S.
III.
Der Traum ist eine Wunscherfüllung.
Wenn man einen engen Hohlweg passiert hat und plötzlich auf
einer Anhöhe angelangt ist, von welcher aus die Wege sich theilen
und die reichste Aussicht nach verschiedenen Richtungen sich öffnet,
darf man einen Moment lang verweilen und überlegen, wohin man
zunächst sich wenden soll. Aehnlich ergeht es uns, nachdem wir
diese erste Traumdeutung überwunden haben. Wir stehen in der
Klarheit einer plötzlichen Erkenntnis. Der Traum ist nicht ver-
gleichbar dem unregelmässigen Ertönen eines musikalischen Instru-
mentes, das anstatt von der Hand des Spielers von dem Stoss einer
äusseren Gewalt getroffen wird, er ist nicht sinnlos, nicht absurd, setzt
nicht voraus, dass ein Theil unseres Vorstellungsschatzes schläft, während
ein anderer zu erwachen beginnt. Er ist ein vollgültiges psychisches
Phänomen, und zwar eine Wunscherfüllung; er ist einzureihen in den
Zusammenhang der uns verständlichen seelischen Actionen des
Wachens; eine hoch complicirte intellectuelle Thätigkeit hat ihn
aufgebaut. Aber eine Fülle von Fragen bestürmt uns im gleichen
Moment, da wir uns dieser Erkenntnis freuen wollen. Wenn der
Traum laut Angabe der Traumdeutung einen erfüllten Wunsch dar-
stellt, woher rührt die auffällige und befremdende Form, in welcher
diese Wunscherfüllung ausgedrückt ist? Welche Veränderung ist
mit den Traumgedanken vorgegangen, bis sich aus ihnen der manifeste
Traum, wie wir ihn beim Erwachen erinnern, gestaltete? Auf welchem
Wege ist diese Veränderung vor sich gegangen? Woher stammt das
Material, das zum Traum verarbeitet worden ist? Woher rühren
manche der Eigenthümlichkeiten, die wir an den Traumgedanken
bemerken konnten, wie z. B., dass sie einander widersprechen
dürfen? (Die Analogie mit dem Kessel, Seite 83.) Kann der Traum
uns etwas Neues über unsere inneren psychischen Vorgänge lehren,
kann sein Inhalt Meinungen corrigiren, an die wir tagsüber geglaubt
haben? Ich schlage vor, alle diese Fragen einstweilen bei Seite zu
lassen und einen einzigen Weg weiter zu verfolgen. Wir haben er-S.
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fahren, dass der Traum einen Wunsch als erfüllt darstellt. Unser
nächstes Interesse soll es sein zu erkunden, ob dies ein allgemeiner
Charakter des Traumes ist, oder nur der zufällige Inhalt jenes
Traumes („von Irma’s Injection“), mit dem unsere Analyse be-
gonnen hat, denn selbst wenn wir uns darauf gefasst machen, dass
jeder Traum einen Sinn und psychischen Werth hat, müssen wir
noch die Möglichkeit offen lassen, dass dieser Sinn nicht in jedem
Traume der nämliche sei. Unser erster Traum war eine Wunsch-
erfüllung; ein anderer stellt sich vielleicht als eine erfüllte Befürch-
tung heraus; ein dritter mag eine Reflexion zum Inhalt haben, ein
vierter einfach eine Erinnerung reproduciren. Gibt es also noch
andere Wunschträume oder gibt es vielleicht nichts anderes als
Wunschträume?Es ist leicht zu zeigen, dass die Träume häufig den Charakter
der Wunscherfüllung unverhüllt erkennen lassen, so dass man sich
wundern mag, warum die Sprache der Träume nicht schon längst
ein Verständnis gefunden hat. Da ist z. B. ein Traum, den ich mir
beliebig oft, gleichsam experimentell, erzeugen kann. Wenn ich am
Abend Sardellen, Oliven oder sonst stark gesalzene Speisen nehme,
bekomme ich in der Nacht Durst, der mich weckt. Dem Erwachen
geht aber ein Traum voraus, der jedesmal den gleichen Inhalt hat,
nämlich, dass ich trinke. Ich schlürfe Wasser in vollen Zügen, es
schmeckt mir so köstlich, wie nur ein kühler Trunk schmecken
kann, wenn man verschmachtet ist, und dann erwache ich und muss
wirklich trinken.Der Anlass dieses einfachen Traumes ist der
Durst, den ich ja beim Erwachen verspüre. Aus dieser Empfindung
geht der Wunsch hervor zu trinken, und diesen Wunsch zeigt mir
der Traum erfüllt. Er dient dabei einer Function, die ich bald er-
rathe. Ich bin ein guter Schläfer, nicht gewöhnt durch ein Bedürfnis
geweckt zu werden. Wenn es mir gelingt, meinen Durst durch
den Traum, dass ich trinke, zu beschwichtigen, so brauche ich nicht
aufzuwachen, um ihn zu befriedigen. Es ist also ein Bequemlichkeits-
traum. Das Träumen setzt sich an Stelle des Handelns wie auch
sonst im Leben. Leider ist das Bedürfnis nach Wasser, um den
Durst zu löschen, nicht mit einem Traum zu befriedigen, wie mein
Rachedurst gegen Freund Otto und Dr. M., aber der gute Wille
ist der gleiche. Derselbe Traum hat sich unlängst einigermassen
modificirt. Da bekam ich schon vor dem Einschlafen Durst und
trank das Wasserglas leer, das auf dem Kästchen neben meinem
Bett stand. Einige Stunden später kam in der Nacht ein neuer
Durstanfall, der seine Unbequemlichkeiten im Gefolge hatte. Um mir
Wasser zu verschaffen, hätte ich aufstehen und mir das Glas holen
müssen, welches auf dem Nachtkästchen meiner Frau stand. Ich
träumte also zweckentsprechend, dass meine Frau mir aus einem
Gefäss zu trinken gibt; dies Gefäss war ein etruskischer Aschen-
krug, denn ich mir von einer italienischen Reise heimgebracht undS.
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Bequemlichkeitsträume.
seither verschenkt hatte. Das Wasser in ihm schmeckte aber so
salzig (von der Asche offenbar), dass ich erwachen musste. Man
merkt, wie bequem der Traum es einzurichten versteht, da Wunsch
erfüllung seine einzige Absicht ist, darf er vollkommen egoistisch
sein. Liebe zur Bequemlichkeit ist mit Rücksicht auf Andere wirk-
lich nicht vereinbar. Die Einmengung des Aschenkruges ist wahr-
scheinlich wieder eine Wunscherfüllung; es thut mir leid, dass ich
dies Gefäss nicht mehr besitze, wie übrigens auch das Wasserglas
auf Seiten meiner Frau mir nicht zugänglich ist. Der Aschenkrug
passt sich auch der nun stärker gewordenen Sensation des salzigen
Geschmackes an, von der ich weiss, dass sie mich zum Erwachen
zwingen wird.*)Solche Bequemlichkeitsträume waren bei mir in juvenilen
Jahren sehr häufig. Von jeher gewohnt, bis tief in die Nacht zu
arbeiten, war mir das zeitige Erwachen immer eine Schwierigkeit.
Ich pflegte dann zu träumen, dass ich ausser Bett bin und beim
Waschkasten stehe. Nach einer Weile konnte ich mich der Einsicht
nicht verschliessen, dass ich noch nicht aufgestanden bin, hatte aber
doch dazwischen eine Weile geschlafen. Denselben Trägheitstraum
in besonders witziger Form kenne ich von einem jungen Collegen,
der meine Schlafneigung zu theilen scheint. Die Zimmerfrau, bei der
er in der Nähe des Spitals wohnte, hatte den strengen Auftrag, ihn
jeden Morgen rechtzeitig zu wecken, aber auch ihre Noth, wenn
sie den Auftrag ausführen wollte. Eines Morgens war der Schlaf
besonders süss, Die Frau rief ins Zimmer: Herr Pepi, stehen’s auf.
Sie müssen in’s Spital. Daraufhin träumte der Schläfer, ein Zimmer
im Spital, ein Bett, in dem er lag, und eine Kopftafel, auf der zu
lesen stand: Pepi H . . . cand. med., 22 Jahre. Er sagte sich
träumend: Wenn ich also schon im Spital bin, brauche ich nicht
erst hineinzugehen, wendete sich um und schlief weiter. Er hatte
sich dabei das Motiv seines Traumes unverhohlen eingestanden.Ein anderer Traum, dessen Reiz gleichfalls während des Schlafes
selbst einwirkt: Eine meiner Patientinnen, die sich einer ungünstig
verlaufenen Kieferoperation hatte unterziehen müssen, sollte nach
dem Wunsche der Aerzte Tag und Nacht einen Kühlapparat auf der
kranken Wange tragen. Sie pflegte ihn aber wegzuschleudern, sobald*)Das Thatsächliche der Durstträume war auch Weygandt5) bekannt, der
41 darüber äussert: „Gerade die Durstempfindung wird am präcisesten von
allen aufgefasst: sie erzeugt stets eine Vorstellung des Durstlöschens. — Die Art,
wie sich der Traum das Durstlöschen vorstellt, ist mannigfaltig und wird nach
einer nahe liegenden Erinnerung specialisirt. Eine allgemeine Erscheinung ist auch
hier, dass sich sofort nach der Vorstellung des Durstlöschens eine Enttäuschung über
die geringe Wirkung der vermeintlichen Erfrischungen einstellt.“ Er übersieht aber
das Allgemeingiltige in der Reaction des Traumes auf den Reiz. — Wenn andere
Personen, die in der Nacht vom Durst befallen werden, erwachen, ohne vorher zu
träumen, so bedeutet dies keinen Einwand gegen mein Experiment, sondern charak-
terisirt diese anderen als schlechtere Schläfer.S.
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sie eingeschlafen war. Eines Tages bat man mich, ihr darüber Vor-
würfe zu machen; sie hatte den Apparat wiederum auf den Boden
geworfen. Die Kranke verantwortete sich: „Diesmal kann ich wirk-
lich nichts dafür; es war die Folge eines Traumes, den ich bei
Nacht gehabt. Ich war im Traum in einer Loge in der Oper und
interessirte mich lebhaft für die Vorstellung. Im Sanatorium aber
lag der Herr Karl Meyer und jammerte fürchterlich vor
Kieferschmerzen. Ich habe mir gesagt, da ich die Schmerzen nicht
habe, brauche ich auch den Apparat nicht; darum habe ich ihn
weggeworfen.“ Dieser Traum der armen Dulderin klingt wie die Dar-
stellung einer Redensart, die sich Einem in unangenehmen Lagen über
die Lippen drängt: Ich wüsste mir wirklich ein besseres Vergnügen.
Der Traum zeigt diese bessere Vergnügen. Herr Karl Meyer, dem
die Träumerin ihre Schmerzen zuschob, war der indifferenteste junge
Mann ihrer Bekanntschaft, an den sie sich erinnern konnte.Nicht schwieriger ist es, die Wunscherfüllung in einigen an-
deren Träumen aufzudecken, die ich von Gesunden gesammelt habe.
Ein Freund, der meine Traumtheorie kennt und sie seiner Frau mit-
getheilt hat, sagt mir eines Tages: „Ich soll Dir von meiner Frau
erzählen, dass sie gestern geträumt hat, sie hätte die Periode bekommen.
Du wirst wissen, was das bedeutet.“ Freilich weiss ich’s; wenn die junge
Frau geträumt hat, dass sie die Periode hat, so ist die Periode ausge-
blieben. Ich kann mir’s denken, dass sie gerne noch einige Zeit
ihre Freiheit genossen hätte, ehe die Beschwerden der Mütterlichkeit
beginnen. Es war eine geschickte Art, die Anzeige von ihrer ersten
Gravidität zu machen. Ein anderer Freund schreibt, seine Frau
habe unlängst geträumt, dass sie an ihrer Hemdenbrust Milchflecken
bemerke. Dies ist auch eine Graviditätsanzeige, aber nicht mehr vom
ersten Mal; die junge Mutter wünscht sich, für das zweite Kind
mehr Nahrung zu haben als seinerzeit für’s erste.Eine junge Frau, die Wochen hindurch bei der Pflege ihres
infectiös erkrankten Kindes vom Verkehr abgeschnitten war, träumt
nach glücklicher Beendigung der Krankheit von einer Gesellschaft, in
der sich A. Daudet, Bourget, M. Prévost und Andere befinden,
die sämmtlich sehr liebenswürdig gegen sie sind und sie vortrefflich
amüsiren. Die betreffenden Autoren tragen auch im Traum die
Züge, welche ihnen ihre Bilder geben; M. Prévost, von dem sie ein
Bild nicht kennt, sieht dem – Desinfectionsmanne gleich, der am
Tag vorher die Krankenzimmer gereinigt und sie als erster Besucher
nach langer Zeit betreten hatte. Man meint den Traum lückenlos
übersetzen zu können: Jetzt wäre es einmal Zeit für etwas Amü-
santeres als diese ewigen Krankenpflegen.Vielleicht wird diese Auslese genügen um zu erweisen, dass
man sehr häufig und unter den mannigfaltigsten Bedingungen Träume
findet, die sich nur als Wunscherfüllungen verstehen lassen, und die
ihren Inhalt unverhüllt zur Schau tragen. Es sind dies zumeistS.
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kurze und einfache Träume, die von den verworrenen und über
reichen Traumcompositionen, die wesentlich die Aufmerksamkeit
der Autoren auf sich gezogen haben, wohlthuend abstechen. Es ver-
lohnt sich aber, bei diesen einfachen Träumen noch zu verweilen.
Die allereinfachsten Formen von Träumen darf man wohl bei Kindern
erwarten, deren psychische Leistungen sicherlich minder complicirt
sind als die Erwachsenen. Die Kinderpsychologie ist nach meiner
Meinung dazu berufen, für die Psychologie der Erwachsenen ähn-
liche Dienste zu leisten wie die Untersuchung des Baues oder der
Entwicklung niederer Thiere für die Erforschung der Structur der
höchsten Thierclassen. Es sind bis jetzt wenig zielbewusste Schritte
geschehen, die Psychologie der Kinder zu solchem Zwecke auszu-
nützen.Die Träume der kleinen Kinder sind simple Wunscherfüllungen
und darum im Gegensatz zu den Träumen Erwachsener gar nicht
interessant. Sie geben keine Räthsel zu lösen, sind aber natürlich
unschätzbar für den Erweis, dass der Traum seinem innersten Wesen
nach eine Wunscherfüllung bedeutet. Bei meinem Materiale von
eigenen Kindern konnte ich einige Beispiele von solchen Träumen
sammeln.Einem Ausfluge nach dem schönen Hallstatt im Sommer 1896
von Aussee aus verdanke ich zwei Träume, den einen von meiner
damals 81/2jährigen Tochter, den anderen von einem 51/4jährigen
Knaben. Als Vorbericht muss ich angeben, dass wir in diesem
Sommer auf einem Hügel bei Aussee wohnten, von wo aus wir eine
herrliche Dachsteinaussicht bei schönem Wetter genossen. Mit dem
Fernrohr war die Simonyhütte gut zu erkennen. Die Kleinen be-
mühten sich wiederholt, sie durch’s Fernrohr zu sehen; ich weiss
nicht, mit welchem Erfolg. Vor der Partie hatte ich den Kindern er-
zählt, Hallstatt läge am Fusse des Dachsteins. Sie freuten sich sehr
auf den Tag. Von Hallstatt aus gingen wir in’s Eschernthal, das
mit seinen wechselnden Ansichten die Kinder sehr entzückte. Nur
eines, der 5jährige Knabe wurde allmählich missgestimmt. So
oft ein neuer Berg in Sicht kam, fragte er: Ist das der Dachstein?
worauf ich antworten musste: Nein, nur ein Vorberg. Nachdem sich
diese Frage einige Male wiederholt hatte, verstummte er ganz; den
Stufenweg zum Wasserfall wollte er überhaupt nicht mitmachen. Ich
hielt ihn für ermüdet. Am nächsten Morgen kam er aber ganz
seelig auf mich zu und erzählte: Heute Nacht habe ich geträumt,
dass wir auf der Simonyhütte gewesen sind. Ich verstand ihn nun;
er hatte erwartet, als ich vom Dachstein sprach, dass er auf dem
Ausfluge nach Hallstatt den Berg besteigen und die Hütte zu Gesicht
bekommen werde, von der beim Fernrohr so viel die Rede war.
Als er dann merkte, dass man ihm zumuthe, sich mit Vorbergen
und einem Wasserfall abspeisen zu lassen, fühlte er sich getäuscht
und wurde verstimmt. Der Traum entschädigte ihn dafür. Ich ver-S.
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suchte Details des Traumes zu erfahren; sie waren ärmlich. „Man
geht sechs Stunden lang auf Stufen hinauf“, wie er’s gehört hatte.
Auch bei dem 81/2jährigen Mädchen waren auf diesem
Ausflug Wünsche rege geworden, die der Traum befriedigen musste.
Wir hatten den 12jährigen Knaben unserer Nachbarn nach Hall
statt mitgenommen, einen vollendeten Ritter, der wie mir schien,
sich aller Sympathien des kleinen Frauenzimmers bereits erfreute. Sie
erzählte nun am nächsten Morgen folgenden Traum: Denk’ Dir, ich
hab’ geträumt, dass der Emil einer von uns ist, Papa und Mama
zu Euch sagt und im grossen Zimmer mit uns schläft wie unsere
Buben. Dann kommt die Mama in’s Zimmer und wirft eine Hand
voll grosser Chocoladestangen in blauem und grünem Papier unter
unsere Betten. Die Brüder, die sich also nicht kraft erblicher Ueber-
tragung auf Traumdeutung verstehen, erklärten ganz wie unsere
Autoren: Dieser Traum ist ein Unsinn. Das Mädchen trat wenigstens
für einen Theil des Traumes ein, und es ist werthvoll für die Theorie
der Neurosen zu erfahren, für welchen: Dass der Emil ganz bei
uns ist, das ist ein Unsinn, aber das mit den Chocoladestangen
nicht. Mir war gerade das letztere dunkel. Die Mama lieferte mir
hiefür die Erklärung. Auf dem Wege vom Bahnhof nach Hause
hatten die Kinder vor dem Automaten Halt gemacht und gerade
solche Chocoladestangen in metallisch glänzendem Papier sich ge-
wünscht, die der Automat nach ihrer Erfahrung zu verkaufen hatte.
Die Mama hatte mit Recht gemeint, jener Tag habe genug Wunsch-
erfüllungen gebracht, und diesen Wunsch für den Traum übrig
gelassen. Mir war die kleine Scene entgangen. Den von meiner
Tochter proscribirten Theil des Traumes verstand ich ohne Weiteres.
Ich hatte selbst gehört, wie der artige Gast auf dem Wege die
Kinder aufgefordert hatte zu warten, bis der Papa oder die Mama
nachkommen. Aus dieser zeitweiligen Zugehörigkeit machte der
Traum der Kleinen eine dauernde Adoption. Andere Formen des
Beisammenseins als die im Traum erwähnten, die von den Brüdern
hergenommen sind, kannte ihre Zärtlichkeit noch nicht. Warum die
Chocoladestangen unter die Betten geworfen wurden, liess sich ohne
Ausfragen des Kindes natürlich nicht aufklären.Einen ganz ähnlichen Traum wie den meines Knaben habe ich
von befreundeter Seite erfahren. Er betraf ein 8jähriges Mädchen.
Der Vater hatte mit mehreren Kindern einen Spaziergang nach
Dornbach in der Absicht unternommen, die Rohrerhütte zu besuchen,
kehrte aber um, weil es zu spät geworden war, und versprach den
Kindern, sie ein anderes Mal zu entschädigen. Auf dem Rückweg
kamen sie an einer Tafel vorbei, welche den Weg zum Hameau
anzeigt. Die Kinder verlangten nun auch auf’s Hameau geführt zu
werden, mussten sich aber aus demselben Grund wiederum auf einen
anderen Tag vertrösten lassen. Am nächsten Morgen kam das 8jäh-
rige Mädchen dem Papa befriedigt entgegen: Papa, heut’ hab ichS.
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geträumt, Du warst mit uns bei der Rohrerhütte und auf dem
Hameau. Ihre Ungeduld hatte also die Erfüllung des vom Papa ge-
leisteten Versprechens im Traum anticipirt.Ebenso aufrichtig ist ein anderer Traum, den die landschaftliche
Schönheit Aussee’s bei meinem damals 31/4jährigen Töchterchen er-
regt hat. Die Kleine war zum ersten Mal über den See gefahren,
und die Zeit der Seefahrt war ihr zu rasch vergangen. An der
Landungsstelle wollte sie das Boot nicht verlassen und weinte bitter-
lich. Am nächsten Morgen erzählte sie: Heute Nacht bin ich auf
dem See gefahren, hoffen wir, dass die Dauer dieser Traumfahrt sie
besser befriedigt hat.Mein ältester, damals 8jähriger Knabe träumt bereits die Rea-
lisirung seiner Phantasien. Er ist mit dem Achilleus in einem Wagen
gefahren und der Diomedes war Wagenlenker. Er hat sich natürlich
Tags vorher für die Sagen Griechenland’s begeistert, die der älteren
Schwester geschenkt worden sind.Wenn man mir zugiebt, dass das Sprechen aus dem Schlaf der
Kinder gleichfalls dem Kreis des Träumens angehört, so kann ich in
Folgendem einen der jüngsten Träume meiner Sammlung mittheilen.
Mein jüngstes Mädchen, damals 19 Monate alt, hatte eines Morgens
erbrochen und war darum den Tag über nüchtern erhalten worden.
In der Nacht, die diesem Hungertag folgte, hörte man sie erregt aus
dem Schlaf rufen: Anna F. eud, Er(d)beer, Hochbeer, Eier-
(s)peis, Papp. Ihren Namen gebrauchte sie damals, um die Besitz-
ergreifung auszudrücken; der Speiszettel umfasste wohl alles, was ihr
als begehrenswerthe Mahlzeit erscheinen musste; dass die Erdbeeren
darin in zwei Varietäten vorkamen, war eine Demonstration gegen
die häusliche Sanitätspolizei und hatte seinen Grund in dem von ihr
wohl bemerkten Nebenumstand, dass die Kinderfrau ihre Indis-
position auf allzu reichlichen Erdbeergenuss geschoben hatte; für
dies ihr unbequeme Gutachten nahm sie also im Traume ihre
Revanche.*)Wenn wir die Kindheit glücklich preisen, weil sie die sexuelle
Begierde noch nicht kennt, so wollen wir nicht verkennen, eine wie
reiche Quelle der Enttäuschung, Entsagung und damit der Traum-
anregung der andere der grossen Lebenstriebe für sie werden kann.
Hier ein zweites Beispiel dafür. Mein 22monatlicher Neffe hat zu
meinem Geburtstage die Aufgabe bekommen mir zu gratuliren und
als Geschenk ein Körbchen mit Kirschen zu überreichen, die um*)Dieselbe Leistung wie bei der jüngsten Enkelin vollbringt dann der Traum
kurz nachher bei der Grossmutter, deren Alter das des Kindes ungefähr zu 70 Jahren
ergänzt. Nachdem sie einen Tag lang durch die Unruhe ihres Wandererlebens zum
Hungern gezwungen war, träumt s’e dann, offenbar mit Versetzung in die glück-
liche Zeit des blühenden Mädchenthums, dass sie für beide Hauptmahlzeiten „aus-
gebeten“, zu Gast geladen ist, und jedesmal die köstlichsten Bissen vorgesetzt be-
kommt.S.
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diese Zeit des Jahres noch zu den Primeurs zählen. Es scheint ihm
hart anzukommen, denn er wiederholt unaufhörlich: Kirschen sind
d(r)in, und ist nicht zu bewegen, das Körbchen aus den Händen zu
geben. Aber er weiss sich zu entschädigen. Er pflegte bisher jeden
Morgen seiner Mutter zu erzählen, dass er vom „weissen Soldat“
geträumt, einem Gardeofficier im Mantel, den er einst auf der Strasse
bewunderte. Am Tag nach dem Geburtstagsopfer erwacht er freudig
mit der Mittheilung, die nur einem Traum entstammen kann: He(r)-
man alle Kirschen aufgessen!Wovon die Thiere träumen, weiss ich nicht. Ein Sprichwort,
dessen Erwähnung ich einem meiner Hörer danke, behauptet es zu
wissen, denn es stellt die Frage auf: Wovon träumt die Gans?
und beantwortet sie: Vom Kukuruz (Mais). Die ganze Theorie,
dass der Traum eine Wunscherfüllung sei, ist in diesen zwei Sätzen
enthalten.Wir bemerken jetzt, dass wir zu unserer Lehre von dem ver-
borgenen Sinn des Traumes auch auf dem kürzesten Wege gelangt
wären, wenn wir nur den Sprachgebrauch befragt hatten. Die Spruch-
weisheit redet zwar manchmal verächtlich genug vom Traum –
man meint, sie wolle der Wissenschaft Recht geben, wenn sie
urtheilt: Träume sind Schäume – aber für den Sprachgebrauch
ist der Traum doch vorwiegend der holde Wunscherfüller. „Das hätt’
ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt,“ ruft entzückt,
wer in der Wirklichkeit seine Erwartungen übertroffen findet.
(F-JCG/1911-02-17)
„Für Ihre Bemerkungen zum Traumbuch schönsten Dank. Allem wird prinzipiell stattgegeben, aber nicht alles kann verändern auf die dritte Auflage wirken. Der Literaturnachtrag, den Sie wünschen, war von Rank bereits angefertigt. Der Satz p. 92 von den Träumen der kleinen ‚Kinder wird durch den Zusatz eines „Scheinen“ ins richtige Licht gerückt werden, daß die Kinderträume p. 94 nur oberflächlich gedeutet sind, ohne daß auf die sexuellen Triebkräfte derselben hingewiesen wäre, ist unbestreitbar, aber Sie geben selbst die Erklärung, wenn Sie die darstellerische und pädagogische Absicht hervorheben.