Über den Traum1901-001/1921
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    den ersteren den manifesten Trauminhalt, das letztere — zu-
    nächst ohne weitere Scheidung — den latenten Trauminhalt.
    Ich stehe dann vor zwei neuen, bisher nicht formulierten Problemen:
    1. welches der psychische Vorgang ist, der den latenten Trauminhalt in
    den mir aus der Erinnerung bekannten, manifesten, übergeführt hat;
    2. welches das Motiv oder die Motive sind, die solche Übersetzung er-
    fordert haben. Den Vorgang der Verwandlung vom latenten zum mani-
    festen Trauminhalt werde ich die Traumarbeit nennen. Das Gegen-
    stück zu dieser Arbeit, welches die entgegengesetzte Umwandlung
    leistet, kenne ich bereits als Analysenarbeit. Die anderen Traum-
    probleme, die Fragen nach den Traumerregern, nach der Herkunft des
    Traummateriales, nach dem etwaigen Sinn des Traumes und Funktion
    des Träumens, und nach den Gründen des Traumvergessens werde ich
    nicht am manifesten, sondern am neugewonnenen latenten Trauminhalt
    erörtern. Da ich alle widersprechenden wie alle unrichtigen Angaben
    über das Traumleben in der Literatur auf die Unkenntnis des erst durch
    Analyse zu enthüllenden latenten Trauminhaltes zurückführe, werde ich
    eine Verwechslung des manifesten Traumes mit den latenten
    Traumgedanken
    fortan auf’s Sorgfältigste zu vermeiden suchen.

    III.

    Die Verwandlung der latenten Traumgedanken in den manifesten
    Trauminhalt verdient unsere volle Aufmerksamkeit als das zuerst bekannt
    gewordene Beispiel von Umsetzung eines psychischen Materials aus der
    einen Ausdrucksweise in eine andere, aus einer Ausdrucksweise, die uns
    ohne weiteres verständlich ist, in eine andere, zu deren Verständnis wir
    erst durch Anleitung und Bemühung vordringen können, obwohl auch
    sie als Leistung unserer Seelentätigkeit anerkannt werden muss. Mit
    Rücksicht auf das Verhältnis von latentem zu manifestem Trauminhalt
    lassen sich die Träume in drei Kategorien bringen. Wir können erstens
    solche Träume unterscheiden, die sinnvoll und gleichzeitig ver-
    ständlich sind, d. h. eine Einreihung in unser seelisches Leben ohne
    weiteren Anstoss zulassen. Solcher Träume gibt es viele; sie sind meist
    kurz und erscheinen uns im allgemeinen wenig bemerkenswert, weil alles
    Erstaunen oder Befremden Erregende ihnen abgeht. Ihr Vorkommen ist
    übrigens ein starkes Argument gegen die Lehre, welche den Traum durch
    isolierte Tätigkeit einzelner Hirnzellgruppen entstehen lässt; es fehlen
    ihnen alle Kennzeichen herabgesetzter oder zerstückelter psychischer
    Tätigkeit, und doch erheben wir gegen ihren Charakter als Träume nie-
    mals einen Einspruch und verwechseln sie nicht mit den Produkten des
    Wachens. Eine zweite Gruppe bilden jene Träume, die zwar in sich zu-
    sammenhängend sind und einen klaren Sinn haben, aber befremdend
     

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    wirken, weil wir diesen Sinn in unserem Seelenleben nicht unterzubringen
    wissen. Solch ein Fall ist es, wenn wir z. B. träumen, dass ein lieber
    Verwandter an der Pest gestorben ist, während wir keinen Grund zu
    solcher Erwartung, Besorgnis oder Annahme kennen und uns verwundert
    fragen: wie komme ich zu dieser Idee? In die dritte Gruppe gehören
    endlich jene Träume, denen beides abgeht, Sinn und Verständlichkeit,
    die unzusammenhängend, verworren und sinnlos er-
    scheinen. Die überwiegende Mehrzahl der Produkte unseres Träumens
    zeigt diese Charaktere, welche die Geringschätzung der Träume und die
    ärztliche Theorie von der eingeschränkten Seelentätigkeit begründet
    haben. Zumal in den längeren und komplizierteren Traumkompositionen
    vermisst man nur selten die deutlichsten Zeichen der Inkohärenz.

    Der Gegensatz von manifestem und latentem Trauminhalt hat
    offenbar nur für die Träume der zweiten, und noch eigentlicher für die
    der dritten Kategorie Bedeutung. Hier finden sich die Rätsel vor, die
    erst verschwinden, wenn man den manifesten Traum durch den latenten
    Gedankeninhalt ersetzt, und an einem Beispiel dieser Art, an einem ver-
    worrenen und unverständlichen Traum, haben wir auch die voranstehende
    Analyse ausgeführt. Wir sind aber wider unser Erwarten auf Motive
    gestossen, die uns eine vollständige Kenntnisnahme der latenten Traum-
    gedanken verwehrten, und durch die Wiederholung der gleichen Er-
    fahrung dürften wir zur Vermutung geführt werden, dass zwischen
    dem unverständlichen und verworrenen Charakter
    des Traumes und den Schwierigkeiten bei der Mit
    -
    teilung der Traumgedanken ein intimer und gesetz-
    mäßiger Zusammenhang besteht. Ehe wir die Natur dieses
    Zusammenhanges erforschen, werden wir mit Vorteil unser Interesse den
    leichter verständlichen Träumen der ersten Kategorie zuwenden, in denen
    manifester und latenter Inhalt zusammenfallen, die Traumarbeit also
    erspart scheint.

    Die Untersuchung dieser Träume empfiehlt sich noch von einem
    anderen Gesichtspunkte aus. Die Träume der Kinder sind nämlich
    von solcher Art, also sinnvoll und nicht befremdend, was, nebenbei
    bemerkt, einen neuen Einspruch gegen die Zurückführung des Traumes
    auf dissoziierte Hirntätigkeit im Schlafe abgibt, denn warum sollte wohl
    solche Herabsetzung der psychischen Funktionen beim Erwachsenen zu
    den Charakteren des Schlafzustandes gehören, beim Kinde aber nicht?
    Wir dürfen uns aber mit vollem Recht der Erwartung hingeben, dass die
    Aufklärung psychischer Vorgänge beim Kinde, wo sie wesentlich ver-
    einfacht sein mögen, sich als eine unerlässliche Vorarbeit für die Psycho-
    logie des Erwachsenen erweisen wird.

    Ich werde also einige Beispiele von Träumen mitteilen, die ich von
    Kindern gesammelt habe: Ein Mädchen von 19 Monaten wird über einen

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    Tag nüchtern erhalten, weil sie am Morgen erbrochen und sich nach der
    Aussage der Kinderfrau an Erdbeeren verdorben hat. In der Nacht nach
    diesem Hungertag hört man sie aus dem Schlafe ihren Namen nennen
    und dazu setzen: „Er(d)beer, Hochbeer, Eier(s)peis, Papp.“
    Sie träumt also, dass sie isst, und hebt aus ihrem Menu gerade das hervor,
    was ihr die nächste Zeit, wie sie vermutet, karg zugemessen bleiben
    wird. — Ähnlich träumt von einem versagten Genuss ein 22 monatlicher
    Knabe, der Tags zuvor seinem Onkel ein Körbchen mit frischen Kirschen
    hatte als Geschenk anbieten müssen, von denen er natürlich nur eine
    Probe kosten durfte. Er erwacht mit der freudigen Mitteilung:
    He(r)mann alle Kirschen aufgessen. — Ein 3¼ jähriges
    Mädchen hatte am Tage eine Fahrt über den See gemacht, die ihr nicht
    lang genug gedauert hatte, denn sie weinte, als sie aussteigen sollte.
    Am Morgen darauf erzählte sie, dass sie in der Nacht auf dem See ge-
    fahren, die unterbrochene Fahrt also fortgesetzt habe. — Ein 5¼ jähriger
    Knabe schien von einer Fusspartie in der Dachsteingegend wenig be-
    friedigt; er erkundigte sich, so oft ein neuer Berg in Sicht kam, ob das
    der Dachstein sei, und weigerte sich dann, den Weg zum Wasserfall mit-
    zumachen. Sein Benehmen wurde auf Müdigkeit geschoben, erklärte
    sich aber besser, als er am nächsten Morgen seinen Traum erzählte,
    er sei auf den Dachstein gestiegen. Er hatte offenbar er-
    wartet, die Dachsteinbesteigung werde das Ziel des Ausfluges sein, und
    war verstimmt worden, als er den ersehnten Berg nicht zu Gesichte
    bekam. Im Traum holte er nach, was der Tag ihm nicht gebracht
    hatte. — Ganz ähnlich benahm sich der Traum eines 6 jährigen Mädchens,
    dessen Vater einen Spaziergang vor dem erreichten Ziele wegen vor-
    gerückter Stunde abgebrochen hatte. Auf dem Rückweg war ihr eine
    Wegtafel aufgefallen, die einen andern Ausflugsort nannte, und der Vater
    hatte versprochen, sie ein andermal auch dorthin zu führen. Sie empfing
    den Vater am nächsten Morgen mit der Mitteilung, sie habe geträumt,
    der Vater sei mit ihr an dem einen wie an dem andern
    Orte gewesen
    .

    Das Gemeinsame dieser Kinderträume ist augenfällig. Sie erfüllen
    sämtlich Wünsche, die am Tage rege gemacht und unerfüllt geblieben
    sind. Sie sind einfache und unverhüllte Wunsch-
    erfüllungen.

    Nichts anderes als eine Wunscherfüllung ist auch folgender, auf
    den ersten Eindruck nicht ganz verständlicher, Kindertraum. Ein nicht
    4 jähriges Mädchen war einer poliomyelitischen Affektion wegen vom
    Lande in die Stadt gebracht worden und übernachtete bei einer kinder-
    losen Tante in einem grossen — für sie natürlich übergrossen — Bette.
    Am nächsten Morgen berichtete sie, dass sie geträumt, das Bett sei
    ihr viel zu klein gewesen, so dass sie in ihm keinen

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    Platz gefunden. Die Lösung dieses Traumes als Wunschtraum
    ergibt sich leicht, wenn man sich erinnert, dass „Grosssein“ ein
    häufig auch geäusserter Wunsch der Kinder ist. Die Grösse des Bettes
    mahnte das kleine Gernegross allzu nachdrücklich an seine Kleinheit;
    darum korrigierte es im Traume das ihm unliebsame Verhältnis und wurde
    nun so gross, dass ihm das grosse Bett noch zu klein war.

    Auch wenn der Inhalt der Kinderträume sich kompliziert und ver-
    feinert, liegt die Auffassung als Wunscherfüllung jedesmal sehr nahe.
    Ein 8 jähriger Knabe träumt, dass er mit Achilleus im Streitwagen ge-
    fahren, den Diomedes lenkte. Er hat sich nachweisbar Tags vorher in
    die Lektüre griechischer Heldensagen versenkt; es ist leicht zu kon-
    statieren, dass er sich diese Helden zu Vorbildern genommen und be-
    dauert hat, nicht in ihrer Zeit zu leben.

    Aus dieser kleinen Sammlung erhellt ohne weiteres ein zweiter
    Charakter der Kinderträume, ihr Zusammenhang mit dem
    Tagesleben
    . Die Wünsche, die sich in ihnen erfüllen, sind vom
    Tage, in der Regel vom Vortage, erübrigt und sind im Wachdenken mit
    intensiver Gefühlsbetonung ausgestattet gewesen. Unwesentliches und
    Gleichgültiges, oder was dem Kinde so erscheinen muss, hat im Traum-
    inhalt keine Aufnahme gefunden.

    Auch bei Erwachsenen kann man zahlreiche Beispiele solcher
    Träume von infantilem Typus sammeln, die aber, wie erwähnt, meist
    knapp an Inhalt sind. So beantwortet eine Reihe von Personen einen
    nächtlichen Durstreiz regelmäßig mit dem Traume zu trinken, der also
    den Reiz fortzuschlafen und den Schlaf fortzusetzen strebt Bei manchen
    Menschen findet man solche Bequemlichkeitsträume häufig
    vor dem Erwachen, wenn die Aufforderung, aufzustehen, an sie heran-
    tritt. Sie träumen dann, dass sie schon aufgestanden sind, beim Wasch-
    tisch stehen oder sich bereits in der Schule, im Bureau u. dgl. befinden,
    wo sie zur bestimmten Zeit sein sollten. In der Nacht vor einer beab-
    sichtigten Reise träumt man nicht selten, dass man am Bestimmungs-
    orte angekommen ist; vor einer Theatervorstellung, einer Gesellschaft
    antizipiert der Traum nicht selten — gleichsam ungeduldig — das er-
    wartete Vergnügen. Andere Male drückt der Traum die Wunscherfüllung
    um eine Stufe indirekter aus; es bedarf noch der Herstellung einer Be-
    ziehung, einer Folgerung, also eines Beginnes von Deutungsarbeit, um
    die Wunscherfüllung zu erkennen. So z. B. wenn mir ein Mann den
    Traum seiner jungen Frau erzählt, dass sich bei ihr die Periode eingestellt
    habe. Ich muss daran denken, dass die junge Frau einer Gravidität ent-
    gegensieht, wenn ihr die Periode ausbleibt. Dann ist die Mitteilung des
    Traumes eine Graviditätsanzeige, und sein Sinn ist, dass er den Wunsch
    erfüllt zeigt, die Gravidität möge doch noch eine Weile ausbleiben. Unter
    ungewöhnlichen und extremen Verhältnissen werden solche Träume von

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    infantilem Charakter besonders häufig. Der Leiter einer Polarexpedition
    berichtet z. B., dass seine Mannschaft während der Überwinterung im
    Eise bei monotoner Kost und schmalen Rationen regelmäßig wie die
    Kinder von grossen Mahlzeiten träumten, von Bergen von Tabak und
    vom Zuhausesein.

    Gar nicht selten hebt sich aus einem längeren, komplizierten und
    im ganzen verworrenen Traum ein besonders klares Stück hervor, das
    eine unverkennbare Wunscherfüllung enthält, aber mit anderem unver-
    ständlichem Material verlötet ist. Versucht man häufiger, auch die an-
    scheinend undurchsichtigen Träume Erwachsener zu analysieren, so er-
    fährt man zu seiner Verwunderung, dass diese selten so einfach sind wie
    die Kinderträume, und dass sie etwa hinter der einen Wunscherfüllung
    noch anderen Sinn verbergen.

    Es wäre nun gewiss eine einfache und befriedigende Lösung der
    Traumrätsel, wenn etwa die Analysenarbeit uns ermöglichen sollte, auch
    die sinnlosen und verworrenen Träume Erwachsener auf den infantilen
    Typus der Erfüllung eines intensiv empfundenen Wunsches vom Tage
    zurückzuführen. Der Anschein spricht gewiss nicht für diese Erwartung.
    Die Träume sind meist voll des gleichgültigsten und fremdartigsten
    Materials, und von Wunscherfüllung ist in ihrem Inhalt nichts zu merken.

    Ehe wir aber die infantilen Träume, die unverhüllte Wunsch-
    erfüllungen sind, verlassen, wollen wir nicht versäumen, einen längst
    bemerkten Hauptcharakter des Traumes zu erwähnen, der gerade in dieser
    Gruppe am reinsten hervortritt. Ich kann jeden dieser Träume durch
    einen Wunschsatz ersetzen: Oh, hätte die Fahrt auf dem See doch länger
    gedauert; — wäre ich doch schon gewaschen und angezogen; — hätte ich
    doch die Kirschen behalten dürfen, anstatt sie dem Onkel zu geben;
    aber der Traum gibt mehr als diesen Optativ. Er zeigt den Wunsch als
    bereits erfüllt, stellt diese Erfüllung als real und gegenwärtig dar, und
    das Material der Traumdarstellung besteht vorwiegend — wenn auch
    nicht ausschliesslich — aus Situationen und meist visuellen Sinnesbildern.
    Auch in dieser Gruppe wird also eine Art Umwandlung — die man als
    Traumarbeit bezeichnen darf — nicht völlig vermisst: Ein im Optativ
    stehender Gedanke ist durch eine Anschauung im
    Präsens ersetzt
    .

    IV.

    Wir werden geneigt sein anzunehmen, dass eine solche Umsetzung
    in eine Situation auch bei den verworrenen Träumen stattgefunden hat,
    wiewohl wir nicht wissen können, ob sie auch hier einen Optativ betraf.
    Das eingangs mitgeteilte Traumbeispiel, in dessen Analyse wir ein Stück
    weit eingegangen sind, gibt uns allerdings an zwei Stellen Anlass, etwas