Die Frage der Laienanalyse1926-002/1926.01
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    sobald sie aufgeworfen wird durch den
    Wortlaut des Gesetzes entschieden
    zu sein. Nervöse sind Kranke,
    Laien sind Nichtärzte, die Psychoanalyse ein
    Verfahren zur Heilung oder Besser-
    ung der nervösen Leiden, alle solche
    Behandlgen sind den Ärzten vorbe-
    halten; folglich ist es nicht gestattet
    daß Laien die Analyse an Nervösen
    üben u strafbar, wenn es doch
    geschieht. Bei so einfacher Sachlage
    wagt man es kaum, sich mit der
    Frage der Laienanalyse zu be-
    schäftigen. Indes liegen einige Kom-
    plikationen vor, um die sich
    das Gesetz nicht kümmert, die
    aber darum doch Berücksichtigg
    verlangen. Es wird sich vielleicht er-
    geben, daß die Kranken in diesem
    Falle nicht sind wie andere Kranke,
    die Laien nicht eigentlich Laien
    und die Ärzte nicht gerade das,
    was man von Ärzten erwarten
    darf u worauf sie ihre Ansprüche
    gründen dürfen. Läßt sich das er-
    weisen, so wäre es eine berechtigte For-
    derung, das Gesetz nicht ohne Modi-
    fikation auf den vorliegenden
    Fall anzuwenden.
     

    I.
     

    Ob dies geschehen wird, wird von Personen
    abhängen, die nicht dazu verpflichtet
    sind die Besonderheiten einer analyt.
    Behandlg zu kennen. Es ist unsere
    Aufgabe, diese Eigenheiten, die
    wir als so weit einschneidend an-
    erkennen wollen, darzuthun u zu unter-
    richten. Wir bedauern, daß wir sie
    nicht zu Zuhörern einer solchen Be-
    handlg machen können. Die analyt.
    Situation verträgt keinen Dritten.
    Auch sind die einzelnen Behandlgsstunden
    sehr ungleichwertig; ein solch unbe-
    fugter Zuhörer der in eine belieb.
    Sitzung geriete, würde zumeist
    keinen verwertbaren Eindruck
    gewinnen; er käme in Gefahr nicht
    zu verstehen was zwischen dem
    Analytiker u dem Patienten verhandelt
    wird, oder er würde sich langweilen.
     

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    Er muß sich also wol oder übel mit
    unserer Information begnügen, die
    wir möglichst vertrauenswürdig abfassen
    wollen.
     

       Der Kranke möge also an Stimmungs-
    schwankungen leiden, die er nicht be-
    herrscht oder an kleinmütiger Ver-
    zagtheit, durch die er seine Energie
    gelähmt fühlt, da er sich nichts Rechtes
    zutraut, oder an ängstlicher Befangen-
    heit unter Fremden. Er mag ohne
    Verständnis wahrnehmen, daß ihm
    die Erledigung seiner Berufsarbeit
    Schwierigkeiten macht, aber auch jeder
    ernstere Entschluß u jede Unternehm-
    ung. Er hat eines Tages – unbe-
    kannt woher – einen peinlichen Anfall
    von Angstgefühlen erlitten und kann
    seither nicht ohne Überwindung
    allein über die Straße gehen
    oder Eisenbahn fahren, hat beides
    vielleicht überhaupt aufgeben müssen.
    Oder, was sehr merkwürdig ist, seine
    Gedanken gehen ihre eigenen Wege
    und lassen sich nicht von seinem
    Willen lenken. Sie verfolgen
    Probleme, die ihm sehr gleichgiltig
    sind, von denen er sich aber
    nicht losreißen kann. Es sind ihm
    auch höchst lächerliche Aufgaben auf-
    erlegt, wie die Anzahl der Fenster
    an den Häuserfronten zusammenzu-
    zählen, u bei einfachen Verrichtungen
    wie: Briefe in ein Postfach werfen,
    oder eine Gasflamme abdrehen, gerät
    er einen Moment später in Zweifel
    ob er es auch wirklich gethan hat.
    Das ist vielleicht nur ärgerlich und lästig,
    aber der Zustand wird unerträglich,
    wenn er sich plötzlich der Idee nicht
    erwehren kann, daß er ein Kind
    unter die Räder eines Wagens
    gestoßen, einen Unbekannten von
    der Brücke ins Wasser geworfen
    hat, oder wenn er sich fragen muß,
    ob er nicht der Mörder ist, den
    die Polizei als den Urheber eines
    heute entdeckten Verbrechens
    sucht. Es ist ja offen-
     

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    barer Unsinn, er weiß es selbst, er hat
    nie einem Menschen etwas Böses
    gethan, aber wenn er wirklich
    der gesuchte Mörder wäre, könnte
    die Empfindung – das Schuldgefühl –
    nicht stärker sein.
     

       Oder aber, unser Patient – sei es diesmal
    eine Patientin – leidet in anderer
    Weise und auf anderem Gebiet.
    Sie ist Klavierspielerin, aber ihre
    Finger verkrampfen sich und ver-
    sagen den Dienst. Wenn sie
    daran denkt in eine Gesellschaft
    zu gehen, stellt sich sofort ein
    natürliches Bedürfnis bei ihr ein
    dessen Befriedigung mit der Gesellig-
    keit unverträglich wäre. Sie hat
    also darauf verzichtet, Gesellschaften,
    Bälle, Theater, Konzerte zu besuchen.
    Wenn sie es am wenigsten brauchen
    kann, wird sie von heftigen Kopf-
    schmerzen oder anderen Schmerz-
    sensationen befallen. Eventuell
    muß sie jede Mahlzeit durch Er-
    brechen von sich geben, was auf die
    Dauer bedrohlich werden kann. End-
    lich ist es beklagenswert, daß sie
    keine Aufregungen verträgt, die
    die sich im Leben doch nicht ver-
    meiden lassen. Sie verfällt bei
    solchen Anlässen in Ohnmachten
    oft mit Muskelkrämpfen, die
    an gefürchtete unheimliche Krank-
    heitszustände erinnern.
     

       Noch andere Kranke fühlen sich gestört
    in einem besonderen Gebiet, auf
    dem das Gefühlsleben mit Ansprüchen
    an den Körper zusammentrifft.
    Als Männer finden sie sich unfähig den
    zärtlichsten Regungen gegen das
    andere Geschlecht körperlichen Aus-
    druck zu geben, während ihnen viel-
    leicht gegen wenig geliebte Objekte
    alle Reaktionen zu Gebote stehen.
    Oder ihre Sinnlichkeit bindet
    sie an Personen die sie verachten,
    von denen sie frei werden
     

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    möchten. Oder sie stellt ihnen Bedingungen
    deren Erfüllung ihnen selbst ab-
    widerlich ist. Als Frauen fühlen sie sich
    durch Angst u Ekel oder
    durch unbekannte Hemmnisse
    verhindert den Anforderungen des Geschlechtslebens
    nachzukommen, oder wenn sie der
    Liebe nachgegeben haben, finden sie
    sich um den Genuß betrogen den
    die Natur als Prämie auf solche
    Gefügigkeit gesetzt hat.
     

    Alle diese Personen erkennen sich als krank und suchen
    Ärzte auf, von
    denen man ja die Beseitigung solcher
    nervösen Störungen erwartet. Die
    Ärzte führen auch die Kategorien
    unter denen man diese Leiden
    unterbringt, sie diagnostizieren sie
    je nach ihren Standpunkten mit
    verschiedenen Namen: Neurasthenie
    Psychasthenie, Phobien, Zwangsneurose
    Hysterie. Sie untersuchen die Organe,
    welche die Symptome geben: das
    Herz, den Magen, den Darm, die
    Genitalien u finden sie gesund.
    Sie raten zu Unterbrechungen der ge-
    wohnten Lebensweise, Erholungen,
    kräftigenden Prozeduren tonisiere-
    nden Medikamenten, erzielen
    dadurch vorübergehende Erleichterung
    oder auch nichts. Endlich hören die
    Kranken daß es Personen giebt
    die sich ganz speciell mit der
    Behandlung solcher Leiden beschäftigen
    u treten in die Analyse bei ihnen ein.
     

       Unser Unparteiischer, den ich als gegen-
    wärtig vorstelle, hat während der Aufzählg
    der krankhaften der Symptome Zeichen von
    Ermüdung Ungeduld von sich gegeben. Nun wird
    er aufmerksam, gespannt u äußert
    sich auch so: „Jetzt werden wir also er-
    fahren, was der Analytiker mit
    dem Patienten vornimmt, dem der Arzt
    nicht helfen konnte.“
     

       Es geht nichts anderes zwischen ihnen
    vor, als daß sie miteinander
    reden. Der Analytiker verwendet
     

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    weder Instrumente, nicht einmal zur
    Untersuchung, noch verschreibt er
    Medikamente. Wenn es irgend möglich
    ist, läßt er den Kranken sogar in
    seiner Umgebung u in seinen Ver-
    hältnissen, während er ihn behandelt.
    Das ist natürlich keine Bedingung, kann
    auch nicht immer so durchgeführt werden.
    Der Analytiker bestellt den Patienten zu einer
    bestimmten Stunde des Tages, läßt
    ihn reden, hört ihn an, spricht dann
    zu ihm u läßt ihn zuhören.
     

       Die Miene unseres Unparteiischen
    zeugt nun von unverkennbarer Er-
    leichterung und Entspannung, verrät
    aber auch deutlich eine gewisse
    Geringschätzung. Es ist als ob er
    denken würde: Weiter nichts als das?
    Worte, Worte und wiederum Worte
    wie Prinz Hamlet sagt. Es geht ihm
    gewiß auch die Spottrede Mephistos
    durch den Sinn wie bequem sich
    mit Worten wirtschaften läßt,
    Verse, die kein Deutscher je vergessen
    wird.
     

       Er sagt auch: „Das ist also eine Art von
    Zauberei, Sie reden und blasen
    so seine Leiden weg.“
     

       Ganz richtig, es wäre Zauberei, wenn
    es rascher wirken würde. Zum Zauber
    gehört unbedingt die Schnelligkeit,
    man möchte sagen: Plötzlichkeit,
    des Erfolges. Aber die analytischen
    Behandlungen brauchen Monate und
    selbst Jahre; ein so langsamer
    Zauber verliert den Charakter
    des Wunderbaren. Wir wollen
    übrigens das Wort nicht verachten.
    Es ist doch ein mächtiges Instrument,
    es ist das Mittel durch das wir einander
    unsere Gefühle kundgeben, der Weg
    auf den anderen Einfluß zu nehmen.
    Worte können unsagbar wohlthun
    und fürchterliche Verletzungen zu-
    fügen. Gewiß, zu allem Anfang
    war die That, das Wort kam später,
    es war unter manchen Verhältnissen
    ein kultureller Fortschritt, wenn
    sich die That zum Wort ermäßigte.
    Aber das Wort war doch ursprünglich
    ein Zauber, ein magischer Akt,
     

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    und es hat noch viel von seiner alten
    Kraft bewahrt.
     

       Der Unparteiische setzt fort: „Nehmen
    wir an, daß der Patient nicht besser
    auf das Verständnis der analytischen
    Behandlg vorbereitet ist als ich, wie
    wollen Sie ihn an den Zauber des
    Wortes oder der Rede glauben
    machen, der ihn von seinen Leiden
    befreien soll.“
     

       Man muß ihm natürlich eine Vor-
    bereitung geben, und es findet sich
    ein einfacher Weg dazu. Man for-
    dert ihn auf, mit seinem Analytiker
    ganz aufrichtig zu sein, nichts mit Ab-
    sicht zurückzuhalten was ihm in
    den Sinn kommt, in weiterer Folge
    sich über alle Abhaltungen hinweg-
    zusetzen, die manche Gedanken
    oder Erinnerungen von der Mit-
    teilung ausschließen möchten. Jeder
    Mensch weiß, daß es bei ihm solche
    Dinge giebt, die er anderen nur sehr
    ungern mitteilen würde, und
    oder die er überhaupt davon von der Mit-
    teilung vornweg für ausgeschlossen
    hält. Es sind seine „Intimitäten“.
    Er ahnt auch, was einen großen Fort-
    schritt in der psychologischen Selbstbe-
    kenntnis bedeutet, daß es andere
    Dinge giebt, die man sich selbst nicht
    eingestehen möchte, die man gerne
    vor sich selbst verbirgt, die man
    darum kurz abbricht und aus seinem
    Denken verjagt, wenn sie doch
    auftauchen. Vielleicht bemerkt er selbst
    den Ansatz eines sehr merkwürdigen
    psychologischen Problems in der
    Situation, daß ein eigener Gedanke
    vor dem eigenen Selbst geheim
    gehalten werden soll. Das ist ja,
    als ob sein Selbst nicht mehr die Ein-
    heit wäre, für die er es immer
    hält, als ob es noch etwas anderes
    in ihm gäbe, was sich diesem Selbst
    entgegenstellen kann. Etwas wie
    ein Gegensatz zwischen dem Selbst
    u einem Seelenleben im weiteren
    Sinne mag sich ihm dunkel anzeigen.
    Wenn er nun die Forderung der Analyse
    alles zu sagen annimmt, wird er leicht
    der Erwartung zugänglich, daß ein
     

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    Verkehr und Gedankenaustausch unter so
    ungewöhnlichen Voraussetzungen auch
    zu eigenartigen Wirkungen führen
    könnte.
     

       „Ich verstehe,“ sagt unser unparteiischer
    Zuhörer. „Sie nehmen an, daß jeder
    Nervöse etwas hat was ihn bedrückt,
    ein Geheimnis, und indem Sie ihn ver-
    anlassen es auszusprechen, entlasten Sie
    ihn von dem Druck u thun ihm
    wohl. Das ist ja das Prinzip der
    Beichte, dessen sich die katholische Kirche seit
    jeher zur Versicherung ihrer Herr-
    schaft über die Gemüter bedient hat.
     

       Ja u nein, müssen wir antworten.
    Die Beichte geht wol in die Analyse
    ein, als ihre Einleitung gleichsam. Aber
    weit davon entfernt, daß sie das
    Wesen der Analyse träfe oder ihre
    Wirkung erklärte. In der Beichte
    sagt der Sünder was er weiß, in
    der Analyse soll der Neurotiker
    mehr sagen. Auch wissen wir nicht
    davon daß die Beichte je die Kraft
    entwickelt hätte, direkte Krank-
    heitssymptome zu beseitigen.
     

       Dann verstehe ich es doch nicht,“ ist die
    Entgegnung. „Was soll es wol heißen:
    mehr sagen, als er weiß? Ich kann
    mich aber vorstellen, daß Sie als Ana-
    lytiker einen stärkeren Einfluß auf
    Ihren Patienten gewinnen als der Beicht-
    vater auf das Beichtkind, weil Sie
    sich mit ihm soviel länger, intensiver
    u auch individueller Art mit ihm ab-
    geben, und daß Sie diesen gesteiger-
    ten Einfluß dazu benützen, ihn
    von seinen krankhaften Gedanken
    abzubringen, ihm seine Befürchtungen
    auszureden usw. Es wäre merk-
    würdig genug, daß es auf diese
    Weise gelänge, auch rein kör-
    perliche Erscheinungen wie Erbrechen
    Diarrhöen, Krämpfe zu beherrschen
    aber ich weiß davon, daß solche
    Beeinflussungen sehr wol möglich sind
    wenn man einen Menschen in den
    hypnotischen Zustand versetzt hat.
    Wahrscheinlich erzielen Sie durch Ihre
    Bemühung um den Pat. eine
     

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    solche hypnot. Beziehung, eine suggestive Bindg
    an Ihre Person, auch wenn sie es nicht
    beabsichtigen, und die Wunder Ihrer
    Therapie sind dann Wirkungen der
    hypnotischen Suggestion. Soviel ich
    weiß arbeitet aber die hypnotische
    Therapie viel rascher als Ihre Analyse,
    die, wie Sie sagen Monate und Jahre
    dauert.
     

       Unser Unparteiischer ist weder so un-
    wissend noch so ratlos, wie wir ihn anfangs
    eingeschätzt hatten. Es ist unverkennbar
    daß er sich bemüht, die Psychoanalyse
    mit Hilfe seiner früheren Kenntnisse
    zu begreifen, sie an etwas anzu-
    schließen was er schon weiß. Wir haben
    jetzt die schwierige Aufgabe, ihm
    klarzumachen, daß dies nicht gelingen
    wird, daß die Analyse ein Verfahren
    sui generis, etwas Neues und
    Eigenartiges ist was nur mit Hilfe
    neuer Einsichten – oder wenn man
    will: Annahmen – begriffen werden
    kann. Aber wir sind ihm auch noch
    die Antwort auf seine letzten Be-
    merkungen schuldig.
     

       Was Sie von dem besonderen per-
    sönlichen Einfluß des Analytikers
    gesagt haben, ist gewiß sehr beachtens-
    wert. Ein solcher Einfluß existiert und
    spielt in der Analyse eine große
    Rolle. Aber nicht dieselbe, wie beim
    Hypnotismus. Es müßte gelingen Ihnen
    zu beweisen, daß die Situationen
    hier und dort ganz verschiedene
    sind. Es mag die Bemerkung genügen
    daß wir diesen persönlichen Einfluß – das
    suggestive Moment – nicht dazu verwenden
    um die Leidenssymptome zu unterdrücken
    wie es bei der hypnotischen Suggestion
    geschieht. Ferner, daß es irrig wäre zu glau-
    ben dies Moment sei durchaus der Träger
    und Förderer der Behandlung. Zu Anfang
    wol; aber später widersetzt es sich unseren
    analytischen Absichten und nötigt uns zu
    den ausgiebigsten Gegenmaßnahmen.
     

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    Auch möchte ich Ihnen an einem Beispiel
    zeigen, wie ferne der analytischen
    Technik das Ablenken und Ausreden
    liegt. Wenn unser Patient an einem
    Schuldgefühl leidet, als ob er ein
    schweres Verbrechen begangen hätte,
    so raten wir ihm nicht, sich unter Be-
    tonung seiner unzweifelhaften
    Schuldlosigkeit über diese Gewissens-
    qual hinwegzusetzen; das hat er
    schon selbst erfolglos versucht.
    Sondern wir mahnen ihn daran, daß
    eine so starke und andauernde
    Empfindung doch in etwas Wirklichem
    begründet sein muß, was vielleicht
    aufgefunden werden kann.
     

       Es sollte mich wundern, meint der
    Unparteiische, wenn Sie durch solches
    Zustimmen das Schuldgefühl Ihres
    Patienten beschwichtigen könnten. Aber
    was sind denn Ihre analytischen
    Absichten und was nehmen Sie mit
    dem Pat. vor?
     

    II.
     

    Wenn ich Ihnen etwas Verständliches
    sagen soll, so muß ich Ihnen wol ein
    Stück einer psychologischen Lehre mit-
    teilen, die außerhalb der analy-
    tischen Kreise nicht bekannt ist oder
    nicht gewürdigt wird. Aus dieser Theorie
    wird sich leicht ableiten lassen, was wir
    von dem Kranken wollen u auf
    welche Art wir es erreichen. Ich trage
    sie Ihnen dogmatisch vor, als ob sie ein fertiges
    Lehrgebäude wäre. Glauben Sie aber nicht
    daß sie gleich als solches wie ein philoso-
    phisches System entstanden ist. Wir haben sie
    sehr langsam entwickelt, um jedes
    Stückchen lange gerungen, sie in
    stetem Kontakt mit der Beobachtung
    fortwährend modifiziert, bis sie endlich
    eine Form gewonnen hat, in der
    sie uns für unsere Zwecke zu
    genügen scheint. Noch vor einigen
    Jahren hätte ich diese Lehre in
    anderen Ausdrücken kleiden müssen.
    Ich kann Ihnen natürlich nicht
    dafür einstehen, daß wir in
    Ausdrucksform, die definitive
    bleiben wird. Die Wissenschaft ist
    keine Offenbarung, sie entbehrt lange über ihre Anfänge hin-
    weg der Attribute der Bestimmtheit, Unwandelbarkeit, Unfehlbarkeit,