S.
V.
Das Traummaterial und die Traumquellen.
Als wir aus der Analyse des Traumes von Irma’s Injection
ersehen hatten, dass der Traum eine Wunscherfüllung ist, nahm
uns zunächst das Interesse gefangen, ob wir hiermit einen allge-
meinen Charakter des Traumes aufgedeckt haben, und wir brachten vor-
läufig jede andere wissenschaftliche Neugierde zum Schweigen, die
sich in uns während jener Deutungsarbeit geregt haben mochte.
Nachdem wir jetzt auf dem einen Wege zum Ziel gelangt sind,
dürfen wir zurückkehren und einen neuen Ausgangspunkt für unsere
Streifungen durch die Probleme des Traumes wählen, sollten wir
darüber auch das noch keineswegs voll erledigte Thema der
Wunscherfüllung für eine Weile aus den Augen verlieren.Seitdem wir durch Anwendung unseres Verfahrens der
Traumdeutung einen latenten Trauminhalt aufdecken können,
der an Bedeutsamkeit den manifesten Trauminhalt weit hinter
sich lässt, muss es uns drängen, die einzelnen Traumprobleme von
Neuem aufzunehmen, um zu versuchen, ob sich für uns nicht Räthsel
und Widersprüche befriedigend lösen, die, solange man nur den
manifesten Trauminhalt kannte, unangreifbar erschienen sind.Die Angaben der Autoren über den Zusammenhang des Traumes
mit dem Wachleben, sowie über die Herkunft des Traummaterials
sind im einleitenden Abschnitt ausführlich mitgetheilt worden. Wir
erinnern uns auch jener drei Eigentümlichkeiten des Traumgedächt-
nisses, die so vielfach bemerkt, aber nicht erklärt worden sind:
1. Dass der Traum die Eindrücke der letzten Tage deutlich
bevorzugt [Robert55), Strümpell66), Hildebrandt35), auch
Weed-Hallam33)];
2. dass er eine Auswahl nach anderen Principien als unser
Wachgedächtnis trifft, indem er nicht das Wesentliche und Wichtige,
sondern das Nebensächliche und Unbeachtete erinnert vgl. (Seite 11)
3. dass er die Verfügung über unsere frühesten Kindheits-
eindrücke besitzt und selbst Einzelheiten aus dieser LebenszeitS.
113
hervorholt, die uns wiederum als trivial erscheinen und im Wachen
für längst vergessen gehalten worden sind.*)Diese Besonderheiten in der Auswahl des Traummateriales sind
von den Autoren natürlich am manifesten Trauminhalte beobachtet
worden.a) Das Recente und das Indifferente im Traum.
Wenn ich jetzt in Betreff der Herkunft der im Trauminhalte
auftretenden Elemente meine eigene Erfahrung zu Rathe ziehe, so
muss ich zunächst die Behauptung aufstellen, dass in jedem Traume
eine Anknüpfung an die Erlebnisse des letztabgelaufenen
Tages aufzufinden ist. Welchen Traum immer ich vornehme,
einen eigenen, oder fremden, jedesmal bestätigt sich mir diese
Erfahrung. In Kenntnis dieser Thatsache kann ich etwa die
Traumdeutung damit beginnen, dass ich zuerst nach dem Erlebnis
des Tages forsche, welches den Traum angeregt hat; für viele Fälle
ist dies sogar der nächste Weg. An den beiden Träumen, die ich
im vorigen Abschnitt einer genauen Analyse unterzogen habe (von
Irma’s Injection, von meinem Onkel mit dem gelben Bart) ist die
Beziehung zum Tag so augenfällig, dass sie Keiner weiteren
Beleuchtung bedarf. Um aber zu zeigen, wie regelmässig sich diese
Beziehung erweisen lässt, will ich ein Stück meiner eigenen Traum-
chronik darauf hin untersuchen. Ich theile die Träume nur soweit
mit, als es zur Aufdeckung der gesuchten Traumquelle bedarf.1. Ich mache einen Besuch in einem Hause, wo ich nur mit
Schwierigkeiten vorgelassen werde u. s. w., lasse eine Frau unter
dessen auf mich warten.
Quelle: Gespräch mit einer Verwandten am Abend, dass
eine Anschaffung, die sie verlangt, warten müsse, bis u. s. w.2. Ich habe eine Monographie über eine gewisse (unklar)
Pflanzenart geschrieben.
Quelle: Am Vormittag im Schaufenster einer Buchhandlung
eine Monographie gesehen über die Gattung Cyclamen.3. Ich sehe zwei Frauen auf der Strasse, Mutter und
Tochter, von denen die Letztere meine Patientin war.
Quelle: Eine in Behandlung stehende Patientin hat mir
abends mitgetheilt, welche Schwierigkeiten ihre Mutter einer Fort-
setzung der Behandlung entgegenstellt.4. In der Buchhandlung von S. und R. nehme ich ein
Abonnement auf eine periodische Publication, die jährlich fl. 20 kostet.*)Es ist klar, dass die Auffassung Robert’s, der Traum sei dazu bestimmt,
unser Gedächtnis von den werthlosen Eindrücken des Tages zu entlasten, nicht mehr
zu halten ist, wenn im Traum einigermassen häufig gleichgiltige Erinnerungsbilder
aus unserer Kindheit auftreten. Man müsste den Schluss ziehen, dass der Traum
die ihm zufallende Aufgabe sehr ungenügend zu erfüllen pflegt.Freud, Traumdeutung.
S.
114
Quelle: Meine Frau hat mich am Tage daran erinnert, dass
ich ihr fl. 20 vom Wochengelde noch schuldig bin.5. Ich erhalte eine Zuschrift vom socialdemokratischen
Comité, in der ich als Mitglied behandelt werde.Quelle: Zuschriften erhalten gleichzeitig vom liberalen
Wahlcomité und vom Präsidium des humanitären Vereines, dessen
Mitglied ich wirklich bin.6. Ein Mann auf einem steilen Fels mitten im Meer, in
Böcklin’scher Manier.Quelle: Dreyfus auf der Teufelsinsel, gleichzeitig Nach-
richten von meinen Verwandten in England u. s. w.Man könnte die Frage aufwerfen, ob die Traumknüpfung
unfehlbar an die Ereignisse des letzten Tages erfolgt, oder ob sie
sich auf Eindrücke eines längeren Zeitraumes der jüngsten Ver-
gangenheit erstrecken kann. Dieser Gegenstand kann principielle
Bedeutsamkeit wahrscheinlich nicht beanspruchen, doch möchte ich
mich für das ausschliessliche Vorrecht des letzten Tages vor dem
Traume (des Traumtages) entscheiden. So oft ich zu finden vermeinte,
dass ein Eindruck von zwei oder drei Tagen die Quelle des Traumes
gewesen sei, konnte ich mich doch bei genauerer Nachforschung
überzeugen, dass jener Eindruck am Vortage wieder erinnert worden
war, dass also eine nachweisbare Reproduction am Vortage sich
zwischen dem Ereignistage und der Traumzeit eingeschoben hatte,
und konnte ausserdem den recenten Anlass nachweisen, von dem die
Erinnerung an den älteren Eindruck ausgegangen sein konnte.Ich meine also, es gibt für jeden Traum einen Traumerreger
aus jenen Erlebnissen, über die „man noch keine Nacht
geschlafen hat“.Die Eindrücke der jüngsten Vergangenheit (mit Ausschluss
des Tages vor der Traumnacht) zeigen also keine andersartige
Beziehung zum Trauminhalte als andere Eindrücke aus beliebig
ferner liegenden Zeiten. Der Traum kann sein Material aus jeder
Zeit des Lebens wählen, wofern nur von den Erlebnissen des Traum-
tages (den „recenten Eindrücken“) zu diesen früheren ein Gedanken-
faden reicht.Woher aber die Bevorzugung der recenten Eindrücke? Wir
werden zu Vermuthungen über diesen Punkt gelangen, wenn wir
einen der erwähnten Träume einer genaueren Analyse unterziehen.
Ich wähle den Traum von der Monographie.Trauminhalt: Ich habe eine Monographie über eine
gewisse Pflanze geschrieben. Das Buch liegt vor mir,
ich blättere eben eine eingeschlagene farbige Tafel um.
Jedem Exemplar ist ein getrocknetes Specimen der
Pflanze beigebunden, ähnlich wie aus einem Herbarium.S.
115
Analyse: Ich habe am Vormittage im Schaufenster einer
Buchhandlung ein neues Buch gesehen, welches sich betitelt: Die
Gattung Cyclamen offenbar eine Monographie über diese Pflanze.
Cyclamen ist die Lieblingsblume meiner Frau. Ich mache
mir Vorwürfe, dass ich so selten daran denke, ihr Blumen mit
zubringen, wie sie sich’s wünscht. – Bei dem Thema: Blumen
mitbringen erinnere ich mich einer Geschichte, welche ich
unlängst im Freundeskreis erzählt und als Beweis für meine Behaup-
tung verwendet habe, dass Vergessen sehr häufig die Ausführung
einer Absicht des Unbewussten sei und immerhin einen Schluss auf
die geheime Gesinnung des Vergessenden gestatte. Eine junge Frau,
welche daran gewöhnt war, zu ihrem Geburtstage einen Strauss
von ihrem Manne vorzufinden, vermisst dieses Zeichen der Zärtlich-
keit an einem solchen Festtag und bricht darüber in Thränen aus.
Der Mann kommt hinzu, weiss sich ihr Weinen nicht zu erklären,
bis sie ihm sagt: Heute ist mein Geburtstag. Da schlägt er sich
vor die Stirne, ruft aus: Entschuldige, hab’ ich doch ganz daran
vergessen, und will fort, ihr Blumen zu holen. Sie lässt sich aber
nicht trösten, denn sie sieht in der Vergesslichkeit ihres Mannes
einen Beweis dafür, dass sie in seinen Gedanken nicht mehr dieselbe
Rolle spielt wie einstens. – Diese Frau L. ist meiner Frau vor
zwei Tagen begegnet, hat ihr mitgetheilt, dass sie sich wohlfühlt,
und sich nach mir erkundigt. Sie stand in früheren Jahren in
meiner Behandlung.Ein neuer Ansatz: Ich habe wirklich einmal etwas Aehnliches
geschrieben wie eine Monographie über eine Pflanze, nämlich einen
Aufsatz über die Cocappflanze, welcher die Aufmerksamkeit von
K. Koller auf die anästhesirende Eigenschaft des Cocains gelenkt
hat. Ich hatte diese Verwendung des Alkaloids in meiner Publication
selbst angedeutet, aber war nicht gründlich genug, die Sache weiter
zu verfolgen. Dazu fällt mir ein, dass ich am Vormittag des Tages
nach dem Traume (zu dessen Deutung ich erst abends Zeit fand) des
Cocains in einer Art von Tagesphantasie gedacht habe. Wenn ich
je Glaukom bekommen sollte, würde ich nach Berlin reisen und
mich dort bei meinem Berliner Freunde von einem Arzt, den er
mir empfiehlt, incognito operiren lassen. Der Operateur, der nicht
wüsste, an wem er arbeitet, würde wieder einmal rühmen, wie
leicht sich diese Operation seit der Einführung des Cocains gestaltet
haben; ich würde durch keine Miene verrathen, dass ich an dieser
Entdeckung selbst einen Antheil habe. An diese Phantasie schlossen
sich Gedanken an, wie unbequem es doch für den Arzt sei, ärztliche
Leistungen von Seiten der Collegen für seine Person in Anspruch
zu nehmen. Den Berliner Augenarzt, der mich nicht kennt, würde
ich wie ein Anderer entlohnen können. Nachdem dieser Tagtraum
mir in den Sinn gekommen, merke ich erst, dass sich die Erinnerung
an ein bestimmtes Erlebnis hinter ihm verbirgt. Kurz nach derS.
116
Entdeckung Koller’s war nämlich mein Vater an Glaukom
erkrankt; er wurde von meinem Freunde, dem Augenarzt
Dr. Königstein, operirt. Dr. Koller besorgte die Cocainanästhesie
und machte dann die Bemerkung, dass bei diesem Falle alle die
drei Personen sich vereinigt fänden, die an der Einführung des
Cocains Antheil gehabt haben.Meine Gedanken gehen nun weiter, wann ich zuletzt an diese
Geschichte des Cocains erinnert worden bin. Es war dies vor
einigen Tagen, als ich die Festschrift in die Hand bekam, mit deren
Erscheinen dankbare Schüler das Jubiläum ihres Lehrers und
Laboratoriumsvorstandes gefeiert hatten. Unter den Ruhmestiteln
des Laboratoriums fand ich auch angeführt, dass dort die Entdeckung
der anästhesirenden Eigenschaft des Cocains durch K. Koller
vorgefallen sei. Ich bemerke nun plötzlich, dass mein Traum mit
einem Erlebnis des Abends vorher zusammenhängt. Ich hatte gerade
Dr. Königstein nach Hause begleitet, mit dem ich in ein
Gespräch über eine Angelegenheit gerathen war, die mich jedesmal,
wenn sie berührt wird, lebhaft erregt. Als ich mich in dem Haus
flur mit ihm aufhielt, kam Professor Gärtner mit seiner jungen
Frau hinzu. Ich konnte mich nicht enthalten, die Beiden darüber zu
beglückwünschen, wie blühend sie aussehen. Nun ist Professor
Gärtner einer der Verfasser der Festschrift, von der ich eben
sprach, und konnte mich wohl an diese erinnern. Auch die
Frau L., deren Geburtstagsenttäuschung ich unlängst erzählte, war
im Gespräch mit Dr. Königstein, in anderem Zusammenhange
allerdings, erwähnt worden.Ich will versuchen, auch die anderen Bestimmungen des
Trauminhaltes zu deuten. Ein eingetrocknetes Specimen der Pflanze
liegt der Monographie bei, als ob es ein Herbarium wäre. An’s
Herbarium knüpft sich eine Gymnasialerinnerung. Unser Gymnasial-
director rief einmal die Schüler der höheren Classen zusammen, um
ihnen das Herbarium der Anstalt zur Durchsicht und zur Reinigung
zu übergeben. Es hatten sich kleine Würmer eingefunden –
Bücherwurm. Zu meiner Hilfeleistung scheint er nicht Zutrauen
gezeigt zu haben, denn er überliess mir nur wenige Blätter. Ich
weiss noch heute, dass Cruciferen darauf waren. Ich hatte niemals
ein besonders intimes Verhältniss zur Botanik. Bei meiner botanischen
Vorprüfung bekam ich wiederum eine Crucifere zur Bestimmung
und erkannte sie nicht. Es wäre mir schlecht ergangen, wenn
nicht meine theoretischen Kenntnisse mir herausgeholfen hätten. –Von den Cruciferen gerathe ich auf die Compositen. Eigentlich ist
auch die Artischocke eine Composite und zwar die, welche ich meine
Lieblingsblume heissen könnte. Edler als ich, pflegt meine
Frau mir diese Lieblingsblume häufig vom Markte heimzubringen.Ich sehe die Monographie vor mir liegen, die ich geschrieben
habe. Auch dies ist nicht ohne Bezug. Mein visueller Freund schriebS.
117
mir gestern aus Berlin: „Mit Deinem Traumbu-
che beschäftige ich mich sehr viel. Ich sehe es fertig vor mir liegen und
blättere darin.“ Wie habe ich ihn um diese Sehergabe beneidet!
Wenn ich es doch auch schon fertig vor mir liegen sehen könnte!Die zusammengelegte farbige Tafel: Als ich Student
der Medicin war, litt ich viel unter dem Impuls, nur aus Mono-
graphien lernen zu wollen. Ich hielt mir damals, trotz meiner
beschränkten Mittel, mehrere medicinische Archive, deren farbige
Tafeln mein Entzücken waren. Ich war stolz auf diese Neigung
zur Gründlichkeit.Als ich dann selbst zu publiciren begann,
musste ich auch die Tafeln für meine Abhandlungen zeichnen und
ich weiss, dass eine derselben so kümmerlich ausfiel, dass mich ein
wohlwollender College ihretwegen verhöhnte. Dazu kommt noch, ich
weiss nicht recht wie, eine sehr frühe Jugenderinnerung. Mein
Vater machte sich einmal den Scherz, mir und meiner ältesten
Schwester ein Buch mit farbigen Tafeln (Beschreibung einer
Reise in Persien) zur Vernichtung zu überlassen. Es war kaum er-
ziehbar zu rechtfertigen. Ich war damals fünf Jahre, die Schwester
unter drei Jahren alt, und das Bild, wie wir Kinder überselig dieses
Buch zerpflücken (wie eine Artischocke, Blatt für Blatt, muss
ich sagen), ist nahezu das Einzige, was mir aus dieser Lebenszeit in
plastischer Erinnerung geblieben ist. Als ich dann Student wurde,
entwickelte sich bei mir eine ausgesprochene Vorliebe, Bücher zu
sammeln und zu besitzen (analog der Neigung, aus Monographien zu
studiren, eine Liebhaberei, wie sie in den Traumgedanken betreffs
Cyclamen und Artischocke bereits vorkommt). Ich wurde ein Bücher-
wurm (vgl. Herbarium). Ich habe diese erste Leidenschaft
meines Lebens, seitdem ich über mich nachdenke, immer auf diesen
Kindereindruck zurückgeführt, oder vielmehr, ich habe erkannt, dass
diese Kinderscene eine „Deckerinnerung“ für meine spätere Biblio-
philie ist.*) Natürlich habe ich auch frühzeitig erfahren, dass man
durch Leidenschaften leicht in Leiden geräth. Als ich 17 Jahre alt
war, hatte ich ein ansehnliches Conto beim Buchhändler und keine
Mittel, es zu begleichen, und mein Vater liess es kaum als Ent-
schuldigung gelten, dass sich meine Neigungen auf nichts Böseres
geworfen hatten. Die Erwähnung dieses späteren Jugenderlebnisses
bringt mich aber sofort zu dem Gespräch mit meinem Freunde
Dr. Königstein zurück. Denn um dieselben Vorwürfe wie damals,
dass ich mein Liebhabereien zuviel nachgebe, handelte es sich
auch im Gespräch am Abend des Traumtages.Aus Gründen, die nicht hieher gehören, will ich die Deutung
dieses Traumes nicht verfolgen, sondern blos den Weg angeben,
welcher zu ihr führt. Während der Deutungsarbeit bin ich an*)Vgl. meinen Aufsatz „Ueber Deckerinnerungen“ in der Monatsschrift für
Psychiatrie und Neurologie, 1899.S.
118
das Gespräch mit Dr. Königstein erinnert worden, und zwar von
mehr als einer Stelle aus. Wenn ich mir vorhalte, welche Dinge
in diesem Gespräche berührt worden sind, so wird der Sinn des
Traumes mir verständlich. Alle angefangenen Gedankengänge, von
den Liebhabereien meiner Frau und meinen eigenen, vom Cocain,
von den Schwierigkeiten ärztlicher Behandlung unter Collegen, von
meiner Vorliebe für monographische Studien und meiner Vernach-
lässigung gewisser Fächer wie der Botanik, dies alles erhält dann
seine Fortsetzung und mündet in irgend einen der Fäden der viel-
verzweigten Unterredung ein. Der Traum bekommt wieder den
Charakter einer Rechtfertigung, eines Plaidovers für mein Recht,
wie der erst analysirte Traum vom Irma’s Injection; ja er setzt
das dort begonnene Thema fort und erörtert es an einem neuen
Material, welches im Intervall zwischen beiden Träumen hinzu-
gekommen ist. Selbst die scheinbar indifferente Ausdrucksform
des Traumes bekommt einen Accent. Es heisst jetzt: Ich bin doch
der Mann, der die werthvolle und erfolgreiche Abhandlung (über das
Cocain) geschrieben hat, ähnlich wie ich damals zu meiner Recht-
fertigung vorbrachte: Ich bin doch ein tüchtiger und fleissiger
Student; in beiden Fällen also: Ich darf mir das erlauben. Ich
kann aber auf die Ausführung der Traumdeutung hier verzichten,
weil mich zur Mittheilung des Traumes nur die Absicht bewogen
hat, an einem Beispiele die Beziehung des Trauminhaltes zu dem
erregenden Erlebnis des Vortages zu untersuchen. So lange ich von
diesem Traume nur den manifesten Inhalt kenne, wird mir nur eine
Beziehung des Traumes zu einem Tageseindruck augenfällig; nach-
dem ich die Analyse gemacht habe, ergibt sich eine zweite Quelle
des Traumes in einem anderen Erlebnis desselben Tages. Der erste
der Eindrücke, auf welche sich der Traum bezieht, ist ein gleich-
giltiger, ein Nebenumstand. Ich sehe im Schaufenster ein Buch,
dessen Titel mich flüchtig berührt, dessen Inhalt mich kaum
interessiren dürfte. Das zweite Erlebnis hatte einen hohen psychischen
Werth; ich habe mit meinem Freunde, dem Augenarzt, wohl eine
Stunde lang eifrig gesprochen, ihm Andeutungen gemacht, die uns
beiden nahe gehen mussten und Erinnerungen in mir wachgerufen,
bei denen die mannigfaltigsten Erregungen meines Innern mir
bemerklich wurden. Ueberdies wurde dieses Gespräch unvollendet
abgebrochen, weil Bekannte hinzukamen. Wie stehen nun die
beiden Eindrücke des Tages zu einander und zu dem in der Nacht
erfolgenden Traum?Im Trauminhalte finde ich nur eine Anspielung auf den gleich-
giltigen Eindruck und kann so bestätigen, dass der Traum mit Vor-
liebe Nebensächliches aus dem Leben in seinen Inhalt aufnimmt. In
der Traumdeutung hingegen führt alles auf das wichtige, mit Recht
erregende Erlebnis hin. Wenn ich den Sinn des Traumes, wie es
einzig richtig ist, nach dem latenten, durch die Analyse zu Tage ge-S.
119
förderten Inhalt beurtheile, so bin ich unversehens zu einer
neuen und wichtigen Erkenntnis gelangt. Ich sehe das Räthsel zerfallen,
dass der Traum sich nur mit den werthlosen Brocken des Tages-
lebens beschäftigt; ich muss auch der Behauptung widersprechen,
dass das Seelenleben des Wachens sich in den Traum nicht fortsetzt,
und der Traum dafür psychische Thätigkeit an läppisches Material
verschwendet. Das Gegentheil ist wahr; was uns bei Tage in An-
spruch genommen hat, beherrscht auch die Traumgedanken, und
wir geben uns die Mühe zu träumen nur bei solchen Materien,
welche uns bei Tage Anlass zum Denken geboten hätten.Die naheliegende Erklärung dafür, dass ich doch vom gleich-
giltigen Tageseindruck träume, während der mit Recht aufregende
mich zum Traume veranlasst hat, ist wohl die, dass hier wieder
ein Phänomen der Traumstellung vorliegt, welche wir oben auf
eine als Censur waltende psychische Macht zurückgeführt haben.
Die Erinnerung an die Monographie über die Gattung Cyclamen
erfährt eine Verwerfung, als ob sie eine Anspielung auf das
Gespräch mit dem Freunde wäre, ganz ähnlich wie im Traum von
dem verhinderten Souper die Erfüllung der Freundin durch die
Anspielung „geräucherter Lachs“ vertreten wird. Es fragt sich nur,
durch welche Mittelglieder kann der Eindruck der Monographie zu
dem Gespräche mit dem Augenarzt in das Verhältniss der Anspielung
treten, da eine solche Beziehung zunächst nicht ersichtlich ist. In
dem Beispiele vom verhinderten Souper ist die Beziehung von vorn-
herein gegeben; „geräucherter Lachs“ als die Lieblingsspeise der
Freundin gehört ohne weiteres zu dem Vorstellungskreise, den die
Person der Freundin bei der Träumenden anzuregen vermag. In
unserem neuen Beispiel handelt es sich um zwei gesonderte Ein-
drücke, die zunächst nichts gemeinsam haben, als dass sie am näm-
lichen Tage erfolgten. Die Monographie fällt mir am Vormittag auf,
das Gespräch führe ich dann am Abend. Die Antwort, welche die
Analyse an die Hand gibt, lautet: Solche erst nicht vorhandene Be-
ziehungen zwischen den beiden Eindrücken werden nachträglich vom
Vorstellungsinhalt des einen zum Vorstellungsinhalt des anderen an-
gesponnen. Ich habe die betreffenden Mittelglieder bereits bei der
Niederschrift der Analyse hervorgehoben. An die Vorstellung der
Monographie über Cyclamen würde sich ohne Beeinflussung von
anderswoher wohl nur die Idee knüpfen, dass diese die Lieblings-
blume meiner Frau ist, etwa noch die Erinnerung an den vermissten
Blumenstrauss der Frau L. Ich glaube nicht, dass diese Hinterge-
danken genügt hätten, einen Traum hervorzurufen.„There needs no ghost, my lord, come from the grave
To tell us this.“heisst es im Hamlet. Aber siehe da, in der Analyse werde ich daran
erinnert, dass der Mann, der unser Gespräch störte, Gärtner hiess, dass
ich seine Frau blühend fand; ja ich besinne mich eben jetzt nachträg-
lich, dass eine meiner Patientinnen, die den schönen Namen FloraS.
120
trägt, eine Weile im Mittelpunkte unseres Gespräches stand. Es muss
so zugegangen sein, dass sich über diese Mittelglieder aus dem bo-
tanischen Vorstellungskreis die Verknüpfung der beiden Tages-
erlebnisse, des gleichgiltigen und des aufregenden, vollzog. Dann
stellten sich weitere Beziehungen ein, die des Cocains, welche mit
Fug und Recht zwischen der Person des Dr. Königstein und einer
botanischen Monographie, die ich geschrieben habe, vermitteln kann
und befestigten diese Verschmelzung der beiden Vorstellungskreise
zu einem, so dass nun ein Stück aus dem ersten Erlebnis als An-
spielung auf das zweite verwendet werden konnte.Ich bin darauf gefasst, dass man diese Aufklärung als eine will-
kürliche oder als eine gekünstelte anfechten wird. Was wäre ge-
schehen, wenn Professor Gärtner mit seiner blühenden Frau nicht
hinzugetreten wäre, wenn die besprochene Patientin nicht Flora,
sondern Anna hiesse? Und doch ist die Antwort leicht. Wenn sich
nicht diese Gedankenbeziehungen ergeben hätten, so wären wahr-
scheinlich andere ausgewählt worden. Es ist so leicht, derartige Be-
ziehungen herzustellen, wie ja die Scherz- und Räthselfragen, mit
denen wir uns den Tag erheitern, zu beweisen vermögen. Der
Machtbereich des Witzes ist ein uneingeschränkter. Um einen Schritt
weiter zu gehen: wenn sich zwischen den beiden Eindrücken des
Tages keine genug ausgiebigen Mittelbeziehungen hätten herstellen
lassen, so wäre der Traum eben anders ausgefallen; ein anderer
gleichgiltiger Eindruck des Tages, wie sie in Schaaren an uns
herantreten und von uns vergessen werden, hätte für den Traum
die Stelle der „Monographie“ übernommen, wäre in Verbindung mit
dem Inhalt des Gespräches gelangt und hätte dieses im Traum-
inhalt vertreten. Da kein anderer als der von der Monographie
dieses Schicksal hatte, so wird er wohl den für die Verknüpfung
passendste gewesen sein. Man braucht sich nie wie Hänschen Schla-
lau bei Lessing darüber zu wundern, „dass nur die Reichen in der Welt
das meiste Geld besitzen“.Der psychologische Vorgang, durch welchen nach unserer Dar-
legung das gleichgiltige Erlebnis zur Stellvertretung für das psy-
chisch werthvolle gelangt, muss uns noch bedenklich und be-
fremdend erscheinen. In einem späteren Abschnitt werden wir uns
vor der Aufgabe sehen, die Eigenthümlichkeiten dieser scheinbar
incorrecten Operation unserem Verständniss näher zu bringen. Hier
haben wir es nur mit dem Erfolge des Vorganges zu thun, zu dessen
Annahme wir durch ungezählte und regelmässig wiederkehrende
Erfahrungen bei der Traumanalyse gedrängt werden. Der Vorgang
ist aber so, als ob eine Verschiebung – sagen wir: des psychischen
Accentes – auf dem Wege jener Mittelglieder zu Stande käme, bis
anfangs schwach mit Intensität geladene Vorstellungen durch Ueber-
nahme der Ladung von den anfänglich intensiver besetzten zu einer
Stärke gelangen, welche sie befähigt den Zugang zum Bewusstsein
S.
121
Der indifferente Eindruck ein Verschiebungsersatz des wichtigen.
zu erzwingen. Solche Verschiebungen wundern uns keineswegs, wo
es sich um die Anbringung von Affectgrößen oder überhaupt um
motorische Actionen handelt. Dass die einsam gebliebene Jungfrau
ihre Zärtlichkeit auf Thiere überträgt, der Junggeselle leidenschaft
licher Sammler wird, dass der Soldat einen Streifen farbigen Zeuges,
die Fahne, mit seinem Herzblute vertheidigt, dass im Liebesverhältnis
ein um Secunden verlängerter Händedruck Seligkeit erzeugt, oder
im Othello ein verlorenes Schnupftuch einen Wuthausbrauch, das
sind sämmtlich Beispiele von psychischen Verschiebungen, die uns
unanfechtbar erscheinen. Dass aber auf demselben Wege und nach
denselben Grundsätzen eine Entscheidung darüber gefällt wird, was
in unser Bewusstsein gelangt und was ihm vorenthalten bleibt, also
was wir denken, das macht uns den Eindruck des Krankhaften, und
wir heissen es Denkfehler, wo es im Wachleben vorkommt. Ver-
rathen wir hier als das Ergebnis später anzustellender Betrachtungen,
dass der psychische Vorgang, den wir in der Traumverschiebung
erkannt haben, sich zwar nicht als ein krankhaft gestörter, wohl
aber als ein vom normalen verschiedener, als ein Vorgang von mehr
primärer Natur herausstellen wird.
Wir deuten somit die Thatsache, dass der Trauminhalt Reste
von nebensächlichen Erlebnissen aufnimmt, als eine Aeusserung der
Traumentstellung (durch Verschiebung) und erinnern daran, dass
wir in der Traumentstellung eine Folge der zwischen zwei psy-
chischen Instanzen bestehenden Durchgangscensur erkannt haben.
Wir erwarten dabei, dass die Traumanalyse uns regelmässig die
wirklich psychisch bedeutsame Traumquelle aus dem Tagesleben
aufdecken wird, deren Erinnerung ihren Accent auf die gleichgiltige
Erinnerung verschoben hat. Durch diese Auffassung haben wir uns
im vollen Gegensatze zu der Theorie von Robert5) gebracht, die für
uns unverwendbar geworden ist. Die Thatsache, welche Robert er-
klären wollte, besteht eben nicht; ihre Annahme beruht auf einem
Missverständnis, auf der Unterlassung, für den scheinbaren Traum-
inhalt den wirklichen Sinn des Traumes einzusetzen. Man kann noch
weiterhin gegen die Lehre von Robert einwenden: Wenn der
Traum wirklich die Aufgabe hätte, unser Gedächtnis durch besondere
psychische Arbeit von den „Schlacken“ der Tageserinnerung zu be-
freien, so müsste unser Schlafen gequälter sein und auf ange-
strengtere Arbeit verwendet werden, als wir es von unserem wachen
Geistesleben behaupten können. Denn die Anzahl der indifferenten
Eindrücke des Tages, vor denen wir unser Gedächtnis zu schützen
hätten, ist offenbar unermesslich gross; die Nacht würde nicht hin-
reichen, die Summe zu bewältigen. Es ist sehr viel wahrscheinlicher,
dass das Vergessen der gleichgiltigen Eindrücke ohne actives Ein-
greifen unserer seelischen Mächte vor sich geht.
Dennoch verspüren wir eine Warnung, von dem Robert’schen
Gedanken ohne weitere Berücksichtigung Abschied zu nehmen. WirS.
122
haben die Thatsache unerklärt gelassen, dass einer der indifferenten
Eindrücke des Tages – und zwar des letzten Tages – regelmässig
einen Beitrag zum Trauminhalte liefert. Die Beziehungen zwischen
diesem Eindruck und der eigentlichen Traumquelle im Unbewussten
bestehen nicht immer von vornherein; wie wir gesehen haben,
werden sie erst nachträglich, gleichsam zum Dienste der beabsich-
tigten Verschiebung, während der Traumarbeit hergestellt. Es muss
also eine Nöthigung vorhanden sein, Verbindungen gerade nach der
Richtung des decenten, obwohl gleichgiltigen, Eindruckes anzubahnen;
dieser muss eine besondere Eignung durch irgend eine Qualität dazu
bieten. Sonst wäre es ja ebenso leicht durchführbar, dass die Traum-
gedanken ihren Accent auf einen unwesentlichen Bestandtheil ihres
eigenen Vorstellungskreises verschieben.Folgende Erfahrungen können uns hier auf den Weg zur Auf-
klärung leiten. Wenn uns ein Tag zwei oder mehr Erlebnisse gebracht
hat, welche Träume anzuregen würdig sind, so vereinigt der Traum
die Erwähnung beider zu einem einzigen Ganzen; er gehorcht einem
Zwang, eine Einheit aus ihnen zu gestalten; z. B.: Ich
stieg eines Nachmittags im Sommer in ein Eisenbahncoupé ein, in
welchem ich zwei Bekannte traf, die einander aber fremd waren.
Der Eine war ein einflussreicher College, der Andere ein Angehöriger
einer vornehmen Familie, in welcher ich ärztlich beschäftigt war.
Ich machte die beiden Herren mit einander bekannt; ihr Verkehr
ging aber die lange Fahrt über mich, so dass ich bald mit dem
Einen, bald mit dem Anderen einen Gesprächsstoff zu behandeln hatte.
Den Collegen bat ich, einem gemeinsamen Bekannten, der eben seine
ärztliche Praxis begonnen hatte, seine Empfehlung zuzuwenden. Der
College erwiderte, er sei von der Tüchtigkeit des jungen Mannes über-
zeugt, aber sein unscheinbares Wesen werde ihm den Eingang in vor-
nehme Häuser nicht leicht werden lassen. Ich erwiderte: Gerade
darum bedarf er der Empfehlung. Bei dem andern Mitreisenden er-
kundigte ich mich bald darauf nach dem Befinden seiner Tante, – der
Mutter einer meiner Patientinnen – welche damals schwer krank dar-
nieder lag. In der Nacht nach dieser Reise träumte ich, mein junger
Freund, für den ich die Protection erbeten hatte, befinde sich in einem
eleganten Salon und halte vor einer ausgewählten Gesellschaft, in
die ich alle mir bekannten, vornehmen und reichen Leute versetzt
hatte, mit weltmännischen Gesten eine Trauerrede auf die (für den
Traum bereits verstorbene) alte Dame, welche die Tante des zweiten
Reisegenossen war. [Ich gestehe offen, dass ich mit dieser Dame
nicht in guten Beziehungen gestanden hatte.] Mein Traum hatte also
wiederum Verknüpfungen zwischen beiden Eindrücken des Tages
aufgefunden und mittelst derselben eine einheitliche Situation com-
ponirt.Auf Grund vieler ähnlicher Erfahrungen muss ich den Satz
aufstellen, dass für die Traumarbeit eine Art von Nöthigung besteht,S.
123
„Rapprochement forcé“ der Traumreize.
alle vorhandenen Traumreizquellen zu einer Einheit im Traume zu
sammenzusetzen.*)Ich will jetzt die Frage in Erörterung ziehen, ob die traum-
erregende Quelle, auf welche die Analyse hinführt, jedesmal ein re-
centes (und bedeutsames) Ereignis sein muss, oder ob ein inneres
Erlebnis, also die Erinnerung an ein psychisch werthvolles Ereignis,
ein Gedankengang, die Rolle des Traumerregers übernehmen kann.
Die Antwort, die sich aus zahlreichen Analysen auf das bestimmteste
ergibt, lautet im letzteren Sinne. Der Traumerreger kann ein innerer
Vorgang sein, der gleichsam durch die Denkarbeit am Tage recent
geworden ist. Es wird jetzt wohl der richtige Moment sein, die
verschiedenen Bedingungen, welche die Traumquellen erkennen lassen,
in einem Schema zusammen zu stellen.Die Traumquelle kann sein:
a) Ein recentes und psychisch bedeutsames Erlebnis, welches
im Traume direct vertreten ist.**)b) Mehrere recente, bedeutsame Erlebnisse, die durch den Traum
zu einer Einheit vereinigt werden.***)c) Ein oder mehrere recente und bedeutsame Erlebnisse, die
im Trauminhalte durch die Erwähnung eines gleichzeitigen, aber
indifferenten Erlebnisses vertreten werden.†)d) Ein inneres bedeutsames Erlebnis (Erinnerung: Gedanken-
gang), welches dann im Traume regelmässig durch die Erwähnung
eines recenten, aber indifferenten Eindruckes vertreten wird.††)Wie man sieht, wird für die Traumdeutung durchwegs die
Bedingung festgehalten, dass ein Bestandtheil des Trauminhaltes einen
recenten Eindruck des Vortages wiederholt. Dieser zur Vertretung
im Traume bestimmte Antheil kann entweder dem Vorstellungskreis
des eigentlichen Traumerregers selbst angehören – und zwar ent-
weder als wesentlicher oder als unwichtiger Bestandtheil desselben –
oder er rührt aus dem Bereiche eines indifferenten Eindruckes her,
der durch mehr oder minder reichliche Verknüpfung mit dem
Kreis des Traumerregers in Beziehung gebracht worden ist. Die
scheinbare Mehrheit der Bedingungen kommt hier nur durch die
Verschiebung der Alternative zu Stande, dass eine Verschiebung unterblieben
oder vorgefallen ist, und wir merken hier, dass diese Al-
ternative uns dieselbe Leichtigkeit bietet, die Contraste des Traumes
*) Die Neigung der Traumarbeit, gleichzeitig als interessant Vorhandenes in
einer Behandlung zu verschmelzen, ist bereits von mehreren Autoren bemerkt worden,
z. B. von Delage15) (S. 41), Delboeuf16): rapprochement forcé (S. 236).**) Traum von Irma’s Injection; Traum vom Freund, der mein Onkel ist.
***) Traum von der Trauerrede des jungen Arztes.
†) Traum von der botanischen Monographie.
††) Solcher Art sind die meisten Träume meiner Patienten während der Analyse.
S.
124
zu erklären, wie der medicinischen Theorie des Traumes die Reihe vom
partiellen bis zum vollen Wachen der Gehirnzellen (vergleiche Seite 53).Man bemerkt an dieser Reihe ferner, dass das psychisch werth-
volle, aber nicht recente Element (der Gedankengang, die Erinnerung)
für die Zwecke der Traumbildung durch ein recentes, aber psychisch
indifferentes Element ersetzt werden kann, wenn dabei nur die
beiden Bedingungen eingehalten werden, dass 1. der Trauminhalt
eine Anknüpfung an das recent Erlebte erhält; 2. der Traumerreger
ein psychisch werthvoller Vorgang bleibt. In einem einzigen Falle
(a) werden beide Bedingungen durch denselben Eindruck erfüllt.
Zieht man noch in Erwägung, dass dieselben indifferenten Eindrücke,
welche für den Traum verwerthet werden, solange sie recent sind,
diese Eignung einbüssen, sobald sie einen Tag (oder höchstens
mehrere) älter geworden sind, so muss man sich zur Annahme ent-
schliessen, dass die Frische eines Eindruckes ihm an sich einen ge-
wissen psychischen Werth für die Traumbildung verleiht, welcher der
Werthigkeit affectbetonter Erinnerungen oder Gedankengänge irgend-
wie gleichkommt. Wir werden erst bei späteren psychologischen
Ueberlegungen errathen können, worin dieser Werth recenter Ein-
drücke für die Traumbildung begründet sein kann.*)Nebenbei wird hier unsere Aufmerksamkeit darauf gelenkt, dass
zur Nachtzeit und von unserem Bewusstsein unbemerkt wichtige Ver-
änderungen mit unserem Erinnerungs- und Vorstellungsmaterial vor
sich gehen können. Die Forderung, eine Nacht über eine An-
gelegenheit zu schlafen, ehe man sich endgültig über sie entscheidet,
ist offenbar vollberechtigt. Wir merken aber, dass wir an diesem
Punkte aus der Psychologie des Träumens in die des Schlafes über-
gegriffen haben, ein Schritt, zu welchem sich der Anlass noch öfter
ergeben wird.Es gibt nun einen Einwand, welcher die letzten Schlussfolge-
rungen umzustossen droht. Wenn indifferente Eindrücke nur, so lange
sie recent sind, in den Trauminhalt gelangen können, wie kommt es,
dass wir im Trauminhalt auch Elemente aus früheren Lebensperioden
vorfinden, die zur Zeit, da sie recent waren – nach Strümpell’s
Worten keinen psychischen Werth besassen, also längst vergessen
sein sollten, Elemente also, die weder frisch noch psychisch be-
deutsam sind?Dieser Einwand ist voll zu erledigen, wenn man sich auf die
Ergebnisse der Psychoanalyse bei Neurotikern stützt. Die Lösung
lautet nämlich, dass die Verschiebung, welche das psychisch wichtige
Material durch indifferentes ersetzt (für das Träumen wie für das
Denken), hier bereits in jenen frühen Lebensperioden stattgefunden
hat und seither im Gedächtnis fixirt worden ist. Jene ursprünglich
indifferenten Elemente sind eben nicht mehr indifferent, seitdem sie*)Vgl. im Abschnitt VII. über die „Uebertragung“.
S.
125
durch Verschiebung die Werthigkeit vom psychisch bedeutsamen
Material übernommen haben. Was wirklich indifferent geblieben ist,
kann auch nicht mehr im Traume reproducirt werden.
Aus den vorstehenden Erörterungen wird man mit Recht schliessen,
dass ich die Behauptung aufstelle, es gebe keine indifferenten Traum-
erreger, also auch keine harmlosen Träume. Dies ist in aller Strenge und
Ausschliesslichkeit meine Meinung, abgesehen von den Träumen der
Kinder und etwa den kurzen Traumreactionen auf nächtliche Sen-
sationen. Was man sonst träumt, ist entweder manifest als psy-
chisch bedeutsam zu erkennen, oder es ist entstellt und dann
erst nach vollzogener Traumdeutung zu beurtheilen, worauf es
sich wiederum als bedeutsam zu erkennen gibt. Der Traum gibt sich
nie mit Kleinigkeiten ab; um Geringes lassen wir uns im Schlaf
nicht stören. Die scheinbar harmlosen Träume erweisen sich als arg,
wenn man sich um ihre Deutung bemüht; wenn man mir die Redens-
art gestattet, sie haben es „faustdick hinter den Ohren“. Da dies
wiederum ein Punkt ist, bei dem ich Widerspruch erwarten darf,
und da ich gerne die Gelegenheit ergreife, die Traumstellung bei
ihrer Arbeit zu zeigen, will ich eine Reihe von „harmlosen“
Träumen aus meiner Sammlung hier der Analyse unterziehen.I. Eine kluge und feine junge Dame, die aber auch im Leben zu
den Reservirten, zu den „stillen Wassern“ gehört, erzählt: Ich habe
geträumt, dass ich auf den Markt zu spät komme und
beim Fleischhauer sowie bei der Gemüsefrau nichts be-
komme. Gewiss ein harmloser Traum, aber so sieht ein Traum
nicht aus; ich lasse ihn mir detaillirt erzählen. Dann lautet der
Bericht folgendermassen: Sie geht auf den Markt mit ihrer
Köchin, die den Korb trägt. Der Fleischhauer sagt
ihr, nachdem sie etwas verlangt hat: Das ist nicht mehr
zu haben, und will ihr etwas Anderes geben mit der Be-
merkung: Das ist auch gut. Sie lehnt ab und geht zur
Gemüsefrau. Die will ihr ein eigenthümliches Gemüse
verkaufen, was in Bündeln zusammengebunden ist, aber
schwarz von Farbe. Sie sagt: Das kenne ich nicht, das
nehme ich nicht.Die Tagesanknüpfung des Traumes ist einfach genug. Sie war wirk-
lich zu spät auf den Markt gegangen und hatte nichts mehr bekommen.
Die Fleischbank war schon geschlossen, drängt sich einem als
Beschreibung des Erlebnisses auf. Doch halt, ist das nicht eine recht
gemeine Redensart, die – oder vielmehr deren Gegentheil – auf eine
Nachlässigkeit in der Kleidung eines Mannes geht? Die Träumerin hat
diese Worte übrigens nicht gebraucht, ist vielleicht ihnen ausgewichen;
suchen wir nach der Deutung der im Traume enthaltenen Einzelheiten.Wo etwas im Traum den Charakter einer Rede hat, also gesagt
oder gehört wird, nicht blos gedacht – was sich meist sicher unter-
scheiden lässt – das stammt von Reden des wachen Lebens her,
S.
126
die freilich als Rohmaterial behandelt, zerstückelt, leise verändert,
vor allem aber aus dem Zusammenhange gerissen worden sind.*) Man
kann bei der Deutungsarbeit von solchen Reden ausgehen. Woher
stammt also die Rede des Fleischhauers: Das ist nicht mehr zu
haben? Von mir selbst; ich hatte ihr einige Tage vorher erklärt,
„dass die ältesten Kindererlebnisse nicht mehr als solche zu haben
sind, sondern durch „Uebertragungen“ und Träume in der Analyse
ersetzt werden. Ich bin also der Fleischhauer, und sie lehnt diese
Uebertragungen alter Denk- und Empfindungsweisen auf die Gegen-
wart ab. – Woher rührt ihre Traumrede? Das kenne ich nicht,
das nehme ich nicht? Diese ist für die Analyse zu zertheilen. „Das
kenne ich nicht“ hat sie selbst Tags vorher zu ihrer Köchin ge-
sagt, mit der sie einen Streit hatte, damals aber hinzugefügt: Be-
nehmen Sie sich anständig. Hier wird eine Verschiebung greif-
bar; von den beiden Sätzen, die sie gegen ihre Köchin gebraucht, hat
sie den bedeutungslosen in den Traum genommen; der unterdrückte
aber: „Benehmen Sie sich anständig!“ stimmt allein zum übrigen
Trauminhalt. So könnte man jemandem zurufen, der unanständige Zu-
muthungen wagt und vergisst, „die Fleischbank zuzuschliessen“. Dass
wir der Deutung wirklich auf die Spur gekommen sind, beweist dann
der Zusammenklang mit den Anspielungen, die in der Begebenheit
mit der Gemüsehfrau niedergelegt sind. Ein Gemüse, das in Bündeln
zusammengebunden verkauft wird (länglich ist, wie sie nachträglich
hinzufügt), und dabei schwarz, was kann das anderes sein als die
Traumvereinigung von Spargel und schwarzem Rettig? – Spargel
brauche ich keinem und keiner Wissenden zu deuten, aber auch das
andere Gemüse – als Zuruf: Schwarzer, rett’ Dich! – scheint
mir auf das nämliche sexuelle Thema hinzuweisen, das wir gleich
anfangs erriethen, als wir für die Traumerzählung einsetzen wollten:
die Fleischbank war geschlossen. Es kommt nicht darauf an, den Sinn
dieses Traumes vollständig zu erkennen; soviel steht fest, dass er
sinnreich ist und keineswegs harmlos.**)
II. Ein anderer harmloser Traum derselben Patientin, in gewisser
Hinsicht ein Gegenstück zum vorigen: Ihr Mann fragt: Soll man
das Clavier nicht stimmen lassen? Sie: Es lohnt nicht,
es muss ohnedies neu beledert werden. Wiederum die
Wiederholung eines realen Ereignisses vom Vortag. Ihr Mann hat so
gefragt und sie so ähnlich geantwortet. Aber was bedeutet es, dass*)Vergleiche über die Reden im Traum im Abschnitte über die Traumarbeit.
Ein einziger der Autoren scheint die Herkunft der Traumreden erkannt zu haben,
Delboeuf10) (p. 226), indem er sie mit „clichés“ vergleicht.**)Für Wissbegierige bemerke ich, dass hinter dem Traume sich eine Phantasie
verbirgt von unanständigem, sexuell provocirendem Benehmen meinerseits und von
Abwehr von Seite der Dame. Wem diese Deutung unerhört erscheinen sollte, den
mahne ich an die zahlreichen Fälle, wo Aerzte solche Anklagen von hysterischen
Frauen erfahren haben, bei denen die nämliche Phantasie nicht entstellt und als
Traum aufgetreten, sondern unverhüllt bewusst und wahnhaft geworden ist.S.
127
sie es träumt? Sie erzählt zwar vom Clavier, es sei ein ekelhafter
Kasten, der einen schlechten Ton gibt, ein Ding, das ihr Mann
schon vor der Ehe besessen hat*) u. s. w., aber den Schlüssel zur
Lösung ergibt doch erst die Rede: Es lohnt nicht. Diese stammt
von einem gestern gemachten Besuch bei ihrer Freundin. Dort
wurde sie aufgefordert ihre Jacke abzulegen und weigerte sich mit
den Worten: Danke, es lohnt nicht, ich muss gleich gehen. Bei
dieser Erzählung muss mir einfallen, dass sie gestern während der
Analysenarbeit plötzlich an ihre Jacke griff, an der sich ein Knopf
geöffnet hatte. Es ist also, als wollte sie sagen: Bitte, sehen Sie nicht
hin, es lohnt nicht. So ergänzt sich der Kasten zum Brust-
kasten, und die Deutung des Traumes führt direct in die Zeit
ihrer körperlichen Entwickelung, da sie anfing, mit ihren Körper-
formen unzufrieden zu sein. Es führt auch wohl in frühere Zeiten,
wenn wir auf das „Ekelhaft“ und den „schlechten Ton“ Rück-
sicht nehmen und uns daran erinnern, wie häufig die kleinen
Hemisphären des weiblichen Körpers – als Gegensatz und als Ersatz
– für die grossen eintreten, – in der Anspielung und im Traum.III. Ich unterbreche diese Reihe, indem ich einen kurzen harmlosen
Traum eines jungen Mannes einschiebe. Er hat geträumt, dass er
wieder seinen Winterrock anzieht, was schrecklich ist.
Anlass dieses Traumes ist angeblich die plötzlich wieder eingetretene
Kälte. Ein feineres Urtheil wird indess bemerken, dass die beiden
kurzen Stücke des Traumes nicht gut zu einander passen, denn in
der Kälte den schweren oder dicken Rock tragen, was könnte daran
„schrecklich“ sein. Zum Schaden für die Harmlosigkeit dieses
Traumes bringt auch der erste Einfall bei der Analyse die Erinnerung,
dass eine Dame ihm gestern vertraulich gestanden, dass ihr letztes
Kind einem geplatzten Condom seine Existenz verdankt. Er re-
construirt nun seine Gedanken bei diesem Anlasse: Ein dünner
Condom ist gefährlich, ein dicker schlecht. Der Condom ist der
„Ueberzieher“ mit Recht, man zieht ihn ja über; so heisst man auch
einen leichten Rock. Ein Ereignis wie das von der Dame berichtete
wäre für den unverheirateten Mann allerdings „schrecklich“. – Nun
wieder zurück zu unserer harmlosen Träumerin.IV. Sie steckt eine Kerze in den Leuchter; die Kerze
ist aber gebrochen, so dass sie nicht gut steht. Die
Mädchen in der Schule sagen, sie sei ungeschickt; das
Fräulein aber, es sei nicht ihre Schuld.Ein realer Anlass auch hier; sie hat gestern wirklich eine Kerze
in den Leuchter gesteckt; die war aber nicht gebrochen. Hier ist
eine durchsichtige Symbolik verwendet worden. Die Kerze ist ein
Gegenstand, der die weiblichen Genitalien reizt; wenn sie gebrochen
wird.*)Eine Ersetzung durch das Gegentheil, wie uns nach der Deutung klar
werden wird.S.
128
ist, so dass sie nicht gut steht, so bedeutet dies die Impotenz des
Mannes („es sei nicht ihre Schuld“). Ob nur die sorgfältig
erzogene und allem Hässlichen fremd gebliebene junge Frau diese
Verwendung der Kerze kennt? Zufällig kann sie noch angeben, durch
welches Erlebnis sie zu dieser Kenntnis gekommen ist. Bei einer
Kahnfahrt auf dem Rhein fährt ein Boot an ihnen vorüber, in dem
Studenten sitzen, welche mit grossem Behagen ein Lied singen oder
brüllen: „Wenn die Königin von Schweden, bei geschlossenen Fenster-
läden mit Apolokerzen …“Das letzte Wort hört oder versteht sie nicht. Ihr Mann muss
ihr die verlangte Aufklärung geben. Diese Verse sind dann im
Trauminhalt ersetzt durch eine harmlose Erinnerung an einen Auftrag,
den sie einmal im Pensionat ungeschicktausführte, und zwar vermöge
des Gemeinsamen: geschlossene Fensterläden. Die Verbindung
des Themas von der Onanie mit der Impotenz ist klar genug. „Apollo“
im latenten Trauminhalt verknüpft diesen Traum mit einem früheren,
in dem von der jungfräulichen Pallas die Rede war. Alles wahrlich
nicht harmlos.V. Damit man sich die Schlüsse aus den Träumen auf die wirklichen
Lebensverhältnisse der Träumer nicht zu leicht vorstelle, füge ich
noch einen Traum an, der gleichfalls harmlos scheint und von der
selben Person herrührt. Ich habe etwas geträumt, erzählt
sie, was ich bei Tag wirklich gethan habe, nämlich
einen kleinen Koffer so voll mit Büchern gefüllt, dass
ich Mühe hatte ihn zu schliessen, und ich habe es so ge-
träumt, wie es wirklich vorgefallen ist. Hier legt die Er-
zählerin selbst das Hauptgewicht auf die Uebereinstimmung von
Traum und Wirklichkeit. Alle solche Urtheile über den Traum, Be-
merkungen zum Traum, gehören nun, obwohl sie sich einen Platz
im wachen Denken geschaffen haben, doch regelmässig in den latenten
Trauminhalt, wie uns noch spätere Beispiele bestätigen werden. Es
wird uns also gesagt, das, was der Traum erzählt, ist am Tage vorher
wirklich vorgefallen. Es wäre nun zu weitläufig mitzutheilen, auf
welchem Wege man zum Einfalle kommt, bei der Deutung das
Englische zur Hilfe zu nehmen. Genug, es handelt sich wieder um
eine kleine box (vergleiche Seite 107 den Traum vom todten Kind
in der Schachtel), die so angefüllt worden ist, dass nichts mehr
hineinging. Wenigstens nichts Arges diesmal.In all diesen „harmlosen“ Träumen schlägt das sexuelle Moment
als Motiv der Censur so sehr auffällig vor. Doch ist dies ein Thema
von principieller Bedeutung, welches wir zur Seite stellen müssen.b) Das Infantile als Traumquelle.
Als dritte unter den Eigenthümlichkeiten des Trauminhaltes
haben wir mit allen Autoren (bis auf Robert) angeführt, dass imS.
129
Traume Eindrücke aus den frühesten Lebensaltern erscheinen können,
über welche das Gedächtnis im Wachen nicht zu verfügen scheint.
Wie selten oder wie häufig sich dies ereignet, ist begreiflicher Weise
schwer zu beurtheilen, weil die betreffenden Elemente des Traumes
nach dem Erwachen nicht in ihrer Herkunft erkannt werden. Der
Nachweis, dass es sich hier um Eindrücke der Kindheit handelt,
muss also auf objectivem Wege erbracht werden, wozu sich die Be-
dingungen nur in seltenen Fällen zusammenfinden können. Als be-
sonders beweiskräftig wird von A. Maury18) die Geschichte eines
Mannes erzählt, welcher eines Tages sich entschloss, nach zwanzig-
jähriger Abwesenheit seinen Heimatsort aufzusuchen. In der Nacht
vor der Abreise träumte er, er sei in einer ihm ganz unbekannten
Ortschaft und begegne daselbst auf der Strasse einem unbekannten
Herrn, mit dem er sich unterhalte. In seine Heimat zurückgekehrt,
konnte er sich nun überzeugen, dass diese un-
bekannte Ortschaft in
nächster Nähe seiner Heimatstadt wirklich existire, und auch der un-
bekannte Mann des Traumes stellte sich als ein dort lebender Freund
seines verstorbenen Vaters heraus. Wohl ein zwingender Beweis dafür,
dass er beide, Mann wie Ortschaft, in seiner Kindheit gesehen hatte.
Der Traum ist übrigens als Ungeduldstraum zu deuten, wie der des
Mädchens, welches das Billet für den Concertabend in der Tasche
trägt (Seite 107); des Kindes, welchem der Vater den Ausflug nach dem
Hameau versprochen hat u. dgl. Die Motive, welche dem Träumer
gerade diesen Eindruck aus seiner Kindheit reproduciren, sind
natürlich ohne Analyse nicht aufzudecken.Einer meiner Colloghörer, welcher sich rühmte, dass seine
Träume nur sehr selten der Traumentstellung unterliegen, theilte mir
mit, dass er vor einiger Zeit im Traume gesehen, sein ehemaliger
Hofmeister befinde sich im Bette der Bonne, die bis zu
seinem elften Jahre im Hause gewesen war. Die Oertlichkeit für diese
Scene fiel ihm noch im Traume ein. Lebhaft interessirt theilte er
den Traum seinem älteren Bruder mit, der ihm lachend die Wirklich-
keit des Geträumten bestätigte. Er erinnere sich sehr gut daran,
denn er sei damals sechs Jahre alt gewesen. Das Liebespaar pflegte
ihn, den älteren Knaben, durch Bier betrunken zu machen, wenn
die Umstände einem nächtlichen Verkehre günstig waren. Das
kleinere, damals dreijährige Kind – unser Träumer –, das im
Zimmer der Bonne schlief, wurde nicht als Störung betrachtet.Noch in einem anderen Falle lässt es sich mit Sicherheit ohne
Beihilfe der Traumdeutung feststellen, dass der Traum Elemente aus
der Kindheit enthält, wenn nämlich der Traum ein sogenannter
perennirender ist, der, in der Kindheit zuerst geträumt, später
immer wieder von Zeit zu Zeit während des Schlafes des Erwachse-
nen auftritt. Zu den bekannten Beispielen dieser Art kann ich einige
aus meiner Erfahrung hinzufügen, wenngleich ich an mir selbst einen
solchen perennirenden Traum nicht kennen gelernt habe. Ein ArztFreud, Traumdeutung.
S.
130
in den Dreissigern erzählte mir, dass in seinem Traumleben von den
ersten Zeiten seiner Kindheit an bis zum heutigen Tage häufig ein
gelber Löwe erscheint, über den er die genaueste Auskunft zu geben
vermag. Dieser ihm aus Träumen bekannte Löwe fand sich nämlich
eines Tages in natura als ein lange verschollener Gegenstand aus
Porzellan vor, und der junge Mann hörte damals von seiner Mutter,
dass dieses Object das begehrteste Spielzeug seiner frühen Kinder-
zeit gewesen war, woran er sich selbst nicht mehr erinnern konnte.
Eine meiner Patientinnen hatte vier- oder fünfmal im Laufe ihrer
38 Jahre die nämliche ängstliche Scene geträumt, dass sie verfolgt
werde, sich in ein Zimmer flüchte, die Thüre zumache, dann öffne,
um den aussen steckenden Schlüssel abzuziehen, dass sie unter der
Empfindung, wenn es ihr nicht gelinge, werde etwas Schreckliches
geschehen, den Schlüssel erhasche, um von innen zuzuschliessen, und
dass sie dann erleichtert aufathme. Ich weiss nicht anzugeben,
in welches frühe Lebensalter diese kleine Scene, bei der sie
natürlich nur Zuschauerin gewesen ist, verlegt werden muss.Wendet man sich nun von dem manifesten Trauminhalt zu den
Traumgedanken, welche erst die Analyse aufdeckt, so kann man mit
Erstaunen die Mitwirkung von Kindheitserlebnissen auch bei solchen
Träumen constatiren, deren Inhalt keine derartige Vermuthung er-
weckt hätte. Dem geehrten Collegen vom „gelben Löwen“ verdanke
ich ein besonders liebenswürdiges und lehrreiches Beispiel eines
solchen Traumes. Nach der Lectüre von Nansen’s Reisebericht
über seine Polarexpedition träumte er, in einer Eiswüste galvanisire
er den kühnen Forscher wegen einer Ischias, über welche dieser
klage! Zur Analyse dieses Traumes fiel ihm eine Geschichte aus
seiner Kindheit ein, ohne welche der Traum allerdings unverständlich
bleibt. Als er ein drei- oder vierjähriges Kind war, hörte er eines
Tages neugierig zu, wie die Erwachsenen von Entdeckungsreisen
sprachen, und fragte dann den Papa, ob das eine schwere Krankheit
sei. Er hatte offenbar Reisen mit „Reisen“ verwechselt, und
der Spott seiner Geschwister sorgte dafür, dass ihm das beschämende
Erlebnis nicht in Vergessenheit gerieth.Ein ganz ähnlicher Fall ist es, wenn ich in der Analyse
des Traumes von der Monographie über die Gattung Cyclamen
auf eine erhalten gebliebene Jugenderinnerung stosse, dass der Vater
dem fünfjährigen Knaben ein mit farbigen Tafeln ausgestattetes
Buch zur Zerstörung überlässt. Man wird etwa den Zweifel auf-
werfen, ob diese Erinnerung wirklich an der Gestaltung des Traum-
inhaltes Antheil genommen hat, ob nicht vielmehr die Arbeit der
Analyse eine Beziehung erst nachträglich herstellt. Aber die Reich-
haltigkeit und Verschlungenheit der Associationsverknüpfungen bürgt
für die erstere Auffassung. (Cyclamen – Lieblingsblume – Lieb-
lingsspeise – Artischocke; zerpflücken wie eine Artischocke, Blatt für
Blatt (eine Wendung, die Einem anlässlich der Theilung des chine-
S.
131
Das infantile Moment zum Onkeltraum.
sischen Reiches täglich an’s Ohr schlägt); – Herbarium – Bücher
wurm, dessen Lieblingsspeise Bücher sind). Außerdem kann ich
versichern, dass der letzte Sinn des Traumes, den ich hier nicht
ausgeführt habe, zum Inhalt der Kinderscene in intimster Be-
ziehung steht.Bei einer anderen Reihe von Träumen wird man durch die
Analyse belehrt, dass der Wunsch selbst, der den Traum erregt hat,
als dessen Erfüllung der Traum sich darstellt, aus dem Kinderleben
stammt, so dass man zu seiner Ueberraschung im Traum das
Kind mit seinen Impulsen weiterlebend findet.Ich setze an dieser Stelle die Deutung eines Traumes fort, aus
dem wir bereits einmal neue Belehrung geschöpft haben, ich meine
den Traum: Freund R. ist mein Onkel (Seite 95). Wir haben dessen
Deutung soweit gefördert, dass uns das Wunschmotiv, zum Professor
ernannt zu werden, greifbar entgegentrat, und wir erklärten uns die
Zärtlichkeit des Traumes für Freund R. als eine Oppositions- und
Trotzschöpfung gegen die Schmähung der beiden Collegen, die in den
Traumgedanken enthalten war. Der Traum war mein eigener; ich
darum dessen Analyse mit der Mittheilung fortsetzen, dass mein
Gefühl durch die erreichte Lösung noch nicht befriedigt war. Ich
wusste, dass mein Urtheil über die in den Traumgedanken miss-
handelten Collegen im Wachen ganz anders gelautet hatte; die Macht
des Wunsches, ihr Schicksal in Betreff der Ernennung nicht zu theilen,
erschien mir zu gering, um den Gegensatz zwischen wacher und
Traumschätzung voll aufzuklären. Wenn mein Bedürfnis, mit einem
anderen Titel angeredet zu werden, so stark sein sollte, so beweist
dies einen krankhaften Ehrgeiz, den ich nicht an mir kenne, den
ich ferne von mir glaube. Ich weiss nicht, wie Andere, die mich
zu kennen glauben, in diesem Punkt über mich urtheilen würden;
vielleicht habe ich auch wirklich Ehrgeiz besessen; aber wenn, so
hat er sich längst auf andere Objecte als auf Titel und Rang eines
Professor extraordinarius geworfen.Woher dann also der Ehrgeiz, der mir den Traum eingegeben
hat? Da fällt mir ein, was ich so oft in der Kindheit erzählen
gehört habe, dass bei meiner Geburt eine alte Bäuerin der über den
Erstgeborenen glücklichen Mutter prophezeit, dass sie der Welt einen
grossen Mann geschenkt habe. Solche Prophezeiungen müssen sehr
häufig vorfallen; es gibt so viel erwartungsfrohe Mütter und so viel
alte Bäuerinnen oder andere alte Weiber, deren Macht auf Erden
vergangen ist, und die sich darum der Zukunft zugewendet haben.
Es wird auch nicht der Schade der Prophetin gewesen sein. Sollte
meine Grössenssehnsucht aus dieser Quelle stammen? Aber da besinne
ich mich eben eines anderen Eindruckes aus späteren Jugendjahren,
der sich zur Erklärung noch besser eignen würde: Es war eines
Abends in einem der Wirthshäuser im Prater, wohin die Eltern denS.
132
eilf oder zwölfjährigen Knaben mitzunehmen pflegten, dass uns ein
Mann auffiel, der von Tisch zu Tisch ging und für ein kleines
Honorar Verse über ein ihm aufgegebenes Thema improvisirte. Ich
wurde abgeschickt, den Dichter an unseren Tisch zu bestellen, und
er erwies sich dem Boten dankbar. Ehe er nach seiner Aufgabe
fragte, liess er einige Reime über mich fallen und erklärte es in
seiner Inspiration für wahrscheinlich, dass ich noch einmal „Minister“
werde. An den Eindruck dieser zweiten Prophezeiung kann ich mich
noch sehr wohl erinnern. Es war die Zeit des Bürgerministeriums,
der Vater hatte kurz vorher die Bilder der bürgerlichen Doctoren
Herbst, Giskra, Unger, Berger u. A. nach Hause gebracht,
und wir hatten diesen Herren zur Ehre illuminirt. Es waren sogar
Juden unter ihnen; jeder fleissige Judenknabe trug also das Minister-
portefeuille in seiner Schultasche. Es muss mit den Eindrücken jener
Zeit sogar zusammenhängen, dass ich bis kurz vor der Inscription
an der Universität willens war, Jura zu studiren, und erst im letzten
Moment umsattelte. Dem Mediciner ist ja die Ministerlaufbahn über
haupt verschlossen. Und nun mein Traum! Ich merke es erst jetzt,
dass er mich aus der trüben Gegenwart in die hoffnungsfrohe Zeit
des Bürgerministeriums zurückversetzt und meinen Wunsch von
damals nach seinen Kräften erfüllt. Indem ich die beiden gelehrten
und achtenswerthen Collegen, weil sie Juden sind, so schlecht be-
handle, den einen, als ob er ein Schwachkopf, den anderen, als ob
er ein Verbrecher wäre, indem ich so verfahre, benehme ich mich,
als ob ich der Minister wäre, habe ich mich an die Stelle des Ministers
gesetzt. Welch’ gründliche Rache an Seiner Excellenz! Er verweigert
es, mich zum Professor extraordinarius zu ernennen, und ich setze
mich dafür im Traum an seine Stelle.In einem anderen Falle konnte ich merken, dass der Wunsch,
welcher den Traum erregt, obzwar ein gegenwärtiger, doch eine
mächtige Verstärkung aus tiefreichenden Kindheitserinnerungen bezieht.
Es handelt sich hier um eine Reihe von Träumen, denen die Sehn-
sucht, nach Rom zu kommen, zu Grunde liegt. Ich werde diese
Sehnsucht wohl noch lange Zeit durch Träume befriedigen müssen,
denn um die Zeit des Jahres, welche mir für eine Reise zur Ver-
fügung steht, ist der Aufenthalt in Rom aus Rücksichten der Gesund-
heit zu meiden. So träume ich denn einmal, dass ich vom Coupé-
fenster aus Tiber und Engelsbrücke sehe; dann setzt sich der Zug
in Bewegung, und es fällt mir ein, dass ich die Stadt ja gar nicht
betreten habe. Die Aussicht, die ich im Traume sah, war einem
bekannten Stiche nachgebildet, den ich Tags zuvor im Salon eines
Patienten flüchtig bemerkt hatte. Ein anderes führt mich jemand
auf einen Hügel und zeigt mir Rom, vom Nebel halb verschleiert und
noch so ferne, dass ich mich über die Deutlichkeit der Aussicht
wundere. Der Inhalt dieses Traumes ist reicher, als ich hier aus-
führen möchte. Das Motiv „das gelobte Land von ferne sehen“, istS.
133
darin leicht zu erkennen. Die Stadt, die ich zuerst im Nebel
gesehen habe, ist Lübeck; der Hügel findet sein Vorbild in –
Gleichenberg. In einem dritten Traum bin ich endlich in Rom,
wie mir der Traum sagt. Ich sehe aber zu meiner Enttäuschung
eine keineswegs städtische Scenerie, einen kleinen Fluß mit
dunklem Wasser, auf der einen Seite desselben schwarze
Felsen, auf der anderen Wiesen mit großen weißen
Blumen. Ich bemerke einen Herrn Zucker (den ich
oberflächlich kenne) und beschließe, ihn um den Weg
in die Stadt zu fragen. Es ist offenbar, daß ich mich ver-
gebens bemühe, eine Stadt im Traume zu sehen, die ich im Wachen
nicht gesehen habe. Wenn ich das Landschaftsbild des Traumes in
seine Elemente zersetze, so deuten die weißen Blumen auf das mir
bekannte Ravenna, das wenigstens eine Zeitlang als Italiens
Hauptstadt Rom den Vorrang abgenommen hatte. In den Sümpfen
um Ravenna haben wir die schönsten Seerosen mitten im schwarzen
Wasser gefunden; der Traum läßt sie auf Wiesen wachsen wie die
Narcissen in unserem Aussee, weil es damals so mühselig war, sie
aus dem Wasser zu holen. Der dunkle Fels, so nahe am Wasser,
erinnert lebhaft an das Thal der Tepl bei Karlsbad. „Karlsbad“
setzt mich nun in den Stand, mir den sonderbaren Zug zu erklären,
daß ich Herrn Zucker um den Weg frage. Es sind hier in dem
Material, aus dem der Traum gesponnen ist, zwei jener lustigen
jüdischen Anekdoten zu erkennen, die soviel tiefsinnige, oft bittere,
Lebensweisheit verbergen und die wir in Gesprächen und Briefen so
gerne citiren. Die eine ist die Geschichte von der „Constitution“,
des Inhalts, wie ein armer Jude ohne Fahrbillet den Einlaß in
den Eilzug nach Karlsbad erschleicht, dann ertappt, bei jeder Revision
vom Zug gewiesen und immer härter behandelt wird, und der dann
einem Bekannten, welcher ihn auf einer seiner Leidensstationen antrifft,
auf die Frage, wohin er reise, zur Antwort gibt: „Wenn's meine
Constitution aushält – nach Karlsbad“. Nahe dabei ruht im Ge-
dächtnis eine andere Geschichte von einem des Französischen unkundigen
Juden, dem eingeschärft wird, in Paris nach dem Weg zur rue
Richelieu zu fragen. Auch Paris war lange Jahre hindurch ein Ziel
meiner Sehnsucht, und die Seligkeit, in welcher ich zuerst den Fuß
auf das Pflaster von Paris setzte, nahm ich als Gewähr, daß
ich auch die Erfüllung anderer Wünsche erreichen werde. Das Um-
den-Weg-Fragen ist ferner eine directe Anspielung an Rom, denn
nach Rom führen bekanntlich alle Wege. Uebrigens deutet der
Name Zucker wiederum auf Karlsbad, wohin wir doch alle mit
der constitutionellen Krankheit Diabetes Behafteten schicken. Der
Anlaß dieses Traumes war der Vorschlag meines Berliner Freundes,
uns zu Ostern in Prag zu treffen. Aus den Dingen, die ich mit ihm
zu besprechen hatte, würde sich eine weitere Beziehung zu Zucker
und Diabetes ergeben.S.
134
Ein vierter Traum, kurz nach dem letzterwähnten, bringt mich
wieder nach Rom. Ich sehe eine Strassenecke vor mir und wundere
mich darüber, dass dort so viele deutsche Plakate angeschlagen
sind. Tags vorher hatte ich meinem Freund in prophetischer Vor-
aussicht geschrieben, Prag dürfte für deutsche Spaziergänger kein
bequemer Aufenthaltsort sein. Der Traum drückte also gleichzeitig
den Wunsch aus, ihn in Rom zu treffen anstatt in einer böhmischen
Stadt, und das wahrscheinlich aus der Studentenzeit stammende
Interesse daran, dass in Prag der deutschen Sprache mehr Duldung
gewährt sein müsse. Die czechische Sprache muss ich übrigens
in meinen ersten Kinderjahren verstanden haben, da ich
in einem kleinen Orte Mährens mit slavischer Bevölkerung geboren
bin. Ein czechischer Kindervers, den ich in meinem 17. Jahre
gehört, hat sich meinem Gedächtnis mühelos so eingeprägt, dass ich
ihn noch heute hersagen kann, obwohl ich keine Ahnung von seiner
Bedeutung habe. Es fehlt also auch diesen Träumen nicht an
mannigfaltigen Beziehungen zu den Eindrücken meiner ersten
Lebensjahre.Auf meiner letzten Italienreise, die mich unter Anderem am
Trasimenersee vorüberführte, fand ich endlich nachdem ich den
Tiber gesehen und schmerzlich bewegt 80 Kilometer weit von Rom
umgekehrt war, die Verstärkung auf, welche meine Sehnsucht nach
der ewigen Stadt aus Jugendeindrücken bezieht. Ich erwog gerade
den Plan, ein nächstes Jahr an Rom vorbei nach Neapel zu reisen,
als mir ein Satz einfiel, den ich bei einem unserer classischen
Schriftsteller gelesen haben muss: Es ist fraglich, wer eifriger in
seiner Stube auf und ab lief, nachdem er den Plan gefasst, nach
Rom zu gehen, der Conrector Winckelmann oder der Feldherr
Hannibal. Ich war ja auf den Spuren Hannibal's gewandelt;
es war mir so wenig wie ihm beschieden, Rom zu sehen, und auch
er war nach Campanien gezogen, nachdem alle Welt in Rom ihn
erwartet hatte. Hannibal, mit dem ich diese Aehnlichkeit erreicht
hatte, war aber der Lieblingsheld meiner Gymnasialjahre gewesen;
wie so viele in jenem Alter, hatte ich meine Sympathien während
der punischen Kriege nicht den Römern, sondern dem Karthager
zugewendet. Als dann im Obergymnasium das erste Verständnis
für die Consequenzen der Abstammung aus landesfremder Race
erwuchs, und die antisemitischen Regungen unter den Kameraden
mahnten Stellung zu nehmen, da hob sich die Gestalt des semitischen
Feldherrn noch höher in meinen Augen. Hannibal und Rom
symbolisirten dem Jüngling den Gegensatz zwischen der Zähigkeit
des Judenthums und der Organisation der katholischen Kirche.
Die Bedeutung, welche die antisemitische Bewegung seither für unser
Gemüthsleben gewonnen hat, verhalf dann den Gedanken und
Empfindungen jener frühen Zeit zur Fixirung. So ist der Wunsch,
nach Rom zu kommen, für das Traumleben zum Deckmantel undS.
135
Symbol für mehrere andere heissersehnte Wünsche geworden, an
deren Verwirklichung man mit der Ausdauer und Ausschliesslichkeit
des Puniers arbeiten möchte, und deren Erfüllung zeitweilig vom
Schicksal ebenso wenig begünstigt scheint wie der Lebenswunsch
Hannibal’s, in Rom einzuziehen.Und nun stosse ich erst auf das Jugenderlebnis, das in all
diesen Empfindungen und Träumen noch heute seine Macht äussert.
Ich mochte zehn oder zwölf Jahre gewesen sein, als mein Vater
begann, mich auf seine Spaziergänge mitzunehmen und mir in
Gesprächen seine Ansichten über die Dinge dieser Welt zu eröffnen.So erzählte er mir einmal, um mir zu zeigen, in wie viel bessere
Zeiten ich gekommen sei als er: Als ich ein junger Mensch war,
bin ich in deinem Geburtsort am Samstag in der Strasse spazieren
gegangen, schön gekleidet, mit einer neuen Pelzmütze auf dem Kopf.
Da kommt ein Christ daher, haut mir mit einem Schlag die Mütze
in den Koth und ruft dabei: Jud, herunter vom Trottoir! „Und was
hast du gethan?“ Ich bin auf den Fahrweg gegangen und habe die
Mütze aufgehoben, war die gelassene Antwort. Das schien mir nicht
heldenhaft von dem grossen starken Mann, der mich Kleinen an der
Hand führte. Ich stelle dieser Situation, die mich nicht befriedigte,
eine andere gegenüber, die meinem Empfinden besser entsprach,
die Scene, in welcher Hannibal’s Vater, Hasdrubal, seinen
Knaben vor dem Hausaltar schwören lässt, an den Römern Rache
zu nehmen. Seitdem hatte Hannibal einen Platz in meinen
Phantasien.Ich meine, dass ich die Schwärmerei für den karthagischen
General noch ein Stück weiter in meine Kindheit zurück verfolgen
kann, so dass es sich auch hier nur um die Uebertragung einer bereits
gebildeten Affectrelation auf einen neuen Träger handeln dürfte. Eines
der ersten Bücher, das dem lesefähigen Kind in die Hände fiel, war
Thiers’ Consulat und Kaiserreich; ich erinnere mich, dass
ich meinen Holzsoldaten kleine Zettel mit den Namen der kaiserlichen
Marschälle auf den flachen Rücken geklebt, und dass damals schon
Masséna (als Jude: Menasse) mein erklärter Liebling war.
Napoleon selbst schloss sich durch den Uebergang über die Alpen
an Hannibal an. Und vielleicht liesse sich die Entwickelung
dieses Kriegerideals noch weiter zurück in die Kindheit verfolgen
bis auf Wünsche, die der bald freundschaftliche, bald kriegerische
Verkehr während der ersten drei Jahre mit einem um ein Jahr
älteren Knaben bei dem schwächeren der beiden Gespielen hervor-
rufen musste.Je tiefer man sich in die Analyse der Träume einlässt, desto häufiger
wird man auf die Spur von Kindheitserlebnissen geführt, welche im
latenten Trauminhalt eine Rolle als Traumquellen spielen.Wir haben gehört (Seite 13), dass der Traum sehr selten Er-
innerungen so reproducirt, dass sie unverkürzt und unverändert denS.
136
alleinigen manifesten Trauminhalt bilden. Immerhin sind einige
Beispiele für dieses Vorkommen sicher gestellt, zu denen ich einige
neue hinzufügen kann, die sich wiederum auf Infantilszenen beziehen.
Bei einem meiner Patienten brachte einmal ein Traum eine kaum
entstellte Wiedergabe eines sexuellen Vorfalles, die sofort als getreue
Erinnerung erkannt wurde. Die Erinnerung daran war im Wachen
zwar nie völlig verloren gewesen, aber doch stark verdunkelt worden,
und ihre Neubelebung war ein Erfolg der vorausgegangenen analytischen
Arbeit. Der Träumer hatte mit zwölf Jahren einen bettlägerigen
Collegen besucht, der sich wahrscheinlich nur zufällig bei einer
Bewegung im Bett entblößte. Beim Anblick seiner Genitalien von
einer Art Zwang ergriffen, entblößte er sich selbst und fasste das
Glied des Anderen, der ihn aber unwillig und verwundert ansah, worauf
er verlegen wurde und abliess. Diese Scene wiederholte ein Traum
23 Jahre später auch mit allen Einzelheiten der in ihr vorkommen-
den Empfindungen, veränderte sie aber dahin, dass der Träumer
anstatt der activen die passive Rolle übernahm, während die Person
des Schulcollegen durch eine der Gegenwart angehörige ersetzt wurde.
In der Regel freilich ist die Infantilszene im manifesten Traum-
inhalt nur durch eine Anspielung vertreten und muss durch Deutung
aus dem Traum entwickelt werden. Die Mittheilung solcher Beispiele
kann nicht sehr beweiskräftig ausfallen, weil ja für diese Kinder-
erlebnisse meistens jede andere Gewähr fehlt; sie werden, wenn sie
in ein frühes Alter fallen, von der Erinnerung nicht mehr anerkannt.
Das Recht, überhaupt aus Träumen auf solche Kindererlebnisse zu
schliessen, ergibt sich bei der psychoanalytischen Arbeit aus einer ganzen
Reihe von Momenten, die in ihrem Zusammenwirken verlässlich genug
erscheinen. Zum Zwecke der Traumdeutung aus ihrem Zusammen-
hange gerissen, werden solche Zurückführungen von Träumen auf
Kindererlebnisse vielleicht wenig Eindruck machen, besonders da ich
nicht einmal alles Material mittheile, auf welches sich die Deutung
stützt. Indes will ich mich von der Mittheilung darum nicht
abhalten lassen.I. Bei einer meiner Patientinnen haben alle Träume den Charakter
des „Gehetzten“; sie hetzt sich, um zurecht zu kommen, den Eisen-
bahnzug nicht zu versäumen, u. dgl. In einem Traume soll sie ihre
Freundin besuchen; die Mutter hat ihr gesagt, sie soll fahren, nicht gehen;
sie läuft aber und fällt dabei in einem fort. – Das bei der
Analyse auftauchende Material gestattet, die Erinnerung an Kinder-
hetzereien zu erkennen (man weiss, was der Wiener „eine Hetz“
nennt), und gibt speciell für den einen Traum die Zurückführung
auf den bei Kindern beliebten Scherz, den Satz: „Die Kuh rannte
bis sie fiel“ so rasch auszusprechen, als ob er ein einziges Wort
wäre, was wiederum ein „Hetzen“ ist. Alle diese harmlosen Hetzereien
unter kleinen Freundinnen werden erinnert, weil sie andere, minder
harmlose, ersetzen.S.
137
II. Von einer Anderen folgender Traum: Sie ist in einem
grossen Zimmer, in dem allerlei Maschinen stehen,
etwa so, wie sie sich eine orthopädische Anstalt vor
stellt. Sie hört, dass ich keine Zeit habe, und dass
sie die Behandlung gleichzeitig mit fünf anderen
machen muss. Sie sträubt sich aber und will sich in
das für sie bestimmte Bett – oder was es ist – nicht
legen. Sie steht in einem Winkel und wartet, dass ich
sage, es ist nicht wahr. Die Anderen lachen sie unter
des aus, es sei Faxerei von ihr – Daneben, als ob sie
viele kleine Quadrate machen würde.Der erste Theil dieses Trauminhaltes ist eine Anknüpfung an
die Cur und Uebertragung auf mich. Der zweite enthält die
Anspielung an die Kinderscene; mit der Erzählung des Bettes sind
die beiden Stücke an einander gelöthet. Die orthopädische Anstalt
geht auf eine meiner Reden zurück, in der ich die Behandlung ihrer
Dauer wie ihrem Wesen nach mit einer orthopädischen verglichen
hatte. Ich musste ihr zu Anfang der Behandlung mittheilen, dass ich
vorläufig wenig Zeit für sie habe, ihr aber später eine ganze
Stunde täglich widmen würde. Dies machte die alte Empfindlichkeit
in ihr rege, die ein Hauptcharakterzug der zur Hysterie bestimmten
Kinder ist. Sie sind unersättlich für Liebe. Meine Patientin war
die jüngste von sechs Geschwistern (daher: mit fünf anderen) und
als solche der Liebling des Vaters, scheint aber gefunden zu
haben, dass der geliebte Vater ihr noch zu wenig Zeit und Aufmerk-
samkeit widme. – Dass sie wartet, bis ich sage, es ist nicht wahr,
hat folgende Ableitung: Ein kleiner Schneiderjunge hatte ihr ein
Kleid gebracht, und sie ihm dafür das Geld mitgegeben. Dann fragte
sie ihren Mann, ob sie das Geld nochmals bezahlen müsse, wenn er
es verliere. Der Mann, um sie zu necken, versicherte: ja (die
Neckerei im Trauminhalt), und sie fragte immer wieder von
Neuem und wartete darauf, dass er endlich sage, es ist
nicht wahr. Nun lässt sich für den latenten Trauminhalt der
Gedanke construiren, ob sie mir wohl das Doppelte bezahlen müsse,
wenn ich ihr die doppelte Zeit widme, ein Gedanke, der geizig
oder schmutzig ist. (Die Unreinlichkeit der Kinderzeit wird sehr
häufig vom Traum durch Geldgeiz ersetzt; das Wort „schmutzig“
bildet dabei die Brücke.) Wenn all das vom Warten, bis ich sage
u. s. w., das Wort „schmutzig“ im Traum umschreiben soll, so stimmt
das Im-Winkel-Stehen und das Sich-nicht-in’s-Bett-Legen
dazu als Bestandtheil einer Kinderscene, in der sie das Bett schmutzig
gemacht hatte, zur Strafe in den Winkel gestellt wird unter der
Androhung, dass sie der Papa nicht mehr lieb haben werde, die
Geschwister sie auslachen u. s. w. Die kleinen Quadrate zielen auf
ihre kleine Nichte, die ihr die Rechenkunst gezeigt, wie man in
neun Quadrate, glaube ich, Zahlen so einschreibt, dass sie, nach allen
Richtungen addirt, 15 ergeben.S.
138
III. Der Traum eines Mannes: Er sieht zwei Knaben, die
sich balgen, und zwar Fassbinderknaben, wie er aus
den herumliegenden Gerätschaften schliesst; einer
der Knaben hat den anderen niedergeworfen, der
liegende Knabe hat Ohrringe mit blauen Steinen. Er
eilt dem Missethäter mit erhobenem Stock nach, um
ihn zu züchtigen. Dieser flüchtet zu einer Frau, die
bei einem Bretterzaun steht, als ob sie seine Mutter
wäre. Es ist eine Taglöhnersfrau, die dem Träumer
den Rücken zuwendet. Endlich kehrt sie sich um und
schaut ihn mit einem grässlichen Blick an, so dass er
erschreckt davonläuft. An ihren Augen sieht man vom
unteren Lid das rothe Fleisch vorstehen.Der Traum hat triviale Begebenheiten des Vortages reichlich ver-
werthet. Er hat gestern wirklich zwei Knaben auf der Strasse gesehen,
von denen einer den anderen hinwarf. Als er hinzu eilte, um zu schlichten,
ergriffen sie beide die Flucht. – Fassbinderknaben: wird erst durch
einen nachfolgenden Traum erklärt, in dessen Analyse er die
Redensart gebraucht: Dem Fass den Boden ausschlagen. –
Ohrringe mit blauen Steinen tragen nach seiner Beobachtung meist die
Prostituirten. So fügt sich ein bekannter Klapphornvers von zwei
Knaben an: Der andere Knabe, der hiess Marie (d. h.: war ein
Mädchen). Die stehende Frau: Nach der Scene mit den beiden
Knaben ging er am Donauufer spaziren und benutzte die Einsamkeit
dort, um gegen einen Bretterzaun zu uriniren. Auf dem weiteren
Weg lächelte ihn eine anständig gekleidete ältere Dame sehr freund-
lich an und wollte ihm ihre Adresskarte überreichen.Da die Frau im Traume so steht wie er beim Uriniren, so
handelt es sich um ein urinirendes Weib, und dazu gehört dann
der grässliche „Anblick“, das Vorstehen des rothen Fleisches,
was sich nur auf die beim Kauern klaffenden Genitalien beziehen
kann, die in der Kinderzeit gesehen, in der späteren Erinnerung
als „wildes Fleisch“, als „Wunde“ wieder auftreten. Der Traum
vereinigt zwei Anlässe, bei denen der kleine Knabe die Genitalien
kleiner Mädchen sehen konnte, beim Hinwerfen und bei deren
Uriniren, und wie aus dem anderen Zusammenhange hervorgeht, be-
wahrt er die Erinnerung an eine Züchtigung oder Drohung des Vaters
wegen der von dem Buben bei diesen Anlässen bewiesenen sexuellen
Neugierde.IV. Eine ganze Summe von Kindererinnerungen, zu einer Phantasie
nothdürftig vereinigt, findet sich hinter folgendem Traum einer
älteren Dame.Sie geht in Hetze aus, Commissionen zu machen.
Auf dem Graben sinkt sie dann, wie zusammen-
gebrochen, in die Kniee. Viele Leute sammeln sich
um sie, besonders die Fiakerkutscher; aber niemandS.
139
hilft ihr auf. Sie macht viele vergebliche Versuche;
endlich muss es gelungen sein, denn man setzt sie in
einen Fiaker, der sie nach Hause bringen soll; durch’s
Fenster wirft man ihr einen grossen schwer gefüllten
Korb nach (ähnlich einem Einkaufskorb).
Es ist dieselbe, die in ihren Träumen immer gehetzt wird,
wie sie als Kind gehetzt hat. Die erste Situation des Traumes ist
offenbar von dem Anblick eines gestürzten Pferdes hergenommen,
wie auch das „Zusammenbrechen“ auf Wettrennen deutet. Sie war
in jungen Jahren Reiterin, in noch jüngeren wahrscheinlich auch
Pferd. Zu dem Hinstürzen gehört die erste Kindheitserinnerung an
den 17jährigen Sohn des Portiers, der, auf der Strasse von epilep-
tischen Krämpfen befallen, im Wagen nach Hause gebracht wurde.
Davon hat sie natürlich nur gehört, aber die Vorstellung von
epileptischen Krämpfen, vom „Hinfallenden“ hat grosse Macht über
ihre Phantasie gewonnen und später ihre eigenen hysterischen
Anfälle in ihrer Form beeinflusst. – Wenn eine Frauenperson
vom Fallen träumt, so hat das wohl regelmässig einen sexuellen
Sinn, sie wird eine „Gefallene“; für unsern Traum wird diese
Deutung am wenigsten zweifelhaft sein, denn sie fällt auf dem
Graben, jenem Platze von Wien, der als Corso der Prostitution
bekannt ist. Der Einkaufskorb gibt mehr als eine Deutung; als
Korb erinnert er an die vielen Körbe, die sie zuerst ihren Freiern
ausgetheilt, und später, wie sie meint, sich auch selbst geholt hat.
Dazu gehört dann auch, dass ihr niemand aufhelfen will, was sie
selbst als Verschmähtwerden auslegt. Ferner erinnert der Einkaufs-
korb an Phantasien, die der Analyse bereits bekannt geworden sind,
in denen sie tief unter ihrem Stande geheiratet hat und nun selbst zu
Markte einkaufen geht. Endlich aber könnte der Einkaufskorb als
Zeichen einer dienenden Person gedeutet werden. Dazu kommen
nun weitere Kindheitserinnerungen an eine Köchin, die weggeschickt
wurde, weil sie stahl; die ist auch so in die Kniee gesunken
und hat gefleht. Sie war damals zwölf Jahre alt. Dann an ein
Stubenmädchen, das weggeschickt wurde, weil es sich mit dem
Kutscher des Hauses abgab, der sie übrigens später heiratete.
Diese Erinnerung ergibt uns also eine Quelle für die Kutscher im
Traum (die sich im Gegensatz zur Wirklichkeit der Gefallenen nicht
annehmen). Es bleibt aber noch das Nachwerfen des Korbes, und
zwar durch’s Fenster, zu erklären. Das mahnt sie an das Expediren
des Gepäcks auf der Eisenbahn, an das „Fensterln“ auf dem Lande,
an kleine Eindrücke von dem Landaufenthalte, wie ein Herr einer
Dame blaue Pflaumen durch’s Fenster in ihr Zimmer wirft, wie
ihre kleine Schwester sich gefürchtet, weil ein vorübergehender
Trottel durch’s Fenster in’s Zimmer sah. Und nun taucht dahinter
eine dunkle Erinnerung aus dem zehnten Lebensjahre auf, von einer
Bonne, die auf dem Lande Liebesscenen mit einem Diener desS.
140
Hauses aufführte, von denen das Kind doch etwas gemerkt haben
konnte, und die mitsammt ihrem Liebhaber „expedirt“, „hinaus--
geworfen“ wurde (im Traum der Gegensatz: „hineingeworfen“),
eine Geschichte, der wir uns auch von mehreren anderen Wegen her
genähert hatten. Das Gepäck, der Koffer einer dienenden Person
wird aber in Wien geringschätzig als die „sieben Zwetschken“
bezeichnet. „Pack“ deine sieben Zwetschken zusammen und geh’.“
An solchen Träumen von Patienten, deren Analyse zu
dunkel oder gar nicht mehr erinnerten Kindereindrücken, oft aus
den ersten drei Lebensjahren, führt, hat meine Sammlung natürlich
überreichen Vorrath. Es ist aber misslich, Schlüsse aus ihnen zu
ziehen, die für den Traum im Allgemeinen gelten sollen; es handelt
sich ja regelmässig um neurotische, speciell hysterische Personen;
und die Rolle, welche den Kinderscenen in diesen Träumen zufällt,
könnte durch die Natur der Neurose und nicht durch das Wesen
des Traumes bedingt sein. Indes begegnet es mir bei der Deutung
meiner eigenen Träume, die ich doch nicht wegen grober Leidens-
symptome unternehme, ebenso oft, dass ich im latenten Traum--
inhalt unvermuthet auf eine Infantilscene stosse, und dass mir eine
ganze Serie von Träumen mit einemmal in die von einem
Kindererlebnis ausgehenden Bahnen einmündet. Beispiele hiefür
habe ich schon erbracht und werde ich noch bei verschiedenen
Anlässen weitere erbringen. Vielleicht kann ich den ganzen
Abschnitt nicht besser beschliessen, als durch Mittheilung einiger
eigenen Träume, in denen recente Anlässe und langvergessene
Kindererlebnisse mitsammen als Traumquellen auftreten.I. Nachdem ich gereist, müde und hungrig das Bett aufgesucht
habe, melden sich im Schlafe die grossen Bedürfnisse des Lebens
und ich träume: Ich gehe in eine Küche, um mir Mehl-
speise geben zu lassen. Dort stehen drei Frauen, von
denen eine die Wirthin ist und etwas in der Hand dreht,
als ob sie Knödel machen würde. Sie antwortet, dass
ich warten soll, bis sie fertig ist (nicht deutlich als
Rede). Ich werde ungeduldig und gehe beleidigt weg.
Ich ziehe einen Ueberrock an; der erste, den ich ver-
suche, ist mir aber zu lang. Ich ziehe ihn wieder aus,
etwas überrascht, dass er Pelzbesatz hat. Ein zweiter,
den ich anziehe, hat einen langen Streifen mit türki--
scher Zeichnung eingesetzt. Ein Fremder mit langem
Gesicht und kurzem Spitzbart kommt hinzu und hindert
mich am Anziehen, indem er ihn für den seinen erklärt.
Ich zeige ihm nun, dass er über und über türkisch ge--
stickt ist. Er fragt: Was gehen Sie die türkischen
(Zeichnungen, Streifen …) an? Wir sind aber dann
ganz freundlich mit einander.In der Analyse dieses Traumes fällt mir ganz unerwartet der
erste Roman ein, den ich, vielleicht 13jährig, gelesen, d. h. mit demS.
141
Ende des ersten Bandes begonnen habe. Den Namen des Romans
und seines Autors habe ich nie gewusst, aber der Schluss ist mir
nun in lebhafter Erinnerung. Der Held verfällt in Wahnsinn und
ruft beständig die drei Frauennamen, die ihm im Leben das grösste
Glück und das Unheil bedeutet haben. Pélagie ist einer dieser
Namen. Noch weiss ich nicht, was ich mit diesem Einfall in der
Analyse beginnen werde. Da tauchen zu den drei Frauen die drei
Parzen auf, die das Geschick des Menschen spinnen, und ich weiss,
dass eine der drei Frauen, die Wirthin im Traum, die Mutter ist,
die das Leben gibt, mitunter auch, wie bei mir, dem Lebenden
die erste Nahrung. An der Frauenbrust treffen sich Liebe und
Hunger. Ein junger Mann, erzählt die Anekdote, der ein grosser
Verehrer der Frauenschönheit wurde, äusserte einmal, als die Rede
auf die schöne Amme kam, die ihn als Säugling genährt: es thue
ihm leid, die gute Gelegenheit damals nicht besser ausgenützt zu
haben. Ich pflege mich der Anekdote zur Erläuterung für das
Moment der Nachträglichkeit in dem Mechanismus der Psycho-
neurosen zu bedienen. – Die eine der Parzen also reibt die Hand-
flächen an einander, als ob sie Knödel machen würde. Eine
sonderbare Beschäftigung für eine Parze, welche dringend der Auf-
klärung bedarf! Diese kommt nun aus einer anderen und früheren
Kindererinnerung. Als ich sechs Jahre alt war und den ersten
Unterricht bei meiner Mutter genoss, sollte ich glauben, dass wir
aus Erde gemacht sind und darum zur Erde zurückkehren müssen.
Es behagte mir aber nicht, und ich zweifelte die Lehre an. Da rieb
die Mutter die Handflächen an einander – ganz ähnlich wie beim
Knödelmachen, nur dass sich kein Teig zwischen ihnen befindet –
und zeigte mir die schwärzlichen Epidermisschuppen, die sich dabei
abreiben, als eine Probe der Erde, aus der wir gemacht sind, vor.
Mein Erstaunen über diese Demonstration ad oculos war grenzenlos
und ich ergab mich in das, was ich später in den Worten ausgedrückt
hören sollte: „Du bist der Natur einen Tod schuldig.“*) So sind es
also wirklich Parzen, zu denen ich in die Küche gehe, wie so oft
in den Kinderjahren, wenn ich hungerig war, und die Mutter beim
Herd mich mahnte zu warten, bis das Mittagessen fertig sei. Und
nun die Knödel! Wenigstens einer meiner Universitätslehrer, aber
gerade der, dem ich meine histologischen Kenntnisse (Epidermis)
verdanke, wird sich bei dem Namen Knödl an eine Person erinnern,
die er belangen musste, weil sie ein Plagiat an seinen Schriften
begangen hatte. Ein Plagiat begehen, sich aneignen, was man
bekommen kann, auch wenn es einem Andern gehört, leitet offenbar
zum zweiten Theil des Traumes, in dem ich wie der Ueberrockdieb
behandelt werde, der eine Zeitlang in den Hörsälen sein Wesen trieb.*)Beide zu diesen Kinderscenen gehörigen Affecte, das Erstaunen und die
Ergebung in’s Unvermeidliche, fanden sich in einem Traum kurz vorher, der mir
zuerst die Erinnerung an dieses Kindererlebnis wiederbrachte.S.
142
Ich habe den Ausdruck Plagiat niedergeschrieben, absichtslos,
weil er sich mir darbot, und nun merke ich, dass er dem latenten
Trauminhalte angehören muss, weil er als Brücke zwischen verschie-
denen Stücken des manifesten Trauminhaltes dienen kann. Die
Associationskette – Pélagie – Plagiat – Plagiostomen*)
(Haifische) – Fischblase verbindet den alten Roman mit der
Affaire Knödl und mit den Ueberziehern, die ja offenbar ein Geräth
der sexuellen Technik bedeuten. [Vgl. Maury’s Traum von
Kilo – Lotto, Seite 41.] Eine höchst gezwungene und unsinnigeVerbindung zwar, aber doch keine, die ich im Wachen herstellen
könnte, wenn sie nicht schon durch die Traumarbeit hergestellt
wäre. Ja, als ob dem Drang, Verbindungen zu erzwingen, gar nichts
heilig wäre, dient nun der theure Name Brücke (Wortbrücke s. o.)
dazu, mich an dasselbe Institut zu erinnern, in dem ich meine
glücklichsten Stunden als Schüler verbracht, sonst ganz bedürfnislos
[„So wird’s Euch an der Weisheit Brüsten mit jedem Tage mehr
gelüsten“], im vollen Gegensatz zu den Begierden, die mich, während
ich träume, plagen. Und endlich taucht die Erinnerung an einen
anderen theuren Lehrer auf, dessen Name wiederum an etwas
Essbares anklingt (Fleischl, wie Knödl) und an eine traurige
Scene, in der Epidermisschuppen eine Rolle spielen (die Mutter –
Wirthin) und Geistesstörung (der Roman) und ein Mittel aus der
lateinischen Küche, das den Hunger benimmt, das Cocain.So könnte ich den verschlungenen Gedankenwegen weiter
folgen und das in der Analyse fehlende Stück des Traumes voll
aufklären, aber ich muss es unterlassen, weil die persönlichen Opfer,
die es erfordern würde, zu gross sind. Ich greife nur einen der
Fäden auf, der direct zu einem der dem Gewirre zu Grunde
liegenden Traumgedanken führen kann. Der Fremde mit langem
Gesicht und Spitzbart, der mich am Anziehen hindern will, trägt die
Züge eines Kaufmanns in Spalato, bei dem meine Frau reichlich
türkische Stoffe eingekauft hat. Er hiess Popović, ein verdächtiger
Name, der auch dem Humoristen Stettenheim zu einer andeutungs-
vollen Bemerkung Anlass gegeben hat. („Er nannte mir seinen
Namen und drückte mir erröthend die Hand.“) Uebrigens derselbe
Missbrauch mit Namen wie oben mit Pélagie, Knödl, Brücke,
Fleischl. Dass solche Namenspielerei Kinderunart ist, darf man
ohne Widerspruch behaupten; wenn ich mich in ihr ergehe, ist es
aber ein Act der Vergeltung, denn mein eigener Name ist unzählige
Male solchen schwachsinnigen Witzeleien zum Opfer gefallen.Goethe bemerkte einmal, wie empfindlich man für seinen Namen
ist, mit dem man sich verwachsen fühlt wie mit seiner Haut, als
Herder auf seinen Namen dichtete:„Der Du von Göttern abstammst, von Gothen oder vom Kothe“ –
*)Die Plagiostomen ergänze ich nicht willkürlich; sie mahnen mich an
eine ärgerliche Gelegenheit von Blamage vor demselben Lehrer.S.
143
„So seid ihr Götterbilder auch zu Staub.“
Ich merke, dass die Abschweifung über den Missbrauch von
Namen nur diese Klage vorbereiten sollte. Aber brechen wir
hier ab. – Der Einkauf in Spalato mahnt mich an einen anderen
Einkauf in Cattaro, bei dem ich allzu zurückhaltend war und die
Gelegenheit zu schönen Erwerbungen versäumte. (Die Gelegenheit
bei der Amme versäumt, s. o.) Einer der Traumgedanken, die
dem Träumer der Hunger eingibt, lautet nämlich: Man soll sich
nichts entgehen lassen, nehmen, was man haben kann,
auch wenn ein kleines Unrecht dabei mitläuft; man soll
keine Gelegenheit versäumen, das Leben ist so kurz,
der Tod unvermeidlich. Weil es auch sexuell gemeint ist
und weil die Begierde vor dem Unrecht nicht Halt machen will,
hat dieses „carpe diem“ die Censur zu fürchten und muss sich hinter
einem Traum verbergen. Dazu kommen nun alle Gegengedanken zu
Wort, die Erinnerung an die Zeit, da die geistige Nahrung
dem Träumer allein genügte, alle Abhaltungen und selbst die Dro-
hungen mit den ekelhaften sexuellen Strafen.II. Ein zweiter Traum erfordert einen längeren Vorbericht:
Ich bin auf den Westbahnhof gefahren, um meine Ferienreise
nach Aussee anzutreten, gehe aber schon zum früher abgehenden
Ischler Zug auf den Perron. Dort sehe ich nun den Grafen Thun
dastehen, der wiederum zum Kaiser nach Ichl fährt. Er war trotz
des Regens im offenen Wagen angekommen, direct durch die
Eingangsthür für Localzüge hinausgetreten und hatte den Thürhüter,
der ihn nicht kannte und ihm das Billet abnehmen wollte, mit einer
kurzen Handbewegung ohne Erklärung von sich gewiesen. Ich soll
dann, nachdem er im Ischler Zuge abgefahren ist, den Perron wieder
verlassen und in den heissen Wartesaal zurückgehen, setze es aber
mühselig durch, dass ich bleiben darf. Ich vertreibe mir die Zeit,
aufzupassen, wer da kommen wird, um sich auf dem Protections-
wege ein Coupé anweisen zu lassen; nehme mir vor, dann Lärm zu
schlagen, d. h. gleiches Recht zu verlangen. Unterdes singe ich mir
etwas vor, was ich dann als die Arie aus Figaro’s Hochzeit erkenne:„Will der Herr Graf ein Tänzelein wagen,
Tänzelein wagen,Soll er’s nur sagen,
Ich spiel’ ihm eins auf.“(Ein Anderer hätte den Gesang vielleicht nicht erkannt.)
Ich war den ganzen Abend in übermüthiger, streitlustiger
Stimmung gewesen, hatte Kellner und Kutscher gefrozzelt, hoffentlich
ohne ihnen wehe zu thun; nun gehen mir allerlei freche und revo-
lutionäre Gedanken durch den Kopf, wie sie zu den Worten Figaro’s
passen und zur Erinnerung an die Comödie von Beaumarchais,S.
144
die ich in der Comédie française aufführen gesehen. Das Wort
von den grossen Herren, die sich die Mühe gegeben haben, geboren
zu werden; das Herrenrecht, das der Graf Almaviva bei Susanne zur
Geltung bringen will; die Scherze, die unsere bösen oppositionellen
Tagschreiber mit dem Namen des Grafen Thun anstellen, indem
sie ihn Graf Nichtsthun nennen. Ich beneide ihn wirklich nicht;
er hat jetzt einen schweren Gang zum Kaiser, und ich bin der
eigentliche Graf Nichtsthun; ich gehe auf Ferien. Allerlei lustige
Ferienvorsätze dazu. Es kommt nun ein Herr, der mir als
Regierungsvertreter bei den medicinischen Prüfungen bekannt ist
und der sich durch seine Leistungen in dieser Rolle den schmeichel-
haften Beinamen des „Regierungsbeischläfers“ zugezogen hat. Er
verlangt unter Berufung auf seine amtliche Eigenschaft ein Halb-
coupé erster Classe, und ich höre den Beamten zu einem andern
sagen: Wo geben wir den Herrn mit der halben Ersten hin? Eine
nette Bevorzugung; ich zahle meine erste Classe ganz. Ich bekomme
dann auch ein Coupé für mich, aber nicht in einem durchgehenden
Wagen, so dass mir die Nacht über kein Abort zur Verfügung steht.
Meine Klage beim Beamten hat keinen Erfolg; ich räche mich,
indem ich ihm den Vorschlag mache, in diesem Coupé wenigstens
ein Loch im Boden anbringen zu lassen, für etwaige Bedürfnisse
der Reisenden. Ich erwache auch wirklich um ¾ 3 Uhr morgens
mit Harndrang aus nachstehendem Traum:Menschenmenge, Studentenversammlung. – Ein Graf (Thun
oder Taaffe) redet. Aufgefordert, etwas über die
Deutschen zu sagen, erklärt er mit höhnischer Ge-
berde für ihre Lieblingsblume den Huflattich und steckt
dann etwas wie ein zerfetztes Blatt, eigentlich ein zu-
sammengeknülltes Blattgerippe in’s Knopfloch. Ich
fahre auf, fahre also auf,*) wundere mich aber doch
über diese meine Gesinnung. Dann undeutlicher:
ob es die Aula wäre, die Zugänge besetzt, und man
müsste fliehen. Ich bahne mir den Weg durch eine
Reihe von schön eingerichteten Zimmern, offenbar Re-
gierungszimmern, mit Möbeln in einer Farbe zwischen
braun und violett, und komme endlich in einen Gang,
in dem eine Haushälterin, ein älteres dickes Frauen-
zimmer, sitzt. Ich vermeide es, mit ihr zu sprechen; sie hält
mich aber offenbar für berechtigt, hier zu passiren, denn
sie fragt, ob sie mit der Lampe mitgehen soll. Ich deute
oder sage ihr, sie soll auf der Treppe stehen bleiben, und
komme mir dabei sehr schlau vor, dass ich die Controle*)Diese Wiederholung hat sich, scheinbar aus Zerstreutheit, in den Text des
Traumes eingeschlichen und wird von mir belassen, da die Analyse zeigt, dass sie
ihre Bedeutung hat.S.
145
am Ende vermeide. So bin ich drunten und finde einen
schmalen, steil aufsteigenden Weg, den ich gehe.
Wieder undeutlich . . . Als ob jetzt die zweite Aufgabe
käme, aus der Stadt wegzukommen, wie früher aus dem
Haus. Ich fahre in einem Einspänner und gebe ihm Auf-
trag, zu einem Bahnhof zu fahren. „Auf der Bahnstrecke
selbst kann ich nicht mit Ihnen fahren“, sage ich, nach
dem er einen Einwand gemacht hat, als ob ich ihn über-
müdet hätte. Dabei ist es, als wäre ich schon eine
Strecke mit ihm gefahren, die man sonst mit der Bahn
fährt. Die Bahnhöfe sind besetzt; ich überlege, ob ich
nach Krems oder Znaim soll, denke aber, dort wird der
Hof sein, und entscheide mich für Graz oder so etwas.
Nun sitze ich im Waggon, der ähnlich einem Stadtbahn-
wagen ist, und habe im Knopfloch ein eigenthümlich
geflochtenes, langes Ding, daran violettbraune Veilchen
aus starrem Stoff, was den Leuten sehr auffällt. Hier
bricht die Scene ab.Ich bin wieder vor dem Bahnhofe, aber zu zweit mit
einem älteren Herrn, erfinde einen Plan, um unerkannt
zu bleiben, sehe diesen Plan aber auch schon ausge-
führt. Denken und Erleben ist hier gleichsam Eins.
Er stellt sich blind, wenigstens auf einem Auge, und
ich halte ihm ein männliches Uringlas vor (das wir in
der Stadt kaufen mussten oder gekauft haben). Ich bin
also sein Krankenpfleger und muss ihm das Glas geben,
weil er blind ist. Wenn der Conducteur uns so sieht,
muss er uns als unauffällig entkommen lassen. Dabei ist
die Stellung des Betreffenden und sein urinirendes
Glied plastisch gesehen.Der ganze Traum macht etwa den Eindruck einer Phantasie,
die den Träumer in das Revolutionsjahr 1848 versetzt, dessen An-
denken ja durch das Jubiläum des Jahres 1898 erneuert war, wie über-
dies durch einen kleinen Ausflug in die Wachau, bei dem ich
Emmersdorf kennen gelernt hatte, den Ruhesitz des Studentenführers
Fischhof, auf den einige Züge des manifesten Trauminhaltes weisen
mögen. Die Gedankenverbindung führt mich dann nach England, in
das Haus meines Bruders, der seiner Frau scherzhaft vorzuhalten
pflegte „Fifty years ago“ nach dem Titel eines Gedichtes von Lord
Tennyson, worauf die Kinder zu rectificiren gewöhnt waren:
„Fifteen years ago.“ Diese Phantasie, die sich an die Gedanken an-
schliesst, welche der Anblick des Grafen Thun hervorgerufen hatte, ist
aber nur wie die Façade italienischer Kirchen ohne organischen Zu-
sammenhang dem Gebäude dahinter vorgesetzt; anders als diese Façaden
ist sie übrigens lückenhaft, verworren, und Bestandtheile aus dem Inneren
drängen sich an vielen Stellen durch. Die erste Situation des TraumesS.
146
ist aus mehreren Scenen zusammengebraut, in die ich sie zerlegen kann.
Die hochmüthige Stellung des Grafen im Traum ist copirt nach
einer Gymnasialscene aus meinem 15. Jahr. Wir hatten gegen einen
missliebigen und ignoranten Lehrer eine Verschwörung angezettelt,
deren Seele ein College war, der sich seitdem Heinrich VIII. von
England zum Vorbilde genommen zu haben scheint. Die Führung
des Hauptschlages fiel mir zu, und eine Discussion über die Bedeutung
der Donau für Oesterreich (Wachau!) war der Anlass, bei dem es
zur offenen Empörung kam. Ein Mitverschworener war der einzige
aristokratische College, den wir hatten, wegen seiner auffälligen
Längenentwicklung die „Giraffe“ genannt, und der stand, vom
Schultyrannen, dem Professor der deutschen Sprache, zur Rede
gestellt, so da wie der Graf im Traume. Das Erklären der Lieblings-
blume und In’s-Knopfloch-Stecken von etwas, was wieder eine Blume
sein muss (was an die Orchideen erinnert, die ich einer Freundin am
selben Tag gebracht hatte, und ausserdem an eine Rose von Jericho),
mahnt auffällig an die Scene aus den Königsdramen Shake-
speare’s, die den Bürgerkrieg der rothen und der weissen Rose
eröffnet; die Erwähnung Heinrich’s VIII. hat den Weg zu dieser
Reminiscenz gebahnt. Dann ist es nicht weit von den Rosen zu den
rothen und weissen Nelken. (Dazwischen schieben sich in der Analyse
zwei Verslein ein, eins deutsch, das andere spanisch: Rosen,
Tulpen, Nelken, alle Blumen welken. – Isabelita, no llores que se
marchitan las flores. Das Spanische vom Figaro her.) Die weissen
Nelken sind bei uns in Wien das Abzeichen der Antisemiten, die
rothen das der Socialdemokraten geworden. Dahinter eine Erin-
nerung an eine antisemitische Herausforderung während einer Eisen-
bahnfahrt im schönen Sachsenlande (Angelsachsen). Die dritte
Scene, welche Bestandtheile für die Bildung der ersten Traum-
situation abgegeben hat, fällt in meine erste Studentenzeit. In einem
deutschen Studentenverein gab es eine Discussion über das Ver-
hältnis der Philosophie zu den Naturwissenschaften. Ich grüner
Junge, der materialistischen Lehre voll, drängte mich vor, um
einen höchst einseitigen Standpunkt zu vertreten. Da erhob sich
ein überlegener älterer College, der seitdem seine Fähigkeit erwiesen
hat, Menschen zu lenken und Massen zu organisiren, der übrigens
auch einen Namen aus dem Thierreich trägt, und machte uns
tüchtig herunter; auch er habe in seiner Jugend die Schweine
gehütet und sei dann reuig in’s Vaterhaus zurückgekehrt. Ich
fuhr auf (wie im Traum), wurde saugrob und antwortete, seit-
dem ich wüsste, dass er die Schweine gehütet, wunderte ich
mich nicht mehr über den Ton seiner Reden. (Im Traum
wundere ich mich über meine deutsch-nationale Gesinnung.
Grosser Aufruhr; ich wurde von vielen Seiten aufgefordert, meine
Worte zurückzunehmen, blieb aber standhaft. Der Beleidigte war
zu verständig, um das Ansinnen einer Herausforderung, das
man an ihn richtete, anzunehmen, und liess die Sache auf sich beruhen.S.
147
Die übrigen Elemente der Traumscene stammen aus tieferen
Schichten. Was soll es bedeuten, dass der Graf den „Huflattich“
proclamirt? Hier muss ich meine Associationsreihe befragen. Huf-
lattich – lattice – Salat – Salathund (der Hund, der Anderen
nicht gönnt, was er doch selber nicht frisst). Hier sieht man durch
auf einen Vorrath an Schimpfwörtern: Giraffe, Schwein, Sau,
Hund; ich wüsste auch auf dem Umweg über einen Namen zu einem
Esel zu gelangen und damit wieder zu einem Hohn auf einen aka-
demischen Lehrer. Ausserdem übersetze ich mir – ich weiss nicht, ob
mit Recht – Huflattich mit „pisse-en-lit.“ Die Kenntnis kommt mir
aus dem Germinal Zola’s, in dem die Kinder aufgefordert werden,
solchen Salat mitzubringen. Der Hund – chien – enthält in seinem
Namen einen Anklang an die grössere Function (chier, wie pisser für
die kleineren). Nun werden wir bald das Unanständige in allen drei
Aggregatzuständen beisammen haben; denn im selben Germinal, der
mit der künftigen Revolution genug zu thun hat, ist ein ganz eigenthüm-
licher Wettkampf beschrieben, der sich auf die Production gasförmiger
Excretionen, Flatus genannt, bezieht.*) Und nun muss ich bemerken,
wie der Weg zu diesen Flatus seit Langem angelegt ist, von den
Blumen aus über das spanische Verslein, die Isabelita, zu Isa-
bella und Ferdinand über Heinrich VIII., die englische Ge-
schichte zum Kampf der Armada gegen England, nach dessen
siegreicher Beendigung die Engländer eine Medaille prägten mit der
Inschrift: Flavit et dissipati sunt, da der Sturmwind die spanische
Flotte zerstreut hatte. Diesen Spruch gedachte ich aber zur halb
scherzhaft gemeinten Ueberschrift des Capitels „Therapie“ zu nehmen,
wenn ich je dazu gelangen sollte, ausführliche Kunde von meiner
Auffassung und Behandlung der Hysterie zu geben.
Von der zweiten Scene des Traumes kann ich eine so ausführ-
liche Auflösung nicht geben, und zwar aus Rücksichten der Censur.
Ich setze mich hier nämlich an die Stelle eines hohen Herrn jener
Revolutionszeit, der auch ein Abenteuer mit einem Adler gehabt,
an incontinentia alvi gelitten haben soll u. dgl., und ich glaube,
ich wäre nicht berechtigt, hier die Censur zu passiren,
obwohl ein Hofrath (Aula, consiliarius aulicus) mir den grösseren
Theil jener Geschichten erzählt hat. Die Reihe von Zimmern im
Traum verdankt ihre Anregung dem Salonwagen Seiner Excellenz, in
den ich einen Moment hineinblicken konnte; sie bedeutet aber,
wie so häufig im Traum, Frauenzimmer (ärarisch Frauenzimmer).
Mit der Person der Haushälterin statte ich einer geistreichen älteren
Dame schlechten Dank für die Bewirthung und die vielen guten
Geschichten ab, die mir in ihrem Hause geboten worden sind.
– Der Zug mit der Lampe geht auf Grillparzer zurück, der*)Nicht im Germinal, sondern in La Terre. Ein Irrthum, der mir erst
nach der Analyse bemerklich wird. – Ich mache übrigens auf die identischen Buch-
staben in Huflattich und Flatus aufmerksam.S.
148
ein reizendes Erlebnis ähnlichen Inhaltes notirt und dann in Hero
und Leander (des Meeres und der Liebe Wellen – die Armada
und der Sturm) verwendet hat.
Auch die detaillirte Analyse der beiden übrigen Traumstücke
muss ich zurückhalten; ich werde nur jene Elemente herausgreifen,
die zu den beiden Kinderscenen führen, um deren Willen ich den
Traum überhaupt aufgenommen habe. Man wird mit Recht ver-
muthen, dass es sexuelles Material ist, welches mich zu dieser
Unterdrückung nöthigt; man braucht sich aber mit dieser Aufklärung
nicht zufrieden zu geben. Man macht doch sich selbst aus Vielem
kein Geheimnis, was man vor Anderen als Geheimnis behandeln muss,
und hier handelt es sich nicht um die Gründe, die mich nöthigen,
die Lösung zu verbergen, sondern um die Motive der inneren Censur,
welche den eigentlichen Inhalt des Traumes vor mir selbst verstecken.
Ich muss also darum sagen, dass die Analyse diese drei Traum-
stücke als impertinente Prahlereien, als Ausfluss eines lächerlichen,
in meinem wachen Leben längst unterdrückten Grössenwahnes er-
kennen lässt, der sich mit einzelnen Ausläufern bis in den manifesten
Trauminhalt wagt (ich komme mir schlau vor), allerdings die
übermüthige Stimmung des Abends vor dem Träumen trefflich ver-
stehen lässt. Prahlerei zwar auf allen Gebieten; so geht die Er-
wähnung von Graz auf die Redensart: Was kostet Graz? in der
man sich gefällt, wenn man sich überreich mit Geld versehen glaubt.
Wer an Meister Rabelais’ unübertroffene Schilderung von dem
Leben und Thaten des Gargantua und seines Sohnes Panta-
gruel denken will, wird auch den angedeuteten Inhalt des ersten
Traumstückes unter die Prahlereien einreihen können. Zu den zwei
versprochenen Kinderscenen gehört aber folgendes: Ich hatte für
diese Reise einen neuen Koffer gekauft, dessen Farbe, ein Braun-
violett, im Traum mehrmals auftritt (violettbraune Veilchen aus
starrem Stoff neben einem Ding, das man „Mädchenfänger“ heisst –
die Möbel in den Regierungszimmern). Dass man mit etwas Neuem
den Leuten auffällt, ist ein bekannter Kinderglaube. Nun ist mir
folgende Scene aus meinem Kinderleben erzählt worden, deren Er-
innerung ersetzt ist durch die Erinnerung an die Erzählung. Ich soll –
im Alter vor zwei Jahren – noch gelegentlich das Bettnass gemacht
haben, und als ich dafür Vorwürfe zu hören bekam, den Vater durch
das Versprechen getröstet haben, dass ich ihm in N. (der nächsten
grösseren Stadt) ein neues schönes, rothes Bett kaufen werde. (Daher
im Traum die Einschaltung, dass wir das Glas in der Stadt gekauft
haben oder kaufen mussten; was man versprochen hat, muss man
halten.) [Man beachte übrigens die Zusammenstellung des männlichen
Glases und des weiblichen Koffers, box.] Der ganze Grössenwahn
des Kindes ist in diesem Versprechen enthalten. Die Bedeutung der
Harnschwierigkeiten des Kindes für den Traum ist uns bereits bei einer
früheren Traumdeutung (vergleiche den Traum Seite 137) aufgefallen.S.
149
Dann gab es aber einmal einen anderen häuslichen Anstand,
als ich 7 oder 8 Jahre alt war, an den ich mich sehr wohl erinnere.
Ich setzte mich Abends vor dem Schlafengehen über das Gebot der
Discretion hinweg, Bedürfnisse nicht im Schlafzimmer der Eltern in
deren Anwesenheit zu verrichten, und der Vater liess in seiner Straf-
rede darüber die Bemerkung fallen: Aus dem Buben wird nichts
werden. Es muss eine furchtbare Kränkung für meinen Ehrgeiz ge-
wesen sein, denn Anspielungen an diese Scene kehren immer in
meinen Träumen wieder und sind regelmässig mit Aufzählung meiner
Leistungen und Erfolge verknüpft, als wollte ich sagen: Siehst Du,
ich bin doch etwas geworden. Diese Kinderscene gibt nun den
Stoff für das letzte Bild des Traumes, in dem natürlich zur Rache
die Rollen vertauscht sind. Der ältere Mann, offenbar der Vater, da
die Blindheit auf einem Auge sein einseitiges Glaukom bedeutet,*)
uriniert jetzt vor mir wie ich damals vor ihm. Mit dem Glaukom
mahne ich ihn an das Cocain, dass ihm bei der Operation zu Gute
kam, als hätte ich damit mein Versprechen erfüllt. Ausserdem mache
ich mich über ihn lustig, weil er blind ist, muss ich ihm das Glas
vorhalten und schwelge in Anspielungen an meine Erkenntnisse in
der Lehre von der Hysterie, auf die ich stolz bin.**)*)Andere Deutung: Er ist einäugig wie Odhin, der Göttervater. – Odhin’s
Trost. – Der Trost aus der Kinderscene, dass ich ihm ein neues Bett kaufen werde.**)Dazu einiges Deutungsmaterial: Das mit dem Glas vorhalten, erinnert an
die Geschichte vom Bauern, der beim Optiker Glas nach Glas versucht, aber nicht
lesen kann. – (Bauernfänger im vorigen Traumstück.) – Die
Behandlung des schwachsinnig gewordenen Vaters bei den Bauern in Zola’s La
Terre. – Die traurige Genugthuung, dass der Vater in seinen letzten Lebenstagen
wie ein Kind das Bett beschmutzt hat; daher bin ich im Traum sein Kranken-
pfleger. – „Denken und Erleben sind hier gleichsam Eins“ erinnert an ein stark
revolutionäres Buchdrama von Oscar Panizza, in dem Göttervater als paralytischer
Greis schmählich genug behandelt wird; dort heisst es: Wille und That sind bei ihm
Eins, und er muss von seinem Erzengel, einer Art Ganymed, abgehalten werden
zu schimpfen und zu fluchen, weil diese Verwünschungen sich sofort erfüllen würden.
– Das Plänemachen ist ein aus späterer Zeit der Kritik stammender Vorwurf
gegen den Vater, wie überhaupt der ganze rebellische, majestätsbeleidigende und
die hohe Obrigkeit verhöhnende Inhalt des Traumes auf Auflehnung gegen den
Vater zurückgeht. Der Fürst heisst Landesvater, und der Vater ist die älteste, erste,
für das Kind einzige Autorität, aus dessen Machtvollkommenheit im Laufe der
menschlichen Culturgeschichte die anderen socialen Obrigkeiten hervorgegangen sind
(insoferne nicht das „Mutterrecht“ zur Einschränkung dieses Satzes nöthigt). – Die
Fassung im Traum „Denken und Erleben sind Eins“, zielt auf die Erklärung der
hysterischen Symptome, zu der auch das männliche Glas eine Beziehung hat. Einem
Wiener brauchte ich das Princip des „Gschnas“ nicht auseinanderzusetzen; es besteht
darin, Gegenstände von seltenem und werthvollem Ansehen aus trivialem, am liebsten
komischem und werthlosem Material herzustellen, z. B. Rüstungen aus Kochtöpfen,
Strohwischen und Salzstangeln, wie es unsere Künstler an ihren lustigen Abenden
lieben. Ich hatte nun gemerkt, dass die Hysterischen es ebenso machen; neben dem,
was ihnen wirklich zugestossen ist, gestalten sie sich unbewusst grässliche oder aus-
schweifende Phantasiebegebenheiten, die sie aus dem harmlosesten und banalsten
Material des Erlebens aufbauen. An diesen Phantasien hängen erst die Symptome,
nicht an den Erinnerungen der wirklichen Begebenheiten, seien diese nun ernsthaftS.
150
Wenn die beiden Urinscenen aus der Kindheit bei mir ohne
dies mit dem Thema der Größensucht eng verbunden sind, so kam
ihrer Erweckung auf der Reise nach Aussee noch der zufällige Um-
stand zu Gute, dass mein Coupé kein Closet besass, und ich vor-
bereitet sein musste, während der Fahrt in Verlegenheit zu kommen,
was dann am Morgen auch eintraf. Ich erwachte dann mit den
Empfindungen des körperlichen Bedürfnisses. Ich meine, man könnte
geneigt sein, diesen Empfindungen die Rolle des eigentlichen Traum-
erregers zuzuweisen, würde aber einer anderen Auffassung den Vorzug
geben, nämlich dass die Traumgedanken erst den Harndrang hervor-
gerufen haben. Es ist bei mir ganz ungewöhnlich, dass ich durch
irgend ein Bedürfnis im Schlaf gestört werde, am wenigstens um die
Zeit dieses Erwachens, 3/4 Uhr Morgens. Einen weiteren Einwand be-
gegne ich durch die Bemerkung, dass ich auf anderen Reisen unter
bequemeren Verhältnissen fast niemals den Harndrang nach früh-
zeitigem Erwachen verspürt habe. Uebrigens kann ich diesen Punkt
auch ohne Schaden unentschieden lassen.Seitdem ich ferner durch Erfahrungen bei der Traumanalyse
aufmerksam gemacht worden bin, dass auch von Träumen, deren
Deutung zunächst vollständig erscheint, weil Traumquellen und
Wunscherreger leicht nachweisbar sind, – dass auch von solchen
Träumen wichtige Gedankenfäden ausgehen, die bis in die früheste
Kindheit hineinreichen, habe ich mich fragen müssen, ob nicht auch
in diesem Zuge eine wesentliche Bedingung des Träumens gegeben
ist. Wenn ich diesen Gedanken verallgemeinern dürfte, so käme
jedem Traum in seinem manifesten Inhalt eine Anknüpfung an
das recent Erlebte zu, in seinem latenten Inhalt aber eine Anknüpfung
an das älteste Erlebte, von dem ich bei der Analyse der Hysterie
wirklich zeigen kann, dass es in gutem Sinne bis auf die Gegenwart
recent geblieben ist. Diese Vermuthung erscheint aber noch recht
schwer erweislich; ich werde auf die wahrscheinliche Rolle frühester
Kindheitserlebnisse, für die Traumbildung noch in anderem Zusam-
hange (Abschnitt VII) zurückkommen müssen.Von den drei Eingangs betrachteten Besonderheiten des Traum-
gedächtnisses hat sich uns die eine – die Bevorzugung des Neben-
sächlichen im Trauminhalt – durch ihre Zurückführung auf die
Traumentstellung befriedigend gelöst. Die beiden Anderen, die
Auszeichnung des Recenten wie des Infantilen haben wir bestätigen,
aber nicht aus den Motiven des Träumens ableiten können. Wir
wollen diese beiden Charaktere, deren Erklärung oder Verwerthung
uns erübrigt, im Gedächtnis behalten; sie werden anderswo ihre Ein-
1)oder gleichfalls harmlos. Diese Aufklärung hatte mir aber viele Schwierigkeiten hin-
weggeholfen und machte mir viel Freude. Ich konnte sie mit dem Traumelement des
„männlichen Glases“ andeuten, weil mir von dem letzten „Gschnasabend“ erzählt
worden war, es sei dort ein Giftbecher der Lucretia Borgia ausgestellt gewesen,
dessen Kern und Hauptbestandtheil ein Uringlas für Männer, wie es in den Spitälern
gebräuchlich ist, gebildet hätte.S.
151
Die somatischen Traumquellen.
reihung finden müssen, entweder in der Psychologie des Schlafzu-
standes oder bei jenen Erwägungen über den Aufbau des seelischen
Apparates, die wir später anstellen werden, wenn wir gemerkt haben,
dass man durch die Traumdeutung wie durch eine Fensterlücke in
das Innere desselben einen Blick werfen kann.Ein anderes Ergebnis der letzten Traumanalysen will ich aber
gleich hier hervorheben. Der Traum erscheint häufig mehrdeutig;
es können nicht nur, wie Beispiele zeigen, mehrere Wunsch-
erfüllungen neben einander in ihm vereinigt sein; es kann auch ein
Sinn, eine Wunscherfüllung die andere decken, bis man zu unterst
auf die Erfüllung eines Wunsches aus der ersten Kindheit stösst,
und auch hier wieder die Erwägung, ob in diesem Satze das
„häufig“ nicht richtiger durch „regelmässig“ zu ersetzen ist.c) Die somatischen Traumquellen.
Wenn man den Versuch macht, einen gebildeten Laien für die
Probleme des Traums zu interessiren, und in dieser Absicht die
Frage an ihn richtet, aus welchen Quellen wohl nach seiner
Meinung die Träume herrühren, so merkt man zumeist, dass der
Gefragte im gesicherten Besitz dieses Theiles der Lösung zu sein
vermeint. Er gedenkt sofort des Einflusses, den gestörte oder
beschwerte Verdauung („Träume kommen aus dem Magen“), zu-
fällige Körperlage und kleine Erlebnisse während des Schlafens auf
die Traumbildung äussern, und scheint nicht zu ahnen, dass nach
Berücksichtigung all’ dieser Momente etwas der Erklärung Bedürftiges
noch erübrigt.Welche Rolle für die Traumbildung die wissenschaftliche
Litteratur den somatischen Reizquellen zugesteht, haben wir im ein-
leitenden Abschnitt (Seite 13 u. ff.) ausführlich auseinandergesetzt, so
dass wir uns hier nur an die Ergebnisse dieser Untersuchung zu er-
innern brauchen. Wir haben gehört, dass dreierlei somatische Reiz-
quellen unterschieden werden, die von äusseren Objecten ausgehenden
objectiven Sinnesreize, die nur subjectiv begründeten, inneren Erregungs-
zustände der Sinnesorgane und die aus dem Körperinnern stammenden
Leibreize, und wir haben die Neigung der Autoren bemerkt, neben
diesen somatischen Reizquellen etwaige psychische Quellen des Traumes
in den Hintergrund zu drängen oder ganz auszuschalten (Seite 28).
Bei der Prüfung der Ansprüche, welche zu Gunsten dieser Classen
von somatischen Reizquellen erhoben werden, haben wir erfahren,
dass die Bedeutung der objectiven Sinnesorganerregungen – theils
zufällige Reize während des Schlafes, theils solche, die sich auch
vom schlafenden Seelenleben nicht ferne halten lassen – durch zahl-
reiche Beobachtungen sicher gestellt wird und durch das Experiment
eine Bestätigung erfährt (Seite 16), dass die Rolle der subjectiven
Sinneserregungen durch die Wiederkehr der hypnagogischen Sinnes-S.
152
bilder in den Träumen (p. 21) dargethan erscheint, und dass die im
weitesten Umfang angenommene Zurückführung unserer Traumbilder
und Traumvorstellungen auf inneren Leibreiz zwar nicht in ihrer
ganzen Breite beweisbar ist, aber sich an die allbekannte Beein-
flussung anlehnen kann, welche der Erregungszustand der Digestions-,
Harn- und Sexualorgane auf den Inhalt unserer Träume ausübt.
„Nervenreiz“ und „Leibreiz“ wären also die somatischen
Quellen des Traumes, d. h. nach mehreren Autoren die einzigen Quellen
des Traumes überhaupt.Wir haben aber auch bereits einer Reihe von Zweifeln Gehör
geschenkt, welche nicht sowohl die Richtigkeit als vielmehr die
Zulänglichkeit der somatischen Reiztheorie anzugreifen schienen.So sicher sich alle Vertreter dieser Lehre bezüglich deren that-
sächlichen Grundlagen fühlen mussten – zumal soweit die acciden-
tellen und äusseren Nervenreize in Betracht kommen, die im Traum-
inhalt wiederzufinden keinerlei Mühe erfordern –, so blieb doch
keiner der Einsicht ferne, dass der reiche Vorstellungsinhalt der
Träume eine Ableitung aus den äusseren Nervenreizen allein nicht wohl
zulasse. Miss Mary Whiton Calkins12) hat ihre eigenen Träume
und die einer zweiten Person durch sechs Wochen hindurch von
diesem Gesichtspunkte aus geprüft und nur 13.2%, resp. 6.7%, ge-
funden, in denen das Element äusserer Sinneswahrnehmung nach-
weisbar war; nur zwei Fälle der Sammlung liessen sich auf organische
Empfindungen zurückführen. Die Statistik bestätigt uns hier, was
uns bereits eine flüchtige Ueberschau unserer eigenen Erfahrungen
hatte vermuthen lassen.Man beschied sich vielfach, den „Nervenreiztraum“ als eine
gut erforschte Unterart des Traumes vor anderen Traumformen her-
vorzuheben. Spitta64) trennte die Träume in Nervenreiz- und
Associationstraum. Es war aber klar, dass die Lösung unbe-
friedigend blieb, so lange es nicht gelang, das Band zwischen den
somatischen Traumquellen und dem Vorstellungs-
inhalt des Traumes
nachzuweisen.Neben den ersten Einwand, der Unzulänglichkeit in der
Häufigkeit der äusseren Reizquellen, stellt sich so als zweiter die
Unzulänglichkeit in der Aufklärung des Traumes, die durch die
Einführung dieser Art von Traumquellen zu erreichen ist. Die Ver-
treter der Lehre sind uns zwei solcher Aufklärungen schuldig,
erstens, warum der äussere Reiz im Traum nicht in seiner wirklichen
Natur erkannt, sondern regelmässig verkannt wird (vergleiche die
Weckerträume, Seite 18), und zweitens warum das Resultat der Reaction
der wahrnehmenden Seele auf diesen verkannten Reiz so unbestimmbar
wechselvoll ausfallen kann. Als Antwort auf diese Frage haben
wir von Strümpell66) gehört, dass die Seele in Folge ihrer Ab-
wendung von der Aussenwelt während des Schlafes nicht im Stande
ist, die richtige Deutung des objectiven Sinnesreizes zu gebenS.
153
sondern genöthigt wird, auf Grund der nach vielen Richtungen un-
bestimmten Anregung Illusionen zu bilden, in seinen Worten ausge-
drückt (p. 108):„Sobald durch einen äußeren oder inneren Nervenreiz während
des Schlafes in der Seele eine Empfindung oder ein Empfindungs-
complex, ein Gefühl, überhaupt ein psychischer Vorgang entsteht und
von der Seele percipirt wird, so ruft dieser Vorgang aus dem der
Seele vom Wachen her verbliebenen Erfahrungskreise Empfindungs-
bilder, also frühere Wahrnehmungen, entweder nackt oder mit zu-
gehörigen psychischen Werthen hervor. Er sammelt gleichsam um
sich eine größere oder kleinere Anzahl solcher Bilder, durch welche
der vom Nervenreiz herrührende Eindruck seinen psychischen Werth
bekommt. Man sagt gewöhnlich auch hier, wie es der Sprachgebrauch
für das wache Verhalten thut, dass die Seele im Schlaf die Nerven-
reizeindrücke deute. Das Resultat dieser Deutung ist der sogenannte
Nervenreiztraum, d. h. ein Traum, dessen Bestandtheile dadurch
bedingt sind, dass ein Nervenreiz nach den Gesetzen der Repro-
duction seine psychische Wirkung im Seelenleben vollzieht.“In allem Wesentlichen mit dieser Lehre identisch ist die
Aeußerung von Wundt76), die Vorstellungen des Traumes gehen
jedenfalls zum größten Theil von Sinnesreizen aus, namentlich auch
von solchen des allgemeinen Sinnes, und sind daher zumeist phan-
tastische Illusionen, wahrscheinlich nur zum kleineren Theil reine,
zu Hallucinationen gesteigerte Erinnerungsvorstellungen. Für das
Verhältniß des Trauminhaltes zu den Traumreizen, welches sich nach
dieser Theorie ergibt, findet Strümpell das treffliche Gleichnis
(p. 84), es sei, wie „wenn die zehn Finger eines der Musik ganz un-
kundigen Menschen über die Tasten des Instrumentes hinlaufen“.
Der Traum erscheine so nicht als ein seelisches Phänomen, aus
psychischen Motiven entsprungen, sondern als der Erfolg eines
physiologischen Reizes, der sich in psychischer Symptomatologie
äußert, weil der vom Reiz betroffene Apparat keiner anderen
Aeußerung fähig ist. Auf eine ähnliche Voraussetzung ist z. B. die
Erklärung der Zwangsvorstellungen aufgebaut, die Meynert durch
das berühmte Gleichnis vom Zifferblatt, auf dem einzelne Zahlen
stärker gewölbt vorspringen, zu geben versuchte.So beliebt diese Lehre von den somatischen Traumreizen
geworden ist und so bestehend sie erscheinen mag, so ist es doch
leicht, den schwachen Punkt in ihr aufzuweisen. Jeder somatische
Traumreiz, welcher im Schlafe den seelischen Apparat zur Deutung
durch Illusionsbildung auffordert, kann ungezählt viele solcher
Deutungsversuche anregen, also in ungemein verschiedenen Vor-
stellungen seine Vertretung im Trauminhalt erreichen. Die Lehre
von Strümpell und Wundt ist aber unfähig, irgend ein Motiv
anzugeben, welches die Beziehung zwischen dem äußeren Reiz und
der zu seiner Deutung gewählten Traumvorstellung regelt, also dieS.
154
„sonderbare Auswahl“ zu erklären, welche die Reize „oft genug bei
ihrer reproductiven Wirksamkeit treffen“. (Lipps, Grundthatsachen
des Seelenlebens, Seite 170.) Andere Einwendungen richten sich
gegen die Grundvoraussetzung der ganzen Illusionslehre, dass die
Seele im Schlafe nicht in der Lage sei, die wirkliche Natur der
objectiven Sinnesreize zu erkennen. Der alte Physiologe Burdach5)
beweist uns, dass die Seele auch im Schlafe sehr wohl fähig ist, die
an sie gelangenden Sinneseindrücke richtig zu deuten und der
richtigen Deutung gemäss zu reagiren, indem er ausführt, dass man
gewisse, dem Individuum wichtig erscheinende Sinneseindrücke von
der Vernachlässigung während des Schlafes ausnehmen kann (Amme
und Kind), und dass man durch den eigenen Namen weit sicherer
geweckt wird als durch einen gleichgiltigen Gehöreindruck, was
ja voraussetzt, dass die Seele auch im Schlafe zwischen den
Sensationen unterscheidet (Abschnitt I, p. 36). Burdach folgert
aus diesen Beobachtungen, dass während des Schlafzustandes nicht
eine Unfähigkeit, die Sinnesreize zu deuten, sondern ein Mangel
an Interesse für sie anzunehmen ist. Die nämlichen Argumente,
die Burdach 1830 verwendet, kehren dann zur Bekämpfung der
somatischen Reiztheorie unverändert bei Lipps im Jahre 1883
wieder. Die Seele erscheint uns demnach so wie der Schläfer in der
Anekdote, der auf die Frage „Schläfst Du“ antwortet „Nein“, nach
der zweiten Anrede, „dann leih’ mir zehn Gulden“ aber sich hinter
der Anrede verschanzt: „Ich schlafe“.Die Unzulänglichkeit der Lehre von den somatischen Traum-
reizen lässt sich auch auf andere Weise darthun. Die Beobachtung
zeigt, dass ich durch äussere Reize nicht zum Träumen genöthigt
werde, wenngleich diese Reize im Trauminhalt erscheinen, sobald
und für den Fall, dass ich träume. Gegen einen Haut- oder Druck-
reiz etwa, der mich im Schlafe befällt, stehen mir verschiedene
Reactionen zu Gebote. Ich kann ihn überhören und dann beim Er-
wachen finden, dass z. B. ein Bein unbedeckt oder ein Arm gedrückt
war; die Pathologie zeigt mir ja die zahlreichsten Beispiele, dass
verschiedenartige und kräftig erregende Empfindungs- und Bewegungs-
reize während des Schlafes wirkungslos bleiben. Ich kann die
Sensation während des Schlafes verspüren, gleichsam durch den
Schlaf hindurch, wie es in der Regel mit schmerzhaften Reizen
geschieht, aber ohne den Schmerz in einen Traum zu verweben;
und ich kann drittens auf den Reiz erwachen, um ihn zu beseitigen.
Erst eine vierte mögliche Reaction ist, dass ich durch den Nerven-
reiz zum Traum veranlasst werde; die anderen Möglichkeiten werden
aber mindestens eben so häufig vollzogen wie die der Traumbildung.
Dies könnte nicht geschehen, wenn nicht das Motiv des Träumens
ausserhalb der somatischen Reizquellen läge.
In gerechter Würdigung jener oben aufgedeckten Lücke in der
Erklärung des Traumes durch somatische Reize haben nun andereS.
155
Autoren — Scherner58), dem der Philosoph Volkelt72) sich
anschloss — die Seelenthätigkeiten, welche aus den somatischen Reizen
die bunten Traumbilder entstehen lassen, näher zu bestimmen gesucht,
also doch wieder das Wesen des Träumens in’s Seelische und in eine
psychische Activität verlegt. Scherner gab nicht nur eine poetisch
nachempfundene, glühend belebte Schilderung der psychischen Eigen-
thümlichkeiten, die sich bei der Traumbildung entfalten; er glaubte
auch das Princip errathen zu haben, nach dem die Seele mit den
ihr dargebotenen Reizen verfährt. In freier Bethätigung der ihrer
Tagesfesseln entledigten Phantasie strebt nach Scherner die
Traumarbeit dahin, die Natur des Organes, von dem der Reiz aus-
geht, und die Art dieses Reizes symbolisch darzustellen. Es er-
gibt sich so eine Art von Traumbuch als Anleitung zur Deutung
der Träume, mittelst dessen aus Traumbildern auf Körpergefühle,
Organzustände und Reizzustände geschlossen werden darf. „So
drückt das Bild der Katze die ärgerliche Missstimmung des
Gemüthes aus, das Bild des hellen und glatten Gebäcks die
Leibesnacktheit. Der menschliche Leib als Ganzes wird von
der Traumphantasie als Haus vorgestellt, das einzelne Körper-
organ durch einen Theil des Hauses. In den „Zahnreizträumen“
entspricht dem Mundorgan ein hochgewölbter Hausflur und dem
Hinabfall des Schlundes zur Speiseröhre eine Treppe, im „Kopf-
schmerzraum“ wird zur Bezeichnung der Höhenstellung des Kopfes
die Decke eines Zimmers gewählt, welche mit ekelhaften, kröten-
artigen Spinnen bedeckt ist“ (Volkelt, p. 39). „Diese Symbole
werden vom Traum in mehrfacher Auswahl für das nämliche Organ
verwendet; so findet die athmende Lunge in dem flammenerfüllten
Ofen mit seinem Brausen ihr Symbol, das Herz in hohlen Kisten
und Körben, die Harnblase in runden, beutelförmigen oder überhaupt
nur ausgehöhlten Gegenständen. Besonders wichtig ist es, dass am
Schlusse des Traumes öfters das erregende Organ oder dessen
Function unverhüllt hingestellt wird, und zwar zumeist an dem
eigenen Leib des Träumers. So endet der „Zahnreiztraum“ gewöhn-
lich damit dass der Träumer sich einen Zahn aus dem Munde zieht“
(p. 35). Mann kann nicht sagen, dass diese Theorie der Traum-
deutung viel Gunst bei den Autoren gefunden hat. Sie erschien vor
Allem extravagant; man hat selbst gezögert, das Stück Berechtigung
herauszufinden, das sie nach meinem Urtheil beanspruchen darf. Sie
führt, wie man sieht, zur Wiederbelebung der Traumdeutung mittelst
Symbolik, deren sich die Alten bedienten, nur dass das Gebiet,
aus welchem die Deutung geholt werden soll, auf den Umfang der
menschlichen Leiblichkeit beschränkt wird. Der Mangel einer
wissenschaftlich fassbaren Technik bei der Deutung muss die An-
wendbarkeit der Scherner’schen Lehre schwer beeinträchtigen.
Willkür in der Traumdeutung scheint keineswegs ausgeschlossen,
zumal da auch hier ein Reiz sich in mehrfachen Vertretungen imS.
156
Trauminhalt äußern kann; so hat bereits Scherner’s Anhänger
Volkelt die Darstellung des Körpers als Haus nicht bestätigen
können. Es muss auch Anstoss erregen, dass hier wiederum der
Seele die Traumarbeit als nutz-
und ziellose Bethätigung auferlegt
ist, da sich doch nach der in Rede stehenden Lehre die Seele damit
begnügt, über den sie beschäftigenden Reiz zu phantasiren, ohne
dass etwas wie eine Erledigung des Reizes in der Ferne wirkte.Von einem Einwand aber wird die Scherner’sche Lehre der
Symbolisirung von Leibreizen durch den Traum schwer getroffen.
Diese Leibreize sind jederzeit vorhanden, die Seele ist für sie nach
allgemeiner Annahme während des Schlafens zugänglicher als im
Wachen. Man versteht dann nicht, warum die Seele nicht continuir-
lich die Nacht hindurch träumt, und zwar jede Nacht von allen
Organen. Will man sich diesem Einwand durch die Bedingung ent-
ziehen, es müssten vom Auge, Ohr, von den Zähnen, Därmen u. s. w.
besondere Erregungen ausgehen, um die Traumthätigkeit zu wecken,
so steht man vor der Schwierigkeit, diese Reizsteigerungen als objectiv
zu erweisen, was nur in einer geringen Zahl von Fällen möglich ist.
Wenn der Traum vom Fliegen eine Symbolisirung des Auf-
und
Niedersteigens der Lungenflügel bei der Athmung bedeutet, so müsste
entweder dieser Traum, wie schon Strümpell bemerkt, weit häufiger
geträumt werden oder eine gesteigerte Athmungsthätigkeit während
dieses Traumes nachweisbar sein. Es ist noch ein dritter Fall mög-
lich, der wahrscheinlichste von allen, dass nämlich zeitweise besondere
Motive wirksam sind, um den gleichmässig vorhandenen visceralcn
Sensationen Aufmerksamkeit zuzuwenden, aber dieser Fall führt bereits
über die Scherner’sche Theorie hinaus.Der Werth der Erörterungen von Scherner und Volkelt
liegt darin, dass sie auf eine Reihe von Charakteren des Traum-
inhaltes aufmerksam machen, welche der Erklärung bedürftig sind
und neue Erkenntnisse zu verdecken scheinen. Es ist ganz richtig,
dass in den Traum Symbolisirungen von Körperorganen und
Functionen enthalten sind, dass Wasser im Traum häufig auf Harnreiz
deutet, dass das männliche Genitale durch einen aufrecht stehenden
Stab oder eine Säule dargestellt werden kann u. s. w. In Träumen,
welche ein sehr bewegtes Gesichtsfeld und leuchtende Farben zeigen,
im Gegensatz zu der Mattigkeit anderer Träume, kann man die
Deutung als „Gesichtsreiztraum“ kaum abweisen, ebenso wenig den
Beitrag der Illusionsbildung in Träumen bestreiten, welche Lärm und
Stimmengewirr enthalten. Ein Traum wie der von Scherner, dass
zwei Reihen schöner blonder Knaben auf einer Brücke einander
gegenüber stehen, sich gegenseitig angreifen, dann wieder ihre alte
Stellung einnehmen, bis endlich der Träumer sich auf eine Brücke
setzt und einen langen Zahn aus seinem Kiefer zieht; oder ein
ähnlicher von Volkelt, in dem zwei Reihen von Schubladen eine
Rolle spielen, und der wiederum mit dem Ausziehen eines ZahnesS.
157
endigt: dergleichen bei beiden Autoren in großer Fülle mitgetheilte
Traumbildungen lassen es nicht zu, dass man die Scherner’sche
Theorie als müssige Erfindung bei Seite wirft, ohne nach ihrem guten
Kern zu forschen. Es stellt sich dann die Aufgabe, für die vermeint-
liche Symbolisirung des angeblichen Zahnreizes eine andersartige
Aufklärung zu erbringen.1)Ich habe es die ganze Zeit über, welche uns die Lehre von den
somatischen Traumquellen beschäftigte, unterlassen, jenes Argument
geltend zu machen, welches sich aus unseren Traumanalysen ableitet.
Wenn wir durch ein Verfahren, das andere Autoren auf ihr Material
an Träumen nicht angewendet haben, erweisen konnten, dass der
Traum einen ihm eigenen Werth als psychische Action besitzt, dass
ein Wunsch das Motiv seiner Bildung wird, und dass die Erlebnisse
des Vortages das nächste Material für seinen Inhalt abgeben, so ist jede
andere Traumlehre, welche ein so wichtiges Untersuchungsverfahren ver--
nachlässigt und den entsprechend den Traum als eine nutzlose und
räthselhafte psychische Reaction auf somatische Reize erscheinen
lässt, auch ohne besondere Kritik gerichtet. Es müsste denn, was
sehr unwahrscheinlich ist, zwei ganz verschiedene Arten von Träumen
geben, von denen die eine nur uns, die andere nur den früheren
Beurtheilern des Traumes untergekommen ist. Es erübrigt nur noch,
den Thatsachen, auf welche sich die gebräuchliche Lehre von den
somatischen Traumreizen stützt, eine Unterbringung innerhalb unserer
Traumlehre zu verschaffen.Den ersten Schritt hiezu haben wir bereits gethan, als wir den
Satz aufstellten, dass die Traumarbeit unter dem Zwange stehe, alle
gleichzeitig vorhandenen Traumanregungen zu einer Einheit zu ver--
arbeiten (Seite 123). Wir sahen, dass, wenn zwei oder mehr eindrucks--
fähige Erlebnisse vom Vortage übrig geblieben sind, die aus ihnen
sich ergebenden Wünsche in einem Traume vereinigt werden, des--
gleichen, dass zum Traummaterial der psychisch werthvolle Eindruck
und die indifferenten Erlebnisse des Vortages zusammentreten, vor--
ausgesetzt, dass sich communicirende Vorstellungen zwischen beiden
herstellen lassen. Der Traum erscheint somit als Reaction auf alles,
was in der schlafenden Psyche gleichzeitig als actuell vorhanden ist.
Soweit wir also das Traummaterial bisher analysirt haben, erkannten
wir es als eine Sammlung von psychischen Resten, Erinnerungs--
spuren, denen wir (wegen der Bevorzugung des recenten und des
infantilen Materials) einen psychologisch derzeit unbestimmbaren
Charakter von Actualität zusprechen mussten. Es schafft uns nun
nicht viel Verlegenheit vorherzusagen, was geschehen wird, wenn
zu diesen Erinnerungsactualitäten neues Material an Sensationen
während des Schlafzustandes hinzutritt. Diese Erregungen erlangen
wiederum eine Wichtigkeit für den Traum dadurch, dass sie actuell
sind; sie werden mit den anderen psychischen Actualitäten vereinigt,
um das Material für die Traumbildung abzugeben. Die ReizeS.
158
während des Schlafes werden, um es anders zu sagen, in eine
Wunscherfüllung verarbeitet, deren andere Bestandtheile die uns
bekannten psychischen Tagesreste sind. Diese Vereinigung muss
nicht vollzogen werden; wir haben ja gehört, dass gegen körperliche
Reize während des Schlafes mehr als eine Art des Verhaltens möglich
ist. Wo sie vollzogen wird, da ist es eben gelungen, ein Vor-
stellungsmaterial für den Trauminhalt zu finden, welches für beiderlei
Traumquellen, die somatischen wie die psychischen, eine Vertretung
darstellt.Das Wesen des Traumes wird nicht verändert, wenn zu den
psychischen Traumquellen somatisches Material hinzutritt; er bleibt
eine Wunscherfüllung, gleichgiltig wie deren Ausdruck durch das
actuelle Material bestimmt wird.Ich will hier gerne Raum lassen für eine Reihe von Eigen-
thümlichkeiten, welche die Bedeutung äusserer Reize für den Traum
veränderlich gestalten können. Ich stelle mir vor, dass ein Zu-
sammenwirken individueller, physiologischer und zufälliger, in den
jeweiligen Umständen gegebener, Momente darüber entscheidet, wie
man sich in den einzelnen Fällen von intensiverer objectiver Reizung
während des Schlafes benehmen wird; die habituelle und accidentelle
Schlaftiefe im Zusammenhang mit der Intensität des Reizes wird es
das eine Mal ermöglichen, den Reiz so zu unterdrücken, dass er im
Schlaf nicht stört, ein anderes Mal dazu nöthigen aufzuwachen, oder
den Versuch unterstützen, den Reiz durch Verwebung in einen
Traum zu überwinden. Der Mannigfaltigkeit dieser Constellationen
entsprechend werden äussere objective Reize bei dem Einen häufiger
oder seltener im Traum zum Ausdruck kommen als bei dem Anderen.
Bei mir, der ich ein ausgezeichneter Schläfer bin und hartnäckig
daran festhalte, mich durch keinen Anlass im Schlaf stören zu lassen,
ist die Einmengung äusserer Erregungsursachen in die Träume sehr
selten, während psychische Motive mich doch offenbar sehr leicht
zum Träumen bringen. Ich habe eigentlich nur einen einzigen
Traum aufgezeichnet, in dem eine objective, schmerzhafte Reizquelle
zu erkennen ist, und gerade in diesem Traum wird es sehr lehrreich
werden nachzusehen, welchen Traumerfolg der äussere Reiz gehabt hat.Ich reite auf einem grauen Pferd, zuerst zaghaft und
ungeschickt, als ob ich nur angelehnt wäre. Da begegne
ich einem Collegen P., der im Lodenanzug hoch zu Ross
sitzt und mich an etwas mahnt (wahrscheinlich, dass ich
schlecht sitze). Nun finde ich mich auf dem höchst in-
telligenten Ross immer mehr zurecht, sitze bequem und
merke, dass ich oben ganz heimisch bin. Als Sattel habe
ich eine Art Polster, das den Raum zwischen Hals und
Croup des Pferdes vollkommen ausfüllt. Ich reite so
knapp zwischen zwei Lastwägen hindurch. Nachdem ich
die Strasse eine Strecke weit geritten bin, kehre ichS.
159
um und will abstei-
gen, zunächst vor einer kleinen offe-
nen Capelle, die in der Straßenfront liegt. Dann steige
ich wirklich vor einer ihr nahe stehenden ab; das Hotel
ist in derselben Straße; ich könnte das Pferd allein
hingehen lassen, ziehe aber vor, es bis dahin zu führen.
Es ist, als ob ich mich schämen würde, dort als Reiter
anzukommen. Vor dem Hotel steht ein Hotelbur-
sche, der mir einen Zettel zeigt, der von mir gefunden-
wurde und mich darum verspottet. Auf dem Zettel steht, zweimal
unterstrichen: Nichts essen und dann ein zweiter Vorsatz
(undeutlich) wie: nichts arbeiten; dazu eine dumpfe Idee, dass
ich in einer fremden Stadt bin, in der ich nichts arbeite.Dem Traum wird man zunächst nicht anmerken, dass er unter
dem Einflusse, unter dem Zwange vielmehr, eines Schmerzreizes ent-
standen ist. Ich hatte aber Tags vorher an Furunkeln gelitten, die mir jede
Bewegung zur Qual machten, und zuletzt war ein Furunkel an der
Wurzel des Scrotum zur Apfelgröße herangewachsen, hatte mir bei
jedem Schritt die unerträglichsten Schmerzen bereitet, und fieber-
hafte Müdigkeit, Essunlust, die trotzdem festgehaltene schwere Arbeit
des Tages hatten sich mit den Schmerzen vereint, um meine Stimmung
zu stören. Ich war nicht recht fähig, meinen ärztlichen Aufgaben
nachzukommen, aber bei der Art und bei dem Sitz des Uebels liess
sich an eine andere Verrichtung denken, für die ich sicherlich so
untauglich gewesen wäre wie für keine andere, und diese ist das
Reiten. Gerade in diese Thätigkeit versetzt mich nun der Traum; es
ist die energischeste Negation des Leidens, die der Vorstellung zu
gänglich ist. Ich kann überhaupt nicht reiten, träume auch sonst
nicht davon, bin überhaupt nur ein Mal auf einem Pferd gesessen
und damals ohne Sattel, und es behagte mir nicht. Aber in diesem
Traum reite ich, als ob ich keinen Furunkel am Damm hätte, n e i n
gerade weil ich keinen haben will. Mein Sattel ist der Beschreibung
gemäss der Breiumschlag, der mir das Einschlafen ermöglicht hat.
Wahrscheinlich habe ich durch die ersten Stunden des Schlafes – so
verwahrt – nichts von meinem Leiden verspürt. Dann meldeten sich
die schmerzhaften Empfindungen und wollten mich aufwecken, da
kam der Traum und sagte beschwichtigend: „Schlaf doch weiter, du
wirst doch nicht aufwachen! Du hast ja gar keinen Furunkel, denn
du reitest ja auf einem Pferd, und mit einem Furunkel an der
Stelle kann man doch nicht reiten!4)“ Und es gelang ihm so; der Schmerz
wurde übertäubt, und ich schlief weiter.Der Traum hat sich aber nicht damit begnügt, mir durch die
hartnäckige Festhaltung einer mit dem Leiden unverträglichen Vor-
stellung, den Furunkel „abzusuggeriren“, wobei er sich benommen wie
der hallucinatorische Wahnsinn der Mutter, die ihr Kind verloren hat.*)
*)Vergleiche die Stelle bei Griesinger3) und die Bemerkung in meinem
zweiten Aufsatz über die Abwehr-Psychoneurosen, Neurologisches Centralblatt 1896.S.
160
oder des Kaufmannes, den Verluste um sein Vermögen gebracht
haben; sondern die Einzelheiten der abgelegneten Sensation und des
zu ihrer Verdrängung gebrauchten Bildes dienen ihm auch als
Material, um das, was sonst in der Seele actuell vorhanden ist, an die
Situation des Traumes anzuknüpfen und zur Darstellung zu bringen.
Ich reite ein graues Pferd, die Farbe des Pferdes entspricht genau
dem pfeffer-
und salzfarbigen Dress, in dem ich dem Collegen
P. zuletzt auf dem Lande begegnet bin. Scharfgewürzte Nahrung
ist mir als die Ursache der Furunculose vorgehalten worden, immerhin
als Aetiologie dem Zucker vorzuziehen, an den man bei Furuncu-
lose denken kann. Freund P. liebt es, sich mir gegenüber auf’s
hohe Ross zu setzen, seitdem er mich bei einer Patientin abgelöst, mit
der ich grosse Kunststücke ausgeführt hatte (ich sitze im Traum
auf dem Pferd zuerst wie ein Kunstreiter tangential), die mich
aber wirklich, wie das Ross in der Anekdote den Sonntagsreiter, ge-
führt hat, wohin sie wollte. So kommt das Ross zur symbolischen
Bedeutung einer Patientin (es ist im Traum höchst intelligent).
„Ich fühle mich ganz heimisch oben“ geht auf die Stellung,
die ich in dem Hause inne hatte, ehe ich durch P. ersetzt wurde. „Ich
habe gemeint, Sie sitzen oben fest im Sattel“, hat mir mit
Beziehung auf dasselbe Haus einer meiner wenigen Gönner unter den
grossen Aerzten dieser Stadt vor Kurzem gesagt. Es war auch ein Kunst-
stück, mit solchen Schmerzen acht bis zehn Stunden täglich Psycho-
therapie zu treiben, aber ich weiss, dass ich ohne volles körperliches
Wohlbefinden meine besonders schwierige Arbeit nicht lange fortsetzen
kann, und der Traum ist voll düsterer Anspielungen auf die Situation,
die sich dann ergeben muss (der Zettel, wie ihn die Neurastheniker haben
und dem Arzt vorzeigen): – Nicht arbeiten und nicht essen.
Bei weiterer Deutung sehe ich, dass es der Traumarbeit gelungen ist, von
der Wunschsituation des Reitens den Weg zu finden zu sehr frühen
Kinderstreitscenen, die sich zwischen mir und einem jetzt in England
lebenden, übrigens um ein Jahr älteren Neffen abgespielt haben mussten.
Ausserdem hat er Elemente aus meinen Reisen in Italien aufge-
nommen; die Strasse im Traum ist aus Eindrücken von Verona und
von Siena zusammengesetzt. Noch tiefer gehende Deutung führt zu
sexuellen Traumgedanken, und ich erinnere mich, was bei einer
Patientin, die nie in Italien war, die Traumanspielungen an das
schöne Land bedeuten sollten (gen Italien – Genitalien), nicht ohne
Anknüpfung gleichzeitig an das Haus, in dem ich vor Freund P.
Arzt war, und an die Stelle, an welcher mein Furunkel sitzt.
Unter den in den vorstehenden Abschnitten erwähnten Träumen
fänden sich bereits mehrere, die als Beispiele für die Verarbeitung
sogenannter Nervenreize dienen können. Der Traum vom Trinken in
vollen Zügen ist ein solcher; in ihm ist der somatische Reiz anscheinend
die einzige Traumquelle, der aus der Sensation entspringende Wunsch
– der Durst – das einzige Traummotiv. Aehnlich ist es in anderenS.
161
einfachen Träumen, wenn der somatische Reiz für sich allein einen
Wunsch zu bilden vermag. Der Traum der Kranken, die Nachts den
Kühlapparat von der Wange abwirft, zeigt eine ungewöhnliche Art,
auf Schmerzensreize mit einer Wunscherfüllung zu reagiren; es scheint
dass es der Kranken vorübergehend gelungen war, sich analgisch zu
machen, wobei sie ihre Schmerzen einem Fremden zuschob.Mein Traum von den drei Parzen ist ein offenbarer Hunger-
traum, aber er weiss das Nahrungsbedürfnis bis auf die Sehnsucht
des Kindes nach der Mutterbrust zurückzuschieben, und die harmlose
Begierde zur Decke für eine ernstere, die sich nicht so unverhüllt
äussern darf, zu benützen. Im Traume vom Grafen Thun konnten
wir sehen, auf welchen Wegen ein accidentell gegebenes körperliches
Bedürfnis mit den stärksten aber auch stärkst unterdrückten Regun-
gen des Seelenlebens in Verbindung gebracht wird. Und wenn, wie
in dem von Garnier berichteten Falle, der Erste Consul das Geräusch
der explodirenden Höllenmaschine in einen Schlaftentrau-
verwebt, ehe er davon erwacht, so offenbart sich darin ganz besonders klar
das Bestreben, in dessen Dienst die Seelenthätigkeit sich überhaupt
um die Sensationen während des Schlafens kümmert.Halten wir diesen Traum des ersten Napoleon, der übrigens ein
ausgezeichneter Schläfer war, und jenen anderen des langschläfrigen
Studenten zusammen, der von seiner Zimmerfrau geweckt, er müsse in’s
Spital, sich in ein Spitalsbett träumt und dann mit der Motivierung weiter-
schläft: Wenn ich schon im Spital bin, brauche ich ja nicht aufzu-
stehen, um hinzugehen. Der letztere ist ein offenbarer Bequemlichkeits-
traum, der Schläfer gesteht sich das Motiv seines Träumens unver-
hohlen ein, deckt aber damit eines der Geheimnisse des Träumens
überhaupt auf. In gewissem Sinne sind alle Träume – Bequem-
lichkeitsträume; sie dienen der Absicht, den Schlaf fortzusetzen,
anstatt zu erwachen. Der Traum ist der Wächter des Schlafes,
nicht sein Störer. Gegen die psychisch erweckenden Momente wer-
den wir diese Auffassung an anderer Stelle rechtfertigen; ihre Anwend-
barkeit auf die Rolle der objectiven äusseren Reize können wir hier
bereits begründen. Die Seele kümmert sich entweder überhaupt nicht um
die Anlässe zu Sensationen während des Schlafens, wenn sie dies gegen
die Intensität und die von ihr wohlverstandene Bedeutung dieser
Reize vermag; oder sie verwendet den Traum dazu, diese Reize in
Abrede zu stellen, oder drittens, wenn sie dieselben anerkennen muss,
so sucht sie jene Deutung derselben auf, welche die actuelle Sensation
als einen Theilbestand einer gewünschten und mit dem Schlafen ver-
träglichen Situation hinstellt. Die actuelle Sensation wird in einen
Traum verfochten, um ihr die Realität zu rauben. Napoleon
darf weiter schlafen; es ist ja nur eine Traumerinnerung an den
Kanonendonner von Arcole, was ihn stören will.*)*)Der Inhalt dieses Traumes wird in den zwei Quellen, aus denen ich ihn
kenne, nicht übereinstimmend erzählt.Freud, Traumdeutung.
S.
162
Der Wunsch zu schlafen muss so als Motiv der Traum-
bildung jedesmal eingerechnet werden, und jeder gelun-
gene Traum ist eine Erfüllung desselben. Wie dieser all-
gemeine, regelmässig vorhandene und sich gleichbleibende Schlafwunsch
sich zu den anderen Wünschen stellt, von denen bald der, bald jener durch
den Trauminhalt erfüllt werden, dies wird Gegenstand einer anderen
Auseinandersetzung sein. In dem Schlafwunsch haben wir aber jenes
Moment aufgedeckt, welches die Lücke in der Strümpell-
Wundt’schen Theorie auszufüllen, die Schiefheit und Launenhaftigkeit
in der Deutung des äusseren Reizes aufzuklären vermag. Die richtige
Deutung, deren die schlafende Seele sehr wohl fähig ist, nähme ein
thätiges Interesse in Anspruch, stellte die Anforderung dem Schlaf
ein Ende zu machen; es werden darum von den überhaupt möglichen
Deutungen nur solche zugelassen, die mit der absolutistisch geübten
Censur des Schlafwunsches vereinbart sind. Etwa: Die Nachtigall
ist’s und nicht die Lerche. Denn wenn’s die Lerche ist, so hat die
Liebesnacht ihr Ende gefunden. Unter den nun zulässigen Deutungen
des Reizes wird dann jene ausgewählt, welche die beste Verknüpfung
mit den in der Seele lauernden Wunschregungen erwerben kann.
So ist alles eindeutig bestimmt und nichts der Willkür überlassen.
Die Missdeutung ist nicht Illusion, sondern – wenn man so will –
Ausrede. Hier ist aber wiederum, wie bei dem Ersatz durch Ver-
schiebung zu Diensten der Traumcensur, ein Act der Beugung des
normalen psychischen Vorganges zuzugeben.Wenn die äusseren Nerven- und inneren Leibreize intensiv
genug sind, um sich psychische Beachtung zu erzwingen, so stellen
sie – falls überhaupt Träumen und nicht Erwachen ihr Erfolg ist
– einen festen Punkt für die Traumbildung dar, einen Kern im
Traummaterial, zu dem eine entsprechende Wunscherfüllung in ähn-
licher Weise gesucht wird, wie (siehe oben) die vermittelnden Vor-
stellungen zwischen zwei psychischen Traumreizen. Es ist insoferne
für eine Anzahl von Träumen richtig, dass in ihnen das somatische
Element den Trauminhalt commandirt. In diesem extremen Falle
wird selbst behufs der Traumbildung ein gerade nicht actueller
Wunsch geweckt. Der Traum kann aber nicht anders als einen
Wunsch in einer Situation als erfüllt darstellen; er ist gleichsam vor
die Aufgabe gestellt zu suchen, welcher Wunsch durch die nun
actuelle Sensation als erfüllt dargestellt werden kann. Ist dies actuelle
Material von schmerzlichem oder peinlichem Charakter, so ist es doch
darum zur Traumbildung nicht unbrauchbar. Das Seelenleben ver-
fügt auch über Wünsche, deren Erfüllung Unlust hervorruft, was ein
Widerspruch scheint, aber durch die Berufung auf das Vorhanden-
sein zweier psychischer Instanzen und die zwischen ihnen bestehende
Censur erklärlich wird.Es gibt, wie wir gehört haben, im Seelenleben verdrängte
Wünsche, die dem ersten System angehören, gegen deren ErfüllungS.
163
das zweite System sich sträubt. Es gibt, ist nicht etwa historisch
gemeint, dass es solche Wünsche gegeben und diese dann vernichtet
worden sind; sondern die Lehre von der Verdrängung, deren
man in der Psychoneurotik bedarf, behauptet, dass solche verdrängte
Wünsche noch existiren, gleichzeitig aber eine Hemmung, die auf
ihnen lastet. Die Sprache trifft das Richtige, wenn sie vom „Unter-
drücken“ solcher Impulse redet. Die psychische Veranstaltung, da
mit solche unterdrückte Wünsche zur Realisirung durchdringen,
bleibt erhalten und gebrauchsfähig. Ereignet es sich aber, dass ein
solcher unterdrückter Wunsch doch vollzogen wird, so äussert sich
die überwundene Hemmung des zweiten (bewusstseinsfähigen) Systems
als Unlust. Um nun diese Erörterung zu schliessen: wenn Sensationen
mit Unlustcharacter im Schlafe aus somatischen Quellen vorhanden
sind, so wird diese Constellation von der Traumarbeit benützt, um
die Erfüllung eines sonst unterdrückten Wunsches – mit mehr oder
weniger Beibehalt der Censur – darzustellen.
Dieser Sachverhalt ermöglicht eine Reihe von Angstträumen,
während eine andere Reihe dieser der Wunschtheorie ungünstigen
Traumbildungen einen anderen Mechanismus erkennen lässt. Die
Angst in den Träumen kann nämlich eine psychoneurotische sein,
aus psychosexuellen Erregungen stammen, wobei die Angst ver-
drängter Libido entspricht. Dann hat diese Angst wie der ganze Angst
traum die Bedeutung eines neurotischen Symptoms, und wir stehen
an der Grenze, wo die wunscherfüllende Tendenz des Traumes
scheitert. In anderen Angstträumen aber ist die Angstempfindung
somatisch gegeben (etwa wie bei Lungen- und Herzkranken bei zu
fälliger Athembhinderung) und dann wird sie dazu benützt, solchen
energisch unterdrückten Wünschen zur Erfüllung als Traum zu ver-
helfen, deren Träumen aus psychischen Motiven die gleiche Angst-
entbindung zur Folge gehabt hätte. Es ist nicht schwer, die beiden
scheinbar gesonderten Fälle zu vereinigen. Von zwei psychischen
Bildungen, einer Affectneigung und einem Vorstellungsinhalt, die innig
zusammen gehören, hebt die eine, die actuell gegeben ist, auch im
Traum die andere; bald die somatisch gegebene Angst den unter-
drückten Vorstellungsinhalt, bald der aus der Verdrängung befreite,
mit sexueller Erregung einhergehende Vorstellungsinhalt die Angst-
entbindung. Von dem einen Fall kann man sagen, dass ein somatisch
gegebener Affect psychisch gedeutet wird; im anderen Fall ist alles
psychisch gegeben, aber der unterdrückt gewesene Inhalt ersetzt sich
leicht durch eine zur Angst passende somatische Deutung. Die
Schwierigkeiten, die sich hier für das Verständniss ergeben, haben
mit dem Traum nur wenig zu thun; sie rühren daher, dass wir mit
diesen Erörterungen die Probleme der Angstentwicklung und der
Verdrängung streifen.
Zu den commandirenden Traumreizen aus der inneren Leiblich-
keit gehört unzweifelhaft die körperliche Gesammtstimmung. NichtS.
164
dass sie den Traum-
gedanken eine Aus-
stellung im Traum-
Materials, als zu ihrer
Ueberdies ist ja wohl
den für den Traum-
Wenn die somati-
Schlafsensationen also
so spielen sie nach
ähnliche Rolle wie die
drücke des Tages.
herangezogen, wenn
inhalt der psychischen
nicht. Sie werden
behandelt, welches
darf, anstatt dass ein
selbst mit vorschreibt.
Kunstgönner dem
aus ihm ein Kunst-
Farbe und Flecken
welche Scene in ihm
mässigem und reichem
Künstler allein der
Auf diese Weise allein
jener Traum-
Reizen aus unseren
Träumen und nicht
Leiblichkeit geliefert wird, doch nicht in allen
in jeder Nacht im Traume erscheint.Vielleicht wird ein Beispiel, das uns wieder zur Traumdeutung
zurückführt, meine Meinung am besten erläutern. Eines Tages
mühte ich mich ab zu verstehen, was die Empfindung von Gehemmt-
sein, nicht von der Stelle können, nicht fertig werden u. dgl., die so
häufig geträumt wird und die der Angst so nahe verwandt ist, wohl
bedeuten mag. In der Nacht darauf hatte ich folgenden Traum: Ich
gehe in sehr unvollständiger Toilette aus einer Woh-
nung im Parterre über die Treppe in ein höheres Stock-
werk. Dabei überspringe ich jedesmal drei Stufen, freue
mich, dass ich so flink Treppen steigen kann. Plötzlich
sehe ich, dass ein Dienstmädchen die Treppen herab
und also mir entgegenkommt. Ich schäme mich, will
mich eilen, und nun tritt jenes Gehemmtsein auf, ich
klebe an den Stufen und komme nicht von der Stelle.Analyse: Die Situation des Traumes ist der alltäglichen
Wirklichkeit entnommen. Ich habe in einem Hause in Wien
zwei Wohnungen, die nur durch die Treppe aussen verbunden
sind. Im Hochparterre befindet sich meine ärztliche Wohnung und
mein Arbeitszimmer, einen Stock höher die Wohnräume. Wenn
ich in später Stunde unten meine Arbeit vollendet habe, gehe ichS.
165
über die Treppe in's Schlafzimmer. An dem Abend vor dem
Traum hatte ich diesen kurzen Weg wirklich in etwas derangirter
Toilette gemacht, d. h. ich hatte Kragen, Cravatte und Manchetten
abgelegt; im Traum war daraus ein höherer, aber, wie gewöhnlich,
unbestimmter Grad von Kleiderlosigkeit geworden. Das Ueberspringen
von Stufen ist meine gewöhnliche Art, die Treppe zu gehen, übrigens
eine bereits im Traum anerkannte Wunscherfüllung, denn mit der
Leichtigkeit dieser Leistung hatte ich mich ob des Zustandes
meiner Herzarbeit getröstet. Ferner ist diese Art, die Treppe zu
gehen, ein wirksamer Gegensatz zu der Hemmung in der zweiten
Hälfte des Traumes. Sie zeigt mir – was des Beweises nicht be-
durfte – dass der Traum keine Schwierigkeit hat, sich motorische
Actionen in aller Vollkommenheit ausgeführt vorzustellen; man denke
an das Fliegen im Traum!Die Treppe, über die ich gehe, ist aber nicht die meines
Hauses; ich erkenne sie zunächst nicht, erst die mir entgegen-
kommende Person klärt mich über die gemeinte Oertlichkeit auf.
Diese Person ist das Dienstmädchen der alten Dame, die ich täglich
zweimal besuche, um ihr Injectionen zu machen; die Treppe ist auch
ganz ähnlich jener, die ich zweimal im Tage dort zu ersteigen habe.Wie gelangt nun diese Treppe und diese Frauensperson in
meinen Traum? Das Schämen, weil man nicht voll angekleidet ist,
hat unzweifelhaft sexuellen Charakter; das Dienstmädchen, von dem
ich träume, ist älter als ich, mürrisch und keineswegs anreizend. Zu
diesen Fragen fällt mir nun nichts Anderes ein als das Folgende:Wenn ich in diesem Hause den Morgenbesuch mache, werde ich ge-
wöhnlich auf der Treppe von Räuspern befallen; das Product der
Expectoration geräth auf die Stiege. In diesen beiden Stockwerken
befindet sich nämlich kein Spucknapf, und ich vertrete den Standpunkt,
dass die Reinhaltung der Treppe nicht auf meine Kosten erfolgen
darf, sondern durch die Anbringung eines Spucknapfes ermöglicht
werden soll. Die Hausmeisterin, eine gleichfalls ältliche und mürrische
Person, aber von reinlichen Instincten, wie ich ihr zuzugestehen
bereit bin, nimmt in dieser Angelegenheit einen anderen Standpunkt
ein. Sie lauert mir auf, ob ich mir wieder die besagte Freiheit er-
lauben werde, und wenn sie das constatirt hat, höre ich sie ver-
nehmlich brummen. Auch versagt sie mir dann für Tage die gewohnte
Hochachtung, wenn wir uns begegnen. Am Vortag des Traumes
bekam nun die Partei der Hausmeisterin eine Verstärkung durch
das Dienstmädchen. Ich hatte eilig wie immer meinen Besuch bei
der Kranken abgemacht, als die Dienerin mich im Vorzimmer
stellte und die Bemerkung von sich gab: „Herr Doctor hätten sich
heute schon die Stiefel abputzen können, ehe Sie in's Zimmer
kommen. Der rothe Teppich ist wiederum ganz schmutzig von Ihren
Füssen.“ Dies ist der ganze Anspruch, den Treppe und Dienstmädchen
geltend machen können, um in meinem Traume zu erscheinen.S.
166
Zwischen meinem Ueber-die-Treppe-Fliegen und dem Auf-der-
Treppe-Spucken besteht ein inniger Zusammenhang. Rachenkatarrh
wie Herzbeschwerden sollen beide die Strafen für das Laster des
Rauchens darstellen, wegen dessen ich natürlich auch bei meiner
Hausfrau nicht den Ruf der grössten Nettigkeit geniesse, in dem
einen Haus so wenig wie in dem anderen, die der Traum zu einem
Gebilde verschmilzt.Die weitere Deutung des Traumes muss ich verschieben, bis
ich berichten kann, woher der typische Traum von der unvoll--
ständigen Bekleidung rührt. Ich bemerke nur als vorläufiges Er--
gebnis des mitgetheilten Traumes, dass die Traumsensation der ge--
hemmten Bewegung überall dort hervorgerufen wird, wo ein gewisser
Zusammenhang ihrer bedarf. Ein besonderer Zustand meiner Motilität
im Schlafe kann nicht die Ursache dieses Trauminhaltes sein, denn
einen Moment vorher sah ich mich ja wie zur Sicherung dieser Er--
kenntnis leichtfüssig über die Stufen eilen.d) Typische Träume.
Wir sind im Allgemeinen nicht im Stande, den Traum eines
Anderen zu deuten, wenn derselbe uns nicht die hinter dem Traum--
inhalt stehenden unbewussten Gedanken ausliefern will und dadurch
wird die praktische Verwertbarkeit unserer Methode der Traum--
deutung schwer beeinträchtigt. Nun gibt es aber so recht im Gegen--
satz zu der sonstigen Freiheit des Einzelnen, sich seine Traumwelt
in individueller Besonderheit auszustatten und dadurch dem Ver--
ständnis der Anderen unzugänglich zu machen, eine gewisse An--
zahl von Träumen, die fast Jedermann in derselben Weise geträumt
hat, von denen wir anzunehmen gewohnt sind, dass sie auch bei
Jedermann dieselbe Bedeutung haben. Ein besonderes Interesse wendet
sich diesen typischen Träumen auch darum zu, weil sie vermuthlich
bei allen Menschen aus den gleichen Quellen stammen, also besonders
gut geeignet scheinen, uns über die Quellen der Träume Aufschluss
zu geben.In der Behandlung dieser typischen Träume finde ich mich
durch den zufälligen Umstand behindert, dass nicht genug derselben
für meine Erfahrung zugänglich geworden sind. Ich werde also
nur Muster dieser Gattung eingehender würdigen und wähle hiefür
den sogenannten Verlegenheitstraum der Nacktheit und den Traum
vom Tod theurer Verwandter.Der Traum, dass man nackt oder schlecht bekleidet in Gegen--
wart Fremder sei, kommt auch mit der Zuthat vor, man habe sich
dessen gar nicht geschämt u. dgl. Unser Interesse gebührt aber
dem Nacktheitstraum nur dann, wenn man in ihm Scham und Ver--
legenheit empfindet, entfliehen oder sich verbergen will und dabei
der eigenthümlichen Hemmung unterliegt, dass man nicht von der
Stelle kann und sich ungenügend fühlt, die peinliche Situation zuS.
167
verändern. Nur in dieser Verbindung ist der Traum typisch; der
Kern seines Inhaltes mag sonst in allerlei andere Verknüpfungen
einbezogen werden oder mit individuellen Zuthaten versetzt sein.
Es handelt sich im Wesentlichen um die peinliche Empfindung von
der Natur der Scham, dass man seine Nacktheit, meist durch
Locomotion, verbergen möchte und es nicht zu Stande bringt. Ich
glaube, die allermeisten meiner Leser werden sich in dieser Situation
im Traume befunden haben.Für gewöhnlich ist die Art und Weise der Entkleidung wenig
deutlich. Man hört etwa erzählen, ich war im Hemd, aber dies ist
selten ein klares Bild; meist ist die Unbekleidung so unbestimmt,
dass sie durch eine Alternative in der Erzählung wiedergegeben
wird: „Ich war im Hemd oder im Unterrock.“ In der Regel ist
der Defect der Toilette nicht so arg, dass die dazugehörige
Scham gerechtfertigt schiene. Für den, der den Rock des Kaisers
getragen hat, ersetzt sich die Nacktheit häufig durch eine vorschrifts--
widrige Adjustirung. Ich bin ohne Säbel auf der Strasse und sehe
Officiere näher kommen, oder ohne Halsbinde, oder trage eine carrirte
Civilhose u. dgl.Die Leute, vor denen man sich schämt, sind fast immer Fremde
mit unbestimmt gelassenen Gesichtern. Niemals ereignet es sich im
typischen Traum, dass man wegen der Kleidung, die einem selbst
solche Verlegenheit bereitet, beanstandet oder auch nur bemerkt wird.
Die Leute machen ganz im Gegentheil gleichgiltige, oder wie ich es
in einem besonders klaren Traum wahrnehmen konnte, feierlich steife
Mienen. Das gibt zu denken.Die Schamverlegenheit des Träumers und die Gleichgiltigkeit
der Leute ergeben mitsammen einen Widerspruch, wie er im Traume
häufig vorkommt. Zu der Empfindung des Träumenden würde doch
nur passen, dass die Fremden ihn erstaunt ansehen und verlachen,
oder sich über ihn entrüsten. Ich meine aber, dieser anstössige Zug
ist durch die Wunscherfüllung beseitigt worden, während der andere,
durch irgend welche Macht gehalten, stehen blieb, und so stimmen
die beiden Stücke dann schlecht zu einander. Wir besitzen ein
interessantes Zeugnis dafür, dass der Traum in seiner durch Wunsch--
erfüllung partiell entstellten Form das richtige Verständnis nicht
gefunden hat. Er ist nämlich die Grundlage eines Märchens geworden,
welches uns Allen in der Andersen’schen Fassung*) bekannt ist,
und in der jüngsten Zeit durch L. Fulda im „Talisman“ poetischer
Verwerthung zugeführt worden ist. Im Andersen’schen Märchen
wird von zwei Betrügern erzählt, die für den Kaiser ein kostbares
Gewand weben, das aber nur den Guten und Treuen sichtbar sein
soll. Der Kaiser geht mit diesem unsichtbaren Gewand bekleidet
aus, und durch die prüfsteinartige Kraft des Gewebes erschreckt,
thun alle Leute, als ob sie die Nacktheit des Kaisers nicht merkten.
*)„Des Kaisers neue Kleider.“
S.
168
Letzteres ist aber die Situation unseres Traumes. Es gehört
wohl nicht viel Kühnheit dazu anzunehmen, dass der unverständliche
Trauminhalt eine Anregung gegeben hat, um eine Einkleidung zu
erfinden, in welcher die vor der Erinnerung stehende Situation
sinnreich wird. Dieselbe ist dabei ihrer ursprünglichen Bedeutung
beraubt und fremden Zwecken dienstbar gemacht worden. Aber wir
werden hören, dass solches Missverständnis des Trauminhaltes durch
die bewusste Denktätigkeit eines zweiten psychischen Systems
häufig vorkommt und als ein Factor für die endgültige Traum-
gestaltung anzuerkennen ist, ferner, dass bei der Bildung von Zwangs-
vorstellungen und Phobien ähnliche Missverständnisse – gleichfalls
innerhalb der nämlichen psychischen Persönlichkeit – eine Haupt-
rolle spielen. Es lässt sich auch für unseren Traum angeben, woher
das Material für die Umdeutung genommen wird. Der Betrüger
ist der Traum, der Kaiser der Träumer selbst, und die moralisirende
Tendenz verräth eine dunkle Kenntnis davon, dass es sich im
latenten Trauminhalt um unerlaubte, der Verdrängung geopferte
Wünsche handelt. Der Zusammenhang, in welchem solche Träume
während meiner Analysen bei Neurotikern auftreten, lässt nämlich
keinen Zweifel darüber, dass dem Traume eine Erinnerung aus der
frühesten Kindheit zu Grunde liegt. Nur in unserer Kindheit gab
es die Zeit, dass wir in mangelhafter Bekleidung von unseren
Angehörigen wie von fremden Pflegepersonen, Dienstmädchen,
Besuchern gesehen wurden, und wir haben uns damals unserer
Nacktheit nicht geschämt.*) An vielen Kindern noch in späteren
Jahren kann man beobachten, dass ihre Entkleidung wie berauschend
auf sie wirkt, anstatt sie zur Scham zu leiten. Sie lachen, springen
herum, schlagen sich auf den Leib, die Mutter oder wer dabei ist
verweist es ihnen, sagt: Pfui, das ist eine Schande, das darf man
nicht. Die Kinder zeigen häufig Exhibitionsgelüste; man kann
kaum durch ein Dorf in unseren Gegenden gehen, ohne dass man
einem zwei- bis dreijährigen Kleinen begegnete, welches vor dem
Wanderer, vielleicht ihm zu Ehren, sein Hemdchen hoch hebt.
Einer meiner Patienten hat in seiner bewussten Erinnerung eine
Scene aus seinem achten Lebensjahr bewahrt, wie er nach der
Entkleidung vor dem Schlafengehen im Hemd zu seiner kleinen
Schwester im nächsten Zimmer hinaustanzen will, und wie die
dienende Person es ihm verwehrt. In der Jugendgeschichte von
Neurotikern spielt die Entblössung vor Kindern des anderen
Geschlechtes eine grosse Rolle; in der Paranoia ist der Wahn, beim
An- und Auskleiden beobachtet zu werden, auf diese Erlebnisse
zurückzuführen; unter den pervers Gebliebenen ist eine Classe, bei
denen der infantile Impuls zum Symptome erhoben worden ist, die der
Exhibitionisten.*)Das Kind tritt auch im Märchen auf, denn dort ruft plötzlich ein kleines
Kind: „Aber er hat ja gar nichts an.“S.
169
Diese der Scham entbehrende Kindheit erscheint unserer
Rückschau später als ein Paradies, und das Paradies selbst ist nichts
Anderes als die Massenphantasie von der Kindheit des Einzelnen.
Darum sind auch im Paradies die Menschen nackt und schämen sich
nicht vor einander, bis ein Moment kommt, in dem die Scham und
die Angst erwachen, die Vertreibung erfolgt, das Geschlechtsleben
und die Culturarbeit beginnt. In dieses Paradies kann uns nun der
Traum allnächtlich zurückführen; wir haben bereits der Vermuthung
Ausdruck gegeben, dass die Eindrücke aus der ersten Kindheit (der
prähistorischen Periode bis etwa zum vollendeten dritten Jahr) an und
für sich, vielleicht ohne dass es auf ihren Inhalt weiter ankäme, nach
Reproduction verlangen, dass deren Wiederholung eine Wunsch-
-
erfüllung ist. Die Nacktheitsträume sind also Exhibitionsträume.Den Kern des Exhibitionstraumes bildet die eigene Gestalt,
die nicht als die eines Kindes, sondern wie in der Gegenwart
gesehen wird, und die mangelhafte Bekleidung, welche durch die
Ueberlagerung so vieler späterer Negligéerinnerungen oder der Censur
zur Liebe undeutlich ausfällt; dazu kommen nun die Personen, vor
denen man sich schämt. Ich kenne kein Beispiel, dass die that-
-
sächlichen Zuschauer bei jenen infantilen Exhibitionen im Traume
wieder auftreten. Der Traum ist eben fast niemals eine einfache
Erinnerung. Merkwürdiger Weise werden jene Personen, denen
unser sexuelles Interesse in der Kindheit galt, in allen Reproductionen
des Traumes, der Hysterie und der Zwangsneurose ausgelassen; erst
die Paranoia setzt die Zuschauer wieder ein und schliesst, obwohl sie
unsichtbar geblieben sind, mit fanatischer Ueberzeugung auf ihre
Gegenwart. Was der Traum für sie einsetzt, „viele fremde Leute“,
die sich nicht um das gebotene Schauspiel kümmern, ist geradezu
der Wunschgegensatz zu jener einzelnen, wohlvertrauten Person,
der man die Entblössung bot. „Viele fremde Leute“ finden sich in
Träumen übrigens auch häufig in beliebigem anderem Zusammenhang;
sie bedeuten immer als Wunschgegensatz „Geheimnis“. Man merkt,
wie auch die Restitution des alten Sachverhaltes, die in der Paranoia
vor sich geht, diesem Gegensatze Rechnung trägt. Man ist nicht
mehr allein, man wird ganz gewiss beobachtet, aber die Beobachter
sind „viele, fremde, merkwürdig unbestimmt gelassene Leute“.Ausserdem kommt im Exhibitionstraum die Verdrängung zur
Sprache. Die peinliche Empfindung des Traumes ist ja die Reaction
des zweiten psychischen Systems dagegen, dass der von ihr verworfene
Inhalt der Exhibitionsscene dennoch zur Vorstellung gelangt ist.
Um sie zu ersparen, hätte die Scene nicht wieder belebt werden dürfen.Von der Empfindung des Gehemmtseins werden wir später
nochmals handeln. Sie dient im Traum vortrefflich dazu, den
Willensconflict, das Nein, darzustellen. Nach der unbewussten
Absicht soll die Exhibition fortgesetzt, nach der Forderung der Censur
unterbrochen werden.S.
170
Die Beziehungen unserer typischen Träume zu den Märchen
und anderen Dichtungsstoffen sind gewiss weder vereinzelte noch
zufällige. Gelegentlich hat ein scharfes Dichterauge den Umwandlungs-
process, dessen Werkzeug sonst der Dichter ist, analytisch erkannt
und ihn in umgekehrter Richtung verfolgt, also die Dichtung auf
den Traum zurückgeführt. Ein Freund macht mich auf folgende
Stelle aus G. Keller’s „Grünem Heinrich“ aufmerksam: „Ich wünsche
Ihnen nicht, lieber Lee, dass Sie jemals die ausgesuchte pikante
Wahrheit in der Lage des Odysseus, wo er nackt und mit Schlamm
bedeckt vor Nausikaa und ihren Gespielen erscheint, so recht aus
Erfahrung empfinden lernen! Wollen Sie wissen, wie das zugeht?
Halten wir das Beispiel einmal fest. Wenn Sie einst getrennt von
Ihrer Heimat und Allem, was Ihnen lieb ist, in der Fremde umher-
schweifen und Sie haben viel gesehen und viel erfahren, haben
Kummer und Sorge, sind wohl gar elend und verlassen, so wird es
Ihnen des Nachts unfehlbar träumen, dass Sie sich Ihrer Heimat
nähern. Sie sehn sie glänzen und leuchten in den schönsten Farben,
holde, feine und liebe Gestalten treten Ihnen entgegen; da entdecken
Sie plötzlich, dass Sie zerfetzt, nackt und staubbedeckt umhergehen.
Eine namenlose Scham und Angst fasst Sie. Sie suchen sich zu
bedecken, zu verbergen und erwachen im Schweisse gebadet. Dies
ist, so lange es Menschen gibt, der Traum des kummervollen, umher-
geworfenen Mannes, und so hat Homer jene Lage aus dem tiefsten
und ewigen Wesen der Menschheit herausgenommen.“
Das tiefste und ewige Wesen der Menschen, auf dessen
Erweckung der Dichter in der Regel bei seinen Hörern baut, das
sind jene Regungen des Seelenlebens, die in der später prähistorisch
gewordenen Kinderzeit wurzeln. Hinter den bewusstseinsfähigen
und einwandfreien Wünschen des Heimatlosen brechen im Traum
die unterdrückten und unerlaubt gewordenen Kinderwünsche hervor,
und darum schlägt der Traum, den die Sage von der Nausikaa
objectivirt, regelmässig in einen Angsttraum um.
Mein eigener, auf Seite 164 erwähnter Traum von dem Eilen über
die Treppe, das sich bald nachher in ein An-den-Stufen-Kleben ver-
wandelt, ist gleichfalls ein Exhibitionstraum, da er die wesentlichen
Bestandstücke eines solchen aufweist. Er müsste sich also auf
Kindererlebnisse zurückführen lassen, und die Kenntnis derselben
müsste einen Aufschluss darüber geben, inwiefern das Benehmen des
Dienstmädchens gegen mich, ihr Vorwurf, dass ich den Teppich
schmutzig gemacht habe, ihr zur Stellung verhilft, die sie im Traum
einnimmt. Ich kann die gewünschten Aufklärungen nun wirklich
beibringen. In einer Psychoanalyse lernt man die zeitliche Annähe-
rung auf sachlichen Zusammenhang umdeuten; zwei Gedanken, die,
anscheinend zusammenhanglos, unmittelbar auf einander folgen,
gehören zu einer Einheit, die zu errathen ist, ebenso wie ein a und
ein b, die ich neben einander hinschreibe, als eine Silbe, ab, aus-S.
171
gesprochen werden sollen. Aehnlich mit der Au-
feinanderbeziehung der Träume. Der erwähnte Traum von der Treppe ist aus einer
Traumreihe herausgegriffen, deren andere Glieder mir der Deutung
nach bekannt sind. Der von ihnen eingeschlossene Traum muss in
demselben Zusammenhang gehören. Nun liegt jenen anderen ein-
schliessenden Träumen die Erinnerung an eine Kinderfrau zu Grunde,
die mich von irgend einem Termin der Säuglingszeit bis zum Alter
von 21/2 Jahren betreut hat, von der mir auch eine dunkle Erinnerung
im Bewusstsein geblieben ist. Nach den Auskünften, die ich unlängst
von meiner Mutter eingeholt habe, war sie alt und hässlich, aber
sehr klug und tüchtig; nach den Schlüssen, die ich aus meinen
Träumen ziehen darf, hat sie mir nicht immer die liebevollste
Behandlung angedeihen und mich harte Worte hören lassen,
wenn ich der Erziehung zur Reinlichkeit kein genügendes Verständnis
entgegen brachte. Indem also das Dienstmädchen dieses Erziehungs-
werk fortzusetzen sich bemüht, erwirbt sie den Anspruch, von mir
als Incarnation der prähistorischen Alten im Traum behandelt zu
werden. Es ist wohl anzunehmen, dass das Kind dieser Erzieherin,
trotz ihrer schlechten Behandlung, seine Liebe geschenkt hat.*)Eine andere Reihe von Träumen, die typisch genannt werden
dürfen, sind die mit dem Inhalt, dass ein theurer Verwandter, Eltern
oder Geschwister, Kinder u. s. w. gestorben ist. Man muss sofort von
diesen Träumen zwei Classen unterscheiden, die einen, bei welchen
man im Traum von Trauer unberührt bleibt, so dass man sich nach
dem Erwachen über seine Gefühllosigkeit wundert, die anderen, bei
denen man tiefen Schmerz über den Todesfall empfindet, ja ihn
selbst in heissen Thränen während des Schlafes äussert.Die Träume der ersten Gruppe dürfen wir bei Seite lassen;
sie haben keinen Anspruch, als typisch zu gelten. Wenn man sie
analysirt, findet man, dass sie etwas Anderes bedeuten als sie enthalten,
dass sie dazu bestimmt sind, irgend einen anderen Wunsch zu ver-
decken. So der Traum der Tante, die den einzigen Sohn ihrer
Schwester aufgebahrt vor sich sieht. (Seite 106.) Das bedeutet nicht,
dass sie dem kleinen Neffen den Tod wünscht, sondern verbirgt nur,
wie wir erfahren haben, den Wunsch, eine gewisse geliebte Person
nach langer Entbehrung wieder zu sehen, dieselbe, die sie früher
einmal nach ähnlich langer Pause bei der Leiche eines anderen
Neffen wiedergesehen hat. Dieser Wunsch, welcher der eigentliche
Inhalt des Traumes ist, gibt keinen Anlass zur Trauer, und darum
wird auch im Traum keine Trauer verspürt. Man merkt es hier,
dass die im Traum enthaltene Empfindung nicht zum manifesten*)Eine Ueberdeutung dieses Traumes: Auf der Treppe spucken, das führte,
da „Spucken“ eine Thätigkeit der Geister ist, bei loser Uebersetzung zum „esprit
d’escalier.“ Treppenwitz heisst so viel als Mangel an Schlagfertigkeit. Den habe
ich mir wirklich vorzuwerfen. Ob aber die Kinderfrau es an „Schlagfertigkeit“
hat fehlen lassen?S.
172
Trauminhalt gehört, sondern zum latenten, dass der Affectinhalt des
Traumes von der Entstellung frei geblieben ist, welche den Vor-
stellungsihalt betroffen hat.Anders die Träume, in denen der Tod einer geliebten ver-
wandten Person vorgestellt und dabei schmerzlicher Affect verspürt
wird. Diese bedeuten, was ihr Inhalt besagt, den Wunsch, dass die
betreffende Person sterben möge, und da ich hier erwarten darf, dass
sich die Gefühle aller Leser und aller Personen, die Aehnliches
geträumt haben, gegen meine Auslegung sträuben werden, muss ich
den Beweis auf der breitesten Basis anstreben.Wir haben bereits einen Traum erläutert, aus dem wir
lernen konnten, dass die Wünsche, welche sich in Träumen als
erfüllt darstellen, nicht immer actuelle Wünsche sind. Es können
auch verflossene, abgethane, überlagerte und verdrängte Wünsche
sein, denen wir nur wegen ihres Wiederauftauchens im Traum doch
eine Art von Fortexistenz zusprechen müssen. Sie sind nicht todt
wie die Verstorbenen nach unserem Begriff, sondern wie die Schatten
der Odyssee, die, sobald sie Blut getrunken haben, zu einem gewissen
Leben erwachen. In jenem Traum vom todten Kind in der Schachtel
(Seite 107) handelte es sich um einen Wunsch, der vor fünfzehn Jahren
actuell war und von damals her unumwunden eingestanden wurde. Es
ist vielleicht für die Theorie des Traumes nicht gleichgiltig, wenn ich
hinzufüge, dass selbst diesem Wunsch eine Erinnerung aus der frühesten
Kindheit zu Grunde liegt. Die Träumerin hatte als kleines Kind –
wann, ist nicht sicher festzustellen – gehört, dass ihre Mutter in
der Schwangerschaft, deren Frucht sie wurde, in eine schwere Ver-
stimmung verfallen war und dem Kinde in ihrem Leibe sehnlichst
den Tod gewünscht hatte. Selbst erwachsen und gravid geworden,
folgte sie nur dem Beispiele der Mutter.Wenn Jemand unter Schmerzensäusserungen davon träumt, sein
Vater oder seine Mutter, Bruder oder Schwester seien gestorben, so
werde ich diesen Traum niemals als Beweis dafür verwenden, dass
er ihnen jetzt den Tod wünscht. Die Theorie des Traumes fordert
nicht so viel; sie begnügt sich zu schliessen, dass er ihnen – irgend-
einmal in der Kindheit – den Tod gewünscht habe. Ich fürchte
aber, diese Einschränkung wird noch wenig zur Beruhigung der
Beschwerdeführer beitragen; diese dürften ebenso energisch die Mög-
lichkeit bestreiten, dass sie je so gedacht haben, wie sie sich sicher
fühlen, nicht in der Gegenwart solche Wünsche zu hegen. Ich muss
darum ein Stück vom untergegangenen Kinderseelenleben nach den
Zeugnissen, die noch die Gegenwart aufweist, wieder herstellen.Fassen wir zunächst das Verhältnis der Kinder zu ihren
Geschwistern in’s Auge. Ich weiss nicht, warum wir voraussetzen,
es müsse ein liebevolles sein, da doch die Beispiele von Geschwister-
feindschaft unter Erwachsenen in der Erfahrung eines Jeden sich
drängen, und wir so oft feststellen können, diese Entzweiung rühreS.
173
noch aus der Kindheit her, oder habe von jeher bestanden. Aber
auch sehr viele Erwachsene, die heute an ihren Geschwistern zärtlich
hängen und ihnen beistehen, haben in ihrer Kindheit in kaum unter-
brochener Feindschaft mit ihnen gelebt. Das ältere Kind hat das
jüngere misshandelt, angeschwärzt, es seiner Spielsachen beraubt;
das jüngere hat sich in ohnmächtiger Wuth gegen das ältere ver-
zehrt, es beneidet und gefürchtet, oder seine ersten Regungen von
Freiheitsdrang und Rechtsbewusstsein haben sich gegen den Unter-
drücker gewendet. Die Eltern sagen, die Kinder vertragen sich
nicht, und wissen den Grund hiefür nicht zu finden. Es ist nicht schwer
zu sehen, dass auch der Charakter des braven Kindes ein anderer
ist, als wir ihn bei einem Erwachsenen zu finden wünschen. Das Kind
ist absolut egoistisch, es empfindet seine Bedürfnisse intensiv und
strebt rücksichtslos nach ihrer Befriedigung, insbesondere gegen seine
Mitbewerber, andere Kinder, und in erster Linie gegen seine
Geschwister. Wir heissen es das Kind aber darum nicht „schlecht“, wir
heissen es „schlimm“; es ist unverantwortlich für seine bösen Thaten
vor unserem Urtheil wie vor dem Strafgesetz. Und das mit Recht;
denn wir dürfen erwarten, dass noch innerhalb von Lebenszeiten,
die wir der Kindheit zurechnen, in dem kleinen Egoisten die
altruistischen Regungen und die Moral erwachen werden, dass, mit
Meynert zu reden, ein secundäres Ich das primäre überlagern und
hemmen wird. Wohl entsteht die Moralität nicht gleichzeitig auf
der ganzen Linie, auch ist die Dauer der morallosen Kindheits-
periode bei den einzelnen Individuen verschieden lang. Wo die
Entwickelung dieser Moralität ausbleibt, sprechen wir gerne von
„Degeneration“; es handelt sich offenbar um eine Entwickelungs-
hemmung. Wo der primäre Charakter durch die spätere Ent-
wickelung bereits überlagert ist, kann er durch die Erkrankung an
Hysterie wenigstens partiell wieder frei gelegt werden. Die Ueber-
einstimmung des sogenannten hysterischen Charakters mit dem eines
schlimmen Kindes ist geradezu auffällig. Die Zwangsneurose hin-
gegen entspricht einer Uebermoralität, als verstärkende Belastung
dem sich wieder regenden primären Charakter auferlegt.
Viele Personen also, die heute ihre Geschwister lieben und sich
durch ihr Hinsterben beraubt fühlen würden, tragen von früher her
böse Wünsche gegen dieselben in ihrem Unbewussten, welche sich
in Träume zu realisiren vermögen. Es ist aber ganz besonders
interessant, kleine Kinder bis zu drei Jahren oder wenig darüber in
ihrem Verhalten gegen jüngere Geschwister zu beobachten. Das
Kind war bisher das Einzige; nun wird ihm angekündigt, dass der
Storch ein neues Kind gebracht hat. Das Kind mustert den An-
kömmling und äussert dann entschieden: „Der Storch soll es wieder
mitnehmen.“ Ich bekenne mich in allem Ernst zur Meinung, dass
das Kind abzuschätzen weiss, welche Benachtheiligung es von dem
Fremdling zu erwarten hat. Von einer mir nahestehenden Dame,S.
174
die sich heute mit ihrer um vier Jahre jüngeren Schwester sehr gut
verträgt, weiss ich, dass sie die Nachricht von deren Ankunft mit
dem Vorbehalt beantwortet hat: „Aber meine rothe Kappe werde
ich ihr doch nicht geben.“ Sollte das Kind erst später zu dieser Er-
kenntnis kommen, so wird seine Feindseligkeit in diesem Zeitpunkt
erwachen. Ich kenne einen Fall, dass ein nicht dreijähriges Mädchen
den Säugling in der Wiege zu erwürgen versuchte, von dessen
weiterer Anwesenheit ihr nichts Gutes ahnte. Der Eifersucht sind
Kinder um diese Lebenszeit in aller Stärke und Deutlichkeit fähig.
Oder das kleine Geschwisterchen ist wirklich bald wieder ver-
schwunden, das Kind hat wieder alle Zärtlichkeit im Hause auf sich
vereinigt, nun kommt ein neues vom Storch geschickt; ist es da
nicht correct, dass unser Liebling den Wunsch in sich erschaffen
sollte, der seine Concurrent möge dasselbe Schicksal haben wie der
frühere, damit es ihm wieder so gut gehe wie vorhin und in der
Zwischenzeit? Natürlich ist dieses Verhalten des Kindes gegen die
Nachgeborenen in normalen Verhältnissen eine einfache Function
des Altersunterschiedes. Bei einem gewissen Intervall werden sich
in dem älteren Mädchen bereits die mütterlichen Instincte gegen das
hilflose Neugeborene regen.Empfindungen von Feindseligkeit gegen die Geschwister müssen
im Kindesalter noch weit häufiger sein, als sie der stumpfen Beobach-
tung Erwachsener auffallen.Bei meinen eigenen Kindern, die einander rasch folgten, habe
ich die Gelegenheit zu solchen Beobachtungen versäumt; ich hole sie
jetzt bei meinem kleinen Neffen nach, dessen Alleinherrschaft nach
15 Monaten durch das Auftreten einer Mitbewerberin gestört wurde.
Ich höre zwar, dass der junge Mann sich sehr ritterlich gegen das
Schwesterchen benimmt, ihr die Hand küsst und sie streichelt; ich über-
zeuge mich aber, dass er schon vor seinem vollendeten zweiten Jahr seine
Sprachfähigkeit dazu benutzt, um Kritik an der ihm doch nur über-
flüssig erscheinenden Person zu üben. So oft die Rede auf sie kommt,
mengt er sich in’s Gespräch und ruft unwillig: Zu k(l)ein, zu k(l)ein.
In den letzten Monaten, seitdem das Kind sich durch vortreffliche
Entwickelung dieser Geringschätzung entzogen hat, weiss er seine
Mahnung, dass sie so viel Aufmerksamkeit nicht verdient, anders zu
begründen. Er erinnert bei allen geeigneten Anlässen daran: Sie
hat keine Zähne. Von dem ältesten Mädchen einer anderen Schwester
haben wir alle die Erinnerung bewahrt, wie das damals sechsjährige
Kind sich eine halbe Stunde lang von allen Tanten bestätigen liess:
„Nicht wahr, das kann die Lucie noch nicht verstehen?“ Lucie war
die um 21/2 Jahre jüngere Concurrentin.Den gesteigerten Feindseligkeit entsprechenden Traum vom
Tod der Geschwister habe ich z. B. bei keiner meiner Patientinnen
vermisst. Ich fand nur eine Ausnahme, die sich leicht in eine Be-
stätigung der Regel umdeuten liess. Als ich einst einer DameS.
175
während einer Sitzung diesen Sachverhalt erklärte, der mir bei dem
Symptom an der Tagesordnung in Betracht zu kommen schien, ant-
wortete sie mir zu meinem Erstaunen, sie habe solche Träume nie
gehabt. Ein anderer Traum fiel ihr aber ein, der angeblich damit
nichts zu schaffen hatte, ein Traum, den sie mit vier Jahren zuerst,
als damals Jüngste, und dann wiederholt geträumt hatte. „Eine
Menge Kinder, alle ihre Brüder, Schwestern, Cousins
und Cousinen tummelten sich auf einer Wiese. Plötz-
lich bekamen sie Flügel, flogen auf und waren weg.“
Von der Bedeutung des Traumes hatte sie keine Ahnung; es wird
uns nicht schwer fallen, einen Traum vom Tod aller Geschwister
in seiner ursprünglichen durch die Censur wenig beeinflussten Form
darin zu erkennen. Ich getraue mich folgende Analyse unterzu-
schieben. Bei dem Tode Eines aus der Kinderschaar – die
Kinder zweier Brüder wurden in diesem Falle in geschwisterlicher
Gemeinschaft aufgezogen – wird unsere noch nicht vierjährige Träu-
merin eine weise erwachsene Person gefragt haben: Was wird denn
aus den Kindern, wenn sie todt sind? Die Antwort wird gelautet
haben: Dann bekommen sie Flügel und werden Engel. Im Traum
nach dieser Aufklärung haben nun die Geschwister alle Flügel wie
die Engel und – was die Hauptsache ist – sie fliegen weg. Unsere
kleine Engelmacherin bleibt allein, man denke, das Einzige nach
einer solchen Schaar! Dass sich die Kinder auf einer Wiese tum-
meln, von der sie wegfliegen, deutet kaum missverständlich auf
Schmetterlinge hin, als ob dieselbe Gedankenverbindung das Kind
geleitet hätte, welches die Alten bewog, die Psyche mit Schmetter-
lingsflügeln zu bilden.Vielleicht wirft nun Jemand ein, die feindseligen Impulse der
Kinder gegen ihre Geschwister seien wohl zuzugeben, aber wie
käme das Kindergemüt zu der Höhe von Schlechtigkeit, dem Mit-
bewerber oder stärkeren Spielgenossen gleich den Tod zu wünschen,
als ob alle Vergehen nur durch die Todesstrafe zu sühnen seien?
Wer so spricht, erwägt nicht, dass die Vorstellung des Kindes vom
„Todtsein“ mit der unserigen das Wort und dann nur noch wenig
Anderes gemein hat. Das Kind weiss nichts von den Greueln der
Verwesung, vom Frieren im kalten Grab, vom Schrecken des end-
losen Nichts, das der Erwachsene, wie alle Mythen vom Jenseits
zeugen, in seiner Vorstellung so schlecht verträgt. Die Furcht vor
dem Tode ist ihm fremd, darum spielt es mit dem grässlichen Wort
und droht einem anderen Kind: „Wenn Du das noch einmal thust,
wirst Du sterben, wie der Franz gestorben ist,“ wobei es die arme
Mutter schaudernd überläuft, die vielleicht nicht daran vergessen
kann, dass die grössere Hälfte der erdgeborenen Menschen ihr
Leben nicht über die Jahre der Kindheit bringt. Noch mit acht
Jahren kann das Kind, von einem Gang durch das Naturhistorische
Museum heimgekehrt, seiner Mutter sagen: „Mama, ich habe Dich soS.
176
lieb; wenn Du einmal stirbst, lasse ich Dich ausstopfen und stelle Dich
hier im Zimmer auf, damit ich Dich immer, immer sehen kann!“ So
wenig gleicht die kindliche Vorstellung vom Gestorbensein der unsrigen.
Gestorben sein heisst für das Kind, welchem ja überdies die
Scenen des Leidens vor dem Tode zu sehen erspart wird, so viel als
„fort sein“, die Ueberlebenden nicht mehr stören. Es unterscheidet
nicht, auf welche Art diese Abwesenheit zu Stande kommt, ob durch
Verreisen, Entfremdung oder Tod. Wenn in den prähistorischen
Jahren eines Kindes seine Kinderfrau weggeschickt worden und
einige Zeit darauf seine Mutter gestorben ist, so liegen für seine
Erinnerung, wie man sie in der Analyse aufdeckt, beide Ereignisse
in einer Reihe über einander. Dass das Kind die Abwesenden nicht
sehr intensiv vermisst, hat manche Mutter zu ihrem Schmerz er-
fahren, wenn sie nach mehrwöchentlicher Sommerreise in ihr Haus
zurückkehrte und auf ihre Erkundigung hören musste: Die Kinder
haben nicht ein einziges Mal nach der Mama gefragt. Wenn sie
aber wirklich in jenes „unentdeckte Land“ verreist ist, „von des
Bezirk kein Wanderer wiederkehrt,“ so scheinen die Kinder sie
zunächst vergessen zu haben und erst nachträglich beginnen sie,
sich an die Todte zu erinnern.Wenn das Kind also Motive hat, die Abwesenheit eines anderen
Kindes zu wünschen, so mangelt ihm jede Abhaltung, diesen Wunsch
in die Form zu kleiden, es möge todt sein, und die psychische
Reaction auf den Todeswunschtraum beweist, dass trotz aller Ver-
schiedenheit im Inhalt der Wunsch beim Kinde doch irgendwie das
Nämliche ist wie der gleichlautende Wunsch des Erwachsenen.Wenn nun der Todeswunsch des Kindes gegen seine Geschwister
erklärt wird durch den Egoismus des Kindes, der sie die Geschwister
als Mitbewerber auffassen lässt, wie soll sich der Todeswunsch gegen
die Eltern erklären, die für das Kind die Spender von Liebe und
Erfüller seiner Bedürfnisse sind, deren Erhaltung es gerade aus
egoistischen Motiven wünschen sollte?Zur Lösung dieser Schwierigkeit leitet uns die Erfahrung, dass
die Träume vom Tode der Eltern überwiegend häufig den Theil des
Elternpaares betreffen, der das Geschlecht des Träumers theilt, dass
also der Mann zumeist vom Tode des Vaters, das Weib vom Tode
der Mutter träumt. Ich kann dies nicht als regelmässig hinstellen,
aber das Ueberwiegen in dem angedeuteten Sinne ist so deutlich, dass es
eine Erklärung durch ein Moment von allgemeiner Bedeutung fordert.
Es verhält sich – grob ausgesprochen – so, als ob eine sexuelle
Vorliebe sich frühzeitig geltend machen würde, als ob der Knabe im
Vater, das Mädchen in der Mutter den Mitbewerber in der Liebe
erblickte, durch dessen Beseitigung ihm nur Vortheil erwachsen kann.
Ehe man diese Vorstellung als ungeheuerlich verwirft, möge
man auch hier die realen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern
in’s Auge fassen. Man hat zu sondern, was die Culturforderung derS.
177
Pietät von diesem Verhältnis verlangt, und was die tägliche Beobach-
tung als thatsächlich ergibt. In der Beziehung zwischen Eltern und
Kindern liegen mehr als nur ein Anlass zur Feindseligkeit ver-
borgen; die Bedingungen für das Zustandekommen von Wünschen,
welche vor der Censur nicht bestehen, sind im reichsten Ausmasse
gegeben. Verweilen wir zunächst bei der Relation zwischen Vater
und Sohn. Ich meine die Heiligkeit, die wir den Vorschriften des
Dekalogs zuerkannt haben, stumpft unseren Sinn für die Wahr-
nehmung der Wirklichkeit ab. Wir getrauen uns vielleicht kaum
zu merken, dass der grössere Theil der Menschheit sich über die
Befolgung des vierten Gebotes hinaussetzt. In den tiefsten wie in
den höchsten Schichten der menschlichen Gesellschaft pflegt die
Pietät gegen die Eltern vor anderen Interessen zurückzutreten. Die
dunklen Nachrichten, die in Mythologie und Sage aus der Urzeit
der menschlichen Gesellschaft auf uns gekommen sind, geben von
der Machtfülle des Vaters und von der Rücksichtslosigkeit, mit der
sie gebraucht wurde, eine unerfreuliche Vorstellung. Kronos ver-
schlingt seine Kinder, etwa wie der Eber den Wurf des Mutter-
schweines, und Zeus entmannt den Vater und setzt sich als Herrscher
an seine Stelle. Je unumschränkter der Vater in der alten Familie
herrschte, desto mehr muss der Sohn als berufener Nachfolger in
die Lage des Feindes gerückt, desto grösser muss seine Ungeduld
geworden sein, durch den Tod des Vaters selbst zur Herrschaft zu
gelangen. Noch in unserer bürgerlichen Familie pflegt der Vater
durch die Verweigerung der Selbstbestimmung und der dazu nötigen
Mittel an den Sohn dem natürlichen Keim zur Feindschaft, der in
dem Verhältnisse liegt, zur Entwickelung zu verhelfen. Der Arzt
kommt oft genug in die Lage zu bemerken, dass der Schmerz über
den Verlust des Vaters beim Sohne die Befriedigung über die endlich
erlangte Freiheit nicht unterdrücken kann. Den Rest, den in unserer
heutigen Gesellschaft arg antiquirten potestas patris familias pflegt
jeder Vater krampfhaft festzuhalten, und jeder Dichter ist der
Wirkung sicher, der wie Ibsen den uralten Kampf zwischen Vater
und Sohn in den Vordergrund seiner Fabeln rückt. Die Anlässe
zu Conflicten zwischen Tochter und Mutter ergeben sich, wenn die
Tochter heranwächst und in der Mutter die Wächterin findet,
während sie nach sexueller Freiheit begehrt, die Mutter aber durch
das Aufblühen der Tochter gemahnt wird, dass für sie die Zeit
gekommen ist, sexuellen Ansprüchen zu entsagen.Alle diese Verhältnisse liegen offenkundig da vor Jedermanns
Augen. Sie fördern uns aber nicht bei der Absicht, die Träume
vom Tod der Eltern zu erklären, welche sich bei Personen finden,
denen die Pietät gegen die Eltern längst etwas Unantastbares
geworden ist. Auch sind wir durch die vorhergehenden Erörterungen
darauf vorbereitet, dass sich der Todeswunsch gegen die Eltern aus
der frühesten Kindheit ableiten wird.Freud, Traumdeutung.
S.
178
Mit einer alle Zweifel ausschliessenden Sicherheit bestätigt sich
diese Vermuthung für die Psychoneurotiker bei den mit ihnen vor-
genommenen Analysen. Man lernt hiebei, dass sehr frühzeitig die
sexuellen Wünsche des Kindes erwachen, – soweit sie im keimenden
Zustande diesen Namen verdienen – und dass die erste Neigung
des Mädchens dem Vater, die ersten infantilen Begierden des Knaben
der Mutter gehört. Der Vater wird somit für den Knaben, die
Mutter für das Mädchen zum störenden Mitbewerber, und wie wenig
für das Kind dazu gehört, damit diese Empfindung zum Todeswunsch
führe, haben wir bereits für den Fall der Geschwister ausgeführt.
Die sexuelle Auswahl macht sich in der Regel bereits bei den Eltern
geltend; ein natürlicher Zug sorgt dafür, dass der Mann die kleinen
Töchter verzärtelt, die Frau den Söhnen die Stange hält, während
beide wo der Zauber des Geschlechts ihr Urtheil nicht verstört, mit
Strenge für die Erziehung der Kleinen wirken. Das Kind bemerkt
die Bevorzugung sehr wohl und lehnt sich gegen den Theil des
Elternpaares auf, der sich ihr widersetzt. Liebe bei dem Erwachse-
nen zu finden ist ihm nicht nur die Befriedigung eines besonderen
Bedürfnisses, sondern bedeutet auch, dass in allen anderen Stücken
seinem Willen nachgegeben wird. So folgt es dem eigenen sexuellen
Triebe und erneuert gleichzeitig die von den Eltern ausgehende
Anregung, wenn es seine Wahl zwischen den Eltern im gleichen
Sinne wie diese trifft.Von den Zeichen dieser infantilen Neigungen seitens der Kinder
pflegt man die meisten zu übersehen; einige kann man auch nach
den ersten Kinderjahren bemerken. Ein achtjähriges Mädchen
meiner Bekanntschaft benützt die Gelegenheit, wenn die Mutter vom
Tische abberufen wird, um sich als ihre Nachfolgerin zu procla-
miren. „Jetzt will ich die Mama sein. Karl, willst Du noch Gemüse?
Nimm doch, ich bitte Dich“ u. s. w. Ein besonders begabtes und
lebhaftes Mädchen von nicht vier Jahren, an der dies Stück Kinder
psychologie besonders durchsichtig ist, äussert direct: „Jetzt kann
das Muatterl einmal fortgehen, dann muss das Vaterl mich heiraten,
und ich will seine Frau sein.“ Im Kinderleben schliesst dieser
Wunsch durchaus nicht aus, dass das Kind auch seine Mutter zärt-
lich liebe. Wenn der kleine Knabe neben der Mutter schlafen darf,
sobald der Vater verreist ist, und nach dessen Rückkehr in’s Kinder-
zimmer zurück muss zu einer Person, die ihm weit weniger gefällt,
so mag sich leicht der Wunsch bei ihm gestalten, dass der Vater
immer abwesend sein möge, damit er seinen Platz bei der lieben,
schönen Mama behalten kann, und ein Mittel zur Erreichung dieses
Wunsches ist es offenbar, wenn der Vater todt ist, denn das Eine
hat ihn seine Erfahrung gelehrt: „Todte“ Leute, wie der Grosspapa
z. B., sind immer abwesend, kommen nie wieder.
Wenn sich solche Beobachtungen an kleinen Kindern der
vorgeschlagenen Deutung zwanglos fügen, so ergeben sie allerdingsS.
179
nicht die volle Ueberzeugung, welche die Psychoanalysen erwachsener
Neurotiker dem Arzte aufdrängen. Die Mittheilung der betreffenden
Träume erfolgt hier mit solchen Einleitungen, dass ihre Deutung als
Wunschträume unausweichlich wird. Ich finde eines Tages eine
Dame betrübt und verweint. Sie sagt: Ich will meine Verwandten
nicht mehr sehen, es muss ihnen ja vor mir grausen. Dann erzählt
sie fast ohne Ueberzeug-
ung, dass sie sich an einen Traum erinnert,
dessen Bedeutung sie natürlich nicht kennt. Sie hat ihn mit vier
Jahren geträumt, er lautet folgendermassen: Ein Luchs oder
Fuchs geht auf dem Dache spazieren, dann fällt etwas
herunter oder sie fällt herunter, und dann trägt man
die Mutter todt aus dem Hause, wobei sie schmerzlich weint.
Ich habe ihr kaum mitgetheilt, dass dieser Traum den Wunsch aus
ihrer Kindheit bedeuten muss, die Mutter todt zu sehen, und dass
sie dieses Traumes wegen meinen muss, die Verwandten grausen
sich vor ihr, so liefert sie bereits etwas Material, den Traum auf
zuklären. „Luchsaug“ ist ein Schimpfwort, mit dem sie einmal als
ganz kleines Kind von einem Gassenjungen belegt wurde; ihrer
Mutter ist, als das Kind drei Jahre alt war, ein Ziegelstein vom
Dach auf den Kopf gefallen, so dass sie heftig geblutet hat.Ich hatte einmal Gelegenheit, ein junges Mädchen, das ver-
schiedene psychische Zustände durchmachte, eingehend zu studiren.
In einer tobsüchtigen Verworrenheit, mit der die Krankheit begann,
zeigte die Kranke eine ganz besondere Abneigung gegen ihre
Mutter, schlug und beschimpfte sie, sobald sie sich dem Bette näherte,
während sie gegen eine um Vieles ältere Schwester zu derselben Zeit
liebevoll und gefügig blieb. Dann folgte ein klarer, aber etwas apa-
thischer Zustand mit sehr gestörtem Schlaf; in dieser Phase begann
ich die Behandlung und analysirte ihre Träume. Eine Unzahl der
selben handelte mehr oder minder verhüllt vom Tode der Mutter:
bald wohnte sie dem Leichenbegängnis einer alten Frau bei, bald
sah sie sich und ihre Schwester in Trauerkleidern bei Tische sitzen;
es blieb über den Sinn dieser Träume kein Zweifel. Bei noch weiter
fortschreitender Besserung traten hysterische Phobien auf; die
quälendste darunter war, dass der Mutter etwas geschehen sei. Von
wo sie immer sich befand, musste sie dann nach Hause eilen,
um sich zu überzeugen, dass die Mutter noch lebe. Der Fall war nun,
zusammengehalten mit meinen sonstigen Erfahrungen, sehr lehrreich;
er zeigte in gleichsam mehrsprachiger Uebersetzung verschiedene
Reaktionsweisen des psychischen Apparates auf dieselbe erregende
Vorstellung. In der Verworrenheit, die ich als Ueberwältigung
der zweiten psychischen Instanz durch die sonst unterdrückte erste
auffasse, wurde die unbewusste Feindseligkeit gegen die Mutter
motorisch mächtig; als dann die erste Beruhigung eintrat, der Aufruhr
unterdrückt, die Herrschaft der Censur wieder hergestellt war, blieb
dieser Feindseligkeit nur mehr das Gebiet des Träumens offen, um12*
S.
180
den Wunsch nach ihrem Tod zu verwirklichen; als das Normale
sich noch weiter gestärkt hatte, schuf es als hysterische Gegensatz-
reaction und Abwehrerscheinung die übermässige Sorge um die
Mutter. In diesem Zusammenhange ist es nicht mehr unerklärlich,
warum die hysterischen Mädchen so oft überzärtlich an ihren Müttern
hängen.Ein andermal hatte ich Gelegenheit, tiefe Einblicke in das un-
bewusste Seelenleben eines jungen Mannes zu thun, der durch
Zwangsneurose fast existenzunfähig, nicht auf die Strasse gehen
konnte, weil ihn die Sorge quälte, er bringe alle Leute, die an ihm
vorbeigingen, um. Er verbrachte seine Tage damit, die Beweisstücke
für sein Alibi in Ordnung zu halten, falls die Anklage wegen eines
der in der Stadt vorgefallenen Morde gegen ihn erhoben werden
sollte. Ueberflüssig zu bemerken, dass er ein ebenso moralischer wie
fein gebildeter Mensch war. Die – übrigens zur Heilung führende
– Analyse deckte als die Begründung dieser peinlichen Zwangsvor-
stellung Mordimpulse gegen seinen etwas überstrengen Vater auf,
die sich, als er sieben Jahre alt war, zu seinem Erstaunen bewusst
geäussert hatten, aber natürlich aus weit früheren Kindesjahren
stammten. Nach der qualvollen Krankheit und dem Tode des Vaters
trat im 31. Lebensjahr der Zwangsvorwurf auf, der sich in Form
jener Phobie auf Fremde übertrug. Wer im Stande war, seinen
eigenen Vater von einem Berggipfel in den Abgrund stossen zu
wollen, dem ist allerdings zuzutrauen, dass er auch das Leben ferner
Stehender nicht schone; der thut darum recht daran, sich in seine
Zimmer einzuschliessen.Nach meinen bereits zahlreichen Erfahrungen spielen die Eltern
im Kinderseelenleben aller späteren Psychoneurotiker die Hauptrolle,
und Verbrechen gegen den einen, Hass gegen den anderen Theil
des Elternpaares gehören zum eisernen Bestand des in jener Zeit
gebildeten und für die Symptomatik der späteren Neurose so be-
deutsamen Materials an psychischen Regungen. Ich glaube aber
nicht, dass die Psychoneurotiker sich hierin von anderen normal
verbleibenden Menschenkindern scharf sondern, indem sie absolut
Neues und ihnen Eigenthümliches zu schaffen vermögen. Es ist bei
Weitem wahrscheinlicher und wird durch gelegentliche Beobach-
tungen an normalen Kindern unterstützt, dass sie auch mit diesen
verliebten und feindseligen Wünschen gegen ihre Eltern uns nur
durch die Vergrösserung kenntlich machen, was minder deutlich und
weniger intensiv in der Seele der meisten Kinder vorgeht. Das
Alterthum hat uns zur Unterstützung dieser Erkenntnis einen Sagen-
stoff überliefert, dessen durchgreifende und allgemeingiltige Wirk-
samkeit nur durch eine ähnliche Allgemeingiltigkeit der besprochenen
Voraussetzung aus der Kinderpsychologie verständlich wird.Ich meine die Sage vom König Oedipus und das gleich-
namige Drama des Sophokles. Oedipus, der Sohn des Laios,S.
181
Königs von Theben, und der Jokaste wird als Säugling ausgesetzt,
weil ein Orakel dem Vater verkündet hatte, der noch ungeborene
Sohn werde sein Mörder sein. Er wird gerettet und wächst als
Königssohn an einem fremden Hofe auf, bis er seiner Herkunft
unsicher selbst das Orakel befragt und von ihm den Rath erhält,
die Heimat zu meiden, weil er der Mörder seines Vaters und der
Ehegemahl seiner Mutter werden müsste. Auf dem Wege von seiner
vermeintlichen Heimat weg trifft er mit König Laios zusammen
und erschlägt ihn in rasch entbranntem Streit. Dann kommt er vor
Theben, wo er die Räthsel der den Weg sperrenden Sphinx
löst und zum Dank dafür von den Thebanern zum König gewählt
und mit Jokaste’s Hand beschenkt wird. Er regiert lange Zeit
in Frieden und Würde und zeugt mit der ihm unbekannten Mutter
zwei Söhne und zwei Töchter, bis eine Pest ausbricht, welche eine
neuerliche Befragung des Orakels von Seiten der Thebaner ver-
anlasst. Hier setzt die Tragödie des Sophokles ein. Die Boten
bringen den Bescheid, dass die Pest aufhören werde, wenn der
Mörder des Laios aus dem Lande getrieben sei. Wo aber weilt der?
„Wo findet sich
die schwererkennbar dunkle Spur der alten Schuld?“2)2)(Uebersetzung von Donner, v. 109.)
Die Handlung des Stückes besteht nun in nichts anderem als
in der schrittweise gesteigerten und kunstvoll verzögerten Enthüllung
– der Arbeit einer Psychoanalyse vergleichbar – dass Oedipus
selbst der Mörder des Laios, aber auch der Sohn des Ermordeten
und der Jokaste ist. Durch seine unwissentlich verübten Greuel er-
schüttert, blendet sich Oedipus und verlässt die Heimat. Der
Orakelspruch ist erfüllt.König Oedipus ist eine sogenannte Schicksalstragödie; ihre
tragische Wirkung soll auf dem Gegensatz zwischen dem übermächtigen
Willen der Götter und dem vergeblichen Sträuben der vom Unheil
bedrohten Menschen beruhen; Ergebung in den Willen der Gottheit,
Einsicht in die eigene Ohnmacht soll der tief ergriffene Zuschauer
aus dem Trauerspiele lernen. Folgerichtig haben moderne Dichter
es versucht, eine ähnliche tragische Wirkung zu erzielen, indem sie
den nämlichen Gegensatz mit einer selbsterfundenen Fabel verwoben.
Allein die Zuschauer haben ungerührt zugesehen, wie trotz alles Sträu-
bens schuldloser Menschen ein Fluch oder Orakelspruch sich an ihnen
vollzog; die späteren Schicksalstragödien sind ohne Wirkung geblieben.
Wenn der König Oedipus den modernen Menschen nicht
minder zu erschüttern weiss als den zeitgenössischen Griechen, so kann
die Lösung wohl nur darin liegen, dass die Wirkung der griechischen
Tragödie nicht auf dem Gegensatz zwischen Schicksal und Menschen-
willen ruht, sondern in der Besonderheit des Stoffes zu suchen ist,
an welchem dieser Gegensatz erwiesen wird. Es muss eine Stimme
in unserem Innern geben, welche die zwingende Gewalt des Schick-S.
182
sals im Oedipus anzuerkennen bereit ist, während wir Verfügungen
wie in der „Ahnfrau“ oder in anderen Schicksalstragödien als
willkürliche zurückzuweisen vermögen. Und ein solches Moment ist in
der That in der Geschichte des Königs Oedipus enthalten. Sein Schick-
sal ergreift uns nur darum, weil es auch das unserige hätte werden
können, weil das Orakel vor unserer Geburt denselben Fluch über uns
verhängt hat wie über ihn. Uns allen vielleicht war es beschieden, die
erste sexuelle Regung auf die Mutter, den ersten Haß und gewaltthäti-
gen Wunsch gegen den Vater zu richten; unsere Träume überzeugen
uns davon. König Oedipus, der seinen Vater Laios erschlagen
und seine Mutter Jokaste geheiratet hat, ist nur die Wunsch-
erfüllung unserer Kindheit. Aber glücklicher als er, ist es uns seitdem,
insoferne wir nicht Psychoneurotiker geworden sind, gelungen,
unsere sexuellen Regungen von unseren Müttern abzulösen, unsere
Eifersucht gegen unsere Väter zu vergessen. Vor der Person, an
welcher sich jener urzeitliche Kindheitswunsch erfüllt hat, schaudern
wir zurück mit dem ganzen Betrag der Verdrängung, welche diese
Wünsche in unserem Innern seither erlitten haben. Während
der Dichter in jener Untersuchung die Schuld des Oedipus an’s
Licht bringt, nöthigt er uns zur Erkenntnis unseres eigenen Inneren,
in dem jene Impulse, wenn auch unterdrückt, noch immer vorhanden
sind. Die Gegenüber-
stellung, mit der uns der Chor verlässt,„¿sehet, das ist Oedipus,
der entwirrt die hohen Räthsel und der Erste war an Macht,
dessen Glück die Bürger alle priesen und beneideten;
Seht, in welches Missgeschickes grause Wogen er versank!“diese Mahnung trifft uns selbst und unseren Stolz, die wir seit
den Kindesjahren so weise und so mächtig geworden sind in unserer
Schätzung. Wie Oedipus leben wir in Unwissenheit der die Moral
beleidigenden Wünsche, welche die Natur uns aufgenöthigt hat, und
nach deren Enthüllung möchten wir wohl alle den Blick abwenden
von den Scenen unserer Kindheit.
Dass die Sage von Oedipus einem uralten Traumstoff ent-
sproßen ist, welcher jene peinliche Störung des Verhältnisses zu den
Eltern durch die ersten Regungen der Sexualität zum Inhalte hat,
dafür findet sich im Texte der Sophoklei-
schen Tragödie selbst
ein nicht misszuver-
stehender Hinweis. Jokaste tröstet den noch nicht
aufgeklärten, aber durch die Erinnerung der Orakelsprüche besorgt
gemachten Oedipus durch die Erwähnung eines Traumes, den ja
so viele Menschen träumen, ohne dass er, meint sie, etwas bedeute:„Denn viele Menschen sahen auch in Träumen schon (V. 995)
Sich zugesellt der Mutter: Doch wer alles dies
Für nichtig achtet, trägt die Last des Lebens leicht.“Der Traum, mit der Mutter sexuell zu verkehren, wird ebenso wie
damals auch heute vielen Menschen zu Theil, die ihn empört und ver-
wundert erzählen. Er ist wie begreiflich der Schlüssel der Tragödie undS.
183
– das Ergänzungsstück zum Traum vom Tod des Vaters. Die Oedipus-
fabel ist die Reaction der Phantasie auf diese beiden typischen
Träume, und wie die Träume vom Erwachsenen mit Ablehnungs-
gefühlen erlebt werden, so muss die Sage Schreck und Selbst-
bestrafung in ihren Inhalt mit aufnehmen. Ihre weitere Gestaltung rührt
wiederum von einer missverständlichen, secundären Bearbeitung des
Stoffes her, welche ihn einer theologisirenden Absicht dienstbar zu
machen sucht. (Vergleiche den Traumstoff von der Exhibition Seite 168.)
Der Versuch die göttliche Allmacht mit der menschlichen Verantwort-
lichkeit zu vereinigen, muss natürlich an diesem Material wie an
jedem anderen misslingen.*)*)Auf demselben Boden wie „König Oedipus“ wurzelt eine andere der großen
tragischen Dichterschöpfungen, der „Hamlet Shakespeares“. Aber in der ver-
änderten Behandlung des nämlichen Stoffes offenbart sich der ganze Unterschied im
Seelenleben der beiden weit auseinander liegenden Culturperioden, das saeculare
Fortschreiten der Verdrängung im Gemüthsleben der Menschheit. Im Oedipus
wird die zu Grunde liegende Wunschphantasie des Kindes wie im Traum an’s Licht
gezogen und realisirt; im Hamlet bleibt sie verdrängt und wir erfahren von ihrer
Existenz – dem Sachverhalt bei einer Neurose ähnlich – nur durch die von ihr
ausgehenden Hemmungswirkungen. Mit der überwältigenden Wirkung des moderneren
Dramas hat es sich eigenthümlicher Weise als vereinbar gezeigt, dass man über den
Charakter des Helden in voller Unklarheit verbleiben könne. Das Stück ist auf die
Zögerung Hamlets gebaut, die ihm zugetheilte Aufgabe der Rache zu erfüllen;
welches die Gründe oder Motive dieser Zögerung sind, gesteht der Text nicht ein;
die vielfältigsten Deutungsversuche haben es nicht anzugeben vermocht. Nach der
heute noch herrschenden, durch Goethe begründeten Auffassung stellt Hamlet den
Typus des Menschen dar, dessen frische Thatkraft durch die „überwuchernde Ent-
wickelung der Gedankenthätigkeit gelähmt wird („Von des Gedankens Blässe
angekränkelt“). Nach Anderen hat der Dichter einen krankhaften, unentschlossenen,
in das Bereich der Neurasthenie fallenden Charakter zu schildern versucht. Allein
die Fabel des Stückes lehrt, dass Hamlet uns keineswegs als eine Person erscheinen
soll, die des Handelns überhaupt unfähig ist. Wir sehen ihn zweimal handelnd auf
treten, das eine Mal in rasch auffahrender Leidenschaft, wie er den Lauscher
hinter der Tapete niederstößt, ein anderes Mal planmässig, ja selbst arglistig, indem er
mit der vollen Unbedenklichkeit des Renaissance-Prinzen die zwei Höflinge in den
ihm selbst zugedachten Tod schickt. Was hemmt ihn also bei der Erfüllung der
Aufgabe, die der Geist seines Vaters ihm gestellt hat? Hier bietet sich wieder die Auskunft,
dass es die besondere Natur dieser Aufgabe ist. Hamlet kann alles, nur nicht die
Rache an dem Mann vollziehen, der seinen Vater beseitigt und bei seiner Mutter
dessen Stelle eingenommen hat, an dem Mann, der ihm die Realisirung seiner ver-
drängten Kinderwünsche zeigt. Der Abscheu, der ihn zur Rache drängen sollte,
ersetzt sich so bei ihm durch Selbstvorwürfe, durch Gewissensscrupel, die ihm vor-
halten, dass er, wörtlich verstanden, selbst nicht besser sei als der von ihm zu
strafende Sünder. Ich habe dabei in’s Bewusste übersetzt, was ja der Seele des
Helden unbewusst bleiben muss; wenn Jemand Hamlet einen Hysteriker nennen will,
kann ich es nur als Folgerung aus meiner Deutung anerkennen. Die Sexualabneigung
stimmt sehr wohl dazu, die Hamlet dann im Gespräch mit Ophelia äussert, die
nämliche Sexualabneigung, die von der Seele des Dichters in den nächsten Jahren
immer mehr Besitz nehmen sollte, bis zu ihren Gipfeläusserungen im „Timon von
Athen“. Es kann natürlich nur das eigene Seelenleben des Dichters gewesen sein,
das uns im Hamlet entgegentritt; ich entnehme dem Werk von Georg Brandes
über Shakespeare (1896) die Notiz, dass das Drama unmittelbar nach dem Tod von
Shakespeare’s Vater (1601), also in der frischen Trauer um ihn in der Wiederbelebung,
dürfen wir annehmen, der auf den Vater bezüglichen Kindheitsempfindungen gedichtetS.
184
Ich kann die typischen Träume vom Tode theurer Verwand-
ten nicht verlassen, ohne dass ich deren Bedeutung für die Theorie des
Traumes überhaupt noch mit einigen Worten beleuchte. Diese Träume
zeigen uns den recht ungewöhnlichen Fall verwirklicht, dass der
durch den verdrängten Wunsch gebildete Traumgedanke jeder Censur
entgeht und unverändert in den Traum übertritt. Es müssen be-
sondere Verhältnisse sein, die solches Schicksal ermöglichen. Ich
finde die Begünstigung für diese Träume in folgenden zwei Momenten:
Erstens gibt es keinen Wunsch, von dem wir uns ferner glauben;
wir meinen, das zu wünschen könnte „uns auch im Traume nicht
einfallen“, und darum ist die Traum-
censur gegen dieses Ungeheuer-
liche nicht gerüstet, ähnlich etwa wie die Gesetzgebung Solon’s
keine Strafe für den Vatermord aufzustellen wusste. Zweitens aber
kommt dem verdräng-
ten und nicht geahndeten Wunsch gerade hier
besonders häufig ein Tagesrest entgegen in Gestalt einer Sorge um
das Leben der theuren Person. Diese Sorge kann sich nicht anders
in den Traum eintragen, als indem sie sich des gleichlau-
tenden
Wunsches bedient; der Wunsch aber kann sich mit der am Tage
rege gewordenen Sorge maskiren. Wenn man meint, dass dies alles
einfacher zugeht, dass man eben bei Nacht und im Traum nur fort-
setzt, was man bei Tag angesponnen hat, so lässt man die Träume
vom Tode theurer Personen eben ausser allem Zusammenhang mit der
Traum-
erklärung und hält ein sehr wohl reducírbares Räthsel über-
flüssiger Weise fest.Lehrreich ist es auch, die Beziehung dieser Träume zu den
Angstträumen zu verfolgen. In den Träumen vom Tode theurer
Personen hat der verdrängte Wunsch einen Weg gefunden, auf dem
er sich der Censur – und der durch die bedingten Entstellung –
entziehen kann. Die nie fehlende Begleiter-
scheinung ist dann, dass
schmerzliche Empfindungen im Traume verspürt werden. Ebenso
kommt der Angsttraum nur zu Stande, wenn die Censur ganz oder
theilweise überwältigt wird, und andererseits erleichtert es die Ueber-
wältigung der Censur, wenn Angst als actuelle Sensation aus somatischen
Quellen bereits gegeben ist. Es wird so handgreiflich, in welcher
Tendenz die Censur ihres Amtes waltet, die Traument-
stellung ausübt;
es geschieht, um die Entwicke-
lung von Angst oder anderen
Formen peinlichen Affectes zu verhüten.worden ist. Bekannt ist auch, dass Shakespeare’s früh verstorbener Sohn den Namen
Hamnet (identisch mit Hamlet) trug. Wie Hamlet das Verhältniss des Sohnes zu
den Eltern behandelt, so ruht der in der Zeit nahe stehende Macbeth auf dem Thema
der Kinderlosigkeit. Wie übrigens jedes neurotische Symptom, wie selbst der Traum,
der Ueberdeutung fähig ist, ja dieselbe zu seinem vollen Verständniss fordert, so
wird auch jede echte dichteri-
sche Schöpfung aus mehr als aus einem Motiv und
einer Anregung in der Seele des Dichters hervorgegan-
gen sein und mehr als eine
Deutung zulassen. Ich habe hier nur die Deutung der tiefsten Schicht von Regun-
gen
in der Seele des schaffenden Dichters versucht.S.
185
Ich habe im Vorstehenden von dem Egoismus der Kinderseele
gesprochen und knüpfe nun daran mit der Absicht, hier einen
Zusammenhang ahnen zu lassen, dass die Träume auch diesen
Charakter bewahrt haben. Sie sind sämmtlich absolut egoistisch,
in allen tritt das liebe Ich auf, wenn auch verkleidet. Die
Wünsche, die in ihnen erfüllt werden, sind regelmässig Wünsche
dieses Ich's; es ist nur ein täuschender Anschein, wenn je das
Interesse für einen Anderen einen Traum hervorgerufen haben sollte.
Ich will einige Beispiele, welche dieser Behauptung widersprechen,
der Analyse unterziehen.I. Ein noch nicht vierjähriger Knabe erzählt: Er hat eine grosse
garnirte Schüssel gesehen, worauf ein grosses Stück
Fleisch gebraten war, und das Stück war auf einmal
ganz -
nicht zerschnitten -
aufgegessen. Die Person,
die es gegessen hat, hat er nicht gesehen.*)Wer mag der fremde Mensch sein, von dessen üppiger Fleisch-
mahlzeit unser Kleiner träumt? Die Ergebnisse des Traumtages
müssen uns darüber aufklären. Der Knabe bekommt seit einigen
Tagen nach ärztlicher Vorschrift Milchdiät; am Abend des Traum-
tages war er aber unartig, und da wurde ihm zur Strafe die Abend-
mahlzeit entzogen. Er hat schon früher einmal eine solche Hungercur
durchgemacht und sich sehr tapfer dabei benommen. Er wusste,
dass er nichts bekommen wird, getraute sich aber auch nicht, mit
einem Worte anzudeuten, dass er Hunger hat. Die Erziehung
fängt an, bei ihm zu wirken; sie äussert sich bereits im Traum, der
einen Anfang von Traumentstellung zeigt. Es ist kein Zweifel, dass
er selbst die Person ist, deren Wünsche auf eine so reiche Mahlzeit,
und zwar eine Bratenmahlzeit, zielen. Da er aber weiss, dass diese
ihm verboten ist, wagt er es nicht, wie die hungerigen Kinder es
im Traum thun (vgl. den Erdbeertraum meiner kleinen Anna, Seite 91),
sich selbst zur Mahlzeit hinzusetzen. Die Person bleibt anonym.II. Ich träume einmal, dass ich in der Auslage einer Buchhandlung
ein neues Heft jener Sammlung im Liebhabereinband sehe, die ich
sonst zu kaufen pflege (Künstlermonographien, Monographien zur
Weltgeschichte, Berühmte Kunststätten u. s. w.). Die neue Samm-
lung nennt sich: Berühmte Redner (oder Reden) und das
Heft I derselben trägt den Namen Dr. Lecher.In der Analyse wird es mir unwahrscheinlich, dass mich der
Ruhm Dr. Lecher's, des Dauerredners der deutschen Obstruction*)Auch das Grosse, Ueberreiche, Uebermässige und Ubertriebene der Träume
könnte ein Kindheitscharakter sein. Das Kind kennt keinen sehnlicheren Wunsch
als gross zu werden, von Allem so viel zu bekommen wie die Grossen; es ist schwer
zu befriedigen, kennt keine Genug, verlangt unersättlich nach Wiederholung dessen,
was ihm gefallen oder geschmeckt hat. Mass halten, sich bescheiden, resigniren
lernt es erst durch die Cultur der Erziehung. Bekanntlich neigt auch der Neurotiker
zur Masslosigkeit und Unmässigkeit.S.
186
im Parlamente, während meiner Träume beschäftige. Der Sach-
verhalt ist der, dass ich vor einigen Tagen neue Patienten zur
psychischen Cur aufgenommen habe, und nun zehn bis elf Stunden
täglich zu sprechen genöthigt bin. Ich bin also selbst so ein
Dauerredner.III. Ich träume ein andermal, dass ein mir bekannter Lehrer an
unserer Universität sagt: Mein Sohn, der Myop. Dann folgt ein
Dialog aus kurzen Reden und Gegenreden bestehend. Es folgt aber
dann ein drittes Traumstück, in dem ich und meine Söhne vor-
kommen, und für den latenten Trauminhalt sind Vater und Sohn,
Professor M. nur Strohmänner, die mich und meinen Aeltesten
decken. Ich werde diesen Traum wegen einer anderen Eigenthüm-
lichkeit noch weiter unten behandeln.IV. Ein Beispiel von wirklich niedrigen egoistischen Gefühlen, die
sich hinter zärtlicher Sorge verbergen, gibt folgender Traum.
Mein Freund Otto schaut schlecht aus, ist braun
im Gesicht und hat vortretende Augen.
Otto ist mein Hausarzt, in dessen Schuld ich hoffnungslos
verbleibe, weil er seit Jahren die Gesundheit meiner Kinder über-
wacht, sie erfolgreich behandelt, wenn sie erkranken, und sie über-
dies zu allen Gelegenheiten, die einen Vorwand abgeben können,
beschenkt. Er war am Traumtage zu Besuch, und da bemerkte
meine Frau, dass er müde und abgespannt aussehe. Nachts kömmt
mein Traum und leiht ihm einige der Zeichen der Basedow’schen
Krankheit. Wer sich in der Traumdeutung von meinen Regeln
freimacht, der wird diesen Traum so verstehen, dass ich um die
Gesundheit meines Freundes besorgt bin, und dass diese Besorgnis
sich im Traum realisirt. Es wäre ein Widerspruch nicht nur gegen
die Behauptung, dass der Traum eine Wunscherfüllung ist, sondern
auch gegen die andere, dass er nur egoistischen Regungen zugänglich
ist. Aber wer so deutet, möge mir erklären, warum ich bei Otto die
Basedow’sche Krankheit befürchte, zu welcher Diagnose sein Aus-
sehen auch nicht den leisesten Anlass gibt? Meine Analyse liefert
hingegen folgendes Material aus einer Begebenheit, die sich vor sechs
Jahren zugetragen hat. Wir fuhren eine kleine Gesellschaft, in der
sich auch Professor R. befand, in tiefer Dunkelheit durch den Wald
von N., einige Stunden weit von unserem Sommeraufenthalt entfernt.
Der nicht ganz nüchterne Kutscher warf uns mit dem Wagen einen
Abhang herunter, und es war noch glücklich, dass wir alle heil da-
von kamen. Wir waren aber genöthigt, im nächsten Wirthshause
zu übernachten, wo die Kunde von unserem Unfall grosse Sympathie
für uns erweckte. Ein Herr, der die unverkennbaren Zeichen des
Morbus Basedowii an sich trug – übrigens nur Bräunung der
Gesichtshaut und vortretende Augen, ganz wie im Traum, kein
Struma – stellte sich ganz zu unserer Verfügung und fragte, was er
für uns thun könne. Professor R. in seiner bestimmten ArtS.
187
antwortete: Nichts anderes, als dass Sie mir ein Nachthemd leihen.
Darauf der Edle: Das thut mir leid, das kann ich nicht, und ging
von dannen.Zur Fortsetzung der Analyse fällt mir ein, dass Basedow
nicht nur der Name eines Arztes ist, sondern auch der eines
berühmten Pädagogen. (Im Wachen fühle ich mich jetzt dieses
Wissens nicht recht sicher). Freund Otto ist aber diejenige Person,
die ich gebeten habe, für den Fall, dass mir etwas zustösst, die
körperliche Erziehung meiner Kinder, speciell in der Pubertätszeit
(daher das Nachthemd) zu überwachen. Indem ich nun Freund
Otto im Traum mit den Krankheitssymptomen jenes edlen Helfers
sehe, will ich offenbar sagen: Wenn mir etwas zustösst, wird von
ihm ebensowenig etwas für die Kinder zu haben sein, wie damals
von Herrn Baron L. trotz seiner liebenswürdigen Anerbietungen. Der
egoistische Einschlag dieses Traumes dürfte nun wohl aufgedeckt sein.
Wo steckt aber hier die Wunscherfüllung? Nicht in der Rache
an Freund Otto, dessen Schicksal es nun einmal ist, in meinen
Träumen schlecht behandelt zu werden, sondern in folgender
Beziehung. Indem ich Otto als Baron L. im Traum darstelle, habe ich
gleichzeitig meine eigene Person mit einem anderen identificirt, nämlich
mit der des Professors R., denn ich fordere ja etwas von Otto, wie
in jener Begebenheit R. vom Baron L. gefordert hat. Und daran
liegt es. Professor R., dem ich mich sonst wirklich nicht zu ver-
gleichen wage, hat ähnlich wie ich seinen Weg ausserhalb der
Schule selbstständig verfolgt und ist erst in späten Jahren zu dem
längst verdienten Titel gelangt. Ich will also wieder einmal Professor
werden! Ja selbst das „in späten Jahren“ ist eine Wunscherfüllung,
denn es besagt, dass ich lange genug lebe, um meine Knaben selbst
durch die Pubertät zu geleiten.
Von anderen typischen Träumen, in denen man mit Behagen
fliegt oder mit Angstgefühlen fällt, weiss ich nichts aus eigener Er-
fahrung, und verdanke Alles, was ich über sie zu sagen habe, den
Psychoanalysen. Aus den Auskünften, die man dort erhält, muss
man schliessen, dass auch diese Träume Eindrücke der Kinderzeit
wiederholen, nämlich sich auf die Bewegungsspiele beziehen, die für
das Kind eine so ausserordentliche Anziehung haben. Welcher Onkel
hat nicht schon ein Kind fliegen lassen, indem er die Arme aus-
streckend durch’s Zimmer mit ihm eilte, oder Fallen mit ihm ge-
spielt, indem er es auf den Knien schaukelte und das Bein plötzlich
streckte, oder es hoch hob und plötzlich that, als ob er ihm die
Unterstützung entziehen wollte. Die Kinder jauchzen dann und ver-
langen unermüdlich nach Wiederholung, besonders wenn etwas
Schreck und Schwindel mit dabei ist; dann schaffen sie sich nach
Jahren die Wiederholung im Traum, lassen aber im Traum dieS.
188
Hände weg, die sie gehalten haben, so dass sie nun frei schweben
und fallen. Die Vorliebe aller kleinen Kinder für solche Spiele wie
für Schaukeln und Wippen ist bekannt; wenn sie dann gymnastische
Kunststücke im Circus sehen, wird die Erinnerung von Neuem auf
gefrischt. Bei manchen Knaben besteht dann der hysterische Anfall
nur aus Reproductionen solcher Kunststücke, die sie mit grosser Ge-
schicklichkeit ausführen. Nicht selten sind bei diesen an sich harm-
losen Bewegungssspielen auch sexuelle Empfindungen wach gerufen
worden.*) Um es mit einem bei uns gebräuchlichen, all’ diese Ver-
anstaltungen deckenden Worte zu sagen: es ist das „Hetzen“ in
der Kindheit, welches die Träume vom Fliegen, Fallen, Schwindeln
u. dgl. wiederholen, dessen Lustgefühle jetzt in Angst verkehrt
sind. Wie aber jede Mutter weiss, ist auch das Hetzen der Kinder
in der Wirklichkeit häufig genug in Zwist und Weinen ausge-
gangen.Ich habe also guten Grund die Erklärung abzulehnen, dass der
Zustand unserer Hautgefühle während des Schlafes, die Sensationen
von der Bewegung unserer Lungen u. dgl. die Träume vom Fliegen
und Fallen hervorrufen. Ich sehe, dass diese Sensationen selbst aus
der Erinnerung reproducirt sind, auf welche der Traum sich bezieht,
dass sie also Trauminhalt sind und nicht Traumquellen.Jeder der mit der Maturitätsprüfung seine Gymnasialstudien
abgeschlossen hat, klagt über die Hartnäckigkeit, mit welcher der
Angsttraum, dass er durchgefallen sei, die Classe wiederholen müsse
u. dgl. ihn verfolgt. Für den Besitzer eines akademischen Grades er-
setzt sich dieser typische Traum durch einen anderen, der ihm vor-
hält, dass er beim Rigorosum nicht bestanden habe, und gegen den
er vergeblich noch im Schlaf einwendet, dass er ja schon seit Jahren
practicire, Privatdocent sei oder Kanzleileiter. Es sind die unaus-
löschlichen Erinnerungen an die Strafen, die wir in der Kindheit
für verübte Unthaten erlitten haben, die sich so an den beiden
Knotenpunkten unserer Studien, an dem „dies irae, dies illa“ der
strengen Prüfungen in unserem Innern wieder geregt haben. Auch die
„Prüfungsangst“ der Neurotiker findet in dieser Kinderangst ihre
Verstärkung. Nachdem wir aufgehört haben Schüler zu sein, sind
es nicht mehr wie zuerst die Eltern und Erzieher oder später die
Lehrer, die unsere Bestrafung besorgen; die unerbittliche Causalver-
kettung des Lebens hat unsere weitere Erziehung übernommen, und*)Ein junger, von Nervosität völlig freier College theilt mir hiezu mit: „Ich
weiss aus eigener Erfahrung, dass ich früher beim Schaukeln, und zwar in dem
Moment, wo die Abwärtsbewegung die grösste Wucht hat, ein eigenthümliches Gefühl
in den Genitalien bekam, das ich, obwohl es mir eigentlich nicht angenehm war,
doch als Lustgefühl bezeichnen muss.“ – Von Patienten habe ich oftmals gehört,
dass die ersten Erectionen mit Lustgefühl, die sie erinnern, in der Knabenzeit beim
Klettern aufgetreten sind. – Aus den Psychoanalysen ergiebt sich mit aller Sicherheit,
dass häufig die ersten sexuellen Regungen in den Rauf- und Ringspielen der Kinder-
jahre wurzeln.S.
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nun träumen wir von der Matura oder von dem Rigorosum, – und
wer hat damals nicht selbst als Gerechter gesagt? – so oft wir er-
warten, dass der Erfolg uns bestrafen werde, weil wir etwas nicht
recht gemacht, nicht ordentlich zu Stande gebracht haben, so oft wir
den Druck einer Verantwortung fühlen.Ich verhehle mir aber keineswegs, dass ich für diese Reihe von
typischen Träumen eine volle Aufklärung nicht erbringen kann.
Mein Material hat mich gerade hiebei im Stiche gelassen. Den all-
gemeinen Gesichtspunkt, dass alle die Haut- und Bewegungssensationen
dieser typischen Träume wachgerufen werden, sobald irgend ein
psychisches Motiv ihrer bedarf, und dass sie vernachlässigt werden
können, wenn ihnen ein solches Bedürfnis nicht entgegenkommt,
muss ich festhalten. Auch die Beziehung zu den infantilen Erleb-
nissen scheint mir aus den Andeutungen, die ich in der Analyse der
Psychoneurotiker erhalten habe, sicher hervorzugehen. Aber welche
anderen Bedeutungen sich im Laufe des Lebens an die Erinnerung
jener Sensationen geknüpft haben mögen, – vielleicht bei jeder
Person andere trotz der typischen Erscheinung dieser Träume – weiss
ich nicht anzugeben und möchte gerne in die Lage kommen, diese
Lücke durch sorgfältige Analyse von guten Beispielen auszufüllen.
Wer sich darüber verwundert, dass ich trotz der Häufigkeit gerade
der Träume vom Fliegen, Fallen, Zahnausziehen u. dgl. mich über
Mangel an Material beklage, dem bin ich die Aufklärung schuldig,
dass ich an mir selbst solche Träume nicht erfahren habe, seitdem
ich dem Thema der Traumdeutung Aufmerksamkeit schenke. Die
Träume der Neurotiker, die mir sonst zu Gebote stehen, sind aber
nicht alle und oft nicht bis an das Ende ihrer verborgenen Absicht
deutbar; eine gewisse psychische Macht, die beim Aufbau der Neu-
rose betheiligt war und bei deren Auflösung wieder zur Wirk-
samkeit gebracht wird, stellt sich der Deutung bis zum letzten
Räthsel entgegen.
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Die Traumdeutung1900-001/1900
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