S.
IV.
Die Traumentstellung.
Wenn ich nun die Behauptung aufstelle, daß Wunscherfüllung
der Sinn eines jeden Traumes sei, daß es also keine anderen als
Wunschträume geben kann, so bin ich des entschiedensten Wider-
spruches im vorhinein sicher. Man wird mir entgegenhalten: Daß
es Träume gibt, welche als Wunscherfüllungen zu verstehen sind,
ist nicht neu, sondern längst von den Autoren bemerkt worden. (Vgl.
Radestock [p. 137 bis 138], Volkelt [p. 110 bis 111], Purkinje
[p. 456], Tissié [p. 70], M. Simon [p. 42 über die Hungerträume
des eingekerkerten Barons Trenck] und die Stelle bei Griesinger
[p. 111].*) Daß es aber nichts anderes als Wunscherfüllungsträume
geben soll, das ist wieder eine ungerechtfertigte Verallgemeinerung,
die sich aber zum Glück leicht zurückweisen läßt. Es kommen doch
reichlich genug Träume vor, welche den peinlichsten Inhalt erkennen
lassen, aber keine Spur irgend einer Wunscherfüllung. Der pessi-
mistische Philosoph Ed. v. Hartmann steht wohl der Wunscherfül-
lungstheorie am fernsten. Er äußert in seiner Philosophie des Un-
bewußten, II. Teil (Stereotypausgabe, p. 344):
„Was den Traum betrifft, so treten mit ihm alle Plackereien
des wachen Lebens auch in den Schlafzustand hinüber, nur das ein-
zige nicht, was den Gebildeten einigermaßen mit dem Leben aus-
söhnen kann: wissenschaftlicher und Kunst-Genuß…“ Aber auch
minder unzufriedene Beobachter haben hervorgehoben, daß im Traume
Schmerz und Unlust häufiger seien als Lust, so Scholz (p. 33), Vol-
kelt (p. 80) u. a. Ja die Damen Sarah Weed und Florence Hal-
lam haben aus der Bearbeitung ihrer Träume einen ziffernmäßigen
Ausdruck für das Überwiegen der Unlust in den Träumen entnommen.
Sie bezeichnen 58% der Träume als peinlich und nur 28.6% als
positiv angenehm. Außer diesen Träumen, welche die mannigfaltigen
peinlichen Gefühle des Lebens in den Schlaf fortsetzen, gibt es auch
Angstträume, in denen uns diese entsetzlichste aller Unlustempfin-
dungen schüttelt, bis wir erwachen, und von solchen Angstträumen
werden gerade die Kinder so leicht heimgesucht (vgl. Debacker,
Über den Pavor nocturnus), bei denen wir die Wunschträume un-
verhüllt gefunden haben.Wirklich scheinen gerade die Angstträume eine Verallgemeine-
rung des Satzes, den wir aus den Beispielen des vorigen Abschnittes
gewonnen haben, der Traum sei eine Wunscherfüllung, unmöglich
zu machen, ja diesen Satz als Absurdität zu brandmarken.Dennoch ist es nicht sehr schwer, sich diesen anscheinend zwin-
genden Einwänden zu entziehen. Man wolle bloß beachten, daß unsere
Lehre nicht auf der Würdigung des manifesten Trauminhaltes be-* Schon der Neuplatoniker Plotin sagte: „Wenn die Begierde sich regt,
dann kommt die Phantasie und präsentiert uns gleichsam das Objekt derselben“
(Du Prel, p. 276).S.
95
ruht, sondern sich auf den Gedankeninhalt bezieht, welcher durch die
Deutungsarbeit hinter dem Traume erkannt wird. Stellen wir mani-
fester und latenten Trauminhalt einander gegenüber. Es ist
richtig, daß es Träume gibt, deren manifester Inhalt von der pein-
lichsten Art ist. Aber hat jemand versucht, diese Träume zu deuten,
den latenten Gedankeninhalt derselben aufzudecken? Wenn aber nicht,
dann treffen uns die beiden Einwände nicht mehr; es bleibt immerhin
möglich, daß auch peinliche und Angstträume sich nach der Deu-
tung als Wunscherfüllungen enthüllen*.Bei wissenschaftlicher Arbeit ist es oft von Vorteil, wenn die
Lösung des einen Problems Schwierigkeiten bereitet, ein zweites
hinzuzunehmen, etwa wie man zwei Nüsse leichter miteinander als
einzeln aufknackt. So stehen wir nicht nur vor der Frage: Wie
können peinliche und Angstträume Wunscherfüllungen sein, son-
dern wir können auch aus unseren bisherigen Erörterungen über den
Traum eine zweite Frage aufwerfen: Warum zeigen die Träume
indifferenten Inhalts, welche sich als Wunscherfüllungen ergeben,
diesen ihren Sinn nicht unverhüllt? Man nehme den weitläufig be-
handelten Traum von Irmas Injektion, er ist keineswegs peinlicher
Natur, er ist durch die Deutung als eklatante Wunscherfüllung zu
erkennen. Wozu bedarf es aber überhaupt einer Deutung? Warum
sagt der Traum nicht direkt, was er bedeutet? Tatsächlich macht auch
der Traum von Irmas Injektion zunächst nicht den Eindruck, daß
er einen Wunsch des Träumers als erfüllt darstellt. Der Leser wird
diesen Eindruck nicht bekommen haben, aber auch ich selbst wußte
es nicht, ehe ich die Analyse angestellt hatte. Heißen wir dieses der
Erklärung bedürftige Verhalten des Traumes: die Tatsache der
Traumentstellung, so erhebt sich also die zweite Frage: Wovon
rührt diese Traumentstellung her?Wenn man hierüber seine ersten Einfälle befragt, könnte man
auf verschiedene mögliche Lösungen geraten, z. B. daß während des
Schlafes ein Unvermögen bestehe, den Traumgedanken einen ent-
sprechenden Ausdruck zu schaffen. Allein die Analyse gewisser
Träume nötigt uns, für die Traumentstellung eine andere Erklärung
zuzulassen. Ich will dies an einem zweiten Traume von mir selbst
zeigen, welcher wiederum vielfache Indiskretionen erfordert, aber für*Es ist ganz unglaublich, mit welcher Hartnäckigkeit sich Leser und
Kritiker dieser Erwägung verschließen und die grundlegende Unterschei-
dung von manifestem und latentem Trauminhalt unbeachtet lassen. – Keine der in
der Literatur niedergelegten Äußerungen kommt aber dieser meiner Aufstel-
lung so sehr entgegen wie eine Stelle in J. Sullys Aufsatz: „Dreams as a revelation“,
deren Verdienst dadurch nicht geschmälert werden soll, daß ich sie erst hier
anführe: „It would seem then, after all, that dreams are not the utter non–
sense they have been said to be by such authorities as Chaucer, Shakespeare and
Milton. The chaotic aggregations of our nightfancy have a significance and
communicate new knowledge. Like some letter in cipher, the dream–
inscription when scrutinised closely loses its first look of
balderdash and takes on the aspect of a serious, intelligible
message. Or, to vary the figure slightly, we may say that, like
some palimpsest, the dream discloses beneath its worthless
surface–characters traces of an old and precious communica–
tion“ (p. 364).S.
96
dies persönliche Opfer durch eine gründliche Aufhellung des Problems
entschädigt.Vorbericht: Im Frühjahr 1897 erfuhr ich, daß zwei Pro-
fessoren unserer Universität mich für die Ernennung zum Prof.
extraord. vorgeschlagen hatten. Diese Nachricht kam mir über-
raschend und erfreute mich lebhaft als Ausdruck einer durch persön-
liche Beziehungen nicht aufzuklärenden Anerkennung von Seite
zweier hervorragender Männer. Ich sagte mir aber sofort, daß ich
an dieses Ereignis keine Erwartungen knüpfen dürfe. Das Ministerium
hatte in den letzten Jahren Vorschläge solcher Art unberücksichtigt
gelassen, und mehrere Kollegen, die mir an Jahren voraus waren und
an Verdiensten mindestens gleichkamen, warteten seitdem vergebens
auf ihre Ernennung. Ich hatte keinen Grund anzunehmen, daß es mir
besser ergehen würde. Ich beschloß also bei mir, mich zu trösten.
Ich bin, soviel ich weiß, nicht ehrgeizig, übe meine ärztliche Tätig-
keit mit zufriedenstellendem Erfolge aus, auch ohne daß mich ein
Titel empfiehlt. Es handelte sich übrigens gar nicht darum, ob ich
die Trauben für süß oder sauer erklärte, da sie unzweifelhaft zu hoch
für mich hingen.Eines Abends besuchte mich ein befreundeter Kollege, einer von
denjenigen, deren Schicksal ich mir zur Warnung hatte dienen lassen.
Seit längerer Zeit ein Kandidat für die Beförderung zum Professor,
die den Arzt in unserer Gesellschaft zum Halbgott für seine Kranken
erhebt, und minder resigniert als ich, pflegte er von Zeit zu Zeit
seine Vorstellung in den Bureaus des hohen Ministeriums zu machen,
um seine Angelegenheit zu fördern. Von einem solchen Besuche
kam er zu mir. Er erzählte, daß er diesmal den hohen Herrn in
die Enge getrieben und ihn geradeheraus befragt habe, ob an dem
Aufschub seiner Ernennung wirklich – konfessionelle Rücksichten
die Schuld trügen. Die Antwort hatte gelautet, daß allerdings – bei
der gegenwärtigen Strömung – Se. Exzellenz vorläufig nicht in der
Lage sei usw. „Nun weiß ich wenigstens, woran ich bin,“ schloß
mein Freund seine Erzählung, die mir nichts Neues brachte, mich
aber in meiner Resignation bestärken mußte. Dieselben konfessionellen
Rücksichten sind nämlich auch auf meinen Fall anwendbar.Am Morgen nach diesem Besuche hatte ich folgenden Traum,
der auch durch seine Form bemerkenswert war. Er bestand aus zwei
Gedanken und zwei Bildern, so daß ein Gedanke und ein Bild einander
ablösten. Ich setze aber nur die erste Hälfte des Traumes hieher, da
die andere mit der Absicht nichts zu tun hat, welcher die Mitteilung
des Traumes dienen soll.I. Freund R. ist mein Onkel. – Ich empfinde große
Zärtlichkeit für ihn.II. Ich sehe sein Gesicht etwas verändert vor mir. Es
ist wie in die Länge gezogen; ein gelber Bart, der es um-
rahmt, ist besonders deutlich hervorgehoben.Dann folgen die beiden anderen Stücke, wieder ein Gedanke und
ein Bild, die ich übergehe.Die Deutung dieses Traumes vollzog sich folgendermaßen:
S.
97
Als mir der Traum im Laufe des Vormittags einfiel, lachte ich
auf und sagte: Der Traum ist ein Unsinn. Er ließ sich aber nicht
abtun und ging mir den ganzen Tag nach, bis ich mir endlich am
Abend Vorwürfe machte: „Wenn einer deiner Patienten zur Traum-
deutung nichts zu sagen wüßte als: Das ist ein Unsinn, so würdest
du es ihm verweisen und vermuten, daß sich hinter dem Traume
eine unangenehme Geschichte versteckt, welche zur Kenntnis zu neh-
men er sich ersparen will. Verfahre mit dir selbst ebenso; deine
Meinung, der Traum sei ein Unsinn, bedeutet nur einen inneren
Widerstand gegen die Traumdeutung. Laß dich nicht abhalten.“ Ich
machte mich also an die Deutung.„R. ist mein Onkel.“ Was kann das heißen? Ich habe doch nur
einen Onkel gehabt, den Onkel Josef*). Mit dem war’s aller-
dings eine traurige Geschichte. Er hatte sich einmal, es sind mehr als
30 Jahre her, in gewinnsüchtiger Absicht zu einer Handlung ver-
leiten lassen, welche das Gesetz schwer bestraft und wurde dann auch
von der Strafe betroffen. Mein Vater, der damals aus Kummer in
wenigen Tagen grau wurde, pflegte immer zu sagen, Onkel Josef
sei nie ein schlechter Mensch gewesen, wohl aber ein Schwachkopf;
so drückte er sich aus. Wenn also Freund R. mein Onkel Josef ist,
so will ich damit sagen: R. ist ein Schwachkopf. Kaum glaublich
und sehr unangenehm! Aber da ist ja jenes Gesicht, das ich im
Traume sehe, mit den länglichen Zügen und dem gelben Barte. Mein
Onkel hatte wirklich so ein Gesicht, länglich von einem schönen
blonden Barte umrahmt. Mein Freund R. war intensiv schwarz,
aber wenn die Schwarzhaarigen zu ergrauen anfangen, so büßen sie
für die Pracht ihrer Jugendjahre. Ihr schwarzer Bart macht Haar
für Haar eine unerfreuliche Farbenwanderung durch; er wird zuerst
rotbraun, dann gelbbraun, dann erst definitiv grau. In diesem Stadium
befindet sich jetzt der Bart meines Freundes R.; übrigens auch schon
der meinige, wie ich mit Mißvergnügen bemerke. Das Gesicht, das
ich im Traume sehe, ist gleichzeitig das meines Freundes R. und
das meines Onkels. Es ist wie eine Mischphotographie von Galton,
der, um Familienähnlichkeiten zu eruieren, mehrere Gesichter auf
die nämliche Platte photographieren ließ. Es ist also kein Zweifel
möglich. Ich meine wirklich, daß mein Freund R. ein Schwachkopf
ist – wie mein Onkel Josef.Ich ahne noch gar nicht, zu welchem Zwecke ich diese Be-
ziehung hergestellt, gegen die ich mich unausgesetzt sträuben muß.
Sie ist doch nicht sehr tiefgehend, denn der Onkel war ein Verbrecher,
mein Freund R. ist unbescholten. Etwa bis auf die Bestrafung dafür,
daß er mit dem Rade einen Lehrbuben niedergeworfen. Sollte ich
diese Untat meinen? Das hieße die Vergleichung ins Lächerliche
ziehen. Da fällt mir aber ein anderes Gespräch ein, das ich vor
einigen Tagen mit einem anderen Kollegen N., und zwar über das
*)Es ist merkwürdig, wie sich hier meine Erinnerung – im Wachen –
für die Zwecke der Analyse einschränkt. Ich habe fünf von meinen Onkeln ge-
kannt, einen von ihnen geliebt und geehrt. In dem Augenblicke aber, da ich den
Widerstand gegen die Traumdeutung überwunden habe, sage ich mir: Ich habe
doch nur einen Onkel gehabt, den, der eben im Traume gemeint ist.S.
98
IV. Die Traumentstellung.
gleiche Thema hatte. Ich traf N. auf der Straße; er ist auch zum Pro-
fessor vorgeschlagen, wußte von meiner Ehrung und gratulierte mir
dazu. Ich lehnte entschieden ab: „Gerade Sie sollten sich den Scherz
nicht machen, da Sie den Wert des Vorschlages an sich selbst erfahren
haben.“ Er darauf, wahrscheinlich nicht ernsthaft: „Das kann man
nicht wissen. Gegen mich liegt ja etwas Besonderes vor. Wissen Sie
nicht, daß eine Person einmal eine gerichtliche Anzeige gegen mich
erstattet hat? Ich brauche Ihnen nicht zu versichern, daß die Unter-
suchung eingestellt wurde; es war ein gemeiner Erpressungsversuch;
ich hatte noch alle Mühe, die Anzeigerin selbst vor Bestrafung zu
retten. Aber vielleicht macht man im Ministerium diese Angelegen-
heit gegen mich geltend, um mich nicht zu ernennen. Sie aber, Sie
sind unbescholten.“ Da habe ich ja den Verbrecher, gleichzeitig aber
auch die Deutung und Tendenz meines Traumes. Mein Onkel Josef
stellt mir da beide nicht zu Professoren ernannte Kollegen dar, den
einen als Schwachkopf, den anderen als Verbrecher. Ich weiß jetzt
auch, wozu ich diese Darstellung brauche. Wenn für den Aufschub
der Ernennung meiner Freunde R. und N. „konfessionelle“ Rück-
sichten maßgebend sind, so ist auch meine Ernennung in Frage ge-
stellt; wenn ich aber die Zurückweisung der beiden auf andere
Gründe schieben kann, die mich nicht treffen, so bleibt mir die
Hoffnung ungestört. So verfährt mein Traum, er macht den einen,
R., zum Schwachkopf, den anderen, N., zum Verbrecher; ich bin
aber weder das eine noch das andere; unsere Gemeinsamkeit ist
aufgehoben, ich darf mich auf meine Ernennung zum Professor
freuen und bin der peinlichen Anwendung entgangen, die ich aus
R.s Nachricht, was ihm der hohe Beamte bekannt, für meine eigene
Person hätte machen müssen.Ich muß mich mit der Deutung dieses Traumes noch weiter
beschäftigen. Es ist für mein Gefühl noch nicht befriedigend er-
ledigt, ich bin noch immer nicht über die Leichtigkeit beruhigt, mit
der ich zwei geachtete Kollegen degradiere, um mir den Weg zur
Professur frei zu halten. Meine Unzufriedenheit mit meinem Vor-
gehen hat sich bereits ermäßigt, seitdem ich den Wert der Aussagen
im Traume zu würdigen weiß. Ich würde gegen jedermann bestreiten,
daß ich R. wirklich für einen Schwachkopf halte, und daß ich an
N.s Darstellung jener Erpressungsaffäre nicht glaube. Ich glaube ja
auch nicht, daß Irma durch eine Injektion Ottos mit einem Propylen-
präparat gefährlich krank geworden ist; es ist hier wie dort nur
mein Wunsch, daß es sich so verhalten möge, den mein Traum
ausdrückt. Die Behauptung, in welcher sich mein Wunsch realisiert,
klingt im zweiten Traume minder absurd als im ersten; sie ist hier
in geschickter Benützung tatsächlicher Anhaltspunkte geformt, etwa
wie eine gut gemachte Verleumdung, an der „etwas daran ist“, denn
Freund R. hatte seinerzeit das Votum eines Fachprofessors gegen sich,
und Freund N. hat mir das Material für die Anschwärzung arglos
selbst geliefert. Dennoch, ich wiederhole es, scheint mir der Traum
weiterer Aufklärung bedürftig.Ich entsinne mich jetzt, daß der Traum noch ein Stück enthielt,
auf welches die Deutung bisher keine Rücksicht genommen hat. Nach-
S.
99
dem mir eingefallen. R. ist mein Onkel, empfinde ich im Traume
warme Zärtlichkeit für ihn. Wohin gehört diese Empfindung? Für
meinen Onkel Josef habe ich zärtliche Gefühle natürlich niemals
gehabt. Freund R. ist mir seit Jahren lieb und teuer; aber käme
ich zu ihm und drückte ihm meine Zuneigung in Worten aus, die
annähernd dem Grad meiner Zärtlichkeit im Traume entsprechen, so
wäre er ohne Zweifel erstaunt. Meine Zärtlichkeit gegen ihn erscheint
mir unwahr und übertrieben, ähnlich wie mein Urteil über seine
geistigen Qualitäten, das ich durch die Verschmelzung seiner Persön-
lichkeit mit der des Onkels ausdrücke, aber in entgegengesetztem
Sinne übertrieben. Nun dämmert mir aber ein neuer Sachverhalt.
Die Zärtlichkeit des Traumes gehört nicht zum latenten Inhalt, zu
den Gedanken hinter dem Traume; sie steht im Gegensatze zu diesem
Inhalt; sie ist geeignet, mir die Kenntnis der Traumdeutung zu ver-
decken. Wahrscheinlich ist gerade dies ihre Bestimmung. Ich er-
innere mich, mit welchem Widerstand ich an die Traumdeutung ging,
wie lange ich sie aufschieben wollte und den Traum für baren Un-
sinn erklärte. Von meinen psychoanalytischen Behandlungen her weiß
ich, wie ein solches Verwerfungsurteil zu deuten ist. Es hat keinen
Erkenntniswert, sondern bloß den einer Affektäußerung. Wenn meine
kleine Tochter einen Apfel nicht mag, den man ihr angeboten hat,
so behauptet sie, der Apfel schmeckt bitter, ohne ihn auch nur ge-
kostet zu haben. Wenn meine Patienten sich so benehmen wie die
Kleine, so weiß ich, daß es sich bei ihnen um eine Vorstellung han-
delt, welche sie verdrängen wollen. Dasselbe gilt für meinen Traum.
Ich mag ihn nicht deuten, weil die Deutung etwas enthält, wogegen
ich mich sträube. Nach vollzogener Traumdeutung erfahre ich, wo-
gegen ich mich gesträubt hatte; es war die Behauptung, daß R.
ein Schwachkopf ist. Die Zärtlichkeit, die ich gegen R. empfinde,
kann ich nicht auf die latenten Traumgedanken, wohl aber auf dies
mein Sträuben zurückführen. Wenn mein Traum im Vergleiche zu
seinem latenten Inhalt in diesem Punkte entstellt, und zwar ins Gegen-
sätzliche entstellt ist, so dient die im Traume manifeste Zärtlichkeit
dieser Entstellung oder, mit anderen Worten, die Entstellung erweist
sich hier als absichtlich, als ein Mittel der Verstellung. Meine
Traumgedanken enthalten eine Schmähung für R.; damit ich dies
nicht merke, gelangt in den Traum das Gegenteil, ein zärtliches
Empfinden für ihn.Es könnte dies eine allgemein gültige Erkenntnis sein. Wie die
Beispiele in Abschnitt III gezeigt haben, gibt es ja Träume, welche
unverhüllte Wunscherfüllungen sind. Wo die Wunscherfüllung un-
kenntlich verkleidet ist, da müßte eine Tendenz zur Abwehr gegen
diesen Wunsch vorhanden sein, und infolge dieser Abwehr könnte
der Wunsch sich nicht anders als entstellt zum Ausdruck bringen.
Ich will zu diesem Vorkommnis aus dem psychischen Binnenleben
das Seitenstück aus dem sozialen Leben suchen. Wo findet man im
sozialen Leben eine ähnliche Entstellung eines psychischen Aktes?
Nur dort, wo es sich um zwei Personen handelt, von denen die eine
eine gewisse Macht besitzt, die zweite wegen dieser Macht eine Rück-
sicht zu nehmen hat. Diese zweite Person entstellt dann ihre psychi-
S.
100
schen Akte oder, wie wir auch sagen können, sie verstellt-
sich. Die Höflichkeit, die ich alle Tage übe, ist zum guten Teile eine
solche Verstellung; wenn ich meine Träume für den Leser deute,
bin ich zu solchen Entstellungen genötigt. Über den Zwang zu sol-
cher Entstellung klagt auch der Dichter:
„Das Beste, was du wissen kannst, darfst du den Buben doch
nicht sagen.“In ähnlicher Lage befindet sich der politische Schriftsteller, der
den Machthabern unangenehme Wahrheiten zu sagen hat. Wenn er
sie unverhohlen sagt, wird der Machthaber seine Äußerung unter-
drücken, nachträglich, wenn es sich um mündliche Äußerung handelt,
präventiv, wenn sie auf dem Wege des Druckes kundgegeben wer-
den soll. Der Schriftsteller hat die Zensur zu fürchten, er ermäßigt
und entstellt darum den Ausdruck seiner Meinung. Je nach der
Stärke und Empfindlichkeit dieser Zensur sieht er sich genötigt, ent-
weder bloß gewisse Formen des Angriffes einzuhalten oder in An-
spielungen anstatt in direkten Bezeichnungen zu reden, oder er muß
seine anstößige Mitteilung hinter einer harmlos erscheinenden Ver-
kleidung verbergen; er darf z. B. von Vorfällen zwischen zwei Man-br>nern im Reiche der Mitte erzählen, während er die Beamten des
Vaterlandes im Auge hat. Je strenger die Zensur waltet, desto weit-
gehender wird die Verkleidung, desto witziger oft die Mittel, welche
den Leser doch auf die Spur der eigentlichen Bedeutung leiten*).Die bis ins einzelne durchzuführende Übereinstimmung zwischen
den Phänomenen der Zensur und denen der Traumentstellung gibt*)Frau Dr. H. v. Hug-Hellmuth hat im Jahre 1915 (Internat. Zeitschr.
f. ärztl. Psychoanalyse III) einen Traum mitgeteilt, der vielleicht wie kein
anderer geeignet ist, meine Namengebung zu rechtfertigen. Die Traumentstel-
lung arbeitet in diesem Beispiel mit demselben Mittel wie die Briefzensur,
um die Stellen auszulöschen, die ihr anstößig erscheinen. Die Briefzensur macht
solche Stellen durch Überstreichen unlesbar, die Traumzensur ersetzt sie durch
ein unverständliches Gemurmel.Zum Verständnis des Traumes sei mitgeteilt, daß die Träumerin, eine
hochgesehene, feingebildete Dame, fünfzig Jahre zählt, Witwe eines vor un-
gefähr zwölf Jahren verstorbenen höheren Offiziers und Mutter erwachsener
Söhne ist, deren einer zur Zeit des Traumes im Felde steht.Und nun der Traum von den „Liebesdiensten“. „Sie geht ins Gar-
nisonsspital Nr. 1 und sagt den Posten beim Tor, sie müsse den Oberarzt
(sie nennt einen ihr unbekannten Namen) sprechen, da sie im Spitale Dienst
tun wolle. Dabei betont sie das Wort ‚Dienst‘ so, daß die Unteroffiziere sofort
merkt, es handle sich um ‚Liebesdienste‘. Da sie eine alte Frau ist, läßt er
sie nach einigem Zögern passieren. Statt aber zum Oberarzt zu kommen, gelangt
sie in ein großes, düsteres Zimmer, in dem viele Offiziere und Militärärzte an
einem langen Tisch stehen und sitzen. Sie wendet sich mit ihrem Antrag
an einen Stabsarzt, der sie nach wenigen Worten schon versteht. Der Wort-
laut ihrer Rede im Traum ist: ‚Ich und zahlreiche andere Frauen und junge
Mädchen Wiens sind bereit, den Soldaten, Mannschaft und Offiziere ohne
Unterschied, … Hier folgt im Traum ein Gemurmel. Daß dasselbe aber von
allen Anwesenden richtig verstanden wird, zeigen ihr die teils verlegenen, teils
hämischen Mienen der Offiziere. Die Dame fährt fort: ‚Ich weiß, daß unser
Entschluß befremdend klingt, aber es ist uns bitterernst. Der Soldat im Feld
wird auch nicht gefragt, ob er sterben will oder nicht.‘ Ein minutenlanges pein-
liches Schweigen folgt. Der Stabsarzt legt ihr den Arm um die Mitte und sagt:
‚Gnädige Frau, nehmen Sie den Fall, es würde tatsächlich dazu kommen, …
(Gemurmel). Sie entzieht sich seinem Arm mit dem Gedanken: Es ist dochS.
101
Die Traumzensur.
uns die Berechtigung, ähnliche Bedingungen für beide vorauszusetzen.
Wir würden also als die Urheber der Traumgestaltung zwei psychische
Mächte (Strömungen, Systeme) im Einzelmenschen annehmen, von
denen die eine den durch den Traum zum Ausdruck gebrachten
Wunsch bildet, während die andere eine Zensur an diesem Traum-
wunsche übt und durch diese Zensur eine Entstellung seiner Äußerung
erzwingt. Es fragt sich nur, worin die Machtbefugnis dieser zweiten
Instanz besteht, kraft deren sie ihre Zensur ausüben darf. Wenn wir
uns erinnern, daß die latenten Traumgedanken vor der Analyse nicht
bewußt sind, der von ihnen ausgehende manifeste Trauminhalt aber
als bewußt erinnert wird, so liegt die Annahme nicht fern, daß Vor-
recht der zweiten Instanz sei eben die Zulassung zum Bewußtsein.
Aus dem ersten System könne nichts zum Bewußtsein gelangen, was
nicht vorher die zweite Instanz passiert habe, und die zweite Instanz
lasse nichts passieren, ohne ihre Rechte auszuüben und die ihr ge-
nehmen Abänderungen am Bewußtseinserwerb durchzusetzen. Wir
verraten dabei eine ganz bestimmte Auffassung vom „Wesen“ des
Bewußtseins; das Bewußtwerden ist für uns ein besonderer psychi-
scher Akt, verschieden und unabhängig von dem Vorgang des Gedacht-
oder Vorgestelltwerdens, und das Bewußtsein erscheint uns als ein
Sinnesorgan, welches einen anderwärts gegebenen Inhalt wahrnimmt.
Es läßt sich zeigen, daß die Psychopathologie dieser Grundannahmen
schlechterdings nicht entraten kann. Eine eingehendere Würdigung
derselben dürfen wir uns für eine spätere Stelle vorbehalten.Wenn ich die Vorstellung der beiden psychischen Instanzen und
ihrer Beziehungen zum Bewußtsein festhalte, ergibt sich für die auf-
fällige Zärtlichkeit, die ich im Traum für meinen Freund R. emp-
finde, der in der Traumdeutung so herabgesetzt wird, eine völlig
kongruente Analogie aus dem politischen Leben der Menschen. Ich
versetze mich in ein Staatsleben, in welchem ein auf seine Macht
eifersüchtiger Herrscher und eine rege öffentliche Meinung mitein-
ander ringen. Das Volk empöre sich gegen einen ihm mißliebigen
Beamten und verlange dessen Entlassung; um nicht zu zeigen, daß er
dem Volkswillen Rechnung tragen muß, wird der Selbstherrscher dem
Beamten gerade dann eine hohe Auszeichnung verleihen, zu der sonst
kein Anlaß vorläge. So zeichnet meine zweite, den Zugang zum
einer wie der andere, und erwidert: „Mein Gott, ich bin eine alte Frau und
werde vielleicht gar nicht in die Lage kommen. Übrigens eine Bedingung müßte
eingehalten werden: die Berücksichtigung des Alters; daß nicht eine ältere
Frau einem ganz jungen Burschen . . . (Gemurmel); das wäre entsetzlich. —
Der Stabsarzt: „Ich verstehe vollkommen.“ Einige Offiziere, darunter einer, der
sich in jungen Jahren um sie beworben hatte, lachen hell auf, und die Dame
wünscht zu dem ihr bekannten Oberarzt geführt zu werden, damit alles ins Reine
gebracht werde. Dabei fällt ihr zur größten Bestürzung ein, daß sie seinen
Namen nicht kennt. Der Stabsarzt weist sie trotzdem sehr höflich und respekt-
voll an, über eine sehr schmale eiserne Wendeltreppe, die direkt von dem Zim-
mer aus in die oberen Stockwerke führt, in den zweiten Stock zu gehen. Im
Hinaufsteigen hört sie einen Offizier sagen: „Das ist ein kolossaler Entschluß,
gleichgültig, ob eine jung oder alt ist; alle Achtung!“
Mit dem Gefühle, einfach ihre Pflicht zu tun, geht sie eine endlose
Treppe hinauf.S.
102
IV. Die Traumentstellung.
Bewußtsein beherrschende Instanz Freund R. durch einen Erguß von
übergroßer Zärtlichkeit aus, weil die Wunschbestrebungen des ersten
Systems ihn in einem besonderen Interesse, dem sie gerade nachhängen,
als einen Schwachkopf beschimpfen möchten*).Vielleicht werden wir hier von der Ahnung erfaßt, daß die Traum-
deutung im stande sei, uns Aufschlüsse über den Bau unseres see-
lischen Apparates zu geben, welche wir von der Philosophie bisher
vergebens erwartet haben. Wir folgen aber nicht dieser Spur, son-
dern kehren, nachdem wir die Traumentstellung aufgeklärt haben,
zu unserem Ausgangsproblem zurück. Es wurde gefragt, wie denn
die Träume mit peinlichem Inhalt als Wunscherfüllungen aufgelöst
werden können. Wir sehen nun, dies ist möglich, wenn eine Traum-
entstellung stattgefunden hat, wenn der peinliche Inhalt nur zur
Verkleidung eines erwünschten dient. Mit Rücksicht auf unsere An-
nahmen über die zwei psychischen Instanzen können wir jetzt auch
sagen: die peinlichen Träume enthalten tatsächlich etwas, was der
zweiten Instanz peinlich ist, was aber gleichzeitig einen Wunsch der
ersten Instanz erfüllt. Sie sind insofern Wunschträume, als ja jeder
Traum von der ersten Instanz ausgeht, die zweite sich nur abwehrend,
nicht schöpferisch, gegen den Traum verhält. Beschränken wir uns
auf eine Würdigung dessen, was die zweite Instanz zum Traume bei-
trägt, so können wir den Traum niemals verstehen. Es bleiben dann
alle Rätsel bestehen, welche von den Autoren am Traume bemerkt
worden sind.Daß der Traum wirklich einen geheimen Sinn hat, der eine
Wunscherfüllung ergibt, muß wiederum für jeden Fall durch die
Analyse erwiesen werden. Ich greife darum einige Träume pein-
lichen Inhaltes heraus und versuche deren Analyse. Es sind zum Teil
Träume von Hysterikern, die einen langen Vorbericht und stellen-
weise ein Eindringen in die psychischen Vorgänge bei der Hysterie
erfordern. Ich kann dieser Erschwerung der Darstellung aber nicht
aus dem Wege gehen.Wenn ich einen Psychoneurotiker in analytische Behandlung
nehme, werden seine Träume regelmäßig, wie bereits erwähnt, zum
Thema unserer Besprechungen. Ich muß ihm dabei alle die psycho-
Dieser Traum wiederholt sich innerhalb weniger Wochen noch zweimal
mit – wie die Dame bemerkt – ganz unbedeutenden und recht sinnlosen Ab-
änderungen.“*)Solche heuchlerische Träume sind weder bei mir noch bei anderen
seltene Vorkommnisse. Während ich mit der Bearbeitung eines gewissen wissen-
schaftlichen Problems beschäftigt bin, sucht mich mehrere Nächte kurz nach-
einander ein leicht verwirrender Traum heim, der die Versöhnung mit einem
längst bei Seite geschobenen Freunde zum Inhalt hat. Beim vierten oder fünften
Male gelingt es mir endlich, den Sinn dieser Träume zu erfassen. Er liegt in der
Aufmunterung, doch den letzten Rest von Rücksicht für die betreffende Person
aufzugeben, sich von ihr völlig frei zu machen, und hatte sich in so heuchleri-
scher Weise ins Gegenteil verkleidet. Von einer Person habe ich einen „heuch-
lerischen Ödipustraum“ mitgeteilt, in dem sich die feindseligen Regungen und
Todeswünsche der Traumgedanken durch manifeste Zärtlichkeit ersetzen. („Typi-
sches Beispiel eines verkappten Ödipustraumes.“) Eine andere Art von heuchle-
rischen Träumen wird an anderer Stelle (siehe unten VI „Die Traumarbeit“) er-
wähnt werden.S.
103
Träume peinlichen Inhalts.
logischen Aufklärungen geben, mit deren Hilfe ich selbst zum Ver-
ständnis seiner Symptome gelangt bin, und erfahre dabei eine uner-
bittliche Kritik, wie ich sie von den Fachgenossen wohl nicht schärfer
zu erwarten habe. Ganz regelmäßig erhebt sich der Widerspruch mei-
ner Patienten gegen den Satz, daß die Träume sämtlich Wunsch-
erfüllungen seien. Hier einige Beispiele von dem Material an Träumen,
welche mir als Gegenbeweise vorgehalten werden.„Sie sagen immer, der Traum ist ein erfüllter Wunsch,“ beginnt
eine witzige Patientin. „Nun will ich Ihnen einen Traum erzählen,
dessen Inhalt ganz im Gegenteil dahin geht, daß mir ein Wunsch
nicht erfüllt wird. Wie vereinen Sie das mit Ihrer Theorie? Der
Traum lautet wie folgt:Ich will ein Souper geben, habe aber nichts vor-
rätig als etwas geräucherten Lachs. Ich denke daran,
einkaufen zu gehen, erinnere mich aber, daß es Sonn-
tag Nachmittag ist, wo alle Läden gesperrt sind. Ich
will nun einigen Lieferanten telephonieren, aber das
Telephon ist gestört. So muß ich auf den Wunsch, ein
Souper zu geben, verzichten.“Ich antworte natürlich, daß über den Sinn dieses Traumes nur
die Analyse entscheiden kann, wenngleich ich zugebe, daß er für
den ersten Anblick vernünftig und zusammenhängend erscheint und
dem Gegenteil einer Wunscherfüllung ähnlich sieht. „Aus welchem
Material ist aber dieser Traum hervorgegangen? Sie wissen, daß die
Anregung zu einem Traume jedesmal in den Erlebnissen des letzten
Tages liegt.“Analyse: Der Mann der Patientin, ein biederer und tüchtiger
Großfleischhauer, hat ihr Tags vorher erklärt, er werde zu dick und
wolle darum eine Entfettungskur beginnen. Er werde früh aufstehen,
Bewegung machen, strenge Diät halten und vor allem keine Ein-
ladungen zu Soupers mehr annehmen. – Von dem Manne erzählt
sie lachend weiter, er habe am Stammtisch die Bekanntschaft eines
Malers gemacht, der ihn durchaus abkonterfeien wolle, weil er einen
so ausdrucksvollen Kopf noch nicht gefunden habe. Ihr Mann habe
aber in seiner derben Manier erwidert, er bedanke sich schön und
er sei ganz überzeugt, ein Stück vom Hintern eines schönen jungen
Mädchens sei dem Maler lieber als sein ganzes Gesicht*). Sie sei
jetzt sehr verliebt in ihren Mann und necke sich mit ihm herum.
Sie hat ihn auch gebeten, ihr keinen Kaviar zu schenken. – Was
soll das heißen?Sie wünscht es sich nämlich schon lange, jeden Vormittag eine
Kaviarsemmel essen zu können, gönnt sich aber die Ausgabe nicht.
Natürlich bekäme sie den Kaviar sofort von ihrem Manne, wenn sie
ihn darum bitten würde. Aber sie hat ihn im Gegenteil gebeten, ihr
keinen Kaviar zu schenken, damit sie ihn länger damit necken kann.(Diese Begründung scheint mir fadenscheinig. Hinter solchen
unbefriedigenden Auskünften pflegen sich uneingestandene Motive zu
*)Dem Maler sitzen. Goethe: Und wenn er keinen Hintern hat,
Wie kann der Edle sitzen?S.
104
-verbergen. Man denke an die Hypnotisierten Bernheim’s, die einen
posthypnotischen Auftrag ausführen, und nach ihren Motiven be-
fragt, nicht etwa antworten: Ich weiß nicht, warum ich das getan
habe, sondern eine offenbar unzureichende Begründung erfinden
müssen. So ähnlich wird es wohl mit dem Kaviar meiner Patientin
sein. Ich merke, sie ist genötigt, sich im Leben einen unerfüllten
Wunsch zu schaffen. Ihr Traum zeigt ihr auch die Wunschverweigerung
als eingetroffen. Wozu braucht sie aber einen unerfüllten Wunsch?)
Die bisherigen Einfälle haben zur Deutung des Traumes nicht
ausgereicht. Ich dringe nach weiteren. Nach einer kurzen Pause, wie
sie eben der Überwindung des Widerstandes entspricht, berichtet sie
ferner, daß sie gestern einen Besuch bei einer Freundin gemacht,
auf die sie eigentlich eifersüchtig ist, weil ihr Mann diese Frau
immer so lobt. Zum Glück ist diese Freundin sehr dürr und mager,
und ihr Mann ist ein Liebhaber voller Körperformen. Wovon sprach
nun diese magere Freundin? Natürlich von ihrem Wunsche, etwas
dicker zu werden. Sie sagte sie auch: „Wann laden Sie uns wie-
der einmal ein? Man ißt immer so gut bei Ihnen.“Nun ist der Sinn des Traumes klar. Ich kann der Patientin sagen:
„Es ist gerade so, als ob Sie sich bei der Aufforderung gedacht
hätten: Dich werde ich natürlich einladen, damit du dich bei mir
anessen, dick werden und meinem Manne noch besser gefallen kannst.
Lieber geb’ ich kein Souper mehr. Der Traum sagt Ihnen dann, daß
Sie kein Souper geben können, erfüllt also Ihren Wunsch, zur Ab-
rundung der Körperformen Ihrer Freundin nichts beizutragen. Daß
man von den Dingen, die man in Gesellschaften vorgesetzt bekommt,
dick wird, lehrt Sie ja der Vorsatz Ihres Mannes, im Interesse
seiner Entfettung Soupereinladungen nicht mehr anzunehmen.“ Es
fehlt jetzt nur noch irgend ein Zusammentreffen, welches die Lö-
sung bestätigt. Es ist auch der geräucherte Lachs im Trauminhalt
noch nicht abgeleitet. „Wie kommen Sie zu dem im Traume erwähn-
ten Lachs?“ „Geräucherter Lachs ist die Lieblingsspeise dieser Freun-
din,“ antwortet sie. Zufällig kenne ich die Dame auch und kann be-
stätigen, daß sie sich den Lachs ebensowenig vergönnt wie meine
Patientin den Kaviar.Derselbe Traum läßt auch noch eine andere und feinere Deutung
zu, die durch einen Nebenumstand selbst notwendig gemacht wird.
Die beiden Deutungen widersprechen einander nicht, sondern über-
decken einander und ergeben ein schönes Beispiel für die gewöhn-
liche Doppelsinnigkeit der Träume wie aller anderen psychopatho-
logischen Bildungen. Wir haben gehört, daß die Patientin gleichzeitig
mit ihrem Traume von der Wunschverweigerung bemüht war, sich
einen versagten Wunsch im Realen zu verschaffen (die Kaviar-
semmel). Auch die Freundin hatte einen Wunsch geäußert, nämlich
dicker zu werden, und es würde uns nicht wundern, wenn unsere
Dame geträumt hätte, der Freundin gehe ein Wunsch nicht in Er-
füllung. Es ist nämlich ihr eigener Wunsch, daß der Freundin ein
Wunsch – nämlich der nach Körperzunahme – nicht in Erfüllung
gehe. Anstatt dessen träumt sie aber, daß ihr selbst ein Wunsch
nicht erfüllt wird. Der Traum erhält eine neue Deutung, wenn sieS.
105
Die hysterische Identifizierung.
im Traume nicht sich, sondern die Freundin meint, wenn sie sich
an Stelle der Freundin gesetzt oder, wie wir sagen können, sich mit
ihr identifiziert hat.Ich meine, dies hat sie wirklich getan, und als Anzeichen dieser
Identifizierung hat sie sich den versagten Wunsch im Realen ge-
schaffen. Was hat aber die hysterische Identifizierung für Sinn? Das
Aufzuklären bedarf einer eingehenden Darstellung. Die Identifizierung
ist ein für den Mechanismus der hysterischen Symptome höchst wich-
tiges Moment; auf diesem Wege bringen es die Kranken zu stande,
die Erlebnisse einer großen Reihe von Personen, nicht nur die eigenen,
in ihren Symptomen auszudrücken, gleichsam für einen ganzen
Menschenhaufen zu leiden und alle Rollen eines Schauspieles allein
mit ihren persönlichen Mitteln darzustellen. Man wird mir einwenden,
das sei die bekannte hysterische Imitation, die Fähigkeit Hysterischer,
alle Symptome, die ihnen bei anderen Eindruck machen, nachzuahmen,
gleichsam ein zur Reproduktion gesteigertes Mitleiden. Das ist
aber nur der Weg bezeichnet, auf dem der psychische Vorgang bei
der hysterischen Imitation abläuft; etwas anderes ist der Weg und
der seelische Akt, der diesen Weg geht. Letzterer ist um ein ge-
ringes komplizierter, als man sich die Imitation der Hysterischen
vorzustellen liebt; er entspricht einem unbewußten Schlußprozeß, wie
ein Beispiel klarstellen wird. Der Arzt, welcher eine Kranke mit
einer bestimmten Art von Zuckungen unter anderen Kranken auf
demselben Zimmer im Krankenhause hat, zeigt sich nicht erstaunt,
wenn er eines Morgens erfährt, daß dieser besondere hysterische An-
fall Nachahmung gefunden hat. Er sagt sich einfach: Die anderen
ha?en ihn gesehen und nachgemacht; das ist psychische Infektion.
Ja, aber die psychische Infektion geht etwa auf folgende Weise zu.
Die Kranken wissen in der Regel mehr voneinander als der Arzt
über jede von ihnen, und sie kümmern sich umeinander, wenn die
ärztliche Visite vorüber ist. Die eine bekomme heute ihren Anfall;
es wird alsbald den anderen bekannt, daß ein Brief vom Hause,
Auffrischung des Liebeskummers und dergleichen davon die Ursache
ist. Ihr Mitgefühl wird rege, es vollzieht sich in ihnen folgender,
nicht zum Bewußtsein gelangender Schluß: Wenn man von solcher
Ursache solche Anfälle haben kann, so kann ich auch solche Anfälle
bekommen, denn ich habe dieselben Anlässe. Wäre dies ein des Be-
wußtseins fähiger Schluß, so würde er vielleicht in die Angst aus-
münden, den gleichen Anfall zu bekommen; er vollzieht sich aber
auf einem anderen psychischen Terrain, endet daher in der Realisierung
des gefürchteten Symptoms. Die Identifizierung ist also nicht simple
Imitation, sondern An e i g n u n g auf Grund des gleichen ätiologischen
Anspruches; sie drückt ein „gleichwie“ aus und bezieht sich auf ein
im Unbewußten verbleibendes Gemeinsames.Die Identifizierung wird in der Hysterie am häufigsten benützt
zum Ausdruck einer sexuellen Gemeinsamkeit. Die Hysterica identi-
fiziert sich in ihren Symptomen am ehesten – wenn auch nicht aus-
schließlich – mit solchen Personen, mit denen sie im sexuellen Ver-
kehre gestanden hat, oder welche mit den nämlichen Personen wie-S.
100
IV. Die Traumstellung.
sie selbst sexuell verkehren. Die Sprache trägt einer solchen Auf
fassung gleichfalls Rechnung. Zwei Liebende sind „Eines“. In der
hysterischen Phantasie wie im Traume genügt es für die Identi-
fizierung, daß man an sexuelle Beziehungen denkt, ohne daß sie
darum als real gelten müssen. Die Patientin folgt also bloß den Re-
geln der hysterischen Denkvorgänge, wenn sie ihre Eifersucht gegen
die Freundin (die sie als unberechtigt übrigens selbst erkennt) Aus-
druck gibt, indem sie sich im Traume an ihre Stelle setzt und durch
die Schaffung eines Symptoms (des versagten Wunsches) mit ihr
identifiziert. Man möchte den Vorgang noch sprachlich in folgender
Weise erläutern: Sie setzt sich an die Stelle der Freundin im Traum,
weil diese sich bei ihrem Manne an ihre Stelle setzt, weil sie deren
Platz in der Wertschätzung ihres Mannes einnehmen möchte*.In einfacherer Weise und doch auch nach dem Schema, daß
die Nichterfüllung des einen Wunsches die Erfüllung eines anderen
bedeutet, löste sich der Widerspruch gegen meine Traumlehre bei einer
anderen Patientin, der witzigsten unter all meinen Träumerinnen.
Ich hatte ihr an einem Tage auseinandergesetzt, daß der Traum
eine Wunscherfüllung sei; am nächsten Tage brachte sie mir einen
Traum, daß sie mit ihrer Schwiegermutter nach dem gemeinsamen
Landaufenthalt fahre. Nun wußte ich, daß sie sich heftig gesträubt
hatte, den Sommer in der Nähe der Schwiegermutter zu verbringen,
wußte auch, daß sie der von ihr gefürchteten Gemeinschaft in den
letzten Tagen durch die Miete eines vom Sitze der Schwiegermutter
weit entfernten Landaufenthaltes glücklich ausgewichen war. Jetzt
machte der Traum diese erwünschte Lösung rückgängig; was das
nicht der schärfste Gegensatz zu meiner Lehre von der Wunsch-
erfüllung durch den Traum? Gewiß, man brauchte nur die Kon-
sequenz aus diesem Traum zu ziehen, um seine Deutung zu haben.
Nach diesem Traume hatte ich Unrecht; es war also ihr Wunsch,
daß ich Unrecht haben sollte, und diesen zeigte ihr der
Traum erfüllt. Der Wunsch, daß ich Unrecht haben sollte, der
sich an dem Thema der Landwohnung erfüllte, bezog sich aber in
Wirklichkeit auf einen anderen und ernsteren Gegenstand. Ich hatte
um die nämliche Zeit aus dem Material, welches ihre Analyse ergab,
geschlossen, daß in einer gewissen Periode ihres Lebens etwas für
ihre Erkrankung Bedeutsames vorgefallen sein müsse. Sie hatte es in
Abrede gestellt, weil es sich nicht in ihrer Erinnerung vorfand. Wir
kamen bald darauf, daß ich Recht hatte. Ihr Wunsch, daß ich Un-
recht haben möge, verwandelt in den Traum, daß sie mit ihrer
Schwiegermutter aufs Land fahre, entsprach also dem berechtigten
Wunsche, daß jene damals erst vermuteten Dinge sich nie ereignet
haben möchten.Ohne Analyse, nur vermittels einer Vermutung, gestattete ich
*Ich bedauere selbst die Einschaltung solcher Stücke aus der Psycho-
pathologie der Hysterie, welche, infolge ihrer fragmentarischen Darstellung und
aus allem Zusammenhang gerissen, doch nicht sehr aufklärend wirken können.
Wenn sie auf die innigen Beziehungen des Themas vom Traume zu den Psycho-
neurosen hinzuweisen vermögen, so haben sie die Absicht erfüllt, in der ich sie
aufgenommen habe.S.
107
mir, ein kleines Vorkommnis bei einem Freunde zu deuten, der
die acht Gymnasialklassen mein Kollege gewesen war. Er hörte einmal
in einem kleinen Kreise einen Vortrag von mir über die Neuigkeit,
daß ein Traum eine Wunscherfüllung sei, ging nach Hause, träumte,
daß er alle seine Prozesse verloren habe, – er war Advokat
– und beklagte sich bei mir darüber. Ich half mir mit der Ausflucht:
Man kann nicht alle Prozesse gewinnen, dachte aber bei mir: Wenn
ich durch acht Jahre als Primus in der ersten Bank gesessen, wäh-
rend er irgendwo in der Mitte der Klasse den Platz gewechselt, sollte
ihm aus diesen Knabenjahren der Wunsch fern geblieben sein, daß
ich mich auch einmal gründlich blamieren möge?Ein anderer Traum von mehr düsterem Charakter wurde mir
gleichfalls von einer Patientin als Einspruch gegen die Theorie des
Wunschtraumes vorgetragen. Die Patientin, ein junges Mädchen,
begann: „Sie erinnern sich, daß meine Schwester jetzt nur einen
Buben hat, den Karl; den älteren, Otto, hat sie verloren, als ich noch
in ihrem Hause war. Otto war mein Liebling, ich habe ihn eigent-
lich erzogen. Den Kleinen habe ich auch gern, aber natürlich lange
nicht so sehr wie den Verstorbenen. Nun träume ich diese Nacht,
daß ich den Karl tot vor mir liegen sehe. Er liegt in seinem
kleinen Sarge, die Hände gefaltet, Kerzen rings herum,
kurz ganz so wie damals der kleine Otto, dessen Tod mich
so erschüttert hat. Nun sagen Sie mir, was soll das heißen? Sie
kennen mich ja; bin ich eine so schlechte Person, daß ich meiner
Schwester den Verlust des einzigen Kindes wünschen sollte, das sie
noch besitzt? Oder heißt der Traum, daß ich lieber den Karl tot
wünschte als den Otto, den ich um so viel lieber gehabt habe?2)Ich versicherte ihr, daß diese letzte Deutung ausgeschlossen sei.
Nach kurzem Besinnen konnte ich ihr die richtige Deutung des
Traumes sagen, die ich dann von ihr bestätigen ließ. Es gelang mir
dies, weil mir die ganze Vorgeschichte der Träumerin bekannt war.Frühzeitig verwaist, war das Mädchen im Hause ihrer um vieles
älteren Schwester aufgezogen worden und begegnete unter den Freun-
den und Besuchern des Hauses auch dem Manne, der einen bleibenden
Eindruck auf ihr Herz machte. Es schien eine Weile, als ob diese
kaum ausgesprochenen Beziehungen mit einer Heirat enden sollten,
aber dieser glückliche Ausgang wurde durch die Schwester vereitelt,
deren Motive nie eine völlige Aufklärung gefunden haben. Nach dem
Bruche mied der von unserer Patientin geliebte Mann das Haus;
sie selbst machte sich einige Zeit nach dem Tode des kleinen Otto,
an den sie ihre Zärtlichkeit unterdessen gewendet hatte, selbständig.
Es gelang ihr aber nicht, sich von der Abhängigkeit frei zu machen,
in welche sie durch ihre Neigung zu dem Freunde ihrer Schwester
geraten war. Ihr Stolz gebot ihr, ihm auszuweichen; es war ihr aber
unmöglich, ihre Liebe auf andere Bewerber zu übertragen, die sich
in der Folge einstellten. Wenn der geliebte Mann, der dem Literaten-
stand angehörte, irgendwo einen Vortrag angekündigt hatte, war sie
unfehlbar unter den Zuhörern zu finden, und auch sonst ergriff sie
jede Gelegenheit, ihn an drittem Orte aus der Ferne zu sehen. Ich
erinnerte mich, daß sie mir Tags vorher erzählt hatte, der ProfessorS.
108
IV. Die Traumentstellung.
ginge in ein bestimmtes Konzert, und sie wolle auch dorthin gehen,
um sich wieder einmal seines Anblickes zu erfreuen. Das war am Tag
vor dem Traume, an dem Tage, an dem sie mir den Traum erzählte,
sollte das Konzert stattfinden. Ich konnte mir so die richtige Deu-
tung leicht konstruieren und fragte sie, ob ihr irgend ein Ereignis
einfalle, das nach dem Tode des kleinen Otto eingetreten sei. Sie ant-
wortete sofort: Gewiß, damals ist der Professor nach langem Aus-
bleiben wiedergekommen, und ich habe ihn an dem Sarge des kleinen
Otto wieder einmal gesehen. Es war genau so, wie ich es erwartet
hatte. Ich deutete also den Traum in folgender Art: „Wenn jetzt der
andere Knabe stürbe, würd’ sich dasselbe wiederholen. Sie würden
den Tag bei Ihrer Schwester zubringen, der Professor käme sicher-
lich hinauf, um zu kondolieren, und unter den nämlichen Verhältnissen
wie damals würden Sie ihn wiedersehen. Der Traum bedeutet nichts
als diesen Ihren Wunsch nach Wiedersehen, gegen den Sie innerlich an-
kämpfen. Ich weiß, daß Sie das Billet für das heutige Konzert in der
Tasche tragen. Ihr Traum ist ein Ungeduldstraum, er hat das Wie-
dersehen, das heute stattfinden soll, um einige Stunden verfrüht.“Zur Verdeckung ihres Wunsches hatte sie offenbar eine Situation
gewählt, in welcher solche Wünsche unterdrückt zu werden pflegen,
eine Situation, in der man von Trauer so sehr erfüllt ist, daß man an
Liebe nicht denkt. Und doch ist es sehr gut möglich, daß auch in
der realen Situation, welche der Traum getreulich kopierte, am Sarge des
ersten, von ihr stärker geliebten Knaben sie die zärtliche Empfindung
für den lange vermißten Besucher nicht hatte unterdrücken können.Eine andere Aufklärung fand ein ähnlicher Traum einer anderen
Patientin, die sich in früheren Jahren durch raschen Witz und heitere
Laune hervorgetan hatte und diese Eigenschaften jetzt wenigstens noch
in ihren Einfällen während der Behandlung bewies. Dieser Dame kam
es im Zusammenhange eines längeren Traumes vor, daß sie ihre ein-
zige, 15jährige Tochter in einer Schachtel tot daliegen sah. Sie hatte
nicht übel Lust, aus dieser Traumerscheinung einen Einwand gegen
die Wunscherfüllungstheorie zu machen, ahnte aber selbst, daß das
Detail der Schachtel den Weg zu einer anderen Auffassung des
Traumes anzeigen müsse*). Bei der Analyse fiel ihr ein, daß in der
Gesellschaft abends vorher die Rede auf das englische Wort „box“
gekommen war und auf die mannigfaltigen Übersetzungen desselben
im Deutschen, als: Schachtel, Loge, Kasten, Ohrfeige usw. Aus an-
deren Bestandstücken desselben Traumes ließ sich nun ergänzen,
daß sie die Verwandtschaft des englischen „box“ mit dem deutschen
„Büchse“ erraten habe und dann von der Erinnerung heimgesucht
worden sei, daß „Büchse“ auch als vulgäre Bezeichnung des weib-
lichen Genitales gebraucht werde. Mit einiger Nachsicht für ihre
Kenntnisse in der topographischen Anatomie konnte man also an-
nehmen, daß das Kind in der „Schachtel“ eine Frucht im Mutterleibe
bedeute. Soweit aufgeklärt, leugnete sie nun nicht, daß das Traum-
bild wirklich einem Wunsche von ihr entspreche. Wie so viele
junge Frauen war sie keineswegs glücklich, als sie in die Gravidität*)Ähnlich wie im Traume vom vereitelten Souper der geräucherte Lachs.
S.
109
geriet, und gestand sich mehr als einmal den Wunsch ein, daß
das Kind im Mutterleibe absterben möge; ja in einem Wutanfalle
nach einer heftigen Szene mit ihrem Manne schlug sie mit den Fäusten
auf ihren Leib los, um das Kind darin zu treffen. Das tote Kind
war also wirklich eine Wunscherfüllung, aber die eines seit 15 Jah-
ren beseitigten Wunsches, und es ist nicht zu verwundern, wenn man
die Wunscherfüllung nach so verspätetem Eintreffen nicht mehr er-
kennt. Unterdessen hat sich eben zu viel geändert.Die Gruppe, zu welcher die beiden letzten Träume gehören, die
den Tod lieber Angehöriger zum Inhalt haben, soll bei den typischen
Träumen nochmals Berücksichtigung finden. Ich werde dort an neuen
Beispielen zeigen können, daß trotz des unerwünschten Inhaltes alle
diese Träume als Wunscherfüllungen gedeutet werden müssen. Keinem
Patienten, sondern einem intelligenten Rechtsgelehrten meiner Be-
kanntschaft verdanke ich folgenden Traum, der mir wiederum in
der Absicht erzählt wurde, mich von voreiliger Verallgemeinerung in
der Lehre vom Wunschtraume zurückzuhalten. „Ich träume,“ be-
richtet mein Gewährsmann, „daß ich eine Dame am Arm, vor
mein Haus komme. Dort wartet ein geschlossener Wagen,
ein Herr tritt auf mich zu, legitimiert sich als Polizei-
agent und fordert mich auf, ihm zu folgen. Ich bitte nur
noch um die Zeit, meine Angelegenheiten zu ordnen. –
Glauben Sie, daß es vielleicht ein Wunsch von mir ist, verhaftet zu
werden?“ – Gewiß nicht, muß ich zugeben. Wissen Sie vielleicht,
unter welcher Beschuldigung Sie verhaftet wurden? – „Ja, ich glaube
wegen Kindesmordes.“ – Kindesmord? Sie wissen doch, daß dieses
Verbrechen nur eine Mutter an ihrem Neugeborenen begehen kann?
– „Das ist richtig.“*) – Und unter welchen Umständen haben Sie
geträumt; was ist am Abend vorher vorgegangen? – „Das möchte
ich Ihnen nicht gern erzählen, es ist eine heikle Angelegenheit.“
– Ich brauche es aber, sonst müssen wir auf die Deutung des Traumes
verzichten. – „Also hören Sie. Ich habe die Nacht nicht zu Hause,
sondern bei einer Dame zugebracht, die mir sehr viel bedeutet. Als
wir am Morgen erwachten, ging neuerdings etwas zwischen uns vor.
Dann schlief ich wiederum ein und träumte, was Sie wissen.“ –
Es ist eine verheiratete Frau? – „Ja.“ – Und Sie wollen kein
Kind mit ihr erzeugen? – „Nein, nein, das könnte uns verraten.“
– Sie üben also nicht normalen Koitus? – „Ich gebrauche die Vor-
sicht, mich vor der Ejakulation zurückzuziehen.“ – Darf ich an-
nehmen, Sie hätten das Kunststück in dieser Nacht mehreremal aus-
geführt, und seien nach der Wiederholung am Morgen ein wenig
unsicher gewesen, ob es Ihnen gelungen ist? – „Das könnte wohl
sein.“ – Dann ist Ihr Traum eine Wunscherfüllung. Sie erhalten
durch ihn die Beruhigung, daß Sie kein Kind erzeugt haben, oder was
nahezu das gleiche ist, Sie hätten ein Kind umgebracht. Die Mittel-
*)Es ereignet sich häufig, daß ein Traum unvollständig erzählt wird,
und erst während der Analyse die Erinnerung an diese ausgelassenen Stücke
des Traumes auftaucht. Diese nachträglich eingefügten Stücke ergeben regel-
mäßig den Schlüssel zur Traumdeutung. Vergleiche weiter unten über das Ver-
gessen der Träume.S.
110
IV. Die Traumentstellung.
glieder kann ich Ihnen leicht nachweisen. Erinnern Sie sich, vor
einigen Tagen sprachen wir über die Ehenot und über die Inkonse-
quenz, daß es gestattet ist, den Koitus so zu halten, daß keine Be-
fruchtung zu stande kommt, während jeder Eingriff, wenn einmal
Ei und Same sich getroffen und einen Fötus gebildet haben, als
Verbrechen bestraft wird. Im Anschluß daran gedachten wir auch
der mittelalterlichen Streitfrage, in welchem Zeitpunkte eigentlich
die Seele in den Fötus hineinfahre, weil der Begriff des Mordes erst
von da an zulässig wird. Sie kennen gewiß auch das schaurige Ge-
dicht von Lenau, welches Kindermord und Kinderverhütung gleich-
stellt. – „An Lenau habe ich merkwürdigerweise heute Vormittag
wie zufällig gedacht.“ – Auch ein Nachklang Ihres Traumes. Und
nun will ich Ihnen noch eine kleine Nebenwunscherfüllung in Ihrem
Traume nachweisen. Sie kommen mit der Dame am Arm vor Ihr
Haus. Sie führen Sie also heim, anstatt daß Sie in Wirklichkeit
die Nacht in deren Hause zubringen. Daß die Wunscherfüllung, die
den Kern des Traumes bildet, sich in so unangenehmer Form ver-
birgt, hat vielleicht mehr als einen Grund. Aus meinem Aufsatze
über die Ätiologie der Angstneurose könnten Sie erfahren, daß ich
den Coitus interruptus als eines der ursächlichen Momente für die
Entstehung der neurotischen Angst in Anspruch nehme. Es würde
dazu stimmen, wenn Ihnen nach mehrmaligem Koitus dieser Art
eine unbehagliche Stimmung verbliebe, die nun als Element in die
Zusammensetzung Ihres Traumes eingeht. Dieser Verstimmung be-
dienen Sie sich auch, um sich die Wunscherfüllung zu verhüllen.
Übrigens ist auch die Erwähnung des Kindesmordes nicht erklärt.
Wie kommen Sie zu diesem spezifisch weiblichen Verbrechen? –
„Ich will Ihnen gestehen, daß ich vor Jahren einmal in eine solche
Angelegenheit verflochten war. Ich war schuld daran, daß ein Mäd-
chen sich durch eine Fruchtabtreibung vor den Folgen eines Ver-
hältnisses mit mir zu schützen versuchte. Ich hatte mit der Aus-
führung des Vorsatzes gar nichts zu tun, war aber lange Zeit in be-
greiflicher Angst, daß die Sache entdeckt würde.“ – Ich verstehe, diese
Erinnerung ergab einen zweiten Grund, warum Ihnen die Vermutung,
Sie hätten Ihr Kunststück schlecht gemacht, peinlich sein mußte.Ein junger Arzt, welcher in meinem Kolleg diesen Traum er-
zählen hörte, muß sich von ihm betroffen gefühlt haben, denn er
beeilte sich ihn nachzuträumen, dessen Gedankenform auf ein anderes
Thema anzuwenden. Er hatte Tage vorher sein Einkommenbekenntnis
übergeben, welches vollkommen aufrichtig gehalten war, da er nur
wenig zu bekennen hatte. Er träumte nun, ein Bekannter komme
aus der Sitzung der Steuerkommission zu ihm und teile ihm mit, daß
alle anderen Steuerbekenntnisse unbeanständet geblieben seien, das
seinige aber habe allgemeines Mißtrauen erweckt und werde ihm eine
empfindliche Steuerstrafe eintragen. Der Traum ist eine lässig verhüllte
Wunscherfüllung für einen Arzt von großem Einkommen zu gelten. Er
erinnert übrigens an die bekannte Geschichte von jenem jungen Mäd-
chen, welchem abgeraten wird, ihrem Freier zuzusagen, weil er ein
jähzorniger Mensch sei und sie in der Ehe sicherlich mit Schlägen trak-
tieren werde. Die Antwort des Mädchens lautet dann: Schlüg’ er michS.
111
erst! Ihr Wunsch, verheiratet zu sein, ist so lebhaft, daß sie die in
Aussicht gestellte Unannehmlichkeit, die mit dieser Ehe verbun-
den sein soll, mit in den Kauf nimmt und selbst zum Wunsche erhebt.Fasse ich die sehr häufig vorkommenden Träume solcher Art,
die meiner Lehre direkt zu widersprechen scheinen, indem sie das
Versagen eines Wunsches oder das Eintreffen von etwas offenbar
Ungewünschtem zum Inhalt haben, als „Gegenwunschträume“
zusammen, so sehe ich, daß sie sich allgemein auf zwei Prinzipien
zurückführen lassen, von denen das eine noch nicht erwähnt worden
ist, obwohl es im Leben wie im Träumen der Menschen eine große
Rolle spielt. Die eine Triebkraft dieser Träume ist der Wunsch, daß
ich Unrecht haben soll. Diese Träume ereignen sich regelmäßig im
Laufe meiner Behandlungen, wenn sich der Patient im Widerstand
gegen mich befindet; und ich kann mit großer Sicherheit darauf
rechnen, einen solchen Traum hervorzurufen, nachdem ich dem Kran-
ken die Lehre, der Traum sei eine Wunscherfüllung, zuerst vorge-
tragen habe*). Ja, ich darf erwarten, daß es manchem meiner Leser-
ebenso ergehen wird; er wird sich bereitwillig im Traume einen
Wunsch versagen, um sich nur den Wunsch, daß ich Unrecht haben
möge, zu erfüllen. Der letzte Kurtraum dieser Art, den ich mit
teilen will, zeigt wiederum das nämliche. Ein junges Mädchen, wel-
ches sich die Fortsetzung meiner Behandlung mühsam erkämpft hat
gegen den Willen ihrer Angehörigen und der zu Rate gezogenen Auto-
ritäten, träumt: Zu Hause verbieten man ihr, weiter zu mir
zu kommen. Sie beruft sich dann bei mir auf ein ihr ge-
gebenes Versprechen, sie im Notfalle auch umsonst zu be-
handeln, und ich sage ihr: In Geldsachen kann ich keine
Rücksicht üben.
Es ist wirklich nicht leicht, hier die Wunscherfüllung nach-
zuweisen, aber in all solchen Fällen findet sich außer dem einen
Rätsel noch ein anderes, dessen Lösung auch das erste lösen hilft.
Woher stammen die Worte, die sie mir in den Mund legt? Ich habe
ihr natürlich nie etwas Ähnliches gesagt, aber einer ihrer Brüder
und gerade jener, der den größten Einfluß auf sie hat, war so liebens-
würdig, über mich diesen Ausspruch zu tun. Der Traum will also er-
reichen, daß der Bruder Recht behalte, und diesem Bruder Recht
verschaffen will sie nicht nur im Traume; es ist der Inhalt ihres
Lebens und das Motiv ihres Krankseins. Ein Traum, welcher der
Theorie von der Wunscherfüllung auf den ersten Blick besondere
Schwierigkeiten bereitet, ist von einem Arzt (Aug. Stärcke) ge-
träumt und gedeutet worden:„Ich habe und sehe an meinem linken Zeigefingereinen
syphilitischen Primäraffekt an der letzten Phalange.“Man wird sich vielleicht von der Analyse dieses Traumes durch
die Erwägung abhalten lassen, daß er ja bis auf seinen unerwünschten
Inhalt klar und kohärent erscheint. Allein, wenn man die Mühe*)Ähnliche „Gegenwunschträume“ wurden mir in den letzten Jahren wieder-
holt von meinen Hörern berichtet als deren Reaktion auf ihr erstes Zusammen-
treffen mit der „Wunschtheorie des Traumes“.S.
112
einer Analyse nicht scheut, erfährt man, daß „Primäraffekt“ gleich-
zusetzen ist einer „prima affectio“ (erste Liebe), und daß das wider-
liche Geschwür nach den Worten Stärckes „sich als Vertreter von
mit großem Affekt belegten Wunscherfüllungen“ erweist*).Das andere Motiv der Gegenwunschträume liegt so nahe, daß
man leicht in Gefahr kommt, es zu übersehen, wie mir selbst durch
längere Zeit geschehen ist. In der Sexualkonstitution so vieler Men-
schen gibt es eine masochistische Komponente, die durch die Ver-
kehrung ins Gegenteil der aggressiven, sadistischen entstanden ist.
Man heißt solche Menschen „ideelle“ Masochisten, wenn sie die Lust
nicht in dem ihnen zugefügten körperlichen Schmerz, sondern in der
Demütigung und seelischen Peinigung suchen. Es leuchtet ohne
weiteres ein, daß diese Personen Gegenwunsch- und Unlustträume
haben können, die für sie doch nichts anderes als Wunscherfüllungen
sind, Befriedigung ihrer masochistischen Neigungen. Ich setze einen
solchen Traum hieher: Ein junger Mann, der in früheren Jahren
seinen älteren Bruder, dem er homosexuell zugetan war, sehr gequält
hat, träumt nun nach gründlicher Charakterwandlung einen aus drei
Stücken bestehenden Traum. I. Wie ihn sein älterer Bruder
„sekiert“. II. Wie zwei Erwachsene in homosexueller Ab-
sicht miteinander schön tun. III. Der Bruder hat das Unter-
nehmen verkauft, dessen Leitung er sich für seine Zu-
kunft vorbehalten hat. Aus letzterem Traume erwacht er mit
den peinlichsten Gefühlen, und doch ist es ein masochistischer Wunsch-
traum, dessen Übersetzung lauten könnte: es geschähe mir ganz recht,
wenn der Bruder mir jenen Verkauf antäte zur Strafe für alle Quä-
lereien, die er von mir ausgestanden hat.Ich hoffe, die vorstehenden Erwägungen und Beispiele werden
genügen, um es – bis auf weiteren Einspruch – glaubwürdig er-
scheinen zu lassen, daß auch die Träume mit peinlichem Inhalt als
Wunscherfüllungen aufzulösen sind, werde übrigens auf das Thema
der Unlustträume noch an späterer Stelle zurückkommen. Es wird
auch niemand eine Äußerung des Zufalles darin erblicken, daß man
bei der Deutung dieser Träume jedesmal auf Themata gerät, von denen
man nicht gern spricht oder an die man nicht gern denkt. Das pein-
liche Gefühl, welches solche Träume erwecken, ist wohl einfach iden-
tisch mit dem Widerwillen, der uns von der Behandlung oder Er-
wägung solcher Themata – meist mit Erfolg – abhalten möchte,
und welcher von jedem von uns überwunden werden muß, wenn wir
uns genötigt sehen, es doch in Angriff zu nehmen. Dieses im Traume
also wiederkehrende Unlustgefühl schließt aber das Bestehen eines
Wunsches nicht aus; es gibt bei jedem Menschen Wünsche, die er an-
deren nicht mitteilen möchte, und Wünsche, die er sich selbst nicht
eingestehen will. Anderseits finden wir uns berechtigt, den Unlust-
charakter all dieser Träume mit der Tatsache der Traumentstellung in
Zusammenhang zu bringen und zu schließen, diese Träume seien gerade
darum so entstellt und die Wunscherfüllung in ihnen bis zur Un-
kenntlichkeit verkleidet, weil ein Widerwillen, eine Verdrängungs-
*)Zentralblatt für Psychoanalyse II, 1911/12.
S.
113
absicht gegen das Thema des Traumes oder gegen den aus ihm geschöpf-
ten Wunsch besteht. Die Traumentstellung erweist sich also tatsäch-
lich als ein Akt der Zensur. Allem, was die Analyse der Unlustträume
zu Tage gefördert hat, tragen wir aber Rechnung, wenn wir unsere
Formel, die das Wesen des Traumes ausdrücken soll, in folgender Art
verändern: Der Traum ist die (verkleidete) Erfüllung eines
(unterdrückten, verdrängten) Wunsches*.Nun erübrigen noch die Angstträume als besondere Unterart der
Träume mit peinlichem Inhalt, deren Auffassung als Wunschträume
bei dem Unaufgeklärten die geringste Bereitwilligkeit begegnen wird.
Doch kann ich die Angstträume hier ganz kurz abtun; es ist nicht
eine neue Seite des Traumproblems, die sich uns in ihnen zeigen
würde, sondern es handelt sich bei ihnen um das Verständnis der
neurotischen Angst überhaupt. Die Angst, die wir im Traume emp-
finden, ist nur scheinbar durch den Inhalt des Traumes erklärt. Wenn
wir den Trauminhalt der Deutung unterziehen, merken wir, daß die
Traumangst durch den Inhalt des Traumes nicht besser gerechtfertigt
wird als etwa die Angst einer Phobie durch die Vorstellung, an
welcher die Phobie hängt. Es ist z. B. zwar richtig, daß man aus
dem Fenster stürzen kann und darum Ursache hat, sich beim Fenster
einer gewissen Vorsicht zu befleißen, aber es ist nicht zu verstehen,
warum bei der entsprechenden Phobie die Angst so groß ist und den
Kranken weit über ihre Anlässe hinaus verfolgt. Dieselbe Aufklärung
erweist sich dann als gültig für die Phobie wie für den Angsttraum.
Die Angst ist beidemal an die sie begleitende Vorstellung nur an-
gelötet und stammt aus anderer Quelle.Wegen dieses intimen Zusammenhanges der Traumangst mit der
Neurosenangst muß ich hier bei der Erörterung der ersteren auf die
letztere verweisen. In einem kleinen Aufsatze über die „Angst-
neurose“ (Neurolog. Zentralblatt, 1895) habe ich seinerzeit behauptet,
daß die neurotische Angst aus dem Sexualleben stammt und einer von
ihrer Bestimmung abgelenkten, nicht zur Verwendung gelangten
Libido entspricht. Diese Formel hat sich seither immer mehr als
stichhaltig erwiesen. Aus ihr läßt sich nun der Satz ableiten, daß die
Angstträume Träume sexuellen Inhaltes sind, deren zugehörige Libido
eine Verwandlung in Angst erfahren hat. Es wird sich späterhin die
Gelegenheit ergeben, diese Behauptung durch die Analyse einiger
Träume bei Neurotikern zu unterstützen. Auch werde ich bei weiteren
Versuchen, mich einer Theorie des Traumes zu nähern, nochmals auf
die Bedingung der Angstträume und deren Verträglichkeit mit der
Wunscherfüllungstheorie zu sprechen kommen.
*Ein großer unter den lebenden Dichtern, der, wie mir gesagt wurde, von
Psychoanalyse und Traumdeutung nichts wissen will, findet doch aus Eigenem eine
fast identische Formel für das Wesen des Traumes: „Unbefugtes Auftauchen
unterdrückter Sehnsuchtswünsche unter falschem Antlitz und Namen.“ C. Spit-
teler, Meine frühesten Erlebnisse (Süddeutsche Monatshefte, Oktober 1913).
Vorgreifend führe ich hier die von Otto Rank herrührende Erweiterung
und Modifikation der obigen Grundformel an: „Der Traum stellt regelmäßig
auf der Grundlage und mit Hilfe verdrängten infantil-sexuellen Materials ak-
tuelle, in der Regel auch erotische Wünsche in verhüllter und symbolisch einge-
kleideter Form als erfüllt dar.“ („Ein Traum, der sich selbst deutet.“)
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Die Traumdeutung1900-001/1922