Die Traumdeutung1900-001/1900
  • S.

    V.

    Das Traummaterial und die Traumquellen.

    Als wir aus der Analyse des Traumes von Irma’s Injection
    ersehen hatten, dass der Traum eine Wunscherfüllung ist, nahm
    uns zunächst das Interesse gefangen, ob wir hiermit einen allge-
    meinen Charakter des Traumes aufgedeckt haben, und wir brachten vor-
    läufig jede andere wissenschaftliche Neugierde zum Schweigen, die
    sich in uns während jener Deutungsarbeit geregt haben mochte.
    Nachdem wir jetzt auf dem einen Wege zum Ziel gelangt sind,
    dürfen wir zurückkehren und einen neuen Ausgangspunkt für unsere
    Streifungen durch die Probleme des Traumes wählen, sollten wir
    darüber auch das noch keineswegs voll erledigte Thema der
    Wunscherfüllung für eine Weile aus den Augen verlieren.

    Seitdem wir durch Anwendung unseres Verfahrens der
    Traumdeutung einen latenten Trauminhalt aufdecken können,
    der an Bedeutsamkeit den manifesten Trauminhalt weit hinter
    sich lässt, muss es uns drängen, die einzelnen Traumprobleme von
    Neuem aufzunehmen, um zu versuchen, ob sich für uns nicht Räthsel
    und Widersprüche befriedigend lösen, die, solange man nur den
    manifesten Trauminhalt kannte, unangreifbar erschienen sind.

    Die Angaben der Autoren über den Zusammenhang des Traumes
    mit dem Wachleben, sowie über die Herkunft des Traummaterials
    sind im einleitenden Abschnitt ausführlich mitgetheilt worden. Wir
    erinnern uns auch jener drei Eigentümlichkeiten des Traumgedächt-
    nisses, die so vielfach bemerkt, aber nicht erklärt worden sind:
    1. Dass der Traum die Eindrücke der letzten Tage deutlich
    bevorzugt [Robert55), Strümpell66), Hildebrandt35), auch
    Weed-Hallam33)];
    2. dass er eine Auswahl nach anderen Principien als unser
    Wachgedächtnis trifft, indem er nicht das Wesentliche und Wichtige,
    sondern das Nebensächliche und Unbeachtete erinnert vgl. (Seite 11)
    3. dass er die Verfügung über unsere frühesten Kindheits-
    eindrücke besitzt und selbst Einzelheiten aus dieser Lebenszeit

  • S.

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    hervorholt, die uns wiederum als trivial erscheinen und im Wachen
    für längst vergessen gehalten worden sind.*)

    Diese Besonderheiten in der Auswahl des Traummateriales sind
    von den Autoren natürlich am manifesten Trauminhalte beobachtet
    worden.

    a) Das Recente und das Indifferente im Traum.

    Wenn ich jetzt in Betreff der Herkunft der im Trauminhalte
    auftretenden Elemente meine eigene Erfahrung zu Rathe ziehe, so
    muss ich zunächst die Behauptung aufstellen, dass in jedem Traume
    eine Anknüpfung an die Erlebnisse des letztabgelaufenen
    Tages aufzufinden ist. Welchen Traum immer ich vornehme,
    einen eigenen, oder fremden, jedesmal bestätigt sich mir diese
    Erfahrung. In Kenntnis dieser Thatsache kann ich etwa die
    Traumdeutung damit beginnen, dass ich zuerst nach dem Erlebnis
    des Tages forsche, welches den Traum angeregt hat; für viele Fälle
    ist dies sogar der nächste Weg. An den beiden Träumen, die ich
    im vorigen Abschnitt einer genauen Analyse unterzogen habe (von
    Irma’s Injection, von meinem Onkel mit dem gelben Bart) ist die
    Beziehung zum Tag so augenfällig, dass sie Keiner weiteren
    Beleuchtung bedarf. Um aber zu zeigen, wie regelmässig sich diese
    Beziehung erweisen lässt, will ich ein Stück meiner eigenen Traum-
    chronik darauf hin untersuchen. Ich theile die Träume nur soweit
    mit, als es zur Aufdeckung der gesuchten Traumquelle bedarf.

    1. Ich mache einen Besuch in einem Hause, wo ich nur mit
    Schwierigkeiten vorgelassen werde u. s. w., lasse eine Frau unter
    dessen auf mich warten.
    Quelle: Gespräch mit einer Verwandten am Abend, dass
    eine Anschaffung, die sie verlangt, warten müsse, bis u. s. w.

    2. Ich habe eine Monographie über eine gewisse (unklar)
    Pflanzenart geschrieben.
    Quelle: Am Vormittag im Schaufenster einer Buchhandlung
    eine Monographie gesehen über die Gattung Cyclamen.

    3. Ich sehe zwei Frauen auf der Strasse, Mutter und
    Tochter, von denen die Letztere meine Patientin war.
    Quelle: Eine in Behandlung stehende Patientin hat mir
    abends mitgetheilt, welche Schwierigkeiten ihre Mutter einer Fort-
    setzung der Behandlung entgegenstellt.

    4. In der Buchhandlung von S. und R. nehme ich ein
    Abonnement auf eine periodische Publication, die jährlich fl. 20 kostet.

    *)Es ist klar, dass die Auffassung Robert’s, der Traum sei dazu bestimmt,
    unser Gedächtnis von den werthlosen Eindrücken des Tages zu entlasten, nicht mehr
    zu halten ist, wenn im Traum einigermassen häufig gleichgiltige Erinnerungsbilder
    aus unserer Kindheit auftreten. Man müsste den Schluss ziehen, dass der Traum
    die ihm zufallende Aufgabe sehr ungenügend zu erfüllen pflegt.

    Freud, Traumdeutung.

  • S.

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    Quelle: Meine Frau hat mich am Tage daran erinnert, dass
    ich ihr fl. 20 vom Wochengelde noch schuldig bin.

    5. Ich erhalte eine Zuschrift vom socialdemokratischen
    Comité, in der ich als Mitglied behandelt werde.

    Quelle: Zuschriften erhalten gleichzeitig vom liberalen
    Wahlcomité und vom Präsidium des humanitären Vereines, dessen
    Mitglied ich wirklich bin.

    6. Ein Mann auf einem steilen Fels mitten im Meer, in
    Böcklin’scher Manier.

    Quelle: Dreyfus auf der Teufelsinsel, gleichzeitig Nach-
    richten von meinen Verwandten in England u. s. w.

    Man könnte die Frage aufwerfen, ob die Traumknüpfung
    unfehlbar an die Ereignisse des letzten Tages erfolgt, oder ob sie
    sich auf Eindrücke eines längeren Zeitraumes der jüngsten Ver-
    gangenheit erstrecken kann. Dieser Gegenstand kann principielle
    Bedeutsamkeit wahrscheinlich nicht beanspruchen, doch möchte ich
    mich für das ausschliessliche Vorrecht des letzten Tages vor dem
    Traume (des Traumtages) entscheiden. So oft ich zu finden vermeinte,
    dass ein Eindruck von zwei oder drei Tagen die Quelle des Traumes
    gewesen sei, konnte ich mich doch bei genauerer Nachforschung
    überzeugen, dass jener Eindruck am Vortage wieder erinnert worden
    war, dass also eine nachweisbare Reproduction am Vortage sich
    zwischen dem Ereignistage und der Traumzeit eingeschoben hatte,
    und konnte ausserdem den recenten Anlass nachweisen, von dem die
    Erinnerung an den älteren Eindruck ausgegangen sein konnte.

    Ich meine also, es gibt für jeden Traum einen Traumerreger
    aus jenen Erlebnissen, über die „man noch keine Nacht
    geschlafen hat“.

    Die Eindrücke der jüngsten Vergangenheit (mit Ausschluss
    des Tages vor der Traumnacht) zeigen also keine andersartige
    Beziehung zum Trauminhalte als andere Eindrücke aus beliebig
    ferner liegenden Zeiten. Der Traum kann sein Material aus jeder
    Zeit des Lebens wählen, wofern nur von den Erlebnissen des Traum-
    tages (den „recenten Eindrücken“) zu diesen früheren ein Gedanken-
    faden reicht.

    Woher aber die Bevorzugung der recenten Eindrücke? Wir
    werden zu Vermuthungen über diesen Punkt gelangen, wenn wir
    einen der erwähnten Träume einer genaueren Analyse unterziehen.
    Ich wähle den Traum von der Monographie.

    Trauminhalt: Ich habe eine Monographie über eine
    gewisse Pflanze geschrieben. Das Buch liegt vor mir,
    ich blättere eben eine eingeschlagene farbige Tafel um.
    Jedem Exemplar ist ein getrocknetes Specimen der
    Pflanze beigebunden, ähnlich wie aus einem Herbarium.

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    Analyse: Ich habe am Vormittage im Schaufenster einer
    Buchhandlung ein neues Buch gesehen, welches sich betitelt: Die
    Gattung Cyclamen offenbar eine Monographie über diese Pflanze.
    Cyclamen ist die Lieblingsblume meiner Frau. Ich mache
    mir Vorwürfe, dass ich so selten daran denke, ihr Blumen mit
    zubringen, wie sie sich’s wünscht. – Bei dem Thema: Blumen
    mitbringen erinnere ich mich einer Geschichte, welche ich
    unlängst im Freundeskreis erzählt und als Beweis für meine Behaup-
    tung verwendet habe, dass Vergessen sehr häufig die Ausführung
    einer Absicht des Unbewussten sei und immerhin einen Schluss auf
    die geheime Gesinnung des Vergessenden gestatte. Eine junge Frau,
    welche daran gewöhnt war, zu ihrem Geburtstage einen Strauss
    von ihrem Manne vorzufinden, vermisst dieses Zeichen der Zärtlich-
    keit an einem solchen Festtag und bricht darüber in Thränen aus.
    Der Mann kommt hinzu, weiss sich ihr Weinen nicht zu erklären,
    bis sie ihm sagt: Heute ist mein Geburtstag. Da schlägt er sich
    vor die Stirne, ruft aus: Entschuldige, hab’ ich doch ganz daran
    vergessen, und will fort, ihr Blumen zu holen. Sie lässt sich aber
    nicht trösten, denn sie sieht in der Vergesslichkeit ihres Mannes
    einen Beweis dafür, dass sie in seinen Gedanken nicht mehr dieselbe
    Rolle spielt wie einstens. – Diese Frau L. ist meiner Frau vor
    zwei Tagen begegnet, hat ihr mitgetheilt, dass sie sich wohlfühlt,
    und sich nach mir erkundigt. Sie stand in früheren Jahren in
    meiner Behandlung.

    Ein neuer Ansatz: Ich habe wirklich einmal etwas Aehnliches
    geschrieben wie eine Monographie über eine Pflanze, nämlich einen
    Aufsatz über die Cocappflanze, welcher die Aufmerksamkeit von
    K. Koller auf die anästhesirende Eigenschaft des Cocains gelenkt
    hat. Ich hatte diese Verwendung des Alkaloids in meiner Publication
    selbst angedeutet, aber war nicht gründlich genug, die Sache weiter
    zu verfolgen. Dazu fällt mir ein, dass ich am Vormittag des Tages
    nach dem Traume (zu dessen Deutung ich erst abends Zeit fand) des
    Cocains in einer Art von Tagesphantasie gedacht habe. Wenn ich
    je Glaukom bekommen sollte, würde ich nach Berlin reisen und
    mich dort bei meinem Berliner Freunde von einem Arzt, den er
    mir empfiehlt, incognito operiren lassen. Der Operateur, der nicht
    wüsste, an wem er arbeitet, würde wieder einmal rühmen, wie
    leicht sich diese Operation seit der Einführung des Cocains gestaltet
    haben; ich würde durch keine Miene verrathen, dass ich an dieser
    Entdeckung selbst einen Antheil habe. An diese Phantasie schlossen
    sich Gedanken an, wie unbequem es doch für den Arzt sei, ärztliche
    Leistungen von Seiten der Collegen für seine Person in Anspruch
    zu nehmen. Den Berliner Augenarzt, der mich nicht kennt, würde
    ich wie ein Anderer entlohnen können. Nachdem dieser Tagtraum
    mir in den Sinn gekommen, merke ich erst, dass sich die Erinnerung
    an ein bestimmtes Erlebnis hinter ihm verbirgt. Kurz nach der

  • S.

    116

    Entdeckung Koller’s war nämlich mein Vater an Glaukom
    erkrankt; er wurde von meinem Freunde, dem Augenarzt
    Dr. Königstein, operirt. Dr. Koller besorgte die Cocainanästhesie
    und machte dann die Bemerkung, dass bei diesem Falle alle die
    drei Personen sich vereinigt fänden, die an der Einführung des
    Cocains Antheil gehabt haben.

    Meine Gedanken gehen nun weiter, wann ich zuletzt an diese
    Geschichte des Cocains erinnert worden bin. Es war dies vor
    einigen Tagen, als ich die Festschrift in die Hand bekam, mit deren
    Erscheinen dankbare Schüler das Jubiläum ihres Lehrers und
    Laboratoriumsvorstandes gefeiert hatten. Unter den Ruhmestiteln
    des Laboratoriums fand ich auch angeführt, dass dort die Entdeckung
    der anästhesirenden Eigenschaft des Cocains durch K. Koller
    vorgefallen sei. Ich bemerke nun plötzlich, dass mein Traum mit
    einem Erlebnis des Abends vorher zusammenhängt. Ich hatte gerade
    Dr. Königstein nach Hause begleitet, mit dem ich in ein
    Gespräch über eine Angelegenheit gerathen war, die mich jedesmal,
    wenn sie berührt wird, lebhaft erregt. Als ich mich in dem Haus
    flur mit ihm aufhielt, kam Professor Gärtner mit seiner jungen
    Frau hinzu. Ich konnte mich nicht enthalten, die Beiden darüber zu
    beglückwünschen, wie blühend sie aussehen. Nun ist Professor
    Gärtner einer der Verfasser der Festschrift, von der ich eben
    sprach, und konnte mich wohl an diese erinnern. Auch die
    Frau L., deren Geburtstagsenttäuschung ich unlängst erzählte, war
    im Gespräch mit Dr. Königstein, in anderem Zusammenhange
    allerdings, erwähnt worden.

    Ich will versuchen, auch die anderen Bestimmungen des
    Trauminhaltes zu deuten. Ein eingetrocknetes Specimen der Pflanze
    liegt der Monographie bei, als ob es ein Herbarium wäre. An’s
    Herbarium knüpft sich eine Gymnasialerinnerung. Unser Gymnasial-
    director rief einmal die Schüler der höheren Classen zusammen, um
    ihnen das Herbarium der Anstalt zur Durchsicht und zur Reinigung
    zu übergeben. Es hatten sich kleine Würmer eingefunden –
    Bücherwurm. Zu meiner Hilfeleistung scheint er nicht Zutrauen
    gezeigt zu haben, denn er überliess mir nur wenige Blätter. Ich
    weiss noch heute, dass Cruciferen darauf waren. Ich hatte niemals
    ein besonders intimes Verhältniss zur Botanik. Bei meiner botanischen
    Vorprüfung bekam ich wiederum eine Crucifere zur Bestimmung
    und erkannte sie nicht. Es wäre mir schlecht ergangen, wenn
    nicht meine theoretischen Kenntnisse mir herausgeholfen hätten. –

    Von den Cruciferen gerathe ich auf die Compositen. Eigentlich ist
    auch die Artischocke eine Composite und zwar die, welche ich meine
    Lieblingsblume heissen könnte. Edler als ich, pflegt meine
    Frau mir diese Lieblingsblume häufig vom Markte heimzubringen.

    Ich sehe die Monographie vor mir liegen, die ich geschrieben
    habe. Auch dies ist nicht ohne Bezug. Mein visueller Freund schrieb

  • S.

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    mir gestern aus Berlin: „Mit Deinem Traumbu-
    che beschäftige ich mich sehr viel. Ich sehe es fertig vor mir liegen und
    blättere darin.“ Wie habe ich ihn um diese Sehergabe beneidet!
    Wenn ich es doch auch schon fertig vor mir liegen sehen könnte!

    Die zusammengelegte farbige Tafel: Als ich Student
    der Medicin war, litt ich viel unter dem Impuls, nur aus Mono-
    graphien lernen zu wollen. Ich hielt mir damals, trotz meiner
    beschränkten Mittel, mehrere medicinische Archive, deren farbige
    Tafeln mein Entzücken waren. Ich war stolz auf diese Neigung
    zur Gründlichkeit.

    Als ich dann selbst zu publiciren begann,
    musste ich auch die Tafeln für meine Abhandlungen zeichnen und
    ich weiss, dass eine derselben so kümmerlich ausfiel, dass mich ein
    wohlwollender College ihretwegen verhöhnte. Dazu kommt noch, ich
    weiss nicht recht wie, eine sehr frühe Jugenderinnerung. Mein
    Vater machte sich einmal den Scherz, mir und meiner ältesten
    Schwester ein Buch mit farbigen Tafeln (Beschreibung einer
    Reise in Persien) zur Vernichtung zu überlassen. Es war kaum er-
    ziehbar zu rechtfertigen. Ich war damals fünf Jahre, die Schwester
    unter drei Jahren alt, und das Bild, wie wir Kinder überselig dieses
    Buch zerpflücken (wie eine Artischocke, Blatt für Blatt, muss
    ich sagen), ist nahezu das Einzige, was mir aus dieser Lebenszeit in
    plastischer Erinnerung geblieben ist. Als ich dann Student wurde,
    entwickelte sich bei mir eine ausgesprochene Vorliebe, Bücher zu
    sammeln und zu besitzen (analog der Neigung, aus Monographien zu
    studiren, eine Liebhaberei, wie sie in den Traumgedanken betreffs
    Cyclamen und Artischocke bereits vorkommt). Ich wurde ein Bücher-
    wurm (vgl. Herbarium). Ich habe diese erste Leidenschaft
    meines Lebens, seitdem ich über mich nachdenke, immer auf diesen
    Kindereindruck zurückgeführt, oder vielmehr, ich habe erkannt, dass
    diese Kinderscene eine „Deckerinnerung“ für meine spätere Biblio-
    philie ist.*) Natürlich habe ich auch frühzeitig erfahren, dass man
    durch Leidenschaften leicht in Leiden geräth. Als ich 17 Jahre alt
    war, hatte ich ein ansehnliches Conto beim Buchhändler und keine
    Mittel, es zu begleichen, und mein Vater liess es kaum als Ent-
    schuldigung gelten, dass sich meine Neigungen auf nichts Böseres
    geworfen hatten. Die Erwähnung dieses späteren Jugenderlebnisses
    bringt mich aber sofort zu dem Gespräch mit meinem Freunde
    Dr. Königstein zurück. Denn um dieselben Vorwürfe wie damals,
    dass ich mein Liebhabereien zuviel nachgebe, handelte es sich
    auch im Gespräch am Abend des Traumtages.

    Aus Gründen, die nicht hieher gehören, will ich die Deutung
    dieses Traumes nicht verfolgen, sondern blos den Weg angeben,
    welcher zu ihr führt. Während der Deutungsarbeit bin ich an

    *)Vgl. meinen Aufsatz „Ueber Deckerinnerungen“ in der Monatsschrift für
    Psychiatrie und Neurologie, 1899.

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    das Gespräch mit Dr. Königstein erinnert worden, und zwar von
    mehr als einer Stelle aus. Wenn ich mir vorhalte, welche Dinge
    in diesem Gespräche berührt worden sind, so wird der Sinn des
    Traumes mir verständlich. Alle angefangenen Gedankengänge, von
    den Liebhabereien meiner Frau und meinen eigenen, vom Cocain,
    von den Schwierigkeiten ärztlicher Behandlung unter Collegen, von
    meiner Vorliebe für monographische Studien und meiner Vernach-
    lässigung gewisser Fächer wie der Botanik, dies alles erhält dann
    seine Fortsetzung und mündet in irgend einen der Fäden der viel-
    verzweigten Unterredung ein. Der Traum bekommt wieder den
    Charakter einer Rechtfertigung, eines Plaidovers für mein Recht,
    wie der erst analysirte Traum vom Irma’s Injection; ja er setzt
    das dort begonnene Thema fort und erörtert es an einem neuen
    Material, welches im Intervall zwischen beiden Träumen hinzu-
    gekommen ist. Selbst die scheinbar indifferente Ausdrucksform
    des Traumes bekommt einen Accent. Es heisst jetzt: Ich bin doch
    der Mann, der die werthvolle und erfolgreiche Abhandlung (über das
    Cocain) geschrieben hat, ähnlich wie ich damals zu meiner Recht-
    fertigung vorbrachte: Ich bin doch ein tüchtiger und fleissiger
    Student; in beiden Fällen also: Ich darf mir das erlauben. Ich
    kann aber auf die Ausführung der Traumdeutung hier verzichten,
    weil mich zur Mittheilung des Traumes nur die Absicht bewogen
    hat, an einem Beispiele die Beziehung des Trauminhaltes zu dem
    erregenden Erlebnis des Vortages zu untersuchen. So lange ich von
    diesem Traume nur den manifesten Inhalt kenne, wird mir nur eine
    Beziehung des Traumes zu einem Tageseindruck augenfällig; nach-
    dem ich die Analyse gemacht habe, ergibt sich eine zweite Quelle
    des Traumes in einem anderen Erlebnis desselben Tages. Der erste
    der Eindrücke, auf welche sich der Traum bezieht, ist ein gleich-
    giltiger, ein Nebenumstand. Ich sehe im Schaufenster ein Buch,
    dessen Titel mich flüchtig berührt, dessen Inhalt mich kaum
    interessiren dürfte. Das zweite Erlebnis hatte einen hohen psychischen
    Werth; ich habe mit meinem Freunde, dem Augenarzt, wohl eine
    Stunde lang eifrig gesprochen, ihm Andeutungen gemacht, die uns
    beiden nahe gehen mussten und Erinnerungen in mir wachgerufen,
    bei denen die mannigfaltigsten Erregungen meines Innern mir
    bemerklich wurden. Ueberdies wurde dieses Gespräch unvollendet
    abgebrochen, weil Bekannte hinzukamen. Wie stehen nun die
    beiden Eindrücke des Tages zu einander und zu dem in der Nacht
    erfolgenden Traum?

    Im Trauminhalte finde ich nur eine Anspielung auf den gleich-
    giltigen Eindruck und kann so bestätigen, dass der Traum mit Vor-
    liebe Nebensächliches aus dem Leben in seinen Inhalt aufnimmt. In
    der Traumdeutung hingegen führt alles auf das wichtige, mit Recht
    erregende Erlebnis hin. Wenn ich den Sinn des Traumes, wie es
    einzig richtig ist, nach dem latenten, durch die Analyse zu Tage ge-

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    förderten Inhalt beurtheile, so bin ich unversehens zu einer
    neuen und wichtigen Erkenntnis gelangt. Ich sehe das Räthsel zerfallen,
    dass der Traum sich nur mit den werthlosen Brocken des Tages-
    lebens beschäftigt; ich muss auch der Behauptung widersprechen,
    dass das Seelenleben des Wachens sich in den Traum nicht fortsetzt,
    und der Traum dafür psychische Thätigkeit an läppisches Material
    verschwendet. Das Gegentheil ist wahr; was uns bei Tage in An-
    spruch genommen hat, beherrscht auch die Traumgedanken, und
    wir geben uns die Mühe zu träumen nur bei solchen Materien,
    welche uns bei Tage Anlass zum Denken geboten hätten.

    Die naheliegende Erklärung dafür, dass ich doch vom gleich-
    giltigen Tageseindruck träume, während der mit Recht aufregende
    mich zum Traume veranlasst hat, ist wohl die, dass hier wieder
    ein Phänomen der Traumstellung vorliegt, welche wir oben auf
    eine als Censur waltende psychische Macht zurückgeführt haben.
    Die Erinnerung an die Monographie über die Gattung Cyclamen
    erfährt eine Verwerfung, als ob sie eine Anspielung auf das
    Gespräch mit dem Freunde wäre, ganz ähnlich wie im Traum von
    dem verhinderten Souper die Erfüllung der Freundin durch die
    Anspielung „geräucherter Lachs“ vertreten wird. Es fragt sich nur,
    durch welche Mittelglieder kann der Eindruck der Monographie zu
    dem Gespräche mit dem Augenarzt in das Verhältniss der Anspielung
    treten, da eine solche Beziehung zunächst nicht ersichtlich ist. In
    dem Beispiele vom verhinderten Souper ist die Beziehung von vorn-
    herein gegeben; „geräucherter Lachs“ als die Lieblingsspeise der
    Freundin gehört ohne weiteres zu dem Vorstellungskreise, den die
    Person der Freundin bei der Träumenden anzuregen vermag. In
    unserem neuen Beispiel handelt es sich um zwei gesonderte Ein-
    drücke, die zunächst nichts gemeinsam haben, als dass sie am näm-
    lichen Tage erfolgten. Die Monographie fällt mir am Vormittag auf,
    das Gespräch führe ich dann am Abend. Die Antwort, welche die
    Analyse an die Hand gibt, lautet: Solche erst nicht vorhandene Be-
    ziehungen zwischen den beiden Eindrücken werden nachträglich vom
    Vorstellungsinhalt des einen zum Vorstellungsinhalt des anderen an-
    gesponnen. Ich habe die betreffenden Mittelglieder bereits bei der
    Niederschrift der Analyse hervorgehoben. An die Vorstellung der
    Monographie über Cyclamen würde sich ohne Beeinflussung von
    anderswoher wohl nur die Idee knüpfen, dass diese die Lieblings-
    blume meiner Frau ist, etwa noch die Erinnerung an den vermissten
    Blumenstrauss der Frau L. Ich glaube nicht, dass diese Hinterge-
    danken genügt hätten, einen Traum hervorzurufen.

    „There needs no ghost, my lord, come from the grave
    To tell us this.“

    heisst es im Hamlet. Aber siehe da, in der Analyse werde ich daran
    erinnert, dass der Mann, der unser Gespräch störte, Gärtner hiess, dass
    ich seine Frau blühend fand; ja ich besinne mich eben jetzt nachträg-
    lich, dass eine meiner Patientinnen, die den schönen Namen Flora

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    trägt, eine Weile im Mittelpunkte unseres Gespräches stand. Es muss
    so zugegangen sein, dass sich über diese Mittelglieder aus dem bo-
    tanischen Vorstellungskreis die Verknüpfung der beiden Tages-
    erlebnisse, des gleichgiltigen und des aufregenden, vollzog. Dann
    stellten sich weitere Beziehungen ein, die des Cocains, welche mit
    Fug und Recht zwischen der Person des Dr. Königstein und einer
    botanischen Monographie, die ich geschrieben habe, vermitteln kann
    und befestigten diese Verschmelzung der beiden Vorstellungskreise
    zu einem, so dass nun ein Stück aus dem ersten Erlebnis als An-
    spielung auf das zweite verwendet werden konnte.

    Ich bin darauf gefasst, dass man diese Aufklärung als eine will-
    kürliche oder als eine gekünstelte anfechten wird. Was wäre ge-
    schehen, wenn Professor Gärtner mit seiner blühenden Frau nicht
    hinzugetreten wäre, wenn die besprochene Patientin nicht Flora,
    sondern Anna hiesse? Und doch ist die Antwort leicht. Wenn sich
    nicht diese Gedankenbeziehungen ergeben hätten, so wären wahr-
    scheinlich andere ausgewählt worden. Es ist so leicht, derartige Be-
    ziehungen herzustellen, wie ja die Scherz- und Räthselfragen, mit
    denen wir uns den Tag erheitern, zu beweisen vermögen. Der
    Machtbereich des Witzes ist ein uneingeschränkter. Um einen Schritt
    weiter zu gehen: wenn sich zwischen den beiden Eindrücken des
    Tages keine genug ausgiebigen Mittelbeziehungen hätten herstellen
    lassen, so wäre der Traum eben anders ausgefallen; ein anderer
    gleichgiltiger Eindruck des Tages, wie sie in Schaaren an uns
    herantreten und von uns vergessen werden, hätte für den Traum
    die Stelle der „Monographie“ übernommen, wäre in Verbindung mit
    dem Inhalt des Gespräches gelangt und hätte dieses im Traum-
    inhalt vertreten. Da kein anderer als der von der Monographie
    dieses Schicksal hatte, so wird er wohl den für die Verknüpfung
    passendste gewesen sein. Man braucht sich nie wie Hänschen Schla-
    lau bei Lessing darüber zu wundern, „dass nur die Reichen in der Welt
    das meiste Geld besitzen“.

    Der psychologische Vorgang, durch welchen nach unserer Dar-
    legung das gleichgiltige Erlebnis zur Stellvertretung für das psy-
    chisch werthvolle gelangt, muss uns noch bedenklich und be-
    fremdend erscheinen. In einem späteren Abschnitt werden wir uns
    vor der Aufgabe sehen, die Eigenthümlichkeiten dieser scheinbar
    incorrecten Operation unserem Verständniss näher zu bringen. Hier
    haben wir es nur mit dem Erfolge des Vorganges zu thun, zu dessen
    Annahme wir durch ungezählte und regelmässig wiederkehrende
    Erfahrungen bei der Traumanalyse gedrängt werden. Der Vorgang
    ist aber so, als ob eine Verschiebung – sagen wir: des psychischen
    Accentes – auf dem Wege jener Mittelglieder zu Stande käme, bis
    anfangs schwach mit Intensität geladene Vorstellungen durch Ueber-
    nahme der Ladung von den anfänglich intensiver besetzten zu einer
    Stärke gelangen, welche sie befähigt den Zugang zum Bewusstsein
     

  • S.

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    Der indifferente Eindruck ein Verschiebungsersatz des wichtigen.

    zu erzwingen. Solche Verschiebungen wundern uns keineswegs, wo
    es sich um die Anbringung von Affectgrößen oder überhaupt um
    motorische Actionen handelt. Dass die einsam gebliebene Jungfrau
    ihre Zärtlichkeit auf Thiere überträgt, der Junggeselle leidenschaft
    licher Sammler wird, dass der Soldat einen Streifen farbigen Zeuges,
    die Fahne, mit seinem Herzblute vertheidigt, dass im Liebesverhältnis
    ein um Secunden verlängerter Händedruck Seligkeit erzeugt, oder
    im Othello ein verlorenes Schnupftuch einen Wuthausbrauch, das
    sind sämmtlich Beispiele von psychischen Verschiebungen, die uns
    unanfechtbar erscheinen. Dass aber auf demselben Wege und nach
    denselben Grundsätzen eine Entscheidung darüber gefällt wird, was
    in unser Bewusstsein gelangt und was ihm vorenthalten bleibt, also
    was wir denken, das macht uns den Eindruck des Krankhaften, und
    wir heissen es Denkfehler, wo es im Wachleben vorkommt. Ver-
    rathen wir hier als das Ergebnis später anzustellender Betrachtungen,
    dass der psychische Vorgang, den wir in der Traumverschiebung
    erkannt haben, sich zwar nicht als ein krankhaft gestörter, wohl
    aber als ein vom normalen verschiedener, als ein Vorgang von mehr
    primärer Natur herausstellen wird.
    Wir deuten somit die Thatsache, dass der Trauminhalt Reste
    von nebensächlichen Erlebnissen aufnimmt, als eine Aeusserung der
    Traumentstellung (durch Verschiebung) und erinnern daran, dass
    wir in der Traumentstellung eine Folge der zwischen zwei psy-
    chischen Instanzen bestehenden Durchgangscensur erkannt haben.
    Wir erwarten dabei, dass die Traumanalyse uns regelmässig die
    wirklich psychisch bedeutsame Traumquelle aus dem Tagesleben
    aufdecken wird, deren Erinnerung ihren Accent auf die gleichgiltige
    Erinnerung verschoben hat. Durch diese Auffassung haben wir uns
    im vollen Gegensatze zu der Theorie von Robert5) gebracht, die für
    uns unverwendbar geworden ist. Die Thatsache, welche Robert er-
    klären wollte, besteht eben nicht; ihre Annahme beruht auf einem
    Missverständnis, auf der Unterlassung, für den scheinbaren Traum-
    inhalt den wirklichen Sinn des Traumes einzusetzen. Man kann noch
    weiterhin gegen die Lehre von Robert einwenden: Wenn der
    Traum wirklich die Aufgabe hätte, unser Gedächtnis durch besondere
    psychische Arbeit von den „Schlacken“ der Tageserinnerung zu be-
    freien, so müsste unser Schlafen gequälter sein und auf ange-
    strengtere Arbeit verwendet werden, als wir es von unserem wachen
    Geistesleben behaupten können. Denn die Anzahl der indifferenten
    Eindrücke des Tages, vor denen wir unser Gedächtnis zu schützen
    hätten, ist offenbar unermesslich gross; die Nacht würde nicht hin-
    reichen, die Summe zu bewältigen. Es ist sehr viel wahrscheinlicher,
    dass das Vergessen der gleichgiltigen Eindrücke ohne actives Ein-
    greifen unserer seelischen Mächte vor sich geht.
    Dennoch verspüren wir eine Warnung, von dem Robert’schen
    Gedanken ohne weitere Berücksichtigung Abschied zu nehmen. Wir

  • S.

    122

    haben die Thatsache unerklärt gelassen, dass einer der indifferenten
    Eindrücke des Tages – und zwar des letzten Tages – regelmässig
    einen Beitrag zum Trauminhalte liefert. Die Beziehungen zwischen
    diesem Eindruck und der eigentlichen Traumquelle im Unbewussten
    bestehen nicht immer von vornherein; wie wir gesehen haben,
    werden sie erst nachträglich, gleichsam zum Dienste der beabsich-
    tigten Verschiebung, während der Traumarbeit hergestellt. Es muss
    also eine Nöthigung vorhanden sein, Verbindungen gerade nach der
    Richtung des decenten, obwohl gleichgiltigen, Eindruckes anzubahnen;
    dieser muss eine besondere Eignung durch irgend eine Qualität dazu
    bieten. Sonst wäre es ja ebenso leicht durchführbar, dass die Traum-
    gedanken ihren Accent auf einen unwesentlichen Bestandtheil ihres
    eigenen Vorstellungskreises verschieben.

    Folgende Erfahrungen können uns hier auf den Weg zur Auf-
    klärung leiten. Wenn uns ein Tag zwei oder mehr Erlebnisse gebracht
    hat, welche Träume anzuregen würdig sind, so vereinigt der Traum
    die Erwähnung beider zu einem einzigen Ganzen; er gehorcht einem
    Zwang, eine Einheit aus ihnen zu gestalten; z. B.: Ich
    stieg eines Nachmittags im Sommer in ein Eisenbahncoupé ein, in
    welchem ich zwei Bekannte traf, die einander aber fremd waren.
    Der Eine war ein einflussreicher College, der Andere ein Angehöriger
    einer vornehmen Familie, in welcher ich ärztlich beschäftigt war.
    Ich machte die beiden Herren mit einander bekannt; ihr Verkehr
    ging aber die lange Fahrt über mich, so dass ich bald mit dem
    Einen, bald mit dem Anderen einen Gesprächsstoff zu behandeln hatte.
    Den Collegen bat ich, einem gemeinsamen Bekannten, der eben seine
    ärztliche Praxis begonnen hatte, seine Empfehlung zuzuwenden. Der
    College erwiderte, er sei von der Tüchtigkeit des jungen Mannes über-
    zeugt, aber sein unscheinbares Wesen werde ihm den Eingang in vor-
    nehme Häuser nicht leicht werden lassen. Ich erwiderte: Gerade
    darum bedarf er der Empfehlung. Bei dem andern Mitreisenden er-
    kundigte ich mich bald darauf nach dem Befinden seiner Tante, – der
    Mutter einer meiner Patientinnen – welche damals schwer krank dar-
    nieder lag. In der Nacht nach dieser Reise träumte ich, mein junger
    Freund, für den ich die Protection erbeten hatte, befinde sich in einem
    eleganten Salon und halte vor einer ausgewählten Gesellschaft, in
    die ich alle mir bekannten, vornehmen und reichen Leute versetzt
    hatte, mit weltmännischen Gesten eine Trauerrede auf die (für den
    Traum bereits verstorbene) alte Dame, welche die Tante des zweiten
    Reisegenossen war. [Ich gestehe offen, dass ich mit dieser Dame
    nicht in guten Beziehungen gestanden hatte.] Mein Traum hatte also
    wiederum Verknüpfungen zwischen beiden Eindrücken des Tages
    aufgefunden und mittelst derselben eine einheitliche Situation com-
    ponirt.

    Auf Grund vieler ähnlicher Erfahrungen muss ich den Satz
    aufstellen, dass für die Traumarbeit eine Art von Nöthigung besteht,

  • S.

    123

    „Rapprochement forcé“ der Traumreize.

    alle vorhandenen Traumreizquellen zu einer Einheit im Traume zu
    sammenzusetzen.*)

    Ich will jetzt die Frage in Erörterung ziehen, ob die traum-
    erregende Quelle, auf welche die Analyse hinführt, jedesmal ein re-
    centes (und bedeutsames) Ereignis sein muss, oder ob ein inneres
    Erlebnis, also die Erinnerung an ein psychisch werthvolles Ereignis,
    ein Gedankengang, die Rolle des Traumerregers übernehmen kann.
    Die Antwort, die sich aus zahlreichen Analysen auf das bestimmteste
    ergibt, lautet im letzteren Sinne. Der Traumerreger kann ein innerer
    Vorgang sein, der gleichsam durch die Denkarbeit am Tage recent
    geworden ist. Es wird jetzt wohl der richtige Moment sein, die
    verschiedenen Bedingungen, welche die Traumquellen erkennen lassen,
    in einem Schema zusammen zu stellen.

    Die Traumquelle kann sein:

    a) Ein recentes und psychisch bedeutsames Erlebnis, welches
    im Traume direct vertreten ist.**)

    b) Mehrere recente, bedeutsame Erlebnisse, die durch den Traum
    zu einer Einheit vereinigt werden.***)

    c) Ein oder mehrere recente und bedeutsame Erlebnisse, die
    im Trauminhalte durch die Erwähnung eines gleichzeitigen, aber
    indifferenten Erlebnisses vertreten werden.†)

    d) Ein inneres bedeutsames Erlebnis (Erinnerung: Gedanken-
    gang), welches dann im Traume regelmässig durch die Erwähnung
    eines recenten, aber indifferenten Eindruckes vertreten wird.††)

    Wie man sieht, wird für die Traumdeutung durchwegs die
    Bedingung festgehalten, dass ein Bestandtheil des Trauminhaltes einen
    recenten Eindruck des Vortages wiederholt. Dieser zur Vertretung
    im Traume bestimmte Antheil kann entweder dem Vorstellungskreis
    des eigentlichen Traumerregers selbst angehören – und zwar ent-
    weder als wesentlicher oder als unwichtiger Bestandtheil desselben –
    oder er rührt aus dem Bereiche eines indifferenten Eindruckes her,
    der durch mehr oder minder reichliche Verknüpfung mit dem
    Kreis des Traumerregers in Beziehung gebracht worden ist. Die
    scheinbare Mehrheit der Bedingungen kommt hier nur durch die
    Verschiebung der Alternative zu Stande, dass eine Verschiebung unterblieben
    oder vorgefallen ist, und wir merken hier, dass diese Al-
    ternative uns dieselbe Leichtigkeit bietet, die Contraste des Traumes


    *) Die Neigung der Traumarbeit, gleichzeitig als interessant Vorhandenes in
    einer Behandlung zu verschmelzen, ist bereits von mehreren Autoren bemerkt worden,
    z. B. von Delage15) (S. 41), Delboeuf16): rapprochement forcé (S. 236).

    **) Traum von Irma’s Injection; Traum vom Freund, der mein Onkel ist.

    ***) Traum von der Trauerrede des jungen Arztes.

    †) Traum von der botanischen Monographie.

    ††) Solcher Art sind die meisten Träume meiner Patienten während der Analyse.

  • S.

    124

    zu erklären, wie der medicinischen Theorie des Traumes die Reihe vom
    partiellen bis zum vollen Wachen der Gehirnzellen (vergleiche Seite 53).

    Man bemerkt an dieser Reihe ferner, dass das psychisch werth-
    volle, aber nicht recente Element (der Gedankengang, die Erinnerung)
    für die Zwecke der Traumbildung durch ein recentes, aber psychisch
    indifferentes Element ersetzt werden kann, wenn dabei nur die
    beiden Bedingungen eingehalten werden, dass 1. der Trauminhalt
    eine Anknüpfung an das recent Erlebte erhält; 2. der Traumerreger
    ein psychisch werthvoller Vorgang bleibt. In einem einzigen Falle
    (a) werden beide Bedingungen durch denselben Eindruck erfüllt.
    Zieht man noch in Erwägung, dass dieselben indifferenten Eindrücke,
    welche für den Traum verwerthet werden, solange sie recent sind,
    diese Eignung einbüssen, sobald sie einen Tag (oder höchstens
    mehrere) älter geworden sind, so muss man sich zur Annahme ent-
    schliessen, dass die Frische eines Eindruckes ihm an sich einen ge-
    wissen psychischen Werth für die Traumbildung verleiht, welcher der
    Werthigkeit affectbetonter Erinnerungen oder Gedankengänge irgend-
    wie gleichkommt. Wir werden erst bei späteren psychologischen
    Ueberlegungen errathen können, worin dieser Werth recenter Ein-
    drücke für die Traumbildung begründet sein kann.*)

    Nebenbei wird hier unsere Aufmerksamkeit darauf gelenkt, dass
    zur Nachtzeit und von unserem Bewusstsein unbemerkt wichtige Ver-
    änderungen mit unserem Erinnerungs- und Vorstellungsmaterial vor
    sich gehen können. Die Forderung, eine Nacht über eine An-
    gelegenheit zu schlafen, ehe man sich endgültig über sie entscheidet,
    ist offenbar vollberechtigt. Wir merken aber, dass wir an diesem
    Punkte aus der Psychologie des Träumens in die des Schlafes über-
    gegriffen haben, ein Schritt, zu welchem sich der Anlass noch öfter
    ergeben wird.

    Es gibt nun einen Einwand, welcher die letzten Schlussfolge-
    rungen umzustossen droht. Wenn indifferente Eindrücke nur, so lange
    sie recent sind, in den Trauminhalt gelangen können, wie kommt es,
    dass wir im Trauminhalt auch Elemente aus früheren Lebensperioden
    vorfinden, die zur Zeit, da sie recent waren – nach Strümpell’s
    Worten keinen psychischen Werth besassen, also längst vergessen
    sein sollten, Elemente also, die weder frisch noch psychisch be-
    deutsam sind?

    Dieser Einwand ist voll zu erledigen, wenn man sich auf die
    Ergebnisse der Psychoanalyse bei Neurotikern stützt. Die Lösung
    lautet nämlich, dass die Verschiebung, welche das psychisch wichtige
    Material durch indifferentes ersetzt (für das Träumen wie für das
    Denken), hier bereits in jenen frühen Lebensperioden stattgefunden
    hat und seither im Gedächtnis fixirt worden ist. Jene ursprünglich
    indifferenten Elemente sind eben nicht mehr indifferent, seitdem sie

    *)Vgl. im Abschnitt VII. über die „Uebertragung“.

  • S.

    125

    durch Verschiebung die Werthigkeit vom psychisch bedeutsamen
    Material übernommen haben. Was wirklich indifferent geblieben ist,
    kann auch nicht mehr im Traume reproducirt werden.
    Aus den vorstehenden Erörterungen wird man mit Recht schliessen,
    dass ich die Behauptung aufstelle, es gebe keine indifferenten Traum-
    erreger, also auch keine harmlosen Träume. Dies ist in aller Strenge und
    Ausschliesslichkeit meine Meinung, abgesehen von den Träumen der
    Kinder und etwa den kurzen Traumreactionen auf nächtliche Sen-
    sationen. Was man sonst träumt, ist entweder manifest als psy-
    chisch bedeutsam zu erkennen, oder es ist entstellt und dann
    erst nach vollzogener Traumdeutung zu beurtheilen, worauf es
    sich wiederum als bedeutsam zu erkennen gibt. Der Traum gibt sich
    nie mit Kleinigkeiten ab; um Geringes lassen wir uns im Schlaf
    nicht stören. Die scheinbar harmlosen Träume erweisen sich als arg,
    wenn man sich um ihre Deutung bemüht; wenn man mir die Redens-
    art gestattet, sie haben es „faustdick hinter den Ohren“. Da dies
    wiederum ein Punkt ist, bei dem ich Widerspruch erwarten darf,
    und da ich gerne die Gelegenheit ergreife, die Traumstellung bei
    ihrer Arbeit zu zeigen, will ich eine Reihe von „harmlosen“
    Träumen aus meiner Sammlung hier der Analyse unterziehen.

    I. Eine kluge und feine junge Dame, die aber auch im Leben zu
    den Reservirten, zu den „stillen Wassern“ gehört, erzählt: Ich habe
    geträumt, dass ich auf den Markt zu spät komme und
    beim Fleischhauer sowie bei der Gemüsefrau nichts be-
    komme. Gewiss ein harmloser Traum, aber so sieht ein Traum
    nicht aus; ich lasse ihn mir detaillirt erzählen. Dann lautet der
    Bericht folgendermassen: Sie geht auf den Markt mit ihrer
    Köchin, die den Korb trägt. Der Fleischhauer sagt
    ihr, nachdem sie etwas verlangt hat: Das ist nicht mehr
    zu haben, und will ihr etwas Anderes geben mit der Be-
    merkung: Das ist auch gut. Sie lehnt ab und geht zur
    Gemüsefrau. Die will ihr ein eigenthümliches Gemüse
    verkaufen, was in Bündeln zusammengebunden ist, aber
    schwarz von Farbe. Sie sagt: Das kenne ich nicht, das
    nehme ich nicht.

    Die Tagesanknüpfung des Traumes ist einfach genug. Sie war wirk-
    lich zu spät auf den Markt gegangen und hatte nichts mehr bekommen.
    Die Fleischbank war schon geschlossen, drängt sich einem als
    Beschreibung des Erlebnisses auf. Doch halt, ist das nicht eine recht
    gemeine Redensart, die – oder vielmehr deren Gegentheil – auf eine
    Nachlässigkeit in der Kleidung eines Mannes geht? Die Träumerin hat
    diese Worte übrigens nicht gebraucht, ist vielleicht ihnen ausgewichen;
    suchen wir nach der Deutung der im Traume enthaltenen Einzelheiten.

    Wo etwas im Traum den Charakter einer Rede hat, also gesagt
    oder gehört wird, nicht blos gedacht – was sich meist sicher unter-
    scheiden lässt – das stammt von Reden des wachen Lebens her,
     

  • S.

    126

    die freilich als Rohmaterial behandelt, zerstückelt, leise verändert,
    vor allem aber aus dem Zusammenhange gerissen worden sind.*) Man
    kann bei der Deutungsarbeit von solchen Reden ausgehen. Woher
    stammt also die Rede des Fleischhauers: Das ist nicht mehr zu
    haben? Von mir selbst; ich hatte ihr einige Tage vorher erklärt,
    „dass die ältesten Kindererlebnisse nicht mehr als solche zu haben
    sind, sondern durch „Uebertragungen“ und Träume in der Analyse
    ersetzt werden. Ich bin also der Fleischhauer, und sie lehnt diese
    Uebertragungen alter Denk- und Empfindungsweisen auf die Gegen-
    wart ab. – Woher rührt ihre Traumrede? Das kenne ich nicht,
    das nehme ich nicht? Diese ist für die Analyse zu zertheilen. „Das
    kenne ich nicht“ hat sie selbst Tags vorher zu ihrer Köchin ge-
    sagt, mit der sie einen Streit hatte, damals aber hinzugefügt: Be-
    nehmen Sie sich anständig. Hier wird eine Verschiebung greif-
    bar; von den beiden Sätzen, die sie gegen ihre Köchin gebraucht, hat
    sie den bedeutungslosen in den Traum genommen; der unterdrückte
    aber: „Benehmen Sie sich anständig!“ stimmt allein zum übrigen
    Trauminhalt. So könnte man jemandem zurufen, der unanständige Zu-
    muthungen wagt und vergisst, „die Fleischbank zuzuschliessen“. Dass
    wir der Deutung wirklich auf die Spur gekommen sind, beweist dann
    der Zusammenklang mit den Anspielungen, die in der Begebenheit
    mit der Gemüsehfrau niedergelegt sind. Ein Gemüse, das in Bündeln
    zusammengebunden verkauft wird (länglich ist, wie sie nachträglich
    hinzufügt), und dabei schwarz, was kann das anderes sein als die
    Traumvereinigung von Spargel und schwarzem Rettig? – Spargel
    brauche ich keinem und keiner Wissenden zu deuten, aber auch das
    andere Gemüse – als Zuruf: Schwarzer, rett’ Dich! – scheint
    mir auf das nämliche sexuelle Thema hinzuweisen, das wir gleich
    anfangs erriethen, als wir für die Traumerzählung einsetzen wollten:
    die Fleischbank war geschlossen. Es kommt nicht darauf an, den Sinn
    dieses Traumes vollständig zu erkennen; soviel steht fest, dass er
    sinnreich ist und keineswegs harmlos.**)
    II. Ein anderer harmloser Traum derselben Patientin, in gewisser
    Hinsicht ein Gegenstück zum vorigen: Ihr Mann fragt: Soll man
    das Clavier nicht stimmen lassen? Sie: Es lohnt nicht,
    es muss ohnedies neu beledert werden. Wiederum die
    Wiederholung eines realen Ereignisses vom Vortag. Ihr Mann hat so
    gefragt und sie so ähnlich geantwortet. Aber was bedeutet es, dass

    *)Vergleiche über die Reden im Traum im Abschnitte über die Traumarbeit.
    Ein einziger der Autoren scheint die Herkunft der Traumreden erkannt zu haben,
    Delboeuf10) (p. 226), indem er sie mit „clichés“ vergleicht.

    **)Für Wissbegierige bemerke ich, dass hinter dem Traume sich eine Phantasie
    verbirgt von unanständigem, sexuell provocirendem Benehmen meinerseits und von
    Abwehr von Seite der Dame. Wem diese Deutung unerhört erscheinen sollte, den
    mahne ich an die zahlreichen Fälle, wo Aerzte solche Anklagen von hysterischen
    Frauen erfahren haben, bei denen die nämliche Phantasie nicht entstellt und als
    Traum aufgetreten, sondern unverhüllt bewusst und wahnhaft geworden ist.

  • S.

    127

    sie es träumt? Sie erzählt zwar vom Clavier, es sei ein ekelhafter
    Kasten, der einen schlechten Ton gibt, ein Ding, das ihr Mann
    schon vor der Ehe besessen hat*) u. s. w., aber den Schlüssel zur
    Lösung ergibt doch erst die Rede: Es lohnt nicht. Diese stammt
    von einem gestern gemachten Besuch bei ihrer Freundin. Dort
    wurde sie aufgefordert ihre Jacke abzulegen und weigerte sich mit
    den Worten: Danke, es lohnt nicht, ich muss gleich gehen. Bei
    dieser Erzählung muss mir einfallen, dass sie gestern während der
    Analysenarbeit plötzlich an ihre Jacke griff, an der sich ein Knopf
    geöffnet hatte. Es ist also, als wollte sie sagen: Bitte, sehen Sie nicht
    hin, es lohnt nicht. So ergänzt sich der Kasten zum Brust-
    kasten, und die Deutung des Traumes führt direct in die Zeit
    ihrer körperlichen Entwickelung, da sie anfing, mit ihren Körper-
    formen unzufrieden zu sein. Es führt auch wohl in frühere Zeiten,
    wenn wir auf das „Ekelhaft“ und den „schlechten Ton“ Rück-
    sicht nehmen und uns daran erinnern, wie häufig die kleinen
    Hemisphären des weiblichen Körpers – als Gegensatz und als Ersatz
    – für die grossen eintreten, – in der Anspielung und im Traum.

    III. Ich unterbreche diese Reihe, indem ich einen kurzen harmlosen
    Traum eines jungen Mannes einschiebe. Er hat geträumt, dass er
    wieder seinen Winterrock anzieht, was schrecklich ist.
    Anlass dieses Traumes ist angeblich die plötzlich wieder eingetretene
    Kälte. Ein feineres Urtheil wird indess bemerken, dass die beiden
    kurzen Stücke des Traumes nicht gut zu einander passen, denn in
    der Kälte den schweren oder dicken Rock tragen, was könnte daran
    „schrecklich“ sein. Zum Schaden für die Harmlosigkeit dieses
    Traumes bringt auch der erste Einfall bei der Analyse die Erinnerung,
    dass eine Dame ihm gestern vertraulich gestanden, dass ihr letztes
    Kind einem geplatzten Condom seine Existenz verdankt. Er re-
    construirt nun seine Gedanken bei diesem Anlasse: Ein dünner
    Condom ist gefährlich, ein dicker schlecht. Der Condom ist der
    „Ueberzieher“ mit Recht, man zieht ihn ja über; so heisst man auch
    einen leichten Rock. Ein Ereignis wie das von der Dame berichtete
    wäre für den unverheirateten Mann allerdings „schrecklich“. – Nun
    wieder zurück zu unserer harmlosen Träumerin.

    IV. Sie steckt eine Kerze in den Leuchter; die Kerze
    ist aber gebrochen, so dass sie nicht gut steht. Die
    Mädchen in der Schule sagen, sie sei ungeschickt; das
    Fräulein aber, es sei nicht ihre Schuld.

    Ein realer Anlass auch hier; sie hat gestern wirklich eine Kerze
    in den Leuchter gesteckt; die war aber nicht gebrochen. Hier ist
    eine durchsichtige Symbolik verwendet worden. Die Kerze ist ein
    Gegenstand, der die weiblichen Genitalien reizt; wenn sie gebrochen
    wird.

    *)Eine Ersetzung durch das Gegentheil, wie uns nach der Deutung klar
    werden wird.

  • S.

    128

    ist, so dass sie nicht gut steht, so bedeutet dies die Impotenz des
    Mannes („es sei nicht ihre Schuld“). Ob nur die sorgfältig
    erzogene und allem Hässlichen fremd gebliebene junge Frau diese
    Verwendung der Kerze kennt? Zufällig kann sie noch angeben, durch
    welches Erlebnis sie zu dieser Kenntnis gekommen ist. Bei einer
    Kahnfahrt auf dem Rhein fährt ein Boot an ihnen vorüber, in dem
    Studenten sitzen, welche mit grossem Behagen ein Lied singen oder
    brüllen: „Wenn die Königin von Schweden, bei geschlossenen Fenster-
    läden mit Apolokerzen …“

    Das letzte Wort hört oder versteht sie nicht. Ihr Mann muss
    ihr die verlangte Aufklärung geben. Diese Verse sind dann im
    Trauminhalt ersetzt durch eine harmlose Erinnerung an einen Auftrag,
    den sie einmal im Pensionat ungeschicktausführte, und zwar vermöge
    des Gemeinsamen: geschlossene Fensterläden. Die Verbindung
    des Themas von der Onanie mit der Impotenz ist klar genug. „Apollo“
    im latenten Trauminhalt verknüpft diesen Traum mit einem früheren,
    in dem von der jungfräulichen Pallas die Rede war. Alles wahrlich
    nicht harmlos.

    V. Damit man sich die Schlüsse aus den Träumen auf die wirklichen
    Lebensverhältnisse der Träumer nicht zu leicht vorstelle, füge ich
    noch einen Traum an, der gleichfalls harmlos scheint und von der
    selben Person herrührt. Ich habe etwas geträumt, erzählt
    sie, was ich bei Tag wirklich gethan habe, nämlich
    einen kleinen Koffer so voll mit Büchern gefüllt, dass
    ich Mühe hatte ihn zu schliessen, und ich habe es so ge-
    träumt, wie es wirklich vorgefallen ist. Hier legt die Er-
    zählerin selbst das Hauptgewicht auf die Uebereinstimmung von
    Traum und Wirklichkeit. Alle solche Urtheile über den Traum, Be-
    merkungen zum Traum, gehören nun, obwohl sie sich einen Platz
    im wachen Denken geschaffen haben, doch regelmässig in den latenten
    Trauminhalt, wie uns noch spätere Beispiele bestätigen werden. Es
    wird uns also gesagt, das, was der Traum erzählt, ist am Tage vorher
    wirklich vorgefallen. Es wäre nun zu weitläufig mitzutheilen, auf
    welchem Wege man zum Einfalle kommt, bei der Deutung das
    Englische zur Hilfe zu nehmen. Genug, es handelt sich wieder um
    eine kleine box (vergleiche Seite 107 den Traum vom todten Kind
    in der Schachtel), die so angefüllt worden ist, dass nichts mehr
    hineinging. Wenigstens nichts Arges diesmal.

    In all diesen „harmlosen“ Träumen schlägt das sexuelle Moment
    als Motiv der Censur so sehr auffällig vor. Doch ist dies ein Thema
    von principieller Bedeutung, welches wir zur Seite stellen müssen.

    b) Das Infantile als Traumquelle.

    Als dritte unter den Eigenthümlichkeiten des Trauminhaltes
    haben wir mit allen Autoren (bis auf Robert) angeführt, dass im

  • S.

    129

    Traume Eindrücke aus den frühesten Lebensaltern erscheinen können,
    über welche das Gedächtnis im Wachen nicht zu verfügen scheint.
    Wie selten oder wie häufig sich dies ereignet, ist begreiflicher Weise
    schwer zu beurtheilen, weil die betreffenden Elemente des Traumes
    nach dem Erwachen nicht in ihrer Herkunft erkannt werden. Der
    Nachweis, dass es sich hier um Eindrücke der Kindheit handelt,
    muss also auf objectivem Wege erbracht werden, wozu sich die Be-
    dingungen nur in seltenen Fällen zusammenfinden können. Als be-
    sonders beweiskräftig wird von A. Maury18) die Geschichte eines
    Mannes erzählt, welcher eines Tages sich entschloss, nach zwanzig-
    jähriger Abwesenheit seinen Heimatsort aufzusuchen. In der Nacht
    vor der Abreise träumte er, er sei in einer ihm ganz unbekannten
    Ortschaft und begegne daselbst auf der Strasse einem unbekannten
    Herrn, mit dem er sich unterhalte. In seine Heimat zurückgekehrt,
    konnte er sich nun überzeugen, dass diese un-
    bekannte Ortschaft in
    nächster Nähe seiner Heimatstadt wirklich existire, und auch der un-
    bekannte Mann des Traumes stellte sich als ein dort lebender Freund
    seines verstorbenen Vaters heraus. Wohl ein zwingender Beweis dafür,
    dass er beide, Mann wie Ortschaft, in seiner Kindheit gesehen hatte.
    Der Traum ist übrigens als Ungeduldstraum zu deuten, wie der des
    Mädchens, welches das Billet für den Concertabend in der Tasche
    trägt (Seite 107); des Kindes, welchem der Vater den Ausflug nach dem
    Hameau versprochen hat u. dgl. Die Motive, welche dem Träumer
    gerade diesen Eindruck aus seiner Kindheit reproduciren, sind
    natürlich ohne Analyse nicht aufzudecken.

    Einer meiner Colloghörer, welcher sich rühmte, dass seine
    Träume nur sehr selten der Traumentstellung unterliegen, theilte mir
    mit, dass er vor einiger Zeit im Traume gesehen, sein ehemaliger
    Hofmeister befinde sich im Bette der Bonne, die bis zu
    seinem elften Jahre im Hause gewesen war. Die Oertlichkeit für diese
    Scene fiel ihm noch im Traume ein. Lebhaft interessirt theilte er
    den Traum seinem älteren Bruder mit, der ihm lachend die Wirklich-
    keit des Geträumten bestätigte. Er erinnere sich sehr gut daran,
    denn er sei damals sechs Jahre alt gewesen. Das Liebespaar pflegte
    ihn, den älteren Knaben, durch Bier betrunken zu machen, wenn
    die Umstände einem nächtlichen Verkehre günstig waren. Das
    kleinere, damals dreijährige Kind – unser Träumer –, das im
    Zimmer der Bonne schlief, wurde nicht als Störung betrachtet.

    Noch in einem anderen Falle lässt es sich mit Sicherheit ohne
    Beihilfe der Traumdeutung feststellen, dass der Traum Elemente aus
    der Kindheit enthält, wenn nämlich der Traum ein sogenannter
    perennirender ist, der, in der Kindheit zuerst geträumt, später
    immer wieder von Zeit zu Zeit während des Schlafes des Erwachse-
    nen auftritt. Zu den bekannten Beispielen dieser Art kann ich einige
    aus meiner Erfahrung hinzufügen, wenngleich ich an mir selbst einen
    solchen perennirenden Traum nicht kennen gelernt habe. Ein Arzt

    Freud, Traumdeutung.

  • S.

    130

    in den Dreissigern erzählte mir, dass in seinem Traumleben von den
    ersten Zeiten seiner Kindheit an bis zum heutigen Tage häufig ein
    gelber Löwe erscheint, über den er die genaueste Auskunft zu geben
    vermag. Dieser ihm aus Träumen bekannte Löwe fand sich nämlich
    eines Tages in natura als ein lange verschollener Gegenstand aus
    Porzellan vor, und der junge Mann hörte damals von seiner Mutter,
    dass dieses Object das begehrteste Spielzeug seiner frühen Kinder-
    zeit gewesen war, woran er sich selbst nicht mehr erinnern konnte.
    Eine meiner Patientinnen hatte vier- oder fünfmal im Laufe ihrer
    38 Jahre die nämliche ängstliche Scene geträumt, dass sie verfolgt
    werde, sich in ein Zimmer flüchte, die Thüre zumache, dann öffne,
    um den aussen steckenden Schlüssel abzuziehen, dass sie unter der
    Empfindung, wenn es ihr nicht gelinge, werde etwas Schreckliches
    geschehen, den Schlüssel erhasche, um von innen zuzuschliessen, und
    dass sie dann erleichtert aufathme. Ich weiss nicht anzugeben,
    in welches frühe Lebensalter diese kleine Scene, bei der sie
    natürlich nur Zuschauerin gewesen ist, verlegt werden muss.

    Wendet man sich nun von dem manifesten Trauminhalt zu den
    Traumgedanken, welche erst die Analyse aufdeckt, so kann man mit
    Erstaunen die Mitwirkung von Kindheitserlebnissen auch bei solchen
    Träumen constatiren, deren Inhalt keine derartige Vermuthung er-
    weckt hätte. Dem geehrten Collegen vom „gelben Löwen“ verdanke
    ich ein besonders liebenswürdiges und lehrreiches Beispiel eines
    solchen Traumes. Nach der Lectüre von Nansen’s Reisebericht
    über seine Polarexpedition träumte er, in einer Eiswüste galvanisire
    er den kühnen Forscher wegen einer Ischias, über welche dieser
    klage! Zur Analyse dieses Traumes fiel ihm eine Geschichte aus
    seiner Kindheit ein, ohne welche der Traum allerdings unverständlich
    bleibt. Als er ein drei- oder vierjähriges Kind war, hörte er eines
    Tages neugierig zu, wie die Erwachsenen von Entdeckungsreisen
    sprachen, und fragte dann den Papa, ob das eine schwere Krankheit
    sei. Er hatte offenbar Reisen mit „Reisen“ verwechselt, und
    der Spott seiner Geschwister sorgte dafür, dass ihm das beschämende
    Erlebnis nicht in Vergessenheit gerieth.

    Ein ganz ähnlicher Fall ist es, wenn ich in der Analyse
    des Traumes von der Monographie über die Gattung Cyclamen
    auf eine erhalten gebliebene Jugenderinnerung stosse, dass der Vater
    dem fünfjährigen Knaben ein mit farbigen Tafeln ausgestattetes
    Buch zur Zerstörung überlässt. Man wird etwa den Zweifel auf-
    werfen, ob diese Erinnerung wirklich an der Gestaltung des Traum-
    inhaltes Antheil genommen hat, ob nicht vielmehr die Arbeit der
    Analyse eine Beziehung erst nachträglich herstellt. Aber die Reich-
    haltigkeit und Verschlungenheit der Associationsverknüpfungen bürgt
    für die erstere Auffassung. (Cyclamen – Lieblingsblume – Lieb-
    lingsspeise – Artischocke; zerpflücken wie eine Artischocke, Blatt für
    Blatt (eine Wendung, die Einem anlässlich der Theilung des chine-
     

  • S.

    131

    Das infantile Moment zum Onkeltraum.

    sischen Reiches täglich an’s Ohr schlägt); – Herbarium – Bücher
    wurm, dessen Lieblingsspeise Bücher sind). Außerdem kann ich
    versichern, dass der letzte Sinn des Traumes, den ich hier nicht
    ausgeführt habe, zum Inhalt der Kinderscene in intimster Be-
    ziehung steht.

    Bei einer anderen Reihe von Träumen wird man durch die
    Analyse belehrt, dass der Wunsch selbst, der den Traum erregt hat,
    als dessen Erfüllung der Traum sich darstellt, aus dem Kinderleben
    stammt, so dass man zu seiner Ueberraschung im Traum das
    Kind mit seinen Impulsen weiterlebend findet.

    Ich setze an dieser Stelle die Deutung eines Traumes fort, aus
    dem wir bereits einmal neue Belehrung geschöpft haben, ich meine
    den Traum: Freund R. ist mein Onkel (Seite 95). Wir haben dessen
    Deutung soweit gefördert, dass uns das Wunschmotiv, zum Professor
    ernannt zu werden, greifbar entgegentrat, und wir erklärten uns die
    Zärtlichkeit des Traumes für Freund R. als eine Oppositions- und
    Trotzschöpfung gegen die Schmähung der beiden Collegen, die in den
    Traumgedanken enthalten war. Der Traum war mein eigener; ich
    darum dessen Analyse mit der Mittheilung fortsetzen, dass mein
    Gefühl durch die erreichte Lösung noch nicht befriedigt war. Ich
    wusste, dass mein Urtheil über die in den Traumgedanken miss-
    handelten Collegen im Wachen ganz anders gelautet hatte; die Macht
    des Wunsches, ihr Schicksal in Betreff der Ernennung nicht zu theilen,
    erschien mir zu gering, um den Gegensatz zwischen wacher und
    Traumschätzung voll aufzuklären. Wenn mein Bedürfnis, mit einem
    anderen Titel angeredet zu werden, so stark sein sollte, so beweist
    dies einen krankhaften Ehrgeiz, den ich nicht an mir kenne, den
    ich ferne von mir glaube. Ich weiss nicht, wie Andere, die mich
    zu kennen glauben, in diesem Punkt über mich urtheilen würden;
    vielleicht habe ich auch wirklich Ehrgeiz besessen; aber wenn, so
    hat er sich längst auf andere Objecte als auf Titel und Rang eines
    Professor extraordinarius geworfen.

    Woher dann also der Ehrgeiz, der mir den Traum eingegeben
    hat? Da fällt mir ein, was ich so oft in der Kindheit erzählen
    gehört habe, dass bei meiner Geburt eine alte Bäuerin der über den
    Erstgeborenen glücklichen Mutter prophezeit, dass sie der Welt einen
    grossen Mann geschenkt habe. Solche Prophezeiungen müssen sehr
    häufig vorfallen; es gibt so viel erwartungsfrohe Mütter und so viel
    alte Bäuerinnen oder andere alte Weiber, deren Macht auf Erden
    vergangen ist, und die sich darum der Zukunft zugewendet haben.
    Es wird auch nicht der Schade der Prophetin gewesen sein. Sollte
    meine Grössenssehnsucht aus dieser Quelle stammen? Aber da besinne
    ich mich eben eines anderen Eindruckes aus späteren Jugendjahren,
    der sich zur Erklärung noch besser eignen würde: Es war eines
    Abends in einem der Wirthshäuser im Prater, wohin die Eltern den

  • S.

    132

    eilf oder zwölfjährigen Knaben mitzunehmen pflegten, dass uns ein
    Mann auffiel, der von Tisch zu Tisch ging und für ein kleines
    Honorar Verse über ein ihm aufgegebenes Thema improvisirte. Ich
    wurde abgeschickt, den Dichter an unseren Tisch zu bestellen, und
    er erwies sich dem Boten dankbar. Ehe er nach seiner Aufgabe
    fragte, liess er einige Reime über mich fallen und erklärte es in
    seiner Inspiration für wahrscheinlich, dass ich noch einmal „Minister“
    werde. An den Eindruck dieser zweiten Prophezeiung kann ich mich
    noch sehr wohl erinnern. Es war die Zeit des Bürgerministeriums,
    der Vater hatte kurz vorher die Bilder der bürgerlichen Doctoren
    Herbst, Giskra, Unger, Berger u. A. nach Hause gebracht,
    und wir hatten diesen Herren zur Ehre illuminirt. Es waren sogar
    Juden unter ihnen; jeder fleissige Judenknabe trug also das Minister-
    portefeuille in seiner Schultasche. Es muss mit den Eindrücken jener
    Zeit sogar zusammenhängen, dass ich bis kurz vor der Inscription
    an der Universität willens war, Jura zu studiren, und erst im letzten
    Moment umsattelte. Dem Mediciner ist ja die Ministerlaufbahn über
    haupt verschlossen. Und nun mein Traum! Ich merke es erst jetzt,
    dass er mich aus der trüben Gegenwart in die hoffnungsfrohe Zeit
    des Bürgerministeriums zurückversetzt und meinen Wunsch von
    damals nach seinen Kräften erfüllt. Indem ich die beiden gelehrten
    und achtenswerthen Collegen, weil sie Juden sind, so schlecht be-
    handle, den einen, als ob er ein Schwachkopf, den anderen, als ob
    er ein Verbrecher wäre, indem ich so verfahre, benehme ich mich,
    als ob ich der Minister wäre, habe ich mich an die Stelle des Ministers
    gesetzt. Welch’ gründliche Rache an Seiner Excellenz! Er verweigert
    es, mich zum Professor extraordinarius zu ernennen, und ich setze
    mich dafür im Traum an seine Stelle.

    In einem anderen Falle konnte ich merken, dass der Wunsch,
    welcher den Traum erregt, obzwar ein gegenwärtiger, doch eine
    mächtige Verstärkung aus tiefreichenden Kindheitserinnerungen bezieht.
    Es handelt sich hier um eine Reihe von Träumen, denen die Sehn-
    sucht, nach Rom zu kommen, zu Grunde liegt. Ich werde diese
    Sehnsucht wohl noch lange Zeit durch Träume befriedigen müssen,
    denn um die Zeit des Jahres, welche mir für eine Reise zur Ver-
    fügung steht, ist der Aufenthalt in Rom aus Rücksichten der Gesund-
    heit zu meiden. So träume ich denn einmal, dass ich vom Coupé-
    fenster aus Tiber und Engelsbrücke sehe; dann setzt sich der Zug
    in Bewegung, und es fällt mir ein, dass ich die Stadt ja gar nicht
    betreten habe. Die Aussicht, die ich im Traume sah, war einem
    bekannten Stiche nachgebildet, den ich Tags zuvor im Salon eines
    Patienten flüchtig bemerkt hatte. Ein anderes führt mich jemand
    auf einen Hügel und zeigt mir Rom, vom Nebel halb verschleiert und
    noch so ferne, dass ich mich über die Deutlichkeit der Aussicht
    wundere. Der Inhalt dieses Traumes ist reicher, als ich hier aus-
    führen möchte. Das Motiv „das gelobte Land von ferne sehen“, ist

  • S.

    133

    darin leicht zu erkennen. Die Stadt, die ich zuerst im Nebel
    gesehen habe, ist Lübeck; der Hügel findet sein Vorbild in –
    Gleichenberg. In einem dritten Traum bin ich endlich in Rom,
    wie mir der Traum sagt. Ich sehe aber zu meiner Enttäuschung
    eine keineswegs städtische Scenerie, einen kleinen Fluß mit
    dunklem Wasser, auf der einen Seite desselben schwarze
    Felsen, auf der anderen Wiesen mit großen weißen
    Blumen. Ich bemerke einen Herrn Zucker (den ich
    oberflächlich kenne) und beschließe, ihn um den Weg
    in die Stadt zu fragen. Es ist offenbar, daß ich mich ver-
    gebens bemühe, eine Stadt im Traume zu sehen, die ich im Wachen
    nicht gesehen habe. Wenn ich das Landschaftsbild des Traumes in
    seine Elemente zersetze, so deuten die weißen Blumen auf das mir
    bekannte Ravenna, das wenigstens eine Zeitlang als Italiens
    Hauptstadt Rom den Vorrang abgenommen hatte. In den Sümpfen
    um Ravenna haben wir die schönsten Seerosen mitten im schwarzen
    Wasser gefunden; der Traum läßt sie auf Wiesen wachsen wie die
    Narcissen in unserem Aussee, weil es damals so mühselig war, sie
    aus dem Wasser zu holen. Der dunkle Fels, so nahe am Wasser,
    erinnert lebhaft an das Thal der Tepl bei Karlsbad. „Karlsbad“
    setzt mich nun in den Stand, mir den sonderbaren Zug zu erklären,
    daß ich Herrn Zucker um den Weg frage. Es sind hier in dem
    Material, aus dem der Traum gesponnen ist, zwei jener lustigen
    jüdischen Anekdoten zu erkennen, die soviel tiefsinnige, oft bittere,
    Lebensweisheit verbergen und die wir in Gesprächen und Briefen so
    gerne citiren. Die eine ist die Geschichte von der „Constitution“,
    des Inhalts, wie ein armer Jude ohne Fahrbillet den Einlaß in
    den Eilzug nach Karlsbad erschleicht, dann ertappt, bei jeder Revision
    vom Zug gewiesen und immer härter behandelt wird, und der dann
    einem Bekannten, welcher ihn auf einer seiner Leidensstationen antrifft,
    auf die Frage, wohin er reise, zur Antwort gibt: „Wenn's meine
    Constitution aushält – nach Karlsbad“. Nahe dabei ruht im Ge-
    dächtnis eine andere Geschichte von einem des Französischen unkundigen
    Juden, dem eingeschärft wird, in Paris nach dem Weg zur rue
    Richelieu zu fragen. Auch Paris war lange Jahre hindurch ein Ziel
    meiner Sehnsucht, und die Seligkeit, in welcher ich zuerst den Fuß
    auf das Pflaster von Paris setzte, nahm ich als Gewähr, daß
    ich auch die Erfüllung anderer Wünsche erreichen werde. Das Um-
    den-Weg-Fragen ist ferner eine directe Anspielung an Rom, denn
    nach Rom führen bekanntlich alle Wege. Uebrigens deutet der
    Name Zucker wiederum auf Karlsbad, wohin wir doch alle mit
    der constitutionellen Krankheit Diabetes Behafteten schicken. Der
    Anlaß dieses Traumes war der Vorschlag meines Berliner Freundes,
    uns zu Ostern in Prag zu treffen. Aus den Dingen, die ich mit ihm
    zu besprechen hatte, würde sich eine weitere Beziehung zu Zucker
    und Diabetes ergeben.

  • S.

    134

    Ein vierter Traum, kurz nach dem letzterwähnten, bringt mich
    wieder nach Rom. Ich sehe eine Strassenecke vor mir und wundere
    mich darüber, dass dort so viele deutsche Plakate angeschlagen
    sind. Tags vorher hatte ich meinem Freund in prophetischer Vor-
    aussicht geschrieben, Prag dürfte für deutsche Spaziergänger kein
    bequemer Aufenthaltsort sein. Der Traum drückte also gleichzeitig
    den Wunsch aus, ihn in Rom zu treffen anstatt in einer böhmischen
    Stadt, und das wahrscheinlich aus der Studentenzeit stammende
    Interesse daran, dass in Prag der deutschen Sprache mehr Duldung
    gewährt sein müsse. Die czechische Sprache muss ich übrigens
    in meinen ersten Kinderjahren verstanden haben, da ich
    in einem kleinen Orte Mährens mit slavischer Bevölkerung geboren
    bin. Ein czechischer Kindervers, den ich in meinem 17. Jahre
    gehört, hat sich meinem Gedächtnis mühelos so eingeprägt, dass ich
    ihn noch heute hersagen kann, obwohl ich keine Ahnung von seiner
    Bedeutung habe. Es fehlt also auch diesen Träumen nicht an
    mannigfaltigen Beziehungen zu den Eindrücken meiner ersten
    Lebensjahre.

    Auf meiner letzten Italienreise, die mich unter Anderem am
    Trasimenersee vorüberführte, fand ich endlich nachdem ich den
    Tiber gesehen und schmerzlich bewegt 80 Kilometer weit von Rom
    umgekehrt war, die Verstärkung auf, welche meine Sehnsucht nach
    der ewigen Stadt aus Jugendeindrücken bezieht. Ich erwog gerade
    den Plan, ein nächstes Jahr an Rom vorbei nach Neapel zu reisen,
    als mir ein Satz einfiel, den ich bei einem unserer classischen
    Schriftsteller gelesen haben muss: Es ist fraglich, wer eifriger in
    seiner Stube auf und ab lief, nachdem er den Plan gefasst, nach
    Rom zu gehen, der Conrector Winckelmann oder der Feldherr
    Hannibal. Ich war ja auf den Spuren Hannibal's gewandelt;
    es war mir so wenig wie ihm beschieden, Rom zu sehen, und auch
    er war nach Campanien gezogen, nachdem alle Welt in Rom ihn
    erwartet hatte. Hannibal, mit dem ich diese Aehnlichkeit erreicht
    hatte, war aber der Lieblingsheld meiner Gymnasialjahre gewesen;
    wie so viele in jenem Alter, hatte ich meine Sympathien während
    der punischen Kriege nicht den Römern, sondern dem Karthager
    zugewendet. Als dann im Obergymnasium das erste Verständnis
    für die Consequenzen der Abstammung aus landesfremder Race
    erwuchs, und die antisemitischen Regungen unter den Kameraden
    mahnten Stellung zu nehmen, da hob sich die Gestalt des semitischen
    Feldherrn noch höher in meinen Augen. Hannibal und Rom
    symbolisirten dem Jüngling den Gegensatz zwischen der Zähigkeit
    des Judenthums und der Organisation der katholischen Kirche.
    Die Bedeutung, welche die antisemitische Bewegung seither für unser
    Gemüthsleben gewonnen hat, verhalf dann den Gedanken und
    Empfindungen jener frühen Zeit zur Fixirung. So ist der Wunsch,
    nach Rom zu kommen, für das Traumleben zum Deckmantel und

  • S.

    135

    Symbol für mehrere andere heissersehnte Wünsche geworden, an
    deren Verwirklichung man mit der Ausdauer und Ausschliesslichkeit
    des Puniers arbeiten möchte, und deren Erfüllung zeitweilig vom
    Schicksal ebenso wenig begünstigt scheint wie der Lebenswunsch
    Hannibal’s, in Rom einzuziehen.

    Und nun stosse ich erst auf das Jugenderlebnis, das in all
    diesen Empfindungen und Träumen noch heute seine Macht äussert.
    Ich mochte zehn oder zwölf Jahre gewesen sein, als mein Vater
    begann, mich auf seine Spaziergänge mitzunehmen und mir in
    Gesprächen seine Ansichten über die Dinge dieser Welt zu eröffnen.

    So erzählte er mir einmal, um mir zu zeigen, in wie viel bessere
    Zeiten ich gekommen sei als er: Als ich ein junger Mensch war,
    bin ich in deinem Geburtsort am Samstag in der Strasse spazieren
    gegangen, schön gekleidet, mit einer neuen Pelzmütze auf dem Kopf.
    Da kommt ein Christ daher, haut mir mit einem Schlag die Mütze
    in den Koth und ruft dabei: Jud, herunter vom Trottoir! „Und was
    hast du gethan?“ Ich bin auf den Fahrweg gegangen und habe die
    Mütze aufgehoben, war die gelassene Antwort. Das schien mir nicht
    heldenhaft von dem grossen starken Mann, der mich Kleinen an der
    Hand führte. Ich stelle dieser Situation, die mich nicht befriedigte,
    eine andere gegenüber, die meinem Empfinden besser entsprach,
    die Scene, in welcher Hannibal’s Vater, Hasdrubal, seinen
    Knaben vor dem Hausaltar schwören lässt, an den Römern Rache
    zu nehmen. Seitdem hatte Hannibal einen Platz in meinen
    Phantasien.

    Ich meine, dass ich die Schwärmerei für den karthagischen
    General noch ein Stück weiter in meine Kindheit zurück verfolgen
    kann, so dass es sich auch hier nur um die Uebertragung einer bereits
    gebildeten Affectrelation auf einen neuen Träger handeln dürfte. Eines
    der ersten Bücher, das dem lesefähigen Kind in die Hände fiel, war
    Thiers’ Consulat und Kaiserreich; ich erinnere mich, dass
    ich meinen Holzsoldaten kleine Zettel mit den Namen der kaiserlichen
    Marschälle auf den flachen Rücken geklebt, und dass damals schon
    Masséna (als Jude: Menasse) mein erklärter Liebling war.
    Napoleon selbst schloss sich durch den Uebergang über die Alpen
    an Hannibal an. Und vielleicht liesse sich die Entwickelung
    dieses Kriegerideals noch weiter zurück in die Kindheit verfolgen
    bis auf Wünsche, die der bald freundschaftliche, bald kriegerische
    Verkehr während der ersten drei Jahre mit einem um ein Jahr
    älteren Knaben bei dem schwächeren der beiden Gespielen hervor-
    rufen musste.

    Je tiefer man sich in die Analyse der Träume einlässt, desto häufiger
    wird man auf die Spur von Kindheitserlebnissen geführt, welche im
    latenten Trauminhalt eine Rolle als Traumquellen spielen.

    Wir haben gehört (Seite 13), dass der Traum sehr selten Er-
    innerungen so reproducirt, dass sie unverkürzt und unverändert den

  • S.

    136

    alleinigen manifesten Trauminhalt bilden. Immerhin sind einige
    Beispiele für dieses Vorkommen sicher gestellt, zu denen ich einige
    neue hinzufügen kann, die sich wiederum auf Infantilszenen beziehen.
    Bei einem meiner Patienten brachte einmal ein Traum eine kaum
    entstellte Wiedergabe eines sexuellen Vorfalles, die sofort als getreue
    Erinnerung erkannt wurde. Die Erinnerung daran war im Wachen
    zwar nie völlig verloren gewesen, aber doch stark verdunkelt worden,
    und ihre Neubelebung war ein Erfolg der vorausgegangenen analytischen
    Arbeit. Der Träumer hatte mit zwölf Jahren einen bettlägerigen
    Collegen besucht, der sich wahrscheinlich nur zufällig bei einer
    Bewegung im Bett entblößte. Beim Anblick seiner Genitalien von
    einer Art Zwang ergriffen, entblößte er sich selbst und fasste das
    Glied des Anderen, der ihn aber unwillig und verwundert ansah, worauf
    er verlegen wurde und abliess. Diese Scene wiederholte ein Traum
    23 Jahre später auch mit allen Einzelheiten der in ihr vorkommen-
    den Empfindungen, veränderte sie aber dahin, dass der Träumer
    anstatt der activen die passive Rolle übernahm, während die Person
    des Schulcollegen durch eine der Gegenwart angehörige ersetzt wurde.
    In der Regel freilich ist die Infantilszene im manifesten Traum-
    inhalt nur durch eine Anspielung vertreten und muss durch Deutung
    aus dem Traum entwickelt werden. Die Mittheilung solcher Beispiele
    kann nicht sehr beweiskräftig ausfallen, weil ja für diese Kinder-
    erlebnisse meistens jede andere Gewähr fehlt; sie werden, wenn sie
    in ein frühes Alter fallen, von der Erinnerung nicht mehr anerkannt.
    Das Recht, überhaupt aus Träumen auf solche Kindererlebnisse zu
    schliessen, ergibt sich bei der psychoanalytischen Arbeit aus einer ganzen
    Reihe von Momenten, die in ihrem Zusammenwirken verlässlich genug
    erscheinen. Zum Zwecke der Traumdeutung aus ihrem Zusammen-
    hange gerissen, werden solche Zurückführungen von Träumen auf
    Kindererlebnisse vielleicht wenig Eindruck machen, besonders da ich
    nicht einmal alles Material mittheile, auf welches sich die Deutung
    stützt. Indes will ich mich von der Mittheilung darum nicht
    abhalten lassen.

    I. Bei einer meiner Patientinnen haben alle Träume den Charakter
    des „Gehetzten“; sie hetzt sich, um zurecht zu kommen, den Eisen-
    bahnzug nicht zu versäumen, u. dgl. In einem Traume soll sie ihre
    Freundin besuchen; die Mutter hat ihr gesagt, sie soll fahren, nicht gehen;
    sie läuft aber und fällt dabei in einem fort. – Das bei der
    Analyse auftauchende Material gestattet, die Erinnerung an Kinder-
    hetzereien zu erkennen (man weiss, was der Wiener „eine Hetz“
    nennt), und gibt speciell für den einen Traum die Zurückführung
    auf den bei Kindern beliebten Scherz, den Satz: „Die Kuh rannte
    bis sie fiel“ so rasch auszusprechen, als ob er ein einziges Wort
    wäre, was wiederum ein „Hetzen“ ist. Alle diese harmlosen Hetzereien
    unter kleinen Freundinnen werden erinnert, weil sie andere, minder
    harmlose, ersetzen.

  • S.

    137

    II. Von einer Anderen folgender Traum: Sie ist in einem
    grossen Zimmer, in dem allerlei Maschinen stehen,
    etwa so, wie sie sich eine orthopädische Anstalt vor
    stellt. Sie hört, dass ich keine Zeit habe, und dass
    sie die Behandlung gleichzeitig mit fünf anderen
    machen muss. Sie sträubt sich aber und will sich in
    das für sie bestimmte Bett – oder was es ist – nicht
    legen. Sie steht in einem Winkel und wartet, dass ich
    sage, es ist nicht wahr. Die Anderen lachen sie unter
    des aus, es sei Faxerei von ihr – Daneben, als ob sie
    viele kleine Quadrate machen würde.

    Der erste Theil dieses Trauminhaltes ist eine Anknüpfung an
    die Cur und Uebertragung auf mich. Der zweite enthält die
    Anspielung an die Kinderscene; mit der Erzählung des Bettes sind
    die beiden Stücke an einander gelöthet. Die orthopädische Anstalt
    geht auf eine meiner Reden zurück, in der ich die Behandlung ihrer
    Dauer wie ihrem Wesen nach mit einer orthopädischen verglichen
    hatte. Ich musste ihr zu Anfang der Behandlung mittheilen, dass ich
    vorläufig wenig Zeit für sie habe, ihr aber später eine ganze
    Stunde täglich widmen würde. Dies machte die alte Empfindlichkeit
    in ihr rege, die ein Hauptcharakterzug der zur Hysterie bestimmten
    Kinder ist. Sie sind unersättlich für Liebe. Meine Patientin war
    die jüngste von sechs Geschwistern (daher: mit fünf anderen) und
    als solche der Liebling des Vaters, scheint aber gefunden zu
    haben, dass der geliebte Vater ihr noch zu wenig Zeit und Aufmerk-
    samkeit widme. – Dass sie wartet, bis ich sage, es ist nicht wahr,
    hat folgende Ableitung: Ein kleiner Schneiderjunge hatte ihr ein
    Kleid gebracht, und sie ihm dafür das Geld mitgegeben. Dann fragte
    sie ihren Mann, ob sie das Geld nochmals bezahlen müsse, wenn er
    es verliere. Der Mann, um sie zu necken, versicherte: ja (die
    Neckerei im Trauminhalt), und sie fragte immer wieder von
    Neuem und wartete darauf, dass er endlich sage, es ist
    nicht wahr. Nun lässt sich für den latenten Trauminhalt der
    Gedanke construiren, ob sie mir wohl das Doppelte bezahlen müsse,
    wenn ich ihr die doppelte Zeit widme, ein Gedanke, der geizig
    oder schmutzig ist. (Die Unreinlichkeit der Kinderzeit wird sehr
    häufig vom Traum durch Geldgeiz ersetzt; das Wort „schmutzig“
    bildet dabei die Brücke.) Wenn all das vom Warten, bis ich sage
    u. s. w., das Wort „schmutzig“ im Traum umschreiben soll, so stimmt
    das Im-Winkel-Stehen und das Sich-nicht-in’s-Bett-Legen
    dazu als Bestandtheil einer Kinderscene, in der sie das Bett schmutzig
    gemacht hatte, zur Strafe in den Winkel gestellt wird unter der
    Androhung, dass sie der Papa nicht mehr lieb haben werde, die
    Geschwister sie auslachen u. s. w. Die kleinen Quadrate zielen auf
    ihre kleine Nichte, die ihr die Rechenkunst gezeigt, wie man in
    neun Quadrate, glaube ich, Zahlen so einschreibt, dass sie, nach allen
    Richtungen addirt, 15 ergeben.

  • S.

    138

    III. Der Traum eines Mannes: Er sieht zwei Knaben, die
    sich balgen, und zwar Fassbinderknaben, wie er aus
    den herumliegenden Gerätschaften schliesst; einer
    der Knaben hat den anderen niedergeworfen, der
    liegende Knabe hat Ohrringe mit blauen Steinen. Er
    eilt dem Missethäter mit erhobenem Stock nach, um
    ihn zu züchtigen. Dieser flüchtet zu einer Frau, die
    bei einem Bretterzaun steht, als ob sie seine Mutter
    wäre. Es ist eine Taglöhnersfrau, die dem Träumer
    den Rücken zuwendet. Endlich kehrt sie sich um und
    schaut ihn mit einem grässlichen Blick an, so dass er
    erschreckt davonläuft. An ihren Augen sieht man vom
    unteren Lid das rothe Fleisch vorstehen.

    Der Traum hat triviale Begebenheiten des Vortages reichlich ver-
    werthet. Er hat gestern wirklich zwei Knaben auf der Strasse gesehen,
    von denen einer den anderen hinwarf. Als er hinzu eilte, um zu schlichten,
    ergriffen sie beide die Flucht. – Fassbinderknaben: wird erst durch
    einen nachfolgenden Traum erklärt, in dessen Analyse er die
    Redensart gebraucht: Dem Fass den Boden ausschlagen. –
    Ohrringe mit blauen Steinen tragen nach seiner Beobachtung meist die
    Prostituirten. So fügt sich ein bekannter Klapphornvers von zwei
    Knaben an: Der andere Knabe, der hiess Marie (d. h.: war ein
    Mädchen). Die stehende Frau: Nach der Scene mit den beiden
    Knaben ging er am Donauufer spaziren und benutzte die Einsamkeit
    dort, um gegen einen Bretterzaun zu uriniren. Auf dem weiteren
    Weg lächelte ihn eine anständig gekleidete ältere Dame sehr freund-
    lich an und wollte ihm ihre Adresskarte überreichen.

    Da die Frau im Traume so steht wie er beim Uriniren, so
    handelt es sich um ein urinirendes Weib, und dazu gehört dann
    der grässliche „Anblick“, das Vorstehen des rothen Fleisches,
    was sich nur auf die beim Kauern klaffenden Genitalien beziehen
    kann, die in der Kinderzeit gesehen, in der späteren Erinnerung
    als „wildes Fleisch“, als „Wunde“ wieder auftreten. Der Traum
    vereinigt zwei Anlässe, bei denen der kleine Knabe die Genitalien
    kleiner Mädchen sehen konnte, beim Hinwerfen und bei deren
    Uriniren, und wie aus dem anderen Zusammenhange hervorgeht, be-
    wahrt er die Erinnerung an eine Züchtigung oder Drohung des Vaters
    wegen der von dem Buben bei diesen Anlässen bewiesenen sexuellen
    Neugierde.

    IV. Eine ganze Summe von Kindererinnerungen, zu einer Phantasie
    nothdürftig vereinigt, findet sich hinter folgendem Traum einer
    älteren Dame.

    Sie geht in Hetze aus, Commissionen zu machen.
    Auf dem Graben sinkt sie dann, wie zusammen-
    gebrochen, in die Kniee. Viele Leute sammeln sich
    um sie, besonders die Fiakerkutscher; aber niemand

  • S.

    139

    hilft ihr auf. Sie macht viele vergebliche Versuche;
    endlich muss es gelungen sein, denn man setzt sie in
    einen Fiaker, der sie nach Hause bringen soll; durch’s
    Fenster wirft man ihr einen grossen schwer gefüllten
    Korb nach (ähnlich einem Einkaufskorb).
    Es ist dieselbe, die in ihren Träumen immer gehetzt wird,
    wie sie als Kind gehetzt hat. Die erste Situation des Traumes ist
    offenbar von dem Anblick eines gestürzten Pferdes hergenommen,
    wie auch das „Zusammenbrechen“ auf Wettrennen deutet. Sie war
    in jungen Jahren Reiterin, in noch jüngeren wahrscheinlich auch
    Pferd. Zu dem Hinstürzen gehört die erste Kindheitserinnerung an
    den 17jährigen Sohn des Portiers, der, auf der Strasse von epilep-
    tischen Krämpfen befallen, im Wagen nach Hause gebracht wurde.
    Davon hat sie natürlich nur gehört, aber die Vorstellung von
    epileptischen Krämpfen, vom „Hinfallenden“ hat grosse Macht über
    ihre Phantasie gewonnen und später ihre eigenen hysterischen
    Anfälle in ihrer Form beeinflusst. – Wenn eine Frauenperson
    vom Fallen träumt, so hat das wohl regelmässig einen sexuellen
    Sinn, sie wird eine „Gefallene“; für unsern Traum wird diese
    Deutung am wenigsten zweifelhaft sein, denn sie fällt auf dem
    Graben, jenem Platze von Wien, der als Corso der Prostitution
    bekannt ist. Der Einkaufskorb gibt mehr als eine Deutung; als
    Korb erinnert er an die vielen Körbe, die sie zuerst ihren Freiern
    ausgetheilt, und später, wie sie meint, sich auch selbst geholt hat.
    Dazu gehört dann auch, dass ihr niemand aufhelfen will, was sie
    selbst als Verschmähtwerden auslegt. Ferner erinnert der Einkaufs-
    korb an Phantasien, die der Analyse bereits bekannt geworden sind,
    in denen sie tief unter ihrem Stande geheiratet hat und nun selbst zu
    Markte einkaufen geht. Endlich aber könnte der Einkaufskorb als
    Zeichen einer dienenden Person gedeutet werden. Dazu kommen
    nun weitere Kindheitserinnerungen an eine Köchin, die weggeschickt
    wurde, weil sie stahl; die ist auch so in die Kniee gesunken
    und hat gefleht. Sie war damals zwölf Jahre alt. Dann an ein
    Stubenmädchen, das weggeschickt wurde, weil es sich mit dem
    Kutscher des Hauses abgab, der sie übrigens später heiratete.
    Diese Erinnerung ergibt uns also eine Quelle für die Kutscher im
    Traum (die sich im Gegensatz zur Wirklichkeit der Gefallenen nicht
    annehmen). Es bleibt aber noch das Nachwerfen des Korbes, und
    zwar durch’s Fenster, zu erklären. Das mahnt sie an das Expediren
    des Gepäcks auf der Eisenbahn, an das „Fensterln“ auf dem Lande,
    an kleine Eindrücke von dem Landaufenthalte, wie ein Herr einer
    Dame blaue Pflaumen durch’s Fenster in ihr Zimmer wirft, wie
    ihre kleine Schwester sich gefürchtet, weil ein vorübergehender
    Trottel durch’s Fenster in’s Zimmer sah. Und nun taucht dahinter
    eine dunkle Erinnerung aus dem zehnten Lebensjahre auf, von einer
    Bonne, die auf dem Lande Liebesscenen mit einem Diener des

  • S.

    140

    Hauses aufführte, von denen das Kind doch etwas gemerkt haben
    konnte, und die mitsammt ihrem Liebhaber „expedirt“, „hinaus--
    geworfen“ wurde (im Traum der Gegensatz: „hineingeworfen“),
    eine Geschichte, der wir uns auch von mehreren anderen Wegen her
    genähert hatten. Das Gepäck, der Koffer einer dienenden Person
    wird aber in Wien geringschätzig als die „sieben Zwetschken“
    bezeichnet. „Pack“ deine sieben Zwetschken zusammen und geh’.“
    An solchen Träumen von Patienten, deren Analyse zu
    dunkel oder gar nicht mehr erinnerten Kindereindrücken, oft aus
    den ersten drei Lebensjahren, führt, hat meine Sammlung natürlich
    überreichen Vorrath. Es ist aber misslich, Schlüsse aus ihnen zu
    ziehen, die für den Traum im Allgemeinen gelten sollen; es handelt
    sich ja regelmässig um neurotische, speciell hysterische Personen;
    und die Rolle, welche den Kinderscenen in diesen Träumen zufällt,
    könnte durch die Natur der Neurose und nicht durch das Wesen
    des Traumes bedingt sein. Indes begegnet es mir bei der Deutung
    meiner eigenen Träume, die ich doch nicht wegen grober Leidens-
    symptome unternehme, ebenso oft, dass ich im latenten Traum--
    inhalt unvermuthet auf eine Infantilscene stosse, und dass mir eine
    ganze Serie von Träumen mit einemmal in die von einem
    Kindererlebnis ausgehenden Bahnen einmündet. Beispiele hiefür
    habe ich schon erbracht und werde ich noch bei verschiedenen
    Anlässen weitere erbringen. Vielleicht kann ich den ganzen
    Abschnitt nicht besser beschliessen, als durch Mittheilung einiger
    eigenen Träume, in denen recente Anlässe und langvergessene
    Kindererlebnisse mitsammen als Traumquellen auftreten.

    I. Nachdem ich gereist, müde und hungrig das Bett aufgesucht
    habe, melden sich im Schlafe die grossen Bedürfnisse des Lebens
    und ich träume: Ich gehe in eine Küche, um mir Mehl-
    speise geben zu lassen. Dort stehen drei Frauen, von
    denen eine die Wirthin ist und etwas in der Hand dreht,
    als ob sie Knödel machen würde. Sie antwortet, dass
    ich warten soll, bis sie fertig ist (nicht deutlich als
    Rede). Ich werde ungeduldig und gehe beleidigt weg.
    Ich ziehe einen Ueberrock an; der erste, den ich ver-
    suche, ist mir aber zu lang. Ich ziehe ihn wieder aus,
    etwas überrascht, dass er Pelzbesatz hat. Ein zweiter,
    den ich anziehe, hat einen langen Streifen mit türki--
    scher Zeichnung eingesetzt. Ein Fremder mit langem
    Gesicht und kurzem Spitzbart kommt hinzu und hindert
    mich am Anziehen, indem er ihn für den seinen erklärt.
    Ich zeige ihm nun, dass er über und über türkisch ge--
    stickt ist. Er fragt: Was gehen Sie die türkischen
    (Zeichnungen, Streifen …) an? Wir sind aber dann
    ganz freundlich mit einander.

    In der Analyse dieses Traumes fällt mir ganz unerwartet der
    erste Roman ein, den ich, vielleicht 13jährig, gelesen, d. h. mit dem

  • S.

    141

    Ende des ersten Bandes begonnen habe. Den Namen des Romans
    und seines Autors habe ich nie gewusst, aber der Schluss ist mir
    nun in lebhafter Erinnerung. Der Held verfällt in Wahnsinn und
    ruft beständig die drei Frauennamen, die ihm im Leben das grösste
    Glück und das Unheil bedeutet haben. Pélagie ist einer dieser
    Namen. Noch weiss ich nicht, was ich mit diesem Einfall in der
    Analyse beginnen werde. Da tauchen zu den drei Frauen die drei
    Parzen auf, die das Geschick des Menschen spinnen, und ich weiss,
    dass eine der drei Frauen, die Wirthin im Traum, die Mutter ist,
    die das Leben gibt, mitunter auch, wie bei mir, dem Lebenden
    die erste Nahrung. An der Frauenbrust treffen sich Liebe und
    Hunger. Ein junger Mann, erzählt die Anekdote, der ein grosser
    Verehrer der Frauenschönheit wurde, äusserte einmal, als die Rede
    auf die schöne Amme kam, die ihn als Säugling genährt: es thue
    ihm leid, die gute Gelegenheit damals nicht besser ausgenützt zu
    haben. Ich pflege mich der Anekdote zur Erläuterung für das
    Moment der Nachträglichkeit in dem Mechanismus der Psycho-
    neurosen zu bedienen. – Die eine der Parzen also reibt die Hand-
    flächen an einander, als ob sie Knödel machen würde. Eine
    sonderbare Beschäftigung für eine Parze, welche dringend der Auf-
    klärung bedarf! Diese kommt nun aus einer anderen und früheren
    Kindererinnerung. Als ich sechs Jahre alt war und den ersten
    Unterricht bei meiner Mutter genoss, sollte ich glauben, dass wir
    aus Erde gemacht sind und darum zur Erde zurückkehren müssen.
    Es behagte mir aber nicht, und ich zweifelte die Lehre an. Da rieb
    die Mutter die Handflächen an einander – ganz ähnlich wie beim
    Knödelmachen, nur dass sich kein Teig zwischen ihnen befindet –
    und zeigte mir die schwärzlichen Epidermisschuppen, die sich dabei
    abreiben, als eine Probe der Erde, aus der wir gemacht sind, vor.
    Mein Erstaunen über diese Demonstration ad oculos war grenzenlos
    und ich ergab mich in das, was ich später in den Worten ausgedrückt
    hören sollte: „Du bist der Natur einen Tod schuldig.“*) So sind es
    also wirklich Parzen, zu denen ich in die Küche gehe, wie so oft
    in den Kinderjahren, wenn ich hungerig war, und die Mutter beim
    Herd mich mahnte zu warten, bis das Mittagessen fertig sei. Und
    nun die Knödel! Wenigstens einer meiner Universitätslehrer, aber
    gerade der, dem ich meine histologischen Kenntnisse (Epidermis)
    verdanke, wird sich bei dem Namen Knödl an eine Person erinnern,
    die er belangen musste, weil sie ein Plagiat an seinen Schriften
    begangen hatte. Ein Plagiat begehen, sich aneignen, was man
    bekommen kann, auch wenn es einem Andern gehört, leitet offenbar
    zum zweiten Theil des Traumes, in dem ich wie der Ueberrockdieb
    behandelt werde, der eine Zeitlang in den Hörsälen sein Wesen trieb.

    *)Beide zu diesen Kinderscenen gehörigen Affecte, das Erstaunen und die
    Ergebung in’s Unvermeidliche, fanden sich in einem Traum kurz vorher, der mir
    zuerst die Erinnerung an dieses Kindererlebnis wiederbrachte.

  • S.

    142

    Ich habe den Ausdruck Plagiat niedergeschrieben, absichtslos,
    weil er sich mir darbot, und nun merke ich, dass er dem latenten
    Trauminhalte angehören muss, weil er als Brücke zwischen verschie-
    denen Stücken des manifesten Trauminhaltes dienen kann. Die
    Associationskette – Pélagie – Plagiat – Plagiostomen*)
    (Haifische) – Fischblase verbindet den alten Roman mit der
    Affaire Knödl und mit den Ueberziehern, die ja offenbar ein Geräth
    der sexuellen Technik bedeuten. [Vgl. Maury’s Traum von
    Kilo – Lotto, Seite 41.] Eine höchst gezwungene und unsinnige

    Verbindung zwar, aber doch keine, die ich im Wachen herstellen
    könnte, wenn sie nicht schon durch die Traumarbeit hergestellt
    wäre. Ja, als ob dem Drang, Verbindungen zu erzwingen, gar nichts
    heilig wäre, dient nun der theure Name Brücke (Wortbrücke s. o.)
    dazu, mich an dasselbe Institut zu erinnern, in dem ich meine
    glücklichsten Stunden als Schüler verbracht, sonst ganz bedürfnislos
    [„So wird’s Euch an der Weisheit Brüsten mit jedem Tage mehr
    gelüsten“], im vollen Gegensatz zu den Begierden, die mich, während
    ich träume, plagen. Und endlich taucht die Erinnerung an einen
    anderen theuren Lehrer auf, dessen Name wiederum an etwas
    Essbares anklingt (Fleischl, wie Knödl) und an eine traurige
    Scene, in der Epidermisschuppen eine Rolle spielen (die Mutter –
    Wirthin) und Geistesstörung (der Roman) und ein Mittel aus der
    lateinischen Küche, das den Hunger benimmt, das Cocain.

    So könnte ich den verschlungenen Gedankenwegen weiter
    folgen und das in der Analyse fehlende Stück des Traumes voll
    aufklären, aber ich muss es unterlassen, weil die persönlichen Opfer,
    die es erfordern würde, zu gross sind. Ich greife nur einen der
    Fäden auf, der direct zu einem der dem Gewirre zu Grunde
    liegenden Traumgedanken führen kann. Der Fremde mit langem
    Gesicht und Spitzbart, der mich am Anziehen hindern will, trägt die
    Züge eines Kaufmanns in Spalato, bei dem meine Frau reichlich
    türkische Stoffe eingekauft hat. Er hiess Popović, ein verdächtiger
    Name, der auch dem Humoristen Stettenheim zu einer andeutungs-
    vollen Bemerkung Anlass gegeben hat. („Er nannte mir seinen
    Namen und drückte mir erröthend die Hand.“) Uebrigens derselbe
    Missbrauch mit Namen wie oben mit Pélagie, Knödl, Brücke,
    Fleischl. Dass solche Namenspielerei Kinderunart ist, darf man
    ohne Widerspruch behaupten; wenn ich mich in ihr ergehe, ist es
    aber ein Act der Vergeltung, denn mein eigener Name ist unzählige
    Male solchen schwachsinnigen Witzeleien zum Opfer gefallen.

    Goethe bemerkte einmal, wie empfindlich man für seinen Namen
    ist, mit dem man sich verwachsen fühlt wie mit seiner Haut, als
    Herder auf seinen Namen dichtete:

    „Der Du von Göttern abstammst, von Gothen oder vom Kothe“ –


    *)Die Plagiostomen ergänze ich nicht willkürlich; sie mahnen mich an
    eine ärgerliche Gelegenheit von Blamage vor demselben Lehrer.

  • S.

    143

    „So seid ihr Götterbilder auch zu Staub.“
    Ich merke, dass die Abschweifung über den Missbrauch von
    Namen nur diese Klage vorbereiten sollte. Aber brechen wir
    hier ab. – Der Einkauf in Spalato mahnt mich an einen anderen
    Einkauf in Cattaro, bei dem ich allzu zurückhaltend war und die
    Gelegenheit zu schönen Erwerbungen versäumte. (Die Gelegenheit
    bei der Amme versäumt, s. o.) Einer der Traumgedanken, die
    dem Träumer der Hunger eingibt, lautet nämlich: Man soll sich
    nichts entgehen lassen, nehmen, was man haben kann,
    auch wenn ein kleines Unrecht dabei mitläuft; man soll
    keine Gelegenheit versäumen, das Leben ist so kurz,
    der Tod unvermeidlich. Weil es auch sexuell gemeint ist
    und weil die Begierde vor dem Unrecht nicht Halt machen will,
    hat dieses „carpe diem“ die Censur zu fürchten und muss sich hinter
    einem Traum verbergen. Dazu kommen nun alle Gegengedanken zu
    Wort, die Erinnerung an die Zeit, da die geistige Nahrung
    dem Träumer allein genügte, alle Abhaltungen und selbst die Dro-
    hungen mit den ekelhaften sexuellen Strafen.

    II. Ein zweiter Traum erfordert einen längeren Vorbericht:

    Ich bin auf den Westbahnhof gefahren, um meine Ferienreise
    nach Aussee anzutreten, gehe aber schon zum früher abgehenden
    Ischler Zug auf den Perron. Dort sehe ich nun den Grafen Thun
    dastehen, der wiederum zum Kaiser nach Ichl fährt. Er war trotz
    des Regens im offenen Wagen angekommen, direct durch die
    Eingangsthür für Localzüge hinausgetreten und hatte den Thürhüter,
    der ihn nicht kannte und ihm das Billet abnehmen wollte, mit einer
    kurzen Handbewegung ohne Erklärung von sich gewiesen. Ich soll
    dann, nachdem er im Ischler Zuge abgefahren ist, den Perron wieder
    verlassen und in den heissen Wartesaal zurückgehen, setze es aber
    mühselig durch, dass ich bleiben darf. Ich vertreibe mir die Zeit,
    aufzupassen, wer da kommen wird, um sich auf dem Protections-
    wege ein Coupé anweisen zu lassen; nehme mir vor, dann Lärm zu
    schlagen, d. h. gleiches Recht zu verlangen. Unterdes singe ich mir
    etwas vor, was ich dann als die Arie aus Figaro’s Hochzeit erkenne:

    „Will der Herr Graf ein Tänzelein wagen,
    Tänzelein wagen,

    Soll er’s nur sagen,
    Ich spiel’ ihm eins auf.“

    (Ein Anderer hätte den Gesang vielleicht nicht erkannt.)

    Ich war den ganzen Abend in übermüthiger, streitlustiger
    Stimmung gewesen, hatte Kellner und Kutscher gefrozzelt, hoffentlich
    ohne ihnen wehe zu thun; nun gehen mir allerlei freche und revo-
    lutionäre Gedanken durch den Kopf, wie sie zu den Worten Figaro’s
    passen und zur Erinnerung an die Comödie von Beaumarchais,

  • S.

    144

    die ich in der Comédie française aufführen gesehen. Das Wort
    von den grossen Herren, die sich die Mühe gegeben haben, geboren
    zu werden; das Herrenrecht, das der Graf Almaviva bei Susanne zur
    Geltung bringen will; die Scherze, die unsere bösen oppositionellen
    Tagschreiber mit dem Namen des Grafen Thun anstellen, indem
    sie ihn Graf Nichtsthun nennen. Ich beneide ihn wirklich nicht;
    er hat jetzt einen schweren Gang zum Kaiser, und ich bin der
    eigentliche Graf Nichtsthun; ich gehe auf Ferien. Allerlei lustige
    Ferienvorsätze dazu. Es kommt nun ein Herr, der mir als
    Regierungsvertreter bei den medicinischen Prüfungen bekannt ist
    und der sich durch seine Leistungen in dieser Rolle den schmeichel-
    haften Beinamen des „Regierungsbeischläfers“ zugezogen hat. Er
    verlangt unter Berufung auf seine amtliche Eigenschaft ein Halb-
    coupé erster Classe, und ich höre den Beamten zu einem andern
    sagen: Wo geben wir den Herrn mit der halben Ersten hin? Eine
    nette Bevorzugung; ich zahle meine erste Classe ganz. Ich bekomme
    dann auch ein Coupé für mich, aber nicht in einem durchgehenden
    Wagen, so dass mir die Nacht über kein Abort zur Verfügung steht.
    Meine Klage beim Beamten hat keinen Erfolg; ich räche mich,
    indem ich ihm den Vorschlag mache, in diesem Coupé wenigstens
    ein Loch im Boden anbringen zu lassen, für etwaige Bedürfnisse
    der Reisenden. Ich erwache auch wirklich um ¾ 3 Uhr morgens
    mit Harndrang aus nachstehendem Traum:

    Menschenmenge, Studentenversammlung. – Ein Graf (Thun
    oder Taaffe) redet. Aufgefordert, etwas über die
    Deutschen zu sagen, erklärt er mit höhnischer Ge-
    berde für ihre Lieblingsblume den Huflattich und steckt
    dann etwas wie ein zerfetztes Blatt, eigentlich ein zu-
    sammengeknülltes Blattgerippe in’s Knopfloch. Ich
    fahre auf, fahre also auf,*) wundere mich aber doch
    über diese meine Gesinnung. Dann undeutlicher:
    ob es die Aula wäre, die Zugänge besetzt, und man
    müsste fliehen. Ich bahne mir den Weg durch eine
    Reihe von schön eingerichteten Zimmern, offenbar Re-
    gierungszimmern, mit Möbeln in einer Farbe zwischen
    braun und violett, und komme endlich in einen Gang,
    in dem eine Haushälterin, ein älteres dickes Frauen-
    zimmer, sitzt. Ich vermeide es, mit ihr zu sprechen; sie hält
    mich aber offenbar für berechtigt, hier zu passiren, denn
    sie fragt, ob sie mit der Lampe mitgehen soll. Ich deute
    oder sage ihr, sie soll auf der Treppe stehen bleiben, und
    komme mir dabei sehr schlau vor, dass ich die Controle

    *)Diese Wiederholung hat sich, scheinbar aus Zerstreutheit, in den Text des
    Traumes eingeschlichen und wird von mir belassen, da die Analyse zeigt, dass sie
    ihre Bedeutung hat.

  • S.

    145

    am Ende vermeide. So bin ich drunten und finde einen
    schmalen, steil aufsteigenden Weg, den ich gehe.
    Wieder undeutlich . . . Als ob jetzt die zweite Aufgabe
    käme, aus der Stadt wegzukommen, wie früher aus dem
    Haus. Ich fahre in einem Einspänner und gebe ihm Auf-
    trag, zu einem Bahnhof zu fahren. „Auf der Bahnstrecke
    selbst kann ich nicht mit Ihnen fahren“, sage ich, nach
    dem er einen Einwand gemacht hat, als ob ich ihn über-
    müdet hätte. Dabei ist es, als wäre ich schon eine
    Strecke mit ihm gefahren, die man sonst mit der Bahn
    fährt. Die Bahnhöfe sind besetzt; ich überlege, ob ich
    nach Krems oder Znaim soll, denke aber, dort wird der
    Hof sein, und entscheide mich für Graz oder so etwas.
    Nun sitze ich im Waggon, der ähnlich einem Stadtbahn-
    wagen ist, und habe im Knopfloch ein eigenthümlich
    geflochtenes, langes Ding, daran violettbraune Veilchen
    aus starrem Stoff, was den Leuten sehr auffällt. Hier
    bricht die Scene ab.

    Ich bin wieder vor dem Bahnhofe, aber zu zweit mit
    einem älteren Herrn, erfinde einen Plan, um unerkannt
    zu bleiben, sehe diesen Plan aber auch schon ausge-
    führt. Denken und Erleben ist hier gleichsam Eins.
    Er stellt sich blind, wenigstens auf einem Auge, und
    ich halte ihm ein männliches Uringlas vor (das wir in
    der Stadt kaufen mussten oder gekauft haben). Ich bin
    also sein Krankenpfleger und muss ihm das Glas geben,
    weil er blind ist. Wenn der Conducteur uns so sieht,
    muss er uns als unauffällig entkommen lassen. Dabei ist
    die Stellung des Betreffenden und sein urinirendes
    Glied plastisch gesehen.

    Der ganze Traum macht etwa den Eindruck einer Phantasie,
    die den Träumer in das Revolutionsjahr 1848 versetzt, dessen An-
    denken ja durch das Jubiläum des Jahres 1898 erneuert war, wie über-
    dies durch einen kleinen Ausflug in die Wachau, bei dem ich
    Emmersdorf kennen gelernt hatte, den Ruhesitz des Studentenführers
    Fischhof, auf den einige Züge des manifesten Trauminhaltes weisen
    mögen. Die Gedankenverbindung führt mich dann nach England, in
    das Haus meines Bruders, der seiner Frau scherzhaft vorzuhalten
    pflegte „Fifty years ago“ nach dem Titel eines Gedichtes von Lord
    Tennyson, worauf die Kinder zu rectificiren gewöhnt waren:
    „Fifteen years ago.“ Diese Phantasie, die sich an die Gedanken an-
    schliesst, welche der Anblick des Grafen Thun hervorgerufen hatte, ist
    aber nur wie die Façade italienischer Kirchen ohne organischen Zu-
    sammenhang dem Gebäude dahinter vorgesetzt; anders als diese Façaden
    ist sie übrigens lückenhaft, verworren, und Bestandtheile aus dem Inneren
    drängen sich an vielen Stellen durch. Die erste Situation des Traumes

  • S.

    146

    ist aus mehreren Scenen zusammengebraut, in die ich sie zerlegen kann.
    Die hochmüthige Stellung des Grafen im Traum ist copirt nach
    einer Gymnasialscene aus meinem 15. Jahr. Wir hatten gegen einen
    missliebigen und ignoranten Lehrer eine Verschwörung angezettelt,
    deren Seele ein College war, der sich seitdem Heinrich VIII. von
    England zum Vorbilde genommen zu haben scheint. Die Führung
    des Hauptschlages fiel mir zu, und eine Discussion über die Bedeutung
    der Donau für Oesterreich (Wachau!) war der Anlass, bei dem es
    zur offenen Empörung kam. Ein Mitverschworener war der einzige
    aristokratische College, den wir hatten, wegen seiner auffälligen
    Längenentwicklung die „Giraffe“ genannt, und der stand, vom
    Schultyrannen, dem Professor der deutschen Sprache, zur Rede
    gestellt, so da wie der Graf im Traume. Das Erklären der Lieblings-
    blume und In’s-Knopfloch-Stecken von etwas, was wieder eine Blume
    sein muss (was an die Orchideen erinnert, die ich einer Freundin am
    selben Tag gebracht hatte, und ausserdem an eine Rose von Jericho),
    mahnt auffällig an die Scene aus den Königsdramen Shake-
    speare’s, die den Bürgerkrieg der rothen und der weissen Rose
    eröffnet; die Erwähnung Heinrich’s VIII. hat den Weg zu dieser
    Reminiscenz gebahnt. Dann ist es nicht weit von den Rosen zu den
    rothen und weissen Nelken. (Dazwischen schieben sich in der Analyse
    zwei Verslein ein, eins deutsch, das andere spanisch: Rosen,
    Tulpen, Nelken, alle Blumen welken. – Isabelita, no llores que se
    marchitan las flores. Das Spanische vom Figaro her.) Die weissen
    Nelken sind bei uns in Wien das Abzeichen der Antisemiten, die
    rothen das der Socialdemokraten geworden. Dahinter eine Erin-
    nerung an eine antisemitische Herausforderung während einer Eisen-
    bahnfahrt im schönen Sachsenlande (Angelsachsen). Die dritte
    Scene, welche Bestandtheile für die Bildung der ersten Traum-
    situation abgegeben hat, fällt in meine erste Studentenzeit. In einem
    deutschen Studentenverein gab es eine Discussion über das Ver-
    hältnis der Philosophie zu den Naturwissenschaften. Ich grüner
    Junge, der materialistischen Lehre voll, drängte mich vor, um
    einen höchst einseitigen Standpunkt zu vertreten. Da erhob sich
    ein überlegener älterer College, der seitdem seine Fähigkeit erwiesen
    hat, Menschen zu lenken und Massen zu organisiren, der übrigens
    auch einen Namen aus dem Thierreich trägt, und machte uns
    tüchtig herunter; auch er habe in seiner Jugend die Schweine
    gehütet und sei dann reuig in’s Vaterhaus zurückgekehrt. Ich
    fuhr auf (wie im Traum), wurde saugrob und antwortete, seit-
    dem ich wüsste, dass er die Schweine gehütet, wunderte ich
    mich nicht mehr über den Ton seiner Reden. (Im Traum
    wundere ich mich über meine deutsch-nationale Gesinnung.
    Grosser Aufruhr; ich wurde von vielen Seiten aufgefordert, meine
    Worte zurückzunehmen, blieb aber standhaft. Der Beleidigte war
    zu verständig, um das Ansinnen einer Herausforderung, das
    man an ihn richtete, anzunehmen, und liess die Sache auf sich beruhen.

  • S.

    147

    Die übrigen Elemente der Traumscene stammen aus tieferen
    Schichten. Was soll es bedeuten, dass der Graf den „Huflattich“
    proclamirt? Hier muss ich meine Associationsreihe befragen. Huf-
    lattich – lattice – Salat – Salathund (der Hund, der Anderen
    nicht gönnt, was er doch selber nicht frisst). Hier sieht man durch
    auf einen Vorrath an Schimpfwörtern: Giraffe, Schwein, Sau,
    Hund; ich wüsste auch auf dem Umweg über einen Namen zu einem
    Esel zu gelangen und damit wieder zu einem Hohn auf einen aka-
    demischen Lehrer. Ausserdem übersetze ich mir – ich weiss nicht, ob
    mit Recht – Huflattich mit „pisse-en-lit.“ Die Kenntnis kommt mir
    aus dem Germinal Zola’s, in dem die Kinder aufgefordert werden,
    solchen Salat mitzubringen. Der Hund – chien – enthält in seinem
    Namen einen Anklang an die grössere Function (chier, wie pisser für
    die kleineren). Nun werden wir bald das Unanständige in allen drei
    Aggregatzuständen beisammen haben; denn im selben Germinal, der
    mit der künftigen Revolution genug zu thun hat, ist ein ganz eigenthüm-
    licher Wettkampf beschrieben, der sich auf die Production gasförmiger
    Excretionen, Flatus genannt, bezieht.*) Und nun muss ich bemerken,
    wie der Weg zu diesen Flatus seit Langem angelegt ist, von den
    Blumen aus über das spanische Verslein, die Isabelita, zu Isa-
    bella und Ferdinand über Heinrich VIII., die englische Ge-
    schichte zum Kampf der Armada gegen England, nach dessen
    siegreicher Beendigung die Engländer eine Medaille prägten mit der
    Inschrift: Flavit et dissipati sunt, da der Sturmwind die spanische
    Flotte zerstreut hatte. Diesen Spruch gedachte ich aber zur halb
    scherzhaft gemeinten Ueberschrift des Capitels „Therapie“ zu nehmen,
    wenn ich je dazu gelangen sollte, ausführliche Kunde von meiner
    Auffassung und Behandlung der Hysterie zu geben.
    Von der zweiten Scene des Traumes kann ich eine so ausführ-
    liche Auflösung nicht geben, und zwar aus Rücksichten der Censur.
    Ich setze mich hier nämlich an die Stelle eines hohen Herrn jener
    Revolutionszeit, der auch ein Abenteuer mit einem Adler gehabt,
    an incontinentia alvi gelitten haben soll u. dgl., und ich glaube,
    ich wäre nicht berechtigt, hier die Censur zu passiren,
    obwohl ein Hofrath (Aula, consiliarius aulicus) mir den grösseren
    Theil jener Geschichten erzählt hat. Die Reihe von Zimmern im
    Traum verdankt ihre Anregung dem Salonwagen Seiner Excellenz, in
    den ich einen Moment hineinblicken konnte; sie bedeutet aber,
    wie so häufig im Traum, Frauenzimmer (ärarisch Frauenzimmer).
    Mit der Person der Haushälterin statte ich einer geistreichen älteren
    Dame schlechten Dank für die Bewirthung und die vielen guten
    Geschichten ab, die mir in ihrem Hause geboten worden sind.
    – Der Zug mit der Lampe geht auf Grillparzer zurück, der

    *)Nicht im Germinal, sondern in La Terre. Ein Irrthum, der mir erst
    nach der Analyse bemerklich wird. – Ich mache übrigens auf die identischen Buch-
    staben in Huflattich und Flatus aufmerksam.

  • S.

    148

    ein reizendes Erlebnis ähnlichen Inhaltes notirt und dann in Hero
    und Leander (des Meeres und der Liebe Wellen – die Armada
    und der Sturm) verwendet hat.
    Auch die detaillirte Analyse der beiden übrigen Traumstücke
    muss ich zurückhalten; ich werde nur jene Elemente herausgreifen,
    die zu den beiden Kinderscenen führen, um deren Willen ich den
    Traum überhaupt aufgenommen habe. Man wird mit Recht ver-
    muthen, dass es sexuelles Material ist, welches mich zu dieser
    Unterdrückung nöthigt; man braucht sich aber mit dieser Aufklärung
    nicht zufrieden zu geben. Man macht doch sich selbst aus Vielem
    kein Geheimnis, was man vor Anderen als Geheimnis behandeln muss,
    und hier handelt es sich nicht um die Gründe, die mich nöthigen,
    die Lösung zu verbergen, sondern um die Motive der inneren Censur,
    welche den eigentlichen Inhalt des Traumes vor mir selbst verstecken.
    Ich muss also darum sagen, dass die Analyse diese drei Traum-
    stücke als impertinente Prahlereien, als Ausfluss eines lächerlichen,
    in meinem wachen Leben längst unterdrückten Grössenwahnes er-
    kennen lässt, der sich mit einzelnen Ausläufern bis in den manifesten
    Trauminhalt wagt (ich komme mir schlau vor), allerdings die
    übermüthige Stimmung des Abends vor dem Träumen trefflich ver-
    stehen lässt. Prahlerei zwar auf allen Gebieten; so geht die Er-
    wähnung von Graz auf die Redensart: Was kostet Graz? in der
    man sich gefällt, wenn man sich überreich mit Geld versehen glaubt.
    Wer an Meister Rabelais’ unübertroffene Schilderung von dem
    Leben und Thaten des Gargantua und seines Sohnes Panta-
    gruel denken will, wird auch den angedeuteten Inhalt des ersten
    Traumstückes unter die Prahlereien einreihen können. Zu den zwei
    versprochenen Kinderscenen gehört aber folgendes: Ich hatte für
    diese Reise einen neuen Koffer gekauft, dessen Farbe, ein Braun-
    violett, im Traum mehrmals auftritt (violettbraune Veilchen aus
    starrem Stoff neben einem Ding, das man „Mädchenfänger“ heisst –
    die Möbel in den Regierungszimmern). Dass man mit etwas Neuem
    den Leuten auffällt, ist ein bekannter Kinderglaube. Nun ist mir
    folgende Scene aus meinem Kinderleben erzählt worden, deren Er-
    innerung ersetzt ist durch die Erinnerung an die Erzählung. Ich soll –
    im Alter vor zwei Jahren – noch gelegentlich das Bettnass gemacht
    haben, und als ich dafür Vorwürfe zu hören bekam, den Vater durch
    das Versprechen getröstet haben, dass ich ihm in N. (der nächsten
    grösseren Stadt) ein neues schönes, rothes Bett kaufen werde. (Daher
    im Traum die Einschaltung, dass wir das Glas in der Stadt gekauft
    haben oder kaufen mussten; was man versprochen hat, muss man
    halten.) [Man beachte übrigens die Zusammenstellung des männlichen
    Glases und des weiblichen Koffers, box.] Der ganze Grössenwahn
    des Kindes ist in diesem Versprechen enthalten. Die Bedeutung der
    Harnschwierigkeiten des Kindes für den Traum ist uns bereits bei einer
    früheren Traumdeutung (vergleiche den Traum Seite 137) aufgefallen.

  • S.

    149

    Dann gab es aber einmal einen anderen häuslichen Anstand,
    als ich 7 oder 8 Jahre alt war, an den ich mich sehr wohl erinnere.
    Ich setzte mich Abends vor dem Schlafengehen über das Gebot der
    Discretion hinweg, Bedürfnisse nicht im Schlafzimmer der Eltern in
    deren Anwesenheit zu verrichten, und der Vater liess in seiner Straf-
    rede darüber die Bemerkung fallen: Aus dem Buben wird nichts
    werden. Es muss eine furchtbare Kränkung für meinen Ehrgeiz ge-
    wesen sein, denn Anspielungen an diese Scene kehren immer in
    meinen Träumen wieder und sind regelmässig mit Aufzählung meiner
    Leistungen und Erfolge verknüpft, als wollte ich sagen: Siehst Du,
    ich bin doch etwas geworden. Diese Kinderscene gibt nun den
    Stoff für das letzte Bild des Traumes, in dem natürlich zur Rache
    die Rollen vertauscht sind. Der ältere Mann, offenbar der Vater, da
    die Blindheit auf einem Auge sein einseitiges Glaukom bedeutet,*)
    uriniert jetzt vor mir wie ich damals vor ihm. Mit dem Glaukom
    mahne ich ihn an das Cocain, dass ihm bei der Operation zu Gute
    kam, als hätte ich damit mein Versprechen erfüllt. Ausserdem mache
    ich mich über ihn lustig, weil er blind ist, muss ich ihm das Glas
    vorhalten und schwelge in Anspielungen an meine Erkenntnisse in
    der Lehre von der Hysterie, auf die ich stolz bin.**)

    *)Andere Deutung: Er ist einäugig wie Odhin, der Göttervater. – Odhin’s
    Trost. – Der Trost aus der Kinderscene, dass ich ihm ein neues Bett kaufen werde.

    **)Dazu einiges Deutungsmaterial: Das mit dem Glas vorhalten, erinnert an
    die Geschichte vom Bauern, der beim Optiker Glas nach Glas versucht, aber nicht
    lesen kann. – (Bauernfänger im vorigen Traumstück.) – Die
    Behandlung des schwachsinnig gewordenen Vaters bei den Bauern in Zola’s La
    Terre. – Die traurige Genugthuung, dass der Vater in seinen letzten Lebenstagen
    wie ein Kind das Bett beschmutzt hat; daher bin ich im Traum sein Kranken-
    pfleger. – „Denken und Erleben sind hier gleichsam Eins“ erinnert an ein stark
    revolutionäres Buchdrama von Oscar Panizza, in dem Göttervater als paralytischer
    Greis schmählich genug behandelt wird; dort heisst es: Wille und That sind bei ihm
    Eins, und er muss von seinem Erzengel, einer Art Ganymed, abgehalten werden
    zu schimpfen und zu fluchen, weil diese Verwünschungen sich sofort erfüllen würden.
    – Das Plänemachen ist ein aus späterer Zeit der Kritik stammender Vorwurf
    gegen den Vater, wie überhaupt der ganze rebellische, majestätsbeleidigende und
    die hohe Obrigkeit verhöhnende Inhalt des Traumes auf Auflehnung gegen den
    Vater zurückgeht. Der Fürst heisst Landesvater, und der Vater ist die älteste, erste,
    für das Kind einzige Autorität, aus dessen Machtvollkommenheit im Laufe der
    menschlichen Culturgeschichte die anderen socialen Obrigkeiten hervorgegangen sind
    (insoferne nicht das „Mutterrecht“ zur Einschränkung dieses Satzes nöthigt). – Die
    Fassung im Traum „Denken und Erleben sind Eins“, zielt auf die Erklärung der
    hysterischen Symptome, zu der auch das männliche Glas eine Beziehung hat. Einem
    Wiener brauchte ich das Princip des „Gschnas“ nicht auseinanderzusetzen; es besteht
    darin, Gegenstände von seltenem und werthvollem Ansehen aus trivialem, am liebsten
    komischem und werthlosem Material herzustellen, z. B. Rüstungen aus Kochtöpfen,
    Strohwischen und Salzstangeln, wie es unsere Künstler an ihren lustigen Abenden
    lieben. Ich hatte nun gemerkt, dass die Hysterischen es ebenso machen; neben dem,
    was ihnen wirklich zugestossen ist, gestalten sie sich unbewusst grässliche oder aus-
    schweifende Phantasiebegebenheiten, die sie aus dem harmlosesten und banalsten
    Material des Erlebens aufbauen. An diesen Phantasien hängen erst die Symptome,
    nicht an den Erinnerungen der wirklichen Begebenheiten, seien diese nun ernsthaft

  • S.

    150

    Wenn die beiden Urinscenen aus der Kindheit bei mir ohne
    dies mit dem Thema der Größensucht eng verbunden sind, so kam
    ihrer Erweckung auf der Reise nach Aussee noch der zufällige Um-
    stand zu Gute, dass mein Coupé kein Closet besass, und ich vor-
    bereitet sein musste, während der Fahrt in Verlegenheit zu kommen,
    was dann am Morgen auch eintraf. Ich erwachte dann mit den
    Empfindungen des körperlichen Bedürfnisses. Ich meine, man könnte
    geneigt sein, diesen Empfindungen die Rolle des eigentlichen Traum-
    erregers zuzuweisen, würde aber einer anderen Auffassung den Vorzug
    geben, nämlich dass die Traumgedanken erst den Harndrang hervor-
    gerufen haben. Es ist bei mir ganz ungewöhnlich, dass ich durch
    irgend ein Bedürfnis im Schlaf gestört werde, am wenigstens um die
    Zeit dieses Erwachens, 3/4 Uhr Morgens. Einen weiteren Einwand be-
    gegne ich durch die Bemerkung, dass ich auf anderen Reisen unter
    bequemeren Verhältnissen fast niemals den Harndrang nach früh-
    zeitigem Erwachen verspürt habe. Uebrigens kann ich diesen Punkt
    auch ohne Schaden unentschieden lassen.

    Seitdem ich ferner durch Erfahrungen bei der Traumanalyse
    aufmerksam gemacht worden bin, dass auch von Träumen, deren
    Deutung zunächst vollständig erscheint, weil Traumquellen und
    Wunscherreger leicht nachweisbar sind, – dass auch von solchen
    Träumen wichtige Gedankenfäden ausgehen, die bis in die früheste
    Kindheit hineinreichen, habe ich mich fragen müssen, ob nicht auch
    in diesem Zuge eine wesentliche Bedingung des Träumens gegeben
    ist. Wenn ich diesen Gedanken verallgemeinern dürfte, so käme
    jedem Traum in seinem manifesten Inhalt eine Anknüpfung an
    das recent Erlebte zu, in seinem latenten Inhalt aber eine Anknüpfung
    an das älteste Erlebte, von dem ich bei der Analyse der Hysterie
    wirklich zeigen kann, dass es in gutem Sinne bis auf die Gegenwart
    recent geblieben ist. Diese Vermuthung erscheint aber noch recht
    schwer erweislich; ich werde auf die wahrscheinliche Rolle frühester
    Kindheitserlebnisse, für die Traumbildung noch in anderem Zusam-
    hange (Abschnitt VII) zurückkommen müssen.

    Von den drei Eingangs betrachteten Besonderheiten des Traum-
    gedächtnisses hat sich uns die eine – die Bevorzugung des Neben-
    sächlichen im Trauminhalt – durch ihre Zurückführung auf die
    Traumentstellung befriedigend gelöst. Die beiden Anderen, die
    Auszeichnung des Recenten wie des Infantilen haben wir bestätigen,
    aber nicht aus den Motiven des Träumens ableiten können. Wir
    wollen diese beiden Charaktere, deren Erklärung oder Verwerthung
    uns erübrigt, im Gedächtnis behalten; sie werden anderswo ihre Ein-
     

    1)oder gleichfalls harmlos. Diese Aufklärung hatte mir aber viele Schwierigkeiten hin-
    weggeholfen und machte mir viel Freude. Ich konnte sie mit dem Traumelement des
    „männlichen Glases“ andeuten, weil mir von dem letzten „Gschnasabend“ erzählt
    worden war, es sei dort ein Giftbecher der Lucretia Borgia ausgestellt gewesen,
    dessen Kern und Hauptbestandtheil ein Uringlas für Männer, wie es in den Spitälern
    gebräuchlich ist, gebildet hätte.

  • S.

    151

    Die somatischen Traumquellen.

    reihung finden müssen, entweder in der Psychologie des Schlafzu-
    standes oder bei jenen Erwägungen über den Aufbau des seelischen
    Apparates, die wir später anstellen werden, wenn wir gemerkt haben,
    dass man durch die Traumdeutung wie durch eine Fensterlücke in
    das Innere desselben einen Blick werfen kann.

    Ein anderes Ergebnis der letzten Traumanalysen will ich aber
    gleich hier hervorheben. Der Traum erscheint häufig mehrdeutig;
    es können nicht nur, wie Beispiele zeigen, mehrere Wunsch-
    erfüllungen neben einander in ihm vereinigt sein; es kann auch ein
    Sinn, eine Wunscherfüllung die andere decken, bis man zu unterst
    auf die Erfüllung eines Wunsches aus der ersten Kindheit stösst,
    und auch hier wieder die Erwägung, ob in diesem Satze das
    „häufig“ nicht richtiger durch „regelmässig“ zu ersetzen ist.

    c) Die somatischen Traumquellen.

    Wenn man den Versuch macht, einen gebildeten Laien für die
    Probleme des Traums zu interessiren, und in dieser Absicht die
    Frage an ihn richtet, aus welchen Quellen wohl nach seiner
    Meinung die Träume herrühren, so merkt man zumeist, dass der
    Gefragte im gesicherten Besitz dieses Theiles der Lösung zu sein
    vermeint. Er gedenkt sofort des Einflusses, den gestörte oder
    beschwerte Verdauung („Träume kommen aus dem Magen“), zu-
    fällige Körperlage und kleine Erlebnisse während des Schlafens auf
    die Traumbildung äussern, und scheint nicht zu ahnen, dass nach
    Berücksichtigung all’ dieser Momente etwas der Erklärung Bedürftiges
    noch erübrigt.

    Welche Rolle für die Traumbildung die wissenschaftliche
    Litteratur den somatischen Reizquellen zugesteht, haben wir im ein-
    leitenden Abschnitt (Seite 13 u. ff.) ausführlich auseinandergesetzt, so
    dass wir uns hier nur an die Ergebnisse dieser Untersuchung zu er-
    innern brauchen. Wir haben gehört, dass dreierlei somatische Reiz-
    quellen unterschieden werden, die von äusseren Objecten ausgehenden
    objectiven Sinnesreize, die nur subjectiv begründeten, inneren Erregungs-
    zustände der Sinnesorgane und die aus dem Körperinnern stammenden
    Leibreize, und wir haben die Neigung der Autoren bemerkt, neben
    diesen somatischen Reizquellen etwaige psychische Quellen des Traumes
    in den Hintergrund zu drängen oder ganz auszuschalten (Seite 28).
    Bei der Prüfung der Ansprüche, welche zu Gunsten dieser Classen
    von somatischen Reizquellen erhoben werden, haben wir erfahren,
    dass die Bedeutung der objectiven Sinnesorganerregungen – theils
    zufällige Reize während des Schlafes, theils solche, die sich auch
    vom schlafenden Seelenleben nicht ferne halten lassen – durch zahl-
    reiche Beobachtungen sicher gestellt wird und durch das Experiment
    eine Bestätigung erfährt (Seite 16), dass die Rolle der subjectiven
    Sinneserregungen durch die Wiederkehr der hypnagogischen Sinnes-

  • S.

    152

    bilder in den Träumen (p. 21) dargethan erscheint, und dass die im
    weitesten Umfang angenommene Zurückführung unserer Traumbilder
    und Traumvorstellungen auf inneren Leibreiz zwar nicht in ihrer
    ganzen Breite beweisbar ist, aber sich an die allbekannte Beein-
    flussung anlehnen kann, welche der Erregungszustand der Digestions-,
    Harn- und Sexualorgane auf den Inhalt unserer Träume ausübt.
    „Nervenreiz“ und „Leibreiz“ wären also die somatischen
    Quellen des Traumes, d. h. nach mehreren Autoren die einzigen Quellen
    des Traumes überhaupt.

    Wir haben aber auch bereits einer Reihe von Zweifeln Gehör
    geschenkt, welche nicht sowohl die Richtigkeit als vielmehr die
    Zulänglichkeit der somatischen Reiztheorie anzugreifen schienen.

    So sicher sich alle Vertreter dieser Lehre bezüglich deren that-
    sächlichen Grundlagen fühlen mussten – zumal soweit die acciden-
    tellen und äusseren Nervenreize in Betracht kommen, die im Traum-
    inhalt wiederzufinden keinerlei Mühe erfordern –, so blieb doch
    keiner der Einsicht ferne, dass der reiche Vorstellungsinhalt der
    Träume eine Ableitung aus den äusseren Nervenreizen allein nicht wohl
    zulasse. Miss Mary Whiton Calkins12) hat ihre eigenen Träume
    und die einer zweiten Person durch sechs Wochen hindurch von
    diesem Gesichtspunkte aus geprüft und nur 13.2%, resp. 6.7%, ge-
    funden, in denen das Element äusserer Sinneswahrnehmung nach-
    weisbar war; nur zwei Fälle der Sammlung liessen sich auf organische
    Empfindungen zurückführen. Die Statistik bestätigt uns hier, was
    uns bereits eine flüchtige Ueberschau unserer eigenen Erfahrungen
    hatte vermuthen lassen.

    Man beschied sich vielfach, den „Nervenreiztraum“ als eine
    gut erforschte Unterart des Traumes vor anderen Traumformen her-
    vorzuheben. Spitta64) trennte die Träume in Nervenreiz- und
    Associationstraum. Es war aber klar, dass die Lösung unbe-
    friedigend blieb, so lange es nicht gelang, das Band zwischen den
    somatischen Traumquellen und dem Vorstellungs-
    inhalt des Traumes
    nachzuweisen.

    Neben den ersten Einwand, der Unzulänglichkeit in der
    Häufigkeit der äusseren Reizquellen, stellt sich so als zweiter die
    Unzulänglichkeit in der Aufklärung des Traumes, die durch die
    Einführung dieser Art von Traumquellen zu erreichen ist. Die Ver-
    treter der Lehre sind uns zwei solcher Aufklärungen schuldig,
    erstens, warum der äussere Reiz im Traum nicht in seiner wirklichen
    Natur erkannt, sondern regelmässig verkannt wird (vergleiche die
    Weckerträume, Seite 18), und zweitens warum das Resultat der Reaction
    der wahrnehmenden Seele auf diesen verkannten Reiz so unbestimmbar
    wechselvoll ausfallen kann. Als Antwort auf diese Frage haben
    wir von Strümpell66) gehört, dass die Seele in Folge ihrer Ab-
    wendung von der Aussenwelt während des Schlafes nicht im Stande
    ist, die richtige Deutung des objectiven Sinnesreizes zu geben

  • S.

    153

    sondern genöthigt wird, auf Grund der nach vielen Richtungen un-
    bestimmten Anregung Illusionen zu bilden, in seinen Worten ausge-
    drückt (p. 108):

    „Sobald durch einen äußeren oder inneren Nervenreiz während
    des Schlafes in der Seele eine Empfindung oder ein Empfindungs-
    complex, ein Gefühl, überhaupt ein psychischer Vorgang entsteht und
    von der Seele percipirt wird, so ruft dieser Vorgang aus dem der
    Seele vom Wachen her verbliebenen Erfahrungskreise Empfindungs-
    bilder, also frühere Wahrnehmungen, entweder nackt oder mit zu-
    gehörigen psychischen Werthen hervor. Er sammelt gleichsam um
    sich eine größere oder kleinere Anzahl solcher Bilder, durch welche
    der vom Nervenreiz herrührende Eindruck seinen psychischen Werth
    bekommt. Man sagt gewöhnlich auch hier, wie es der Sprachgebrauch
    für das wache Verhalten thut, dass die Seele im Schlaf die Nerven-
    reizeindrücke deute. Das Resultat dieser Deutung ist der sogenannte
    Nervenreiztraum, d. h. ein Traum, dessen Bestandtheile dadurch
    bedingt sind, dass ein Nervenreiz nach den Gesetzen der Repro-
    duction seine psychische Wirkung im Seelenleben vollzieht.“

    In allem Wesentlichen mit dieser Lehre identisch ist die
    Aeußerung von Wundt76), die Vorstellungen des Traumes gehen
    jedenfalls zum größten Theil von Sinnesreizen aus, namentlich auch
    von solchen des allgemeinen Sinnes, und sind daher zumeist phan-
    tastische Illusionen, wahrscheinlich nur zum kleineren Theil reine,
    zu Hallucinationen gesteigerte Erinnerungsvorstellungen. Für das
    Verhältniß des Trauminhaltes zu den Traumreizen, welches sich nach
    dieser Theorie ergibt, findet Strümpell das treffliche Gleichnis
    (p. 84), es sei, wie „wenn die zehn Finger eines der Musik ganz un-
    kundigen Menschen über die Tasten des Instrumentes hinlaufen“.
    Der Traum erscheine so nicht als ein seelisches Phänomen, aus
    psychischen Motiven entsprungen, sondern als der Erfolg eines
    physiologischen Reizes, der sich in psychischer Symptomatologie
    äußert, weil der vom Reiz betroffene Apparat keiner anderen
    Aeußerung fähig ist. Auf eine ähnliche Voraussetzung ist z. B. die
    Erklärung der Zwangsvorstellungen aufgebaut, die Meynert durch
    das berühmte Gleichnis vom Zifferblatt, auf dem einzelne Zahlen
    stärker gewölbt vorspringen, zu geben versuchte.

    So beliebt diese Lehre von den somatischen Traumreizen
    geworden ist und so bestehend sie erscheinen mag, so ist es doch
    leicht, den schwachen Punkt in ihr aufzuweisen. Jeder somatische
    Traumreiz, welcher im Schlafe den seelischen Apparat zur Deutung
    durch Illusionsbildung auffordert, kann ungezählt viele solcher
    Deutungsversuche anregen, also in ungemein verschiedenen Vor-
    stellungen seine Vertretung im Trauminhalt erreichen. Die Lehre
    von Strümpell und Wundt ist aber unfähig, irgend ein Motiv
    anzugeben, welches die Beziehung zwischen dem äußeren Reiz und
    der zu seiner Deutung gewählten Traumvorstellung regelt, also die

  • S.

    154

    „sonderbare Auswahl“ zu erklären, welche die Reize „oft genug bei
    ihrer reproductiven Wirksamkeit treffen“. (Lipps, Grundthatsachen
    des Seelenlebens, Seite 170.) Andere Einwendungen richten sich
    gegen die Grundvoraussetzung der ganzen Illusionslehre, dass die
    Seele im Schlafe nicht in der Lage sei, die wirkliche Natur der
    objectiven Sinnesreize zu erkennen. Der alte Physiologe Burdach5)
    beweist uns, dass die Seele auch im Schlafe sehr wohl fähig ist, die
    an sie gelangenden Sinneseindrücke richtig zu deuten und der
    richtigen Deutung gemäss zu reagiren, indem er ausführt, dass man
    gewisse, dem Individuum wichtig erscheinende Sinneseindrücke von
    der Vernachlässigung während des Schlafes ausnehmen kann (Amme
    und Kind), und dass man durch den eigenen Namen weit sicherer
    geweckt wird als durch einen gleichgiltigen Gehöreindruck, was
    ja voraussetzt, dass die Seele auch im Schlafe zwischen den
    Sensationen unterscheidet (Abschnitt I, p. 36). Burdach folgert
    aus diesen Beobachtungen, dass während des Schlafzustandes nicht
    eine Unfähigkeit, die Sinnesreize zu deuten, sondern ein Mangel
    an Interesse für sie anzunehmen ist. Die nämlichen Argumente,
    die Burdach 1830 verwendet, kehren dann zur Bekämpfung der
    somatischen Reiztheorie unverändert bei Lipps im Jahre 1883
    wieder. Die Seele erscheint uns demnach so wie der Schläfer in der
    Anekdote, der auf die Frage „Schläfst Du“ antwortet „Nein“, nach
    der zweiten Anrede, „dann leih’ mir zehn Gulden“ aber sich hinter
    der Anrede verschanzt: „Ich schlafe“.

    Die Unzulänglichkeit der Lehre von den somatischen Traum-
    reizen lässt sich auch auf andere Weise darthun. Die Beobachtung
    zeigt, dass ich durch äussere Reize nicht zum Träumen genöthigt
    werde, wenngleich diese Reize im Trauminhalt erscheinen, sobald
    und für den Fall, dass ich träume. Gegen einen Haut- oder Druck-
    reiz etwa, der mich im Schlafe befällt, stehen mir verschiedene
    Reactionen zu Gebote. Ich kann ihn überhören und dann beim Er-
    wachen finden, dass z. B. ein Bein unbedeckt oder ein Arm gedrückt
    war; die Pathologie zeigt mir ja die zahlreichsten Beispiele, dass
    verschiedenartige und kräftig erregende Empfindungs- und Bewegungs-
    reize während des Schlafes wirkungslos bleiben. Ich kann die
    Sensation während des Schlafes verspüren, gleichsam durch den
    Schlaf hindurch, wie es in der Regel mit schmerzhaften Reizen
    geschieht, aber ohne den Schmerz in einen Traum zu verweben;
    und ich kann drittens auf den Reiz erwachen, um ihn zu beseitigen.
    Erst eine vierte mögliche Reaction ist, dass ich durch den Nerven-
    reiz zum Traum veranlasst werde; die anderen Möglichkeiten werden
    aber mindestens eben so häufig vollzogen wie die der Traumbildung.
    Dies könnte nicht geschehen, wenn nicht das Motiv des Träumens
    ausserhalb der somatischen Reizquellen läge.
    In gerechter Würdigung jener oben aufgedeckten Lücke in der
    Erklärung des Traumes durch somatische Reize haben nun andere

  • S.

    155

    Autoren — Scherner58), dem der Philosoph Volkelt72) sich
    anschloss — die Seelenthätigkeiten, welche aus den somatischen Reizen
    die bunten Traumbilder entstehen lassen, näher zu bestimmen gesucht,
    also doch wieder das Wesen des Träumens in’s Seelische und in eine
    psychische Activität verlegt. Scherner gab nicht nur eine poetisch
    nachempfundene, glühend belebte Schilderung der psychischen Eigen-
    thümlichkeiten, die sich bei der Traumbildung entfalten; er glaubte
    auch das Princip errathen zu haben, nach dem die Seele mit den
    ihr dargebotenen Reizen verfährt. In freier Bethätigung der ihrer
    Tagesfesseln entledigten Phantasie strebt nach Scherner die
    Traumarbeit dahin, die Natur des Organes, von dem der Reiz aus-
    geht, und die Art dieses Reizes symbolisch darzustellen. Es er-
    gibt sich so eine Art von Traumbuch als Anleitung zur Deutung
    der Träume, mittelst dessen aus Traumbildern auf Körpergefühle,
    Organzustände und Reizzustände geschlossen werden darf. „So
    drückt das Bild der Katze die ärgerliche Missstimmung des
    Gemüthes aus, das Bild des hellen und glatten Gebäcks die
    Leibesnacktheit. Der menschliche Leib als Ganzes wird von
    der Traumphantasie als Haus vorgestellt, das einzelne Körper-
    organ durch einen Theil des Hauses. In den „Zahnreizträumen“
    entspricht dem Mundorgan ein hochgewölbter Hausflur und dem
    Hinabfall des Schlundes zur Speiseröhre eine Treppe, im „Kopf-
    schmerzraum“ wird zur Bezeichnung der Höhenstellung des Kopfes
    die Decke eines Zimmers gewählt, welche mit ekelhaften, kröten-
    artigen Spinnen bedeckt ist“ (Volkelt, p. 39). „Diese Symbole
    werden vom Traum in mehrfacher Auswahl für das nämliche Organ
    verwendet; so findet die athmende Lunge in dem flammenerfüllten
    Ofen mit seinem Brausen ihr Symbol, das Herz in hohlen Kisten
    und Körben, die Harnblase in runden, beutelförmigen oder überhaupt
    nur ausgehöhlten Gegenständen. Besonders wichtig ist es, dass am
    Schlusse des Traumes öfters das erregende Organ oder dessen
    Function unverhüllt hingestellt wird, und zwar zumeist an dem
    eigenen Leib des Träumers. So endet der „Zahnreiztraum“ gewöhn-
    lich damit dass der Träumer sich einen Zahn aus dem Munde zieht“
    (p. 35). Mann kann nicht sagen, dass diese Theorie der Traum-
    deutung viel Gunst bei den Autoren gefunden hat. Sie erschien vor
    Allem extravagant; man hat selbst gezögert, das Stück Berechtigung
    herauszufinden, das sie nach meinem Urtheil beanspruchen darf. Sie
    führt, wie man sieht, zur Wiederbelebung der Traumdeutung mittelst
    Symbolik, deren sich die Alten bedienten, nur dass das Gebiet,
    aus welchem die Deutung geholt werden soll, auf den Umfang der
    menschlichen Leiblichkeit beschränkt wird. Der Mangel einer
    wissenschaftlich fassbaren Technik bei der Deutung muss die An-
    wendbarkeit der Scherner’schen Lehre schwer beeinträchtigen.
    Willkür in der Traumdeutung scheint keineswegs ausgeschlossen,
    zumal da auch hier ein Reiz sich in mehrfachen Vertretungen im

  • S.

    156

    Trauminhalt äußern kann; so hat bereits Scherner’s Anhänger
    Volkelt die Darstellung des Körpers als Haus nicht bestätigen
    können. Es muss auch Anstoss erregen, dass hier wiederum der
    Seele die Traumarbeit als nutz-
    und ziellose Bethätigung auferlegt
    ist, da sich doch nach der in Rede stehenden Lehre die Seele damit
    begnügt, über den sie beschäftigenden Reiz zu phantasiren, ohne
    dass etwas wie eine Erledigung des Reizes in der Ferne wirkte.

    Von einem Einwand aber wird die Scherner’sche Lehre der
    Symbolisirung von Leibreizen durch den Traum schwer getroffen.
    Diese Leibreize sind jederzeit vorhanden, die Seele ist für sie nach
    allgemeiner Annahme während des Schlafens zugänglicher als im
    Wachen. Man versteht dann nicht, warum die Seele nicht continuir-
    lich die Nacht hindurch träumt, und zwar jede Nacht von allen
    Organen. Will man sich diesem Einwand durch die Bedingung ent-
    ziehen, es müssten vom Auge, Ohr, von den Zähnen, Därmen u. s. w.
    besondere Erregungen ausgehen, um die Traumthätigkeit zu wecken,
    so steht man vor der Schwierigkeit, diese Reizsteigerungen als objectiv
    zu erweisen, was nur in einer geringen Zahl von Fällen möglich ist.
    Wenn der Traum vom Fliegen eine Symbolisirung des Auf-
    und
    Niedersteigens der Lungenflügel bei der Athmung bedeutet, so müsste
    entweder dieser Traum, wie schon Strümpell bemerkt, weit häufiger
    geträumt werden oder eine gesteigerte Athmungsthätigkeit während
    dieses Traumes nachweisbar sein. Es ist noch ein dritter Fall mög-
    lich, der wahrscheinlichste von allen, dass nämlich zeitweise besondere
    Motive wirksam sind, um den gleichmässig vorhandenen visceralcn
    Sensationen Aufmerksamkeit zuzuwenden, aber dieser Fall führt bereits
    über die Scherner’sche Theorie hinaus.

    Der Werth der Erörterungen von Scherner und Volkelt
    liegt darin, dass sie auf eine Reihe von Charakteren des Traum-
    inhaltes aufmerksam machen, welche der Erklärung bedürftig sind
    und neue Erkenntnisse zu verdecken scheinen. Es ist ganz richtig,
    dass in den Traum Symbolisirungen von Körperorganen und
    Functionen enthalten sind, dass Wasser im Traum häufig auf Harnreiz
    deutet, dass das männliche Genitale durch einen aufrecht stehenden
    Stab oder eine Säule dargestellt werden kann u. s. w. In Träumen,
    welche ein sehr bewegtes Gesichtsfeld und leuchtende Farben zeigen,
    im Gegensatz zu der Mattigkeit anderer Träume, kann man die
    Deutung als „Gesichtsreiztraum“ kaum abweisen, ebenso wenig den
    Beitrag der Illusionsbildung in Träumen bestreiten, welche Lärm und
    Stimmengewirr enthalten. Ein Traum wie der von Scherner, dass
    zwei Reihen schöner blonder Knaben auf einer Brücke einander
    gegenüber stehen, sich gegenseitig angreifen, dann wieder ihre alte
    Stellung einnehmen, bis endlich der Träumer sich auf eine Brücke
    setzt und einen langen Zahn aus seinem Kiefer zieht; oder ein
    ähnlicher von Volkelt, in dem zwei Reihen von Schubladen eine
    Rolle spielen, und der wiederum mit dem Ausziehen eines Zahnes

  • S.

    157

    endigt: dergleichen bei beiden Autoren in großer Fülle mitgetheilte
    Traumbildungen lassen es nicht zu, dass man die Scherner’sche
    Theorie als müssige Erfindung bei Seite wirft, ohne nach ihrem guten
    Kern zu forschen. Es stellt sich dann die Aufgabe, für die vermeint-
    liche Symbolisirung des angeblichen Zahnreizes eine andersartige
    Aufklärung zu erbringen.1)

    Ich habe es die ganze Zeit über, welche uns die Lehre von den
    somatischen Traumquellen beschäftigte, unterlassen, jenes Argument
    geltend zu machen, welches sich aus unseren Traumanalysen ableitet.
    Wenn wir durch ein Verfahren, das andere Autoren auf ihr Material
    an Träumen nicht angewendet haben, erweisen konnten, dass der
    Traum einen ihm eigenen Werth als psychische Action besitzt, dass
    ein Wunsch das Motiv seiner Bildung wird, und dass die Erlebnisse
    des Vortages das nächste Material für seinen Inhalt abgeben, so ist jede
    andere Traumlehre, welche ein so wichtiges Untersuchungsverfahren ver--
    nachlässigt und den entsprechend den Traum als eine nutzlose und
    räthselhafte psychische Reaction auf somatische Reize erscheinen
    lässt, auch ohne besondere Kritik gerichtet. Es müsste denn, was
    sehr unwahrscheinlich ist, zwei ganz verschiedene Arten von Träumen
    geben, von denen die eine nur uns, die andere nur den früheren
    Beurtheilern des Traumes untergekommen ist. Es erübrigt nur noch,
    den Thatsachen, auf welche sich die gebräuchliche Lehre von den
    somatischen Traumreizen stützt, eine Unterbringung innerhalb unserer
    Traumlehre zu verschaffen.

    Den ersten Schritt hiezu haben wir bereits gethan, als wir den
    Satz aufstellten, dass die Traumarbeit unter dem Zwange stehe, alle
    gleichzeitig vorhandenen Traumanregungen zu einer Einheit zu ver--
    arbeiten (Seite 123). Wir sahen, dass, wenn zwei oder mehr eindrucks--
    fähige Erlebnisse vom Vortage übrig geblieben sind, die aus ihnen
    sich ergebenden Wünsche in einem Traume vereinigt werden, des--
    gleichen, dass zum Traummaterial der psychisch werthvolle Eindruck
    und die indifferenten Erlebnisse des Vortages zusammentreten, vor--
    ausgesetzt, dass sich communicirende Vorstellungen zwischen beiden
    herstellen lassen. Der Traum erscheint somit als Reaction auf alles,
    was in der schlafenden Psyche gleichzeitig als actuell vorhanden ist.
    Soweit wir also das Traummaterial bisher analysirt haben, erkannten
    wir es als eine Sammlung von psychischen Resten, Erinnerungs--
    spuren, denen wir (wegen der Bevorzugung des recenten und des
    infantilen Materials) einen psychologisch derzeit unbestimmbaren
    Charakter von Actualität zusprechen mussten. Es schafft uns nun
    nicht viel Verlegenheit vorherzusagen, was geschehen wird, wenn
    zu diesen Erinnerungsactualitäten neues Material an Sensationen
    während des Schlafzustandes hinzutritt. Diese Erregungen erlangen
    wiederum eine Wichtigkeit für den Traum dadurch, dass sie actuell
    sind; sie werden mit den anderen psychischen Actualitäten vereinigt,
    um das Material für die Traumbildung abzugeben. Die Reize

  • S.

    158

    während des Schlafes werden, um es anders zu sagen, in eine
    Wunscherfüllung verarbeitet, deren andere Bestandtheile die uns
    bekannten psychischen Tagesreste sind. Diese Vereinigung muss
    nicht vollzogen werden; wir haben ja gehört, dass gegen körperliche
    Reize während des Schlafes mehr als eine Art des Verhaltens möglich
    ist. Wo sie vollzogen wird, da ist es eben gelungen, ein Vor-
    stellungsmaterial für den Trauminhalt zu finden, welches für beiderlei
    Traumquellen, die somatischen wie die psychischen, eine Vertretung
    darstellt.

    Das Wesen des Traumes wird nicht verändert, wenn zu den
    psychischen Traumquellen somatisches Material hinzutritt; er bleibt
    eine Wunscherfüllung, gleichgiltig wie deren Ausdruck durch das
    actuelle Material bestimmt wird.

    Ich will hier gerne Raum lassen für eine Reihe von Eigen-
    thümlichkeiten, welche die Bedeutung äusserer Reize für den Traum
    veränderlich gestalten können. Ich stelle mir vor, dass ein Zu-
    sammenwirken individueller, physiologischer und zufälliger, in den
    jeweiligen Umständen gegebener, Momente darüber entscheidet, wie
    man sich in den einzelnen Fällen von intensiverer objectiver Reizung
    während des Schlafes benehmen wird; die habituelle und accidentelle
    Schlaftiefe im Zusammenhang mit der Intensität des Reizes wird es
    das eine Mal ermöglichen, den Reiz so zu unterdrücken, dass er im
    Schlaf nicht stört, ein anderes Mal dazu nöthigen aufzuwachen, oder
    den Versuch unterstützen, den Reiz durch Verwebung in einen
    Traum zu überwinden. Der Mannigfaltigkeit dieser Constellationen
    entsprechend werden äussere objective Reize bei dem Einen häufiger
    oder seltener im Traum zum Ausdruck kommen als bei dem Anderen.
    Bei mir, der ich ein ausgezeichneter Schläfer bin und hartnäckig
    daran festhalte, mich durch keinen Anlass im Schlaf stören zu lassen,
    ist die Einmengung äusserer Erregungsursachen in die Träume sehr
    selten, während psychische Motive mich doch offenbar sehr leicht
    zum Träumen bringen. Ich habe eigentlich nur einen einzigen
    Traum aufgezeichnet, in dem eine objective, schmerzhafte Reizquelle
    zu erkennen ist, und gerade in diesem Traum wird es sehr lehrreich
    werden nachzusehen, welchen Traumerfolg der äussere Reiz gehabt hat.

    Ich reite auf einem grauen Pferd, zuerst zaghaft und
    ungeschickt, als ob ich nur angelehnt wäre. Da begegne
    ich einem Collegen P., der im Lodenanzug hoch zu Ross
    sitzt und mich an etwas mahnt (wahrscheinlich, dass ich
    schlecht sitze). Nun finde ich mich auf dem höchst in-
    telligenten Ross immer mehr zurecht, sitze bequem und
    merke, dass ich oben ganz heimisch bin. Als Sattel habe
    ich eine Art Polster, das den Raum zwischen Hals und
    Croup des Pferdes vollkommen ausfüllt. Ich reite so
    knapp zwischen zwei Lastwägen hindurch. Nachdem ich
    die Strasse eine Strecke weit geritten bin, kehre ich

  • S.

    159

    um und will abstei-
    gen, zunächst vor einer kleinen offe-
    nen Capelle, die in der Straßenfront liegt. Dann steige
    ich wirklich vor einer ihr nahe stehenden ab; das Hotel
    ist in derselben Straße; ich könnte das Pferd allein
    hingehen lassen, ziehe aber vor, es bis dahin zu führen.
    Es ist, als ob ich mich schämen würde, dort als Reiter
    anzukommen. Vor dem Hotel steht ein Hotelbur-
    sche, der mir einen Zettel zeigt, der von mir gefunden-
    wurde und mich darum verspottet. Auf dem Zettel steht, zweimal
    unterstrichen: Nichts essen und dann ein zweiter Vorsatz
    (undeutlich) wie: nichts arbeiten; dazu eine dumpfe Idee, dass
    ich in einer fremden Stadt bin, in der ich nichts arbeite.

    Dem Traum wird man zunächst nicht anmerken, dass er unter
    dem Einflusse, unter dem Zwange vielmehr, eines Schmerzreizes ent-
    standen ist. Ich hatte aber Tags vorher an Furunkeln gelitten, die mir jede
    Bewegung zur Qual machten, und zuletzt war ein Furunkel an der
    Wurzel des Scrotum zur Apfelgröße herangewachsen, hatte mir bei
    jedem Schritt die unerträglichsten Schmerzen bereitet, und fieber-
    hafte Müdigkeit, Essunlust, die trotzdem festgehaltene schwere Arbeit
    des Tages hatten sich mit den Schmerzen vereint, um meine Stimmung
    zu stören. Ich war nicht recht fähig, meinen ärztlichen Aufgaben
    nachzukommen, aber bei der Art und bei dem Sitz des Uebels liess
    sich an eine andere Verrichtung denken, für die ich sicherlich so
    untauglich gewesen wäre wie für keine andere, und diese ist das
    Reiten. Gerade in diese Thätigkeit versetzt mich nun der Traum; es
    ist die energischeste Negation des Leidens, die der Vorstellung zu
    gänglich ist. Ich kann überhaupt nicht reiten, träume auch sonst
    nicht davon, bin überhaupt nur ein Mal auf einem Pferd gesessen
    und damals ohne Sattel, und es behagte mir nicht. Aber in diesem
    Traum reite ich, als ob ich keinen Furunkel am Damm hätte, n e i n
    gerade weil ich keinen haben will. Mein Sattel ist der Beschreibung
    gemäss der Breiumschlag, der mir das Einschlafen ermöglicht hat.
    Wahrscheinlich habe ich durch die ersten Stunden des Schlafes – so
    verwahrt – nichts von meinem Leiden verspürt. Dann meldeten sich
    die schmerzhaften Empfindungen und wollten mich aufwecken, da
    kam der Traum und sagte beschwichtigend: „Schlaf doch weiter, du
    wirst doch nicht aufwachen! Du hast ja gar keinen Furunkel, denn
    du reitest ja auf einem Pferd, und mit einem Furunkel an der
    Stelle kann man doch nicht reiten!4)“ Und es gelang ihm so; der Schmerz
    wurde übertäubt, und ich schlief weiter.

    Der Traum hat sich aber nicht damit begnügt, mir durch die
    hartnäckige Festhaltung einer mit dem Leiden unverträglichen Vor-
    stellung, den Furunkel „abzusuggeriren“, wobei er sich benommen wie
    der hallucinatorische Wahnsinn der Mutter, die ihr Kind verloren hat.*)


    *)Vergleiche die Stelle bei Griesinger3) und die Bemerkung in meinem
    zweiten Aufsatz über die Abwehr-Psychoneurosen, Neurologisches Centralblatt 1896.

  • S.

    160

    oder des Kaufmannes, den Verluste um sein Vermögen gebracht
    haben; sondern die Einzelheiten der abgelegneten Sensation und des
    zu ihrer Verdrängung gebrauchten Bildes dienen ihm auch als
    Material, um das, was sonst in der Seele actuell vorhanden ist, an die
    Situation des Traumes anzuknüpfen und zur Darstellung zu bringen.
    Ich reite ein graues Pferd, die Farbe des Pferdes entspricht genau
    dem pfeffer-
    und salzfarbigen Dress, in dem ich dem Collegen
    P. zuletzt auf dem Lande begegnet bin. Scharfgewürzte Nahrung
    ist mir als die Ursache der Furunculose vorgehalten worden, immerhin
    als Aetiologie dem Zucker vorzuziehen, an den man bei Furuncu-
    lose denken kann. Freund P. liebt es, sich mir gegenüber auf’s
    hohe Ross zu setzen, seitdem er mich bei einer Patientin abgelöst, mit
    der ich grosse Kunststücke ausgeführt hatte (ich sitze im Traum
    auf dem Pferd zuerst wie ein Kunstreiter tangential), die mich
    aber wirklich, wie das Ross in der Anekdote den Sonntagsreiter, ge-
    führt hat, wohin sie wollte. So kommt das Ross zur symbolischen
    Bedeutung einer Patientin (es ist im Traum höchst intelligent).
    „Ich fühle mich ganz heimisch oben“ geht auf die Stellung,
    die ich in dem Hause inne hatte, ehe ich durch P. ersetzt wurde. „Ich
    habe gemeint, Sie sitzen oben fest im Sattel“, hat mir mit
    Beziehung auf dasselbe Haus einer meiner wenigen Gönner unter den
    grossen Aerzten dieser Stadt vor Kurzem gesagt. Es war auch ein Kunst-
    stück, mit solchen Schmerzen acht bis zehn Stunden täglich Psycho-
    therapie zu treiben, aber ich weiss, dass ich ohne volles körperliches
    Wohlbefinden meine besonders schwierige Arbeit nicht lange fortsetzen
    kann, und der Traum ist voll düsterer Anspielungen auf die Situation,
    die sich dann ergeben muss (der Zettel, wie ihn die Neurastheniker haben
    und dem Arzt vorzeigen): – Nicht arbeiten und nicht essen.
    Bei weiterer Deutung sehe ich, dass es der Traumarbeit gelungen ist, von
    der Wunschsituation des Reitens den Weg zu finden zu sehr frühen
    Kinderstreitscenen, die sich zwischen mir und einem jetzt in England
    lebenden, übrigens um ein Jahr älteren Neffen abgespielt haben mussten.
    Ausserdem hat er Elemente aus meinen Reisen in Italien aufge-
    nommen; die Strasse im Traum ist aus Eindrücken von Verona und
    von Siena zusammengesetzt. Noch tiefer gehende Deutung führt zu
    sexuellen Traumgedanken, und ich erinnere mich, was bei einer
    Patientin, die nie in Italien war, die Traumanspielungen an das
    schöne Land bedeuten sollten (gen Italien – Genitalien), nicht ohne
    Anknüpfung gleichzeitig an das Haus, in dem ich vor Freund P.
    Arzt war, und an die Stelle, an welcher mein Furunkel sitzt.
    Unter den in den vorstehenden Abschnitten erwähnten Träumen
    fänden sich bereits mehrere, die als Beispiele für die Verarbeitung
    sogenannter Nervenreize dienen können. Der Traum vom Trinken in
    vollen Zügen ist ein solcher; in ihm ist der somatische Reiz anscheinend
    die einzige Traumquelle, der aus der Sensation entspringende Wunsch
    – der Durst – das einzige Traummotiv. Aehnlich ist es in anderen

  • S.

    161

    einfachen Träumen, wenn der somatische Reiz für sich allein einen
    Wunsch zu bilden vermag. Der Traum der Kranken, die Nachts den
    Kühlapparat von der Wange abwirft, zeigt eine ungewöhnliche Art,
    auf Schmerzensreize mit einer Wunscherfüllung zu reagiren; es scheint
    dass es der Kranken vorübergehend gelungen war, sich analgisch zu
    machen, wobei sie ihre Schmerzen einem Fremden zuschob.

    Mein Traum von den drei Parzen ist ein offenbarer Hunger-
    traum, aber er weiss das Nahrungsbedürfnis bis auf die Sehnsucht
    des Kindes nach der Mutterbrust zurückzuschieben, und die harmlose
    Begierde zur Decke für eine ernstere, die sich nicht so unverhüllt
    äussern darf, zu benützen. Im Traume vom Grafen Thun konnten
    wir sehen, auf welchen Wegen ein accidentell gegebenes körperliches
    Bedürfnis mit den stärksten aber auch stärkst unterdrückten Regun-
    gen des Seelenlebens in Verbindung gebracht wird. Und wenn, wie
    in dem von Garnier berichteten Falle, der Erste Consul das Geräusch
    der explodirenden Höllenmaschine in einen Schlaftentrau-
    verwebt, ehe er davon erwacht, so offenbart sich darin ganz besonders klar
    das Bestreben, in dessen Dienst die Seelenthätigkeit sich überhaupt
    um die Sensationen während des Schlafens kümmert.

    Halten wir diesen Traum des ersten Napoleon, der übrigens ein
    ausgezeichneter Schläfer war, und jenen anderen des langschläfrigen
    Studenten zusammen, der von seiner Zimmerfrau geweckt, er müsse in’s
    Spital, sich in ein Spitalsbett träumt und dann mit der Motivierung weiter-
    schläft: Wenn ich schon im Spital bin, brauche ich ja nicht aufzu-
    stehen, um hinzugehen. Der letztere ist ein offenbarer Bequemlichkeits-
    traum, der Schläfer gesteht sich das Motiv seines Träumens unver-
    hohlen ein, deckt aber damit eines der Geheimnisse des Träumens
    überhaupt auf. In gewissem Sinne sind alle Träume – Bequem-
    lichkeitsträume; sie dienen der Absicht, den Schlaf fortzusetzen,
    anstatt zu erwachen. Der Traum ist der Wächter des Schlafes,
    nicht sein Störer. Gegen die psychisch erweckenden Momente wer-
    den wir diese Auffassung an anderer Stelle rechtfertigen; ihre Anwend-
    barkeit auf die Rolle der objectiven äusseren Reize können wir hier
    bereits begründen. Die Seele kümmert sich entweder überhaupt nicht um
    die Anlässe zu Sensationen während des Schlafens, wenn sie dies gegen
    die Intensität und die von ihr wohlverstandene Bedeutung dieser
    Reize vermag; oder sie verwendet den Traum dazu, diese Reize in
    Abrede zu stellen, oder drittens, wenn sie dieselben anerkennen muss,
    so sucht sie jene Deutung derselben auf, welche die actuelle Sensation
    als einen Theilbestand einer gewünschten und mit dem Schlafen ver-
    träglichen Situation hinstellt. Die actuelle Sensation wird in einen
    Traum verfochten, um ihr die Realität zu rauben. Napoleon
    darf weiter schlafen; es ist ja nur eine Traumerinnerung an den
    Kanonendonner von Arcole, was ihn stören will.*)

    *)Der Inhalt dieses Traumes wird in den zwei Quellen, aus denen ich ihn
    kenne, nicht übereinstimmend erzählt.

    Freud, Traumdeutung.

  • S.

    162

    Der Wunsch zu schlafen muss so als Motiv der Traum-
    bildung jedesmal eingerechnet werden, und jeder gelun-
    gene Traum ist eine Erfüllung desselben. Wie dieser all-
    gemeine, regelmässig vorhandene und sich gleichbleibende Schlafwunsch
    sich zu den anderen Wünschen stellt, von denen bald der, bald jener durch
    den Trauminhalt erfüllt werden, dies wird Gegenstand einer anderen
    Auseinandersetzung sein. In dem Schlafwunsch haben wir aber jenes
    Moment aufgedeckt, welches die Lücke in der Strümpell-
    Wundt’schen Theorie auszufüllen, die Schiefheit und Launenhaftigkeit
    in der Deutung des äusseren Reizes aufzuklären vermag. Die richtige
    Deutung, deren die schlafende Seele sehr wohl fähig ist, nähme ein
    thätiges Interesse in Anspruch, stellte die Anforderung dem Schlaf
    ein Ende zu machen; es werden darum von den überhaupt möglichen
    Deutungen nur solche zugelassen, die mit der absolutistisch geübten
    Censur des Schlafwunsches vereinbart sind. Etwa: Die Nachtigall
    ist’s und nicht die Lerche. Denn wenn’s die Lerche ist, so hat die
    Liebesnacht ihr Ende gefunden. Unter den nun zulässigen Deutungen
    des Reizes wird dann jene ausgewählt, welche die beste Verknüpfung
    mit den in der Seele lauernden Wunschregungen erwerben kann.
    So ist alles eindeutig bestimmt und nichts der Willkür überlassen.
    Die Missdeutung ist nicht Illusion, sondern – wenn man so will –
    Ausrede. Hier ist aber wiederum, wie bei dem Ersatz durch Ver-
    schiebung zu Diensten der Traumcensur, ein Act der Beugung des
    normalen psychischen Vorganges zuzugeben.

    Wenn die äusseren Nerven- und inneren Leibreize intensiv
    genug sind, um sich psychische Beachtung zu erzwingen, so stellen
    sie – falls überhaupt Träumen und nicht Erwachen ihr Erfolg ist
    – einen festen Punkt für die Traumbildung dar, einen Kern im
    Traummaterial, zu dem eine entsprechende Wunscherfüllung in ähn-
    licher Weise gesucht wird, wie (siehe oben) die vermittelnden Vor-
    stellungen zwischen zwei psychischen Traumreizen. Es ist insoferne
    für eine Anzahl von Träumen richtig, dass in ihnen das somatische
    Element den Trauminhalt commandirt. In diesem extremen Falle
    wird selbst behufs der Traumbildung ein gerade nicht actueller
    Wunsch geweckt. Der Traum kann aber nicht anders als einen
    Wunsch in einer Situation als erfüllt darstellen; er ist gleichsam vor
    die Aufgabe gestellt zu suchen, welcher Wunsch durch die nun
    actuelle Sensation als erfüllt dargestellt werden kann. Ist dies actuelle
    Material von schmerzlichem oder peinlichem Charakter, so ist es doch
    darum zur Traumbildung nicht unbrauchbar. Das Seelenleben ver-
    fügt auch über Wünsche, deren Erfüllung Unlust hervorruft, was ein
    Widerspruch scheint, aber durch die Berufung auf das Vorhanden-
    sein zweier psychischer Instanzen und die zwischen ihnen bestehende
    Censur erklärlich wird.

    Es gibt, wie wir gehört haben, im Seelenleben verdrängte
    Wünsche, die dem ersten System angehören, gegen deren Erfüllung

  • S.

    163

    das zweite System sich sträubt. Es gibt, ist nicht etwa historisch
    gemeint, dass es solche Wünsche gegeben und diese dann vernichtet
    worden sind; sondern die Lehre von der Verdrängung, deren
    man in der Psychoneurotik bedarf, behauptet, dass solche verdrängte
    Wünsche noch existiren, gleichzeitig aber eine Hemmung, die auf
    ihnen lastet. Die Sprache trifft das Richtige, wenn sie vom „Unter-
    drücken“ solcher Impulse redet. Die psychische Veranstaltung, da
    mit solche unterdrückte Wünsche zur Realisirung durchdringen,
    bleibt erhalten und gebrauchsfähig. Ereignet es sich aber, dass ein
    solcher unterdrückter Wunsch doch vollzogen wird, so äussert sich
    die überwundene Hemmung des zweiten (bewusstseinsfähigen) Systems
    als Unlust. Um nun diese Erörterung zu schliessen: wenn Sensationen
    mit Unlustcharacter im Schlafe aus somatischen Quellen vorhanden
    sind, so wird diese Constellation von der Traumarbeit benützt, um
    die Erfüllung eines sonst unterdrückten Wunsches – mit mehr oder
    weniger Beibehalt der Censur – darzustellen.
    Dieser Sachverhalt ermöglicht eine Reihe von Angstträumen,
    während eine andere Reihe dieser der Wunschtheorie ungünstigen
    Traumbildungen einen anderen Mechanismus erkennen lässt. Die
    Angst in den Träumen kann nämlich eine psychoneurotische sein,
    aus psychosexuellen Erregungen stammen, wobei die Angst ver-
    drängter Libido entspricht. Dann hat diese Angst wie der ganze Angst
    traum die Bedeutung eines neurotischen Symptoms, und wir stehen
    an der Grenze, wo die wunscherfüllende Tendenz des Traumes
    scheitert. In anderen Angstträumen aber ist die Angstempfindung
    somatisch gegeben (etwa wie bei Lungen- und Herzkranken bei zu
    fälliger Athembhinderung) und dann wird sie dazu benützt, solchen
    energisch unterdrückten Wünschen zur Erfüllung als Traum zu ver-
    helfen, deren Träumen aus psychischen Motiven die gleiche Angst-
    entbindung zur Folge gehabt hätte. Es ist nicht schwer, die beiden
    scheinbar gesonderten Fälle zu vereinigen. Von zwei psychischen
    Bildungen, einer Affectneigung und einem Vorstellungsinhalt, die innig
    zusammen gehören, hebt die eine, die actuell gegeben ist, auch im
    Traum die andere; bald die somatisch gegebene Angst den unter-
    drückten Vorstellungsinhalt, bald der aus der Verdrängung befreite,
    mit sexueller Erregung einhergehende Vorstellungsinhalt die Angst-
    entbindung. Von dem einen Fall kann man sagen, dass ein somatisch
    gegebener Affect psychisch gedeutet wird; im anderen Fall ist alles
    psychisch gegeben, aber der unterdrückt gewesene Inhalt ersetzt sich
    leicht durch eine zur Angst passende somatische Deutung. Die
    Schwierigkeiten, die sich hier für das Verständniss ergeben, haben
    mit dem Traum nur wenig zu thun; sie rühren daher, dass wir mit
    diesen Erörterungen die Probleme der Angstentwicklung und der
    Verdrängung streifen.
    Zu den commandirenden Traumreizen aus der inneren Leiblich-
    keit gehört unzweifelhaft die körperliche Gesammtstimmung. Nicht

  • S.

    164

    dass sie den Traum-
    gedanken eine Aus-
    stellung im Traum-
    Materials, als zu ihrer
    Ueberdies ist ja wohl
    den für den Traum-
    Wenn die somati-
    Schlafsensationen also
    so spielen sie nach
    ähnliche Rolle wie die
    drücke des Tages.
    herangezogen, wenn
    inhalt der psychischen
    nicht. Sie werden
    behandelt, welches
    darf, anstatt dass ein
    selbst mit vorschreibt.
    Kunstgönner dem
    aus ihm ein Kunst-
    Farbe und Flecken
    welche Scene in ihm
    mässigem und reichem
    Künstler allein der
    Auf diese Weise allein
    jener Traum-
    Reizen aus unseren
    Träumen und nicht
    Leiblichkeit geliefert wird, doch nicht in allen
    in jeder Nacht im Traume erscheint.

    Vielleicht wird ein Beispiel, das uns wieder zur Traumdeutung
    zurückführt, meine Meinung am besten erläutern. Eines Tages
    mühte ich mich ab zu verstehen, was die Empfindung von Gehemmt-
    sein, nicht von der Stelle können, nicht fertig werden u. dgl., die so
    häufig geträumt wird und die der Angst so nahe verwandt ist, wohl
    bedeuten mag. In der Nacht darauf hatte ich folgenden Traum: Ich
    gehe in sehr unvollständiger Toilette aus einer Woh-
    nung im Parterre über die Treppe in ein höheres Stock-
    werk. Dabei überspringe ich jedesmal drei Stufen, freue
    mich, dass ich so flink Treppen steigen kann. Plötzlich
    sehe ich, dass ein Dienstmädchen die Treppen herab
    und also mir entgegenkommt. Ich schäme mich, will
    mich eilen, und nun tritt jenes Gehemmtsein auf, ich
    klebe an den Stufen und komme nicht von der Stelle.

    Analyse: Die Situation des Traumes ist der alltäglichen
    Wirklichkeit entnommen. Ich habe in einem Hause in Wien
    zwei Wohnungen, die nur durch die Treppe aussen verbunden
    sind. Im Hochparterre befindet sich meine ärztliche Wohnung und
    mein Arbeitszimmer, einen Stock höher die Wohnräume. Wenn
    ich in später Stunde unten meine Arbeit vollendet habe, gehe ich

  • S.

    165

    über die Treppe in's Schlafzimmer. An dem Abend vor dem
    Traum hatte ich diesen kurzen Weg wirklich in etwas derangirter
    Toilette gemacht, d. h. ich hatte Kragen, Cravatte und Manchetten
    abgelegt; im Traum war daraus ein höherer, aber, wie gewöhnlich,
    unbestimmter Grad von Kleiderlosigkeit geworden. Das Ueberspringen
    von Stufen ist meine gewöhnliche Art, die Treppe zu gehen, übrigens
    eine bereits im Traum anerkannte Wunscherfüllung, denn mit der
    Leichtigkeit dieser Leistung hatte ich mich ob des Zustandes
    meiner Herzarbeit getröstet. Ferner ist diese Art, die Treppe zu
    gehen, ein wirksamer Gegensatz zu der Hemmung in der zweiten
    Hälfte des Traumes. Sie zeigt mir – was des Beweises nicht be-
    durfte – dass der Traum keine Schwierigkeit hat, sich motorische
    Actionen in aller Vollkommenheit ausgeführt vorzustellen; man denke
    an das Fliegen im Traum!

    Die Treppe, über die ich gehe, ist aber nicht die meines
    Hauses; ich erkenne sie zunächst nicht, erst die mir entgegen-
    kommende Person klärt mich über die gemeinte Oertlichkeit auf.
    Diese Person ist das Dienstmädchen der alten Dame, die ich täglich
    zweimal besuche, um ihr Injectionen zu machen; die Treppe ist auch
    ganz ähnlich jener, die ich zweimal im Tage dort zu ersteigen habe.

    Wie gelangt nun diese Treppe und diese Frauensperson in
    meinen Traum? Das Schämen, weil man nicht voll angekleidet ist,
    hat unzweifelhaft sexuellen Charakter; das Dienstmädchen, von dem
    ich träume, ist älter als ich, mürrisch und keineswegs anreizend. Zu
    diesen Fragen fällt mir nun nichts Anderes ein als das Folgende:

    Wenn ich in diesem Hause den Morgenbesuch mache, werde ich ge-
    wöhnlich auf der Treppe von Räuspern befallen; das Product der
    Expectoration geräth auf die Stiege. In diesen beiden Stockwerken
    befindet sich nämlich kein Spucknapf, und ich vertrete den Standpunkt,
    dass die Reinhaltung der Treppe nicht auf meine Kosten erfolgen
    darf, sondern durch die Anbringung eines Spucknapfes ermöglicht
    werden soll. Die Hausmeisterin, eine gleichfalls ältliche und mürrische
    Person, aber von reinlichen Instincten, wie ich ihr zuzugestehen
    bereit bin, nimmt in dieser Angelegenheit einen anderen Standpunkt
    ein. Sie lauert mir auf, ob ich mir wieder die besagte Freiheit er-
    lauben werde, und wenn sie das constatirt hat, höre ich sie ver-
    nehmlich brummen. Auch versagt sie mir dann für Tage die gewohnte
    Hochachtung, wenn wir uns begegnen. Am Vortag des Traumes
    bekam nun die Partei der Hausmeisterin eine Verstärkung durch
    das Dienstmädchen. Ich hatte eilig wie immer meinen Besuch bei
    der Kranken abgemacht, als die Dienerin mich im Vorzimmer
    stellte und die Bemerkung von sich gab: „Herr Doctor hätten sich
    heute schon die Stiefel abputzen können, ehe Sie in's Zimmer
    kommen. Der rothe Teppich ist wiederum ganz schmutzig von Ihren
    Füssen.“ Dies ist der ganze Anspruch, den Treppe und Dienstmädchen
    geltend machen können, um in meinem Traume zu erscheinen.

  • S.

    166

    Zwischen meinem Ueber-die-Treppe-Fliegen und dem Auf-der-
    Treppe-Spucken besteht ein inniger Zusammenhang. Rachenkatarrh
    wie Herzbeschwerden sollen beide die Strafen für das Laster des
    Rauchens darstellen, wegen dessen ich natürlich auch bei meiner
    Hausfrau nicht den Ruf der grössten Nettigkeit geniesse, in dem
    einen Haus so wenig wie in dem anderen, die der Traum zu einem
    Gebilde verschmilzt.

    Die weitere Deutung des Traumes muss ich verschieben, bis
    ich berichten kann, woher der typische Traum von der unvoll--
    ständigen Bekleidung rührt. Ich bemerke nur als vorläufiges Er--
    gebnis des mitgetheilten Traumes, dass die Traumsensation der ge--
    hemmten Bewegung überall dort hervorgerufen wird, wo ein gewisser
    Zusammenhang ihrer bedarf. Ein besonderer Zustand meiner Motilität
    im Schlafe kann nicht die Ursache dieses Trauminhaltes sein, denn
    einen Moment vorher sah ich mich ja wie zur Sicherung dieser Er--
    kenntnis leichtfüssig über die Stufen eilen.

    d) Typische Träume.

    Wir sind im Allgemeinen nicht im Stande, den Traum eines
    Anderen zu deuten, wenn derselbe uns nicht die hinter dem Traum--
    inhalt stehenden unbewussten Gedanken ausliefern will und dadurch
    wird die praktische Verwertbarkeit unserer Methode der Traum--
    deutung schwer beeinträchtigt. Nun gibt es aber so recht im Gegen--
    satz zu der sonstigen Freiheit des Einzelnen, sich seine Traumwelt
    in individueller Besonderheit auszustatten und dadurch dem Ver--
    ständnis der Anderen unzugänglich zu machen, eine gewisse An--
    zahl von Träumen, die fast Jedermann in derselben Weise geträumt
    hat, von denen wir anzunehmen gewohnt sind, dass sie auch bei
    Jedermann dieselbe Bedeutung haben. Ein besonderes Interesse wendet
    sich diesen typischen Träumen auch darum zu, weil sie vermuthlich
    bei allen Menschen aus den gleichen Quellen stammen, also besonders
    gut geeignet scheinen, uns über die Quellen der Träume Aufschluss
    zu geben.

    In der Behandlung dieser typischen Träume finde ich mich
    durch den zufälligen Umstand behindert, dass nicht genug derselben
    für meine Erfahrung zugänglich geworden sind. Ich werde also
    nur Muster dieser Gattung eingehender würdigen und wähle hiefür
    den sogenannten Verlegenheitstraum der Nacktheit und den Traum
    vom Tod theurer Verwandter.

    Der Traum, dass man nackt oder schlecht bekleidet in Gegen--
    wart Fremder sei, kommt auch mit der Zuthat vor, man habe sich
    dessen gar nicht geschämt u. dgl. Unser Interesse gebührt aber
    dem Nacktheitstraum nur dann, wenn man in ihm Scham und Ver--
    legenheit empfindet, entfliehen oder sich verbergen will und dabei
    der eigenthümlichen Hemmung unterliegt, dass man nicht von der
    Stelle kann und sich ungenügend fühlt, die peinliche Situation zu

  • S.

    167

    verändern. Nur in dieser Verbindung ist der Traum typisch; der
    Kern seines Inhaltes mag sonst in allerlei andere Verknüpfungen
    einbezogen werden oder mit individuellen Zuthaten versetzt sein.
    Es handelt sich im Wesentlichen um die peinliche Empfindung von
    der Natur der Scham, dass man seine Nacktheit, meist durch
    Locomotion, verbergen möchte und es nicht zu Stande bringt. Ich
    glaube, die allermeisten meiner Leser werden sich in dieser Situation
    im Traume befunden haben.

    Für gewöhnlich ist die Art und Weise der Entkleidung wenig
    deutlich. Man hört etwa erzählen, ich war im Hemd, aber dies ist
    selten ein klares Bild; meist ist die Unbekleidung so unbestimmt,
    dass sie durch eine Alternative in der Erzählung wiedergegeben
    wird: „Ich war im Hemd oder im Unterrock.“ In der Regel ist
    der Defect der Toilette nicht so arg, dass die dazugehörige
    Scham gerechtfertigt schiene. Für den, der den Rock des Kaisers
    getragen hat, ersetzt sich die Nacktheit häufig durch eine vorschrifts--
    widrige Adjustirung. Ich bin ohne Säbel auf der Strasse und sehe
    Officiere näher kommen, oder ohne Halsbinde, oder trage eine carrirte
    Civilhose u. dgl.

    Die Leute, vor denen man sich schämt, sind fast immer Fremde
    mit unbestimmt gelassenen Gesichtern. Niemals ereignet es sich im
    typischen Traum, dass man wegen der Kleidung, die einem selbst
    solche Verlegenheit bereitet, beanstandet oder auch nur bemerkt wird.
    Die Leute machen ganz im Gegentheil gleichgiltige, oder wie ich es
    in einem besonders klaren Traum wahrnehmen konnte, feierlich steife
    Mienen. Das gibt zu denken.

    Die Schamverlegenheit des Träumers und die Gleichgiltigkeit
    der Leute ergeben mitsammen einen Widerspruch, wie er im Traume
    häufig vorkommt. Zu der Empfindung des Träumenden würde doch
    nur passen, dass die Fremden ihn erstaunt ansehen und verlachen,
    oder sich über ihn entrüsten. Ich meine aber, dieser anstössige Zug
    ist durch die Wunscherfüllung beseitigt worden, während der andere,
    durch irgend welche Macht gehalten, stehen blieb, und so stimmen
    die beiden Stücke dann schlecht zu einander. Wir besitzen ein
    interessantes Zeugnis dafür, dass der Traum in seiner durch Wunsch--
    erfüllung partiell entstellten Form das richtige Verständnis nicht
    gefunden hat. Er ist nämlich die Grundlage eines Märchens geworden,
    welches uns Allen in der Andersen’schen Fassung*) bekannt ist,
    und in der jüngsten Zeit durch L. Fulda im „Talisman“ poetischer
    Verwerthung zugeführt worden ist. Im Andersen’schen Märchen
    wird von zwei Betrügern erzählt, die für den Kaiser ein kostbares
    Gewand weben, das aber nur den Guten und Treuen sichtbar sein
    soll. Der Kaiser geht mit diesem unsichtbaren Gewand bekleidet
    aus, und durch die prüfsteinartige Kraft des Gewebes erschreckt,
    thun alle Leute, als ob sie die Nacktheit des Kaisers nicht merkten.


    *)„Des Kaisers neue Kleider.“

  • S.

    168

    Letzteres ist aber die Situation unseres Traumes. Es gehört
    wohl nicht viel Kühnheit dazu anzunehmen, dass der unverständliche
    Trauminhalt eine Anregung gegeben hat, um eine Einkleidung zu
    erfinden, in welcher die vor der Erinnerung stehende Situation
    sinnreich wird. Dieselbe ist dabei ihrer ursprünglichen Bedeutung
    beraubt und fremden Zwecken dienstbar gemacht worden. Aber wir
    werden hören, dass solches Missverständnis des Trauminhaltes durch
    die bewusste Denktätigkeit eines zweiten psychischen Systems
    häufig vorkommt und als ein Factor für die endgültige Traum-
    gestaltung anzuerkennen ist, ferner, dass bei der Bildung von Zwangs-
    vorstellungen und Phobien ähnliche Missverständnisse – gleichfalls
    innerhalb der nämlichen psychischen Persönlichkeit – eine Haupt-
    rolle spielen. Es lässt sich auch für unseren Traum angeben, woher
    das Material für die Umdeutung genommen wird. Der Betrüger
    ist der Traum, der Kaiser der Träumer selbst, und die moralisirende
    Tendenz verräth eine dunkle Kenntnis davon, dass es sich im
    latenten Trauminhalt um unerlaubte, der Verdrängung geopferte
    Wünsche handelt. Der Zusammenhang, in welchem solche Träume
    während meiner Analysen bei Neurotikern auftreten, lässt nämlich
    keinen Zweifel darüber, dass dem Traume eine Erinnerung aus der
    frühesten Kindheit zu Grunde liegt. Nur in unserer Kindheit gab
    es die Zeit, dass wir in mangelhafter Bekleidung von unseren
    Angehörigen wie von fremden Pflegepersonen, Dienstmädchen,
    Besuchern gesehen wurden, und wir haben uns damals unserer
    Nacktheit nicht geschämt.*) An vielen Kindern noch in späteren
    Jahren kann man beobachten, dass ihre Entkleidung wie berauschend
    auf sie wirkt, anstatt sie zur Scham zu leiten. Sie lachen, springen
    herum, schlagen sich auf den Leib, die Mutter oder wer dabei ist
    verweist es ihnen, sagt: Pfui, das ist eine Schande, das darf man
    nicht. Die Kinder zeigen häufig Exhibitionsgelüste; man kann
    kaum durch ein Dorf in unseren Gegenden gehen, ohne dass man
    einem zwei- bis dreijährigen Kleinen begegnete, welches vor dem
    Wanderer, vielleicht ihm zu Ehren, sein Hemdchen hoch hebt.
    Einer meiner Patienten hat in seiner bewussten Erinnerung eine
    Scene aus seinem achten Lebensjahr bewahrt, wie er nach der
    Entkleidung vor dem Schlafengehen im Hemd zu seiner kleinen
    Schwester im nächsten Zimmer hinaustanzen will, und wie die
    dienende Person es ihm verwehrt. In der Jugendgeschichte von
    Neurotikern spielt die Entblössung vor Kindern des anderen
    Geschlechtes eine grosse Rolle; in der Paranoia ist der Wahn, beim
    An- und Auskleiden beobachtet zu werden, auf diese Erlebnisse
    zurückzuführen; unter den pervers Gebliebenen ist eine Classe, bei
    denen der infantile Impuls zum Symptome erhoben worden ist, die der
    Exhibitionisten.

    *)Das Kind tritt auch im Märchen auf, denn dort ruft plötzlich ein kleines
    Kind: „Aber er hat ja gar nichts an.“

  • S.

    169

    Diese der Scham entbehrende Kindheit erscheint unserer
    Rückschau später als ein Paradies, und das Paradies selbst ist nichts
    Anderes als die Massenphantasie von der Kindheit des Einzelnen.
    Darum sind auch im Paradies die Menschen nackt und schämen sich
    nicht vor einander, bis ein Moment kommt, in dem die Scham und
    die Angst erwachen, die Vertreibung erfolgt, das Geschlechtsleben
    und die Culturarbeit beginnt. In dieses Paradies kann uns nun der
    Traum allnächtlich zurückführen; wir haben bereits der Vermuthung
    Ausdruck gegeben, dass die Eindrücke aus der ersten Kindheit (der
    prähistorischen Periode bis etwa zum vollendeten dritten Jahr) an und
    für sich, vielleicht ohne dass es auf ihren Inhalt weiter ankäme, nach
    Reproduction verlangen, dass deren Wiederholung eine Wunsch-
    -
    erfüllung ist. Die Nacktheitsträume sind also Exhibitionsträume.

    Den Kern des Exhibitionstraumes bildet die eigene Gestalt,
    die nicht als die eines Kindes, sondern wie in der Gegenwart
    gesehen wird, und die mangelhafte Bekleidung, welche durch die
    Ueberlagerung so vieler späterer Negligéerinnerungen oder der Censur
    zur Liebe undeutlich ausfällt; dazu kommen nun die Personen, vor
    denen man sich schämt. Ich kenne kein Beispiel, dass die that-
    -
    sächlichen Zuschauer bei jenen infantilen Exhibitionen im Traume
    wieder auftreten. Der Traum ist eben fast niemals eine einfache
    Erinnerung. Merkwürdiger Weise werden jene Personen, denen
    unser sexuelles Interesse in der Kindheit galt, in allen Reproductionen
    des Traumes, der Hysterie und der Zwangsneurose ausgelassen; erst
    die Paranoia setzt die Zuschauer wieder ein und schliesst, obwohl sie
    unsichtbar geblieben sind, mit fanatischer Ueberzeugung auf ihre
    Gegenwart. Was der Traum für sie einsetzt, „viele fremde Leute“,
    die sich nicht um das gebotene Schauspiel kümmern, ist geradezu
    der Wunschgegensatz zu jener einzelnen, wohlvertrauten Person,
    der man die Entblössung bot. „Viele fremde Leute“ finden sich in
    Träumen übrigens auch häufig in beliebigem anderem Zusammenhang;
    sie bedeuten immer als Wunschgegensatz „Geheimnis“. Man merkt,
    wie auch die Restitution des alten Sachverhaltes, die in der Paranoia
    vor sich geht, diesem Gegensatze Rechnung trägt. Man ist nicht
    mehr allein, man wird ganz gewiss beobachtet, aber die Beobachter
    sind „viele, fremde, merkwürdig unbestimmt gelassene Leute“.

    Ausserdem kommt im Exhibitionstraum die Verdrängung zur
    Sprache. Die peinliche Empfindung des Traumes ist ja die Reaction
    des zweiten psychischen Systems dagegen, dass der von ihr verworfene
    Inhalt der Exhibitionsscene dennoch zur Vorstellung gelangt ist.
    Um sie zu ersparen, hätte die Scene nicht wieder belebt werden dürfen.

    Von der Empfindung des Gehemmtseins werden wir später
    nochmals handeln. Sie dient im Traum vortrefflich dazu, den
    Willensconflict, das Nein, darzustellen. Nach der unbewussten
    Absicht soll die Exhibition fortgesetzt, nach der Forderung der Censur
    unterbrochen werden.

  • S.

    170

    Die Beziehungen unserer typischen Träume zu den Märchen
    und anderen Dichtungsstoffen sind gewiss weder vereinzelte noch
    zufällige. Gelegentlich hat ein scharfes Dichterauge den Umwandlungs-
    process, dessen Werkzeug sonst der Dichter ist, analytisch erkannt
    und ihn in umgekehrter Richtung verfolgt, also die Dichtung auf
    den Traum zurückgeführt. Ein Freund macht mich auf folgende
    Stelle aus G. Keller’s „Grünem Heinrich“ aufmerksam: „Ich wünsche
    Ihnen nicht, lieber Lee, dass Sie jemals die ausgesuchte pikante
    Wahrheit in der Lage des Odysseus, wo er nackt und mit Schlamm
    bedeckt vor Nausikaa und ihren Gespielen erscheint, so recht aus
    Erfahrung empfinden lernen! Wollen Sie wissen, wie das zugeht?
    Halten wir das Beispiel einmal fest. Wenn Sie einst getrennt von
    Ihrer Heimat und Allem, was Ihnen lieb ist, in der Fremde umher-
    schweifen und Sie haben viel gesehen und viel erfahren, haben
    Kummer und Sorge, sind wohl gar elend und verlassen, so wird es
    Ihnen des Nachts unfehlbar träumen, dass Sie sich Ihrer Heimat
    nähern. Sie sehn sie glänzen und leuchten in den schönsten Farben,
    holde, feine und liebe Gestalten treten Ihnen entgegen; da entdecken
    Sie plötzlich, dass Sie zerfetzt, nackt und staubbedeckt umhergehen.
    Eine namenlose Scham und Angst fasst Sie. Sie suchen sich zu
    bedecken, zu verbergen und erwachen im Schweisse gebadet. Dies
    ist, so lange es Menschen gibt, der Traum des kummervollen, umher-
    geworfenen Mannes, und so hat Homer jene Lage aus dem tiefsten
    und ewigen Wesen der Menschheit herausgenommen.“
    Das tiefste und ewige Wesen der Menschen, auf dessen
    Erweckung der Dichter in der Regel bei seinen Hörern baut, das
    sind jene Regungen des Seelenlebens, die in der später prähistorisch
    gewordenen Kinderzeit wurzeln. Hinter den bewusstseinsfähigen
    und einwandfreien Wünschen des Heimatlosen brechen im Traum
    die unterdrückten und unerlaubt gewordenen Kinderwünsche hervor,
    und darum schlägt der Traum, den die Sage von der Nausikaa
    objectivirt, regelmässig in einen Angsttraum um.
    Mein eigener, auf Seite 164 erwähnter Traum von dem Eilen über
    die Treppe, das sich bald nachher in ein An-den-Stufen-Kleben ver-
    wandelt, ist gleichfalls ein Exhibitionstraum, da er die wesentlichen
    Bestandstücke eines solchen aufweist. Er müsste sich also auf
    Kindererlebnisse zurückführen lassen, und die Kenntnis derselben
    müsste einen Aufschluss darüber geben, inwiefern das Benehmen des
    Dienstmädchens gegen mich, ihr Vorwurf, dass ich den Teppich
    schmutzig gemacht habe, ihr zur Stellung verhilft, die sie im Traum
    einnimmt. Ich kann die gewünschten Aufklärungen nun wirklich
    beibringen. In einer Psychoanalyse lernt man die zeitliche Annähe-
    rung auf sachlichen Zusammenhang umdeuten; zwei Gedanken, die,
    anscheinend zusammenhanglos, unmittelbar auf einander folgen,
    gehören zu einer Einheit, die zu errathen ist, ebenso wie ein a und
    ein b, die ich neben einander hinschreibe, als eine Silbe, ab, aus-

  • S.

    171

    gesprochen werden sollen. Aehnlich mit der Au-
    feinanderbeziehung der Träume. Der erwähnte Traum von der Treppe ist aus einer
    Traumreihe herausgegriffen, deren andere Glieder mir der Deutung
    nach bekannt sind. Der von ihnen eingeschlossene Traum muss in
    demselben Zusammenhang gehören. Nun liegt jenen anderen ein-
    schliessenden Träumen die Erinnerung an eine Kinderfrau zu Grunde,
    die mich von irgend einem Termin der Säuglingszeit bis zum Alter
    von 21/2 Jahren betreut hat, von der mir auch eine dunkle Erinnerung
    im Bewusstsein geblieben ist. Nach den Auskünften, die ich unlängst
    von meiner Mutter eingeholt habe, war sie alt und hässlich, aber
    sehr klug und tüchtig; nach den Schlüssen, die ich aus meinen
    Träumen ziehen darf, hat sie mir nicht immer die liebevollste
    Behandlung angedeihen und mich harte Worte hören lassen,
    wenn ich der Erziehung zur Reinlichkeit kein genügendes Verständnis
    entgegen brachte. Indem also das Dienstmädchen dieses Erziehungs-
    werk fortzusetzen sich bemüht, erwirbt sie den Anspruch, von mir
    als Incarnation der prähistorischen Alten im Traum behandelt zu
    werden. Es ist wohl anzunehmen, dass das Kind dieser Erzieherin,
    trotz ihrer schlechten Behandlung, seine Liebe geschenkt hat.*)

    Eine andere Reihe von Träumen, die typisch genannt werden
    dürfen, sind die mit dem Inhalt, dass ein theurer Verwandter, Eltern
    oder Geschwister, Kinder u. s. w. gestorben ist. Man muss sofort von
    diesen Träumen zwei Classen unterscheiden, die einen, bei welchen
    man im Traum von Trauer unberührt bleibt, so dass man sich nach
    dem Erwachen über seine Gefühllosigkeit wundert, die anderen, bei
    denen man tiefen Schmerz über den Todesfall empfindet, ja ihn
    selbst in heissen Thränen während des Schlafes äussert.

    Die Träume der ersten Gruppe dürfen wir bei Seite lassen;
    sie haben keinen Anspruch, als typisch zu gelten. Wenn man sie
    analysirt, findet man, dass sie etwas Anderes bedeuten als sie enthalten,
    dass sie dazu bestimmt sind, irgend einen anderen Wunsch zu ver-
    decken. So der Traum der Tante, die den einzigen Sohn ihrer
    Schwester aufgebahrt vor sich sieht. (Seite 106.) Das bedeutet nicht,
    dass sie dem kleinen Neffen den Tod wünscht, sondern verbirgt nur,
    wie wir erfahren haben, den Wunsch, eine gewisse geliebte Person
    nach langer Entbehrung wieder zu sehen, dieselbe, die sie früher
    einmal nach ähnlich langer Pause bei der Leiche eines anderen
    Neffen wiedergesehen hat. Dieser Wunsch, welcher der eigentliche
    Inhalt des Traumes ist, gibt keinen Anlass zur Trauer, und darum
    wird auch im Traum keine Trauer verspürt. Man merkt es hier,
    dass die im Traum enthaltene Empfindung nicht zum manifesten

    *)Eine Ueberdeutung dieses Traumes: Auf der Treppe spucken, das führte,
    da „Spucken“ eine Thätigkeit der Geister ist, bei loser Uebersetzung zum „esprit
    d’escalier.“ Treppenwitz heisst so viel als Mangel an Schlagfertigkeit. Den habe
    ich mir wirklich vorzuwerfen. Ob aber die Kinderfrau es an „Schlagfertigkeit“
    hat fehlen lassen?

  • S.

    172

    Trauminhalt gehört, sondern zum latenten, dass der Affectinhalt des
    Traumes von der Entstellung frei geblieben ist, welche den Vor-
    stellungsihalt betroffen hat.

    Anders die Träume, in denen der Tod einer geliebten ver-
    wandten Person vorgestellt und dabei schmerzlicher Affect verspürt
    wird. Diese bedeuten, was ihr Inhalt besagt, den Wunsch, dass die
    betreffende Person sterben möge, und da ich hier erwarten darf, dass
    sich die Gefühle aller Leser und aller Personen, die Aehnliches
    geträumt haben, gegen meine Auslegung sträuben werden, muss ich
    den Beweis auf der breitesten Basis anstreben.

    Wir haben bereits einen Traum erläutert, aus dem wir
    lernen konnten, dass die Wünsche, welche sich in Träumen als
    erfüllt darstellen, nicht immer actuelle Wünsche sind. Es können
    auch verflossene, abgethane, überlagerte und verdrängte Wünsche
    sein, denen wir nur wegen ihres Wiederauftauchens im Traum doch
    eine Art von Fortexistenz zusprechen müssen. Sie sind nicht todt
    wie die Verstorbenen nach unserem Begriff, sondern wie die Schatten
    der Odyssee, die, sobald sie Blut getrunken haben, zu einem gewissen
    Leben erwachen. In jenem Traum vom todten Kind in der Schachtel
    (Seite 107) handelte es sich um einen Wunsch, der vor fünfzehn Jahren
    actuell war und von damals her unumwunden eingestanden wurde. Es
    ist vielleicht für die Theorie des Traumes nicht gleichgiltig, wenn ich
    hinzufüge, dass selbst diesem Wunsch eine Erinnerung aus der frühesten
    Kindheit zu Grunde liegt. Die Träumerin hatte als kleines Kind –
    wann, ist nicht sicher festzustellen – gehört, dass ihre Mutter in
    der Schwangerschaft, deren Frucht sie wurde, in eine schwere Ver-
    stimmung verfallen war und dem Kinde in ihrem Leibe sehnlichst
    den Tod gewünscht hatte. Selbst erwachsen und gravid geworden,
    folgte sie nur dem Beispiele der Mutter.

    Wenn Jemand unter Schmerzensäusserungen davon träumt, sein
    Vater oder seine Mutter, Bruder oder Schwester seien gestorben, so
    werde ich diesen Traum niemals als Beweis dafür verwenden, dass
    er ihnen jetzt den Tod wünscht. Die Theorie des Traumes fordert
    nicht so viel; sie begnügt sich zu schliessen, dass er ihnen – irgend-
    einmal in der Kindheit – den Tod gewünscht habe. Ich fürchte
    aber, diese Einschränkung wird noch wenig zur Beruhigung der
    Beschwerdeführer beitragen; diese dürften ebenso energisch die Mög-
    lichkeit bestreiten, dass sie je so gedacht haben, wie sie sich sicher
    fühlen, nicht in der Gegenwart solche Wünsche zu hegen. Ich muss
    darum ein Stück vom untergegangenen Kinderseelenleben nach den
    Zeugnissen, die noch die Gegenwart aufweist, wieder herstellen.

    Fassen wir zunächst das Verhältnis der Kinder zu ihren
    Geschwistern in’s Auge. Ich weiss nicht, warum wir voraussetzen,
    es müsse ein liebevolles sein, da doch die Beispiele von Geschwister-
    feindschaft unter Erwachsenen in der Erfahrung eines Jeden sich
    drängen, und wir so oft feststellen können, diese Entzweiung rühre

  • S.

    173

    noch aus der Kindheit her, oder habe von jeher bestanden. Aber
    auch sehr viele Erwachsene, die heute an ihren Geschwistern zärtlich
    hängen und ihnen beistehen, haben in ihrer Kindheit in kaum unter-
    brochener Feindschaft mit ihnen gelebt. Das ältere Kind hat das
    jüngere misshandelt, angeschwärzt, es seiner Spielsachen beraubt;
    das jüngere hat sich in ohnmächtiger Wuth gegen das ältere ver-
    zehrt, es beneidet und gefürchtet, oder seine ersten Regungen von
    Freiheitsdrang und Rechtsbewusstsein haben sich gegen den Unter-
    drücker gewendet. Die Eltern sagen, die Kinder vertragen sich
    nicht, und wissen den Grund hiefür nicht zu finden. Es ist nicht schwer
    zu sehen, dass auch der Charakter des braven Kindes ein anderer
    ist, als wir ihn bei einem Erwachsenen zu finden wünschen. Das Kind
    ist absolut egoistisch, es empfindet seine Bedürfnisse intensiv und
    strebt rücksichtslos nach ihrer Befriedigung, insbesondere gegen seine
    Mitbewerber, andere Kinder, und in erster Linie gegen seine
    Geschwister. Wir heissen es das Kind aber darum nicht „schlecht“, wir
    heissen es „schlimm“; es ist unverantwortlich für seine bösen Thaten
    vor unserem Urtheil wie vor dem Strafgesetz. Und das mit Recht;
    denn wir dürfen erwarten, dass noch innerhalb von Lebenszeiten,
    die wir der Kindheit zurechnen, in dem kleinen Egoisten die
    altruistischen Regungen und die Moral erwachen werden, dass, mit
    Meynert zu reden, ein secundäres Ich das primäre überlagern und
    hemmen wird. Wohl entsteht die Moralität nicht gleichzeitig auf
    der ganzen Linie, auch ist die Dauer der morallosen Kindheits-
    periode bei den einzelnen Individuen verschieden lang. Wo die
    Entwickelung dieser Moralität ausbleibt, sprechen wir gerne von
    „Degeneration“; es handelt sich offenbar um eine Entwickelungs-
    hemmung. Wo der primäre Charakter durch die spätere Ent-
    wickelung bereits überlagert ist, kann er durch die Erkrankung an
    Hysterie wenigstens partiell wieder frei gelegt werden. Die Ueber-
    einstimmung des sogenannten hysterischen Charakters mit dem eines
    schlimmen Kindes ist geradezu auffällig. Die Zwangsneurose hin-
    gegen entspricht einer Uebermoralität, als verstärkende Belastung
    dem sich wieder regenden primären Charakter auferlegt.
    Viele Personen also, die heute ihre Geschwister lieben und sich
    durch ihr Hinsterben beraubt fühlen würden, tragen von früher her
    böse Wünsche gegen dieselben in ihrem Unbewussten, welche sich
    in Träume zu realisiren vermögen. Es ist aber ganz besonders
    interessant, kleine Kinder bis zu drei Jahren oder wenig darüber in
    ihrem Verhalten gegen jüngere Geschwister zu beobachten. Das
    Kind war bisher das Einzige; nun wird ihm angekündigt, dass der
    Storch ein neues Kind gebracht hat. Das Kind mustert den An-
    kömmling und äussert dann entschieden: „Der Storch soll es wieder
    mitnehmen.“ Ich bekenne mich in allem Ernst zur Meinung, dass
    das Kind abzuschätzen weiss, welche Benachtheiligung es von dem
    Fremdling zu erwarten hat. Von einer mir nahestehenden Dame,

  • S.

    174

    die sich heute mit ihrer um vier Jahre jüngeren Schwester sehr gut
    verträgt, weiss ich, dass sie die Nachricht von deren Ankunft mit
    dem Vorbehalt beantwortet hat: „Aber meine rothe Kappe werde
    ich ihr doch nicht geben.“ Sollte das Kind erst später zu dieser Er-
    kenntnis kommen, so wird seine Feindseligkeit in diesem Zeitpunkt
    erwachen. Ich kenne einen Fall, dass ein nicht dreijähriges Mädchen
    den Säugling in der Wiege zu erwürgen versuchte, von dessen
    weiterer Anwesenheit ihr nichts Gutes ahnte. Der Eifersucht sind
    Kinder um diese Lebenszeit in aller Stärke und Deutlichkeit fähig.
    Oder das kleine Geschwisterchen ist wirklich bald wieder ver-
    schwunden, das Kind hat wieder alle Zärtlichkeit im Hause auf sich
    vereinigt, nun kommt ein neues vom Storch geschickt; ist es da
    nicht correct, dass unser Liebling den Wunsch in sich erschaffen
    sollte, der seine Concurrent möge dasselbe Schicksal haben wie der
    frühere, damit es ihm wieder so gut gehe wie vorhin und in der
    Zwischenzeit? Natürlich ist dieses Verhalten des Kindes gegen die
    Nachgeborenen in normalen Verhältnissen eine einfache Function
    des Altersunterschiedes. Bei einem gewissen Intervall werden sich
    in dem älteren Mädchen bereits die mütterlichen Instincte gegen das
    hilflose Neugeborene regen.

    Empfindungen von Feindseligkeit gegen die Geschwister müssen
    im Kindesalter noch weit häufiger sein, als sie der stumpfen Beobach-
    tung Erwachsener auffallen.

    Bei meinen eigenen Kindern, die einander rasch folgten, habe
    ich die Gelegenheit zu solchen Beobachtungen versäumt; ich hole sie
    jetzt bei meinem kleinen Neffen nach, dessen Alleinherrschaft nach
    15 Monaten durch das Auftreten einer Mitbewerberin gestört wurde.
    Ich höre zwar, dass der junge Mann sich sehr ritterlich gegen das
    Schwesterchen benimmt, ihr die Hand küsst und sie streichelt; ich über-
    zeuge mich aber, dass er schon vor seinem vollendeten zweiten Jahr seine
    Sprachfähigkeit dazu benutzt, um Kritik an der ihm doch nur über-
    flüssig erscheinenden Person zu üben. So oft die Rede auf sie kommt,
    mengt er sich in’s Gespräch und ruft unwillig: Zu k(l)ein, zu k(l)ein.
    In den letzten Monaten, seitdem das Kind sich durch vortreffliche
    Entwickelung dieser Geringschätzung entzogen hat, weiss er seine
    Mahnung, dass sie so viel Aufmerksamkeit nicht verdient, anders zu
    begründen. Er erinnert bei allen geeigneten Anlässen daran: Sie
    hat keine Zähne. Von dem ältesten Mädchen einer anderen Schwester
    haben wir alle die Erinnerung bewahrt, wie das damals sechsjährige
    Kind sich eine halbe Stunde lang von allen Tanten bestätigen liess:
    „Nicht wahr, das kann die Lucie noch nicht verstehen?“ Lucie war
    die um 21/2 Jahre jüngere Concurrentin.

    Den gesteigerten Feindseligkeit entsprechenden Traum vom
    Tod der Geschwister habe ich z. B. bei keiner meiner Patientinnen
    vermisst. Ich fand nur eine Ausnahme, die sich leicht in eine Be-
    stätigung der Regel umdeuten liess. Als ich einst einer Dame

  • S.

    175

    während einer Sitzung diesen Sachverhalt erklärte, der mir bei dem
    Symptom an der Tagesordnung in Betracht zu kommen schien, ant-
    wortete sie mir zu meinem Erstaunen, sie habe solche Träume nie
    gehabt. Ein anderer Traum fiel ihr aber ein, der angeblich damit
    nichts zu schaffen hatte, ein Traum, den sie mit vier Jahren zuerst,
    als damals Jüngste, und dann wiederholt geträumt hatte. „Eine
    Menge Kinder, alle ihre Brüder, Schwestern, Cousins
    und Cousinen tummelten sich auf einer Wiese. Plötz-
    lich bekamen sie Flügel, flogen auf und waren weg.“
    Von der Bedeutung des Traumes hatte sie keine Ahnung; es wird
    uns nicht schwer fallen, einen Traum vom Tod aller Geschwister
    in seiner ursprünglichen durch die Censur wenig beeinflussten Form
    darin zu erkennen. Ich getraue mich folgende Analyse unterzu-
    schieben. Bei dem Tode Eines aus der Kinderschaar – die
    Kinder zweier Brüder wurden in diesem Falle in geschwisterlicher
    Gemeinschaft aufgezogen – wird unsere noch nicht vierjährige Träu-
    merin eine weise erwachsene Person gefragt haben: Was wird denn
    aus den Kindern, wenn sie todt sind? Die Antwort wird gelautet
    haben: Dann bekommen sie Flügel und werden Engel. Im Traum
    nach dieser Aufklärung haben nun die Geschwister alle Flügel wie
    die Engel und – was die Hauptsache ist – sie fliegen weg. Unsere
    kleine Engelmacherin bleibt allein, man denke, das Einzige nach
    einer solchen Schaar! Dass sich die Kinder auf einer Wiese tum-
    meln, von der sie wegfliegen, deutet kaum missverständlich auf
    Schmetterlinge hin, als ob dieselbe Gedankenverbindung das Kind
    geleitet hätte, welches die Alten bewog, die Psyche mit Schmetter-
    lingsflügeln zu bilden.

    Vielleicht wirft nun Jemand ein, die feindseligen Impulse der
    Kinder gegen ihre Geschwister seien wohl zuzugeben, aber wie
    käme das Kindergemüt zu der Höhe von Schlechtigkeit, dem Mit-
    bewerber oder stärkeren Spielgenossen gleich den Tod zu wünschen,
    als ob alle Vergehen nur durch die Todesstrafe zu sühnen seien?
    Wer so spricht, erwägt nicht, dass die Vorstellung des Kindes vom
    „Todtsein“ mit der unserigen das Wort und dann nur noch wenig
    Anderes gemein hat. Das Kind weiss nichts von den Greueln der
    Verwesung, vom Frieren im kalten Grab, vom Schrecken des end-
    losen Nichts, das der Erwachsene, wie alle Mythen vom Jenseits
    zeugen, in seiner Vorstellung so schlecht verträgt. Die Furcht vor
    dem Tode ist ihm fremd, darum spielt es mit dem grässlichen Wort
    und droht einem anderen Kind: „Wenn Du das noch einmal thust,
    wirst Du sterben, wie der Franz gestorben ist,“ wobei es die arme
    Mutter schaudernd überläuft, die vielleicht nicht daran vergessen
    kann, dass die grössere Hälfte der erdgeborenen Menschen ihr
    Leben nicht über die Jahre der Kindheit bringt. Noch mit acht
    Jahren kann das Kind, von einem Gang durch das Naturhistorische
    Museum heimgekehrt, seiner Mutter sagen: „Mama, ich habe Dich so

  • S.

    176

    lieb; wenn Du einmal stirbst, lasse ich Dich ausstopfen und stelle Dich
    hier im Zimmer auf, damit ich Dich immer, immer sehen kann!“ So
    wenig gleicht die kindliche Vorstellung vom Gestorbensein der unsrigen.
    Gestorben sein heisst für das Kind, welchem ja überdies die
    Scenen des Leidens vor dem Tode zu sehen erspart wird, so viel als
    „fort sein“, die Ueberlebenden nicht mehr stören. Es unterscheidet
    nicht, auf welche Art diese Abwesenheit zu Stande kommt, ob durch
    Verreisen, Entfremdung oder Tod. Wenn in den prähistorischen
    Jahren eines Kindes seine Kinderfrau weggeschickt worden und
    einige Zeit darauf seine Mutter gestorben ist, so liegen für seine
    Erinnerung, wie man sie in der Analyse aufdeckt, beide Ereignisse
    in einer Reihe über einander. Dass das Kind die Abwesenden nicht
    sehr intensiv vermisst, hat manche Mutter zu ihrem Schmerz er-
    fahren, wenn sie nach mehrwöchentlicher Sommerreise in ihr Haus
    zurückkehrte und auf ihre Erkundigung hören musste: Die Kinder
    haben nicht ein einziges Mal nach der Mama gefragt. Wenn sie
    aber wirklich in jenes „unentdeckte Land“ verreist ist, „von des
    Bezirk kein Wanderer wiederkehrt,“ so scheinen die Kinder sie
    zunächst vergessen zu haben und erst nachträglich beginnen sie,
    sich an die Todte zu erinnern.

    Wenn das Kind also Motive hat, die Abwesenheit eines anderen
    Kindes zu wünschen, so mangelt ihm jede Abhaltung, diesen Wunsch
    in die Form zu kleiden, es möge todt sein, und die psychische
    Reaction auf den Todeswunschtraum beweist, dass trotz aller Ver-
    schiedenheit im Inhalt der Wunsch beim Kinde doch irgendwie das
    Nämliche ist wie der gleichlautende Wunsch des Erwachsenen.

    Wenn nun der Todeswunsch des Kindes gegen seine Geschwister
    erklärt wird durch den Egoismus des Kindes, der sie die Geschwister
    als Mitbewerber auffassen lässt, wie soll sich der Todeswunsch gegen
    die Eltern erklären, die für das Kind die Spender von Liebe und
    Erfüller seiner Bedürfnisse sind, deren Erhaltung es gerade aus
    egoistischen Motiven wünschen sollte?

    Zur Lösung dieser Schwierigkeit leitet uns die Erfahrung, dass
    die Träume vom Tode der Eltern überwiegend häufig den Theil des
    Elternpaares betreffen, der das Geschlecht des Träumers theilt, dass
    also der Mann zumeist vom Tode des Vaters, das Weib vom Tode
    der Mutter träumt. Ich kann dies nicht als regelmässig hinstellen,
    aber das Ueberwiegen in dem angedeuteten Sinne ist so deutlich, dass es
    eine Erklärung durch ein Moment von allgemeiner Bedeutung fordert.
    Es verhält sich – grob ausgesprochen – so, als ob eine sexuelle
    Vorliebe sich frühzeitig geltend machen würde, als ob der Knabe im
    Vater, das Mädchen in der Mutter den Mitbewerber in der Liebe
    erblickte, durch dessen Beseitigung ihm nur Vortheil erwachsen kann.
    Ehe man diese Vorstellung als ungeheuerlich verwirft, möge
    man auch hier die realen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern
    in’s Auge fassen. Man hat zu sondern, was die Culturforderung der

  • S.

    177

    Pietät von diesem Verhältnis verlangt, und was die tägliche Beobach-
    tung als thatsächlich ergibt. In der Beziehung zwischen Eltern und
    Kindern liegen mehr als nur ein Anlass zur Feindseligkeit ver-
    borgen; die Bedingungen für das Zustandekommen von Wünschen,
    welche vor der Censur nicht bestehen, sind im reichsten Ausmasse
    gegeben. Verweilen wir zunächst bei der Relation zwischen Vater
    und Sohn. Ich meine die Heiligkeit, die wir den Vorschriften des
    Dekalogs zuerkannt haben, stumpft unseren Sinn für die Wahr-
    nehmung der Wirklichkeit ab. Wir getrauen uns vielleicht kaum
    zu merken, dass der grössere Theil der Menschheit sich über die
    Befolgung des vierten Gebotes hinaussetzt. In den tiefsten wie in
    den höchsten Schichten der menschlichen Gesellschaft pflegt die
    Pietät gegen die Eltern vor anderen Interessen zurückzutreten. Die
    dunklen Nachrichten, die in Mythologie und Sage aus der Urzeit
    der menschlichen Gesellschaft auf uns gekommen sind, geben von
    der Machtfülle des Vaters und von der Rücksichtslosigkeit, mit der
    sie gebraucht wurde, eine unerfreuliche Vorstellung. Kronos ver-
    schlingt seine Kinder, etwa wie der Eber den Wurf des Mutter-
    schweines, und Zeus entmannt den Vater und setzt sich als Herrscher
    an seine Stelle. Je unumschränkter der Vater in der alten Familie
    herrschte, desto mehr muss der Sohn als berufener Nachfolger in
    die Lage des Feindes gerückt, desto grösser muss seine Ungeduld
    geworden sein, durch den Tod des Vaters selbst zur Herrschaft zu
    gelangen. Noch in unserer bürgerlichen Familie pflegt der Vater
    durch die Verweigerung der Selbstbestimmung und der dazu nötigen
    Mittel an den Sohn dem natürlichen Keim zur Feindschaft, der in
    dem Verhältnisse liegt, zur Entwickelung zu verhelfen. Der Arzt
    kommt oft genug in die Lage zu bemerken, dass der Schmerz über
    den Verlust des Vaters beim Sohne die Befriedigung über die endlich
    erlangte Freiheit nicht unterdrücken kann. Den Rest, den in unserer
    heutigen Gesellschaft arg antiquirten potestas patris familias pflegt
    jeder Vater krampfhaft festzuhalten, und jeder Dichter ist der
    Wirkung sicher, der wie Ibsen den uralten Kampf zwischen Vater
    und Sohn in den Vordergrund seiner Fabeln rückt. Die Anlässe
    zu Conflicten zwischen Tochter und Mutter ergeben sich, wenn die
    Tochter heranwächst und in der Mutter die Wächterin findet,
    während sie nach sexueller Freiheit begehrt, die Mutter aber durch
    das Aufblühen der Tochter gemahnt wird, dass für sie die Zeit
    gekommen ist, sexuellen Ansprüchen zu entsagen.

    Alle diese Verhältnisse liegen offenkundig da vor Jedermanns
    Augen. Sie fördern uns aber nicht bei der Absicht, die Träume
    vom Tod der Eltern zu erklären, welche sich bei Personen finden,
    denen die Pietät gegen die Eltern längst etwas Unantastbares
    geworden ist. Auch sind wir durch die vorhergehenden Erörterungen
    darauf vorbereitet, dass sich der Todeswunsch gegen die Eltern aus
    der frühesten Kindheit ableiten wird.

    Freud, Traumdeutung.

  • S.

    178

    Mit einer alle Zweifel ausschliessenden Sicherheit bestätigt sich
    diese Vermuthung für die Psychoneurotiker bei den mit ihnen vor-
    genommenen Analysen. Man lernt hiebei, dass sehr frühzeitig die
    sexuellen Wünsche des Kindes erwachen, – soweit sie im keimenden
    Zustande diesen Namen verdienen – und dass die erste Neigung
    des Mädchens dem Vater, die ersten infantilen Begierden des Knaben
    der Mutter gehört. Der Vater wird somit für den Knaben, die
    Mutter für das Mädchen zum störenden Mitbewerber, und wie wenig
    für das Kind dazu gehört, damit diese Empfindung zum Todeswunsch
    führe, haben wir bereits für den Fall der Geschwister ausgeführt.
    Die sexuelle Auswahl macht sich in der Regel bereits bei den Eltern
    geltend; ein natürlicher Zug sorgt dafür, dass der Mann die kleinen
    Töchter verzärtelt, die Frau den Söhnen die Stange hält, während
    beide wo der Zauber des Geschlechts ihr Urtheil nicht verstört, mit
    Strenge für die Erziehung der Kleinen wirken. Das Kind bemerkt
    die Bevorzugung sehr wohl und lehnt sich gegen den Theil des
    Elternpaares auf, der sich ihr widersetzt. Liebe bei dem Erwachse-
    nen zu finden ist ihm nicht nur die Befriedigung eines besonderen
    Bedürfnisses, sondern bedeutet auch, dass in allen anderen Stücken
    seinem Willen nachgegeben wird. So folgt es dem eigenen sexuellen
    Triebe und erneuert gleichzeitig die von den Eltern ausgehende
    Anregung, wenn es seine Wahl zwischen den Eltern im gleichen
    Sinne wie diese trifft.

    Von den Zeichen dieser infantilen Neigungen seitens der Kinder
    pflegt man die meisten zu übersehen; einige kann man auch nach
    den ersten Kinderjahren bemerken. Ein achtjähriges Mädchen
    meiner Bekanntschaft benützt die Gelegenheit, wenn die Mutter vom
    Tische abberufen wird, um sich als ihre Nachfolgerin zu procla-
    miren. „Jetzt will ich die Mama sein. Karl, willst Du noch Gemüse?
    Nimm doch, ich bitte Dich“ u. s. w. Ein besonders begabtes und
    lebhaftes Mädchen von nicht vier Jahren, an der dies Stück Kinder
    psychologie besonders durchsichtig ist, äussert direct: „Jetzt kann
    das Muatterl einmal fortgehen, dann muss das Vaterl mich heiraten,
    und ich will seine Frau sein.“ Im Kinderleben schliesst dieser
    Wunsch durchaus nicht aus, dass das Kind auch seine Mutter zärt-
    lich liebe. Wenn der kleine Knabe neben der Mutter schlafen darf,
    sobald der Vater verreist ist, und nach dessen Rückkehr in’s Kinder-
    zimmer zurück muss zu einer Person, die ihm weit weniger gefällt,
    so mag sich leicht der Wunsch bei ihm gestalten, dass der Vater
    immer abwesend sein möge, damit er seinen Platz bei der lieben,
    schönen Mama behalten kann, und ein Mittel zur Erreichung dieses
    Wunsches ist es offenbar, wenn der Vater todt ist, denn das Eine
    hat ihn seine Erfahrung gelehrt: „Todte“ Leute, wie der Grosspapa
    z. B., sind immer abwesend, kommen nie wieder.
    Wenn sich solche Beobachtungen an kleinen Kindern der
    vorgeschlagenen Deutung zwanglos fügen, so ergeben sie allerdings

  • S.

    179

    nicht die volle Ueberzeugung, welche die Psychoanalysen erwachsener
    Neurotiker dem Arzte aufdrängen. Die Mittheilung der betreffenden
    Träume erfolgt hier mit solchen Einleitungen, dass ihre Deutung als
    Wunschträume unausweichlich wird. Ich finde eines Tages eine
    Dame betrübt und verweint. Sie sagt: Ich will meine Verwandten
    nicht mehr sehen, es muss ihnen ja vor mir grausen. Dann erzählt
    sie fast ohne Ueberzeug-
    ung, dass sie sich an einen Traum erinnert,
    dessen Bedeutung sie natürlich nicht kennt. Sie hat ihn mit vier
    Jahren geträumt, er lautet folgendermassen: Ein Luchs oder
    Fuchs geht auf dem Dache spazieren, dann fällt etwas
    herunter oder sie fällt herunter, und dann trägt man
    die Mutter todt aus dem Hause, wobei sie schmerzlich weint.
    Ich habe ihr kaum mitgetheilt, dass dieser Traum den Wunsch aus
    ihrer Kindheit bedeuten muss, die Mutter todt zu sehen, und dass
    sie dieses Traumes wegen meinen muss, die Verwandten grausen
    sich vor ihr, so liefert sie bereits etwas Material, den Traum auf
    zuklären. „Luchsaug“ ist ein Schimpfwort, mit dem sie einmal als
    ganz kleines Kind von einem Gassenjungen belegt wurde; ihrer
    Mutter ist, als das Kind drei Jahre alt war, ein Ziegelstein vom
    Dach auf den Kopf gefallen, so dass sie heftig geblutet hat.

    Ich hatte einmal Gelegenheit, ein junges Mädchen, das ver-
    schiedene psychische Zustände durchmachte, eingehend zu studiren.
    In einer tobsüchtigen Verworrenheit, mit der die Krankheit begann,
    zeigte die Kranke eine ganz besondere Abneigung gegen ihre
    Mutter, schlug und beschimpfte sie, sobald sie sich dem Bette näherte,
    während sie gegen eine um Vieles ältere Schwester zu derselben Zeit
    liebevoll und gefügig blieb. Dann folgte ein klarer, aber etwas apa-
    thischer Zustand mit sehr gestörtem Schlaf; in dieser Phase begann
    ich die Behandlung und analysirte ihre Träume. Eine Unzahl der
    selben handelte mehr oder minder verhüllt vom Tode der Mutter:
    bald wohnte sie dem Leichenbegängnis einer alten Frau bei, bald
    sah sie sich und ihre Schwester in Trauerkleidern bei Tische sitzen;
    es blieb über den Sinn dieser Träume kein Zweifel. Bei noch weiter
    fortschreitender Besserung traten hysterische Phobien auf; die
    quälendste darunter war, dass der Mutter etwas geschehen sei. Von
    wo sie immer sich befand, musste sie dann nach Hause eilen,
    um sich zu überzeugen, dass die Mutter noch lebe. Der Fall war nun,
    zusammengehalten mit meinen sonstigen Erfahrungen, sehr lehrreich;
    er zeigte in gleichsam mehrsprachiger Uebersetzung verschiedene
    Reaktionsweisen des psychischen Apparates auf dieselbe erregende
    Vorstellung. In der Verworrenheit, die ich als Ueberwältigung
    der zweiten psychischen Instanz durch die sonst unterdrückte erste
    auffasse, wurde die unbewusste Feindseligkeit gegen die Mutter
    motorisch mächtig; als dann die erste Beruhigung eintrat, der Aufruhr
    unterdrückt, die Herrschaft der Censur wieder hergestellt war, blieb
    dieser Feindseligkeit nur mehr das Gebiet des Träumens offen, um

    12*

  • S.

    180

    den Wunsch nach ihrem Tod zu verwirklichen; als das Normale
    sich noch weiter gestärkt hatte, schuf es als hysterische Gegensatz-
    reaction und Abwehrerscheinung die übermässige Sorge um die
    Mutter. In diesem Zusammenhange ist es nicht mehr unerklärlich,
    warum die hysterischen Mädchen so oft überzärtlich an ihren Müttern
    hängen.

    Ein andermal hatte ich Gelegenheit, tiefe Einblicke in das un-
    bewusste Seelenleben eines jungen Mannes zu thun, der durch
    Zwangsneurose fast existenzunfähig, nicht auf die Strasse gehen
    konnte, weil ihn die Sorge quälte, er bringe alle Leute, die an ihm
    vorbeigingen, um. Er verbrachte seine Tage damit, die Beweisstücke
    für sein Alibi in Ordnung zu halten, falls die Anklage wegen eines
    der in der Stadt vorgefallenen Morde gegen ihn erhoben werden
    sollte. Ueberflüssig zu bemerken, dass er ein ebenso moralischer wie
    fein gebildeter Mensch war. Die – übrigens zur Heilung führende
    – Analyse deckte als die Begründung dieser peinlichen Zwangsvor-
    stellung Mordimpulse gegen seinen etwas überstrengen Vater auf,
    die sich, als er sieben Jahre alt war, zu seinem Erstaunen bewusst
    geäussert hatten, aber natürlich aus weit früheren Kindesjahren
    stammten. Nach der qualvollen Krankheit und dem Tode des Vaters
    trat im 31. Lebensjahr der Zwangsvorwurf auf, der sich in Form
    jener Phobie auf Fremde übertrug. Wer im Stande war, seinen
    eigenen Vater von einem Berggipfel in den Abgrund stossen zu
    wollen, dem ist allerdings zuzutrauen, dass er auch das Leben ferner
    Stehender nicht schone; der thut darum recht daran, sich in seine
    Zimmer einzuschliessen.

    Nach meinen bereits zahlreichen Erfahrungen spielen die Eltern
    im Kinderseelenleben aller späteren Psychoneurotiker die Hauptrolle,
    und Verbrechen gegen den einen, Hass gegen den anderen Theil
    des Elternpaares gehören zum eisernen Bestand des in jener Zeit
    gebildeten und für die Symptomatik der späteren Neurose so be-
    deutsamen Materials an psychischen Regungen. Ich glaube aber
    nicht, dass die Psychoneurotiker sich hierin von anderen normal
    verbleibenden Menschenkindern scharf sondern, indem sie absolut
    Neues und ihnen Eigenthümliches zu schaffen vermögen. Es ist bei
    Weitem wahrscheinlicher und wird durch gelegentliche Beobach-
    tungen an normalen Kindern unterstützt, dass sie auch mit diesen
    verliebten und feindseligen Wünschen gegen ihre Eltern uns nur
    durch die Vergrösserung kenntlich machen, was minder deutlich und
    weniger intensiv in der Seele der meisten Kinder vorgeht. Das
    Alterthum hat uns zur Unterstützung dieser Erkenntnis einen Sagen-
    stoff überliefert, dessen durchgreifende und allgemeingiltige Wirk-
    samkeit nur durch eine ähnliche Allgemeingiltigkeit der besprochenen
    Voraussetzung aus der Kinderpsychologie verständlich wird.

    Ich meine die Sage vom König Oedipus und das gleich-
    namige Drama des Sophokles. Oedipus, der Sohn des Laios,

  • S.

    181

    Königs von Theben, und der Jokaste wird als Säugling ausgesetzt,
    weil ein Orakel dem Vater verkündet hatte, der noch ungeborene
    Sohn werde sein Mörder sein. Er wird gerettet und wächst als
    Königssohn an einem fremden Hofe auf, bis er seiner Herkunft
    unsicher selbst das Orakel befragt und von ihm den Rath erhält,
    die Heimat zu meiden, weil er der Mörder seines Vaters und der
    Ehegemahl seiner Mutter werden müsste. Auf dem Wege von seiner
    vermeintlichen Heimat weg trifft er mit König Laios zusammen
    und erschlägt ihn in rasch entbranntem Streit. Dann kommt er vor
    Theben, wo er die Räthsel der den Weg sperrenden Sphinx
    löst und zum Dank dafür von den Thebanern zum König gewählt
    und mit Jokaste’s Hand beschenkt wird. Er regiert lange Zeit
    in Frieden und Würde und zeugt mit der ihm unbekannten Mutter
    zwei Söhne und zwei Töchter, bis eine Pest ausbricht, welche eine
    neuerliche Befragung des Orakels von Seiten der Thebaner ver-
    anlasst. Hier setzt die Tragödie des Sophokles ein. Die Boten
    bringen den Bescheid, dass die Pest aufhören werde, wenn der
    Mörder des Laios aus dem Lande getrieben sei. Wo aber weilt der?
    „Wo findet sich
    die schwererkennbar dunkle Spur der alten Schuld?“2)

    2)(Uebersetzung von Donner, v. 109.)

    Die Handlung des Stückes besteht nun in nichts anderem als
    in der schrittweise gesteigerten und kunstvoll verzögerten Enthüllung
    – der Arbeit einer Psychoanalyse vergleichbar – dass Oedipus
    selbst der Mörder des Laios, aber auch der Sohn des Ermordeten
    und der Jokaste ist. Durch seine unwissentlich verübten Greuel er-
    schüttert, blendet sich Oedipus und verlässt die Heimat. Der
    Orakelspruch ist erfüllt.

    König Oedipus ist eine sogenannte Schicksalstragödie; ihre
    tragische Wirkung soll auf dem Gegensatz zwischen dem übermächtigen
    Willen der Götter und dem vergeblichen Sträuben der vom Unheil
    bedrohten Menschen beruhen; Ergebung in den Willen der Gottheit,
    Einsicht in die eigene Ohnmacht soll der tief ergriffene Zuschauer
    aus dem Trauerspiele lernen. Folgerichtig haben moderne Dichter
    es versucht, eine ähnliche tragische Wirkung zu erzielen, indem sie
    den nämlichen Gegensatz mit einer selbsterfundenen Fabel verwoben.
    Allein die Zuschauer haben ungerührt zugesehen, wie trotz alles Sträu-
    bens schuldloser Menschen ein Fluch oder Orakelspruch sich an ihnen
    vollzog; die späteren Schicksalstragödien sind ohne Wirkung geblieben.
    Wenn der König Oedipus den modernen Menschen nicht
    minder zu erschüttern weiss als den zeitgenössischen Griechen, so kann
    die Lösung wohl nur darin liegen, dass die Wirkung der griechischen
    Tragödie nicht auf dem Gegensatz zwischen Schicksal und Menschen-
    willen ruht, sondern in der Besonderheit des Stoffes zu suchen ist,
    an welchem dieser Gegensatz erwiesen wird. Es muss eine Stimme
    in unserem Innern geben, welche die zwingende Gewalt des Schick-

  • S.

    182

    sals im Oedipus anzuerkennen bereit ist, während wir Verfügungen
    wie in der „Ahnfrau“ oder in anderen Schicksalstragödien als
    willkürliche zurückzuweisen vermögen. Und ein solches Moment ist in
    der That in der Geschichte des Königs Oedipus enthalten. Sein Schick-
    sal ergreift uns nur darum, weil es auch das unserige hätte werden
    können, weil das Orakel vor unserer Geburt denselben Fluch über uns
    verhängt hat wie über ihn. Uns allen vielleicht war es beschieden, die
    erste sexuelle Regung auf die Mutter, den ersten Haß und gewaltthäti-
    gen Wunsch gegen den Vater zu richten; unsere Träume überzeugen
    uns davon. König Oedipus, der seinen Vater Laios erschlagen
    und seine Mutter Jokaste geheiratet hat, ist nur die Wunsch-
    erfüllung unserer Kindheit. Aber glücklicher als er, ist es uns seitdem,
    insoferne wir nicht Psychoneurotiker geworden sind, gelungen,
    unsere sexuellen Regungen von unseren Müttern abzulösen, unsere
    Eifersucht gegen unsere Väter zu vergessen. Vor der Person, an
    welcher sich jener urzeitliche Kindheitswunsch erfüllt hat, schaudern
    wir zurück mit dem ganzen Betrag der Verdrängung, welche diese
    Wünsche in unserem Innern seither erlitten haben. Während
    der Dichter in jener Untersuchung die Schuld des Oedipus an’s
    Licht bringt, nöthigt er uns zur Erkenntnis unseres eigenen Inneren,
    in dem jene Impulse, wenn auch unterdrückt, noch immer vorhanden
    sind. Die Gegenüber-
    stellung, mit der uns der Chor verlässt,

    „¿sehet, das ist Oedipus,
    der entwirrt die hohen Räthsel und der Erste war an Macht,
    dessen Glück die Bürger alle priesen und beneideten;
    Seht, in welches Missgeschickes grause Wogen er versank!“

    diese Mahnung trifft uns selbst und unseren Stolz, die wir seit
    den Kindesjahren so weise und so mächtig geworden sind in unserer
    Schätzung. Wie Oedipus leben wir in Unwissenheit der die Moral
    beleidigenden Wünsche, welche die Natur uns aufgenöthigt hat, und
    nach deren Enthüllung möchten wir wohl alle den Blick abwenden
    von den Scenen unserer Kindheit.
    Dass die Sage von Oedipus einem uralten Traumstoff ent-
    sproßen ist, welcher jene peinliche Störung des Verhältnisses zu den
    Eltern durch die ersten Regungen der Sexualität zum Inhalte hat,
    dafür findet sich im Texte der Sophoklei-
    schen Tragödie selbst
    ein nicht misszuver-
    stehender Hinweis. Jokaste tröstet den noch nicht
    aufgeklärten, aber durch die Erinnerung der Orakelsprüche besorgt
    gemachten Oedipus durch die Erwähnung eines Traumes, den ja
    so viele Menschen träumen, ohne dass er, meint sie, etwas bedeute:

    „Denn viele Menschen sahen auch in Träumen schon (V. 995)
    Sich zugesellt der Mutter: Doch wer alles dies
    Für nichtig achtet, trägt die Last des Lebens leicht.“

    Der Traum, mit der Mutter sexuell zu verkehren, wird ebenso wie
    damals auch heute vielen Menschen zu Theil, die ihn empört und ver-
    wundert erzählen. Er ist wie begreiflich der Schlüssel der Tragödie und

  • S.

    183

    – das Ergänzungsstück zum Traum vom Tod des Vaters. Die Oedipus-
    fabel ist die Reaction der Phantasie auf diese beiden typischen
    Träume, und wie die Träume vom Erwachsenen mit Ablehnungs-
    gefühlen erlebt werden, so muss die Sage Schreck und Selbst-
    bestrafung in ihren Inhalt mit aufnehmen. Ihre weitere Gestaltung rührt
    wiederum von einer missverständlichen, secundären Bearbeitung des
    Stoffes her, welche ihn einer theologisirenden Absicht dienstbar zu
    machen sucht. (Vergleiche den Traumstoff von der Exhibition Seite 168.)
    Der Versuch die göttliche Allmacht mit der menschlichen Verantwort-
    lichkeit zu vereinigen, muss natürlich an diesem Material wie an
    jedem anderen misslingen.*)

    *)Auf demselben Boden wie „König Oedipus“ wurzelt eine andere der großen
    tragischen Dichterschöpfungen, der „Hamlet Shakespeares“. Aber in der ver-
    änderten Behandlung des nämlichen Stoffes offenbart sich der ganze Unterschied im
    Seelenleben der beiden weit auseinander liegenden Culturperioden, das saeculare
    Fortschreiten der Verdrängung im Gemüthsleben der Menschheit. Im Oedipus
    wird die zu Grunde liegende Wunschphantasie des Kindes wie im Traum an’s Licht
    gezogen und realisirt; im Hamlet bleibt sie verdrängt und wir erfahren von ihrer
    Existenz – dem Sachverhalt bei einer Neurose ähnlich – nur durch die von ihr
    ausgehenden Hemmungswirkungen. Mit der überwältigenden Wirkung des moderneren
    Dramas hat es sich eigenthümlicher Weise als vereinbar gezeigt, dass man über den
    Charakter des Helden in voller Unklarheit verbleiben könne. Das Stück ist auf die
    Zögerung Hamlets gebaut, die ihm zugetheilte Aufgabe der Rache zu erfüllen;
    welches die Gründe oder Motive dieser Zögerung sind, gesteht der Text nicht ein;
    die vielfältigsten Deutungsversuche haben es nicht anzugeben vermocht. Nach der
    heute noch herrschenden, durch Goethe begründeten Auffassung stellt Hamlet den
    Typus des Menschen dar, dessen frische Thatkraft durch die „überwuchernde Ent-
    wickelung der Gedankenthätigkeit gelähmt wird („Von des Gedankens Blässe
    angekränkelt“). Nach Anderen hat der Dichter einen krankhaften, unentschlossenen,
    in das Bereich der Neurasthenie fallenden Charakter zu schildern versucht. Allein
    die Fabel des Stückes lehrt, dass Hamlet uns keineswegs als eine Person erscheinen
    soll, die des Handelns überhaupt unfähig ist. Wir sehen ihn zweimal handelnd auf
    treten, das eine Mal in rasch auffahrender Leidenschaft, wie er den Lauscher
    hinter der Tapete niederstößt, ein anderes Mal planmässig, ja selbst arglistig, indem er
    mit der vollen Unbedenklichkeit des Renaissance-Prinzen die zwei Höflinge in den
    ihm selbst zugedachten Tod schickt. Was hemmt ihn also bei der Erfüllung der
    Aufgabe, die der Geist seines Vaters ihm gestellt hat? Hier bietet sich wieder die Auskunft,
    dass es die besondere Natur dieser Aufgabe ist. Hamlet kann alles, nur nicht die
    Rache an dem Mann vollziehen, der seinen Vater beseitigt und bei seiner Mutter
    dessen Stelle eingenommen hat, an dem Mann, der ihm die Realisirung seiner ver-
    drängten Kinderwünsche zeigt. Der Abscheu, der ihn zur Rache drängen sollte,
    ersetzt sich so bei ihm durch Selbstvorwürfe, durch Gewissensscrupel, die ihm vor-
    halten, dass er, wörtlich verstanden, selbst nicht besser sei als der von ihm zu
    strafende Sünder. Ich habe dabei in’s Bewusste übersetzt, was ja der Seele des
    Helden unbewusst bleiben muss; wenn Jemand Hamlet einen Hysteriker nennen will,
    kann ich es nur als Folgerung aus meiner Deutung anerkennen. Die Sexualabneigung
    stimmt sehr wohl dazu, die Hamlet dann im Gespräch mit Ophelia äussert, die
    nämliche Sexualabneigung, die von der Seele des Dichters in den nächsten Jahren
    immer mehr Besitz nehmen sollte, bis zu ihren Gipfeläusserungen im „Timon von
    Athen“. Es kann natürlich nur das eigene Seelenleben des Dichters gewesen sein,
    das uns im Hamlet entgegentritt; ich entnehme dem Werk von Georg Brandes
    über Shakespeare (1896) die Notiz, dass das Drama unmittelbar nach dem Tod von
    Shakespeare’s Vater (1601), also in der frischen Trauer um ihn in der Wiederbelebung,
    dürfen wir annehmen, der auf den Vater bezüglichen Kindheitsempfindungen gedichtet

  • S.

    184

    Ich kann die typischen Träume vom Tode theurer Verwand-
    ten nicht verlassen, ohne dass ich deren Bedeutung für die Theorie des
    Traumes überhaupt noch mit einigen Worten beleuchte. Diese Träume
    zeigen uns den recht ungewöhnlichen Fall verwirklicht, dass der
    durch den verdrängten Wunsch gebildete Traumgedanke jeder Censur
    entgeht und unverändert in den Traum übertritt. Es müssen be-
    sondere Verhältnisse sein, die solches Schicksal ermöglichen. Ich
    finde die Begünstigung für diese Träume in folgenden zwei Momenten:
    Erstens gibt es keinen Wunsch, von dem wir uns ferner glauben;
    wir meinen, das zu wünschen könnte „uns auch im Traume nicht
    einfallen“, und darum ist die Traum-
    censur gegen dieses Ungeheuer-
    liche nicht gerüstet, ähnlich etwa wie die Gesetzgebung Solon’s
    keine Strafe für den Vatermord aufzustellen wusste. Zweitens aber
    kommt dem verdräng-
    ten und nicht geahndeten Wunsch gerade hier
    besonders häufig ein Tagesrest entgegen in Gestalt einer Sorge um
    das Leben der theuren Person. Diese Sorge kann sich nicht anders
    in den Traum eintragen, als indem sie sich des gleichlau-
    tenden
    Wunsches bedient; der Wunsch aber kann sich mit der am Tage
    rege gewordenen Sorge maskiren. Wenn man meint, dass dies alles
    einfacher zugeht, dass man eben bei Nacht und im Traum nur fort-
    setzt, was man bei Tag angesponnen hat, so lässt man die Träume
    vom Tode theurer Personen eben ausser allem Zusammenhang mit der
    Traum-
    erklärung und hält ein sehr wohl reducírbares Räthsel über-
    flüssiger Weise fest.

    Lehrreich ist es auch, die Beziehung dieser Träume zu den
    Angstträumen zu verfolgen. In den Träumen vom Tode theurer
    Personen hat der verdrängte Wunsch einen Weg gefunden, auf dem
    er sich der Censur – und der durch die bedingten Entstellung –
    entziehen kann. Die nie fehlende Begleiter-
    scheinung ist dann, dass
    schmerzliche Empfindungen im Traume verspürt werden. Ebenso
    kommt der Angsttraum nur zu Stande, wenn die Censur ganz oder
    theilweise überwältigt wird, und andererseits erleichtert es die Ueber-
    wältigung der Censur, wenn Angst als actuelle Sensation aus somatischen
    Quellen bereits gegeben ist. Es wird so handgreiflich, in welcher
    Tendenz die Censur ihres Amtes waltet, die Traument-
    stellung ausübt;
    es geschieht, um die Entwicke-
    lung von Angst oder anderen
    Formen peinlichen Affectes zu verhüten.

    worden ist. Bekannt ist auch, dass Shakespeare’s früh verstorbener Sohn den Namen
    Hamnet (identisch mit Hamlet) trug. Wie Hamlet das Verhältniss des Sohnes zu
    den Eltern behandelt, so ruht der in der Zeit nahe stehende Macbeth auf dem Thema
    der Kinderlosigkeit. Wie übrigens jedes neurotische Symptom, wie selbst der Traum,
    der Ueberdeutung fähig ist, ja dieselbe zu seinem vollen Verständniss fordert, so
    wird auch jede echte dichteri-
    sche Schöpfung aus mehr als aus einem Motiv und
    einer Anregung in der Seele des Dichters hervorgegan-
    gen sein und mehr als eine
    Deutung zulassen. Ich habe hier nur die Deutung der tiefsten Schicht von Regun-
    gen
    in der Seele des schaffenden Dichters versucht.

  • S.

    185

    Ich habe im Vorstehenden von dem Egoismus der Kinderseele
    gesprochen und knüpfe nun daran mit der Absicht, hier einen
    Zusammenhang ahnen zu lassen, dass die Träume auch diesen
    Charakter bewahrt haben. Sie sind sämmtlich absolut egoistisch,
    in allen tritt das liebe Ich auf, wenn auch verkleidet. Die
    Wünsche, die in ihnen erfüllt werden, sind regelmässig Wünsche
    dieses Ich's; es ist nur ein täuschender Anschein, wenn je das
    Interesse für einen Anderen einen Traum hervorgerufen haben sollte.
    Ich will einige Beispiele, welche dieser Behauptung widersprechen,
    der Analyse unterziehen.

    I. Ein noch nicht vierjähriger Knabe erzählt: Er hat eine grosse
    garnirte Schüssel gesehen, worauf ein grosses Stück
    Fleisch gebraten war, und das Stück war auf einmal
    ganz -
    nicht zerschnitten -
    aufgegessen. Die Person,
    die es gegessen hat, hat er nicht gesehen.*)

    Wer mag der fremde Mensch sein, von dessen üppiger Fleisch-
    mahlzeit unser Kleiner träumt? Die Ergebnisse des Traumtages
    müssen uns darüber aufklären. Der Knabe bekommt seit einigen
    Tagen nach ärztlicher Vorschrift Milchdiät; am Abend des Traum-
    tages war er aber unartig, und da wurde ihm zur Strafe die Abend-
    mahlzeit entzogen. Er hat schon früher einmal eine solche Hungercur
    durchgemacht und sich sehr tapfer dabei benommen. Er wusste,
    dass er nichts bekommen wird, getraute sich aber auch nicht, mit
    einem Worte anzudeuten, dass er Hunger hat. Die Erziehung
    fängt an, bei ihm zu wirken; sie äussert sich bereits im Traum, der
    einen Anfang von Traumentstellung zeigt. Es ist kein Zweifel, dass
    er selbst die Person ist, deren Wünsche auf eine so reiche Mahlzeit,
    und zwar eine Bratenmahlzeit, zielen. Da er aber weiss, dass diese
    ihm verboten ist, wagt er es nicht, wie die hungerigen Kinder es
    im Traum thun (vgl. den Erdbeertraum meiner kleinen Anna, Seite 91),
    sich selbst zur Mahlzeit hinzusetzen. Die Person bleibt anonym.

    II. Ich träume einmal, dass ich in der Auslage einer Buchhandlung
    ein neues Heft jener Sammlung im Liebhabereinband sehe, die ich
    sonst zu kaufen pflege (Künstlermonographien, Monographien zur
    Weltgeschichte, Berühmte Kunststätten u. s. w.). Die neue Samm-
    lung nennt sich: Berühmte Redner (oder Reden) und das
    Heft I derselben trägt den Namen Dr. Lecher.

    In der Analyse wird es mir unwahrscheinlich, dass mich der
    Ruhm Dr. Lecher's, des Dauerredners der deutschen Obstruction

    *)Auch das Grosse, Ueberreiche, Uebermässige und Ubertriebene der Träume
    könnte ein Kindheitscharakter sein. Das Kind kennt keinen sehnlicheren Wunsch
    als gross zu werden, von Allem so viel zu bekommen wie die Grossen; es ist schwer
    zu befriedigen, kennt keine Genug, verlangt unersättlich nach Wiederholung dessen,
    was ihm gefallen oder geschmeckt hat. Mass halten, sich bescheiden, resigniren
    lernt es erst durch die Cultur der Erziehung. Bekanntlich neigt auch der Neurotiker
    zur Masslosigkeit und Unmässigkeit.

  • S.

    186

    im Parlamente, während meiner Träume beschäftige. Der Sach-
    verhalt ist der, dass ich vor einigen Tagen neue Patienten zur
    psychischen Cur aufgenommen habe, und nun zehn bis elf Stunden
    täglich zu sprechen genöthigt bin. Ich bin also selbst so ein
    Dauerredner.

    III. Ich träume ein andermal, dass ein mir bekannter Lehrer an
    unserer Universität sagt: Mein Sohn, der Myop. Dann folgt ein
    Dialog aus kurzen Reden und Gegenreden bestehend. Es folgt aber
    dann ein drittes Traumstück, in dem ich und meine Söhne vor-
    kommen, und für den latenten Trauminhalt sind Vater und Sohn,
    Professor M. nur Strohmänner, die mich und meinen Aeltesten
    decken. Ich werde diesen Traum wegen einer anderen Eigenthüm-
    lichkeit noch weiter unten behandeln.

    IV. Ein Beispiel von wirklich niedrigen egoistischen Gefühlen, die
    sich hinter zärtlicher Sorge verbergen, gibt folgender Traum.
    Mein Freund Otto schaut schlecht aus, ist braun
    im Gesicht und hat vortretende Augen.
    Otto ist mein Hausarzt, in dessen Schuld ich hoffnungslos
    verbleibe, weil er seit Jahren die Gesundheit meiner Kinder über-
    wacht, sie erfolgreich behandelt, wenn sie erkranken, und sie über-
    dies zu allen Gelegenheiten, die einen Vorwand abgeben können,
    beschenkt. Er war am Traumtage zu Besuch, und da bemerkte
    meine Frau, dass er müde und abgespannt aussehe. Nachts kömmt
    mein Traum und leiht ihm einige der Zeichen der Basedow’schen
    Krankheit. Wer sich in der Traumdeutung von meinen Regeln
    freimacht, der wird diesen Traum so verstehen, dass ich um die
    Gesundheit meines Freundes besorgt bin, und dass diese Besorgnis
    sich im Traum realisirt. Es wäre ein Widerspruch nicht nur gegen
    die Behauptung, dass der Traum eine Wunscherfüllung ist, sondern
    auch gegen die andere, dass er nur egoistischen Regungen zugänglich
    ist. Aber wer so deutet, möge mir erklären, warum ich bei Otto die
    Basedow’sche Krankheit befürchte, zu welcher Diagnose sein Aus-
    sehen auch nicht den leisesten Anlass gibt? Meine Analyse liefert
    hingegen folgendes Material aus einer Begebenheit, die sich vor sechs
    Jahren zugetragen hat. Wir fuhren eine kleine Gesellschaft, in der
    sich auch Professor R. befand, in tiefer Dunkelheit durch den Wald
    von N., einige Stunden weit von unserem Sommeraufenthalt entfernt.
    Der nicht ganz nüchterne Kutscher warf uns mit dem Wagen einen
    Abhang herunter, und es war noch glücklich, dass wir alle heil da-
    von kamen. Wir waren aber genöthigt, im nächsten Wirthshause
    zu übernachten, wo die Kunde von unserem Unfall grosse Sympathie
    für uns erweckte. Ein Herr, der die unverkennbaren Zeichen des
    Morbus Basedowii an sich trug – übrigens nur Bräunung der
    Gesichtshaut und vortretende Augen, ganz wie im Traum, kein
    Struma – stellte sich ganz zu unserer Verfügung und fragte, was er
    für uns thun könne. Professor R. in seiner bestimmten Art

  • S.

    187

    antwortete: Nichts anderes, als dass Sie mir ein Nachthemd leihen.
    Darauf der Edle: Das thut mir leid, das kann ich nicht, und ging
    von dannen.

    Zur Fortsetzung der Analyse fällt mir ein, dass Basedow
    nicht nur der Name eines Arztes ist, sondern auch der eines
    berühmten Pädagogen. (Im Wachen fühle ich mich jetzt dieses
    Wissens nicht recht sicher). Freund Otto ist aber diejenige Person,
    die ich gebeten habe, für den Fall, dass mir etwas zustösst, die
    körperliche Erziehung meiner Kinder, speciell in der Pubertätszeit
    (daher das Nachthemd) zu überwachen. Indem ich nun Freund
    Otto im Traum mit den Krankheitssymptomen jenes edlen Helfers
    sehe, will ich offenbar sagen: Wenn mir etwas zustösst, wird von
    ihm ebensowenig etwas für die Kinder zu haben sein, wie damals
    von Herrn Baron L. trotz seiner liebenswürdigen Anerbietungen. Der
    egoistische Einschlag dieses Traumes dürfte nun wohl aufgedeckt sein.
    Wo steckt aber hier die Wunscherfüllung? Nicht in der Rache
    an Freund Otto, dessen Schicksal es nun einmal ist, in meinen
    Träumen schlecht behandelt zu werden, sondern in folgender
    Beziehung. Indem ich Otto als Baron L. im Traum darstelle, habe ich
    gleichzeitig meine eigene Person mit einem anderen identificirt, nämlich
    mit der des Professors R., denn ich fordere ja etwas von Otto, wie
    in jener Begebenheit R. vom Baron L. gefordert hat. Und daran
    liegt es. Professor R., dem ich mich sonst wirklich nicht zu ver-
    gleichen wage, hat ähnlich wie ich seinen Weg ausserhalb der
    Schule selbstständig verfolgt und ist erst in späten Jahren zu dem
    längst verdienten Titel gelangt. Ich will also wieder einmal Professor
    werden! Ja selbst das „in späten Jahren“ ist eine Wunscherfüllung,
    denn es besagt, dass ich lange genug lebe, um meine Knaben selbst
    durch die Pubertät zu geleiten.


    Von anderen typischen Träumen, in denen man mit Behagen
    fliegt oder mit Angstgefühlen fällt, weiss ich nichts aus eigener Er-
    fahrung, und verdanke Alles, was ich über sie zu sagen habe, den
    Psychoanalysen. Aus den Auskünften, die man dort erhält, muss
    man schliessen, dass auch diese Träume Eindrücke der Kinderzeit
    wiederholen, nämlich sich auf die Bewegungsspiele beziehen, die für
    das Kind eine so ausserordentliche Anziehung haben. Welcher Onkel
    hat nicht schon ein Kind fliegen lassen, indem er die Arme aus-
    streckend durch’s Zimmer mit ihm eilte, oder Fallen mit ihm ge-
    spielt, indem er es auf den Knien schaukelte und das Bein plötzlich
    streckte, oder es hoch hob und plötzlich that, als ob er ihm die
    Unterstützung entziehen wollte. Die Kinder jauchzen dann und ver-
    langen unermüdlich nach Wiederholung, besonders wenn etwas
    Schreck und Schwindel mit dabei ist; dann schaffen sie sich nach
    Jahren die Wiederholung im Traum, lassen aber im Traum die

  • S.

    188

    Hände weg, die sie gehalten haben, so dass sie nun frei schweben
    und fallen. Die Vorliebe aller kleinen Kinder für solche Spiele wie
    für Schaukeln und Wippen ist bekannt; wenn sie dann gymnastische
    Kunststücke im Circus sehen, wird die Erinnerung von Neuem auf
    gefrischt. Bei manchen Knaben besteht dann der hysterische Anfall
    nur aus Reproductionen solcher Kunststücke, die sie mit grosser Ge-
    schicklichkeit ausführen. Nicht selten sind bei diesen an sich harm-
    losen Bewegungssspielen auch sexuelle Empfindungen wach gerufen
    worden.*) Um es mit einem bei uns gebräuchlichen, all’ diese Ver-
    anstaltungen deckenden Worte zu sagen: es ist das „Hetzen“ in
    der Kindheit, welches die Träume vom Fliegen, Fallen, Schwindeln
    u. dgl. wiederholen, dessen Lustgefühle jetzt in Angst verkehrt
    sind. Wie aber jede Mutter weiss, ist auch das Hetzen der Kinder
    in der Wirklichkeit häufig genug in Zwist und Weinen ausge-
    gangen.

    Ich habe also guten Grund die Erklärung abzulehnen, dass der
    Zustand unserer Hautgefühle während des Schlafes, die Sensationen
    von der Bewegung unserer Lungen u. dgl. die Träume vom Fliegen
    und Fallen hervorrufen. Ich sehe, dass diese Sensationen selbst aus
    der Erinnerung reproducirt sind, auf welche der Traum sich bezieht,
    dass sie also Trauminhalt sind und nicht Traumquellen.

    Jeder der mit der Maturitätsprüfung seine Gymnasialstudien
    abgeschlossen hat, klagt über die Hartnäckigkeit, mit welcher der
    Angsttraum, dass er durchgefallen sei, die Classe wiederholen müsse
    u. dgl. ihn verfolgt. Für den Besitzer eines akademischen Grades er-
    setzt sich dieser typische Traum durch einen anderen, der ihm vor-
    hält, dass er beim Rigorosum nicht bestanden habe, und gegen den
    er vergeblich noch im Schlaf einwendet, dass er ja schon seit Jahren
    practicire, Privatdocent sei oder Kanzleileiter. Es sind die unaus-
    löschlichen Erinnerungen an die Strafen, die wir in der Kindheit
    für verübte Unthaten erlitten haben, die sich so an den beiden
    Knotenpunkten unserer Studien, an dem „dies irae, dies illa“ der
    strengen Prüfungen in unserem Innern wieder geregt haben. Auch die
    „Prüfungsangst“ der Neurotiker findet in dieser Kinderangst ihre
    Verstärkung. Nachdem wir aufgehört haben Schüler zu sein, sind
    es nicht mehr wie zuerst die Eltern und Erzieher oder später die
    Lehrer, die unsere Bestrafung besorgen; die unerbittliche Causalver-
    kettung des Lebens hat unsere weitere Erziehung übernommen, und

    *)Ein junger, von Nervosität völlig freier College theilt mir hiezu mit: „Ich
    weiss aus eigener Erfahrung, dass ich früher beim Schaukeln, und zwar in dem
    Moment, wo die Abwärtsbewegung die grösste Wucht hat, ein eigenthümliches Gefühl
    in den Genitalien bekam, das ich, obwohl es mir eigentlich nicht angenehm war,
    doch als Lustgefühl bezeichnen muss.“ – Von Patienten habe ich oftmals gehört,
    dass die ersten Erectionen mit Lustgefühl, die sie erinnern, in der Knabenzeit beim
    Klettern aufgetreten sind. – Aus den Psychoanalysen ergiebt sich mit aller Sicherheit,
    dass häufig die ersten sexuellen Regungen in den Rauf- und Ringspielen der Kinder-
    jahre wurzeln.

  • S.

    189

    nun träumen wir von der Matura oder von dem Rigorosum, – und
    wer hat damals nicht selbst als Gerechter gesagt? – so oft wir er-
    warten, dass der Erfolg uns bestrafen werde, weil wir etwas nicht
    recht gemacht, nicht ordentlich zu Stande gebracht haben, so oft wir
    den Druck einer Verantwortung fühlen.

    Ich verhehle mir aber keineswegs, dass ich für diese Reihe von
    typischen Träumen eine volle Aufklärung nicht erbringen kann.
    Mein Material hat mich gerade hiebei im Stiche gelassen. Den all-
    gemeinen Gesichtspunkt, dass alle die Haut- und Bewegungssensationen
    dieser typischen Träume wachgerufen werden, sobald irgend ein
    psychisches Motiv ihrer bedarf, und dass sie vernachlässigt werden
    können, wenn ihnen ein solches Bedürfnis nicht entgegenkommt,
    muss ich festhalten. Auch die Beziehung zu den infantilen Erleb-
    nissen scheint mir aus den Andeutungen, die ich in der Analyse der
    Psychoneurotiker erhalten habe, sicher hervorzugehen. Aber welche
    anderen Bedeutungen sich im Laufe des Lebens an die Erinnerung
    jener Sensationen geknüpft haben mögen, – vielleicht bei jeder
    Person andere trotz der typischen Erscheinung dieser Träume – weiss
    ich nicht anzugeben und möchte gerne in die Lage kommen, diese
    Lücke durch sorgfältige Analyse von guten Beispielen auszufüllen.
    Wer sich darüber verwundert, dass ich trotz der Häufigkeit gerade
    der Träume vom Fliegen, Fallen, Zahnausziehen u. dgl. mich über
    Mangel an Material beklage, dem bin ich die Aufklärung schuldig,
    dass ich an mir selbst solche Träume nicht erfahren habe, seitdem
    ich dem Thema der Traumdeutung Aufmerksamkeit schenke. Die
    Träume der Neurotiker, die mir sonst zu Gebote stehen, sind aber
    nicht alle und oft nicht bis an das Ende ihrer verborgenen Absicht
    deutbar; eine gewisse psychische Macht, die beim Aufbau der Neu-
    rose betheiligt war und bei deren Auflösung wieder zur Wirk-
    samkeit gebracht wird, stellt sich der Deutung bis zum letzten
    Räthsel entgegen.