch die Beziehung
    zum Fenster, an dem der Schneider sitzt, und durch das der
    Wolf ins Zimmer kommt, nicht ganz aufgeklärt. Es muß die
    Bedeutung haben: die Augen gehen plötzlich auf. Also ich schlafe
    und erwache plötzlich, dabei sehe ich etwas: den Baum mit den
    Wölfen. Dagegen war nichts einzuwenden, aber es ließ weitere
    Ausniitzung zu. Er war erwacht und hatte etwas zu sehen be-
    kommen. Das aufmerksame Schauen, das im Traum den Wölfen
    zugeschrieben wird, ist vielmehr auf ihn zu schieben. Da hatte
    an einem entscheidenden Punkte eine Verkehrung stattgefunden,
    die sich übrigens durch eine andere Verkehrung im manifesten
    Trauminhalt anzeigt. Es war ja auch eine Verkehrung, wenn die
    Wölfe auf dem Baum saßen, während sie sich in der Erzählung
    des GroDvaters unten befanden und nicht auf den Baum steigen
    konnten.

    Wenn nun auch das andere vom Tråumer betonte Moment
    durch eine Verkehrung oder Umkehrung entstellt wire? Dann
    müßte es anstatt Bewegungslosigkeit (die Wölfe sitzen regungslos
    da, schauen auf ihn, aber riihren sich nicht) heiBen: heftigste
    Bewegung. Er ist also plötzlich erwacht und hat eine Szene von
    heftiger Bewegtheit vor sich gesehen, auf die er mit gespannter
    Aufmerksamkeit schaute. In dem einen Falle bestünde die Ent-
    stellung in einer Vertauschung von Subjekt und Objekt, Aktivitåt
    und Passivität, angeschaut werden anstatt anschauen, im" anderen
    Falle in einer Verwandlung ins Gegenteil: Ruhe anstatt Be-
    wegtheit.

    Einen weiteren Fortschritt im Verständnis des Traumes brachte
    ein andermal der plötzlich auftauchende Einfall: Der Baum ist
    der Weihnachtsbaum. Jetzt wußte er, der Traum war kurz vor
    Weihnachten in der Weihnachtserwartung geträumt worden. Da
    der Weihnachtstag auch sein Geburtstag war, ließ sich der Zeit-

  • S.

    472 Krankengeschichten

    punkt des Traumes und der von ihm ausgehenden Wandlung
    nun mit Sicherheit feststellen. Es war knapp vor seinem vierten
    Geburtstag. Er war also eingeschlafen in der gespannten Er-
    wartung des Tages, der ihm eine doppelte Beschenkung bringen
    sollte. Wir wissen, daß das Kind unter solchen Verhältnissen
    leicht die Erfüllung seiner Wünsche im Traum antizipiert. Es
    war also schon Weihnacht im Traume der Inhalt des Traumes
    zeigte ihm seine Bescherung, am Baume hingen die fiir ihn be-
    stimmten Geschenke. Aber anstatt der Geschenke waren es —
    Wölfe geworden, und der Traum endigte damit, daß er Angst
    bekam, vom Wolf (wahrscheinlich vom Vater) gefressen zu
    werden, und seine Zuflucht zur Kinderfrau nahm. Die Kenntnis
    seiner Sexualentwicklung vor dem Traum macht es uns möglich,
    die Lücke im Traume auszufüllen und die Verwandlung der
    Befriedigung in Angst aufzuklären. Unter den traumbildenden
    Wünschen muß sich, als der stärkste, der nach der sexuellen
    Befriedigung geregt haben, die er damals vom Vater ersehnte.
    Der Stärke dieses Wunsches gelang es, die längst vergessene
    Erinnerungsspur einer Szene aufzufrischen, die ihm zeigen konnte,
    wie die Sexualbefriedigung durch den Vater aussah, und das
    Ergebnis war Schreck. Entsetzen vor der Erfüllung dieses
    Wunsches, Verdrängung der Regung, die sich durch diesen
    Wunsch dargestellt hatte, und darum Flucht vom Vater weg zur
    ungefåhrlicheren Kinderfrau.

    Die Bedeutung dieses Weihnachtstermins war in der angeb-
    lichen Erinnerung erhalten geblieben, daß er den ersten Wut-
    anfall bekommen, weil er von den Weihnachtsgeschenken un-
    befriedigt gewesen war. Die Erinnerung zog Richtiges und
    Falsches zusammen, sie konnte nicht ohne Abänderung Recht
    haben, denn nach den oft wiederholten Aussagen der Eltern
    war seine Schlimmheit bereits nach deren Rückkehr im Herbst
    und nicht erst zu Weihnachten aufgefallen, aber das Wesent-
    liche der Beziehungen zwischen mangelnder Liebesbefriedigung,

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 473

    Wut und Weihnachtszeit war in der Erinnerung festgehalten
    worden.

    Welches Bild konnte aber die nüchtlicherweise wirkende,
    sexuelle Sehnsucht heraufbeschworen haben, das imstande war,
    so intensiv von der gewünschten Erfüllung abzuschrecken? Dieses
    Bild mußte nach dem Material der Analyse eine Bedingung
    erfüllen, es mußte geeignet sein, die Überzeugung von der
    Existenz der Kastration zu begründen. Die Kastrationsangst
    wurde dann der Motor der Affektverwandlung.

    Hier kommt nun die Stelle, an der ich die Anlehnung an
    den Verlauf der Analyse verlassen muB. Ich fürchte, es wird
    auch die Stelle sein, an der der Glaube der Leser mich ver-
    lassen wird.

    Was in jener Nacht aus dem Chaos der unbewuBten Ein-
    drucksspuren aktiviert wurde, war das Bild eines Koitus zwischen
    den Eltern unter nicht ganz gewöhnlichen und für die Beob-
    achtung besonders günstigen Umständen. Es gelang allmählich,
    für alle Fragen, die sich an diese Szene knüpfen konnten, be-
    friedigende Antwor:

    zu erhalten, indem jener erste Traum im
    Verlauf der Kur in ungezåhlten Abänderungen und Neuauflagen
    wiederkehrte, zu denen die Analyse die gewünschten Auf-
    klårungen lieferte. So stellte sich zunächst das Alter des Kindes
    bei der Beobachtung heraus, etwa 1'/2 Jahre. Er litt damals an
    einer Malaria, deren Anfall tüglich zu bestimmter Stunde wieder-
    kehrte^ Von seinem zehnten Jahr an war er zeitweise Stim-
    mungen von Depression unterworfen, die am Nachmittag ein-
    setzten und um die fünfte Stunde ihre Hóhe erreichten. Dieses
    Symptom bestand noch zur Zeit der analytischen Behandlung.
    Die wiederkehrende Depression ersetzte den damaligen Fieber-

    1) Daneben käme mit weit geringerer Wahrscheinlichkeit. eigentlich kaum halt-
    bar, das Alter von 1/2 Jahr in Betracht.

    2) Vgl die späteren Umbildungen dieses Moments in der Zwangsneurose. In den
    Träumen während der Kur Ersetzung durch einen heftigen Wind (aria = Luft).

  • S.

    474 Krankengeschichten

    oder Mattigkeitsanfall; die fünfte Stunde war entweder die Zeit
    der Fieberhóhe oder die der Koitusbeobachtung, wenn nicht
    beide Zeiten zusammenfallen. Er befand sich wahrscheinlich
    gerade dieses Krankseins wegen im Zimmer der Eltern. Diese
    auch durch direkte Tradition erhirtete Erkrankung legt uns
    nahe, den Vorfall in den Sommer zu verlegen und damit fir
    den am Weihnachtstag Geborenen ein Alter von n ナ 17/2 Jahre
    anzunehmen. Er hatte also im Zimmer der Eltern in seinem
    Bettchen geschlafen und erwachte, etwa infolge des steigenden
    Fiebers, am Nachmittag, vielleicht um die spåter durch De-
    pression ausgezeichnete fünfte Stunde. Es stimmt zur Annahme
    eines heiBen Sommertages, wenn sich die Eltern halb entkleidet?
    zu einem Nachmittagsschlåfchen zurückgezogen hätten. Als er
    erwachte, wurde er Zeuge eines dreimal wiederholten? coitus a
    tergo, konnte das Genitale der Mutter wie das Glied des Vaters
    sehen und verstand den Vorgang wie dessen Bedeutung.* Endlich
    størte er den Verkehr der Eltern auf eine Weise, von der spiter-
    hin die Rede sein wird.

    Im Grunde ist es nichts AuBerordentliches, macht nicht den
    Eindruck des Produkts einer ausschweifenden Phantasie, daß ein
    junges, erst wenige Jahre verheiratetes Ehepaar an einen Nach-
    mittagsschlaf zu heißer Sommerszeit einen zärtlichen Verkehr an-
    schließt und sich dabei über die Gegenwart des ュ 。 Jahre alten,
    in seinem Bettchen schlafenden Knåbleins hinaussetzt. Ich meine

    1) Man bringe damit zusammen, daB der Patient zu seinem Traum nur fiinf
    Wölfe gezeichnet hat, obwohl der Text des Traumes von 6 oder 7 spricht.

    2) In weißer Wäsche, die weißen Wolfe.

    5) Woher dreimal? Er stellte plötzlich ¿inmal die Behauptung auf, daß ich
    dieses Detail durch Deutung eruicrt hätte, Das traf nicht zu. Es war ein spontaner,
    weiterer Kritik entzogener Eiriall, den er nach seiner Gewohnheit mir zuschob unu
    ihn durch diese Projektion vertrauenswiirdig machte.

    4) Ich meine, er verstand ihn zur Zeit des Traumes mit 4 Jahren, nicht zur Zeit
    der Beobachtung. Mit 1 1/2 Jahren holte er sich die Eindrücke, deren nachträgliches
    Verständnis ihm zur Zeit des Traumes durch seine Entwicklung, seine sexuelle Er-
    regung und seine Sexualfocschung ermöglicht wurde.

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 475

    vielmehr, es wäre etwas durchaus Banales, Alltägliches, und auch
    die erschlossene Stellung beim Koitus kann an diesem Urteil
    nichts ändern. Besonders da aus dem Beweismaterial nicht her-
    vorgeht, daB der Koitus jedesmal in der Stellung von rückwärts
    vollzogen wurde. Ein einziges Mal hätte ja hingereicht, um dem
    Zuschauer die Gelegenheit zu Beobachtungen zu geben, die durch
    eine andere Lage der Liebenden erschwert oder ausgeschlossen
    wären. Der Inhalt dieser Szene selbst kann also kein Argument
    gegen ihre Glaubwürdigkeit sein. Das Bedenken der Unwahr-
    scheinlichkeit wird sich gegen drei andere Punkte richten: da-
    gegen, daß ein Kind in dem zarten Alter von ュ リ 。 Jahren im-
    stande sein sollte, die Wahrnehmungen eines so komplizierten
    Vorganges aufzunehmen und sie so getreu in seinem Unbewußten
    zu bewahren, zweitens dagegen, daß eine nachträgliche zum Ver-
    ständnis vordringende Bearbeitung der so empfangenen Eindrücke
    zu 4 Jahren möglich ist, und endlich, daß es durch irgend ein
    Verfahren gelingen sollte, die Einzelheiten einer solchen Szene,
    unter solchen Umständen erlebt und verstanden, in zusammen-
    hängender und überzeugender Weise bewußt zu machen.‘

    Ich werde diese und andere Bedenken später sorgfältig prüfen,
    versichere dem Leser, daß ich nicht weniger kritisch als er gegen
    die Annahme einer solchen Beobachtung des Kindes eingestellt
    bin, und bitte ihn, sich mit mir zum vorläufigen Glauben an
    die Realität dieser Szene zu entschließen. Zunächst ‘wollen wir
    das Studium der Beziehungen dieser „Urszene“ zum Traum, zu
    den Symptomen und zur Lebensgeschichte des Patienten fort-

    ı) Man kann sich die erste dieser Schwierigkeiten nicht durch die Annahme
    erleichtern, das Kind sei zur Zeit der Beobachtung doch wahrscheinlich um ein Jahr
    älter gewesen, also 2 1/2 Jahre alt, zu welcher Zeit es eventuell vollkommen sprach-
    fähig sein mag. Für meinen Patienten war eine solche Zeitverschiebung durch alle
    Nebenumstände seines Falles fast ausgeschlossen. Übrigens wolle man in Betracht
    ziehen, das solche Szenen von Beobachtung des elterlichen Koitus in der Analyse keines-
    wegs selten aufgedeckt werden. Ihre Bedingung ist aber gerade, daß sie in die
    früheste Kinderzeit fallen. Je älter das Kind ist, desto sorgfältiger werden auf einem
    gewissen sozialen Niveau die Eltern dem Kinde die Gelegenheit zu solcher Beob-
    achtung versagen.

  • S.

    476 Krankengeschichten

    setzen. Wir werden gesondert verfolgen, welche Wirkungen vom
    wesentlichen Inhalt der Szene und von einem ihrer visuellen
    Eindrücke ausgegangen sind.

    Unter letzterem meine ich die Stellungen, welche er die Eltern
    einnehmen sah, die aufrechte des Mannes und die tierühnlich
    gebückte der Frau. Wir haben schon gehórt, daB ihn in der
    Angstzeit die Schwester mit dem Bild im Mårchenbuch zu
    schrecken pflegte, auf dem der Wolf aufrecht dargestellt war,
    einen Fuß vorgesetzt, die Tatzen ausgestreckt und die Ohren
    aufgestellt. Er ließ sich während der Kur die Mühe nicht ver-
    drieBen, in Antiquarlüden nachzuspüren, bis er das Mürchenbilder-
    buch seiner Kindheit wiedergefunden hatte, und erkannte sein
    Schreckbild in einer Illustration zur Geschichte vom .。W olf und
    den sieben GeiBlein%. Er meinte, die Stellung des Wolfes auf
    diesem Bild hätte ihn an die des "Vaters während der kon-
    struierten Urszene erinnern können. Dieses Bild wurde jedenfalls
    zum Ausgangspunkt weiterer Angstwirkungen. Als er in seinem
    siebenten oder achten Jahr einmal die Ankündigung erhielt,
    morgen werde ein neuer Lehrer zu ihm kommen, trüumte er
    in der nüchstfolgenden Nacht von diesem Lehrer als Lówen, der
    sich laut brüllend in der Stellung des Wolfes auf jenem Bilde
    seinem Bette niherte, und erwachte wiederum mit Angst. Die
    Wolfsphobie war damals bereits überwunden, er hatte darum die
    Freiheit, sich ein neues Angsttier zu wühlen, und anerkannte in
    diesem späten Traum den Lehrer als Vaterersatz. Jeder seiner
    Lehrer spielte in seinen späteren Kinderjahren die gleiche Vater-
    role und wurde mit dem VatereinfluB zum Guten wie zum
    Bósen ausgestattet.

    Das Schicksal schenkte ihm einen sonderbaren AnlaB, seine
    Wolfsphobie in der Gymnasialzeit aufzufrischen und die Relation,
    die ihr zu Grunde lag, zum Ausgang schwerer Hemmungen zu
    machen. Der Lehrer, der den lateinischen Unterricht seiner Klasse
    leitete, hieB Wolf. Er war von Anfang an vor ihm eingeschüchtert,

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 477

    zog sich einmal eine schwere Beschimpfung von ihm zu, weil
    er in einer lateinischen Übersetzung einen dummen Fehler be-
    gangen hatte, und wurde von da an eine lähmende Angst vor
    diesem Lehrer nicht mehr los, die sich bald auf andere Lehrer
    übertrug. Aber die Gelegenheit, bei der er in der Übersetzung
    strauchelte, war auch nicht beziehungslos. Er hatte das lateinische
    Wort filius zu übersetzen und tat es mit dem französischen
    fils anstatt mit dem entsprechenden Wort der Muttersprache.
    Der Wolf war eben noch immer der Vater.

    Das erste der ,,passageren Symptome“,* welches der Patient
    in der Behandlung produzierte, ging noch auf die Wolfsphobie
    und auf das Märchen von den sieben GeiBlein zurück. In dem
    Zimmer, wo die ersten Sitzungen abgehalten wurden, befand sich
    eine große Wandkastenuhr gegenüber vom Patienten, der abge-
    wandt von mir auf einem Divan lag. Es fiel mir auf, daB er
    von Zeit zu Zeit das Gesicht zu mir kehrte, mich sehr freund-
    lich, wie begiitigend ansah und dann den Blick von mir zur
    Uhr wendete. Ich meinte damals, er gebe so ein Zeichen seiner
    Sehnsucht nach Beendigung der Stunde. Lange Zeit später er-
    innnerte mich der Patient an dieses Gebärdenspiel und gab mir
    dessen Erklärung, indem er daran erinnerte, daß das jüngste der
    sieben Geißlein ein Versteck im Kasten der Wanduhr fände,
    während die sechs Geschwister vom Wolf gefressen würden. Er
    wollte also damals sagen: Sei gut mit mir, Muß ich mich vor

    ı) Nach dieser Beschimpfung durch den Lehrer-Wolf, erfuhr er als die allgemeine
    Meinung der Kollegen, daß der Lehrer zur Beschwichtigung — Geld von ihm er-
    warte. Darauf werden wir später zurückkommen. — Ich kann mir vorstellen, welche
    Erleichterung es für eine rationalistische Betrachtung einer solchen Kindergeschichte
    bedeuten würde, wenn sich annehmen ließe, die ganze Angst vor dem Wolf sei in
    Wirklichkeit von dem Lateinlehrer gleichen Namens ausgegangen, in die Kindheit
    zurückprojiziert worden und hätte in Anlehnung an die Marchenillustration die
    Phantasie der Urszene verursacht. Allein das ist unhaltbar; die zeitliche Priorität der
    Wolfsphobie und deren Verlegung in die Kindheitsjahre auf dem ersten Gut ist all-
    zusicher bezeugt. Und der Traum mit 4 Jahren?

    2) Ferenczi, Über passagere Symtombildungen während der Analyse. Zentralbl,
    f. Psychoanalyse, II. 1912 $. 588 ff.

  • S.

    478 Krankengeschichten

    dir fårchten? Wirst du mich auffressen? Soll ich mich wie das
    jüngste GeiBlein im Wandkasten vor dir verstecken?

    Der Wolf, vor dem er sich fürchtete, war unzweifelhaft der
    Vater, aber die Wolfsangst war an die Bedingung der aufrechten
    Stellung gebunden. Seine Erinnerung behauptete mit groBer Be-
    stimmheit, daB Bilder vom Wolf, der auf allen Vieren gehe oder
    wie im Rotkäppchenmärchen im Bett liege, ihn nicht geschreckt
    hitten. Nicht mindere Bedeutung zog die Stellung auf sich, die
    er nach unserer Konstruktion der Urszene das Weib hatte ein-
    nehmen sehen; diese Bedeutung blieb aber auf das sexuelle Ge-
    biet beschränkt. Die auffålligste Erscheinung seines Liebeslebens
    nach der Reife waren Anfälle von zwanghafter sinnlicher Ver-
    liebtheit, die in råtselhafter Folge auftraten und wieder ver-
    schwanden, eine riesige Energie bei ihm auch in Zeiten sonstiger
    Hemmung entfesselten und seiner Beherrschung ganz entzogen
    waren. Ich muB die volle Wiirdigung dieser Zwangslieben wegen
    eines besonders wertvollen Zusammenhanges noch aufschieben,
    aber ich kann hier anfithren, daB sie an eine bestimmte, seinem
    Bewußtsein verborgene Bedingung geknüpft waren, die sich erst
    in der Kur erkennen ließ. Das Weib mußte die Stellung ein-
    genommen haben, die wir der Mutter in der Urszene zuschreiben.
    GroBe, auffillige Hinterbacken empfand er von der Pubertit an
    als den stirksten Reiz des Weibes; ein anderer Koitus als der
    von rückwärts bereitete ihm kaum Genuß. Die kritische Er-
    wägung ist zwar berechtigt, hier einzuwenden, daß solche sexuelle
    Bevorzugung der hinteren Körperpartien ein allgemeiner Charakter
    der zur Zwangsneurose neigenden Personen sei und nicht zur
    Ableitung von einem besonderen Eindruck der Kinderzeit be-
    rechtige. Sie gehöre in das Gefüge der anal-erotischen Veran-
    lagung und zu jenen archaischen Zügen, welche diese Konstitution
    auszeichnen. Man darf die Begattung von rückwärts — more
    ferarum — doch wohl als die phylogenetisch ältere Form auf-
    fassen. Wir werden auch auf diesen Punkt in späterer Diskussion

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 479

    zurückkommen, wenn wir das Material für seine unbewuBte
    Liebesbedingung nachgetragen haben.

    Setzen wir nun in der Erörterung der Beziehungen zwischen
    Traum und Urszene fort. Nach unseren bisherigen Erwartungen
    sollte der Traum dem Kind, das sich auf die Erfüllung seiner
    Wünsche zu Weihnachten freut, dies Bild der Sexualbefriedigung
    durch den Vater vorführen, wie er es in jener Urszene gesehen
    hatte, als Vorbild der eigenen Befriedigung, die er vom Vater
    ersehnt. Anstatt dieses Bildes tritt aber das Material der Geschichte
    auf, die der Großvater kurz vorher erzählt hatte: Der Baum, die
    Wölfe, die Schwanzlosigkeit in der Form der Uberkompensation
    in den buschigen Schwänzen der angeblichen Wölfe. Hier fehlt
    uns ein Zusammenhang, eine Assoziationsbriicke, die von dem
    Inhalt der Urgeschichte zu dem der Wolfgeschichte hiniiberleitet.
    Diese Verbindung wird wiederum durch die Stellung und nur
    durch diese gegeben. Der schwanzlose Wolf fordert in der Er-
    zåhlung des GroBvaters die andern auf, auf ihn zu steigen.
    Durch dieses Detail wurde die Erinnerung an das Bild der Ur-
    szene geweckt, auf diesem Weg konnte das Material der Urszene
    durch das der Wolfsgeschichte vertreten werden, dabei gleich-
    zeitig die Zweizahl der Eltern in erwiinschter Weise durch die
    Mehrzahl der Wölfe ersetzt. Eine nächste Wandlung erfuhr der
    Trauminhalt, indem das Material der Wolfsgeschichte sich dem
    Inhalt des Mårchens von den sieben GeiBlein anpaBte, die Sieben-
    zahl von ihm entlehnte.'

    Die Materialwandlung: Urszene — Wolfsgeschichte — Märchen
    von den sieben GeiBlein — ist die Spiegelung des Gedanken-
    fortschritts wåhrend der Traumbildung: Sehnsucht nach sexueller
    Befriedigung durch den Vater — Einsicht in die daran gekniipfte
    Bedingung der Kastration — Angst vor dem Vater. Ich meine,

    1) 6 oder 7 heißt es im Traum. 6 ist die Anzahl der gefressenen Kinder, das
    siebente rettet sich in den Uhrkasten. Es bleibt strenges Gesetz der Traumdeutung,
    daß jede Einzelheit ihre Aufklärung finde.

  • S.

    480 Krankengeschichten

    der Angsttraum des vierjåhrigen Knaben ist erst jetzt restlos auf-
    geklärt.”

    Über die pathogene Wirkung der Urszene und die Veränderung,
    welche deren Erweckung in seiner Sexualentwicklung hervorruft,
    kann ich mich nach allem, was bisher schon berührt wurde,
    kurz fassen. Wir werden nur diejenige Wirkung verfolgen, welcher
    der Traum Ausdruck gibt. Später werden wir uns klar machen
    müssen, das nicht etwa eine einzige Sexualstromung von der

    ı) Nachdem uns die Synthese dieses Traumes gelungen ist, will ich versuchen,
    die Beziehungen des manifesten Trauminhaltes zu den latenten Traumgedanken
    übersichtlich darzustellen.

    Es ist Nacht, ich liege in meinem Bette, Das letztere ist der Beginn der Reproduktion
    der Urszene. „Es ist Nacht“ ist Entstellung für: ich hatte geschlafen. Die Bemerkung:
    Ich weiß, es war Winter, als ich träumte, und Nachtzeit, bezieht sich auf die Er-
    innerung an den Traum, gehört nicht zu seinem Inhalt, Sie ist richtig, es war eine
    der Nächte vor dem Geburtstag resp. Weihnachtstag.

    Plötzlich geht das Fenster von selbst auf. Zu übersetzen: Plötzlich erwache ich von
    selbst, Erinnerung der Urszene. Der Einfluß der Wolfsgeschichte, in der der Wolf
    durchs Fenster hereinspringt, macht sich modifizierend geltend und verwandelt den
    direkten in einen bildlichen Ausdruck. Gleichzeitig dient die Einführung des Fensters
    dazu, um den folgenden Trauminhalt in der Gegenwart unterzubringen. Am Weih-
    machtsabend geht die Türe plötzlich auf, und man sieht den Baum mit den Geschenken
    vor sich. Hier macht sich also der Einfluß der aktuellen Weihnachtserwartung
    geltend, welche die sexuelle Befriedigung miteinschlieBt.

    Der große Nußbaum, Vertreter des Christbaumes, also aktuell; überdies der Baum
    aus der Wolfsgeschichte, auf den sich der verfolgte Schneider flüchtet, unter dem
    die Wölfe lauern. Der hohe Baum ist auch, wie ich mich oft überzeugen konnte,
    ein Symbol der Beobachtung, des Voyeurtums. Wenn man auf dem Baume sitzt,
    kann man alles sehen, was unten vorgeht, und wird selbst nicht gesehen. Vgl. die
    bekannte Geschichte des Boccaccio und ähnliche Schnurren.

    Die Wölfe. Ihre Zahl: sechs oder sieben. In der Wolfsgeschichte ist es ein Rudel ohne
    angegebene Zahl. Die Zahlbestimmung zeigt den Einfluß des Märchens von den
    sieben Geißlein, von denen sechs gefressen werden. Die Ersetzung der Zweizahl in
    der Urszene durch eine Mehrzahl, welche in der Urszene absurd wäre, ist dem
    Widerstand als Entstellungsmittel willkommen. In der zum Traum gefertigten Zeichnung
    hat der Träumer die 5 zum Ausdruck gebracht, die wahrscheinlich die Angabe: es
    war Nacht, korrigiert.

    Sie sitzen auf dem Baum. Sie ersetzen zunächst die am Baum hängenden Weihnachts-
    geschenke. Sie sind aber auch auf den Baum versetzt, weil das heißen kann, sie
    schauen. In der Geschichte des Großvaters lagern sie unten um den Baum. Ihr Ver-
    hältnis zum Baum ist also im Traum umgekehrt worden, woraus zu schließen ist,
    daß im Trauminhalt noch andere Umkehrungen des latenten Materials vorkommen.

    Sie schauen ihn mit gespannter Aufmerksamkeit an. Dieser Zug ist ganz aus der Urszene,
    auf Kosten einer totalen Verkehrung in den Traum gekommen.

    Sie sind ganz weiß. Dieser an sich unwesentliche, in der Erzählung des Tråumers
    stark betonte Zug verdankt seine Intensität einer ausgiebigen Verschmelzung von

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 481

    Urszene ausgegangen ist, sondern eine ganze Reihe von solchen,
    geradezu eine Aufsplitterung der Libido. Ferner werden wir uns
    vorhalten, daB die Aktivierung dieser Szene (ich vermeide ab-
    sichtlich das Wort: Erinnerung) dieselbe Wirkung hat, als ob sie
    ein rezentes Erlebnis wire. Die Szene wirkt nachträglich und
    hat unterdes, in dem Intervall zwischen 1'/, und 4 Jahren, nichts
    von ihrer Frische eingebiiBt. Vielleicht finden wir im weiteren

    Elementen aus allen Schichten des Materials, und vereinigt dann nebensåchliche
    Details der anderen Traumquellen mit einem bedeutsameren Stück der Urszene.
    Diese letztere Determinierung entstammt wohl der Weiße der Bett- und Leibwische
    der Eltern, dazu das Weiß der Schafherden, der Schäferhunde als Anspielung auf
    seine Sexualforschungen an Tieren, das Weiß in den Märchen von den sieben
    GeiBlein, in dem die Mutter an der Weiße ihrer Hand erkannt wird. Wir werden
    später die weiße Wäsche auch als Todesandeutung verstehen.

    Sie sitzen regungslos da, Hiemit wird dem auffilligsten Inhalt der beobachteten
    Szene widersprochen; der Bewegtheit, welche durch die Stellung, zu der sie führt,
    die Verbindung zwischen Urszene und Wolfsgeschichte herstellt.

    Sie haben Schwänze wie Füchse. Dies soll einem Ergebnis widersprechen, welches
    aus der Einwirkung der Urszene auf die Wolfsgeschichte gewonnen wurde und als
    der wichtigste Schluß der Sexualforschung anzuerkennen ist: Es gibt also wirklich
    eine Kastration. Der Schreck, mit dem dies Denkergebnis
    bricht sich endlich im Traume Bahn und erzeugt dessen Schluß,

    Die Angst, von den Wölfen aufgefressen zu werden, Sie erschien dem Träumer als nicht
    durch den Trauminhalt motiviert. Er sagte, ich hätte mich nicht fürchten müssen,
    denn die Wölfe sahen eher aus wie Füchse oder Hunde, sie fuhren auch nicht auf
    mich los, wie um mich zu beiBen, sondern waren sehr ruhig und gar nicht schrecklich.
    Wir erkennen, daB die Traumarbeit sich eine Weile bemiiht hat, die peinlichen
    Inhalte durch Verwandlung ins Gegenteil unschädlich zu machen. (Sie bewegen
    sich nicht, sie haben ja die schönsten Schwänze.) Bis endlich dieses Mittel versagt
    und die Angst losbricht. Sie findet ihren Ausdruck mit Hilfe des Mårchens, in dem
    die GeiBlein-Kinder vom Wolf-Vater gefressen werden. Möglicherweise hat dieser
    Miircheninhalt selbst an scherzhafte Drohungen des Vaters, wenn er mit dem Kinde
    spielte, erinnert, so daß die Angst, vom Wolf gefressen zu werden, ebensowohl
    Reminiszenz wie Verschiebungsersatz sein könnte.

    Die Wunschmotive dieses Traumes sind handgreifliche; zu den oberflichlichen
    Tageswiinschen, Weihnachten mit seinen Geschenken måge schon da sein (Ungedulds-
    traum), gesellt sich der tiefere, um diese Zeit permanente Wunsch nach der Sexual-
    befriedigung durch den Vater, der sich zunächst durch den Wunsch, das wieder-
    zusehen, was damals so fesselnd war, ersetzt. Dann verlåuft der psychische
    Vorgang von der Erfållung dieses Wunsches in der heraufbeschworenen Urszene
    bis zu der jetzt unvermeidlich gewordenen Ablehnung des Wunsches und der Ver-
    driingung.

    Die Breite und Ausfiihrlichkeit der Darstellung, zu der ich durch das Bemühen
    genötigt bin, dem Leser irgend ein Äquivalent fiir die Beweiskraft einer selbstdurch-
    geführten Analyse zu bieten, mag ihn gleichzeitig davon abbringen, die Publikation
    von Analysen zu verlangen, die sich über mehrere Jahre erstreckt haben.

    Freud, VIII.

    aufgenommen wird,

    ga

  • S.

    482 Krankengeschichten

    noch einen Anhaltspunkt dafiir, daB sie bestimmte Wirkungen
    bereits zur Zeit ihrer Wahrnehmung, also von ュ 。 Jahren an,

    geübt hat.
    Wenn sich der Patient in die Situation der Urszene vertiefte,

    forderte er folgende Selbstwahrnehmungen zu Tage: Er habe
    vorher angenommen, der beobachtete Vorgang sei ein gewalttätiger
    Akt, allein dazu stimmte das vergniigte Gesicht nicht, das er die
    Mutter machen sah; er mußte erkennen, daß es sich um eine
    Befriedigung handle. Das wesentliche Neue, das ihm die Be-
    obachtung des Verkehrs der Eltern brachte, war die Überzeugung
    von der Wirklichkeit der Kastration, deren Möglichkeit seine Ge-
    danken schon vorher beschäftigt hatte. (Der Anblick der beiden
    urinierenden Mädchen, die Drohung der Nanja, die Deutung der
    Gouvernante von den Zuckerstangen, die Erinnerung, daß der
    Vater eine Schlange in Stücke geschlagen.) Denn jetzt sah er
    mit eigenen Augen die Wunde, von der die Nanja gesprochen
    hatte, und verstand, daß ihr Vorhandensein eine Bedingung
    des Verkehrs mit dem Vater war. Er konnte sie nicht mehr

    ı) Der Aussage des Patienten tragen wir vielleicht am ehesten Rechnung, wenn
    wir annehmen, daß der Gegenstand seiner Beobachtung zuerst ein Koitus in normaler
    Stellung gewesen ist, der den Eindruck eines sadistischen Aktes erwecken muß. Erst
    nach diesem sei die Stellung gewechselt worden, so daß er Gelegenheit zu anderen
    Beobachtungen und Urteilen gewann. Allein diese Annahme ist nicht gesichert
    worden, scheint mir auch nicht unentbehrlich. Wir wollen über die abkürzende Dar-
    stellung des Textes die wirkliche Situation nicht außer Auge lassen, daß der Analysierte
    im Alter nach 25 Jahren Eindrücken und Regungen aus seinem vierten Jahr Worte
    verleiht, die er damals nicht gefunden hätte. Vernachlässigt man diese Bemerkung,
    so kann man es leicht komisch und unglaubwürdig finden, daß ein vierjähriges
    Kind solcher fachlicher Urteile und gelehrter Gedanken fähig sein sollte. Es ist dies
    einfach ein zweiter Fall von Nachträglichkeit. Das Kind empfängt mit 1 1/2 Jahren
    einen Eindruck, auf den es nicht genügend reagieren kann, versteht ihn erst, wird
    von ihm ergriffen bei der Wiederbelebung des Eindrucks mit vier Jahren, und kann
    erst zwei Dezennien später in der Analyse mit bewußter Denktätigkeit erfassen, was
    damals in ihm vorgegangen. Der Analysierte setzt sich dann mit Recht über die drei
    Zeitphasen hinweg und setzt sein gegenwärtiges Ich in die längstvergangene Situation
    ein. Wir folgen ihm darin, denn bei korrekter Selbstbeobachtung und Deutung muß
    der Effekt so ausfallen, als ob man die Distanz zwischen der zweiten und der
    dritten Zeitphase vernachlässigen könnte. Auch haben wir kein anderes Mittel, die
    Vorgänge in der zweiten Phase zu beschreiben.

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 485

    wie bei der Beobachtung der kleinen Mådchen mit dem Popo ver-
    wechseln."

    Der Ausgang des Traumes war Angst, von der er sich nicht
    eher beruhigte, als bis er seine Nanja bei sich hatte. Er flüchtete
    sich also zu ihr vom Vater weg. Die Angst war eine Ablehnung
    des Wunsches nach Sexualbefriedigung durch den Vater, welches
    Streben ihm den Traum eingegeben hatte. Thr Ausdruck: vom
    Wolf gefressen zu werden, war nur eine — wie wir hóren
    werden: regressive — Umsetzung des Wunsches, vom Vater
    koitiert, d. h. so befriedigt zu werden wie die Mutter. Sein
    letztes Sexualziel, die passive Einstellung zum Vater, war einer
    Verdrüngung erlegen, die Angst vor dem Vater in Gestalt der
    Wolfsphobie an ihre Stelle getreten.

    Und die treibende Kraft dieser Verdrüngung? Dem ganzen
    Sachverhalt nach konnte es nur die narziBtische Genitallibido
    sein, die sich als Sorge um sein münnliches Glied gegen eine
    Befriedigung stråubte, für die der Verzicht auf dieses Glied Be-
    dingung schien. Aus dem bedrohten NarziBmus schopfte er die
    Minnlichkeit, mit der er sich gegen die passive Einstellung zum
    Vater wehrte.

    Wir werden jetzt darauf aufmerksam, daB wir an diesem Punkte
    der Darstellung unsere Terminologie ändern müssen. Er hatte
    wührend des Traumes eine neue Phase seiner Sexualorganisation
    erreicht. Die sexuellen Gegensätze waren ihm bisher aktiv und
    passiv gewesen. Sein Sexualziel war seit der Verführung ein
    passives, am Genitale berührt zu werden, dann wandelte es sich
    durch Regression auf die frühere Stufe der sadistisch-analen
    Organisation in das masochistische, gezüchtigt, gestraft zu werden.
    Es war ihm gleichgültig, ob er dieses Ziel beim Mann oder
    Weib erreichen sollte. Er war ohne Rücksicht auf den Geschlechts-
    unterschied von der Nanja zum Vater gewandert, hatte von der

    1) Wie er sich mit diesem Anteil des Problems weiter auseinandersetzte, werden
    wir spüter bei der Verfolgung seiner Analerotik erfahren. i
    sv

  • S.

    484 Krankengeschichten

    Nanja verlangt, am Glied berührt‘ zu werden, vom Vater die
    Züchtigung provozieren wollen. Das Genitale kam dabei außer
    Betracht; in der Phantasie, auf den Penis geschlagen zu werden,
    äußerte sich noch der durch die Regression verdeckte Zusammen-
    hang. Nun führte ihn die Aktivierung der Urszene im Traum
    zur genitalen Organisation zurück. Er entdeckte die Vagina und
    die biologische Bedeutung von männlich und weiblich. Er ver-
    stand jetzt, aktiv sei gleich männlich, passiv aber weiblich. Sein
    passives Sexualziel hätte sich jetzt in ein weibliches verwandeln,
    den Ausdruck annehmen müssen: vom Vater koitiert zu werden,
    anstatt: von ihm auf das Genitale oder auf den Popo geschlagen
    zu werden. Dieses feminine Ziel verfiel nun der Verdrängung
    und mußte sich durch die Angst vor dem Wolf ersetzen lassen.

    Wir müssen die Diskussion seiner Sexualentwicklung hier
    unterbrechen, bis aus späteren Stadien seiner Geschichte neues
    Licht auf diese früheren zurückfällt. Zur Würdigung der Wolfs-
    phobie fügen wir noch hinzu, daß Vater und Mutter, beide, zu
    Wölfen wurden. Die Mutter spielte ja den kastrierten Wolf, der
    die anderen auf sich aufsteigen ließ, der Vater den aufsteigenden.
    Seine Angst bezog sich aber, wie wir ihn versichern gehört haben,
    nur auf den stehenden Wolf, also auf den Vater. Ferner muß
    uns auffallen, daß die Angst, in die der Traum ausging, ein Vor-
    bild in der Erzählung des GroBvaters hatte. In dieser wird ja
    der kastrierte Wolf, der die andern auf sich hat steigen lassen,
    von Angst befallen, sowie er an die Tatsache seiner Schwanz-
    losigkeit erinnert wird. Es scheint also, daß er sich während des
    Traumvorganges mit der kastrierten Mutter identifizierte und
    sich nun gegen dieses Ergebnis sträubte. In hoffentlich zutreffen-
    der Übersetzung: Wenn du vom Vater befriedigt werden willst,
    mußt du dir wie die Mutter die Kastration gefallen lassen; das
    will ich aber nicht. Also ein deutlicher Protest der Männlich-
    keit! Machen wir uns übrigens klar, daß die Sexualentwicklung
    des Falles, den wir hier verfolgen, für unsere Forschung den

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilen Neurose

    groBen Nachteil hat, daB sie keine ungestorte ist. Sie wird
    durch die Verführung entscheidend beeinflußt und nun.

    die Szene der Koitusbeobachtung abgelenkt, die nachträglich wie | i
    eine zweite Verführung wirkt.