Über den Traum1901-001/1921
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    einen verdrängten Wunsch darstellen, aber ohne oder in un-
    genügender Verhüllung. Diese letzten Träume sind regelmäßig von
    Angst begleitet, welche den Traum unterbricht. Die Angst ist hier
    der Ersatz für die Traumentstellung; sie ist mir in den Träumen der
    zweiten Klasse durch die Traumarbeit erspart worden. Es lässt sich
    ohne allzugrosse Schwierigkeit nachweisen, dass derjenige Vorstellungs-
    inhalt, der uns jetzt im Traume Angst bereitet, einstmals ein Wunsch
    war und seither der Verdrängung unterlegen ist.

    Es gibt auch klare Träume von peinlichem Inhalt, der aber im
    Traum nicht peinlich empfunden wird. Man kann diese darum nicht zu
    den Angstträumen rechnen; sie haben aber immer dazu gedient, die
    Bedeutungslosigkeit und den psychischen Unwert der Träume zu er-
    weisen. Eine Analyse eines solchen Beispiels wird zeigen, dass es sich
    hier um gut verhüllte Erfüllungen verdrängter Wünsche, also um
    Träume der zweiten Klasse, handelt und wird gleichzeitig die ausge-
    zeichnete Eignung der Verschiebungsarbeit zur Verhüllung des
    Wunsches dartun.

    Ein Mädchen träumt, dass sie das jetzt einzige Kind ihrer Schwester
    tot vor sich sieht in der nämlichen Umgebung, in der sie vor einigen
    Jahren das erste Kind als Leiche sah. Sie empfindet dabei keinen
    Schmerz, sträubt sich aber natürlich gegen die Auffassung, diese Situation
    entspreche einem Wunsche von ihr. Dies wird auch nicht erfordert;
    aber an der Bahre jenes Kindes hat sie vor Jahren den von ihr geliebten
    Mann zuletzt gesehen und gesprochen; stürbe das zweite Kind, so würde
    sie diesen Mann gewiss wieder im Hause der Schwester treffen. Sie
    sehnt sich nun nach dieser Begegnung, sträubt sich aber gegen dieses
    ihr Gefühl. Sie hat am Traumtage selbst eine Eintrittskarte zu einem
    Vortrage genommen, den der immer noch Geliebte angekündigt hat.
    Ihr Traum ist ein einfacher Ungeduldstraum, wie er sich gewöhnlich vor
    Reisen, Theaterbesuchen und ähnlichen erwarteten Genüssen einstellt.
    Um ihr aber diese Sehnsucht zu verbergen, ist die Situation auf die für
    eine freudige Empfindung unpassendste Gelegenheit verschoben worden,
    die sich doch einmal in der Wirklichkeit bewährt hat Man beachte noch,
    dass das Affektverhalten im Traume nicht dem vorgeschobenen, sondern
    dem wirklichen, aber zurückgehaltenen Trauminhalt angepasst ist. Die
    Traumsituation greift dem lange ersehnten Wiedersehen vor; sie bietet
    keine Anknüpfung für eine schmerzliche Empfindung.

    X.

    Die Philosophen haben bisher keinen Anlass gehabt, sich mit einer
    Psychologie der Verdrängung zu beschäftigen Es ist also gestattet,
    dass wir uns in erster Annäherung an den noch unbekannten Sachverhalt
     

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    eine anschauliche Vorstellung vom Hergang der Traumbildung schaffen.
    Das Schema, zu welchem wir nicht allein vom Studium des Traumes her
    gelangen, ist zwar bereits ziemlich kompliziert; wir können aber mit
    einem einfacheren unser Ausreichen nicht finden. Wir nehmen an, dass
    es in unserem seelischen Apparat zwei gedankenbildende Instanzen gibt,
    deren zweite das Vorrecht besitzt, dass ihre Erzeugnisse den Zugang
    zum Bewusstsein offen finden, während die Tätigkeit der ersten Instanz
    an sich unbewusst ist und nur über die zweite zum Bewusstsein gelangen
    kann. An der Grenze der beiden Instanzen, am Übergang von der ersten
    zur zweiten, befinde sich eine Zensur, welche nur durchlässt, was ihr
    angenehm ist, anderes aber zurückhält. Dann befindet sich das von
    der Zensur Abgewiesene, nach unserer Definition, im Zustande der Ver-
    drängung. Unter gewissen Bedingungen, deren eine der Schlafzustand
    ist, ändere sich das Kräfteverhältnis zwischen beiden Instanzen in solcher
    Weise, dass das Verdrängte nicht mehr ganz zurückgehalten werden
    kann. Im Schlafzustand geschehe dies etwa durch den Nachlass der
    Zensur; dann wird es dem bisher Verdrängten gelingen, sich den Weg
    zum Bewusstsein zu bahnen. Da die Zensur aber niemals aufgehoben,
    sondern bloss herabgesetzt ist, so wird es sich dabei Veränderungen
    gefallen lassen müssen, welche seine Anstössigkeiten mildern. Was in
    solchem Falle bewusst wird, ist ein Kompromiss zwischen dem von der
    einen Instanz Beabsichtigten und dem von der anderen Geforderten.
    Verdrängung — Nachlass der Zensur — Kompromiss-
    bildung
    , dies ist aber das Grundschema für die Entstehung sehr
    vieler anderer psychopathischer Bildungen in gleicher Weise wie für den
    Traum, und bei der Kompromissbildung werden hier wie dort die Vor-
    gänge der Verdichtung und Verschiebung und die Inanspruchnahme
    oberflächlicher Assoziationen beobachtet, welche wir bei der Traum-
    arbeit kennen gelernt haben.

    Wir haben keinen Grund, uns das Element von Dämonismus zu
    verhehlen, welches bei der Aufstellung unserer Erklärung der Traum-
    arbeit mitgespielt hat. Wir haben den Eindruck empfangen, dass die
    Bildung der dunklen Träume so vor sich geht, als ob eine Person,
    die von einer zweiten abhängig ist, etwas zu äussern hätte, was dieser
    letzteren anzuhören unangenehm sein muss, und von diesem Gleichnis
    her haben wir den Begriff der Traumentstellung und den der
    Zensur erfasst und uns bemüht, unseren Eindruck in eine gewiss rohe,
    aber wenigstens anschauliche psychologische Theorie zu übersetzen.
    Mit was immer bei weiterer Klärung des Gegenstandes sich unsere erste
    und zweite Instanz wird identifizieren lassen, wir werden erwarten, dass
    sich ein Korrelat unserer Annahme bestätige, dass die zweite Instanz
    den Zugang zum Bewusstsein beherrscht und die erste vom Bewusstsein
    absperren kann.

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    Wenn der Schlafzustand überwunden ist, stellt sich die Zensur
    rasch zur vollen Höhe wieder her und kann jetzt wieder vernichten, was
    ihr während der Zeit ihrer Schwäche abgerungen worden ist. Dass das
    Vergessen des Traumes wenigstens zum Teil diese Erklärung
    fordert, geht aus einer ungezählte Male bestätigten Erfahrung hervor.
    Während der Erzählung eines Traumes oder während der Analyse des-
    selben geschieht es nicht selten, dass plötzlich ein vergessen geglaubtes
    Bruchstück des Trauminhaltes wieder auftaucht. Dies dem Vergessen
    entrissene Stück enthält regelmäßig den besten und nächsten Zugang
    zur Bedeutung des Traumes. Es sollte wahrscheinlich nur darum dem
    Vergessen, d. i. der neuerlichen Unterdrückung, verfallen.

    XI.

    Wenn wir den Trauminhalt als Darstellung eines erfüllten Wunsches
    auffassen und seine Dunkelheit auf die Abänderungen der Zensur an
    verdrängtem Material zurückführen, fällt es uns auch nicht mehr schwer,
    die Funktion des Traumes zu erschliessen. In seltsamem Gegensatz zu
    Redewendungen, welche den Schlaf durch Träume stören lassen, müssen
    wir den Traum als den Hüter des Schlafes anerkennen. Für
    den Kindertraum dürfte unsere Behauptung leicht Glauben finden.

    Der Schlafzustand oder die psychische Schlafveränderung, worin
    immer sie bestehen mag, wird herbeigeführt durch den dem Kind auf-
    genötigten oder auf Grund von Müdigkeitssensationen gefassten Ent-
    schluss zu schlafen, und einzig ermöglicht durch die Abhaltung von
    Reizen, welche dem psychischen Apparat andere Ziele setzen könnten
    als das des Schlafens. Die Mittel, welche dazu dienen, äussere Reize
    ferne zu halten, sind bekannt; aber welche Mittel stehen uns zur Ver-
    fügung, um die inneren seelischen Reize niederzuhalten, die sich dem
    Einschlafen widersetzen? Man beobachte eine Mutter, die ihr Kind ein-
    schläfert. Es äussert unausgesetzt Bedürfnisse, es will noch einen Kuss,
    es möchte noch spielen. Diese Bedürfnisse werden zum Teil befriedigt,
    zum anderen mit Autorität auf den nächsten Tag verschoben. Es ist
    klar, dass Wünsche und Bedürfnisse, die sich regen, die Hemmnisse des
    Einschlafens sind. Wer kennt nicht die heitere Geschichte von dem
    schlimmen Buben (Balduin Groller’s), der, bei Nacht erwachend,
    durch den Schlafraum brüllt: Das Nashorn will er? Ein braveres
    Kind würde, anstatt zu brüllen, träumen, dass es mit dem Nashorn
    spiele. Da der Traum, welcher den Wunsch erfüllt zeigt, während des
    Schlafens Glauben findet, hebt er den Wunsch auf und ermöglicht
    den Schlaf. Es ist nicht abzuweisen, dass dieser Glaube dem Traum-
    bilde zufällt, weil dieses sich in die psychische Erscheinung der Wahr-