Die Traumdeutung1900-001/1922
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    II.

    Die Methode der Traumdeutung.

    Die Analyse eines Traummusters.

    Die Überschrift, die ich meiner Abhandlung gegeben habe, läßt
    erkennen, an welche Tradition in der Auffassung der Träume ich
    anknüpfen möchte. Ich habe mir vorgesetzt, zu zeigen, daß Träume
    einer Deutung fähig sind, und Beiträge zur Klärung der eben be-
    handelten Traumprobleme werden sich mir nur als etwaiger Neben-
    gewinn bei der Erledigung meiner eigentlichen Aufgabe ergeben können.
    Mit der Voraussetzung, daß Träume deutbar sind, trete ich sofort
    in Widerspruch zu der herrschenden Traumlehre, ja zu allen Traum-
    theorien mit Ausnahme der Schernerschen, denn „einen Traum
    deuten“ heißt, seinen „Sinn“ angeben, ihn durch etwas ersetzen, was
    sich als vollwertiges, gleichwertiges Glied in die Verkettung un-
    serer seelischen Aktionen einfügt. Wie wir erfahren haben, lassen
    aber die wissenschaftlichen Theorien des Traumes für ein Problem
    der Traumdeutung keinen Raum, denn der Traum ist für sie über-
    haupt kein seelischer Akt, sondern ein somatischer Vorgang, der sich
    durch Zeichen am seelischen Apparat kundgibt. Anders hat sich zu
    allen Zeiten die Laienmeinung benommen. Sie bedient sich ihres
    guten Rechtes, inkonsequent zu verfahren, und obwohl sie zugesteht,
    der Traum sei unverständlich und absurd, kann sie sich doch nicht
    entschließen, dem Traume jede Bedeutung abzusprechen. Von einer
    dunklen Ahnung geleitet, scheint sie doch anzunehmen, der Traum
    habe einen Sinn, wiewohl einen verborgenen, er sei zum Ersatze eines
    anderen Denkvorganges bestimmt, und es handle sich nur darum,
    diesen Ersatz in richtiger Weise aufzudecken, um zur verborgenen
    Bedeutung des Traumes zu gelangen.

    Die Laienwelt hat sich darum von jeher bemüht, den Traum
    zu „deuten“ und dabei zwei im Wesen verschiedene Methoden ver-
    sucht. Das erste dieser Verfahren faßt den Trauminhalt als Ganzes
    ins Auge und sucht denselben durch einen anderen, verständlichen
    und in gewissen Hinsichten analogen Inhalt zu ersetzen. Dies ist die
    symbolische Traumdeutung; sie scheitert natürlich von vornherein
    an jenen Träumen, welche nicht bloß unverständlich, sondern auch
    verworren erscheinen. Ein Beispiel für ihr Verfahren gibt etwa die
    Auslegung, welche der biblische Josef dem Traume des Pharao an-
    gedehen ließ. Sieben fette Kühe, nach denen sieben magere kommen,
    welche die ersteren aufzehren, das ist ein symbolischer Ersatz für
    die Vorhersagung von sieben Hungerjahren im Lande Ägypten, welche
    allen Überfluß aufzehren, den sieben fruchtbare Jahre geschaffen
    haben. Die meisten der artefiziellen Träume, welche von Dichtern
     

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    II. Die Methode der Traumdeutung.

    geschaffen wurden, sind für solche symbolische Deutung bestimmt,
    denn sie geben den vom Dichter gefaßten Gedanken in einer Ver-
    kleidung wieder, die zu den aus der Erfahrung bekannten Charakteren
    unseres Träumens passend gefunden wird*). Die Meinung, der Traum
    beschäftige sich vorwiegend mit der Zukunft, deren Gestaltung er
    im voraus ahne – ein Rest der einst den Träumen zuerkannten
    prophetischen Bedeutung –, wird dann zum Motiv, den durch sym-
    bolische Deutung gefundenen Sinn des Traumes durch ein „es wird“
    ins Futurum zu versetzen.

    Wie man den Weg zu einer solchen symbolischen Deutung fin-
    det, dazu läßt sich eine Unterweisung natürlich nicht geben. Das
    Gelingen bleibt Sache des witzigen Einfalles, der unvermittelten In-
    tuition, und darum konnte die Traumdeutung mittels Symbolik sich
    zu einer Kunstübung erheben, die an eine besondere Begabung ge-
    bunden schien**). Von solchem Anspruch hält sich die andere der
    populären Methoden der Traumdeutung völlig fern. Man könnte sie als
    die „Chiffriermethode“ bezeichnen, da sie den Traum wie eine
    Art von Geheimschrift behandelt, in der jedes Zeichen nach einem
    feststehenden Schlüssel in ein anderes Zeichen von bekannter Be-
    deutung übersetzt wird. Ich habe z. B. von einem Briefe geträumt,
    aber auch von einem Leichenbegängnis u. dgl.; ich sehe nun in einem
    „Traumbuche“ nach und finde, daß „Brief“ mit „Verdruß“, „Leichen-
    begängnis“ mit „Verlobung“ zu übersetzen ist. Es bleibt mir dann
    überlassen, aus den Schlagworten, die ich entziffert habe, einen Zu-
    sammenhang herzustellen, den ich wiederum als zukünftig hinnehme.
    Eine interessante Abänderung dieses Chiffrierverfahrens, durch welche
    dessen Charakter als rein mechanische Übertragung einigermaßen kor-
    rigiert wird, zeigt sich in der Schrift über Traumdeutung des Arte-
    midoros aus Daldis***. Hier wird nicht nur auf den Trauminhalt,


    *)In einer Novelle „Gradiva“ des Dichters W. Jensen entdeckte ich
    zufällig mehrere artifizielle Träume, die vollkommen korrekt gebildet waren und
    sich deuten ließen, als wären sie nicht erfunden, sondern von realen Personen
    geträumt worden. Der Dichter bestätigte auf Anfrage von meiner Seite, daß
    ihm meine Traumlehre fremd geblieben war. Ich habe diese Übereinstimmung
    zwischen meiner Forschung und dem Schaffen des Dichters als Beweis für die
    Richtigkeit meiner Traumanalyse verwertet. („Der Wahn und die Träume“ in
    W. Jensens „Gradiva“, erstes Heft der von mir herausgegebenen „Schriften
    zur angewandten Seelenkunde“, 1906, zweite Auflage 1912.)

    **)Aristoteles hat sich dahin geäußert, der beste Traumdeuter sei der,
    welcher Ähnlichkeiten am besten auffasse; denn die Traumbilder seien, wie die
    Bilder im Wasser, durch die Bewegung verzerrt, und der treffe am besten, der
    in dem verzerrten Bild das Wahre zu erkennen vermöge (Büchsenschütz, p. 65).

    ***)Artemidoros aus Daldis, wahrscheinlich zu Anfang des 2. Jahr-
    hunderts unserer Zeitrechnung geboren, hat uns die vollständigste und sorg-
    fältigste Bearbeitung der Traumdeutung in der griechisch-römischen Welt über-
    liefert. Er legte, wie Th. Gomperz hervorhebt, Wert darauf, die Deutung der
    Träume auf Beobachtung und Erfahrung zu gründen und sonderte seine Kunst
    strenge von anderen, trügerischen Künsten. Das Prinzip seiner Deutungskunst
    ist nach der Darstellung von Gomperz identisch mit der Magie, das Prinzip
    der Assoziation. Ein Traumding bedeutet das, woran es erinnert. Wohlverstanden,
    woran es den Traumdeuter erinnert! Eine nicht zu beherrschende Quelle der
    Willkür und Unsicherheit ergibt sich dann aus dem Umstand, daß das Traum-
    element den Deuter an verschiedene Dinge und jeden an etwas anderes erinnern
    kann. Die Technik, die ich im folgenden auseinandersetze, weicht von der antiken

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    sondern auch auf die Person und die Lebensumstände des Träumers
    Rücksicht genommen, so daß das nämliche Traumelement für den
    Reichen, den Verheirateten, den Redner andere Bedeutung hat als
    für den Armen, den Ledigen und etwa den Kaufmann. Das Wesent-
    liche an diesem Verfahren ist nun, daß die Deutungsarbeit nicht auf
    das Ganze des Traumes gerichtet wird, sondern auf jedes Stück des
    Trauminhaltes für sich, als ob der Traum ein Konglomerat wäre,
    in dem jeder Brocken Gestein eine besondere Bestimmung verlangt.
    Es sind sicherlich die unzusammenhängenden und verworrenen Träume,
    von denen der Antrieb zur Schöpfung der Chiffriermethode ausge-
    gangen ist*.

    Für die wissenschaftliche Behandlung des Themas kann die Un-
    brauchbarkeit beider populärer Deutungsverfahren des Traumes keinen
    Moment lang zweifelhaft sein. Die symbolische Methode ist in ihrer
    Anwendung beschränkt und keiner allgemeinen Darlegung fähig. Bei

    in dem einen wesentlichen Punkte ab, daß sie dem Träumer selbst die Deutungs-
    arbeit auferlegt. Sie will nicht berücksichtigen, was dem Traumdeuter, sondern
    was dem Träumer zu dem betreffenden Element des Traumes einfällt. – Nach
    neueren Berichten des Missionär Tfinkdjt (Anthropos 1913) nehmen aber auch
    die modernen Traumdeuter des Orients die Mitwirkung des Träumers ausgiebig
    in Anspruch. Der Gewährsmann erzählt von den Traumdeutern bei den meso-
    potamischen Arabern: „Pour interpréter exactement un songe, les oniromanciens
    les plus habiles s’informent de ceux qui les consultent de toutes les circon-
    stances quils regardent nécessaires pour la bonne explication.1) En un mot,
    ils n’interrogent sur aucune circonstance leur échapper et ne donnent
    l’interprétation desirée avant d’avoir parfaitement saisi et reçu toutes les inter-
    rogations desirables.“ Unter diesen Fragen befinden sich regelmäßig solche um
    genaue Angaben über die nächsten Familienangehörigen (Eltern, Frau, Kinder)
    sowie die typische Formel: habistine in hac nocte copulam conjugalem ante
    vel post somnium? – „L’idée dominante dans l’interprétation des songes con-
    siste à expliquer le rêve par son opposé.“

    * Dr. Alf. Robitsek macht mich darauf aufmerksam, daß die orienta-
    lischen Traumbücher, von denen die unsrigen klägliche Abklatsche sind, die
    Deutung der Traumelemente meist nach dem Gleichklang und der Ähnlichkeit
    der Worte vornehmen. Da diese Verwandtschaften bei der Übersetzung in unsere
    Sprache verloren gehen müssen, würde daher die Unbegreiflichkeit der Erset-
    zungen in unseren populären „Traumbüchern“ stammen. – Über diese außer-
    ordentliche Bedeutung des Wortspieles und der Wortspielerei in den alten orien-
    talischen Kulturen mag man sich aus den Schriften Hugo Wincklers unter-
    richten. Das schönste Beispiel einer Traumdeutung, welches uns aus dem Alter-
    tum überliefert ist, beruht auf einer Wortspielerei. Artemidoros erzählt
    (p. 255): „Es scheint mir aber auch Aristandros dem Alexandros von
    Makedonien eine gar glückliche Auslegung gegeben zu haben, als dieser Tyros
    eingeschlossen hielt und belagerte und wegen des großen Zeitverlustes un-
    willig und betrübt, das Gefühl hatte, er sehe einen Satyros auf seinem
    Schilde tanzen; zufällig befand sich Aristandros in der Nähe von Tyros
    und im Geleite des Königs, der die Syrer bekriegte. Indem er nun das Wort
    Satyros in σὰ und Τύρος zerlegte, bewirkte er, daß der König die Belagerung
    nachdrücklicher in Angriff nahm, so daß er Herr der Stadt wurde.“ Σὰ – Τύρος
    (= dein ist Tyros.) – Übrigens hängt der Traum so innig am sprachlichen
    Ausdruck, daß Ferenczi mit Recht bemerken kann, jede Sprache habe ihre
    eigene Traumsprache. Ein Traum ist in der Regel unübersetzbar in andere
    Sprachen und ein Buch wie das vorliegende, meinte ich, darum auch. Nichts-
    destoweniger ist es Dr. A. A. Brill in New-York gelungen, eine englische
    Übersetzung der „Traumdeutung“ zu schaffen (London 1913, George Allen & Co.
    Ltd.), und die Psychoanalytiker Dr. Hollós und Dr. Ferenczi haben eine
    ungarische Übersetzung in Angriff genommen (1918).

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    der Chiffriermethode käme alles darauf an, daß der „Schlüssel“, das
    Traumbuch, verläßlich wäre, und dafür fehlen alle Garantien. Man
    wäre versucht, den Philosophen und Psychiatern Recht zu geben und
    mit ihnen das Problem der Traumdeutung als eine imaginäre Auf-
    gabe zu streichen*.

    Allein ich bin eines Besseren belehrt worden. Ich habe einsehen
    müssen, daß hier wiederum einer jener nicht seltenen Fälle vorliegt,
    in denen ein uralter, hartnäckig festgehaltener Volksglaube der Wahr-
    heit der Dinge näher gekommen zu sein scheint als das Urteil der
    heute geltenden Wissenschaft. Ich muß behaupten, daß der Traum
    wirklich eine Bedeutung hat, und daß ein wissenschaftliches Verfahren
    der Traumdeutung möglich ist. Zur Kenntnis dieses Verfahrens bin
    ich auf folgende Weise gelangt:

    Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit der Auflösung ge-
    wisser psychopathologischer Gebilde, der hysterischen Phobien, der
    Zwangsvorstellungen u. a. in therapeutischer Absicht; seitdem ich
    nämlich aus einer bedeutsamen Mitteilung von Josef Breuer weiß,
    daß für diese als Krankheitssymptome empfundenen Bildungen Auf-
    lösung und Lösung in eines zusammenfallen**. Hat man eine solche
    pathologische Vorstellung auf die Elemente zurückführen können, aus
    denen sie im Seelenleben des Kranken hervorgegangen ist, so ist
    diese auch zerfallen, der Kranke von ihr befreit. Bei der Ohnmacht
    unserer sonstigen therapeutischen Bestrebungen und angesichts der
    Rätselhaftigkeit dieser Zustände erschien es mir verlockend, auf dem
    von Breuer eingeschlagenen Wege trotz aller Schwierigkeiten bis
    zur vollen Aufklärung vorzudringen. Wie sich die Technik des Ver-
    fahrens schließlich gestaltet hat, und welches die Ergebnisse der Be-
    mühung gewesen sind, darüber werde ich an anderen Orten aus-
    führlich Bericht zu erstatten haben. Im Verlaufe dieser psychoana-
    lytischen Studien geriet ich auf die Traumdeutung. Die Patienten, die
    ich verpflichtet hatte, mir alle Einfälle und Gedanken mitzuteilen,
    die sich ihnen zu einem bestimmten Thema aufdrängten, erzählten
    mir ihre Träume und lehrten mich so, daß ein Traum in die psy-
    chische Verkettung eingeschoben sein kann, die von einer patho-
    logischen Idee her nach rückwärts in der Erinnerung zu verfolgen
    ist. Es lag nun nahe, den Traum selbst wie ein Symptom zu behandeln
    und die für letztere ausgearbeitete Methode der Deutung auf ihn
    anzuwenden.

    Dazu bedarf es nun einer gewissen psychischen Vorbereitung des
    Kranken. Man strebt zweierlei bei ihm an, eine Steigerung seiner
    Aufmerksamkeit für seine psychischen Wahrnehmungen und eine Aus-
    schaltung der Kritik, mit der er die ihm auftauchenden Gedanken
    sonst zu sichten pflegt. Zum Zwecke seiner Selbstbeobachtung mit
    gesammelter Aufmerksamkeit ist es vorteilhaft, daß er eine ruhige
    Lage einnimmt und die Augen schließt; den Verzicht auf die Kritik
     

    * Nach Abschluß meines Manuskriptes ist mir eine Schrift von Stumpf
    zugegangen, die in der Absicht zu erweisen, der Traum sei sinnvoll und deutbar,
    mit meiner Arbeit zusammentrifft. Die Deutung geschieht aber mittels einer
    allegorisierenden Symbolik ohne Gewähr für Allgemeingültigkeit des Verfahrens.

    ** Breuer und Freud, Studien über Hysterie, Wien 1895, 3. Aufl. 1916.

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    der wahrgenommenen Gedankenbildungen muß man ihm ausdrücklich
    auferlegen. Man sagt ihm also, der Erfolg der Psychoanalyse hänge
    davon ab, daß er alles beachtet und mitteilt, was ihm durch den
    Sinn geht, und nicht etwa sich verleiten läßt, den einen Einfall zu
    unterdrücken, weil er ihm unwichtig oder nicht zum Thema gehörig,
    den anderen, weil er ihm unsinnig erscheint. Er müsse sich völlig
    unparteiisch gegen seine Einfälle verhalten, denn gerade an dieser
    Kritik läge es, wenn es ihm sonst nicht gelänge, die gesuchte Auf-
    lösung des Traumes, der Zwangs- und Wahnidee u. dgl. zu finden.

    Bei den psychoanalytischen Arbeiten habe ich gemerkt, daß die
    psychische Verfassung des Mannes, welcher nachdenkt, eine ganz andere
    ist als die desjenigen, welcher seine psychischen Vorgänge beobachtet.
    Beim Nachdenken tritt eine psychische Aktion mehr ins Spiel als bei
    der aufmerksamsten Selbstbeobachtung, wie es auch die gespannte
    Miene und die in Falten gezogene Stirn des Nachdenklichen im Gegen-
    satz zur mimischen Ruhe des Selbstbeobachters erweist. In beiden Fällen
    muß eine Sammlung der Aufmerksamkeit vorhanden sein, aber der
    Nachdenkende übt außerdem eine Kritik aus, infolge deren er einen
    Teil der ihm aufsteigenden Einfälle verwirft, nachdem er sie wahr-
    genommen hat, andere kurz abbricht, so daß er den Gedankenwegen
    nicht folgt, welche sie eröffnen würden, und gegen noch andere Ge-
    danken weiß er sich so zu benehmen, daß sie überhaupt nicht be-
    wußt, also vor ihrer Wahrnehmung unterdrückt werden. Der Selbst-
    beobachter hingegen hat nur die Mühe, die Kritik zu unterdrücken;
    gelingt ihm dies, so kommt ihm eine Unzahl von Einfällen zum Be-
    wußtsein, die sonst unfaßbar geblieben wären. Mit Hilfe dieses für
    die Selbstwahrnehmung neu gewonnenen Materials läßt sich die Deu-
    tung der pathologischen Ideen sowie der Traumbildung vollziehen.
    Wie man sieht, handelt es sich darum, einen psychischen Zustand
    herzustellen, der mit dem vor dem Einschlafen (und sicherlich auch
    mit dem hypnotischen) eine gewisse Analogie in der Verteilung der
    psychischen Energie (der beweglichen Aufmerksamkeit) gemein hat.
    Beim Einschlafen treten die „ungewollten Vorstellungen“ hervor durch
    den Nachlaß einer gewissen willkürlichen (und gewiß auch kritischen)
    Aktion, die wir auf den Ablauf unserer Vorstellungen einwirken
    lassen; als den Grund dieses Nachlasses pflegen wir „Ermüdung“
    anzugeben; die auftauchenden ungewollten Vorstellungen verwandeln
    sich in visuelle und akustische Bilder. (Vergleiche die Bemerkungen
    von Schleiermacher u. a., p. 34.)* Bei dem Zustand, den man
    zur Analyse der Träume und pathologischen Ideen benützt, verzichtet
    man absichtlich und willkürlich auf jene Aktivität und verwendet
    die ersparte psychische Energie (oder ein Stück derselben) zur auf-
    merksamen Verfolgung der jetzt auftauchenden ungewollten Gedanken,
    die ihren Charakter als Vorstellungen (dies der Unterschied gegen
    den Zustand beim Einschlafen) beibehalten. Man macht so die
    „ungewollten“ Vorstellungen zu „gewollten“.


    *H. Silberer hat aus der direkten Beobachtung dieser Umsetzung von
    Vorstellungen in Gesichtsbilder wichtige Beiträge zur Deutung der Träume ge-
    wonnen. (Jahrbuch der Psychoanalyse I u. II, 1909 u. ff.)

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    Die hier geforderte Einstellung auf anscheinend „freisteigende“
    Einfälle mit Verzicht auf die sonst gegen diese geübte Kritik scheint
    manchen Personen nicht leicht zu werden. Die „ungewollten Gedan-
    ken“ pflegen den heftigsten Widerstand, der sie am Auftauchen hin-
    dern will, zu entfesseln. Wenn wir aber unserem großen Dichter-
    philosophen Fr. Schiller Glauben schenken, muß eine ganz ähnliche
    Einstellung auch die Bedingung der dichterischen Produktion ent-
    halten. An einer Stelle seines Briefwechsels mit Körner, deren Auf-
    spürung Otto Rank zu danken ist, antwortet Schiller auf die
    Klage seines Freundes über seine mangelnde Produktivität: „Der
    Grund deiner Klagen liegt, wie mir scheint, in dem Zwange, den
    dein Verstand deiner Imagination auflegt. Ich muß hier einen Ge-
    danken hinwerfen und ihn durch ein Gleichnis versinnlichen. Es
    scheint nicht gut und dem Schöpfungswerke der Seele nachteilig zu
    sein, wenn der Verstand die zuströmenden Ideen, gleichsam an den
    Toren schon, zu scharf mustert. Eine Idee kann, isoliert betrachtet,
    sehr unbeträchtlich und sehr abenteuerlich sein, aber vielleicht wird
    sie durch eine, die nach ihr kommt, wichtig, vielleicht kann sie in
    einer gewissen Verbindung mit anderen, die vielleicht ebenso abge-
    schmackt scheinen, ein sehr zweckmäßiges Glied abgeben: – Alles
    das kann der Verstand nicht beurteilen, wenn er sie nicht so lange
    festhält, bis er sie in Verbindung mit diesen anderen angeschaut hat.
    Bei einem schöpferischen Kopfe hingegen, däucht mir, hat der Ver-
    stand seine Wache von den Toren zurückgezogen, die Ideen stürzen
    pêle-mêle herein, und alsdann erst übersieht und mustert er den
    großen Haufen. – Ihr Herren Kritiker, und wie Ihr Euch sonst
    nennt, schämt oder fürchtet Euch vor dem augenblicklichen vorüber-
    gehenden Wahnwitze, der sich bei allen eigenen Schöpfern findet
    und dessen längere oder kürzere Dauer den denkenden Künstler von
    dem Träumer unterscheidet. Daher Eure Klagen über Unfruchtbarkeit,
    weil Ihr zu früh verwerft und zu strenge sondert.“ (Brief vom
    1. Dezember 1788.)

    Und doch ist ein „solches Zurückziehen der Wache von den
    Toren des Verstandes“, wie Schiller es nennt, ein derartiges sich
    in den Zustand der kritiklosen Selbstbeobachtung Versetzen keines-
    wegs schwer.

    Die meisten meiner Patienten bringen es nach der ersten Unter-
    weisung zu stande; ich selbst kann es sehr vollkommen, wenn ich
    mich dabei durch Niederschreiben meiner Einfälle unterstütze. Der
    Betrag von psychischer Energie, um den man so die kritische Tätig-
    keit herabsetzt und mit welchem man die Intensität der Selbst-
    beobachtung erhöhen kann, schwankt erheblich je nach dem Thema,
    welches von der Aufmerksamkeit fixiert werden soll.

    Der erste Schritt bei der Anwendung dieses Verfahrens lehrt nun,
    daß man nicht den Traum als Ganzes, sondern nur die einzelnen
    Teilstücke seines Inhaltes zum Objekt der Aufmerksamkeit machen
    darf. Frage ich den noch nicht eingeübten Patienten: Was fällt Ihnen
    zu diesem Traume ein? so weiß er in der Regel nichts in seinem
    geistigen Blickfelde zu erfassen. Ich muß ihm den Traum zerstückt
    vorlegen, dann liefert er mir zu jedem Stücke eine Reihe von Ein--

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    fällen, die man als die „Hintergedanken“ dieser Traumpartie be-
    zeichnen kann. In dieser ersten wichtigen Bedingung weicht also die
    von mir geübte Methode der Traumdeutung bereits von der populären,
    historisch und sagenhaft berühmten Methode der Deutung durch
    Symbolik ab und nähert sich der zweiten, der „Chiffriermethode“.
    Sie ist wie diese eine Deutung en detail, nicht en masse; wie diese
    faßt sie den Traum von vornherein als etwas Zusammengesetztes,
    als ein Konglomerat von psychischen Bildungen auf.
    Im Verlaufe meiner Psychoanalysen bei Neurotikern habe ich
    wohl bereits viele tausend Träume zur Deutung gebracht, aber dieses
    Material möchte ich hier nicht zur Einführung in die Technik und
    Lehre der Traumdeutung verwenden. Ganz abgesehen davon, daß
    ich mich dem Einwand aussetzen würde, es seien ja die Träume von
    Neuropathen, die einen Rückschluß auf die Träume gesunder Men-
    schen nicht gestatten, nötigt mich ein anderer Grund zu deren Ver-
    werfung. Das Thema, auf welches diese Träume zielen, ist natür-
    lich immer die Krankheitsgeschichte, welche der Neurose zu Grunde
    liegt. Hiedurch würde für jeden Traum ein überlanger Vorbericht
    und ein Eindringen in das Wesen und die ätiologischen Bedingungen
    der Psychoneurosen erforderlich, Dinge, die an und für sich neu
    und im höchsten Grade befremdlich sind und so die Aufmerksam-
    keit vom Traumproblem ablenken würden. Meine Absicht geht viel-
    mehr dahin, in der Traumauflösung eine Vorarbeit für die Er-
    schließung der schwierigeren Probleme der Neurosenpsychologie zu
    schaffen. Verzichte ich aber auf die Träume der Neurotiker, mein
    Hauptmaterial, so darf ich gegen den Rest nicht allzu wählerisch
    verfahren. Es bleiben nur noch jene Träume, die mir gelegentlich
    von gesunden Personen meiner Bekanntschaft erzählt worden sind,
    oder die ich als Beispiele in der Literatur über das Traumleben ver-
    zeichnet finde. Leider geht mir bei all diesen Träumen die Analyse
    ab, ohne welche ich den Sinn des Traumes nicht finden kann. Mein
    Verfahren ist ja nicht so bequem wie das der populären Chiffrier-
    methode, welche den gegebenen Trauminhalt nach einem fixierten
    Schlüssel übersetzt; ich bin vielmehr gefaßt darauf, daß derselbe
    Trauminhalt bei verschiedenen Personen und in verschiedenem Zu-
    sammenhang auch einen anderen Sinn verbergen mag. Somit bin
    ich auf meine eigenen Träume angewiesen als auf ein reichliches
    und bequemes Material, das von einer ungefähr normalen Person
    herrührt und sich auf mannigfache Anlässe des täglichen Lebens
    bezieht. Man wird mir sicherlich Zweifel in die Verläßlichkeit sol-
    cher „Selbstanalysen“ entgegensetzen. Die Willkür sei dabei keines-
    wegs ausgeschlossen. Nach meinem Urteile liegen die Verhältnisse
    bei der Selbstbeobachtung eher günstiger als bei der Beobachtung
    anderer; jedenfalls darf man versuchen, wie weit man in der Traum-
    deutung mit der Selbstanalyse reicht. Andere Schwierigkeiten habe
    ich in meinen eigenen Innern zu überwinden. Man hat eine begreif-
    liche Scheu, soviel Intimes aus seinem Seelenleben preiszugeben,
    weiß sich dabei auch nicht gesichert vor der Mißdeutung der Frem-
    den. Aber darüber muß man sich hinaussetzen können. „Tout psy-
    chologiste“ schreibt Delboeuf „est obligé de faire l’aveu même de

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    ses faiblesses s'il croit par là jeter du jour sur quelque problème
    obscure.“ Und auch beim Leser, darf ich annehmen, wird das an-
    fängliche Interesse an den Indiskretionen, die ich begehen muß, sehr
    bald der ausschließlichen Vertiefung in die hiedurch beleuchteten psy-
    chologischen Probleme Platz machen.

    Ich werde also einen meiner eigenen Träume hervorſuchen und
    an ihm meine Deutungsweise erläutern. Jeder solche Traum macht
    einen Vorbericht nötig. Nun muß ich aber den Leser bitten, für
    eine ganze Weile meine Interessen zu den seinigen zu machen und
    sich mit mir in die kleinsten Einzelheiten meines Lebens zu ver-
    senken, denn solche Übertragung fordert gebieterisch das Interesse
    für die versteckte Bedeutung der Träume.

    Vorbericht: Im Sommer 1895 hatte ich eine junge Dame
    psychoanalytisch behandelt, die mir und den Meinigen freundschaft-
    lich sehr nahe stand. Man versteht es, daß solche Vermengung der
    Beziehungen zur Quelle mannigfacher Erregungen für den Arzt werden
    kann, zumal für den Psychotherapeuten. Das persönliche Interesse
    des Arztes ist größer, seine Autorität geringer. Ein Mißerfolg droht
    die alte Freundschaft mit den Angehörigen der Kranken zu lockern.
    Die Kur endete mit einem teilweisen Erfolg, die Patientin verlor
    ihre hysterische Angst, aber nicht alle ihre somatischen Symptome.
    Ich war damals noch nicht recht sicher in den Kriterien, welche die
    endgültige Erledigung einer hysterischen Krankengeschichte bezeich-
    nen, und mutete der Patientin eine Lösung zu, die ihr nicht annehmbar
    erschien. In solcher Uneinigkeit brachen wir der Sommerzeit wegen
    die Behandlung ab. – Eines Tages besuchte mich ein jüngerer
    Kollege, einer meiner nächsten Freunde, der die Patientin – Irma –
    und ihre Familie in ihrem Landaufenthalt besucht hatte. Ich fragte
    ihn, wie er sie gefunden habe, und bekam die Antwort: Es geht ihr
    besser, aber nicht ganz gut. Ich weiß, daß mich diese Worte meines
    Freundes Otto oder der Ton, in dem sie gesprochen waren, ärgerten.
    Ich glaubte einen Vorwurf herauszuhören, etwa daß ich der Patientin
    zu viel versprochen hätte, und führte – ob mit Recht oder Unrecht –
    die vermeintliche Parteinahme Ottos gegen mich auf den Einfluß
    von Angehörigen der Kranken zurück, die, wie ich annahm, meine
    Behandlung nie gern gesehen hatten. Übrigens wurde mir meine
    peinliche Empfindung nicht klar, ich gab ihr auch keinen Ausdruck.
    Am selben Abend schrieb ich noch die Krankengeschichte Irmas
    nieder, um sie, wie zu meiner Rechtfertigung, dem Dr. M., einem
    gemeinsamen Freunde, der damals tonangebenden Persönlichkeit in
    unserem Kreise, zu übergeben. In der auf diesen Abend folgenden
    Nacht (wohl eher am Morgen) hatte ich den nachstehenden Traum,
    der unmittelbar nach dem Erwachen fixiert wurde.

    Traum vom 23./24. Juli 1895*).

    Eine große Halle – viele Gäste, die wir empfangen. – Unter
    ihnen Irma, die ich sofort bei Seite nehme, um gleichsam ihren Brief

    *)Es ist dies der erste Traum, den ich einer eingehenden Deutung unterzog.

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    zu beantworten, ihr Vorwürfe zu machen, daß sie die „Lösung“
    noch nicht akzeptiert. Ich sage ihr: Wenn du noch Schmerzen hast,
    so ist es wirklich nur deine Schuld. – Sie antwortet: Wenn du
    wüßtest, was ich für Schmerzen jetzt habe im Halse, Magen und
    Leib, es schnürt mich zusammen. – Ich erschrecke und sehe sie an.
    Sie sieht bleich und gedunsen aus; ich denke, am Ende übersehe ich
    da doch etwas Organisches. Ich nehme sie zum Fenster und schaue
    ihr in den Hals. Dabei zeigt sie etwas Sträuben, wie die Frauen,
    die ein künstliches Gebiß tragen. Ich denke mir, sie hat es doch
    nicht nötig. – Der Mund geht dann auch gut auf, und ich finde
    rechts einen großen weißen Fleck und anderwärts sehe ich an merk-
    würdigen krausen Gebilden, die offenbar den Nasenmuscheln nach-
    gebildet sind, ausgedehnte weißgraue Schorfe. – Ich rufe schnell
    Dr. M. hinzu, der die Untersuchung wiederholt und bestätigt . . . .
    Dr. M. sieht ganz anders aus als sonst; er ist sehr bleich, hinkt,
    ist am Kinn bartlos . . . . Mein Freund Otto steht jetzt auch neben
    ihr und Freund Leopold perkutiert sie über dem Leibchen und sagt:
    Sie hat eine Dämpfung links unten, weist auch auf eine infiltrierte
    Hautpartie an der linken Schulter hin (was ich trotz des Kleides wie
    er spüre) . . . . M. sagt: Kein Zweifel, es ist eine Infektion, aber es
    macht nichts; es wird noch Dysenterie hinzukommen und das Gift
    sich ausscheiden . . . . Wir wissen auch unmittelbar, woher die
    Infektion rührt. Freund Otto hat ihr unlängst, als sie sich unwohl
    fühlte, eine Injektion gegeben mit einem Propylpräparat, Propylen
    . . . . Propionsäure . . . . Trimethylamin (dessen Formel ich fett
    gedruckt vor mir sehe) . . . . Man macht solche Injektionen nicht so
    leichtfertig . . . . Wahrscheinlich war auch die Spritze nicht rein.

    Dieser Traum hat vor vielen anderen eines voraus. Es ist
    sofort klar, an welche Ereignisse des letzten Tages er anknüpft und
    welches Thema er behandelt. Der Vorbericht gibt hierüber Aus-
    kunft. Die Nachricht, die ich von Otto über Irmas Befinden er-
    halten, die Krankengeschichte, an der ich bis tief in die Nacht ge-
    schrieben, haben meine Seelentätigkeit auch während des Schlafes
    beschäftigt. Trotzdem dürfte niemand, der den Vorbericht und den
    Inhalt des Traumes zur Kenntnis genommen hat, ahnen können,
    was der Traum bedeutet. Ich selbst weiß es auch nicht. Ich wundere
    mich über die Krankheitssymptome, welche Irma im Traum mir
    klagt, da es nicht dieselben sind, wegen welcher ich sie behandelt
    habe. Ich lächle über die unsinnige Idee einer Injektion mit Propion-
    säure und über den Trost, den Dr. M. ausspricht. Der Traum erscheint
    mir gegen sein Ende hin dunkler und gedrängter, als er zu Beginn
    ist. Um die Bedeutung von alledem zu erfahren, muß ich mich zu
    einer eingehenden Analyse entschließen.

  • S.

    76

    Analyse:

    Die Halle – viele Gäste, die wir empfangen. Wir wohn-
    ten in diesem Sommer auf der Bellevue, einem einzelstehenden Hause
    auf einem der Hügel, die sich an den Kahlenberg anschließen. Dies
    Haus war ehemals zu einem Vergnügungslokal bestimmt, hat hievon
    die ungewöhnlich hohen, hallenförmigen Räume. Der Traum ist
    auch auf der Bellevue vorgefallen, und zwar wenige Tage vor dem
    Geburtsfeste meiner Frau. Am Tage hatte meine Frau die Erwartung
    ausgesprochen, zu ihrem Geburtstage würden mehrere Freunde, und
    darunter auch Irma, als Gäste zu uns kommen. Mein Traum anti-
    zipiert also diese Situation: Es ist der Geburtstag meiner Frau und
    viele Leute, darunter Irma, werden von uns als Gäste in der großen
    Halle der Bellevue empfangen.

    Ich mache Irma Vorwürfe, daß sie die Lösung nicht
    akzeptiert hat; ich sage: Wenn du noch Schmerzen hast,
    ist es deine eigene Schuld. Das hätte ich ihr auch im Wachen
    sagen können oder habe es ihr gesagt. Ich hatte damals die (später
    als unrichtig erkannte) Meinung, daß meine Aufgabe sich darin er-
    schöpfe, den Kranken den verborgenen Sinn ihrer Symptome mitzu-
    teilen; ob sie diese Lösung dann annehmen oder nicht, wovon der
    Erfolg abhängt, dafür sei ich nicht mehr verantwortlich. Ich bin
    diesem jetzt glücklich überwundenen Irrtum dankbar dafür, daß er
    mir die Existenz zu einer Zeit erleichtert, da ich in all meiner un-
    vermeidlichen Ignoranz Heilerfolge produzieren sollte. – Ich merke
    aber an dem Satze, den ich im Traume zu Irma spreche, daß ich vor
    allem nicht Schuld sein will an den Schmerzen, die sie noch hat.
    Wenn es Irmas eigene Schuld ist, dann kann es nicht meine sein.
    Sollte in dieser Richtung die Absicht des Traumes zu suchen sein?

    Irmas Klagen; Schmerzen im Halse, Leibe und Ma-
    gen, es schnürt sie zusammen. Schmerzen im Magen gehörten zum
    Symptomkomplex meiner Patientin, sie waren aber nicht sehr vor-
    dringlich; sie klagte eher über Empfindungen von Übelkeit und
    Ekel. Schmerzen im Halse, im Leibe, Schnüren in der Kehle spielten
    bei ihr kaum eine Rolle. Ich wundere mich, warum ich mich zu
    dieser Auswahl der Symptome im Traume entschlossen habe, kann
    es auch für den Moment nicht finden.

    Sie sieht bleich und gedunsen aus.
    Meine Patientin war immer rosig. Ich vermute, daß sich hier
    eine andere Person ihr unterschiebt.

    Ich erschrecke im Gedanken, daß ich doch eine orga-
    nische Affektion übersehen habe.

    Wie man mir gern glauben wird, eine nie erlöschende Angst
    beim Spezialisten, der fast ausschließlich Neurotiker sieht und der so
    viele Erscheinungen auf Hysterie zu schieben gewohnt ist, welche
    andere Ärzte als organisch behandeln. Anderseits beschleicht mich –
    ich weiß nicht woher – ein leiser Zweifel, ob mein Erschrecken
    ganz ehrlich ist. Wenn die Schmerzen Irmas organisch begründet
    sind, so bin ich wiederum zu deren Heilung nicht verpflichtet. Meine
    Kur beseitigt ja nur hysterische Schmerzen. Es kommt mir also

  • S.

    77

    eigentlich vor, als sollte ich einen Irrtum in der Diagnose wünschen;
    dann wäre der Vorwurf des Mißerfolges auch beseitigt.

    Ich nehme sie zum Fenster, um ihr in den Hals zu-
    sehen. Sie sträubt sich ein wenig wie die Frauen, die falsche
    Zähne tragen. Ich denke mir, sie hat es ja doch nicht nötig.

    Bei Irma hatte ich niemals Anlaß, die Mundhöhle zu inspizieren.
    Der Vorgang im Traume erinnert mich an die vor einiger Zeit vor-
    genommene Untersuchung einer Gouvernante, die zunächst den Ein-
    druck von jugendlicher Schönheit gemacht hatte, beim Öffnen des
    Mundes aber gewisse Anstalten traf, um ihr Gebiß zu verbergen. An
    diesen Fall knüpfen sich andere Erinnerungen an ärztliche Unter-
    suchungen und an kleine Geheimnisse, die dabei, keinem von beiden
    zur Lust, enthüllt werden. – Sie hat es doch nicht nötig, ist wohl
    zunächst ein Kompliment für Irma; ich vermute aber noch eine
    andere Bedeutung. Man fühlt es bei aufmerksamer Analyse, ob man
    die zu erwartenden Hintergedanken erschöpft hat oder nicht. Die
    Art, wie Irma beim Fenster steht, erinnert mich plötzlich an ein
    anderes Erlebnis. Irma besitzt eine intime Freundin, die ich sehr
    hoch schätze. Als ich eines Abends bei ihr einen Besuch machte,
    fand sie sie in der im Traume reproduzierten Situation beim Fenster
    und ihr Arzt, derselbe Dr. M., erklärte, daß sie einen diphtheritischen
    Belag habe. Die Person des Dr. M. und der Belag kehren ja im
    Fortgang des Traumes wieder. Jetzt fällt mir ein, daß ich in den
    letzten Monaten allen Grund bekommen habe, von dieser anderen
    Dame anzunehmen, sie sei gleichfalls hysterisch. Ja, Irma selbst hat
    es mir verraten. Was weiß ich aber von ihren Zuständen? Gerade
    das eine, daß sie an hysterischem Würgen leidet wie meine Irma im
    Traume. Ich habe also im Traume meine Patientin durch ihre
    Freundin ersetzt. Jetzt erinnere ich mich, ich habe oft mit der Ver-
    mutung gespielt, diese Dame könnte mich gleichfalls in Anspruch
    nehmen, sie von ihren Symptomen zu befreien. Ich hielt es aber
    dann selbst für unwahrscheinlich, denn sie ist von sehr zurückhalten-
    der Natur. Sie sträubt sich, wie es der Traum zeigt. Eine andere
    Erklärung wäre, daß sie es nicht nötig hat; sie hat sich wirklich
    bisher stark genug gezeigt, ihre Zustände ohne fremde Hilfe zu be-
    herrschen. Nun sind nur noch einige Züge übrig, die ich weder bei
    Irma noch bei ihrer Freundin unterbringen kann: bleich, gedunsen,
    falsche Zähne. Die falschen Zähne führten mich auf jene Gouvernante;
    ich fühle mich nun geneigt, mich mit schlechten Zähnen zu begnügen.
    Dann fällt mir eine andere Person ein, auf welche jene Züge an-
    spielen können. Sie ist gleichfalls nicht meine Patientin und ich
    möchte sie nicht zur Patientin haben, da ich gemerkt habe, daß sie
    sich vor mir geniert und ich sie für keine gefügige Kranke halte. Sie
    ist für gewöhnlich bleich, und als sie einmal eine besonders gute
    Zeit hatte, war sie gedunsen*). Ich habe also meine Patientin Irma


    *)Auf diese dritte Person läßt sich auch die noch unaufgeklärte Klage
    über Schmerzen im Leibe zurückführen. Es handelt sich natürlich um meine
    eigene Frau; die Leibschmerzen erinnern mich an einen der Anlässe, bei denen
    ihre Scheu mir deutlich wurde. Ich muß mir eingestehen, daß ich Irma und

  • S.

    78

    mit zwei anderen Personen verglichen, die sich gleichfalls der Be-
    handlung sträuben würden. Was kann es für Sinn haben, daß ich sie
    im Traume mit ihrer Freundin vertauscht habe? Etwa, daß ich sie
    vertauschen möchte; die andere erweckt entweder bei mir stärkere
    Sympathien oder ich habe eine höhere Meinung von ihrer Intelligenz.
    Ich halte nämlich Irma für unklug, weil sie meine Lösung nicht
    akzeptiert. Die andere wäre klüger, würde also eher nachgeben. Der
    Mund geht dann auch gut auf; sie würde mehr erzählen als
    Irma**.

    Was ich im Halse sehe: einen weißen Fleck und ver-
    schorfte Nasenmuscheln.

    Der weiße Fleck erinnert an Diphtheritis und somit an Irmas
    Freundin, außerdem aber an die schwere Erkrankung meiner ältesten
    Tochter vor nahezu zwei Jahren und an all den Schreck jener bösen
    Zeit. Die Schorfe an den Nasenmuscheln mahnen an eine Sorge um
    meine eigene Gesundheit. Ich gebrauchte damals häufig Kokain, um
    lästige Nasenschwellungen zu unterdrücken, und hatte vor wenigen
    Tagen gehört, daß eine Patientin, die es mir gleich tat, sich eine
    ausgedehnte Nekrose der Nasenschleimhaut zugezogen hatte. Die
    Empfehlung des Kokains, die 1885 von mir ausging, hat mir auch
    schwerwiegende Vorwürfe eingetragen. Ein teurer, 1895 schon ver-
    storbener Freund hatte durch den Mißbrauch dieses Mittels seinen
    Untergang beschleunigt.

    Ich rufe schnell Dr. M. hinzu, der die Untersuchung
    wiederholt.

    Das entspräche einfach der Stellung, die M. unter uns einnahm.
    Aber das „schnell“ ist auffällig genug, um eine besondere Erklärung
    zu fordern. Es erinnert mich an ein trauriges ärztliches Erlebnis.
    Ich hatte einmal durch die fortgesetzte Ordination eines Mittels,
    welches damals noch als harmlos galt (Sulfonal), eine schwere Intoxi-
    kation bei einer Kranken hervorgerufen und wandte mich dann eiligst
    an den erfahrenen älteren Kollegen um Beistand. Daß ich diesen
    Fall wirklich im Auge habe, wird durch einen Nebenumstand er-
    härtet. Die Kranke, welche der Intoxikation erlag, führte denselben
    Namen wie meine älteste Tochter. Ich hatte bis jetzt niemals daran
    gedacht; jetzt kommt es mir beinahe wie eine Schicksalsvergeltung
    vor. Als sollte sich die Ersetzung der Personen in anderem Sinne
    hier fortsetzen: diese Mathilde für jene Mathilde; ‚Aug’ um Aug’,
    Zahn um Zahn. Es ist, als ob ich alle Gelegenheiten hervorsuchte,
    aus denen ich mir den Vorwurf mangelnder ärztlicher Gewissenhaftig-
    keit machen kann.

    Dr. M. ist bleich, ohne Bart am Kinn und hinkt.

    meine Frau in diesem Traume nicht sehr liebenswürdig behandle, aber zu meiner
    Entschuldigung sei bemerkt, daß ich beide am Ideal der braven, gefügigen
    Patientin messe.

    ** Ich ahne, daß die Deutung dieses Stückes nicht weit genug geführt ist,
    um allem verborgenen Sinne zu folgen. Wollte ich die Vergleichung der drei
    Frauen fortsetzen, so käme ich weit ab. – Jeder Traum hat mindestens eine
    Stelle, an welcher er unergründlich ist, gleichsam einen Nabel, durch den er
    mit dem Unerkannten zusammenhängt.

  • S.

    79

    Davon ist soviel richtig, daß sein schlechtes Aussehen häufig
    die Sorge seiner Freunde erweckt. Die beiden anderen Charaktere
    müssen einer anderen Person angehören. Es fällt mir mein im Aus-
    land lebender älterer Bruder ein, der das Kinn rasiert trägt und dem,
    wenn ich mich recht erinnere, der M. des Traumes im ganzen ähnlich
    sah. Über ihn kam vor einigen Tagen die Nachricht, daß er wegen
    einer arthritischen Erkrankung in der Hüfte hinke. Es muß einen
    Grund haben, daß ich die beiden Personen im Traume zu einer
    einzigen verschmelze. Ich erinnere mich wirklich, daß ich gegen
    beide aus ähnlichen Gründen mißgestimmt war. Beide hatten einen
    gewissen Vorschlag, den ich ihnen in der letzten Zeit gemacht hatte,
    zurückgewiesen.

    Freund Otto steht jetzt bei der Kranken und Freund
    Leopold untersucht sie und weist eine Dämpfung links
    unten nach.

    Freund Leopold ist gleichfalls Arzt, ein Verwandter von Otto.
    Das Schicksal hat die beiden, da sie dieselbe Spezialität ausüben, zu
    Konkurrenten gemacht, die man beständig miteinander vergleicht.
    Sie haben mir beide Jahre hindurch assistiert, als ich noch eine
    öffentliche Ordination für nervenkranke Kinder leitete. Szenen wie
    die im Traume reproduzierte haben sich dort oftmals zugetragen.
    Während ich mit Otto über die Diagnose eines Falles debattierte,
    hatte Leopold das Kind neuerdings untersucht und einen unerwarteten
    Beitrag zur Entscheidung beigebracht. Es bestand eben zwischen
    ihnen eine ähnliche Charakterverschiedenheit wie zwischen dem In-
    spektor Bräsig und seinem Freunde Karl. Der eine tat sich durch
    „Fixigkeit“ hervor, der andere war langsam, bedächtig, aber gründ-
    lich. Wenn ich im Traume Otto und den vorsichtigen Leopold ein-
    ander gegenüberstelle, so geschieht es offenbar, um Leopold heraus-
    zustreichen. Es ist ein ähnliches Vergleichen wie oben zwischen der
    unfolgsamen Patientin Irma und ihrer für klüger gehaltenen Freun-
    din. Ich merke jetzt auch eines der Geleise, auf denen sich die
    Gedankenverbindung im Traume fortschiebt: vom kranken Kinde zum
    Kinderkrankeninstitut. – Die Dämpfung links unten macht mir den
    Eindruck, als entspräche sie allen Details eines einzelnen Falles,
    in dem mich Leopold durch seine Gründlichkeit frappiert hat. Es
    schwebt mir außerdem etwas vor wie eine metastatische Affektion,
    aber es könnte auch eine Beziehung zu der Patientin sein, die ich
    an Stelle von Irma haben möchte. Diese Dame imitiert nämlich, soweit
    ich es übersehen kann, eine Tuberkulose.

    Eine infiltrirte Hautpartie an der linken Schulter.

    Ich weiß sofort, das ist mein eigener Schulterrheumatismus, den
    ich regelmäßig verspüre, wenn ich bis tief in die Nacht wach geblieben
    bin. Der Wortlaut im Traume klingt auch so zweideutig: was ich
    ... wie er spüre. Am eigenen Körper spüre, ist gemeint. Übrigens
    fällt mir auf, wie ungewöhnlich die Bezeichnung „infiltrirte Haut-
    partie“ klingt. An die „Infiltration links hinten oben“ sind wir
    gewöhnt; die bezöge sich auf die Lunge und somit wieder auf
    Tuberkulose.

  • S.

    80

    Trotz des Kleides. Das ist allerdings nur eine Einschaltung.
    Die Kinder im Krankeninstitut untersuchten wir natürlich entkleidet;
    es ist irgend ein Gegensatz zur Art, wie man erwachsene weibliche
    Patienten untersuchen muß. Von einem hervorragenden Kliniker
    pflegte man zu erzählen, daß er seine Patienten nur durch die Kleider
    physikalisch untersucht habe. Das Weitere ist mir dunkel, ich habe,
    offen gesagt, keine Neigung, mich hier tiefer einzulassen.

    Dr. M. sagt: Es ist eine Infektion, aber es macht
    nichts. Es wird noch Dysenterie hinzukommen und das
    Gift sich ausscheiden.

    Das erscheint mir zuerst lächerlich, muß aber doch, wie alles
    andere, sorgfältig zerlegt werden. Näher betrachtet, zeigt es doch
    eine Art von Sinn. Was ich an der Patientin gefunden habe, war
    eine lokale Diphtheritis. Aus der Zeit der Erkrankung meiner
    Tochter erinnere ich mich an die Diskussion über Diphtheritis und
    Diphtherie. Letztere ist die Allgemeininsektion, die von der lokalen
    Diphtheritis ausgeht. Eine solche Allgemeininsektion weist Leopold
    durch die Dämpfung nach, welche also an metastatische Herde den-
    ken läßt. Ich glaube zwar, daß gerade bei Diphtherie derartige
    Metastasen nicht vorkommen. Sie erinnern mich eher an Pyämie.

    Es macht nichts, ist ein Trost. Ich meine, er fügt sich
    folgendermaßen ein: Das letzte Stück des Traumes hat den Inhalt
    gebracht, daß die Schmerzen der Patientin von einer schweren orga-
    nischen Affektion herrühren. Es ahnt mir, daß ich auch damit nur
    die Schuld von mir abwälzen will. Für den Fortbestand diphtheriti-
    scher Leiden kann die psychische Kur nicht verantwortlich gemacht
    werden. Nun geniert es mich doch, daß ich Irma ein so schweres
    Leiden andichte, einzig und allein, um mich zu entlasten. Es sieht
    so grausam aus. Ich brauche also eine Versicherung des guten Aus-
    ganges, und es scheint mir nicht übel gewählt, daß ich den Trost
    gerade der Person des Dr. M. in den Mund lege. Ich erhebe mich
    aber hier über den Traum, was der Aufklärung bedarf.

    Warum ist dieser Trost aber so unsinnig?
    Dysenterie: Irgend eine fernliegende theoretische Vorstellung,
    daß Krankheitsstoffe durch den Darm entfernt werden können. Will
    ich damit über den Reichtum des Dr. M. an weit hergeholten
    Erklärungen, sonderbaren pathologischen Verknüpfungen, lustig ma-
    chen? Zu Dysenterie fällt mir noch etwas anderes ein. Vor einigen
    Monaten hatte ich einen jungen Mann mit merkwürdigen Stuhl-
    beschwerden übernommen, den anderen Kollegen als einen Fall von
    „Anämie mit Unterernährung“ behandelt hatten. Ich erkannte, daß
    es sich um eine Hysterie handle, wollte meine Psychotherapie nicht
    an ihm versuchen und schickte ihn auf eine Seereise. Nun bekam
    ich vor einigen Tagen einen verzweifelten Brief von ihm aus Ägypten,
    daß er dort einen neuen Anfall durchgemacht, den der Arzt für
    Dysenterie erklärt habe. Ich vermute zwar, die Diagnose ist nur ein
    Irrturn des unwissenden Kollegen, der sich von der Hysterie äffen
    läßt; aber ich konnte mir doch die Vorwürfe nicht ersparen, daß ich
    den Kranken in die Lage versetzt, sich zu seiner hysterischen Darm-
    affektion etwa noch eine organische zu holen. Dysenterie klingt

  • S.

    81

    ferner an Diphtherie an, welcher Name ††† im Traume nicht ge-
    nannt wird.

    Ja, es muß so sein, daß ich mich mit der tröstlichen Prognose:
    Es wird noch Dysenterie hinzukommen usw. über Dr. M. lustig
    mache, denn ich entsinne mich, daß er mir einmal vor Jahren etwas
    ganz Ähnliches von einem anderen Kollegen lachend erzählt hat. Er
    war zur Konsultation mit diesem Kollegen bei einem schwer Kranken
    berufen worden und fühlte sich veranlaßt, dem anderen, der sehr
    hoffnungsfreudig schien, vorzuhalten, daß er beim Patienten Eiweiß
    im Harne finde. Der Kollege ließ sich aber nicht irre machen,
    sondern antwortete beruhigt: Das macht nichts, Herr Kollege,
    der Eiweiß wird sich schon ausscheiden! – Es ist mir also nicht
    mehr zweifelhaft, daß in diesem Stück des Traumes ein Hohn auf die
    der Hysterie unwissenden Kollegen enthalten ist. Wie zur Bestätigung
    fährt mir jetzt durch den Sinn: Weiß denn Dr. M., daß die Er-
    scheinungen bei seiner Patientin, der Freundin Irmas, welche eine
    Tuberkulose befürchten lassen, auch auf Hysterie beruhen? Hat er
    diese Hysterie erkannt oder ist er ihr „aufgesessen“?

    Welches Motiv kann ich aber haben, diesen Freund so schlecht
    zu behandeln? Das ist sehr einfach: Dr. M. ist mit meiner „Lösung“
    bei Irma so wenig einverstanden wie Irma selbst. Ich habe also in
    diesem Traume bereits an zwei Personen Rache genommen, an Irma
    mit den Worten: Wenn du noch Schmerzen hast, ist es deine eigene
    Schuld, und an Dr. M. mit dem Wortlaute der ihm in den Mund
    gelegten unsinnigen Tröstung.

    Wir wissen unmittelbar, woher die Infektion rührt.
    Dies unmittelbare Wissen im Traume ist sehr merkwürdig. Eben
    vorhin wußten wir es noch nicht, da die Infektion erst durch Leopold
    nachgewiesen wurde.

    Freund Otto hat ihr, als sie sich unwohl fühlte, eine
    Injektion gegeben. Otto hatte wirklich erzählt, daß er in der
    kurzen Zeit seiner Anwesenheit bei Irmas Familie ins benachbarte
    Hotel geholt wurde, um dort jemandem, der sich plötzlich unwohl
    fühlte, eine Injektion zu machen. Die Injektionen erinnern mich
    wieder an den unglücklichen Freund, der sich mit Kokain vergiftet
    hat. Ich habe ihm das Mittel nur zur internen Anwendung während
    der Morphiumentziehung geraten; er machte sich aber unverzüglich
    Kokaininjektionen.

    Mit einem Propylpräparat . . . Propylen . . . Pro-
    pionsäure. Wie komme ich nur dazu? Am selben Abend, nach
    welchem ich an der Krankengeschichte geschrieben und darauf ge-
    träumt hatte, öffnete meine Frau eine Flasche Likör, auf welcher
    „Ananas“*) zu lesen stand und die ein Geschenk unseres Freundes
    Otto war. Er hat nämlich die Gewohnheit, bei allen möglichen An-
    lässen zu schenken; hoffentlich wird er einmal durch eine Frau davon

    *)„Ananas“ enthält übrigens einen deutlichen Anklang an den Familien-
    namen meiner Patientin Irma.

    Freud, Traumdeutung, 7. Aufl.

  • S.

    82

    II. Die Methode der Traumdeutung.

    kuriert*). Diesem Likör entströmte ein solcher Fuselgeruch, daß ich
    mich weigerte, davon zu kosten. Meine Frau meinte: Diese Flasche
    schenken wir den Dienstleuten, und ich, noch vorsichtiger, untersagte
    es mit der menschenfreundlichen Bemerkung, sie sollen sich auch
    nicht vergiften. Der Fuselgeruch (Amyl…) hat nun offenbar bei
    mir die Erinnerung an die ganze Reihe: Propyl, Methyl usw. ge-
    weckt, die für den Traum die Propylenpräparate lieferte. Ich habe
    dabei allerdings eine Substitution vorgenommen, Propyl geträumt,
    nachdem ich Amyl gerochen, aber derartige Substitutionen sind viel-
    leicht gerade in der organischen Chemie gestattet.

    Trimethylamin. Von diesem Körper sehe ich im Traume
    die chemische Formel, was jedenfalls eine große Anstrengung meines
    Gedächtnisses bezeugt, und zwar ist die Formel fett gedruckt, als
    wollte man aus dem Kontext etwas als ganz besonders wichtig heraus-
    heben. Worauf führt mich nun Trimethylamin, auf das ich in
    solcher Weise aufmerksam gemacht werde? Auf ein Gespräch mit
    einem anderen Freunde, der seit Jahren um all meine keimenden
    Arbeiten weiß, wie ich um die seinigen. Er hatte mir damals
    gewisse Ideen zu einer Sexualchemie mitgeteilt und unter anderen
    Annäherung eines Produktes des Sexualstoffwechsels glaube er im
    Trimethylamin zu erkennen. Dieser Körper führt mich also auf die
    Sexualität, auf jenes Moment, dem ich für die Entstehung der ner-
    vösen Affektionen, welche ich heilen will, die größte Bedeutung bei-
    lege. Meine Patientin Irma ist eine jugendliche Witwe; wenn es
    mir darum zu tun ist, den Mißerfolg der Kur bei ihr zu entschul-
    digen, werde ich mich wohl am besten auf diese Tatsache berufen,
    an welcher ihre Freunde gerne ändern möchten. Wie merkwürdig
    übrigens ein solcher Traum gefügt ist! Die andere, welche ich an
    Irmas Statt im Traume als Patientin habe, ist auch eine junge Witwe.

    Ich ahne, warum die Formel Trimethylamin im Traume sich
    so breit gemacht hat. Es kommt soviel Wichtiges in diesem einen
    Worte zusammen: Trimethylamin ist nicht nur eine Anspielung auf
    das übermächtige Moment der Sexualität, sondern auch auf eine
    Person, an deren Zustimmung ich mich mit Befriedigung erinnere,
    wenn ich mich mit meinen Ansichten verlassen fühle. Sollte dieser
    Freund, der in meinem Leben eine so große Rolle spielt, in dem
    Gedankenzusammenhang des Traumes weiter nicht vorkommen? Doch;
    er ist ein besonderer Kenner der Wirkungen, welche von Affektionen
    der Nase und ihren Nebenhöhlen ausgehen, und hat der Wissenschaft
    einige höchst merkwürdige Beziehungen der Nasenmuscheln zu den
    weiblichen Sexualorganen eröffnet. (Die drei krausen Gebilde im
    Halse bei Irma.) Ich habe Irma von ihm untersuchen lassen, ob ihre
    Magenschmerzen etwa nasalen Ursprunges sind. Er leidet aber selbst
    an Naseneiterungen, die mir Sorge bereiten, und darauf spielt wohl
    die Pyämie an, die mir bei den Metastasen des Traumes vorschwebt.


    *)Hierin erwies sich dieser Traum nicht als prophetisch. In anderem
    Sinne behielt er Recht, denn die „ungelösten“ Magenbeschwerden meiner Pa-
    tientin, an denen ich nicht Schuld haben wollte, waren die Vorläufer eines
    ernsthaften Gallensteinleidens.

  • S.

    83

    Man macht solche Injektionen nicht so leichtfertig.
    Hier wird der Vorwurf der Leichtfertigkeit unmittelbar gegen Freund
    Otto geschleudert. Ich glaube, etwas Ähnliches habe ich mir am
    Nachmittag gedacht, als er durch Wort und Blick seine Parteinahme
    gegen mich zu bezeugen schien. Es war etwa: Wie leicht er sich
    beeinflussen läßt; wie leicht er mit seinem Urteile fertig wird. –
    Außerdem deutet mir der obenstehende Satz wiederum auf den ver-
    storbenen Freund, der sich so rasch zu Kokaininjektionen entschloß.
    Ich hatte Injektionen mit dem Mittel, wie gesagt, gar nicht beab-
    sichtigt. Bei dem Vorwurfe, den ich gegen Otto erhebe, leichtfertig
    mit jenen chemischen Stoffen umzugehen, merke ich, daß ich wieder
    die Geschichte jener unglücklichen Mathilde berühre, aus der der
    selbe Vorwurf gegen mich hervorgeht. Ich sammle hier offenbar Bei-
    spiele für meine Gewissenhaftigkeit, aber auch fürs Gegenteil.

    Wahrscheinlich war auch die Spritze nicht rein. Noch
    ein Vorwurf gegen Otto, der aber anderswoher stammt. Gestern
    traf ich zufällig den Sohn einer 82jährigen Dame, der ich täglich
    zwei Morphiuminjektionen geben muß. Sie ist gegenwärtig auf dem
    Lande, und ich hörte über sie, daß sie an einer Venenentzündung
    leide. Ich dachte sofort daran, es handle sich um ein Infiltrat
    durch Verunreinigung der Spritze. Es ist mein Stolz, daß ich ihr
    in zwei Jahren nicht ein einziges Infiltrat gemacht habe; es ist
    freilich meine beständige Sorge, ob die Spritze auch rein ist. Ich
    bin eben gewissenhaft. Von der Venenentzündung komme ich wieder
    auf meine Frau, die in einer Schwangerschaft an Venenstauungen
    gelitten, und nun tauchen in meiner Erinnerung drei ähnliche Si-
    tuationen, mit meiner Frau, mit Irma und der verstorbenen Mathilde
    auf, deren Identität mir offenbar das Recht gegeben hat, die drei
    Personen im Traume füreinander einzusetzen.

    Ich habe nun die Traumdeutung vollendet*). Während dieser
    Arbeit hatte ich Mühe, mich all der Einfälle zu erwehren, zu denen
    der Vergleich zwischen dem Trauminhalt und den dahinter versteckten
    Traumgedanken die Anregung geben mußte. Auch ist mir unterdes-
    sen der „Sinn“ des Traumes aufgegangen. Ich habe eine Absicht gemerkt,
    welche durch den Traum verwirklicht wird, und die das Motiv des
    Träumens gewesen sein muß. Der Traum erfüllt einige Wünsche,
    welche durch die Ereignisse des letzten Abends (die Nachricht Ottos,
    die Niederschrift der Krankengeschichte) in mir rege gemacht worden
    sind. Das Ergebnis des Traumes ist nämlich, daß ich nicht schuld
    bin an dem noch vorhandenen Leiden Irmas, und daß Otto daran
    schuld ist. Nun hat mich Otto durch seine Bemerkung über Irmas
    unvollkommene Heilung geärgert; der Traum rächt mich an ihm,
    indem er den Vorwurf gegen ihn selbst zurückwendet. Von der Ver-
    antwortung für Irmas Befinden spricht der Traum mich frei, indem
    er dasselbe auf andere Momente (gleich eine ganze Reihe von Be-
    gründungen) zurückführt. Der Traum stellt einen gewisser Sach-
     

    *)Wenn ich auch, wie begreiflich, nicht alles mitgeteilt habe, was mir
    zur Deutungsarbeit eingefallen ist.

  • S.

    84

    II. Die Methode der Traumdeutung.

    verhalt so dar, wie ich ihn wünschen möchte; sein Inhalt ist
    also eine Wunscherfüllung, sein Motiv ein Wunsch.
    Soviel springt in die Augen. Aber auch von den Details des
    Traumes wird mir manches unter dem Gesichtspunkte der Wunsch-
    erfüllung verständlich. Ich räche mich nicht nur an Otto für seine
    voreilige Parteinahme gegen mich, indem ich ihm eine voreilige ärzt-
    liche Handlung zuschiebe (die Injektion), sondern ich nehme auch
    Rache an ihm für den schlechten Likör, der nach Fusel duftet, und
    ich finde im Traume einen Ausdruck, der beide Vorwürfe vereint:
    die Injektion mit einem Propylenpräparat. Ich bin noch nicht be-
    friedigt, sondern setze meine Rache fort, indem ich ihm seinen
    verlässlicheren Konkurrenten gegenüberstelle. Ich scheine damit zu
    sagen: Der ist mir lieber als du. Otto ist aber nicht der einzige, der
    die Schwere meines Zornes zu fühlen hat. Ich räche mich auch
    an der unfolgsamen Patientin, indem ich sie mit einer klügeren,
    gefügigeren vertausche. Ich lasse auch dem Dr. M. seinen Wider-
    spruch nicht ruhig hingehen, sondern drücke ihm in einer deutlichen
    Anspielung meine Meinung aus, daß er der Sache als ein Unwissen-
    der gegenübersteht (,,es wird Dysenterie hinzutreten usw.“). Ja, mir
    scheint, ich appelliere von ihm weg an einen anderen, Besserwissen-
    den (meinen Freund, der mir vom Trimethylamin erzählt hat), wie
    ich von Irma an ihre Freundin, von Otto an Leopold mich gewendet
    habe. Schafft mir diese Personen weg, ersetzt sie mir durch drei
    andere meiner Wahl, dann bin ich der Vorwürfe ledig, die ich nicht
    verziehen haben will! Die Grundlosigkeit dieser Vorwürfe selbst wird
    mir im Traume auf die weitläufigste Art erwiesen. Irmas Schmer-
    zen fallen nicht mir zur Last, denn sie ist selber schuld an ihnen,
    indem sie meine Lösung anzunehmen verweigert. Irmas Schmerzen
    gehen mich nichts an, denn sie sind organischer Natur, durch eine
    psychische Kur gar nicht heilbar. Irmas Leiden erklären sich be-
    friedigend durch ihre Witwenschaft (Trimethylamin!), woran ich
    ja nichts ändern kann. Irmas Leiden ist durch eine unvorsichtige
    Injektion von Seite Ottos hervorgerufen worden mit einem dazu
    nicht geeigneten Stoff, wie ich sie nie gemacht hätte. Irmas Leiden
    rührt von einer Injektion mit unreiner Spritze her, wie die Venen-
    entzündung meiner alten Dame, während ich bei meinen Injek- für Irmas Leiden, die darin zusammentreffen, mich zu entlasten,
    stimmen untereinander nicht zusammen, ja sie schließen einander aus.
    Das ganze Plaidoyer – nichts anderes ist dieser Traum – er-
    innert lebhaft an die Verteidigung des Mannes, der von seinem Nach-- zweitens war der Kessel schon durchlöchert, wie er ihn entlehnte,
    drittens hatte er nie einen Kessel vom Nachbar entlehnt. Aber um so
    besser; wenn nur eine dieser drei Verteidigungsarten stichhaltig er- Es spielen in den Traum noch andere Themata hinein, deren
    Beziehung zu meiner Entlastung von Irmas Krankheit nicht so durch--

  • S.

    85

    namigen Patientin, die Kokainschädlichkeit, die Affektion meines in
    Ägypten reisenden Patienten, die Sorge um die Gesundheit meiner
    Frau, meines Bruders, des Dr. M., meine eigenen Körperbeschwerden,
    die Sorge um den abwesenden Freund, der an Naseneiterungen
    leidet. Doch wenn ich all das ins Auge fasse, fügt es sich zu einem
    einzigen Gedankenkreis zusammen, etwa mit der Etikette: Sorge
    um die Gesundheit, eigene und fremde, ärztliche Gewissenhaftigkeit.
    Ich erinnere mich an eine unklare peinliche Empfindung, als mir
    Otto die Nachricht von Irmas Befinden brachte. Aus dem im Traume
    mitspielenden Gedankenkreis möchte ich nachträglich den Ausdruck
    für diese flüchtige Empfindung einsetzen. Es ist, als ob er mir ge-
    sagt hätte: Du nimmst deine ärztlichen Pflichten nicht ernsthaft genug,
    bist nicht gewissenhaft, hältst nicht, was du versprichst. Daraufhin
    hätte sich mir jener Gedankenkreis zur Verfügung gestellt, damit
    ich den Nachweis erbringen könne, in wie hohem Grade ich ge-
    wissenhaft bin, wie sehr mir die Gesundheit meiner Angehörigen,
    Freunde und Patienten am Herzen liegt. Bemerkenswerterweise sind
    unter diesem Gedankenmaterial auch peinliche Erinnerungen, die
    eher für die meinem Freunde Otto zugeschriebene Beschuldigung als
    für meine Entschuldigung sprechen. Das Material ist gleichsam un-
    parteiisch, aber der Zusammenhang dieses breiteren Stoffes, auf dem
    der Traum ruht, mit dem engeren Thema des Traumes, aus dem
    der Wunsch hervorgegangen ist, an Irmas Krankheit unschuldig zu
    sein, ist doch unverkennbar.

    Ich will nicht behaupten, daß ich den Sinn dieses Traumes voll-
    ständig aufgedeckt habe, daß seine Deutung eine lückenlose ist.

    Ich könnte noch lange bei ihm verweilen, weitere Aufklärungen
    aus ihm entnehmen und neue Rätsel erörtern, die er aufwerfen heißt.
    Ich kenne selbst die Stellen, von denen aus weitere Gedanken-
    zusammenhänge zu verfolgen sind; aber Rücksichten, wie sie bei
    jedem eigenen Traume in Betracht kommen, halten mich von der
    Deutungsarbeit ab. Wer mit dem Tadel für solche Reserve rasch
    bei der Hand ist, der möge nur selbst versuchen, aufrichtiger zu
    sein als ich. Ich begnüge mich für den Moment mit der einen neu-
    gewonnenen Erkenntnis: Wenn man die hier angezeigte Methode
    der Traumdeutung befolgt, findet man, daß der Traum wirklich einen
    Sinn hat und keineswegs der Ausdruck einer zerbröckelten Hirn-
    tätigkeit ist, wie die Autoren wollen. Nach vollendeter Deu-
    tungsarbeit läßt sich der Traum als eine Wunscherfüllung
    erkennen.