Die Frage der Laienanalyse1926-002/1926.01
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    IV

    Alles, was Sie mir bisher erzählt haben, war
    Psychologie. Es klang oft befremdlich, spröde
    dunkel, aber es war doch immer, wenn ich
    so sagen soll: reinlich. Nun habe ich zwar
    bisher sehr wenig von Ihrer Psycho-
    analyse gewußt, aber das Gerücht ist
    doch zu mir gedrungen, daß sie sich
    vorwiegend mit Dingen beschäftigt,
    die auf dieses Prädikat keinen
    Anspruch haben. Es macht mir den Ein-
    druck einer beabsichtigten Zurück-
    haltung, daß Sie bisher nichts Ähnliches
    berührt haben. Auch kann ich einen
    anderen Zweifel nicht unterdrücken.
    Die Neurosen sind doch, wie Sie selbst sagen,
    Störungen des Seelenlebens. Und so
    wichtige Dinge wie unsere Ethik, unser
    Gewissen, unsere Ideale, sollten bei
    diesen tiefgreifenden Störungen
    gar keine Rolle spielen?“
     

       Sie vermissen also in unseren bisherigen
    Besprechungen die Berücksichtigung des
    Niedrigsten wie des Höchsten. Das kommt
    aber daher, daß wir von den Inhalten
    des Seelenlebens überhaupt noch nicht
    gehandelt haben. Lassen Sie mich aber
    jetzt einmal selbst die Rolle des
    Unterbrechers spielen, der den Fort-
    schritt der Unterredung auf-
    hält. Ich habe Ihnen soviel Psychologie
    erzählt, weil ich wünschte, daß Sie
    den Eindruck empfangen, die analyt-
    ische Arbeit sei ein Stück an-
    gewandter Psychologie Psychoanalyse, u zwar
    einer Psychologie, die außerhalb
    der Analyse nicht bekannt ist.
    Der Analytiker muß also vor allem
    diese Psychologie, die Tiefenpsychologie
    oder Psychologie des Unbewußten
    gelernt haben, wenigstens soviel
    als heute davon bekannt ist. Wir
    werden das für unsere späteren
    Folgerungen brauchen. Aber jetzt,
    was meinten Sie mit der Anspielung
    auf die Reinlichkeit?
     

       „Nun, es wird allgemein erzählt, daß
    in den Analysen die intimsten –
    und garstigsten Angelegenheiten
     

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    des Geschlechtslebens mit allen Details
    zur Sprache kommen. Wenn das so ist, –
    aus Ihren psychologischen Auseinander-
    setzungen habe ich nicht entnehmen
    können, daß es so sein muß, – so
    wäre es ein starkes Argument dafür,
    solche Behandlgen nur Ärzten zu
    gestatten. Wie kann man daran
    denken, anderen Personen, deren
    Diskretion man nicht sicher ist, für
    deren Charakter man keine Bürg-
    schaft hat, so gefährliche Freiheiten
    einzuräumen?“
     

       Es ist wahr, die Ärzte genießen auf
    sexuellem Gebiet gewisse Vor-
    rechte; sie dürfen ja auch die Genit-
    alien inspizieren. Obwol sie es im
    Orient nicht durften; auch manche
    Idealreformer – Sie wissen, wen
    ich meine – haben diese Vorrechte
    bekämpft. Aber Sie wollen zunächst
    wissen, ob es in der Analyse so ist
    und warum es so sein muß? Ja, es
    ist so.
     

       Es muß aber so sein, erstens weil die
    Analyse überhaupt auf volle Aufrichtigkeit
    gebaut ist. Man behandelt in ihr z.B.
    Vermögensverhältnisse mit eben
    solcher Ausführlichkeit und Offenheit,
    sagt Dinge, die man jedem Mit-
    bürger vorenthält, auch wenn er
    nicht Konkurrent oder Steuerbe-
    amter ist. Daß diese Verpflichtung
    zur Aufrichtigkeit auch den Analyt-
    iker unter schwere moralische
    Verantwortlichkeit setzt, werde
    ich nicht bestreiten, sondern selbst
    energisch betonen. Zweitens muß es so sein,
    weil unter den Ursachen und An-
    lässen der nervösen Erkrank-
    ungen Momente des Geschlechtslebens
    eine überaus wichtige, eine über-
    ragende, vielleicht selbst eine
    spezifische Rolle spielen. Was kann
    die Analyse anderes thun, als sich ihrem
    Stoff, dem Material, das der Kranke
     

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    bringt, anzuschmiegen? Der Analytiker
    lockt den Patienten niemals auf
    das sexuelle Gebiet, er sagt ihm nicht
    voraus: Es wird sich um die Intimitäten
    Ihres Geschlechtslebens handeln! Er läßt
    ihn seine Mitteilungen beginnen,
    wo es ihm beliebt, und wartet ruhig
    ab, bis der Patient selbst die geschlecht-
    lichen Dinge anrührt. Ich pflegte meine
    Schüler immer zu mahnen: Unsere
    Gegner haben uns angekündigt, daß
    wir auf Fälle stoßen werden, bei
    denen das sexuelle Moment keine
    Rolle spielt; hüten wir uns davor
    es in die Analyse einzuführen, ver-
    derben wir uns die Chance nicht
    einen solchen Fall zu finden. Nun, bis
    jetzt hat niemand von uns dieses
    Glück gehabt.
     

       Ich weiß natürlich, daß unsere Aner-
    kennung der Sexualität – einge-
    standener oder uneingestandener
    Maßen – das stärkste Motiv für
    die Feindseligkeit gegen die Analyse
    geworden ist. Kann uns das irre
    machen? Es zeigt uns nur, wie neurotisch
    unser ganzes Kulturleben ist, da sich die
    angeblich Normalen nicht viel anders
    benehmen als die Nervösen. Zur Zeit
    als in gelehrten Gesellschaften Deutsch-
    lands feierlich Gericht über die Psycho-
    analyse gehalten wurde, – heute ist
    es wesentlich stiller geworden –
    beanspruchte ein Redner besondere
    Autorität, weil er nach seiner Mit-
    teilung die Kranken auch sich
    äußern lasse. Offenbar in diagnost-
    ischer Absicht und um die Behaupt-
    ungen der Analytiker zu prüfen.
    Aber, setzte er hinzu, wenn sie an-
    fangen von sexuellen Dingen zu
    reden, dann verschließe ich ihnen
    den Mund. Was denken Sie von
    einem solchen Beweisverfahren?
    Die gelehrte Gesellschaft jubelte dem
    Redner Beifall zu, anstatt sich
    gebührender Weise für ihn zu
    schämen. Nur die triumphierende
     

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    Sicherheit welche das Bewußtsein gemein-
    samer Vorurteile verleiht, kann
    die logische Sorglosigkeit dieses
    Redners erklären. Jahre später
    haben einige meiner damaligen
    Schüler dem Bedürfnis nachgegeben
    die Gesellschaft vom Joch der Sexual-
    ität, das ihr die Psychoanalyse
    auflegen will, zu befreien. Der
    eine hat erklärt, das Sexuelle
    bedeute gar nicht die Sexualität
    sondern etwas anderes, Abstraktes,
    Mystisches; ein zweiter gar, das
    Sexualleben sei nur eines der
    Gebiete, auf dem der Mensch
    das ihn treibende Bedürfnis nach
    Macht und Herrschaft betätigen wolle. Sie
    haben sehr viel Beifall gefunden,
    für die nächste Zeit wenigstens.
     

       „Da getraue ich mich aber doch einmal
    Partei zu nehmen. Es scheint mir
    sehr gewagt, zu behaupten,
    daß die Sexualität kein nat-
    ürliches, ursprüngliches Bedürfnis
    der lebenden Wesen ist, son-
    dern der Ausdruck für etwas anderes.“
     

       Das macht nichts. Es giebt keine
    noch so absurde Mixtur, die die
    Gesellschaft nicht bereitwillig
    schlucken würde, wenn sie
    nur als Gegenmittel gegen die
    gefürchtete Übermacht der Sexualität
    ausgerufen wird.
     

       Ich gestehe Ihnen übrigens, daß die
    Abneigung, die Sie selbst verraten
    haben, dem sexuellen Moment
    eine so große Rolle in der
    Verursachung der Neurosen ein-
    zuräumen, mit Ihrer Aufgabe
    als Unparteiischer nicht gut
    verträglich scheint. Fürchten Sie
    nicht, daß Sie durch solche Anti-
    pathie in der Fällung eines
    gerechten Urteils gestört sein
    werden?
     

       „Es thut mir leid, daß Sie das sagen.
    Ihr Vertrauen zu mir scheint er-
    schüttert.
     

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    Warum haben Sie dann nicht einen
    anderen zum Unparteiischen gewählt?“
    „Weil dieser andere auch nicht anders
    gedacht hätte als Sie. Wenn er aber
    von vorn herein bereit gewesen
    wäre die Bedeutung des Geschlechtslebens
    anzuerkennen, so hätte alle Welt
    gerufen: Das ist ja kein Unparteiischer,
    das ist ja ein Anhänger von Ihnen.
    Nein, ich gebe die Erwartung keines-
    wegs auf, Einfluß auf Ihre Meinungen
    zu gewinnen. Ich bekenne aber dieser
    Fall liegt für mich anders als der
    vorhin behandelte. Bei den psycho-
    logischen Erörterungen mußte es
    mir gleich gelten, ob Sie mir Glauben
    schenken oder nicht, wenn Sie
    nur den Eindruck bekamen es
    handle sich um rein psychologische
    Probleme. Diesmal, bei der Frage
    der Sexualität, möchte ich doch,
    daß Sie der Einsicht zugänglich
    werden, Ihr stärkstes Motiv zum
    Widerspruch sei doch eben die
    mitgebrachte Feindseligkeit, die Sie
    mit so vielen Anderen teilen.
     

       „Es fehlt mir doch die Erfahrung,
    welche Ihnen eine so unerschütter-
    liche Sicherheit geschaffen hat.“
     

       „Gut, ich darf jetzt in meiner Darstellung
    fortfahren. Das Geschlechtsleben ist
    nicht nur eine Pikanterie, sondern
    auch ein ernsthaftes wissenschaftliches
    Problem. Es gab da viel Neues zu
    erfahren, viel Sonderbares zu er-
    klären. Ich sagte Ihnen schon, daß
    die Analyse in die frühen Kind-
    heitsjahre des Patienten zurück-
    gehen mußte, zu der Zeit weil
    in diesen Zeiten und während der
    Schwäche des Ichs die entscheidenden
    Verdrängungen vorgefallen sind.
    In der Kindheit giebt es aber doch
    gewiß kein Geschlechtsleben das
    hebt doch mit der Pubertätszeit
    an? Im Gegenteile, wir hatten
    die Entdeckung zu machen, daß die
    sexuellen Triebregungen das Leben
    von der Geburt an begleiten,
    und daß es gerade diese Triebe
     

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    sind gegen deren Abwehr das infantile Ich
    die Verdrängungen vornimmt. Ein
    merkwürdiges Zusammentreffen nicht
    wahr, daß schon das kleine Kind
    sich so gegen die Macht der Sexualität sträubt
    wie später der Redner in der
    gelehrten Gesellschaft und noch später
    meine Schüler, die ihre eigenen
    Theorien aufstellen? Wie das zugeht?
    Die allgemeinste Auskunft wäre, daß
    unsere Kultur überhaupt auf Kosten der
    Sexualität aufgebaut wird, aber es
    ist viel anderes darüber zu sagen.
     

       Die Entdeckung der kindlichen
    Sexualität gehört zu jenen Funden
    deren man sich zu schämen hat. Einige
    Kinderärzte haben es immer darum
    gewußt wie es scheint, auch einige
    Kinderpflegerinnen. Geistreiche Männer
    die sich Kinderpsychologen heißen,
    haben dann in vorwurfsvollem
    Ton von einer „Entharmlosung der
    Kindheit“ gesprochen. Immer wieder
    Sentimente an Stelle von Argumenten!
    In unseren politischen Körperschaften
    sind solche Vorkommnisse alltäglich.
    Irgendwer von der Opposition steht
    auf und denunziert eine Miß-
    wirtschaft in der Verwaltung, Armee,
    Justiz u.dgl. Darauf erklärt ein
    anderer, am liebsten einer von
    der Regierung, solche Konstatierungen
    beleidigen das staatliche, militär-
    ische, dynastische oder gar das nationale
    Ehrgefühl. Sie seien also so gut wie
    nicht wahr. Diese Gefühle ver-
    tragen keine Beleidigung.
     

       Das Geschlechtsleben des Kindes ist natürlich
    ein anderes als das des Erwachsenen.
    Die Sexualfunktion macht von ihren
    Anfängen bis zu der uns so ver-
    trauten Endgestaltung eine kom-
    plizierte Entwicklung durch. Sie wächst
    aus zahlreichen Partialtrieben mit
    besonderen Zielen zusammen,
    durchläuft mehrere Phasen der Organ-
    isation bis sie sich endlich in
    den Dienst der Fortpflanzung
     

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    stellt. Von den einzelnen Partial-
    trieben sind nicht alle für den End-
    ausgang gleich brauchbar, sie müssen
    abgelenkt, umgemodelt, zum Teil
    unterdrückt werden. Eine so weit-
    läufige Entwicklung wird nicht immer
    tadellos durchgemacht, es kommt zu
    Entwicklungshemmungen, partiellen
    Fixierungen auf frühen Entwicklungs-
    stufen; wo sich später der Ausübung
    der Sexualfunktion Hindernisse
    entgegenstellen, weicht das sexuelle
    Streben – die Libido, wie wir
    sagen – gern auf solche frühere Fix-
    ierungsstellen zurück. Das Studium
    der kindlichen Sexualität und ihrer
    Umwandlungen bis zur Reife hat
    uns auch den Schlüssel zum Ver-
    ständnis der sogenannten Per-
    versionen gegeben, die man immer
    mit allen geforderten Anzeichen
    des Abscheus zu beschreiben pflegte,
    deren Entstehung man aber nicht
    aufklären konnte. Das ganze Gebiet
    ist ungemein interessant, es hat
    nur für die Zwecke unserer Unter-
    redungen nicht viel Sinn, wenn
    ich Ihnen mehr davon erzähle. Man
    braucht, um sich hier zurechtzufinden
    natürlich anatomische und physiologische
    Kenntnisse, die leider nicht sämtlich
    in der medizinischen Schule zu er-
    werben sind, aber eine Vertrautheit
    mit Kulturgeschichte und Mythologie
    ist ebenso unerläßlich.“
     

       „Nach alledem kann ich mir vom
    Geschlechtsleben des Kindes doch
    keine Vorstellung machen.“
     

       „So will ich noch länger bei dem Thema
    verweilen; es fällt mir ohnedies nicht
    leicht, mich davon loszureißen. Hören
    Sie, das Merkwürdigste am Geschlechtsleben
    des Kindes scheint mir, daß es seine
    ganze, sehr weitgehende Entwicklung
    in den ersten fünf Lebensjahren
    durchläuft; von da an bis zur Pubertät
     

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    erstreckt sich die sog. Latenzzeit in der
    – normaler Weise – die Sexualität
    keine Fortschritte macht, die sexuellen
    Strebungen im Gegenteil an Stärke
    nachlassen und vieles aufgegeben und ver-
    gessen wird, was das Kind schon geübt
    oder gewußt hatte. In dieser Lebens-
    periode, nachdem die Frühblüte des
    Geschlechtslebens abgewelkt ist, bilden
    sich jene Einstellungen des Ichs heraus,
    die wie Scham, Ekel, Moralität dazu
    bestimmt sind dem späteren Pub-
    ertätssturm Stand zu halten und
    dem neu erwachenden sexuellen
    Begehren die Bahnen zu weisen.
    Dieser sog. zweizeitige Ansatz des
    Sexuallebens hat sehr viel mit der
    Entstehung der nervösen Erkrankungen
    zu thun. Er scheint sich nur beim
    Menschen zu finden; vielleicht
    ist er eine der Bedingungen des
    menschlichen Vorrechts neurotisch
    zu werden. Diese Vorzeit des
    Geschlechtslebens ist vor der Psycho-
    analyse ebenso übersehen worden
    wie auf anderem Gebiet der
    Hintergrund des bewußten Seelen-
    lebens. Sie werden mit Recht
    vermuten, daß beide auch innig
    zusammengehören.
     

       Von den Inhalten, Äußerungen und
    Leistungen dieser Frühzeit der Sex-
    ualität wäre sehr viel zu berichten
    worauf die Erwartung nicht vor-
    bereitet ist. zB Sie werden gewiß
    erstaunt sein zu hören, daß sich
    das Knäblein so häufig davor
    ängstigt, vom Vater aufgefressen
    zu werden. Erinnern Sie sich noch
    daran, daß ich Sie auch unter die
    Bedingungen des Sexuallebens
    versetze. x) Aber ich darf Sie an
    die Mythologie Schulbildung erinnern
    die Sie vielleicht aus Ihren Schul-
    jahren noch nicht vergessen
    haben, daß auch der Gott Kronos
    seine Kinder verschlingt. Wie
     

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    sonderbar muß Ihnen dieser Mythus erschienen
    sein, als Sie zuerst von ihm hörten! Aber
    ich glaube wir haben uns alle damals
    nichts dabei gedacht. Heute können
    wir auch mancher Märchen gedenken,
    in denen ein fressendes Tier,
    wie der Wolf, auftritt, und werden
    in diesem eine Verkleidung des
    Vaters erkennen. Ich ergreife diese
    Gelegenheit, um Ihnen zu versichern,
    daß Mythologie und Märchenwelt
    überhaupt erst durch die Kenntnis
    des kindlichen Sexuallebens ver-
    ständlich werden. Es ist das so ein Neben-
    gewinn der analytischen Studien.
     

       Nicht minder groß wird Ihre Über-
    raschung sein zu hören, daß das männ-
    liche Kind unter der Angst leidet
    vom Vater seines Geschlechtsgliedes
    beraubt zu werden, so daß diese
    Kastrationsangst den stärksten Ein-
    fluß auf seine Charakterentwick-
    lung und die Entscheidung seiner
    geschlechtlichen Richtung nimmt. Auch
    hier wird Ihnen die Mythologie
    Mut machen, der Psychoanalyse
    zu glauben. Derselbe Kronos, der
    seine Kinder verschlingt, hat auch
    seinen Vater Uranos entmannt
    und ist dann zur Vergeltung von
    seinem durch die List der Mutter
    geretteten Sohn Zeus entmannt
    worden. Wenn Sie zur Annahme
    geneigt haben, daß alles was die Psycho-
    analyse von der frühzeitigen Sexualität
    der Kinder erzählt aus der wüsten
    Phantasie der Analytiker stammt,
    so geben Sie doch wenigstens zu,
    daß diese Phantasie dieselben Pro-
    duktionen geschaffen hat wie die
    Phantasietätigkeit der primitiven
    Menschheit, von der Mythen und
    Märchen der Niederschlag sind. Die
    andere freundlichere und wahrscheinlich
    zutreffendere Auffassung wäre, daß
    im Seelenleben des Kindes noch heute
    dieselben archaischen Momente nach-
    weisbar sind, die einst in den
    Urzeiten der menschlichen Kultur
    allgemein geherrscht haben. Das
     

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    würde in seiner seelischen Ent-
    wicklung die Stammesgeschichte in ab-
    kürzender Weise wiederholen,
    wie es die Embryologie längst für
    die körperliche Entwicklung
    erkannt hat.
     

       Ein weiterer Charakter der frühkind-
    lichen Sexualität ist, daß das eigent-
    lich weibliche Geschlechtsglied in ihr
    noch keine Rolle spielt – es ist
    für das Kind noch nicht entdeckt.
    Aller Akzent fällt auf das männliche
    Glied, alles Interesse richtet sich
    darauf, ob dies vorhanden ist oder
    nicht. Vom Geschlechtsleben des kleinen
    Mädchens wissen wir weniger als von
    dem des Knaben. Wir brauchen
    uns dieser Differenz nicht zu
    schämen; ist doch auch das Geschlechts-
    leben des erwachsenen Weibes
    ein dark continent für die
    Psychologie. Aber wir haben erkannt,
    daß das Mädchen den Mangel eines
    dem männlichen gleichwertigen
    Geschlechtsgliedes schwer empfindet,
    sich darum für minderwertig
    hält, und daß dieser „Penisneid“
    einer ganzen Reihe charakteristisch
    weiblicher Reaktionen den Ur-
    sprung giebt.
     

       Dem Kind eigen ist es auch, daß die
    beiden exkrementellen Bedürf-
    nisse mit sexuellem Interesse be-
    setzt sind. Die Erziehung setzt später
    eine scharfe Scheidung durch, die
    Praxis der Witze hebt sie wieder
    auf. Das mag uns unappetitlich scheinen,
    aber es braucht bekanntlich beim
    Kind eine ganze Zeit bis sich der
    Ekel einstellt. Das haben auch die
    nicht geleugnet die sonst für die
    seraphische Reinheit der Kinder-
    seele eintreten.
     

       Keine andere Thatsache hat aber mehr
    Anspruch auf unsere Beachtung, als
    daß das Kind seine sexuellen Wünsche
    regelmäßig auf die ihm verwandtschaft-
     

  • S.

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    lich nächsten Personen richtet, also in
    erster Linie auf Vater und Mutter,
    in weiterer Folge auf seine Geschwister.
    Für den Knaben ist die Mutter das
    erste Liebesobjekt, für das Mädchen
    der Vater, soweit nicht eine bi-
    sexuelle Anlage auch gleichzeitig die
    gegenteilige Einstellung begünstigt.
    Der andere Elternteil wird als störender
    Rivale empfunden und nicht selten
    mit starker Feindseligkeit bedacht.
    Verstehen Sie mich recht, ich will nicht
    sagen, daß das Kind sich nur jene Art
    von Zärtlichkeit vom bevorzugten
    Elternteil wünscht, in der wir Erwach-
    senen so gern das Wesen der Eltern-Kind-
    Beziehung sehen. Nein, die Analyse läßt
    keinen Zweifel darüber, daß die
    Wünsche des Kindes über diese Zärt-
    lichkeit hinaus alles anstreben was
    wir als sinnliche Befriedigung be-
    greifen, soweit eben das Vorstellungs-
    vermögen des Kindes reicht. Es ist
    leicht zu verstehen, daß das Kind den
    wirklichen Sachverhalt der Vereinigung
    der Geschlechter niemals errät;
    es setzt dafür andere aus seinen Er-
    fahrungen und Empfindungen abge-
    leitete Vorstellungen ein. Gewöhn-
    lich gipfeln seine Wünsche in der
    Absicht, ein Kind zu gebären oder
    – in unbestimmbarer Weise – zu zeugen.
    Von dem Wunsche, ein Kind zu gebären,
    schließt sich in seiner Unwissenheit
    auch der Knabe nicht aus. Diesen
    ganzen seelischen Aufbau heißen wir
    nach der bekannten griechischen
    Sage den Oedipuskomplex. Er soll
    normaler Weise mit dem Ende der
    sexuellen Frühzeit verlassen, gründ-
    lich abgebaut und umgewandelt
    werden und die Ergebnisse dieser
    Verwandlung sind zu großen Leist-
    ungen im späteren Seelenleben
    bestimmt. Aber es geschieht in
    der Regel nicht gründlich genug
    und die Pubertät ruft dann eine
     

  • S.

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    Wiederbelebung des Komplexes hervor,
    die schwere Folgen haben kann.
     

       Ich wundere mich, daß Sie noch schweigen.
    Das kann kaum Zustimmung bedeuten.
    – Wenn die Analyse behauptet, die
    erste Objektwahl des Kindes sei
    eine inzesthuöse, um den technischen
    Namen zu gebrauchen, so hat sie
    gewiß wieder die heiligsten Gefühle
    der Menschheit gekränkt und darf
    auf das entsprechende Ausmaß von
    Unglauben, Widerspruch und
    Anklage gefaßt sein. Die sind ihr
    auch reichlich zu Teil geworden. Nichts
    anderes hat ihr in der Gunst der
    Zeitgenossen mehr geschadet als die
    Aufstellung des Oedipuskomplexes
    als einer allgemein menschlichen,
    schicksalgebundenen Formation.
    Der griechische Mythus muß allerdings
    dasselbe gemeint haben, aber die
    Überzahl der heutigen Menschen,
    gelehrter wie ungelehrter, zieht es
    vor zu glauben, daß die Natur
    einen angeborenen Abscheu als
    Schutz gegen die Inzestmöglichkeit
    eingesetzt hat.
     

       Zunächst soll uns die Geschichte zu Hilfe
    kommen. Als C. Julius Caesar Ägypten
    betrat, fand er die jugendliche
    Königin Cleopatra, die ihm bald
    so bedeutungsvoll werden sollte, ver-
    mählt mit ihrem noch jüngeren
    Bruder Ptolemaeus. Das war in der
    ägyptischen Dynastie nichts Besonderes;
    die ursprünglich griechischen Ptole-
    mäer hatten nur den Brauch fort-
    gesetzt, den seit einigen Jahrtaus-
    enden ihre Vorgänger, die alten
    Pharaonen, geübt hatten. Aber das ist
    ja nur Geschwisterinzest, der noch in
    der Jetztzeit milder beurteilt
    wird. Wenden wir uns darum
    an unsere Kronzeugin für die
    Verhältnisse der Urzeit, die Mytho-
    logie. Sie hat uns zu berichten,
     

  • S.

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    daß die Mythen aller Völker, nicht nur
    der Griechen, überreich sind an Liebes-
    beziehungen zwischen Vater und Tochter
    und selbst Mutter und Sohn. Die Kos-
    mologie wie die Genealogie der könig-
    lichen Geschlechter ist auf dem Inzest be-
    gründet. In welcher Absicht, meinen Sie,
    sind diese Dichtungen geschaffen worden?
    Um Götter und Könige als Verbrecher
    zu brandmarken, den Abscheu
    des Menschengeschlechts auf sie
    zu lenken? Eher doch, weil die Inzest-
    wünsche uraltes menschliches Erbgut
    sind und niemals völlig überwunden
    wurden, so daß man ihre Erfüllung
    den Göttern und ihren Abkömmlingen
    noch gönnte, als die Mehrheit der ge-
    wöhnlichen Menschenkinder bereits
    darauf verzichten mußte. Im vollsten
    Einklang mit diesen Lehren der
    Geschichte und der Mythologie finden
    wir den Inzestwunsch in der Kindheit
    des Einzelnen noch heute vorhanden
    und wirksam.
     

       „Ich könnte es Ihnen übel nehmen, daß Sie
    mir all das über die kindliche Sexualität
    vorenthalten wollten. Es scheint mir gerade
    wegen seiner Kulturgeschichtlichen Be-
    ziehungen Beziehungen zur menschlichen Urgeschichte
    sehr interessant.“
     

       Ich fürchtete, es würde uns zu weit von
    unserer Absicht abführen. Aber vielleicht
    wird es doch seinen Vorteil haben.
     

       „Nun sagen Sie aber, welche Sicherheit
    haben Sie für Ihre analytischen Resultate
    über das Sexualleben der Kinder
    zu geben? Ruht Ihre Überzeugung allein
    auf den Übereinstimmungen mit
    Mythologie und Historie?“
     

       Oh keineswegs. Sie ruht auf unmittelbarer
    Beobachtung. Es ging so zu: Wir haben
    zunächst den Inhalt der sexuellen Kind-
    heit aus den Analysen Erwachsener,
    also 20-40 Jahre später erschlossen. Später
    haben wir die Analysen an den
    Kindern selbst unternommen, und
    es war kein geringer Triumph als
     

  • S.

    42

    sich an ihnen alles so bestätigen ließ, wie
    wir es trotz der Überlagerungen und
    Entstellungen der Zwischenzeit erraten
    hatten.
     

       „Wie, Sie haben kleine Kinder in
    Analyse genommen, Kinder im Alter
    vor 6 Jahren? Geht das überhaupt und ist
    es nicht für diese Kinder recht be-
    denklich?“
     

       Es geht sehr gut. Es ist kaum zu glauben
    was in einem solchen Kind von
    4-5 Jahren schon alles vorgeht. Die
    Kinder sind geistig sehr regsam
    in diesem Alter, die sexuelle
    Frühzeit ist für sie auch eine intelle-
    ktuelle Blütheperiode. Ich
    habe den Eindruck, daß sie mit
    dem Eintritt in die Latenzzeit
    auch geistig gehemmt, dümmer,
    werden. Viele
    Kinder verlieren auch von da
    an ihren körperlichen Reiz. Und
    was den Schaden der Frühanalyse
    betrifft, so kann ich Ihnen berichten,
    daß das erste Kind an dem dies
    Experiment vor jetzt nahezu 20 Jahren
    gewagt wurde, seither ein gesunder
    und leistungsfähiger junger Mann
    geworden ist, der seine Pubertät
    trotz schwerer psychischer Traumen
    klaglos durchgemacht hat. Den anderen
    „Opfern“ der Frühanalyse wird es
    hoffentlich nicht schlechter ergehen.
    An diese Kinderanalysen knüpfen
    sich mancherlei Interessen; es ist
    möglich, daß sie in der Zukunft
    zu noch größerer Bedeutung kommen werden.
    Ihr Wert für die Theorie steht ja
    außer Frage. Sie geben unzwei-
    deutige Auskünfte über Fragen,
    die in den Analysen Erwachsener
    unentschieden bleiben, und schützen
    den Analytiker so vor Irrtümern, die für
    ihn folgenschwer wären.
    Man überrascht eben die Momente, welche
    die Neurose gestalten bei ihrer Arbeit
    und kann sie nicht verkennen. Im
     

  • S.

    43

    Interesse des Kindes muß allerdings die
    analytische Beeinflussung mit erzieher-
    ischen Maßnahmen verquickt werden.
    Diese Technik harrt noch ihrer Ausgestalt-
    ung. Ein praktisches Interesse wird aber
    durch die Beobachtung geweckt, daß eine
    sehr große Anzahl unserer Kinder
    in ihrer Entwicklung eine deutlich
    neurotische Phase durchmachen. Seitdem
    wir schärfer zu sehen verstehen, sind
    wir versucht zu sagen, die Kinder-
    neurose sei nicht die Ausnahme
    sondern die Regel, als ob sie sich
    auf dem Weg von der infantilen
    Anlage bis zur gesellschaftlichen Kultur
    kaum vermeiden ließe. In den
    meisten Fällen wird diese neurotische
    Anwandlung der Kinderjahre spontan
    überwunden; ob sie nicht doch regel-
    mäßig ihre Spuren auch beim durch-
    schnittlich Gesunden hinterläßt? Hin-
    gegen vermissen wir bei keinem
    der späteren Neurotiker die
    Anknüpfung an die Kindererkrankung,
    die ihrerzeit
    nicht sehr auffällig gewesen zu sein
    braucht. In ganz analoger Weise, glaube
    ich, behaupten heute die Internisten,
    daß jeder Mensch einmal in seiner
    Kindheit eine Erkrankung an
    Tuberkulose durchgemacht hat. Für
    die Neurosen kommt allerdings der
    Gesichtspunkt der Impfung nicht
    in Betracht, nur der der Prä-
    disposition.
     

       Die praktische Frage wäre nun ob
    man nicht den Großteil der späteren
    Neurosen ersparen würde, wenn
    man den Kindern zur Zeit ihrer
    auf uns angedeuteten neurotischen
    Schwierigkeiten analytische Hilfe-
    leistung zusicherte. Das würde die
    Frühanalyse als regelmäßigen Be-
    standteil in den Erziehungsplan
    einsetzen. Aber mit diesem Vorschlag
    bin ich wol den Möglichkeiten
    der Gegenwart vorausgeeilt. Ich
    will zu Ihrer Frage nach den Sicherheiten
     

  • S.

    44

    zurückkehren. Wir haben uns also dadurch
    ganz allgemein durch die direkte analytische Beobachtung
    der Kinder überzeugt, daß wir
    die Mitteilungen der Erwachsenen
    über ihre Kinderzeit richtig gedeutet
    hatten. In einer Reihe von Fällen
    ist uns aber noch eine andere Art
    der Bestätigung möglich geworden.
    Wir hatten aus dem Material
    der Analyse gewisse äußere Vor-
    gänge, eindrucksvolle Ereignisse der
    Kinderjahre rekonstruiert, von denen
    die bewußte Erinnerung der
    Kranken nichts bewahrt hatte,
    und glückliche Zufälle, Erkundigungen
    bei Eltern und Pflegepersonen
    haben uns dann den unwider-
    leglichen Beweis erbracht, daß diese
    erschlossenen Begebenheiten sich wirk-
    lich so zugetragen hatten. Das ge-
    lang natürlich nicht sehr oft, aber wo
    es eintraf, machte es einen über-
    wältigenden Eindruck. Sie müssen
    wissen, die richtige Rekonstruktion
    solcher vergessenen Kindererlebnisse
    hat immer einen großen therapeutischen
    Effekt, ob sie nun eine objektive
    Bestätigung zulassen oder nicht. Ihre
    Bedeutung verdanken diese Begeben-
    heiten natürlich dem Umstand, daß
    sie so früh vorgefallen sind, zu
    einer Zeit, da sie auf das schwächliche
    Ich noch traumatisch wirken konnten.
     

       „Um was für Ereignisse kann es
    sich da handeln, die man durch die
    Analyse aufzufinden hat?“
     

       Um Verschiedenartiges. In erster Linie
    um Eindrücke, die im Stande waren,
    das keimende Sexualleben des Kindes
    dauernd zu beeinflussen, wie Beob-
    achtungen geschlechtlicher Vorgänge
    zwischen Erwachsenen oder eigene
    sexuelle Erfahrungen mit einem
    Erwachsenen oder einem anderen
    Kind, – gar nicht so seltene Vorfälle, –
    des weiteren um Mithören von
    Gesprächen, die das Kind damals
    oder erst nachträglich verstand,
     

  • S.

    45

    aus denen es Aufschluß über geheimnisvolle
    oder unheimliche Dinge zu entnehmen
    glaubte, ferner Äußerungen und Hand-
    lungen des Kindes selbst, die eine
    bedeutsame zärtliche oder feindselige
    Einstellung desselben gegen andere
    Personen beweisen. Eine besondere
    Wichtigkeit hat es in der Analyse,
    die vergessene eigene Sexualbetätig-
    ung des Kindes erinnern zu lassen
    und dazu die Einmengung der
    Erwachsenen, welche derselben ein
    Ende setzte.
     

       „Das ist jetzt für mich der Anlaß, eine
    Frage vorzubringen, die ich längst
    stellen wollte. Worin besteht also die
    ‚Sexualbetätigung‘ des Kindes während
    dieser Frühzeit, die man, wie Sie
    sagen, vor der Zeit der Analyse über-
    sehen hatte?“
     

       Das Regelmäßige und Wesentliche an
    dieser Sexualbetätigung hatte man
    merkwürdiger Weise doch nicht über-
    sehen; d.h. es ist gar nicht merkwürdig,
    es war eben nicht zu übersehen. Die
    sexuellen Regungen des Kindes
    finden ihren hauptsächlichsten Aus-
    druck in der Selbstbefriedigung durch
    Reizung der eigenen Genitalien,
    in Wirklichkeit des männlichen
    Anteils derselben. Die außerordent-
    liche Verbreitung dieser kindlichen
    „Unart“ war den Erwachsenen immer
    bekannt, diese selbst wurde als schwere
    Sünde betrachtet und strenge verfolgt.
    Wie man diese Beobachtung von
    den unsittlichen Neigungen des Kindes
    – denn die Kinder thun dies, wie sie selbst
    sagen, weil es ihnen Vergnügen macht –
    mit der Theorie von seiner angeborenen
    Reinheit und Unsinnlichkeit vereinigen
    konnte, danach fragen Sie mich nicht.
    Dieses Rätsel lassen Sie sich von
    der Gegenseite aufklären. Für uns
    stellt sich ein wichtigeres Problem her.
    Wie soll man sich gegen die Sexualbe-
    tätigung der frühen Kindheit verhalten?
    Man kennt die Verantwortlichkeit,
    die man durch ihre Unterdrückung
    auf sich nimmt und getraut sich doch nicht,
    sie uneingeschränkt gewähren zu lassen. Bei Völkern
     

  • S.

    46

    niedriger Kultur und in den unteren
    Schichten der Kulturvölker scheint die
    Sexualität des Kindes frei gegeben
    zu sein. Damit ist wahrscheinlich ein
    sehr starker Schutz gegen die spätere
    Erkrankung an individuellen Neu-
    rosen erzielt worden, aber nicht
    auch gleichzeitig eine außerordent-
    liche Einbuße an der Eignung zu
    kulturellen Leistungen? Manches
    spricht dafür, daß wir hier vor
    einer neuen Scylla und Charybdis
    stehen.
     

       Ob aber die Interessen, die durch das
    Studium des Sexuallebens bei den
    Neurotikern angeregt werden, eine für
    die Erweckung der Lüsternheit
    günstige Atmosphäre schaffen,
    getraue ich mich doch Ihrem
    eigenen Urteil zu überlassen.
     

    V.
     

       „Ich glaube, Ihre Absicht zu verstehen.
    Sie wollen mir zeigen, was für Kennt-
    nisse man für die Ausübung der
    Analyse braucht, damit ich urteilen kann,
    ob der Arzt allein zu ihr berechtigt
    sein soll. Nun, bisher ist wenig
    Ärztliches vorgekommen, viel Psycho-
    logie und ein Stück Biologie oder
    Sexualwissenschaft. Aber vielleicht haben
    wir noch nicht das Ende gesehen?“
     

       Gewiß nicht, es bleiben noch Lücken
    auszufüllen. Darf ich Sie um etwas
    bitten? Wollen Sie mir schildern, wie
    Sie sich jetzt eine analytische Behand-
    lung vorstellen? So, als ob Sie sie
    selbst vorzunehmen hätten.
     

       „Nun, das kann gut werden. Ich habe
    wirklich nicht die Absicht, unsere Streit-
    frage durch ein solches Experiment
    zu entscheiden. Aber ich will Ihnen
    den Gefallen thun. Ich verantworte
    mich schließlich ja auf Sie. Also ich werde
    mich an den Kranken heran setzen
    u. ihn die Klage sich über seine Beschwer-
    den, seine Traurigkeit, seine Hemmungen
    oder was immer, aussprechen lassen.