S.
29
IVAlles, was Sie mir bisher erzählt haben, war
Psychologie. Es klang oft befremdlich, spröde
dunkel, aber es war doch immer, wenn ich
so sagen soll: reinlich. Nun habe ich zwar
bisher sehr wenig von Ihrer Psycho-
analyse gewußt, aber das Gerücht ist
doch zu mir gedrungen, daß sie sich
vorwiegend mit Dingen beschäftigt,
die auf dieses Prädikat keinen
Anspruch haben. Es macht mir den Ein-
druck einer beabsichtigten Zurück-
haltung, daß Sie bisher nichts Ähnliches
berührt haben. Auch kann ich einen
anderen Zweifel nicht unterdrücken.
Die Neurosen sind doch, wie Sie selbst sagen,
Störungen des Seelenlebens. Und so
wichtige Dinge wie unsere Ethik, unser
Gewissen, unsere Ideale, sollten bei
diesen tiefgreifenden Störungen
gar keine Rolle spielen?“
Sie vermissen also in unseren bisherigen
Besprechungen die Berücksichtigung des
Niedrigsten wie des Höchsten. Das kommt
aber daher, daß wir von den Inhalten
des Seelenlebens überhaupt noch nicht
gehandelt haben. Lassen Sie mich aber
jetzt einmal selbst die Rolle des
Unterbrechers spielen, der den Fort-
schritt der Unterredung auf-
hält. Ich habe Ihnen soviel Psychologie
erzählt, weil ich wünschte, daß Sie
den Eindruck empfangen, die analyt-
ische Arbeit sei ein Stück an-
gewandterPsychologiePsychoanalyse, u zwar
einer Psychologie, die außerhalb
der Analyse nicht bekannt ist.
Der Analytiker muß also vor allem
diese Psychologie, die Tiefenpsychologie
oder Psychologie des Unbewußten
gelernt haben, wenigstens soviel
als heute davon bekannt ist. Wir
werden das für unsere späteren
Folgerungen brauchen. Aber jetzt,
was meinten Sie mit der Anspielung
auf die Reinlichkeit?
„Nun, es wird allgemein erzählt, daß
in den Analysen die intimsten –
und garstigsten Angelegenheiten
S.
30
des Geschlechtslebens mit allen Details
zur Sprache kommen. Wenn das so ist, –
aus Ihren psychologischen Auseinander-
setzungen habe ich nicht entnehmen
können, daß es so sein muß, – so
wäre es ein starkes Argument dafür,
solche Behandlgen nur Ärzten zu
gestatten. Wie kann man daran
denken, anderen Personen, deren
Diskretion man nicht sicher ist, für
deren Charakter man keine Bürg-
schaft hat, so gefährliche Freiheiten
einzuräumen?“
Es ist wahr, die Ärzte genießen auf
sexuellem Gebiet gewisse Vor-
rechte; sie dürfen ja auch die Genit-
alien inspizieren. Obwol sie es im
Orient nicht durften; auch manche
Idealreformer – Sie wissen, wen
ich meine – haben diese Vorrechte
bekämpft. Aber Sie wollen zunächst
wissen, ob es in der Analyse so ist
und warum es so sein muß? Ja, es
ist so.
Es muß aber so sein, erstens weil die
Analyse überhaupt auf volle Aufrichtigkeit
gebaut ist. Man behandelt in ihr z.B.
Vermögensverhältnisse mit eben
solcher Ausführlichkeit und Offenheit,
sagt Dinge, die man jedem Mit-
bürger vorenthält, auch wenn er
nicht Konkurrent oder Steuerbe-
amter ist. Daß diese Verpflichtung
zur Aufrichtigkeit auch den Analyt-
iker unter schwere moralische
Verantwortlichkeit setzt, werde
ich nicht bestreiten, sondern selbst
energisch betonen. Zweitens muß es so sein,
weil unter den Ursachen und An-
lässen der nervösen Erkrank-
ungen Momente des Geschlechtslebens
eine überaus wichtige, eine über-
ragende, vielleicht selbst eine
spezifische Rolle spielen. Was kann
die Analyse anderes thun, als sich ihrem
Stoff, dem Material, das der Kranke
S.
31
bringt, anzuschmiegen? Der Analytiker
lockt den Patienten niemals auf
das sexuelle Gebiet, er sagt ihm nicht
voraus: Es wird sich um die Intimitäten
Ihres Geschlechtslebens handeln! Er läßt
ihn seine Mitteilungen beginnen,
wo es ihm beliebt, und wartet ruhig
ab, bis der Patient selbst die geschlecht-
lichen Dinge anrührt. Ich pflegte meine
Schüler immer zu mahnen: Unsere
Gegner haben uns angekündigt, daß
wir auf Fälle stoßen werden, bei
denen das sexuelle Moment keine
Rolle spielt; hüten wir uns davor
es in die Analyse einzuführen, ver-
derben wir uns die Chance nicht
einen solchen Fall zu finden. Nun, bis
jetzt hat niemand von uns dieses
Glück gehabt.
Ich weiß natürlich, daß unsere Aner-
kennung der Sexualität – einge-
standener oder uneingestandener
Maßen – das stärkste Motiv für
die Feindseligkeit gegen die Analyse
geworden ist. Kann uns das irre
machen? Es zeigt uns nur, wie neurotisch
unser ganzes Kulturleben ist, da sich die
angeblich Normalen nicht viel anders
benehmen als die Nervösen. Zur Zeit
als in gelehrten Gesellschaften Deutsch-
lands feierlich Gericht über die Psycho-
analyse gehalten wurde, – heute ist
es wesentlich stiller geworden –
beanspruchte ein Redner besondere
Autorität, weil er nach seiner Mit-
teilung die Kranken auch sich
äußern lasse. Offenbar in diagnost-
ischer Absicht und um die Behaupt-
ungen der Analytiker zu prüfen.
Aber, setzte er hinzu, wenn sie an-
fangen von sexuellen Dingen zu
reden, dann verschließe ich ihnen
den Mund. Was denken Sie von
einem solchen Beweisverfahren?
Die gelehrte Gesellschaft jubelte dem
Redner Beifall zu, anstatt sich
gebührender Weise für ihn zu
schämen. Nur die triumphierende
S.
32
Sicherheit welche das Bewußtsein gemein-
samer Vorurteile verleiht, kann
die logische Sorglosigkeit dieses
Redners erklären. Jahre später
haben einige meiner damaligen
Schüler dem Bedürfnis nachgegeben
die Gesellschaft vom Joch der Sexual-
ität, das ihr die Psychoanalyse
auflegen will, zu befreien. Der
eine hat erklärt, das Sexuelle
bedeute gar nicht die Sexualität
sondern etwas anderes, Abstraktes,
Mystisches; ein zweiter gar, das
Sexualleben sei nur eines der
Gebiete, auf dem der Mensch
das ihn treibende Bedürfnis nach
Macht und Herrschaft betätigen wolle. Sie
haben sehr viel Beifall gefunden,
für die nächste Zeit wenigstens.
„Da getraue ich mich aber doch einmal
Partei zu nehmen. Es scheint mir
sehr gewagt, zu behaupten,
daß die Sexualität kein nat-
ürliches, ursprüngliches Bedürfnis
der lebenden Wesen ist, son-
dern der Ausdruck für etwas anderes.“
Das macht nichts. Es giebt keine
noch so absurde Mixtur, die die
Gesellschaft nicht bereitwillig
schlucken würde, wenn sie
nur als Gegenmittel gegen die
gefürchtete Übermacht der Sexualität
ausgerufen wird.
Ich gestehe Ihnen übrigens, daß die
Abneigung, die Sie selbst verraten
haben, dem sexuellen Moment
eine so große Rolle in der
Verursachung der Neurosen ein-
zuräumen, mit Ihrer Aufgabe
als Unparteiischer nicht gut
verträglich scheint. Fürchten Sie
nicht, daß Sie durch solche Anti-
pathie in der Fällung eines
gerechten Urteils gestört sein
werden?
„Es thut mir leid, daß Sie das sagen.
Ihr Vertrauen zu mir scheint er-
schüttert.
S.
33
Warum haben Sie dann nicht einen
anderen zum Unparteiischen gewählt?“
„Weil dieser andere auch nicht anders
gedacht hätte als Sie. Wenn er aber
von vorn herein bereit gewesen
wäre die Bedeutung des Geschlechtslebens
anzuerkennen, so hätte alle Welt
gerufen: Das ist ja kein Unparteiischer,
das ist ja ein Anhänger von Ihnen.
Nein, ich gebe die Erwartung keines-
wegs auf, Einfluß auf Ihre Meinungen
zu gewinnen. Ich bekenne aber dieser
Fall liegt für mich anders als der
vorhin behandelte. Bei den psycho-
logischen Erörterungen mußte es
mir gleich gelten, ob Sie mir Glauben
schenken oder nicht, wenn Sie
nur den Eindruck bekamen es
handle sich um rein psychologische
Probleme. Diesmal, bei der Frage
der Sexualität, möchte ich doch,
daß Sie der Einsicht zugänglich
werden, Ihr stärkstes Motiv zum
Widerspruch sei doch eben die
mitgebrachte Feindseligkeit, die Sie
mit so vielen Anderen teilen.
„Es fehlt mir doch die Erfahrung,
welche Ihnen eine so unerschütter-
liche Sicherheit geschaffen hat.“
„Gut, ich darf jetzt in meiner Darstellung
fortfahren. Das Geschlechtsleben ist
nicht nur eine Pikanterie, sondern
auch ein ernsthaftes wissenschaftliches
Problem. Es gab da viel Neues zu
erfahren, viel Sonderbares zu er-
klären. Ich sagte Ihnen schon, daß
die Analyse in die frühen Kind-
heitsjahre des Patienten zurück-
gehen mußte,zu der Zeitweilindiesen Zeiten und während der
Schwäche des Ichs die entscheidenden
Verdrängungen vorgefallen sind.
In der Kindheit giebt es aber doch
gewiß kein Geschlechtsleben das
hebt doch mit der Pubertätszeit
an? Im Gegenteile, wir hatten
die Entdeckung zu machen, daß die
sexuellen Triebregungen das Leben
von der Geburt an begleiten,
und daß es gerade diese Triebe
S.
34
sind gegen deren Abwehr das infantile Ich
die Verdrängungenvornimmt. Ein
merkwürdiges Zusammentreffen nicht
wahr, daß schon das kleine Kind
sich so gegen die Macht der Sexualität sträubt
wie später der Redner in der
gelehrten Gesellschaft und noch später
meine Schüler, die ihre eigenen
Theorien aufstellen? Wie das zugeht?
Die allgemeinste Auskunft wäre, daß
unsere Kultur überhaupt auf Kosten der
Sexualität aufgebaut wird, aber es
ist viel anderes darüber zu sagen.
Die Entdeckung der kindlichen
Sexualität gehört zu jenen Funden
deren man sich zu schämen hat. Einige
Kinderärzte haben es immer darum
gewußt wie es scheint, auch einige
Kinderpflegerinnen. Geistreiche Männer
die sich Kinderpsychologen heißen,
haben dann in vorwurfsvollem
Ton von einer „Entharmlosung der
Kindheit“ gesprochen. Immer wieder
Sentimente an Stelle von Argumenten!
In unseren politischen Körperschaften
sind solche Vorkommnisse alltäglich.
Irgendwer von der Opposition steht
auf und denunziert eine Miß-
wirtschaft in der Verwaltung, Armee,
Justiz u.dgl. Darauf erklärt ein
anderer, am liebsten einer von
der Regierung, solche Konstatierungen
beleidigen das staatliche, militär-
ische, dynastische oder gar das nationale
Ehrgefühl. Sie seien also so gut wie
nicht wahr. Diese Gefühle ver-
tragen keine Beleidigung.
Das Geschlechtsleben des Kindes ist natürlich
ein anderes als das des Erwachsenen.
Die Sexualfunktion macht von ihren
Anfängen bis zu der uns so ver-
trauten Endgestaltung eine kom-
plizierte Entwicklung durch. Sie wächst
aus zahlreichen Partialtrieben mit
besonderen Zielen zusammen,
durchläuft mehrere Phasen der Organ-
isation bis sie sich endlich in
den Dienst der Fortpflanzung
S.
35
stellt. Von den einzelnen Partial-
trieben sind nicht alle für den End-
ausgang gleich brauchbar, sie müssen
abgelenkt, umgemodelt, zum Teil
unterdrückt werden. Eine so weit-
läufige Entwicklung wird nicht immer
tadellos durchgemacht, es kommt zu
Entwicklungshemmungen, partiellen
Fixierungen auf frühen Entwicklungs-
stufen; wo sich später der Ausübung
der Sexualfunktion Hindernisse
entgegenstellen, weicht das sexuelle
Streben – die Libido, wie wir
sagen – gern auf solche frühere Fix-
ierungsstellen zurück. Das Studium
der kindlichen Sexualität und ihrer
Umwandlungen bis zur Reife hat
uns auch den Schlüssel zum Ver-
ständnis der sogenannten Per-
versionen gegeben, die man immer
mit allen geforderten Anzeichen
des Abscheus zu beschreiben pflegte,
deren Entstehung man aber nicht
aufklären konnte. Das ganze Gebiet
ist ungemein interessant, es hat
nur für die Zwecke unserer Unter-
redungen nicht viel Sinn, wenn
ich Ihnen mehr davon erzähle. Man
braucht, um sich hier zurechtzufinden
natürlich anatomische und physiologische
Kenntnisse, die leider nicht sämtlich
in der medizinischen Schule zu er-
werben sind, aber eine Vertrautheit
mit Kulturgeschichte und Mythologie
ist ebenso unerläßlich.“
„Nach alledem kann ich mir vom
Geschlechtsleben des Kindes doch
keine Vorstellung machen.“
„So will ich noch länger bei dem Thema
verweilen; es fällt mir ohnedies nicht
leicht, mich davon loszureißen. Hören
Sie, das Merkwürdigste am Geschlechtsleben
des Kindes scheint mir, daß es seine
ganze, sehr weitgehende Entwicklung
in den ersten fünf Lebensjahren
durchläuft; von da an bis zur Pubertät
S.
36
erstreckt sich die sog. Latenzzeit in der
– normaler Weise – die Sexualität
keine Fortschritte macht, die sexuellen
Strebungen im Gegenteil an Stärke
nachlassen und vieles aufgegeben und ver-
gessen wird, was das Kind schon geübt
oder gewußt hatte. In dieser Lebens-
periode, nachdem die Frühblüte des
Geschlechtslebens abgewelkt ist, bilden
sich jene Einstellungen des Ichs heraus,
die wie Scham, Ekel, Moralität dazu
bestimmt sind dem späteren Pub-
ertätssturm Stand zu halten und
dem neu erwachenden sexuellen
Begehren die Bahnen zu weisen.
Dieser sog. zweizeitige Ansatz des
Sexuallebens hat sehr viel mit der
Entstehung der nervösen Erkrankungen
zu thun. Er scheint sich nur beim
Menschen zu finden; vielleicht
ist er eine der Bedingungen des
menschlichen Vorrechts neurotisch
zu werden. Diese Vorzeit des
Geschlechtslebens ist vor der Psycho-
analyse ebenso übersehen worden
wie auf anderem Gebiet der
Hintergrund des bewußten Seelen-
lebens. Sie werden mit Recht
vermuten, daß beide auch innig
zusammengehören.
Von den Inhalten, Äußerungen und
Leistungen dieser Frühzeit der Sex-
ualität wäre sehr viel zu berichten
worauf die Erwartung nicht vor-
bereitet ist. zB Sie werden gewiß
erstaunt sein zu hören, daß sich
das Knäblein so häufig davor
ängstigt, vom Vater aufgefressen
zu werden. Erinnern Sie sich noch
daran, daß ich Sie auch unter die
Bedingungen des Sexuallebens
versetze. x) Aber ich darf Sie an
die MythologieSchulbildungerinnern
die Sie vielleicht aus Ihren Schul-
jahren noch nicht vergessen
haben, daß auch der Gott Kronos
seine Kinder verschlingt. Wie
S.
37
sonderbar muß Ihnen dieser Mythus erschienen
sein, als Sie zuerst von ihm hörten! Aber
ich glaube wir haben uns alle damals
nichts dabei gedacht. Heute können
wir auch mancher Märchen gedenken,
in denen ein fressendes Tier,
wie der Wolf, auftritt, und werden
in diesem eine Verkleidung des
Vaters erkennen. Ich ergreife diese
Gelegenheit, um Ihnen zu versichern,
daß Mythologie und Märchenwelt
überhaupt erst durch die Kenntnis
des kindlichen Sexuallebens ver-
ständlich werden. Es ist das so ein Neben-
gewinn der analytischen Studien.
Nicht minder groß wird Ihre Über-
raschung sein zu hören, daß das männ-
liche Kind unter der Angst leidet
vom Vater seines Geschlechtsgliedes
beraubt zu werden, so daß diese
Kastrationsangst den stärksten Ein-
fluß auf seine Charakterentwick-
lung und die Entscheidung seiner
geschlechtlichen Richtung nimmt. Auch
hier wird Ihnen die Mythologie
Mut machen, der Psychoanalyse
zu glauben. Derselbe Kronos, der
seine Kinder verschlingt, hat auch
seinen Vater Uranos entmannt
und ist dann zur Vergeltung von
seinem durch die List der Mutter
geretteten Sohn Zeus entmannt
worden. Wenn Sie zur Annahme
geneigt haben, daß alles was die Psycho-
analyse von der frühzeitigen Sexualität
der Kinder erzählt aus der wüsten
Phantasie der Analytiker stammt,
so geben Sie doch wenigstens zu,
daß diese Phantasie dieselben Pro-
duktionen geschaffen hat wie die
Phantasietätigkeit der primitiven
Menschheit, von der Mythen und
Märchen der Niederschlag sind. Die
andere freundlichere und wahrscheinlich
zutreffendere Auffassung wäre, daß
im Seelenleben des Kindes noch heute
dieselben archaischen Momente nach-
weisbar sind, die einst in den
Urzeiten der menschlichen Kultur
allgemein geherrscht haben. Das
S.
38
würde in seiner seelischen Ent-
wicklung die Stammesgeschichte in ab-
kürzender Weise wiederholen,
wie es die Embryologie längst für
die körperliche Entwicklung
erkannt hat.
Ein weiterer Charakter der frühkind-
lichen Sexualität ist, daß das eigent-
lich weibliche Geschlechtsglied in ihr
noch keine Rolle spielt – es ist
für das Kind noch nicht entdeckt.
Aller Akzent fällt auf das männliche
Glied, alles Interesse richtet sich
darauf, ob dies vorhanden ist oder
nicht. Vom Geschlechtsleben des kleinen
Mädchens wissen wir weniger als von
dem des Knaben. Wir brauchen
uns dieser Differenz nicht zu
schämen; ist doch auch das Geschlechts-
leben des erwachsenen Weibes
ein dark continent für die
Psychologie. Aber wir haben erkannt,
daß das Mädchen den Mangel eines
dem männlichen gleichwertigen
Geschlechtsgliedes schwer empfindet,
sich darum für minderwertig
hält, und daß dieser „Penisneid“
einer ganzen Reihe charakteristisch
weiblicher Reaktionen den Ur-
sprung giebt.
Dem Kind eigen ist es auch, daß die
beiden exkrementellen Bedürf-
nisse mit sexuellem Interesse be-
setzt sind. Die Erziehung setzt später
eine scharfe Scheidung durch, die
Praxis der Witze hebt sie wieder
auf. Das mag uns unappetitlich scheinen,
aber es braucht bekanntlich beim
Kind eine ganze Zeit bis sich der
Ekel einstellt. Das haben auch die
nicht geleugnet die sonst für die
seraphische Reinheit der Kinder-
seele eintreten.
Keine andere Thatsache hat aber mehr
Anspruch auf unsere Beachtung, als
daß das Kind seine sexuellen Wünsche
regelmäßig auf die ihm verwandtschaft-
S.
39
lich nächsten Personen richtet, also in
erster Linie auf Vater und Mutter,
in weiterer Folge auf seine Geschwister.
Für den Knaben ist die Mutter das
erste Liebesobjekt, für das Mädchen
der Vater, soweit nicht eine bi-
sexuelle Anlage auch gleichzeitig die
gegenteilige Einstellung begünstigt.
Der andere Elternteil wird als störender
Rivale empfunden und nicht selten
mit starker Feindseligkeit bedacht.
Verstehen Sie mich recht, ich will nicht
sagen, daß das Kind sich nur jene Art
von Zärtlichkeit vom bevorzugten
Elternteil wünscht, in der wir Erwach-
senen so gern das Wesen der Eltern-Kind-
Beziehung sehen. Nein, die Analyse läßt
keinen Zweifel darüber, daß die
Wünsche des Kindes über diese Zärt-
lichkeit hinaus alles anstreben was
wir als sinnliche Befriedigung be-
greifen, soweit eben das Vorstellungs-
vermögen des Kindes reicht. Es ist
leicht zu verstehen, daß das Kind den
wirklichen Sachverhalt der Vereinigung
der Geschlechter niemals errät;
es setzt dafür andere aus seinen Er-
fahrungen und Empfindungen abge-
leitete Vorstellungen ein. Gewöhn-
lich gipfeln seine Wünsche in der
Absicht, ein Kind zu gebären oder
– in unbestimmbarer Weise – zu zeugen.
Von dem Wunsche, ein Kind zu gebären,
schließt sich in seiner Unwissenheit
auch der Knabe nicht aus. Diesen
ganzen seelischen Aufbau heißen wir
nach der bekannten griechischen
Sage den Oedipuskomplex. Er soll
normaler Weise mit dem Ende der
sexuellen Frühzeit verlassen, gründ-
lich abgebaut und umgewandelt
werden und die Ergebnisse dieser
Verwandlung sind zu großen Leist-
ungen im späteren Seelenleben
bestimmt. Aber es geschieht in
der Regel nicht gründlich genug
und die Pubertät ruft dann eine
S.
40
Wiederbelebung des Komplexes hervor,
die schwere Folgen haben kann.
Ich wundere mich, daß Sie noch schweigen.
Das kann kaum Zustimmung bedeuten.
– Wenn die Analyse behauptet, die
erste Objektwahl des Kindes sei
eine inzesthuöse, um den technischen
Namen zu gebrauchen, so hat sie
gewiß wieder die heiligsten Gefühle
der Menschheit gekränkt und darf
auf das entsprechende Ausmaß von
Unglauben, Widerspruch und
Anklage gefaßt sein. Die sind ihr
auch reichlich zu Teil geworden. Nichts
anderes hat ihr in der Gunst der
Zeitgenossen mehr geschadet als die
Aufstellung des Oedipuskomplexes
als einer allgemein menschlichen,
schicksalgebundenen Formation.
Der griechische Mythus muß allerdings
dasselbe gemeint haben, aber die
Überzahl der heutigen Menschen,
gelehrter wie ungelehrter, zieht es
vor zu glauben, daß die Natur
einen angeborenen Abscheu als
Schutz gegen die Inzestmöglichkeit
eingesetzt hat.
Zunächst soll uns die Geschichte zu Hilfe
kommen. Als C. Julius Caesar Ägypten
betrat, fand er die jugendliche
Königin Cleopatra, die ihm bald
so bedeutungsvoll werden sollte, ver-
mählt mit ihrem noch jüngeren
Bruder Ptolemaeus. Das war in der
ägyptischen Dynastie nichts Besonderes;
die ursprünglich griechischen Ptole-
mäer hatten nur den Brauch fort-
gesetzt, den seit einigen Jahrtaus-
enden ihre Vorgänger, die alten
Pharaonen, geübt hatten. Aber das ist
ja nur Geschwisterinzest, der noch in
der Jetztzeit milder beurteilt
wird. Wenden wir uns darum
an unsere Kronzeugin für die
Verhältnisse der Urzeit, die Mytho-
logie. Sie hat uns zu berichten,
S.
41
daß die Mythen aller Völker, nicht nur
der Griechen, überreich sind an Liebes-
beziehungen zwischen Vater und Tochter
und selbst Mutter und Sohn. Die Kos-
mologie wie die Genealogie der könig-
lichen Geschlechter ist auf dem Inzest be-
gründet. In welcher Absicht, meinen Sie,
sind diese Dichtungen geschaffen worden?
Um Götter und Könige als Verbrecher
zu brandmarken, den Abscheu
des Menschengeschlechts auf sie
zu lenken? Eher doch, weil die Inzest-
wünsche uraltes menschliches Erbgut
sind und niemals völlig überwunden
wurden, so daß man ihre Erfüllung
den Göttern und ihren Abkömmlingen
noch gönnte, als die Mehrheit der ge-
wöhnlichen Menschenkinder bereits
darauf verzichten mußte. Im vollsten
Einklang mit diesen Lehren der
Geschichte und der Mythologie finden
wir den Inzestwunsch in der Kindheit
des Einzelnen noch heute vorhanden
und wirksam.
„Ich könnte es Ihnen übel nehmen, daß Sie
mir all das über die kindliche Sexualität
vorenthalten wollten. Es scheint mir gerade
wegen seinerKulturgeschichtlichen Be-ziehungenBeziehungen zur menschlichen Urgeschichte
sehr interessant.“
Ich fürchtete, es würde uns zu weit von
unserer Absicht abführen. Aber vielleicht
wird es doch seinen Vorteil haben.
„Nun sagen Sie aber, welche Sicherheit
haben Sie für Ihre analytischen Resultate
über das Sexualleben der Kinder
zu geben? Ruht Ihre Überzeugung allein
auf den Übereinstimmungen mit
Mythologie und Historie?“
Oh keineswegs. Sie ruht auf unmittelbarer
Beobachtung. Es ging so zu: Wir haben
zunächst den Inhalt der sexuellen Kind-
heit aus den Analysen Erwachsener,
also 20-40 Jahre später erschlossen. Später
haben wir die Analysen an den
Kindern selbst unternommen, und
es war kein geringer Triumph als
S.
42
sich an ihnen alles so bestätigen ließ, wie
wir es trotz der Überlagerungen und
Entstellungen der Zwischenzeit erraten
hatten.
„Wie, Sie haben kleine Kinder in
Analyse genommen, Kinder im Alter
vor 6 Jahren? Geht das überhaupt und ist
es nicht für diese Kinder recht be-
denklich?“
Es geht sehr gut. Es ist kaum zu glauben
was in einem solchen Kind von
4-5 Jahren schon alles vorgeht. Die
Kinder sind geistig sehr regsam
in diesem Alter, die sexuelle
Frühzeit ist für sie auch eine intelle-
ktuelle Blütheperiode. Ich
habe den Eindruck, daß sie mit
dem Eintritt in die Latenzzeit
auch geistig gehemmt, dümmer,
werden. Viele
Kinder verlieren auch von da
an ihren körperlichen Reiz. Und
was den Schaden der Frühanalyse
betrifft, so kann ich Ihnen berichten,
daß das erste Kind an dem dies
Experiment vor jetzt nahezu 20 Jahren
gewagt wurde, seither ein gesunder
und leistungsfähiger junger Mann
geworden ist, der seine Pubertät
trotz schwerer psychischer Traumen
klaglos durchgemacht hat. Den anderen
„Opfern“ der Frühanalyse wird es
hoffentlich nicht schlechter ergehen.
An diese Kinderanalysen knüpfen
sich mancherlei Interessen; es ist
möglich, daß sie in der Zukunft
zu noch größerer Bedeutung kommen werden.
Ihr Wert für die Theorie steht ja
außer Frage. Sie geben unzwei-
deutige Auskünfte über Fragen,
die in den Analysen Erwachsener
unentschieden bleiben, und schützen
den Analytiker so vor Irrtümern, die für
ihn folgenschwer wären.
Man überrascht eben die Momente, welche
die Neurose gestalten bei ihrer Arbeit
und kann sie nicht verkennen. Im
S.
43
Interesse des Kindes muß allerdings die
analytische Beeinflussung mit erzieher-
ischen Maßnahmen verquickt werden.
Diese Technik harrt noch ihrer Ausgestalt-
ung. Ein praktisches Interesse wird aber
durch die Beobachtung geweckt, daß eine
sehr große Anzahl unserer Kinder
in ihrer Entwicklung eine deutlich
neurotische Phase durchmachen. Seitdem
wir schärfer zu sehen verstehen, sind
wir versucht zu sagen, die Kinder-
neurose sei nicht die Ausnahme
sondern die Regel, als ob sie sich
auf dem Weg von der infantilen
Anlage bis zur gesellschaftlichen Kultur
kaum vermeiden ließe. In den
meisten Fällen wird diese neurotische
Anwandlung der Kinderjahre spontan
überwunden; ob sie nicht doch regel-
mäßig ihre Spuren auch beim durch-
schnittlich Gesunden hinterläßt? Hin-
gegen vermissen wir bei keinem
der späteren Neurotiker die
Anknüpfung an die Kindererkrankung,
die ihrerzeit
nicht sehr auffällig gewesen zu sein
braucht. In ganz analoger Weise, glaube
ich, behaupten heute die Internisten,
daß jeder Mensch einmal in seiner
Kindheit eine Erkrankung an
Tuberkulose durchgemacht hat. Für
die Neurosen kommt allerdings der
Gesichtspunkt der Impfung nicht
in Betracht, nur der der Prä-
disposition.
Die praktische Frage wäre nun ob
man nicht den Großteil der späteren
Neurosen ersparen würde, wenn
man den Kindern zur Zeit ihrer
auf uns angedeuteten neurotischen
Schwierigkeiten analytische Hilfe-
leistung zusicherte. Das würde die
Frühanalyse als regelmäßigen Be-
standteil in den Erziehungsplan
einsetzen. Aber mit diesem Vorschlag
bin ich wol den Möglichkeiten
der Gegenwart vorausgeeilt. Ich
will zu Ihrer Frage nach den Sicherheiten
S.
44
zurückkehren. Wir haben uns also
dadurch
ganz allgemein durch die direkte analytische Beobachtung
der Kinder überzeugt, daß wir
die Mitteilungen der Erwachsenen
über ihre Kinderzeit richtig gedeutet
hatten. In einer Reihe von Fällen
ist uns aber noch eine andere Art
der Bestätigung möglich geworden.
Wir hatten aus dem Material
der Analyse gewisse äußere Vor-
gänge, eindrucksvolle Ereignisse der
Kinderjahre rekonstruiert, von denen
die bewußte Erinnerung der
Kranken nichts bewahrt hatte,
und glückliche Zufälle, Erkundigungen
bei Eltern und Pflegepersonen
haben uns dann den unwider-
leglichen Beweis erbracht, daß diese
erschlossenen Begebenheiten sich wirk-
lich so zugetragen hatten. Das ge-
lang natürlich nicht sehr oft, aber wo
es eintraf, machte es einen über-
wältigenden Eindruck. Sie müssen
wissen, die richtige Rekonstruktion
solcher vergessenen Kindererlebnisse
hat immer einen großen therapeutischen
Effekt, ob sie nun eine objektive
Bestätigung zulassen oder nicht. Ihre
Bedeutung verdanken diese Begeben-
heiten natürlich dem Umstand, daß
sie so früh vorgefallen sind, zu
einer Zeit, da sie auf das schwächliche
Ich noch traumatisch wirken konnten.
„Um was für Ereignisse kann es
sich da handeln, die man durch die
Analyse aufzufinden hat?“
Um Verschiedenartiges. In erster Linie
um Eindrücke, die im Stande waren,
das keimende Sexualleben des Kindes
dauernd zu beeinflussen, wie Beob-
achtungen geschlechtlicher Vorgänge
zwischen Erwachsenen oder eigene
sexuelle Erfahrungen mit einem
Erwachsenen oder einem anderen
Kind, – gar nicht so seltene Vorfälle, –
des weiteren um Mithören von
Gesprächen, die das Kind damals
oder erst nachträglich verstand,
S.
45
aus denen es Aufschluß über geheimnisvolle
oder unheimliche Dinge zu entnehmen
glaubte, ferner Äußerungen und Hand-
lungen des Kindes selbst, die eine
bedeutsame zärtliche oder feindselige
Einstellung desselben gegen andere
Personen beweisen. Eine besondere
Wichtigkeit hat es in der Analyse,
die vergessene eigene Sexualbetätig-
ung des Kindes erinnern zu lassen
und dazu die Einmengung der
Erwachsenen, welche derselben ein
Ende setzte.
„Das ist jetzt für mich der Anlaß, eine
Frage vorzubringen, die ich längst
stellen wollte. Worin besteht also die
‚Sexualbetätigung‘ des Kindes während
dieser Frühzeit, die man, wie Sie
sagen, vor der Zeit der Analyse über-
sehen hatte?“
Das Regelmäßige und Wesentliche an
dieser Sexualbetätigung hatte man
merkwürdiger Weise doch nicht über-
sehen; d.h. es ist gar nicht merkwürdig,
es war eben nicht zu übersehen. Die
sexuellen Regungen des Kindes
finden ihren hauptsächlichsten Aus-
druck in der Selbstbefriedigung durch
Reizung der eigenen Genitalien,
in Wirklichkeit des männlichen
Anteils derselben. Die außerordent-
liche Verbreitung dieser kindlichen
„Unart“ war den Erwachsenen immer
bekannt, diese selbst wurde als schwere
Sünde betrachtet und strenge verfolgt.
Wie man diese Beobachtung von
den unsittlichen Neigungen des Kindes
– denn die Kinder thun dies, wie sie selbst
sagen, weil es ihnen Vergnügen macht –
mit der Theorie von seiner angeborenen
Reinheit und Unsinnlichkeit vereinigen
konnte, danach fragen Sie mich nicht.
Dieses Rätsel lassen Sie sich von
der Gegenseite aufklären. Für uns
stellt sich ein wichtigeres Problem her.
Wie soll man sich gegen die Sexualbe-
tätigung der frühen Kindheit verhalten?
Man kennt die Verantwortlichkeit,
die man durch ihre Unterdrückung
auf sich nimmt und getraut sich doch nicht,
sie uneingeschränkt gewähren zu lassen. Bei Völkern
S.
46
niedriger Kultur und in den unteren
Schichten der Kulturvölker scheint die
Sexualität des Kindes frei gegeben
zu sein. Damit ist wahrscheinlich ein
sehr starker Schutz gegen die spätere
Erkrankung an individuellen Neu-
rosen erzielt worden, aber nicht
auch gleichzeitig eine außerordent-
liche Einbuße an der Eignung zu
kulturellen Leistungen? Manches
spricht dafür, daß wir hier vor
einer neuen Scylla und Charybdis
stehen.
Ob aber die Interessen, die durch das
Studium des Sexuallebens bei den
Neurotikern angeregt werden, eine für
die Erweckung der Lüsternheit
günstige Atmosphäre schaffen,
getraue ich mich doch Ihrem
eigenen Urteil zu überlassen.
V.
„Ich glaube, Ihre Absicht zu verstehen.
Sie wollen mir zeigen, was für Kennt-
nisse man für die Ausübung der
Analyse braucht, damit ich urteilen kann,
ob der Arzt allein zu ihr berechtigt
sein soll. Nun, bisher ist wenig
Ärztliches vorgekommen, viel Psycho-
logie und ein Stück Biologie oder
Sexualwissenschaft. Aber vielleicht haben
wir noch nicht das Ende gesehen?“
Gewiß nicht, es bleiben noch Lücken
auszufüllen. Darf ich Sie um etwas
bitten? Wollen Sie mir schildern, wie
Sie sich jetzt eine analytische Behand-
lung vorstellen? So, als ob Sie sie
selbst vorzunehmen hätten.
„Nun, das kann gut werden. Ich habe
wirklich nicht die Absicht, unsere Streit-
frage durch ein solches Experiment
zu entscheiden. Aber ich will Ihnen
den Gefallen thun. Ich verantworte
mich schließlich ja auf Sie. Also ich werde
mich an den Kranken heran setzen
u. ihn die Klagesichüber seine Beschwer-
den, seine Traurigkeit, seine Hemmungen
oder was immer, aussprechen lassen.
You are here
Die Frage der Laienanalyse1926-002/1926.01
1926-002/1926.01/4