Die Frage der Laienanalyse1926-002/1926.01
  • S.

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    niedriger Kultur und in den unteren
    Schichten der Kulturvölker scheint die
    Sexualität des Kindes frei gegeben
    zu sein. Damit ist wahrscheinlich ein
    sehr starker Schutz gegen die spätere
    Erkrankung an individuellen Neu-
    rosen erzielt worden, aber nicht
    auch gleichzeitig eine außerordent-
    liche Einbuße an der Eignung zu
    kulturellen Leistungen? Manches
    spricht dafür, daß wir hier vor
    einer neuen Scylla und Charybdis
    stehen.
     

       Ob aber die Interessen, die durch das
    Studium des Sexuallebens bei den
    Neurotikern angeregt werden, eine für
    die Erweckung der Lüsternheit
    günstige Atmosphäre schaffen,
    getraue ich mich doch Ihrem
    eigenen Urteil zu überlassen.
     

    V.
     

       „Ich glaube, Ihre Absicht zu verstehen.
    Sie wollen mir zeigen, was für Kennt-
    nisse man für die Ausübung der
    Analyse braucht, damit ich urteilen kann,
    ob der Arzt allein zu ihr berechtigt
    sein soll. Nun, bisher ist wenig
    Ärztliches vorgekommen, viel Psycho-
    logie und ein Stück Biologie oder
    Sexualwissenschaft. Aber vielleicht haben
    wir noch nicht das Ende gesehen?“
     

       Gewiß nicht, es bleiben noch Lücken
    auszufüllen. Darf ich Sie um etwas
    bitten? Wollen Sie mir schildern, wie
    Sie sich jetzt eine analytische Behand-
    lung vorstellen? So, als ob Sie sie
    selbst vorzunehmen hätten.
     

       „Nun, das kann gut werden. Ich habe
    wirklich nicht die Absicht, unsere Streit-
    frage durch ein solches Experiment
    zu entscheiden. Aber ich will Ihnen
    den Gefallen thun. Ich verantworte
    mich schließlich ja auf Sie. Also ich werde
    mich an den Kranken heran setzen
    u. ihn die Klage sich über seine Beschwer-
    den, seine Traurigkeit, seine Hemmungen
    oder was immer, aussprechen lassen.
     

  • S.

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    Anweisungen folgen will. Ich fordere ihn
    auf, mir in vollster Aufrichtigkeit alles
    zu sagen was er weiß und was ihm
    einfällt und sich von diesem Vorsatz
    nicht abhalten zu lassen auch wenn
    manches ihm zu sagen unangenehm
    sein sollte. Habe ich mir diese Regel
    gut gemerkt?“
     

       „Ja, Sie sollten noch hinzufügen, auch
    wenn er meint, daß das was ihm ein-
    fällt unwichtig oder unsinnig ist.“
     

       „Auch das. Dann beginnt er zu erzählen
    und ich höre zu. Ja und dann? Aus
    seinen Mitteilungen errate ich,
    was er für Eindrücke, Erlebnisse, Wunsch-
    regungen verdrängt hatte, weil
    sie ihm zu einer Zeit entgegen ge-
    treten sind, als sein Ich noch schwach
    war und sich vor ihnen fürchtete
    anstatt sich mit ihnen abzugeben.
    Wenn er das von mir erfahren
    hat, versetzt er sich in die Situationen
    von damals und macht es jetzt mit
    meiner Hilfe besser. Dann verschwinden
    die Einschränkungen zu denen sein
    Ich genötigt war, und er ist herge-
    stellt. Ist es so recht?“
     

       „Bravo, bravo! Ich sehe, man wird mir
    wieder den Vorwurf machen können,
    daß ich einen Nichtarzt zum Analyt-
    iker ausgebildet habe. Sie haben sich
    das sehr gut zu eigen gemacht.“
     

       „Ich habe nur wiederholt, was ich von
    Ihnen gehört habe, wie wenn man
    etwas Auswendiggelerntes hersagt.
    Ich kann mir ja doch nicht vorstellen,
    wie ich's machen würde, und ver-
    stehe gar nicht, warum eine solche
    Arbeit soviele Monate hindurch
    täglich eine Stunde brauchen
    sollte. Ein gewöhnlicher Mensch
    hat doch in der Regel nicht
    soviel erlebt, und was in der
    Kindheit verdrängt wird, das
    ist doch wahrscheinlich in allen
    Fällen das nämliche.“
      

  • S.

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    Man lernt noch allerlei bei der wirk-
    lichen Ausübung der Analyse. z.B. Sie
    würden es gar nicht so leicht finden
    aus den Mitteilungen die der Patient
    macht, auf die Erlebnisse zu schließen
    die er vergessen, die Triebregungen
    die er verdrängt hat. Er sagt Ihnen
    irgend etwas was zunächst für Sie
    ebensowenig Sinn hat wie für
    ihn. Sie werden sich entschließen
    müssen das Material das Ihnen der
    Analysierte im Gehorsam gegen
    die Regel liefert in einer ganz
    besonderen Weise aufzufassen.
    Etwa wie ein Erz, dem der
    Gehalt an wertvollem Metall
    durch bestimmte Prozesse abzugewinnen
    ist. Sie sind dann auch vorbereitet
    viele Tonnen Erz zu verarbeiten
    die vielleicht nur wenig von dem
    gesuchten kostbaren Stoff enthalten.
    Hier wäre die erste Begründung
    für die Weitläufigkeit der Kur.
     

       „Wie verarbeitet man aber
    diesen Rohstoff, um in Ihrem Gleichnis
    zu bleiben?“
     

       Indem man annimmt, daß die Mitteil-
    ungen und Einfälle des Kranken
    nur Entstellungen des Gesuchten
    sind, gleichsam Anspielungen, aus
    denen Sie zu erraten haben, was
    sich dahinter verbirgt. Mit einem
    Wort, Sie müssen dieses Material,
    seien es Erinnerungen, Einfälle
    oder Träume, erst deuten. Das
    geschieht natürlich mit Hinblick auf
    die Erwartungen, die sich in Ihnen
    dank Ihrer Sachkenntnis, während
    Sie zuhören, gebildet haben.
     

       „Deuten! Das ist ein garstiges Wort. Das höre
    ich nicht gerne, damit bringen Sie mich
    um alle Sicherheit. Wenn alles von
    meiner Deutung abhängt, wer steht
    mir dafür ein, daß ich richtig deute?
    Dann ist doch alles meiner Willkür
    überlassen.“
     

       Gemach, es steht nicht so schlimm. Warum
    wollen Sie Ihre eigenen seelischen
    Vorgänge von der Gesetzmäßigkeit
     

  • S.

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    ausnehmen, die Sie für die des anderen an-
    erkennen? Wenn Sie eine gewisse
    Selbstzucht gewonnen haben und über
    bestimmte Kenntnisse verfügen, werden
    Ihre Deutungen von Ihren persönlichen
    Eigenheiten unbeeinflußt sein und
    das Richtige treffen. Ich sage nicht, daß
    für diesen Teil der Aufgabe die
    Persönlichkeit des Analytikers gleich-
    giltig ist. Es kommt eine gewisse Fein-
    hörigkeit für das unbewußte Ver-
    drängte in Betracht, von der nicht
    jeder das gleiche Maß besitzt. Und
    vor Allem knüpft hier die Ver-
    pflichtung für den Analytiker an,
    sich durch tiefreichende eigene
    Analyse für die vorurteilslose Auf-
    nahme des analytischen Materials
    tauglich zu machen. Eines bleibt
    freilich übrig, was der „persönlichen
    Gleichung“ bei astronomischen Beob-
    achtungen gleichzusetzen ist; dies
    individuelle Moment wird
    in der Psychoanalyse immer eine
    größere Rolle spielen als anders-
    wo. Ein abnormer Mensch mag ein
    korrekter Physiker werden können,
    als Analytiker wird er durch seine
    eigene Abnormität behindert sein,
    die Bilder des seelischen Lebens
    ohne Verzerrung zu erfassen. Da
    man niemand seine Abnormität
    beweisen kann, wird eine allgemeine
    Übereinstimmung in Dingen der
    Tiefenpsychologie besonders schwer
    zu erreichen sein. Manche Psycho-
    logen meinen sogar, dies sei ganz
    aussichtslos und jeder Narr habe
    das gleiche Recht, seine Narrheit
    für Weisheit auszugeben. Ich
    bekenne ich bin hierin optimistischer.
    Unsere Erfahrungen zeigen doch,
    daß auch in der Psychologie ziemlich
    befriedigende Übereinstimmungen zu
    erreichen sind. Jedes Forschungsgebiet
    hat eben seine besondere Schwierig-
    keit, die zu eliminieren wir uns
    bemühen müssen. Übrigens ist auch in der
    Deutungskunst der Analyse manches wie
    ein anderer Wissensstoff zu erlernen,
     

  • S.

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    z.B. was mit der eigentümlichen indirekten
    Darstellung durch Symbole zusammenhängt. 1)
     

       „Nun, ich habe keine Lust mehr, auch nur
    in Gedanken eine analytische Be-
    handlung zu unternehmen. Wer weiß,
    was für Überraschungen da noch auf
    mich warten würden.“
     

       Sie thun recht daran, eine solche Absicht
    aufzugeben. Sie merken, wieviel Schulung
    und Übung noch erforderlich wäre.
    Wenn Sie trotz die richtigen Deutungen
    gefunden haben, stellt sich eine
    neue Aufgabe her. Sie müssen den richtigen
    Moment abwarten, um dem Patienten
    Ihre Deutung mit Aussicht auf Erfolg
    mitzuteilen.
     

       „Woran erkennt man jedesmal den
    richtigen Moment?“
     

       Das ist Sache eines Takts, der durch Er-
    fahrung sehr verfeinert werden
    kann. Sie begehen einen schweren
    Fehler, wenn Sie etwa im Bestreben,
    die Analyse zu verkürzen, dem Patienten
    Ihre Deutungen an den Kopf werfen,
    sobald Sie sie gefunden haben. Sie erzielen
    damit bei ihm Äußerungen von Wider-
    stand, Ablehnung, Entrüstung, erreichen
    es aber nicht, daß sein Ich sich des Ver-
    drängten bemächtigt. Die Vorschrift
    ist, zu warten, bis er sich diesem soweit
    angenähert hat, daß er unter der
    Anleitung Ihres Deutungsvorschlags
    nur noch wenige Schritte zu machen
    hat braucht.
     

       „Ich glaube, das würde ich nie erlernen.
    Und wenn ich diese Vorsichten bei
    der Deutung befolgt habe, was dann?“
     

       Dann ist es Ihnen bestimmt, eine Ent-
    deckung zu machen, auf die Sie
    nicht vorbereitet sind.
     

       „Die wäre?“
     

       Daß Sie sich in Ihrem Patienten getäuscht
    haben, daß Sie gar nicht auf seine
    Mithilfe und Gefügigkeit rechnen
    dürfen, daß er bereit ist, der gemein-
    samen Arbeit alle möglichen
    Schwierigkeiten in den Weg zu legen,
    mit einem Wort: daß er überhaupt
    nicht gesund werden will.
     

  • S.

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       „Nein das ist das Tollste, das Sie mir bisher
    erzählt haben! Ich glaube es auch nicht. Der
    Kranke, der so schwer leidet, der so ergreifend
    über seine Beschwerden klagt, der so große
    Opfer für die Behandlung bringt, der
    soll nicht gesund werden wollen! Sie
    meinen es auch gewiß nicht so.“
     

       Fassen Sie sich, ich meine es. Was ich sagte,
    ist die Wahrheit, nicht die ganze freilich,
    aber ein sehr beachtenswertes Stück
    derselben. Der Kranke will allerdings
    gesund werden, aber er will es auch
    nicht sein, er hat seine Einheit verloren,
    darum bringt er auch keinen einheitlichen
    Willen auf. Er wäre kein Neurotiker,
    wenn er anders wäre.
     

    „Wär' ich besonnen hieß ich nicht der Tell.“
     

    Die Abkömmlinge des Verdrängten sind in
    sein Ich durchgebrochen, behaupten sich darin,
    und über diese Strebungen die Strebungen dieser Her-
    kunft hat das Ich so wenig Herrschaft wie
    über das Verdrängte selbst, weiß auch
    für gewöhnlich nichts von ihnen. Diese
    Kranken sind eben von einer beson-
    deren Art und machen Schwierigkeiten,
    mit denen wir nicht zu rechnen ge-
    wohnt sind. Alle unsere sozialen Instit-
    utionen sind auf Personen mit ein-
    heitlichem, normalem Ich zugeschnitten,
    das man als gut oder böse klassi-
    fizieren kann, das entweder seine
    Funktion versieht oder durch einen
    übermächtigen Einfluß ausgeschaltet
    ist. Daher die gerichtliche Alternative:
    verantwortlich oder unverantwortlich.
    Auf die Neurotiker passen alle diese
    Entscheidungen nicht. Man muß ge-
    stehen, es ist schwer, die sozialen
    Anforderungen ihrem psychologischen
    Zustand anzupassen. Im großen Maß-
    stab hat man das im letzten Krieg
    erfahren. Waren die Neurotiker,
    die sich dem Dienst entzogen, Simul-
    anten oder nicht? Sie waren beides.
    Wenn man sie wie Simulanten be-
    handelte und ihnen das Kranksein
    recht unbehaglich machte, wurden
    sie gesund; wenn man die angeblich
     

  • S.

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    Hergestellten in den Dienst schickte,
    flüchteten sie prompt wieder in die
    Krankheit. Es war mit ihnen nichts
    anzufangen. Und das Nämliche ist mit
    den Neurotikern des zivilen Lebens.
    Sie klagen über ihre Krankheit, aber
    sie nützen sie nach Kräften aus, und
    wenn man sie ihnen nehmen will, ver-
    teidigen sie sie wie die sprichwört-
    liche Löwin ihr Junges, ohne daß es
    einen Sinn hätte, ihnen aus diesem Wider-
    spruch einen Vorwurf zu machen.
     

       „Aber, wäre es dann nicht das Beste,
    wenn man diese schwierigen Leute
    gar nicht behandelte, sondern sich selbst
    überließe? Ich kann nicht glauben, daß
    es der Mühe lohnt, auf jeden einzelnen
    dieser Kranken soviel Anstrengung
    zu verwenden, wie ich nach Ihren
    Andeutungen annehmen muß.“
     

       Ich kann Ihren Vorschlag nicht gutheißen.
    Es ist gewiß richtiger, die Komplikationen
    des Lebens zu akzeptieren anstatt
    sich gegen sie zu sträuben. Nicht jeder
    der Neurotiker, den wir behandeln,
    mag des Aufwands der Analyse
    würdig sein, aber es sind doch auch sehr wert-
    volle Personen unter ihnen. Wir
    müssen uns das Ziel setzen, zu er-
    reichen, daß möglichst wenig menschliche
    Individuen mit so mangelhafter
    seelischer Ausrüstung dem Kulturleben
    entgegentreten, und darum müssen
    wir viel Erfahrungen sammeln, viel
    verstehen lernen. Jede Analyse kann
    instruktiv sein, uns Gewinn an
    neuen Aufklärungen bringen, ganz
    abgesehen vom persönlichen Wert des
    einzelnen Kranken.
     

       „Wenn sich aber im Ich des Kranken eine
    Willensregung gebildet hat, welche die
    Krankheit behalten will, so muß sich
    diese auch auf Gründe u. Motive
    berufen, sich durch etwas rechtfertigen
    können. Es ist aber gar nicht einzusehen,
    wozu ein Mensch krank sein wollte,
    was er davon hat.“
     

  • S.

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    O doch, das liegt nicht so ferne. Denken Sie
    an die Kriegsneurotiker, die eben
    keinen Dienst zu leisten brauchen, weil
    sie krank sind. Im bürgerlichen Leben
    kann die Krankheit als Schutz gebraucht
    werden, um seine Unzulänglichkeit
    im Beruf und in der Konkurrenz mit
    anderen zu beschönigen, in der Familie
    als Mittel, um die anderen zu Opfern
    u Liebesbeweisen zu zwingen, oder ihnen
    seinen Willen aufzunötigen. Das liegt
    alles ziemlich oberflächlich, wir fassen es
    als „Krankheitsgewinn“ zusammen; merk-
    würdig ist nur, daß der Kranke, sein
    Ich, von der ganzen Verkettung solcher
    Motive mit seinen folgerichtigen
    Handlungen doch nichts weiß. Man be-
    kämpft den Einfluß dieser Strebungen,
    indem man das Ich nötigt, von ihnen
    Kenntnis zu nehmen. Es giebt aber noch
    andere, tieferliegende Motive, am Krank-
    sein festzuhalten, mit denen man
    nicht so leicht fertig wird. Ohne einen
    neuen Ausflug in die psychologische
    Theorie kann man diese letzteren aber
    nicht verstehen.
     

       „Erzählen Sie nur weiter, auf ein bischen
    Theorie mehr kommt es jetzt schon nicht
    an.“
     

       Als ich Ihnen das Verhältnis von Ich und Es
    auseinandersetzte, habe ich Ihnen ein
    wichtiges Stück der Lehre vom seelischen
    Apparat unterschlagen. Wir waren
    nämlich gezwungen anzunehmen, daß
    sich im Ich selbst eine besondere In-
    stanz differenziert hat, die wir das
    Über-Ich heißen. Dieses Über-Ich hat eine
    besondere Stellung zwischen dem
    Ich und dem Es. Es gehört dem Ich an,
    teilt dessen hohe psychologische Organ-
    isation, steht aber in besonders inniger
    Beziehung zum Es. Es ist in Wirklich-
    keit der Niederschlag der ersten
    Objektbesetzungen des Es, der Erbe
    des Oedipuskomplexes nach dessen Auf-
    lassung. Dieses Über-Ich kann sich dem
    Ich gegenüberstellen, es wie ein
    Objekt behandeln und behandelt es
    oft sehr hart. Es ist für das Ich ebenso
    wichtig, mit dem Über-Ich im Einvernehmen
    zu bleiben, wie mit dem Es. Entzwei-
     

  • S.

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    ungen zwischen Ich und Über-Ich haben eine
    große Bedeutung für das Seelenleben.
    Sie erraten schon, daß das Über-Ich der
    Träger jenes Phänomens ist, das wir
    Gewissen heißen. Für die seelische
    Gesundheit kommt sehr viel darauf an,
    daß das Über-Ich normal ausgebildet
    d.h. genügend unpersönlich geworden sei.
    Gerade das ist beim Neurotiker, dessen
    Oedipuskomplex nicht die richtige Um-
    wandlung erfahren hat, nicht der
    Fall. Sein Über-Ich steht dem Ich noch
    immer gegenüber wie der strenge
    Vater dem Kind, und seine Moralität
    betätigt sich in primitiver Weise darin,
    daß sich das Ich vom Über-Ich bestrafen
    läßt. Die Krankheit wird als Mittel
    dieser „Selbstbestrafung“ verwendet,
    der Neurotiker muß sich so benehmen,
    als beherrschte ihn ein Schuldgefühl,
    welches zu seiner Befriedigung
    der Krankheit als Strafe bedarf.
     

       „Das klingt wirklich sehr geheimnisvoll.
    Das Merkwürdigste daran ist, daß dem
    Kranken auch diese Macht seines
    Gewissens nicht zum Bewußtsein
    kommen soll.“
     

       Ja, wir fangen erst an, die Bedeutung all
    dieser wichtigen Verhältnisse zu würdigen.
    Deshalb mußte meine Darstellung
    so dunkel geraten. Ich kann nun
    fortsetzen. Wir heißen alle die
    Kräfte, die sich der Genesungsarbeit
    widersetzen, die „Widerstände“
    des Kranken. Der Krankheitsgewinn
    ist die Quelle eines solchen Wider-
    standes, das „unbewußte Schuldgefühl“
    repräsentiert den Widerstand des
    Über-Ichs, es ist der mächtigste und von
    uns am meisten gefürchtetste Faktor. Wir
    treffen in der Kur noch mit anderen
    Widerständen zusammen. Wenn das
    Ich in der Frühzeit aus Angst eine
    Verdrängung vorgenommen hat, so be-
    steht diese Angst noch fort, und
    äußert sich nun als ein Widerstand,
    wenn das Ich an das Ver-
    drängte herangehen soll. Endlich
    kann man sich vorstellen, daß es
    nicht ohne Schwierigkeiten abgeht,
    wenn ein Triebvorgang, der
     

  • S.

    55

    durch Dezennien einen bestimmten Weg
    gegangen ist, plötzlich den neuen Weg
    gehen soll, den man ihm eröffnet
    hat. Das könnte man den Widerstand
    des Es heißen. Der Kampf gegen alle
    diese Widerstände ist unsere Haupt-
    arbeit während der analytischen
    Kur, die Aufgabe der Deutungen ver-
    schwindet dagegen. Durch diesen Kampf
    und die Überwindung der Wider-
    stände wird aber auch das Ich des
    Kranken so verändert u gestärkt,
    daß wir seinem zukünftigen Verhalten
    nach Beendigung der Kur mit Ruhe ent-
    gegensehen dürfen. Anderseits verstehen
    Sie jetzt, wozu wir die lange Behand-
    lungsdauer brauchen. Die Länge des
    Entwicklungsweges und die Reichhaltig-
    keit des Materials sind nicht das
    Entscheidende. Es kommt mehr darauf an,
    ob der Weg frei ist. Auf einer Strecke,
    die man in Friedenszeiten in ein
    paar Eisenbahnstunden durchfliegt,
    kann eine Armee wochenlang
    aufgehalten sein, wenn sie dort
    den Widerstand des Feindes zu über-
    winden hat. Solche Kämpfe verbrauchen
    Zeit auch im seelischen Leben. Ich muß
    leider konstatieren, alle Bemühungen,
    die analytische Kur ausgiebig zu be-
    schleunigen, sind bisher gescheitert.
    Der beste Weg zu ihrer Abkürzung
    scheint ihre korrekte Durchführung
    zu sein.
     

       „Wenn ich je Lust verspürt hätte, Ihnen ins
    Handwerk zu pfuschen und selbst eine
    Analyse an einem Anderen zu versuchen,
    Ihre Mitteilungen über die Widerstände
    würden mich davon geheilt haben. Aber
    wie steht es mit dem besonderen
    persönlichen Einfluß, den Sie doch zuge-
    standen haben? Kommt der nicht gegen
    die Widerstände auf?“
     

       Es ist gut, daß Sie jetzt danach fragen.
    Dieser persönliche Einfluß ist unsere
    stärkste dynamische Waffe, er ist das-
    jenige, was wir neu in die
    Situation einführen und wodurch
    wir sie in Fluß bringen. Der intellekt-
    uelle Gehalt unserer Aufklärungen
     

  • S.

    56

    kann das nicht leisten, denn der
    Kranke, der alle Vorurteile der
    Umwelt teilt, brauchte uns so wenig
    zu glauben wie unsere wissenschaftlichen
    Kritiker. Der Neurotiker macht sich
    an die Arbeit, weil er uns dem Analytiker
    Glauben schenkt, und er glaubt ihm, weil
    er eine besondere Gefühlseinstellung
    zu der Person des Analytikers
    gewinnt. Auch das Kind glaubt nur
    jenen Menschen, denen es
    anhängt. Ich sagte Ihnen schon, wozu
    wir diesen besonders großen „suggestiven“
    Einfluß verwenden. Nicht zur
    Unterdrückung der Symptome – das
    unterscheidet die analytische Methode
    von anderen Verfahren der Psycho-
    therapie, – sondern als Triebkraft, um
    das Ich des Kranken zur Überwind-
    ung seiner Widerstände zu ver-
    anlassen.
     

       „Nun, und wenn das gelingt, geht dann
    nicht alles glatt?“
     

       Ja, es sollte. Aber es stellt sich eine
    unerwartete Komplikation heraus.
    Es war vielleicht die größte Überraschung
    für den Analytiker, daß die Gefühls-
    beziehung, die der Kranke zu ihm
    annimmt, von einer ganz eigentümlichen
    Natur ist. Schon der erste Arzt, der
    eine Analyse versuchte – es war nicht
    ich – ist auf dieses Phänomen gestoßen
    und an ihm irre geworden. Diese
    Gefühlsbeziehung ist nämlich – um es klar
    herauszusagen – von der Natur
    einer Verliebtheit. Merkwürdig,
    nicht wahr? Wenn Sie überdies in
    Betracht ziehen, daß der Analytiker
    nichts dazu thut, sie zu provozieren,
    daß er im Gegenteil sich eher mensch-
    lich von seinem Patienten fern hält, seine
    eigene Person mit einer gewissen
    Reserve umgiebt. Und wenn Sie ferner
    erfahren, daß diese sonderbare Liebes-
    beziehung von allen anderen realen
    Begünstigungen absieht, sich über alle
    Variationen der persönlichen An-
    ziehung, des Alters, Geschlechts und Standes
    hinaussetzt. Diese Liebe ist direkt
     

  • S.

    57

    zwangsläufig. Nicht, daß dieser Charakter
    der spontanen Verliebtheit sonst fremd
    bleiben müßte. Sie wissen, das Gegenteil
    kommt oft genug vor, aber in der analyt-
    ischen Situation stellt es sich ganz regel-
    mäßig her, ohne doch in ihr eine rationelle
    Erklärung zu finden. Man sollte
    doch meinen, aus dem Verhältnis des
    Patienten zum Analytiker brauchte
    sich für den ersteren nicht mehr zu
    ergeben als ein gewisses Maß von
    Respekt, Zutrauen, Dankbarkeit
    und menschliche Sympathie. Anstatt dessen
    diese Verliebtheit, die selbst
    den Eindruck einer krankhaften Er-
    scheinung macht.
     

       „Nun, ich sollte meinen, das ist doch für
    Ihre analytischen Absichten günstig. Wenn
    man liebt, so ist man gefügig und
    thut dem anderen Teil alles mögliche
    zu Liebe.“
     

       Ja, zu Anfang ist es auch günstig, aber später-
    hin, wenn sich diese Verliebtheit ver-
    tieft hat, kommt ihre ganze Natur zum
    Vorschein, an der sehr viel mit der Auf-
    gabe der Analyse unverträglich ist.
    Die Liebe des Patienten begnügt sich nicht
    damit zu gehorchen, sie wird anspruchs-
    voll, verlangt zärtliche und sinnliche
    Befriedigungen, fordert Ausschließlich-
    keit, entwickelt Eifersucht, zeigt immer
    deutlicher ihre Kehrseite, die Bereit-
    schaft zu Feindseligkeit und Rachsucht, wenn
    sie ihre Absichten nicht erreichen kann.
    Gleichzeitig drängt sie, wie jede Verliebtheit,
    alle anderen seelischen Inhalte
    zurück, sie löscht das Interesse an der
    Kur und an der Genesung aus, kurz,
    wir können nicht daran zweifeln, sie
    hat sich an die Stelle der Neurose
    gesetzt und unsere Arbeit hat den
    Erfolg gehabt, eine Form des Krank-
    seins durch eine andere zu vertreiben.
     

       „Das klingt nun trostlos. Was macht
    man da? Man sollte die Analyse
    aufgeben, aber da, wie Sie sagen, ein
    solcher Erfolg in jedem Fall ein-
    tritt, so könnte man ja überhaupt
    keine Analyse durchführen.“
     

  • S.

    58

    Wir wollen zuerst die Situation
    ausnützen, um aus ihr zu lernen. Was
    wir so gewonnen haben, kann uns
    dann helfen, sie zu beherrschen. Ist
    es nicht höchst beachtenswert, daß es uns
    gelingt, eine Neurose mit beliebigem
    Inhalt in einen Zustand von krank-
    hafter Verliebtheit zu verwandeln?
    Unsere Überzeugung, daß der Neurose
    ein Stück abnorm verwendeten Liebes-
    lebens zu Grunde liegt, muß doch durch
    diese Erfahrung unerschütterlich befestigt
    werden. Mit dieser Einsicht fassen wir
    wieder festen Fuß, wir getrauen
    uns nun, diese Verliebtheit selbst
    zum Objekt der Analyse zu nehmen.
    Wir machen auch eine
    andere Beobachtung. Nicht in allen
    Fällen äußert sich die analytische
    Verliebtheit so klar und so grell,
    wie ich's zu schildern versuchte.
    Warum aber geschieht das nicht? Man
    sieht es bald ein. In dem Maß,
    als die vollsinnlichen und die feind-
    seligen Seiten seiner Verliebtheit
    sich zeigen wollen, erwacht auch das
    Widerstreben des Patienten gegen
    dieselben. Er kämpft mit ihnen, sucht
    sie zu verdrängen, unter unseren
    Augen. Und eben verstehen wir
    den Vorgang. Der Patient wiederholt
    in der Form der Verliebtheit in
    den Analytiker seelische Erlebnisse, die
    er bereits früher einmal durchgemacht
    hat – er hat seelische Einstellungen, die
    in ihm bereit lagen und mit der
    Entstehung seiner Neurose innig ver-
    knüpft waren, auf den Analytiker
    übertragen. Er wiederholt auch seine
    damaligen Abwehrreaktionen vor unseren
    Augen, möchte am liebsten alle
    Schicksale jener vergessenen Lebens-
    periode in seinem Verhältnis
    zum Analytiker wiederholen. Was
    er uns zeigt, ist also der Kern
    seiner intimen Lebensgeschichte, er
     

  • S.

    59

    reproduziert ihn greifbar wie gegenwärtig,
    anstatt ihn zu erinnern. Damit ist das
    Rätsel der Übertragungsliebe gelöst
    und die Analyse kann gerade mit
    Hilfe der neuen Situation, die
    für sie so bedrohlich schien, fortge-
    setzt werden.
     

       „Das ist raffiniert. Und glaubt Ihnen
    der Kranke so leicht, daß er nicht
    verliebt ist, sondern nur gezwungen ist
    ein altes Stück wiederaufzuführen?“
     

       Alles kommt jetzt darauf an und die
    volle Geschicklichkeit in der Hand-
    habung der „Übertragung“ gehört dazu,
    es zu erreichen. Sie sehen, daß die An-
    forderungen an die analytische Technik
    an dieser Stelle die höchste Steigerung
    erfahren. Hier kann man die schwersten
    Fehler begehen oder sich der größten Erfolge
    versichern. Der Versuch, sich den
    Schwierigkeiten zu entziehen, indem
    man die Übertragung unterdrückt
    oder vernachlässigt, wäre unsinnig;
    was immer man sonst gethan hat, es
    verdiente nicht den Namen einer
    Analyse. Den Kranken wegzuschicken,
    sobald sich die Unannehmlichkeiten seiner
    Übertragungsneurose herstellen, ist
    nicht sinnreicher und außerdem eine
    Feigheit; es wäre ungefähr so, als ob
    man Geister beschworen hätte und
    dann davongerannt wäre, sobald sie
    erscheinen. Zwar manchmal kann man
    wirklich nicht anders; es giebt Fälle
    in denen man der entfesselten
    Übertragung nicht Herr wird und die
    Analyse abbrechen muß, aber man soll
    wenigstens mit den bösen Geistern
    nach Kräften gerungen haben. Den
    Anforderungen der Übertragung nach-
    geben, die Wünsche des Patienten nach
    zärtlicher und sinnlicher Befriedigung
    erfüllen, ist nicht nur berechtigter
    Weise durch moralische Rücksichten
    versagt, sondern auch als technisches
    Mittel zur Erreichung der analytischen
    Absicht völlig unzureichend. Der
     

  • S.

    60

    Neurotiker kann dadurch, daß man ihm
    die unkorrigierte Wiederholung eines in
    ihm vorbereiteten unbewußten Klischees ermöglicht
    hat, nicht geheilt werden. Wenn man sich
    auf Kompromisse mit ihm einläßt,
    indem man ihm partielle Befriedigungen
    zum Austausch gegen seine weitere
    Mitarbeit an der Analyse bietet,
    muß man Acht haben, daß man nicht
    in die lächerliche Situation des Geistlichen
    gerät, der den kranken Versicherungs-
    agenten bekehren soll. Der Kranke ent-
    bleibt unbekehrt, aber der Geistliche
    zieht versichert ab. J. Poincaré Science
    et Hypothèse. Der einzig mögliche Ausweg
    aus der Situation der Übertragung
    ist die Rückführung auf die Vergangen-
    heit des Kranken, wie er sie wirklich
    erlebt oder durch die wunscherfüll-
    ende Thätigkeit seiner Phantasie ge-
    staltet hat. Und dies erfordert
    beim Analytiker viel Geschick, Geduld, Ruhe
    und Selbstverleugnung.
     

       „Und wo, meinen Sie, hat der Neurotiker
    das Vorbild seiner Übertragungsliebe
    erlebt?“
     

       In seiner Kindheit, in der Regel in der
    Beziehung zu einem Elternteil. Sie
    erinnern sich, welche Wichtigkeit wir
    diesen frühesten Gefühlsbeziehungen
    zuschreiben mußten. Hier schließt sich
    also der Kreis.
     

       „Sind Sie endlich fertig? Mir ist ein bischen
    wirre vor der Fülle dessen, was ich
    von Ihnen gehört habe. Sagen Sie mir nur
    noch, wie und wo lernt man das,
    was man zur Ausübung der Analyse
    braucht?“
     

       Es giebt derzeit zwei Institute, an denen
    Unterricht in der Psychoanalyse erteilt
    wird. Das erste in Berlin hat Dr Max
    Eitingon der dortigen Vereinigung
    eingerichtet. Das zweite erhält die
    „Wiener Psychoanalytische Vereinigung“
    aus eigenen Mitteln unter be-
    trächtlichen Opfern. Die Anteilnahme
     

  • S.

    61

    der Behörden erschöpft sich vorläufig in
    den mancherlei Schwierigkeiten, die
    sie dem jungen Unternehmen bereiten.
    Ein drittes Lehrinstitut soll eben jetzt
    in London von der dortigen Gesell-
    schaft unter der Leitung von Dr. E.
    Jones eröffnet werden. An diesen
    Instituten werden die Kandidaten
    selbst in Analyse genommen, erhalten
    theoretischen Unterricht durch Vor-
    lesungen in allen für sie wichtigen
    Gegenständen und genießen die Auf-
    sicht älterer erfahrener Analytiker,
    wenn sie zu ihren ersten Versuchen
    an leichteren Fällen zugelassen
    werden. Man rechnet für eine solche
    Ausbildung etwa zwei Jahre. Natür-
    lich ist man auch nach dieser Zeit nur
    ein Anfänger, noch kein Meister.
    Was noch mangelt, muß durch Übung
    und durch den Gedankenaustausch in
    den psychoanalytischen Gesellschaften,
    in denen jüngere Mitglieder mit
    älteren zusammentreffen, erworben
    werden. Die Vorbereitung für die
    analytische Thätigkeit ist gar nicht
    so leicht und einfach, die Arbeit ist
    schwer, die Verantwortlichkeit
    groß. Aber wer eine solche Unterweisung
    durchgemacht hat, selbst analysiert worden
    ist, von der Psychologie des Unbewußten
    erfaßt hat, was sich heute eben lehren
    läßt, in der Wissenschaft des Sexual-
    lebens Bescheid weiß und die heikle
    Technik der Psychoanalyse erlernt hat,
    die Deutungskunst, die Bekämpfung
    der Widerstände und die Hand-
    habung der Übertragung, der ist
    kein Laie mehr auf dem Gebiet
    der Psychoanalyse. Er ist dazu befähigt,
    die Behandlung neurotischer Stör-
    ungen zu unternehmen und wird
    mit der Zeit darin alles leisten
    können, was man von dieser
    Therapie verlangen kann.