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sei eine Befreiung des Geistes von der Gewalt der äusseren Natur, eine
Loslösung der Seele von den Fesseln der Sinnlichkeit. Andere Denker
gehen nicht so weit, halten aber daran fest, dass die Träume wesentlich
seelischen Anregungen entspringen und Äusserungen seelischer Kräfte
darstellen, die tagsüber an ihrer freien Entfaltung behindert sind (der
Traumphantasie — Scherner, Volkelt). Eine Fähigkeit zur
Überleistung wenigstens auf gewissen Gebieten (Gedächtnis) wird dem
Traumleben von einer grossen Anzahl von Beobachtern zugesprochen.Im scharfen Gegensatz hierzu vertritt die Mehrzahl ärztlicher
Autoren eine Auffassung, welche dem Traum kaum noch den Wert eines
psychischen Phänomens belässt. Die Erreger des Traumes sind nach
ihnen ausschliesslich die Sinnes- und Leibreize, die entweder von aussen
den Schläfer treffen oder zufällig in seinen inneren Organen rege werden.
Das Geträumte hat nicht mehr Anspruch auf Sinn und Bedeutung als
etwa die Tonfolge, welche die zehn Finger eines der Musik ganz un-
kundigen Menschen hervorrufen, wenn sie über die Tasten des Instru-
mentes hinlaufen. Der Traum ist geradezu als „ein körperlicher, in allen
Fällen unnützer, in vielen Fällen krankhafter Vorgang“ zu kennzeichnen
(Binz). Alle Eigentümlichkeiten des Traumlebens erklären sich aus
der zusammenhangslosen, durch physiologische Reize erzwungenen Arbeit
einzelner Organe oder Zellgruppen des sonst in Schlaf versenkten Gehirns.Wenig beeinflusst durch dieses Urteil der Wissenschaft und un-
bekümmert um die Quellen des Traumes scheint die Volksmeinung an
dem Glauben festzuhalten, dass der Traum denn doch einen Sinn habe,
der sich auf die Verkündigung der Zukunft bezieht, und der durch irgend
ein Verfahren der Deutung aus seinem oft verworrenen und rätselhaften
Inhalt gewonnen werden könne. Die in Anwendung gebrachten Deutungs-
methoden bestehen darin, dass man den erinnerten Trauminhalt durch
einen anderen ersetzt, entweder Stück für Stück nach einem fest-
stehenden Schlüssel, oder das Ganze des Traumes durch ein
anderes Ganzes, zu dem es in der Beziehung eines Symbols steht.
Ernsthafte Männer lächeln über diese Bemühungen. „Träume sind
Schäume.“II.
Zu meiner grossen Überraschung entdeckte ich eines Tages, dass
nicht die ärztliche, sondern die laienhafte, halb noch im Aberglauben
befangene Auffassung des Traumes der Wahrheit nahe kommt. Ich ge-
langte nämlich zu neuen Aufschlüssen über den Traum, indem ich eine
neue Methode der psychologischen Untersuchung auf ihn anwendete, die
mir bei der Lösung der Phobien, Zwangsideen, Wahnideen u. dgl. hervor-S.
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ragend gute Dienste geleistet hatte, und die seither unter dem Namen
„Psychoanalyse“ bei einer ganzen Schule von Forschern Aufnahme ge-
funden hat. Die mannigfaltigen Analogien des Traumlebens mit den
verschiedenartigsten Zuständen psychischer Krankheit im Wachen sind
ja von zahlreichen ärztlichen Forschern mit Recht bemerkt worden. Es
erschien also von vorne herein hoffnungsvoll, ein Untersuchungsverfahren,
welches sich bei den psychopathischen Gebilden bewährt hatte, auch zur
Aufklärung des Traumes heranzuziehen. Die Angst- und Zwangsideen
stehen dem normalen Bewusstsein in ähnlicher Weise fremd gegenüber
wie die Träume dem Wachbewusstsein; ihre Herkunft ist dem Bewusstsein
ebenso unbekannt wie die der Träume. Bei diesen psychopathischen
Bildungen wurde man durch ein praktisches Interesse getrieben, ihre Her-
kunft und Entstehungsweise zu ergründen, denn die Erfahrung hatte
gezeigt, dass eine solche Aufdeckung der dem Bewusstsein verhüllten
Gedankenwege, durch welche die krankhaften Ideen mit dem übrigen
psychischen Inhalt zusammenhängen, einer Lösung dieser Symptome
gleichkommt, die Bewältigung der bisher unhemmbaren Idee zur Folge
hat. Aus der Psychotherapie stammte also das Verfahren, dessen ich
mich für die Auflösung der Träume bediente.Dieses Verfahren ist leicht zu beschreiben, wenngleich seine Aus-
führung Unterweisung und Übung erfordern dürfte. Wenn man es bei
einem Anderen, etwa einem Kranken mit einer Angstvorstellung, in An-
wendung zu bringen hat, so fordert man ihn auf, seine Aufmerksamkeit
auf die betreffende Idee zu richten, aber nicht, wie er schon so oft getan,
über sie nachzudenken, sondern alles ohne Ausnahme sich klar zu
machen und dem Arzt mitzuteilen, was ihm zu ihr einfällt. Die
dann etwa auftretende Behauptung, dass die Aufmerksamkeit nichts
erfassen könne, schiebt man durch eine energische Versicherung, ein
solches Ausbleiben eines Vorstellungsinhaltes sei ganz unmöglich, zur
Seite. Tatsächlich ergeben sich sehr bald zahlreiche Einfälle, an die
sich weitere knüpfen, die aber regelmäßig von dem Urteil des Selbst-
beobachters eingeleitet werden, sie seien unsinnig oder unwichtig, gehören
nicht hierher, seien ihm nur zufällig und ausser Zusammenhang mit dem
gegebenen Thema eingefallen. Man merkt sofort, dass es diese Kritik
ist, welche all diese Einfälle von der Mitteilung, ja bereits vom Bewusst-
werden, ausgeschlossen hat. Kann man die betreffende Person dazu
bewegen, auf solche Kritik gegen ihre Einfälle zu verzichten und die
Gedankenreihen, die sich bei festgehaltener Aufmerksamkeit ergeben,
weiter zu spinnen, so gewinnt man ein psychisches Material, welches
alsbald deutlich an die zum Thema genommene krankhafte Idee anknüpft,
deren Verknüpfungen mit anderen Ideen blosslegt, und in weiterer Ver-
folgung gestattet, die krankhafte Idee durch eine neue zu ersetzen, die
sich in verständlicher Weise in den seelischen Zusammenhang einfügt.S.
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Es ist hier nicht der Ort, die Voraussetzungen, auf denen dieser
Versuch ruht, und die Folgerungen, die sich aus seinem regelmäßigen
Gelingen ableiten, ausführlich zu behandeln. Es mag also die Aussage
genügen, dass wir bei jeder krankhaften Idee ein zur Lösung derselben
hinreichendes Material erhalten, wenn wir unsere Aufmerksamkeit gerade
den „ungewollten“, den „unser Nachdenken störenden“,
den sonst von der Kritik als wertloser Abfall beseitigten Assoziationen
zuwenden. Übt man das Verfahren an sich selbst, so unterstützt man
sich bei der Untersuchung am besten durch sofortiges Niederschreiben
seiner anfänglich unverständlichen Einfälle.Ich will nun zeigen, wohin es führt, wenn ich diese Methode der
Untersuchung auf den Traum anwende. Es müsste jedes Traumbeispiel
sich in gleicher Weise dazu eignen; aus gewissen Motiven wähle ich aber
einen eigenen Traum, der mir in der Erinnerung undeutlich und sinnlos
erscheint, und der sich durch seine Kürze empfehlen kann. Vielleicht
wird gerade der Traum der letzten Nacht diesen Ansprüchen genügen.
Sein unmittelbar nach dem Erwachen fixierter Inhalt lautet folgender-
maßen:„Eine Gesellschaft, Tisch oder Table d’hôte. . . .
Es wird Spinat gegessen. . . . Frau E. L. sitzt neben
mir, wendet sich ganz mir zu und legt vertraulich
die Hand auf mein Knie. Ich entferne die Hand ab-
wehrend. Sie sagt dann: Sie haben aber immer so
schöne Augen gehabt. . . . Ich sehe dann undeutlich
etwas wie zwei Augen als Zeichnung oder wie den
Kontur eines Brillenglases. . . .“Dies ist der ganze Traum oder wenigstens alles, was ich von ihm
erinnere. Er erscheint mir dunkel und sinnlos, vor allem aber befremdlich.
Frau E. L. ist eine Person, zu der ich kaum je freundschaftliche Be-
ziehungen gepflogen, meines Wissens herzlichere nie gewünscht habe.
Ich habe sie lange Zeit nicht gesehen und glaube nicht, dass in den letzten
Tagen von ihr die Rede war. Irgendwelche Affekte haben den Traum-
vorgang nicht begleitet.Nachdenken über diesen Traum bringt ihn meinem Verständnis
nicht näher. Ich werde aber jetzt absichts- und kritiklos die Einfälle
verzeichnen, die sich meiner Selbstbeobachtung ergeben. Ich bemerke
bald, dass es dabei vorteilhaft ist, den Traum in seine Elemente zu
zerlegen und zu jedem dieser Bruchstücke die anknüpfenden Einfälle
aufzusuchen.Gesellschaft, Tisch oder Table d’hôte. Daran
knüpft sich sofort die Erinnerung an das kleine Erlebnis, welches den
gestrigen Abend beschloss. Ich war von einer kleinen Gesellschaft weg-
gegangen in Begleitung eines Freundes, der sich erbot, einen Wagen zuS.
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nehmen und mich nach Hause zu führen. „Ich ziehe einen Wagen mit
Taxameter vor“, sagte er, „das beschäftigt Einen so angenehm; man hat
immer etwas, worauf man schauen kann.“ Als wir im Wagen sassen und
der Kutscher die Scheibe einstellte, so dass die ersten 60 Heller sichtbar
wurden, setzte ich den Scherz fort. „Wir sind kaum eingestiegen und
schulden ihm schon 60 Heller. Mich erinnert der Taxameterwagen immer
an die Table d’hôte. Er macht mich geizig und eigensüchtig, indem
er mich unausgesetzt an meine Schuld mahnt. Es kommt mir vor, dass
diese zu schnell wächst, und ich fürchte mich zu kurz zu kommen, gerade
wie ich mich auch an der Table d’hôte der komischen Besorgnis,
ich bekomme zu wenig, müsse auf meinen Vorteil bedacht sein, nicht er-
wehren kann.“ In entfernterem Zusammenhange hiermit zitierte ich:„Ihr führt in’s Leben uns hinein,
Ihr lasst den Armen schuldig werden.“Ein zweiter Einfall zur Table d’hôte: Vor einigen Wochen habe ich
mich an einer Gasthaustafel in einem Tiroler Höhenkurort heftig
über meine liebe Frau geärgert, die mir nicht reserviert genug gegen
einige Nachbarn war, mit denen ich durchaus keinen Verkehr anknüpfen
wollte. Ich bat sie, sich mehr mit mir als mit den Fremden zu be-
schäftigen. Das ist ja auch, als ob ich an der Table d’hôte
zu kurz gekommen wäre. Jetzt fällt mir auch der Gegensatz
auf zwischen dem Benehmen meiner Frau an jener Tafel und dem der
Frau E. L. im Traum, „die sich ganz mir zuwendet“.Weiter: Ich merke jetzt, dass der Traumvorgang die Reproduktion
einer kleinen Szene ist, die sich ganz ähnlich so zwischen meiner Frau
und mir zur Zeit meiner geheimen Werbung zugetragen hat. Die
Liebkosung unter dem Tischtuch war die Antwort auf einen ernsthaft
werbenden Brief. Im Traum ist aber meine Frau durch die mir fremde
E. L. ersetzt.Frau E. L. ist die Tochter eines Mannes, dem ich Geld ge-
schuldet habe! Ich kann nicht umhin zu bemerken, dass sich da
ein ungeahnter Zusammenhang zwischen den Stücken des Trauminhaltes
und meinen Einfällen enthüllt. Folgt man der Assoziationskette, die von
einem Element des Trauminhaltes ausgeht, so wird man bald zu einem
anderen Element desselben zurückgeführt. Meine Einfälle zum Traume
stellen Verbindungen her, die im Traume selbst nicht ersichtlich sind.Pflegt man nicht, wenn Jemand erwartet, dass Andere für seinen
Vorteil sorgen sollen, ohne eigenen Vorteil dabei zu finden, diesen Welt-
unkundigen höhnisch zu fragen: Glauben sie denn, dass dies oder jenes
um Ihrer schönen Augen willen geschehen wird? Dann be-
deutet ja die Rede der Frau E. L. im Traume: „Sie haben immer so
schöne Augen gehabt“ nichts Anderes als: Ihnen haben die Leute immer
alles zu Liebe getan; Sie haben alles umsonst gehabt. Das Gegen-S.
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teil ist natürlich wahr: Ich habe alles, was mir andere etwa Gutes er-
wiesen, teuer bezahlt. Es muss mir doch einen Eindruck gemacht haben,
dass ich gestern den Wagen umsonst gehabt habe, in dem mich
mein Freund nach Hause geführt hat.Allerdings der Freund, bei dem wir gestern zu Gaste waren, hat
mich oft zu seinem Schuldner gemacht. Ich habe erst unlängst eine
Gelegenheit, es ihm zu vergelten, ungenützt vorübergehen lassen. Er
hat ein einziges Geschenk von mir, eine antike Schale, auf der ringsum
Augen gemalt sind, ein sog. Occhiale zur Abwehr des Malocchio.
Er ist übrigens Augenarzt. Ich hatte ihn an demselben Abend nach
der Patientin gefragt, die ich zur Brillenbestimmung in seine Ordi-
nation empfohlen hatte.Wie ich bemerke, sind nun fast sämtliche Stücke des Trauminhaltes
in den neuen Zusammenhang gebracht. Ich könnte aber konsequenter
Weise noch fragen, warum im Traume gerade Spinat aufgetischt
wird? Weil Spinat an eine kleine Szene erinnert, die kürzlich an
unserem Familientische vorfiel, als ein Kind — gerade jenes, dem man
die schönen Augen wirklich nachrühmen kann — sich weigerte,
Spinat zu essen. Ich selbst benahm mich als Kind ebenso; Spinat
war mir lange Zeit ein Abscheu, bis sich mein Geschmack später änderte
und dieses Gemüse zur Lieblingsspeise erhob. Die Erwähnung dieses
Gerichts stellt so eine Annäherung her zwischen meiner Jugend und der
meines Kindes. „Sei froh, dass du Spinat hast,“ hatte die Mutter dem
kleinen Feinschmecker zugerufen. „Es gibt Kinder, die mit Spinat sehr
zufrieden wären.“ Ich werde so an die Pflichten der Eltern gegen ihre
Kinder erinnert. Die Goethe’schen Worte:„Ihr führt in’s Leben uns hinein,
Ihr lasst den Armen schuldig werden“zeigen in diesem Zusammenhange einen neuen Sinn.
Ich werde hier Halt machen, um die bisherigen Ergebnisse der
Traumanalyse zu überblicken. Indem ich den Assoziationen folgte, welche
sich an die einzelnen, aus ihrem Zusammenhang gerissenen Elemente
des Traumes anknüpften, bin ich zu einer Reihe von Gedanken und Er-
innerungen gelangt, in denen ich wertvolle Äusserungen meines Seelen-
lebens erkennen muss. Dieses durch die Analyse des Traumes gefundene
Material steht in einer innigen Beziehung zum Trauminhalt, doch ist diese
Beziehung von der Art, dass ich das neu Gefundene niemals aus dem
Trauminhalt hätte erschliessen können. Der Traum war affektlos, un-
zusammenhängend und unverständlich; während ich die Gedanken hinter
dem Traume entwickele, verspüre ich intensive und gut begründete
Affektregungen; die Gedanken selbst fügen sich ausgezeichnet zu logisch
verbundenen Ketten zusammen, in denen gewisse Vorstellungen alsS.
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zentrale wiederholt vorkommen. Solche im Traum selbst nicht vertretene
Vorstellungen sind in unserem Beispiel die Gegensätze von eigen-
nützig — uneigennützig, die Elemente schuldig sein und
umsonst tun. Ich könnte in dem Gewebe, welches sich der Analyse
enthüllt, die Fäden fester anziehen und würde dann zeigen können, dass
sie zu einem einzigen Knoten zusammenlaufen, aber Rücksichten nicht
wissenschaftlicher, sondern privater Natur hindern mich, diese Arbeit
öffentlich zu tun. Ich müsste zu vielerlei verraten, was besser mein
Geheimnis bleibt, nachdem ich auf dem Wege zu dieser Lösung mir
allerlei klar gemacht, was ich mir selbst ungern eingestehe. Warum ich
aber nicht lieber einen anderen Traum wähle, dessen Analyse sich zur
Mitteilung besser eignet, so dass ich eine bessere Überzeugung für den
Sinn und Zusammenhang des durch Analyse aufgefundenen Materials
erwecken kann? Die Antwort lautet, weil jeder Traum, mit dem ich
mich beschäftigen will, zu denselben schwer mitteilbaren Dingen führen
und mich in die gleiche Nötigung zur Diskretion versetzen wird. Ebenso-
wenig würde ich diese Schwierigkeit vermeiden, wenn ich den Traum
eines Anderen zur Analyse brächte, es sei denn, dass die Verhältnisse
gestatteten, ohne Schaden für den mir Vertrauenden alle Verschleierungen
fallen zu lassen.Die Auffassung, die sich mir schon jetzt aufdrängt, geht dahin, dass
der Traum eine Art Ersatz ist für jene affektvollen und sinnreichen
Gedankengänge, zu denen ich nach vollendeter Analyse gelangt bin.
Ich kenne den Prozess noch nicht, welcher aus diesen Gedanken den
Traum hat entstehen lassen, aber ich sehe ein, dass es Unrecht ist, diesen
als einen rein körperlichen, psychisch bedeutungslosen Vorgang hin-
zustellen, der durch die isolierte Tätigkeit einzelner, aus dem Schlaf
geweckter Hirnzellgruppen entstanden ist.Zweierlei merke ich noch an: dass der Trauminhalt sehr viel kürzer
ist als die Gedanken, für deren Ersatz ich ihn erkläre, und dass die
Analyse eine unwichtige Begebenheit des Abends vor dem Träumen als
den Traumerreger aufgedeckt hat.Ich werde einen so weit reichenden Schluss natürlich nicht ziehen,
wenn mir erst eine einzige Traumanalyse vorliegt. Wenn mir aber die
Erfahrung gezeigt hat, dass ich durch kritiklose Verfolgung der Asso-
ziationen von jedem Traum aus zu einer solchen Kette von Gedanken
gelangen kann, unter deren Elementen die Traumbestandteile wieder-
kehren, und die unter sich korrekt und sinnreich verknüpft sind, so wird
die geringe Erwartung, dass die das erstemal bemerkten Zusammenhänge
sich als Zufall herausstellen könnten, wohl aufgegeben werden. Ich
halte mich dann für berechtigt, die neue Einsicht durch Namengebung zu
fixieren. Den Traum, wie er mir in der Erinnerung vorliegt, stelle ich
dem durch Analyse gefundenen zugehörigen Material gegenüber, nenneS.
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den ersteren den manifesten Trauminhalt, das letztere — zu-
nächst ohne weitere Scheidung — den latenten Trauminhalt.
Ich stehe dann vor zwei neuen, bisher nicht formulierten Problemen:
1. welches der psychische Vorgang ist, der den latenten Trauminhalt in
den mir aus der Erinnerung bekannten, manifesten, übergeführt hat;
2. welches das Motiv oder die Motive sind, die solche Übersetzung er-
fordert haben. Den Vorgang der Verwandlung vom latenten zum mani-
festen Trauminhalt werde ich die Traumarbeit nennen. Das Gegen-
stück zu dieser Arbeit, welches die entgegengesetzte Umwandlung
leistet, kenne ich bereits als Analysenarbeit. Die anderen Traum-
probleme, die Fragen nach den Traumerregern, nach der Herkunft des
Traummateriales, nach dem etwaigen Sinn des Traumes und Funktion
des Träumens, und nach den Gründen des Traumvergessens werde ich
nicht am manifesten, sondern am neugewonnenen latenten Trauminhalt
erörtern. Da ich alle widersprechenden wie alle unrichtigen Angaben
über das Traumleben in der Literatur auf die Unkenntnis des erst durch
Analyse zu enthüllenden latenten Trauminhaltes zurückführe, werde ich
eine Verwechslung des manifesten Traumes mit den latenten
Traumgedanken fortan auf’s Sorgfältigste zu vermeiden suchen.III.
Die Verwandlung der latenten Traumgedanken in den manifesten
Trauminhalt verdient unsere volle Aufmerksamkeit als das zuerst bekannt
gewordene Beispiel von Umsetzung eines psychischen Materials aus der
einen Ausdrucksweise in eine andere, aus einer Ausdrucksweise, die uns
ohne weiteres verständlich ist, in eine andere, zu deren Verständnis wir
erst durch Anleitung und Bemühung vordringen können, obwohl auch
sie als Leistung unserer Seelentätigkeit anerkannt werden muss. Mit
Rücksicht auf das Verhältnis von latentem zu manifestem Trauminhalt
lassen sich die Träume in drei Kategorien bringen. Wir können erstens
solche Träume unterscheiden, die sinnvoll und gleichzeitig ver-
ständlich sind, d. h. eine Einreihung in unser seelisches Leben ohne
weiteren Anstoss zulassen. Solcher Träume gibt es viele; sie sind meist
kurz und erscheinen uns im allgemeinen wenig bemerkenswert, weil alles
Erstaunen oder Befremden Erregende ihnen abgeht. Ihr Vorkommen ist
übrigens ein starkes Argument gegen die Lehre, welche den Traum durch
isolierte Tätigkeit einzelner Hirnzellgruppen entstehen lässt; es fehlen
ihnen alle Kennzeichen herabgesetzter oder zerstückelter psychischer
Tätigkeit, und doch erheben wir gegen ihren Charakter als Träume nie-
mals einen Einspruch und verwechseln sie nicht mit den Produkten des
Wachens. Eine zweite Gruppe bilden jene Träume, die zwar in sich zu-
sammenhängend sind und einen klaren Sinn haben, aber befremdend
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Über den Traum1901-001/1921