Über den Traum1901-001/1921
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    („Ich weiss nicht sicher, welches Jahr wir gegen-
    wärtig schreiben
    “). Der Traum stellt also dar, dass mein Freund
    sich als Paralytiker benimmt, und schwelgt dabei in Absurdität. Die
    Traumgedanken aber lauten ironisch: „Natürlich, er ist ein Verrückter,
    ein Narr, und ihr seid die Genies, die es besser verstehen. Sollte es nicht
    doch umgekehrt sein?“ — Diese Umkehrung ist nun ausgiebig
    im Trauminhalt vertreten, indem Goethe den jungen Mann angegriffen
    hat, was absurd ist, während leicht ein ganz junger Mensch noch heute
    den grossen Goethe angreifen könnte.

    Ich möchte behaupten, dass kein Traum von anderen als egoisti-
    schen Regungen eingegeben wird. Das Ich im Traum steht wirklich nicht
    bloss für meinen Freund, sondern auch für mich selbst. Ich identifiziere
    mich mit ihm, weil das Schicksal seiner Entdeckung mir vorbildlich für
    die Aufnahme meiner eigenen Funde erscheint. Wenn ich mit meiner
    Theorie hervortreten werde, welche in der Ätiologie psychoneurotischer
    Störungen die Sexualität hervorhebt (siehe die Anspielung auf den
    18jährigen Kranken „Natur, Natur“), werde ich die nämliche
    Kritik wiederfinden und bringe ihr schon jetzt den gleichen Spott
    entgegen.

    Wenn ich die Traumgedanken weiter verfolge, finde ich immer nur
    Spott und Hohn als das Korrelat der Absurditäten des
    Traumes
    . Der Fund eines geborstenen Schafschädels auf dem Lido
    zu Venedig hat Goethe bekanntlich die Idee zur sog. Wirbeltheorie
    des Schädels eingegeben. — Mein Freund rühmt sich als Student einen
    Sturm zur Beseitigung eines alten Professors entfesselt zu haben, der
    einst wohlverdient (unter anderem auch um diesen Teil der vergleichenden
    Anatomie) nun durch Altersschwachsinn zum Lehren unfähig
    geworden war. Die von ihm veranstaltete Agitation half so dem Übel-
    stande ab, dass an den deutschen Universitäten dem akademischen
    Wirken eine Altersgrenze nicht gezogen ist. — Alter schützt
    nämlich vor Torheit nicht
    . — Im hiesigen Krankenhause hatte
    ich die Ehre, Jahre hindurch unter einem Primarius zu dienen, der längst
    fossil, seit Dezennien notorisch schwachsinnig, sein ver-
    antwortungsvolles Amt weiterführen durfte. Eine Charakteristik nach
    dem Funde am Lido drängt sich mir hier auf. — Auf diesen Mann be-
    züglich fertigten einst junge Kollegen im Spital eine Übertragung des
    damals beliebten Gassenhauers: Das hat kein Goethe g’schrieben, das
    hat kein Schiller g’dicht usw. . . .

    VII.

    Wir sind mit der Würdigung der Traumarbeit noch nicht zu Ende
    gekommen. Wir sehen uns genötigt, ihr ausser der Verdichtung, Ver-
    schiebung und anschaulichen Zurichtung des psychischen Materials noch
     

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    eine andere Tätigkeit zuzuschreiben, deren Beitrag allerdings nicht an
    allen Träumen zu erkennen ist. Ich werde von diesem Stück der Traum-
    arbeit nicht ausführlich handeln, will also nur anführen, dass man sich
    von seinem Wesen am ehesten eine Vorstellung verschafft, wenn man
    sich zu der — wahrscheinlich unzutreffenden — Annahme entschliesst,
    dass es auf den bereits vorgebildeten Trauminhalt
    erst nachträglich einwirke
    . Seine Leistung besteht dann
    darin, die Traumbestandteile so anzuordnen, dass sie sich ungefähr zu
    einem Zusammenhang, zu einer Traumkomposition, zusammenfügen. Der
    Traum erhält so eine Art Fassade, die seinen Inhalt freilich nicht an
    allen Stellen deckt; er erfährt dabei eine erste vorläufige Deutung, die
    durch Einschiebsel und leise Abänderungen unterstützt wird. Allerdings
    macht sich diese Bearbeitung des Trauminhaltes nur möglich, indem sie
    alle fünf gerade sein lässt, sie liefert auch weiter nichts als ein eklatantes
    Missverständnis der Traumgedanken, und wenn wir die Analyse des
    Traumes in Angriff nehmen, müssen wir uns zuerst von diesem Deutungs-
    versuche frei machen.

    An diesem Stücke der Traumarbeit ist die Motivierung ganz be-
    sonders durchsichtig. Es ist die Rücksicht auf Verständlich-
    keit
    , welche diese letzte Überarbeitung des Traumes veranlasst; hier-
    durch ist aber auch die Herkunft dieser Tätigkeit verraten. Sie benimmt
    sich gegen den ihr vorliegenden Trauminhalt wie unsere normale
    psychische Tätigkeit überhaupt gegen einen beliebigen ihr dargebotenen
    Wahrnehmungsinhalt. Sie erfasst ihn unter Verwendung gewisser Er-
    wartungsvorstellungen, ordnet ihn schon bei der Wahrnehmung unter der
    Voraussetzung seiner Verständlichkeit, läuft dabei Gefahr, ihn zu fälschen,
    und verfällt in der Tat, wenn er sich an nichts Bekanntes anreihen lässt,
    zunächst in die seltsamsten Missverständnisse. Es ist bekannt, dass wir
    nicht im Stande sind, eine Reihe von fremdartigen Zeichen anzusehen
    oder ein Gefolge von unbekannten Worten anzuhören, ohne zunächst
    deren Wahrnehmung nach der Rücksicht auf Verständlich-
    keit
    , nach der Anlehnung an etwas uns Bekanntes, zu verfälschen.

    Träume, welche diese Bearbeitung von Seiten einer dem wachen
    Denken völlig analogen psychischen Tätigkeit erfahren haben, kann
    man gut komponierte heissen. Bei anderen Träumen hat diese
    Tätigkeit völlig versagt; es ist nicht einmal der Versuch gemacht worden,
    Ordnung und Deutung herzustellen, und indem wir uns nach dem Er-
    wachen mit diesem letzten Stück der Traumarbeit identisch fühlen,
    urteilen wir, der Traum sei „ganz verworren“. Für unsere Analyse aber
    hat der Traum, der einem ordnungslosen Haufen unzusammenhängender
    Bruchstücke gleicht, ebensoviel Wert wie der schön geglättete und mit
    einer Oberfläche versehene. Wir ersparen uns im ersteren Falle etwa die
    Mühe, die Überarbeitung des Trauminhaltes wieder zu zerstören.

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    Man würde aber irre gehen, wenn man in diesen Traumfassaden
    nichts anderes sehen wollte als solche eigentlich missverständliche und
    ziemlich willkürliche Bearbeitungen des Trauminhaltes durch die be-
    wusste Instanz unseres Seelenlebens. Zur Herstellung der Traumfassade
    werden nicht selten Wunschphantasien verwendet, die sich in den Traum-
    gedanken vorgebildet finden, und die von derselben Art sind wie die uns
    aus dem wachen Leben bekannten, mit Recht so genannten „Tagträume“.
    Die Wunschphantasien, welche die Analyse in den nächtlichen Träumen
    aufdeckt, erweisen sich oft als Wiederholungen und Umarbeitungen in-
    fantiler Szenen; die Traumfassade zeigt uns so in manchen Träumen
    unmittelbar den durch Vermengung mit anderem Material entstellten
    eigentlichen Kern des Traumes.

    Andere als die vier erwähnten Tätigkeiten sind bei der Traum-
    arbeit nicht zu entdecken. Halten wir an der Begriffbestimmung fest,
    dass „Traumarbeit“ die Überführung der Traumgedanken in den Traum-
    inhalt bezeichnet, so müssen wir uns sagen, die Traumarbeit sei nicht
    schöpferisch, sie entwickle keine ihr eigentümliche Phantasie, sie urteilt
    nicht, schliesst nicht, sie leistet überhaupt nichts anderes als das Material
    zu verdichten, verschieben und auf Anschaulichkeit umzuarbeiten. wozu
    noch das inkonstante letzte Stückchen deutender Bearbeitung hinzu-
    kommt. Man findet zwar mancherlei im Trauminhalt, was man als das
    Ergebnis einer anderen und höheren intellektuellen Leistung auffassen
    möchte, aber die Analyse weist jedesmal überzeugend nach, dass diese
    intellektuellen Operationen bereits in den Traum-
    gedanken vorgefallen und vom Trauminhalt nur
    übernommen worden sind
    . Eine Schlussfolgerung im Traum
    ist nichts anderes als die Wiederholung eines Schlusses in den Traum-
    gedanken; sie erscheint unanstössig, wenn sie ohne Veränderung in den
    Traum übergegangen ist; sie wird unsinnig, wenn sie durch die Traum-
    arbeit etwa auf ein anderes Material verschoben wurde. Eine Rechnung
    im Trauminhalt bedeutet nichts anderes, als dass sich unter den Traum-
    gedanken eine Berechnung findet; während diese jedesmal richtig ist,
    kann die Traumrechnung durch Verdichtung ihrer Faktoren und durch
    Verschiebung der nämlichen Operationsweise auf anderes Material das
    tollste Ergebnis liefern. Nicht einmal die Reden, die sich im Traum-
    inhalt vorfinden, sind neu komponiert; sie erweisen sich als zusammen-
    gestückelt aus Reden, die als gehaltene oder als gehörte und gelesene
    in den Traumgedanken erneuert wurden, deren Wortlaut sie auf's Ge-
    treueste kopieren, während sie deren Veranlassung ganz beiseite lassen
    und ihren Sinn aufs Gewaltsamste verändern.

    Es ist vielleicht nicht überflüssig, die letzten Behauptungen durch
    Beispiele zu unterstützen.

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    I. Ein harmlos klingender, gut komponierter Traum einer Patientin:

    Sie geht auf den Markt mit ihrer Köchin, die
    den Korb trägt. Der Fleischhauer sagt ihr, nach-
    dem sie etwas verlangt hat: Das ist nicht mehr zu haben,
    und will ihr etwas anderes geben mit der Be-
    merkung: Das ist auch gut. Sie lehnt ab und geht
    zur Gemüsefrau. Die will ihr ein eigentümliches
    Gemüse verkaufen, was in Bündeln zusammen-
    gebunden ist, aber schwarz von Farbe. Sie sagt:
    Das kenne ich nicht, das nehme ich nicht.

    Die Rede: das ist nicht mehr zu haben — stammt aus der
    Behandlung. Ich selbst hatte der Patientin einige Tage vorher
    wörtlich erklärt, dass die ältesten Kindererinnerungen nicht
    mehr
    als solche zu haben sind, sondern sich durch Über-
    tragungen und Träume ersetzen. Ich bin also der Fleischhauer.

    Die zweite Rede: Das kenne ich nicht — ist in einem
    ganz anderen Zusammenhange vorgefallen. Tags vorher hatte sie
    selbst ihrer Köchin, die übrigens auch im Traume erscheint, tadelnd
    zugerufen: Benehmen sie sich anständig; das kenne
    ich nicht
    , d. h. wohl, ein solches Benehmen anerkenne ich nicht,
    lasse ich nicht zu. Der harmlosere Teil dieser Rede gelangte durch
    eine Verschiebung in den Trauminhalt; in den Traumgedanken
    spielte nur der andere Teil der Rede eine Rolle, denn hier hat die
    Traumarbeit bis zur vollen Unkenntlichkeit und bis zur äussersten
    Harmlosigkeit eine Phantasiesituation verändert, in welcher ich
    mich gegen die Dame in einer gewissen Weise un-
    anständig benehme
    . Diese in der Phantasie erwartete
    Situation ist aber selbst nur die Neuauflage einer einmal wirklich
    erlebten.

    II. Ein scheinbar ganz bedeutungsloser Traum, in dem Zahlen vor-
    kommen. Sie will irgend etwas bezahlen; ihre
    Tochter nimmt ihr 3fl. 65 kr. aus der Geldtasche;
    sie sagt aber: Was tust Du? Es kostet ja nur
    21 Kreuzer?

    Die Träumerin war eine Fremde, die ihr Kind in einem Wiener
    Erziehungsinstitute untergebracht hatte, und die meine Behandlung
    fortsetzen konnte, so lange ihre Tochter in Wien blieb. Am Tage
    vor dem Traume hatte ihr die Institutsvorsteherin nahe gelegt, ihr
    das Kind noch ein weiteres Jahr zu überlassen. In diesem Falle
    hätte sie auch die Behandlung um ein Jahr verlängert. Die Zahlen
    im Traum kommen zur Bedeutung, wenn man sich erinnert, dass

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    Zeit Geld ist. Time is money. Ein Jahr ist gleich 365Tagen,
    in Kreuzern ausgedrückt 365 Kreuzer oder 3 fl. 65 kr. Die
    21 Kreuzer entsprechen den drei Wochen, die damals vom
    Traumtage bis zum Schulschluss und damit bis zum Ende der Kur
    ausständig waren. Es waren offenbar Geldrücksichten, welche die
    Dame bewogen hatten, den Vorschlag der Vorsteherin abzulehnen,
    und welche für die Kleinheit der Summe im Traum verantwortlich
    sind.

    III. Eine junge, aber schon seit Jahren verheiratete Dame erfährt, dass
    eine ihr fast gleichalterige Bekannte, Frl. Elise L., sich verlobt
    hat. Dieser Anlass erregt nachstehenden Traum: Sie sitzt mit
    ihrem Manne im Theater, eine Seite des Parketts
    ist ganz unbesetzt. Ihr Mann erzählt ihr, Elise L.
    und ihr Bräutigam hätten auch gehen wollen,
    hätten aber nur schlechte Sitze bekommen,
    drei für 1 fl. 50 kr., und die konnten sie ja nicht
    nehmen. Sie meint, es wäre auch kein Unglück
    gewesen.

    Hier wird uns die Herkunft der Zahlen aus dem Material der
    Traumgedanken und die Verwandlungen, die sie erfahren haben,
    interessieren. Woher rühren die 1 fl. 50 kr.? Aus einem indiffe-
    renten Anlass des Vortages. Ihre Schwägerin hatte von ihrem Manne
    die Summe von 150 fl. zum Geschenk bekommen und sich beeilt,
    sie los zu werden, indem sie sich einen Schmuck dafür kaufte. Wir
    wollen anmerken, dass 150 fl. 100 mal mehr sind als 1 fl. 50 kr.
    Für die drei, die bei den Theaterbillets steht, findet sich nur die
    eine Anknüpfung, dass die Braut Elise L. genau drei Monate jünger
    ist als die Träumerin. Die Situation im Traume ist die Wiedergabe
    einer kleinen Begebenheit, mit der sie von ihrem Manne oft geneckt
    worden ist. Sie hatte sich einmal so sehr beeilt, vorzeitig Karten
    zu einer Theatervorstellung zu nehmen, und als sie dann ins Theater
    kam, war eine Seite des Parketts fast unbesetzt.
    Sie hätte es also nicht nötig gehabt, sich so sehr zu beeilen.
    — Übersehen wir endlich nicht die Absurdität des Traumes,
    dass zwei Personen drei Karten fürs Theater nehmen sollen!

    Nun die Traumgedanken: Ein Unsinn war es doch, so früh
    zu heiraten; ich hätte es nicht nötig gehabt, mich so zu
    beeilen
    . An dem Beispiel der Elise L. sehe ich, dass ich immer
    noch einen Mann bekommen hätte, und zwar einen hundertmal
    besseren (Mann, Schatz), wenn ich nur gewartet hätte. Drei solche
    Männer hätte ich mir für das Geld (die Mitgift) kaufen können!