Die Traumdeutung1900-001/1900
  • S.

    Vorbemerkung.

    Indem ich hier die Darstellung der Traumdeutung versuche,
    glaube ich den Umkreis neuropathologischer Interessen nicht über-
    schritten zu haben. Denn der Traum erweist sich bei der psycho-
    logischen Prüfung als das erste Glied in der Reihe abnormer psychischer
    Gebilde, von deren weiteren Gliedern die hysterische Phobie, die
    Zwangs- und die Wahnvorstellung den Arzt aus praktischen Gründen
    beschäftigen müssen. Auf eine ähnliche praktische Bedeutung kann
    der Traum – wie sich zeigen wird – Anspruch nicht erheben;
    umso größer ist aber sein theoretischer Werth als Paradigma, und
    wer sich die Entstehung der Traumbilder nicht zu erklären weiß,
    wird sich auch um das Verständnis der Phobien, Zwangs- und Wahn-
    ideen, eventuell um deren therapeutische Beeinflussung vergeblich
    bemühen.

    Derselbe Zusammenhang aber, dem unser Thema seine Wich-
    tigkeit verdankt, ist auch für die Mängel der vorliegenden Arbeit ver-
    antwortlich zu machen. Die Bruchflächen, welche man in dieser
    Darstellung so reichlich finden wird, entsprechen ebenso vielen
    Contactstellen, an denen das Problem der Traumbildung in umfassendere
    Probleme der Psychopathologie eingreift, die hier nicht behandelt
    werden konnten, und denen, wenn Zeit und Kraft ausreichen und
    weiteres Material sich einstellt, spätere Bearbeitungen gewidmet
    werden sollen.

    Eigentümlichkeiten des Materials, an dem ich die Traum-
    deutung erläutere, haben mir auch diese Veröffentlichung schwer
    gemacht. Es wird sich aus der Arbeit selbst ergeben, warum alle
    in der Litteratur erzählten oder von Unbekannten zu sammelnden
    Träume für meine Zwecke unbrauchbar sein mussten; ich hatte nur
    die Wahl zwischen den eigenen Träumen und denen meiner, in

  • S.

    psychoanalytischer Behandlung stehenden, Patienten. Die Verwendung
    des letzteren Materiales wurde mir durch den Umstand verwehrt,
    dass hier die Traumvorgänge einer unerwünschten Complication durch
    die Einmengung neurotischer Charaktere unterlagen. Mit der Mit-
    theilung meiner eigenen Träume aber erwies sich als untrennbar
    verbunden, dass ich von den Intimitäten meines psychischen Lebens
    fremden Einblicken mehr eröffnete, als mir lieb sein konnte, und als
    sonst einem Autor, der nicht Poet sondern Naturforscher ist, zur
    Aufgabe fällt. Das war peinlich aber unvermeidlich; ich habe mich
    also darein gefügt, um nicht auf die Beweisführung für meine
    psychologischen Ergebnisse überhaupt verzichten zu müssen. Natür-
    lich habe ich doch der Versuchung nicht widerstehen können, durch
    Auslassungen und Ersetzungen manchen Indiscretionen die Spitze
    abzubrechen; so oft dies geschah, gereichte es dem Werthe der von
    mir verwendeten Beispiele zum entschiedensten Nachtheile. Ich kann
    nur die Erwartung aussprechen, dass die Leser dieser Arbeit sich
    in meine schwierige Lage versetzen werden, um Nachsicht mit mir
    zu üben, und ferner, dass alle Personen, die sich in den mitgetheilten
    Träumen irgendwie betroffen finden, wenigstens dem Traumleben Ge-
    dankenfreiheit nicht werden versagen wollen.