S.
46
niedriger Kultur und in den unteren
Schichten der Kulturvölker scheint die
Sexualität des Kindes frei gegeben
zu sein. Damit ist wahrscheinlich ein
sehr starker Schutz gegen die spätere
Erkrankung an individuellen Neu-
rosen erzielt worden, aber nicht
auch gleichzeitig eine außerordent-
liche Einbuße an der Eignung zu
kulturellen Leistungen? Manches
spricht dafür, daß wir hier vor
einer neuen Scylla und Charybdis
stehen.
Ob aber die Interessen, die durch das
Studium des Sexuallebens bei den
Neurotikern angeregt werden, eine für
die Erweckung der Lüsternheit
günstige Atmosphäre schaffen,
getraue ich mich doch Ihrem
eigenen Urteil zu überlassen.
V.
„Ich glaube, Ihre Absicht zu verstehen.
Sie wollen mir zeigen, was für Kennt-
nisse man für die Ausübung der
Analyse braucht, damit ich urteilen kann,
ob der Arzt allein zu ihr berechtigt
sein soll. Nun, bisher ist wenig
Ärztliches vorgekommen, viel Psycho-
logie und ein Stück Biologie oder
Sexualwissenschaft. Aber vielleicht haben
wir noch nicht das Ende gesehen?“
Gewiß nicht, es bleiben noch Lücken
auszufüllen. Darf ich Sie um etwas
bitten? Wollen Sie mir schildern, wie
Sie sich jetzt eine analytische Behand-
lung vorstellen? So, als ob Sie sie
selbst vorzunehmen hätten.
„Nun, das kann gut werden. Ich habe
wirklich nicht die Absicht, unsere Streit-
frage durch ein solches Experiment
zu entscheiden. Aber ich will Ihnen
den Gefallen thun. Ich verantworte
mich schließlich ja auf Sie. Also ich werde
mich an den Kranken heran setzen
u. ihn die Klagesichüber seine Beschwer-
den, seine Traurigkeit, seine Hemmungen
oder was immer, aussprechen lassen.
S.
47
Anweisungen folgen will. Ich fordere ihn
auf, mir in vollster Aufrichtigkeit alles
zu sagen was er weiß und was ihm
einfällt und sich von diesem Vorsatz
nicht abhalten zu lassen auch wenn
manches ihm zu sagen unangenehm
sein sollte. Habe ich mir diese Regel
gut gemerkt?“
„Ja, Sie sollten noch hinzufügen, auch
wenn er meint, daß das was ihm ein-
fällt unwichtig oder unsinnig ist.“
„Auch das. Dann beginnt er zu erzählen
und ich höre zu. Ja und dann? Aus
seinen Mitteilungen errate ich,
was er für Eindrücke, Erlebnisse, Wunsch-
regungen verdrängt hatte, weil
sie ihm zu einer Zeit entgegen ge-
treten sind, als sein Ich noch schwach
war und sich vor ihnen fürchtete
anstatt sich mit ihnen abzugeben.
Wenn er das von mir erfahren
hat, versetzt er sich in die Situationen
von damals und macht es jetzt mit
meiner Hilfe besser. Dann verschwinden
die Einschränkungen zu denen sein
Ich genötigt war, und er ist herge-
stellt. Ist es so recht?“
„Bravo, bravo! Ich sehe, man wird mir
wieder den Vorwurf machen können,
daß ich einen Nichtarzt zum Analyt-
iker ausgebildet habe. Sie haben sich
das sehr gut zu eigen gemacht.“
„Ich habe nur wiederholt, was ich von
Ihnen gehört habe, wie wenn man
etwas Auswendiggelerntes hersagt.
Ich kann mir ja doch nicht vorstellen,
wie ich's machen würde, und ver-
stehe gar nicht, warum eine solche
Arbeit soviele Monate hindurch
täglich eine Stunde brauchen
sollte. Ein gewöhnlicher Mensch
hat doch in der Regel nicht
soviel erlebt, und was in der
Kindheit verdrängt wird, das
ist doch wahrscheinlich in allen
Fällen das nämliche.“
S.
48
Man lernt noch allerlei bei der wirk-
lichen Ausübung der Analyse. z.B. Sie
würden es gar nicht so leicht finden
aus den Mitteilungen die der Patient
macht, auf die Erlebnisse zu schließen
die er vergessen, die Triebregungen
die er verdrängt hat. Er sagt Ihnen
irgend etwas was zunächst für Sie
ebensowenig Sinn hat wie für
ihn. Sie werden sich entschließen
müssen das Material das Ihnen der
Analysierte im Gehorsam gegen
die Regel liefert in einer ganz
besonderen Weise aufzufassen.
Etwa wie ein Erz, dem der
Gehalt an wertvollem Metall
durch bestimmte Prozesse abzugewinnen
ist. Sie sind dann auch vorbereitet
viele Tonnen Erz zu verarbeiten
die vielleicht nur wenig von dem
gesuchten kostbaren Stoff enthalten.
Hier wäre die erste Begründung
für die Weitläufigkeit der Kur.
„Wie verarbeitet man aber
diesen Rohstoff, um in Ihrem Gleichnis
zu bleiben?“
Indem man annimmt, daß die Mitteil-
ungen und Einfälle des Kranken
nur Entstellungen des Gesuchten
sind, gleichsam Anspielungen, aus
denen Sie zu erraten haben, was
sich dahinter verbirgt. Mit einem
Wort, Sie müssen dieses Material,
seien es Erinnerungen, Einfälle
oder Träume, erst deuten. Das
geschieht natürlich mit Hinblick auf
die Erwartungen, die sich in Ihnen
dank Ihrer Sachkenntnis, während
Sie zuhören, gebildet haben.
„Deuten! Das ist ein garstiges Wort. Das höre
ich nicht gerne, damit bringen Sie mich
um alle Sicherheit. Wenn alles von
meiner Deutung abhängt, wer steht
mir dafür ein, daß ich richtig deute?
Dann ist doch alles meiner Willkür
überlassen.“
Gemach, es steht nicht so schlimm. Warum
wollen Sie Ihre eigenen seelischen
Vorgänge von der Gesetzmäßigkeit
S.
49
ausnehmen, die Sie für die des anderen an-
erkennen? Wenn Sie eine gewisse
Selbstzucht gewonnen haben und über
bestimmte Kenntnisse verfügen, werden
Ihre Deutungen von Ihren persönlichen
Eigenheiten unbeeinflußt sein und
das Richtige treffen. Ich sage nicht, daß
für diesen Teil der Aufgabe die
Persönlichkeit des Analytikers gleich-
giltig ist. Es kommt eine gewisse Fein-
hörigkeit für das unbewußte Ver-
drängte in Betracht, von der nicht
jeder das gleiche Maß besitzt. Und
vor Allem knüpft hier die Ver-
pflichtung für den Analytiker an,
sich durch tiefreichende eigene
Analyse für die vorurteilslose Auf-
nahme des analytischen Materials
tauglich zu machen. Eines bleibt
freilich übrig, was der „persönlichen
Gleichung“ bei astronomischen Beob-
achtungen gleichzusetzen ist; dies
individuelle Moment wird
in der Psychoanalyse immer eine
größere Rolle spielen als anders-
wo. Ein abnormer Mensch mag ein
korrekter Physiker werden können,
als Analytiker wird er durch seine
eigene Abnormität behindert sein,
die Bilder des seelischen Lebens
ohne Verzerrung zu erfassen. Da
man niemand seine Abnormität
beweisen kann, wird eine allgemeine
Übereinstimmung in Dingen der
Tiefenpsychologie besonders schwer
zu erreichen sein. Manche Psycho-
logen meinen sogar, dies sei ganz
aussichtslos und jeder Narr habe
das gleiche Recht, seine Narrheit
für Weisheit auszugeben. Ich
bekenne ich bin hierin optimistischer.
Unsere Erfahrungen zeigen doch,
daß auch in der Psychologie ziemlich
befriedigende Übereinstimmungen zu
erreichen sind. Jedes Forschungsgebiet
hat eben seine besondere Schwierig-
keit, die zu eliminieren wir uns
bemühen müssen. Übrigens ist auch in der
Deutungskunst der Analyse manches wie
ein anderer Wissensstoff zu erlernen,
S.
50
z.B. was mit der eigentümlichen indirekten
Darstellung durch Symbole zusammenhängt. 1)
„Nun, ich habe keine Lust mehr, auch nur
in Gedanken eine analytische Be-
handlung zu unternehmen. Wer weiß,
was für Überraschungen da noch auf
mich warten würden.“
Sie thun recht daran, eine solche Absicht
aufzugeben. Sie merken, wieviel Schulung
und Übung noch erforderlich wäre.
Wenn Sietrotzdie richtigen Deutungen
gefunden haben, stellt sich eine
neue Aufgabe her. Sie müssen den richtigen
Moment abwarten, um dem Patienten
Ihre Deutung mit Aussicht auf Erfolg
mitzuteilen.
„Woran erkennt man jedesmal den
richtigen Moment?“
Das ist Sache eines Takts, der durch Er-
fahrung sehr verfeinert werden
kann. Sie begehen einen schweren
Fehler, wenn Sie etwa im Bestreben,
die Analyse zu verkürzen, dem Patienten
Ihre Deutungen an den Kopf werfen,
sobald Sie sie gefunden haben. Sie erzielen
damit bei ihm Äußerungen von Wider-
stand, Ablehnung, Entrüstung, erreichen
es aber nicht, daß sein Ich sich des Ver-
drängten bemächtigt. Die Vorschrift
ist, zu warten, bis er sich diesem soweit
angenähert hat, daß er unter der
Anleitung Ihres Deutungsvorschlags
nur noch wenige Schritte zu machenhatbraucht.
„Ich glaube, das würde ich nie erlernen.
Und wenn ich diese Vorsichten bei
der Deutung befolgt habe, was dann?“
Dann ist es Ihnen bestimmt, eine Ent-
deckung zu machen, auf die Sie
nicht vorbereitet sind.
„Die wäre?“
Daß Sie sich in Ihrem Patienten getäuscht
haben, daß Sie gar nicht auf seine
Mithilfe und Gefügigkeit rechnen
dürfen, daß er bereit ist, der gemein-
samen Arbeit alle möglichen
Schwierigkeiten in den Weg zu legen,
mit einem Wort: daß er überhaupt
nicht gesund werden will.
S.
51
„Nein das ist das Tollste, das Sie mir bisher
erzählt haben! Ich glaube es auch nicht. Der
Kranke, der so schwer leidet, der so ergreifend
über seine Beschwerden klagt, der so große
Opfer für die Behandlung bringt, der
soll nicht gesund werden wollen! Sie
meinen es auch gewiß nicht so.“
Fassen Sie sich, ich meine es. Was ich sagte,
ist die Wahrheit, nicht die ganze freilich,
aber ein sehr beachtenswertes Stück
derselben. Der Kranke will allerdings
gesund werden, aber er will es auch
nicht sein, er hat seine Einheit verloren,
darum bringt er auch keinen einheitlichen
Willen auf. Er wäre kein Neurotiker,
wenn er anders wäre.
„Wär' ich besonnen hieß ich nicht der Tell.“
Die Abkömmlinge des Verdrängten sind in
sein Ich durchgebrochen, behaupten sich darin,
und überdiese Strebungendie Strebungen dieser Her-
kunft hat das Ich so wenig Herrschaft wie
über das Verdrängte selbst, weiß auch
für gewöhnlich nichts von ihnen. Diese
Kranken sind eben von einer beson-
deren Art und machen Schwierigkeiten,
mit denen wir nicht zu rechnen ge-
wohnt sind. Alle unsere sozialen Instit-
utionen sind auf Personen mit ein-
heitlichem, normalem Ich zugeschnitten,
das man als gut oder böse klassi-
fizieren kann, das entweder seine
Funktion versieht oder durch einen
übermächtigen Einfluß ausgeschaltet
ist. Daher die gerichtliche Alternative:
verantwortlich oder unverantwortlich.
Auf die Neurotiker passen alle diese
Entscheidungen nicht. Man muß ge-
stehen, es ist schwer, die sozialen
Anforderungen ihrem psychologischen
Zustand anzupassen. Im großen Maß-
stab hat man das im letzten Krieg
erfahren. Waren die Neurotiker,
die sich dem Dienst entzogen, Simul-
anten oder nicht? Sie waren beides.
Wenn man sie wie Simulanten be-
handelte und ihnen das Kranksein
recht unbehaglich machte, wurden
sie gesund; wenn man die angeblich
S.
52
Hergestellten in den Dienst schickte,
flüchteten sie prompt wieder in die
Krankheit. Es war mit ihnen nichts
anzufangen. Und das Nämliche ist mit
den Neurotikern des zivilen Lebens.
Sie klagen über ihre Krankheit, aber
sie nützen sie nach Kräften aus, und
wenn man sie ihnen nehmen will, ver-
teidigen sie sie wie die sprichwört-
liche Löwin ihr Junges, ohne daß es
einen Sinn hätte, ihnen aus diesem Wider-
spruch einen Vorwurf zu machen.
„Aber, wäre es dann nicht das Beste,
wenn man diese schwierigen Leute
gar nicht behandelte, sondern sich selbst
überließe? Ich kann nicht glauben, daß
es der Mühe lohnt, auf jeden einzelnen
dieser Kranken soviel Anstrengung
zu verwenden, wie ich nach Ihren
Andeutungen annehmen muß.“
Ich kann Ihren Vorschlag nicht gutheißen.
Es ist gewiß richtiger, die Komplikationen
des Lebens zu akzeptieren anstatt
sich gegen sie zu sträuben. Nicht jeder
der Neurotiker, den wir behandeln,
mag des Aufwands der Analyse
würdig sein, aber es sind doch auch sehr wert-
volle Personen unter ihnen. Wir
müssen uns das Ziel setzen, zu er-
reichen, daß möglichst wenig menschliche
Individuen mit so mangelhafter
seelischer Ausrüstung dem Kulturleben
entgegentreten, und darum müssen
wir viel Erfahrungen sammeln, viel
verstehen lernen. Jede Analyse kann
instruktiv sein, uns Gewinn an
neuen Aufklärungen bringen, ganz
abgesehen vom persönlichen Wert des
einzelnen Kranken.
„Wenn sich aber im Ich des Kranken eine
Willensregung gebildet hat, welche die
Krankheit behalten will, so muß sich
diese auch auf Gründe u. Motive
berufen, sich durch etwas rechtfertigen
können. Es ist aber gar nicht einzusehen,
wozu ein Mensch krank sein wollte,
was er davon hat.“
S.
53
O doch, das liegt nicht so ferne. Denken Sie
an die Kriegsneurotiker, die eben
keinen Dienst zu leisten brauchen, weil
sie krank sind. Im bürgerlichen Leben
kann die Krankheit als Schutz gebraucht
werden, um seine Unzulänglichkeit
im Beruf und in der Konkurrenz mit
anderen zu beschönigen, in der Familie
als Mittel, um die anderen zu Opfern
u Liebesbeweisen zu zwingen, oder ihnen
seinen Willen aufzunötigen. Das liegt
alles ziemlich oberflächlich, wir fassen es
als „Krankheitsgewinn“ zusammen; merk-
würdig ist nur, daß der Kranke, sein
Ich, von der ganzen Verkettung solcher
Motive mit seinen folgerichtigen
Handlungen doch nichts weiß. Man be-
kämpft den Einfluß dieser Strebungen,
indem man das Ich nötigt, von ihnen
Kenntnis zu nehmen. Es giebt aber noch
andere, tieferliegende Motive, am Krank-
sein festzuhalten, mit denen man
nicht so leicht fertig wird. Ohne einen
neuen Ausflug in die psychologische
Theorie kann man diese letzteren aber
nicht verstehen.
„Erzählen Sie nur weiter, auf ein bischen
Theorie mehr kommt es jetzt schon nicht
an.“
Als ich Ihnen das Verhältnis von Ich und Es
auseinandersetzte, habe ich Ihnen ein
wichtiges Stück der Lehre vom seelischen
Apparat unterschlagen. Wir waren
nämlich gezwungen anzunehmen, daß
sich im Ich selbst eine besondere In-
stanz differenziert hat, die wir das
Über-Ich heißen. Dieses Über-Ich hat eine
besondere Stellung zwischen dem
Ich und dem Es. Es gehört dem Ich an,
teilt dessen hohe psychologische Organ-
isation, steht aber in besonders inniger
Beziehung zum Es. Es ist in Wirklich-
keit der Niederschlag der ersten
Objektbesetzungen des Es, der Erbe
des Oedipuskomplexes nach dessen Auf-
lassung. Dieses Über-Ich kann sich dem
Ich gegenüberstellen, es wie ein
Objekt behandeln und behandelt es
oft sehr hart. Es ist für das Ich ebenso
wichtig, mit dem Über-Ich im Einvernehmen
zu bleiben, wie mit dem Es. Entzwei-
S.
54
ungen zwischen Ich und Über-Ich haben eine
große Bedeutung für das Seelenleben.
Sie erraten schon, daß das Über-Ich der
Träger jenes Phänomens ist, das wir
Gewissen heißen. Für die seelische
Gesundheit kommt sehr viel darauf an,
daß das Über-Ich normal ausgebildet
d.h. genügend unpersönlich geworden sei.
Gerade das ist beim Neurotiker, dessen
Oedipuskomplex nicht die richtige Um-
wandlung erfahren hat, nicht der
Fall. Sein Über-Ich steht dem Ich noch
immer gegenüber wie der strenge
Vater dem Kind, und seine Moralität
betätigt sich in primitiver Weise darin,
daß sich das Ich vom Über-Ich bestrafen
läßt. Die Krankheit wird als Mittel
dieser „Selbstbestrafung“ verwendet,
der Neurotiker muß sich so benehmen,
als beherrschte ihn ein Schuldgefühl,
welches zu seiner Befriedigung
der Krankheit als Strafe bedarf.
„Das klingt wirklich sehr geheimnisvoll.
Das Merkwürdigste daran ist, daß dem
Kranken auch diese Macht seines
Gewissens nicht zum Bewußtsein
kommen soll.“
Ja, wir fangen erst an, die Bedeutung all
dieser wichtigen Verhältnisse zu würdigen.
Deshalb mußte meine Darstellung
so dunkel geraten. Ich kann nun
fortsetzen. Wir heißen alle die
Kräfte, die sich der Genesungsarbeit
widersetzen, die „Widerstände“
des Kranken. Der Krankheitsgewinn
ist die Quelle eines solchen Wider-
standes, das „unbewußte Schuldgefühl“
repräsentiert den Widerstand des
Über-Ichs, es ist der mächtigste und von
uns am meisten gefürchtetste Faktor. Wir
treffen in der Kur noch mit anderen
Widerständen zusammen. Wenn das
Ich in der Frühzeit aus Angst eine
Verdrängung vorgenommen hat, so be-
steht diese Angst noch fort, und
äußert sich nun als ein Widerstand,
wenn das Ich an das Ver-
drängte herangehen soll. Endlich
kann man sich vorstellen, daß es
nicht ohne Schwierigkeiten abgeht,
wenn ein Triebvorgang, der
S.
55
durch Dezennien einen bestimmten Weg
gegangen ist, plötzlich den neuen Weg
gehen soll, den man ihm eröffnet
hat. Das könnte man den Widerstand
des Es heißen. Der Kampf gegen alle
diese Widerstände ist unsere Haupt-
arbeit während der analytischen
Kur, die Aufgabe der Deutungen ver-
schwindet dagegen. Durch diesen Kampf
und die Überwindung der Wider-
stände wird aber auch das Ich des
Kranken so verändert u gestärkt,
daß wir seinem zukünftigen Verhalten
nach Beendigung der Kur mit Ruhe ent-
gegensehen dürfen. Anderseits verstehen
Sie jetzt, wozu wir die lange Behand-
lungsdauer brauchen. Die Länge des
Entwicklungsweges und die Reichhaltig-
keit des Materials sind nicht das
Entscheidende. Es kommt mehr darauf an,
ob der Weg frei ist. Auf einer Strecke,
die man in Friedenszeiten in ein
paar Eisenbahnstunden durchfliegt,
kann eine Armee wochenlang
aufgehalten sein, wenn sie dort
den Widerstand des Feindes zu über-
winden hat. Solche Kämpfe verbrauchen
Zeit auch im seelischen Leben. Ich muß
leider konstatieren, alle Bemühungen,
die analytische Kur ausgiebig zu be-
schleunigen, sind bisher gescheitert.
Der beste Weg zu ihrer Abkürzung
scheint ihre korrekte Durchführung
zu sein.
„Wenn ich je Lust verspürt hätte, Ihnen ins
Handwerk zu pfuschen und selbst eine
Analyse an einem Anderen zu versuchen,
Ihre Mitteilungen über die Widerstände
würden mich davon geheilt haben. Aber
wie steht es mit dem besonderen
persönlichen Einfluß, den Sie doch zuge-
standen haben? Kommt der nicht gegen
die Widerstände auf?“
Es ist gut, daß Sie jetzt danach fragen.
Dieser persönliche Einfluß ist unsere
stärkste dynamische Waffe, er ist das-
jenige, was wir neu in die
Situation einführen und wodurch
wir sie in Fluß bringen. Der intellekt-
uelle Gehalt unserer Aufklärungen
S.
56
kann das nicht leisten, denn der
Kranke, der alle Vorurteile der
Umwelt teilt, brauchte uns so wenig
zu glauben wie unsere wissenschaftlichen
Kritiker. Der Neurotiker macht sich
an die Arbeit, weil erunsdem Analytiker
Glauben schenkt, und er glaubt ihm, weil
er eine besondere Gefühlseinstellung
zu der Person des Analytikers
gewinnt. Auch das Kind glaubt nur
jenen Menschen, denen es
anhängt. Ich sagte Ihnen schon, wozu
wir diesen besonders großen „suggestiven“
Einfluß verwenden. Nicht zur
Unterdrückung der Symptome – das
unterscheidet die analytische Methode
von anderen Verfahren der Psycho-
therapie, – sondern als Triebkraft, um
das Ich des Kranken zur Überwind-
ung seiner Widerstände zu ver-
anlassen.
„Nun, und wenn das gelingt, geht dann
nicht alles glatt?“
Ja, es sollte. Aber es stellt sich eine
unerwartete Komplikation heraus.
Es war vielleicht die größte Überraschung
für den Analytiker, daß die Gefühls-
beziehung, die der Kranke zu ihm
annimmt, von einer ganz eigentümlichen
Natur ist. Schon der erste Arzt, der
eine Analyse versuchte – es war nicht
ich – ist auf dieses Phänomen gestoßen
und an ihm irre geworden. Diese
Gefühlsbeziehung ist nämlich – um es klar
herauszusagen – von der Natur
einer Verliebtheit. Merkwürdig,
nicht wahr? Wenn Sie überdies in
Betracht ziehen, daß der Analytiker
nichts dazu thut, sie zu provozieren,
daß er im Gegenteil sich eher mensch-
lich von seinem Patienten fern hält, seine
eigene Person mit einer gewissen
Reserve umgiebt. Und wenn Sie ferner
erfahren, daß diese sonderbare Liebes-
beziehung von allen anderen realen
Begünstigungen absieht, sich über alle
Variationen der persönlichen An-
ziehung, des Alters, Geschlechts und Standes
hinaussetzt. Diese Liebe ist direkt
S.
57
zwangsläufig. Nicht, daß dieser Charakter
der spontanen Verliebtheit sonst fremd
bleiben müßte. Sie wissen, das Gegenteil
kommt oft genug vor, aber in der analyt-
ischen Situation stellt es sich ganz regel-
mäßig her, ohne doch in ihr eine rationelle
Erklärung zu finden. Man sollte
doch meinen, aus dem Verhältnis des
Patienten zum Analytiker brauchte
sich für den ersteren nicht mehr zu
ergeben als ein gewisses Maß von
Respekt, Zutrauen, Dankbarkeit
und menschliche Sympathie. Anstatt dessen
diese Verliebtheit, die selbst
den Eindruck einer krankhaften Er-
scheinung macht.
„Nun, ich sollte meinen, das ist doch für
Ihre analytischen Absichten günstig. Wenn
man liebt, so ist man gefügig und
thut dem anderen Teil alles mögliche
zu Liebe.“
Ja, zu Anfang ist es auch günstig, aber später-
hin, wenn sich diese Verliebtheit ver-
tieft hat, kommt ihre ganze Natur zum
Vorschein, an der sehr viel mit der Auf-
gabe der Analyse unverträglich ist.
Die Liebe des Patienten begnügt sich nicht
damit zu gehorchen, sie wird anspruchs-
voll, verlangt zärtliche und sinnliche
Befriedigungen, fordert Ausschließlich-
keit, entwickelt Eifersucht, zeigt immer
deutlicher ihre Kehrseite, die Bereit-
schaft zu Feindseligkeit und Rachsucht, wenn
sie ihre Absichten nicht erreichen kann.
Gleichzeitig drängt sie, wie jede Verliebtheit,
alle anderen seelischen Inhalte
zurück, sie löscht das Interesse an der
Kur und an der Genesung aus, kurz,
wir können nicht daran zweifeln, sie
hat sich an die Stelle der Neurose
gesetzt und unsere Arbeit hat den
Erfolg gehabt, eine Form des Krank-
seins durch eine andere zu vertreiben.
„Das klingt nun trostlos. Was macht
man da? Man sollte die Analyse
aufgeben, aber da, wie Sie sagen, ein
solcher Erfolg in jedem Fall ein-
tritt, so könnte man ja überhaupt
keine Analyse durchführen.“
S.
58
Wir wollen zuerst die Situation
ausnützen, um aus ihr zu lernen. Was
wir so gewonnen haben, kann uns
dann helfen, sie zu beherrschen. Ist
es nicht höchst beachtenswert, daß es uns
gelingt, eine Neurose mit beliebigem
Inhalt in einen Zustand von krank-
hafter Verliebtheit zu verwandeln?
Unsere Überzeugung, daß der Neurose
ein Stück abnorm verwendeten Liebes-
lebens zu Grunde liegt, muß doch durch
diese Erfahrung unerschütterlich befestigt
werden. Mit dieser Einsicht fassen wir
wieder festen Fuß, wir getrauen
uns nun, diese Verliebtheit selbst
zum Objekt der Analyse zu nehmen.
Wir machen auch eine
andere Beobachtung. Nicht in allen
Fällen äußert sich die analytische
Verliebtheit so klar und so grell,
wie ich's zu schildern versuchte.
Warum aber geschieht das nicht? Man
sieht es bald ein. In dem Maß,
als die vollsinnlichen und die feind-
seligen Seiten seiner Verliebtheit
sich zeigen wollen, erwacht auch das
Widerstreben des Patienten gegen
dieselben. Er kämpft mit ihnen, sucht
sie zu verdrängen, unter unseren
Augen. Und eben verstehen wir
den Vorgang. Der Patient wiederholt
in der Form der Verliebtheit in
den Analytiker seelische Erlebnisse, die
er bereits früher einmal durchgemacht
hat – er hat seelische Einstellungen, die
in ihm bereit lagen und mit der
Entstehung seiner Neurose innig ver-
knüpft waren, auf den Analytiker
übertragen. Er wiederholt auch seine
damaligen Abwehrreaktionen vor unseren
Augen, möchte am liebsten alle
Schicksale jener vergessenen Lebens-
periode in seinem Verhältnis
zum Analytiker wiederholen. Was
er uns zeigt, ist also der Kern
seiner intimen Lebensgeschichte, er
S.
59
reproduziert ihn greifbar wie gegenwärtig,
anstatt ihn zu erinnern. Damit ist das
Rätsel der Übertragungsliebe gelöst
und die Analyse kann gerade mit
Hilfe der neuen Situation, die
für sie so bedrohlich schien, fortge-
setzt werden.
„Das ist raffiniert. Und glaubt Ihnen
der Kranke so leicht, daß er nicht
verliebt ist, sondern nurgezwungen ist
ein altes Stück wiederaufzuführen?“
Alles kommt jetzt darauf an und die
volle Geschicklichkeit in der Hand-
habung der „Übertragung“ gehört dazu,
es zu erreichen. Sie sehen, daß die An-
forderungen an die analytische Technik
an dieser Stelle die höchste Steigerung
erfahren. Hier kann man die schwersten
Fehler begehen oder sich der größten Erfolge
versichern. Der Versuch, sich den
Schwierigkeiten zu entziehen, indem
man die Übertragung unterdrückt
oder vernachlässigt, wäre unsinnig;
was immer man sonst gethan hat, es
verdiente nicht den Namen einer
Analyse. Den Kranken wegzuschicken,
sobald sich die Unannehmlichkeiten seiner
Übertragungsneurose herstellen, ist
nicht sinnreicher und außerdem eine
Feigheit; es wäre ungefähr so, als ob
man Geister beschworen hätte und
dann davongerannt wäre, sobald sie
erscheinen. Zwar manchmal kann man
wirklich nicht anders; es giebt Fälle
in denen man der entfesselten
Übertragung nicht Herr wird und die
Analyse abbrechen muß, aber man soll
wenigstens mit den bösen Geistern
nach Kräften gerungen haben. Den
Anforderungen der Übertragung nach-
geben, die Wünsche des Patienten nach
zärtlicher und sinnlicher Befriedigung
erfüllen, ist nicht nur berechtigter
Weise durch moralische Rücksichten
versagt, sondern auch als technisches
Mittel zur Erreichung der analytischen
Absicht völlig unzureichend. Der
S.
60
Neurotiker kann dadurch, daß man ihm
die unkorrigierte Wiederholung eines in
ihm vorbereiteten unbewußten Klischees ermöglicht
hat, nicht geheilt werden. Wenn man sich
auf Kompromisse mit ihm einläßt,
indem man ihm partielle Befriedigungen
zum Austausch gegen seine weitere
Mitarbeit an der Analyse bietet,
muß man Acht haben, daß man nicht
in die lächerliche Situation des Geistlichen
gerät, der den kranken Versicherungs-
agenten bekehren soll. Der Krankeent-
bleibt unbekehrt, aber der Geistliche
zieht versichert ab.J. Poincaré Scienceet Hypothèse.Der einzig mögliche Ausweg
aus der Situation der Übertragung
ist die Rückführung auf die Vergangen-
heit des Kranken, wie er sie wirklich
erlebt oder durch die wunscherfüll-
ende Thätigkeit seiner Phantasie ge-
staltet hat. Und dies erfordert
beim Analytiker viel Geschick, Geduld, Ruhe
und Selbstverleugnung.
„Und wo, meinen Sie, hat der Neurotiker
das Vorbild seiner Übertragungsliebe
erlebt?“
In seiner Kindheit, in der Regel in der
Beziehung zu einem Elternteil. Sie
erinnern sich, welche Wichtigkeit wir
diesen frühesten Gefühlsbeziehungen
zuschreiben mußten. Hier schließt sich
also der Kreis.
„Sind Sie endlich fertig? Mir ist ein bischen
wirre vor der Fülle dessen, was ich
von Ihnen gehört habe. Sagen Sie mir nur
noch, wie und wo lernt man das,
was man zur Ausübung der Analyse
braucht?“
Es giebt derzeit zwei Institute, an denen
Unterricht in der Psychoanalyse erteilt
wird. Das erste in Berlin hat Dr Max
Eitingon der dortigen Vereinigung
eingerichtet. Das zweite erhält die
„Wiener Psychoanalytische Vereinigung“
aus eigenen Mitteln unter be-
trächtlichen Opfern. Die Anteilnahme
S.
61
der Behörden erschöpft sich vorläufig in
den mancherlei Schwierigkeiten, die
sie dem jungen Unternehmen bereiten.
Ein drittes Lehrinstitut soll eben jetzt
in London von der dortigen Gesell-
schaft unter der Leitung von Dr. E.
Jones eröffnet werden. An diesen
Instituten werden die Kandidaten
selbst in Analyse genommen, erhalten
theoretischen Unterricht durch Vor-
lesungen in allen für sie wichtigen
Gegenständen und genießen die Auf-
sicht älterer erfahrener Analytiker,
wenn sie zu ihren ersten Versuchen
an leichteren Fällen zugelassen
werden. Man rechnet für eine solche
Ausbildung etwa zwei Jahre. Natür-
lich ist man auch nach dieser Zeit nur
ein Anfänger, noch kein Meister.
Was noch mangelt, muß durch Übung
und durch den Gedankenaustausch in
den psychoanalytischen Gesellschaften,
in denen jüngere Mitglieder mit
älteren zusammentreffen, erworben
werden. Die Vorbereitung für die
analytische Thätigkeit ist gar nicht
so leicht und einfach, die Arbeit ist
schwer, die Verantwortlichkeit
groß. Aber wer eine solche Unterweisung
durchgemacht hat, selbst analysiert worden
ist, von der Psychologie des Unbewußten
erfaßt hat, was sich heute eben lehren
läßt, in der Wissenschaft des Sexual-
lebens Bescheid weiß und die heikle
Technik der Psychoanalyse erlernt hat,
die Deutungskunst, die Bekämpfung
der Widerstände und die Hand-
habung der Übertragung, der ist
kein Laie mehr auf dem Gebiet
der Psychoanalyse. Er ist dazu befähigt,
die Behandlung neurotischer Stör-
ungen zu unternehmen und wird
mit der Zeit darin alles leisten
können, was man von dieser
Therapie verlangen kann.
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Die Frage der Laienanalyse1926-002/1926.01
1926-002/1926.01/5