S.
21
IIIII„Ich erwarte, daß Sie mir aus den Theorien
der Psychoanalyse ableiten wollen, wie
man sich die Entstehung eines nervösen
Leidens vorstellen kann.“
Ich will es versuchen. Zu dem Zweck müssen
wir aber unser Ich und unser Es von
einem neuen Gesichtspunkt aus studieren, vom
dynamischen, d.h. mit Rücksicht auf die
Kräfte, die in und zwischen ihnen
spielen. Vorhin hatten wir uns ja mit
der Beschreibung des seelischen Apparats
begnügt.
„Wenn es nur nicht wieder so unfaßbar
wird!“
Ich hoffe nicht. Sie werden sich bald zurecht-
finden. Also wir nehmen an, daß
die Kräfte, welche den seelischen Apparat
zur Thätigkeit treiben in den Organen
des Körpers erzeugt werden als Aus-
druck der großen Körperbedürf-
nisse. Sie erinnern sich an das Wort
unseres Dichterphilosophen: Hunger
und Liebe. Übrigens ein ganz respekt-
ables Kräftepaar! Wir heißen
diese Körperbedürfnisse, insoferne
sie Anreize für seelische Thätigkeit
darstellen, Triebe, ein Wort um
das uns viele moderne Sprachen
beneiden. Diese Triebe erfüllen
nun das Es; alle Energie im Es,
können wir abkürzend sagen, stammtstammtvon ihnen. Die Kräfte im Ich
haben auch keine andere Herkunft,
sie sind von denen im Es abge-
leitet. Was wollen nun die Triebe?
Befriedigung d.h. die Herstellung
solcher Situationen, in denen
die Körperbedürfnisse erlöschen
können. Das Herabsinken der
Bedürfnisspannung wird von unserem
Bewußtseinsorgan als lustvoll
empfunden, eine Steigerung
derselben bald als Unlust.
Aus diesen Schwankungen entsteht
die Reihe von Lust-Unlustempfind-
ungen, nach der der ganze seelische
Apparat seine Thätigkeit reg-
uliert.
S.
22
Wir sprechen da von einer „Herrschaft
des Lustprinzips“.
Es kommt zu unerträglichen Zuständen
wenn die Triebansprüche des Es
keine Befriedigung finden. Die Er-
fahrung zeigt bald, daß solche Be-
friedigungssituationen nur mit Hilfe
der Außenwelt hergestellt werden
können. Damit tritt der der Außen-
welt zugewendete Anteil des Es,
das Ich, in Funktion. Wenn alle
treibende Kraft, die das Fahrzeug
von der Stelle bringt, vom Es
aufgebracht wird, so übernimmt das
Ich gleichsam die Steuerung, bei
deren Ausfall ja ein Ziel nicht
zu erreichen ist. Die Triebe im
Es drängen auf sofortige, rück-
sichtslose Befriedigung, erreichen
auf diese Weise nicht, oder erzielen
selbst fühlbare Schädigung. Es
wird nun die Aufgabe des Ichs,
diesen Mißerfolg zu verhüten, zwischen
den Ansprüchen des Es und dem
Einspruch der realen Außenwelt
zu vermitteln. Es entfaltet seine
Thätigkeit nun nach zweiSeitenRichtungen.
Einerseits beobachtet es mit Hilfe seines
Sinnesorgans, des Bewußtseinssystems,
die Außenwelt um den günstigen
Moment für schadlose Befriedigung
zu erhaschen, anderseits beeinflußt es
das Es, zügelt dessen „Leidenschaften“,
veranlaßt die Triebe, ihre Befriedig-
ung aufzuschieben, ja, wenn es als not-
wendig erkannt wird, ihre Ziele
zu modifizieren oder sie gegen Ent-
schädigung aufzugeben. Indem es
die Regungen des Es in solcher Weise
bändigt, ersetzt es das früher allein
maßgebende Lustprinzip durch
das sogenannte Realitätsprinzip,
das zwar dieselben Endziele ver-
folgt, aber den von der realen
Außenwelt gesetzten Bedingungen
Rechnung trägt. Später lernt das
Ich, daß es noch einen anderen
Weg zur Versicherung der Be-
friedigung giebt als die be-
S.
23
schriebene Anpassung an die Außenwelt.
Man kann auch verändernd in die
Außenwelt eingreifen und in ihr
absichtlich jene Bedingungen herstellen,
welche die Befriedigung ermöglichen.
Diese Thätigkeit wird dann zur höchsten
Leistung des Ichs; die Entscheidungen,
wann es zweckmäßiger ist, seine Leidenschaften
zu beherrschen und sich vor der
Realität zu beugen, oder deren Partei
zu ergreifen und sich gegen die Außen-
welt zur Wehr zu setzen, sind das
Um und Auf der Lebensklugheit.
„Und läßt sich das Es eine solche
Beherrschung durch das Ich gefallen, wo
es doch, wenn ich Sie recht verstehe,
der stärkere Teil ist?“
Ja, es geht gut, wenn das Ich seine volle
Organisation und Leistungsfähigkeit
besitzt, zu allen Teilen des Es Zugang
hat, u seinen Einfluß auf sie üben
kann. Es besteht ja keine natür-
liche Gegnerschaft zwischen Ich und Es,
sie gehören zusammen und sind im
Falle der Gesundheit praktisch nicht
von einander zu scheiden.
„Das läßt sich alles hören, aber ich
sehe nicht, wo sich in diesem idealen
Verhältnis ein Plätzchen für die
Krankheitsstörung findet.“
Sie haben Recht; solange das Ich und
seine Beziehungen zum Es diese idealen
Anforderungen erfüllen, giebt
es auch keine nervöse Störung.
Die Einbruchsstelle der Krankheit liegt an
einem unerwarteten Ort, obwol ein
Kenner der allgemeinen Pathologie
nicht überrascht sein wird, bestätigt
zu finden, daß gerade die bedeut-
samsten Entwicklungen und Differ-
enzierungen den Keim zur Erkrank-
ung, zum Versagen der Funktion, in
sich tragen.
„Sie werden zu gelehrt, ich verstehe Sie
nicht.“
Ich muß ein bischen weiter ausholen.
Nicht wahr, das kleine Lebewesen ist
ein recht armseliges, ohnmächtiges
Ding gegen die übergewaltige Außen-
S.
24
welt, die voll ist von zerstörenden Ein-
wirkungen. Ein primitives Lebewesen
das keine zureichende Ichorganisation
entwickelt hat, ist all diesen Traumen
ausgesetzt. Es lebt der blinden Befriedig-
ung seiner Triebwünsche u geht so häufig an
dieser zu Grunde. Die Differenzierung
eines Ichs ist vor allem ein Schritt zur
Lebenserhaltung. Aus dem Untergang
läßt sich zwar nichts lernen, aber
wenn man ein Trauma glücklich
bestanden hat, achtet man auf die
Annäherung ähnlicher Situationen
und signalisiert die Gefahr durch
eine verkürzte Wiederholung der
beim Trauma erlebten Eindrücke,
durch einen Angstaffekt. Diese Reaktion
auf die Wahrnehmung der Gefahr
leitet nun den Fluchtversuch ein,
der solange lebensrettend wirkt bis
man genug erstarkt ist, um dem
Gefährlichen in der Außenwelt
in aktiverer Weise, vielleicht sogar
durch Aggression, zu begegnen.“
„Das ist alles sehr weit weg von dem,
was Sie versprochen haben.“
Sie ahnen nicht, wie nah ich der Er-
füllung meines Versprechens ge-
kommen bin. Auch bei den Lebe-
wesen, die später eine leistungsfähige
Ichorganisation haben, ist dieses Ich
zuerst in den Jahren der Kindheit
schwächlich und vom Es wenig differ-
enziert. Nun stellen Sie sich vor was
geschehen wird, wenn dieses machtlose
Ich einen Triebanspruch aus dem
Es erlebt, dem es bereits wider-
stehen möchte, weil es errät,
daß dessen Befriedigung gefährlich
ist, eine traumatische Situation,
einen Zusammenstoß mit der
Außenwelt heraufbeschwören würde,
den es aber nicht beherrschen kann,
weil es die Kraft dazu noch nicht
besitzt. Das Ich behandelt dann die
Triebgefahr als ob es eine äußere
Gefahr wäre, es unternimmt
S.
25
einen Fluchtversuch, zieht sich von diesem
Anteil des Es zurück, überläßt ihn
seinem Schicksal, nachdem es ihm
alle Beiträge, die es sonst zu den
Triebregungen stellt, verweigert hat.
Wir sagen, das Ich nimmt eine Ver-
drängung dieser Triebregung vor. Das
hat für den Augenblick den Erfolg,
die Gefahr abzuwehren, aber man
verwechselt nicht ungestraft das
Innen und das Außen. Man kann
nicht vor sich selbst davonlaufen. Bei der
Verdrängung folgt das Ich dem Lustprinzip,
welches es sonst zu korrigieren pflegt,
es hat dafür den Schaden zu tragen.
Dieser besteht darin, daß das Ich nun seinen
Machtbereich dauernd eingeschränkt hat.
Die verdrängte Triebregung ist jetzt
isoliert, sich selbst überlassen, unzugänglich, aber
auch unbeeinflußbar. Sie geht ihren eigenen
Weg. Das Ich kann zumeist auch später,
wenn es erstarkt ist, die Verdrängung
nicht mehr aufheben, seine Synthese ist
gestört, ein Teil des Es bleibt für das
Ich verbotener Grund. Die isolierte
Triebregung bleibt aber auch nicht müßig,
sie weiß sich dafür, daß ihr die normale
Befriedigung versagt ist, zu entschädigen,
erzeugt psychische Abkömmlinge, die sie
vertreten, setzt sich mit anderen
Vorgängen in Verknüpfung, die
sie durch ihren Einfluß gleichfalls
dem Ich entreißt, und bricht endlich
in einer unkenntlich entstellten
Ersatzbildung ins Ich und zum Bewußt-
sein durch, schafft das, was man
ein Symptom nennt. Mit einem
Male sehen wir den Sachverhalt
einer nervösen Störung vor uns:
ein Ich, das in seiner Synthese gehemmt
ist, das auf Teile des Es keinen Einfluß
hat, das auf manche seiner Tätigkeiten
verzichten muß, um einen neuer-
lichen Zusammenstoß mit dem Ver-
drängten zu vermeiden, das sich in
meist vergeblichen Abwehrreaktionen
gegen die Symptome, die Abkömmlinge
der verdrängten Regungen erschöpft,
und ein Es, in dem sich einzelne
S.
26
Triebe selbständig gemacht haben, ohne
Rücksicht auf die Interessen der Gesamt-
person ihre Ziele verfolgen und nur
mehr den Gesetzen der primitiven
Psychologie gehorchen, die in den
Tiefen des Es gebietet. Übersehen
wir die ganze Situation,
so erweist sich uns als einfache Formel
für die Entstehung der Neurose,
daß das Ich den Versuch gemacht
hat, gewisse Anteile des Es in un-
geeigneter Weise zu unterdrücken,
daß dies mißlungen ist, u das Es
dafür seine Rache genommen hat.
Die Neurose ist also die Folge eines
Konflikts zwischen Ich und Es,
in den das Ich eintritt, weil es,
wie eingehende Untersuchung zeigt,
durchaus an seiner Gefügigkeit
gegen die reale Außenwelt
festhalten will. Der Gegensatz
läuft zwischen Außenwelt und
Es, und weil das Ich, seinem innersten
Wesen getreu, für die Außen-
welt Partei nimmt, gerät es
in Konflikt mit seinem Es.
Beachten Sie aber wol, nicht die
Tatsache dieses Konflikts schafft
die Bedingung des Krankseins,
– denn solcheKonflikteGegensätze zwischen
Realität u Es sind unvermeidlich,
und das Ich führt unter seinen
beständigen Aufgaben, in ihnen
zu vermitteln,sondernsondern der Um-
stand, daß das Ich zur Erledigung
des Konflikts des unzureichenden
Mittels der Verdrängung bedient
hat. Dies hat aber selbst seinen
Grund darin, daß das Ich zur
Zeit, als sich ihm die Aufgabe
stellte, unentwickelt u ohn-
mächtig war. Die entscheidenden
Verdrängungen fallen ja alle
in früher Kindheit vor.
„Welch ein merkwürdiger Weg!
IIch
folge Ihrem Rat, nicht zu kritis-
ieren, da Sie mir ja nur zeigen
S.
27
wollen, was die Psychoanalyse von der Entstehung der
Neurosen glaubt, um daran zu knüpfen,
was sie zu ihrer Bekämpfung unternimmt.
Ich hätte verschiedenes zu fragen, werde
einiges auch später vorbringen. Zunächst
verspüre ich auch einmal die Ver-
suchung, auf Grund Ihrer Gedankengänge
weiter zu bauen u selbst eine
Theorie zu wagen. Sie haben die
Relation Außenwelt – Ich – Es
entwickelt und als die Bedingung
der Neurose hingestellt, daß das
Ich in seiner Abhängigkeit von
der Außenwelt das Es bekämpft.
Ist nicht auch der andere Fall denk-
bar, daß das Ich in einem solchen
Konflikt sich vom Es fortreißen
läßt und seine Rücksicht auf die
Außenwelt verleugnet? Was geschieht
in einem solchen Falle? Nach meinen
laienhaften Vorstellungen von
der Natur einer Geisteskrankheit
könnte diese Entscheidung des Ichs
die Bedingung der Geisteskrankheit
sein.“
Ja, daran habe ich selbst gedacht, und
halte es sogar für zutreffend, wenn-
gleich der Erweis dieser Vermutung
eine Diskussion von recht kom-
plizierten Verhältnissen erfordert.
Neurose u Psychose sind
offenbar innig verwandt und
müssen sich doch in einem ent-
scheidenden Punkt von einander
trennen. Dieser Punkt könnte wol
die Parteinahme des Ichs in einem
solchen Konflikt sein. Das Es würde
in beiden Fällen seinen Charakter
von blinder Unnachgiebigkeit
bewahren.
„Nun setzen Sie fort. Welche Winke
giebt Ihre Theorie für die Behand-
lung der neurotischen Erkrankungen?“
Unser therapeutisches Ziel ist jetzt
leicht zu umschreiben. Wir wollen
das Ich herstellen, es von seinen
S.
28
Einschränkungen befreien, ihm die Herrschaft
über das Es wiedergeben, die es in Folge
seiner frühen Verdrängungen eingebüßt
hat. Nur zu diesem Zweck machen wir
die Analyse, unsere ganze Technik
ist auf dieses Ziel gerichtet. Wir haben
die vorgefallenen Verdrängungen
aufzusuchen und das Ich zu bewegen,
sie nun mit unserer Hilfe zu kor-
rigieren, die Konflikte besser als
durch einen Fluchtversuch zu erledigen.
Da diese Verdrängungen sehr frühen
Kinderjahren angehören, führt uns
auch die analytische Arbeit in
diese Lebenszeit zurück. Den Weg
zu den meist vergessenen Konflikt-
situationen, die wir in der Er-
innerung des Kranken wiederbeleben
wollen, weisen uns die Symptome,
Träume und freien Einfälle des
Kranken, die wir allerdings erst
deuten, übersetzen, müssen, da sie unter dem
Einfluß der Psychologie des Es für unser
Verständnis fremdartige Ausdrucks-
formen angenommen haben. Von den
Einfällen, Gedanken und Erinnerungen,
die uns der Patient nicht ohne
inneres Sträuben mitteilen kann,
dürfen wir annehmen, daß sie irgend-
wie mit dem Verdrängten zusammen-
hangen oder Abkömmlinge desselben
sind. Indem wir den Kranken
dazudrängenantreiben sich über seine
Widerstände bei der Mitteilung
hinwegzusetzen, erziehen wir sein
Ich dazu, seine Neigung zu Flucht-
versuchen zu überwinden und
die Annäherung des Verdrängten
zu vertragen. Am Ende, wenn es
gelungen ist, die Situation der Ver-
drängung in seiner Erinnerung zu
reproduzieren, wird seine Gefügig-
keit glänzend belohnt. Der ganze
Unterschied der Zeiten läuft zu
seinen Gunsten, und das, wovor
sein kindliches Ich erschreckt die
Flucht ergriffen hatte, das erscheint
dem erwachsenen und erstarkten
Ich oft nur als Kinderspiel.
You are here
Die Frage der Laienanalyse1926-002/1926.01
1926-002/1926.01/3