• S.

    12

    II

    Die Grundzüge der Symptombildung sind längst
    studiert und in hoffentlich unanfechtbarer Weise aus-
    gesprochen worden. Das Symptom sei Anzeichen und
    Ersatz einer unterbliebenen Triebbefriedigung, ein Erfolg
    des Verdrängungsvorganges. Die Verdrängung geht
    vom Ich aus, das, eventuell im Auftrage des Über-Ichs, 
    eine im Es angeregte Triebbesetzung nicht mit-
    machen will. Das Ich erreicht durch die Verdrängung,
    daß die Vorstellung, welche der Träger der unlieb-
    samen Regung war, vom Bewußtwerden abgehalten
    wird. Die Analyse weist oftmals nach, daß sie als un-
    bewußte Formation erhalten geblieben ist. So weit
    wäre es klar, aber bald beginnen die unerledigten
    Schwierigkeiten.

    Unsere bisherigen Beschreibungen des Vorganges
    bei der Verdrängung haben den Erfolg der Abhaltung
    vom Bewußtsein nachdrücklich betont, aber in anderen
    Punkten Zweifel offen gelassen. Es entsteht die Frage,
    was ist das Schicksal der im Es aktivierten Triebregung, 

  • S.

    13

    die auf Befriedigung abzielt? Die Antwort
    war eine indirekte, sie lautete, durch den Vorgang der
    Verdrängung werde die zu erwartende Befriedigungs-
    lust in Unlust verwandelt, und dann stand man vor
    dem Problem, wie Unlust das Ergebnis einer Trieb-
    befriedigung sein könne. Wir hoffen den Sachverhalt
    zu klären, wenn wir die bestimmte Aussage machen,
    der im Es beabsichtigte Erregungsablauf komme infolge
    der Verdrängung überhaupt nicht zustande, es gelingt
    dem Ich, ihn zu inhibieren oder abzulenken. Dann
    entfällt das Rätsel der „Affektverwandlung“ bei der
    Verdrängung. Wir haben aber damit dem Ich das
    Zugeständnis gemacht, daß es einen so weitgehenden
    Einfluß auf die Vorgänge im Es äußern kann, und
    sollen verstehen lernen, auf welchem Wege ihm diese
    überraschende Machtentfaltung möglich wird.

    Ich glaube, dieser Einfluß fällt dem Ich zu infolge
    seiner innigen Beziehungen zum Wahrnehmungssystem,
    die ja sein Wesen ausmachen und der Grund seiner
    Differenzierung vom Es geworden sind. Die Funktion
    dieses Systems, das wir W-Bw genannt haben, ist mit
    dem Phänomen des Bewußtseins verbunden; es empfängt
    Erregungen nicht nur von außen, sondern auch von
    innen her und mittels der Lust‑Unlustempfindungen,
    die es von daher erreichen, versucht es, alle Abläufe
    des seelischen Geschehens im Sinne des Lustprinzips
    zu lenken. Wir stellen uns das Ich so gerne als ohn-
    mächtig gegen das Es vor, aber wenn es sich gegen

  • S.

    14

    einen Triebvorgang im Es sträubt, so braucht es bloß
    ein Unlustsignal zu geben, um seine Absicht durch
    die Hilfe der beinahe allmächtigen Instanz des Lust-
    prinzips zu erreichen. Wenn wir diese Situation für
    einen Augenblick isoliert betrachten, können wir sie
    durch ein Beispiel aus einer anderen Sphäre illustrieren.
    In einem Staate wehre sich eine gewisse Clique gegen
    eine Maßregel, deren Beschluß den Neigungen der
    Masse entsprechen würde. Diese Minderzahl bemächtigt
    sich dann der Presse, bearbeitet durch sie die souve-
    räne „öffentliche Meinung“ und setzt es so durch,
    daß der geplante Beschluß unterbleibt.

    An die eine Beantwortung knüpfen weitere Frage-
    stellungen an. Woher rührt die Energie, die zur Er-
    zeugung des Unlustsignals verwendet wird? Hier weist
    uns die Idee den Weg, daß die Abwehr eines un-
    erwünschten Vorganges im Inneren nach dem Muster
    der Abwehr gegen einen äußeren Reiz geschehen
    dürfte, daß das Ich den gleichen Weg der Verteidi-
    gung gegen die innere wie gegen die äußere Gefahr
    einschlägt. Bei äußerer Gefahr unternimmt das
    organische Wesen einen Fluchtversuch, es zieht zu-
    nächst die Besetzung von der Wahrnehmung des
    Gefährlichen ab; später erkennt es als das wirk-
    samere Mittel, solche Muskelaktionen vorzunehmen,
    daß die Wahrnehmung der Gefahr, auch wenn man
    sie nicht verweigert, unmöglich wird, also sich dem
    Wirkungsbereich der Gefahr zu entziehen. Einem

  • S.

    15

    solchen Fluchtversuch gleichwertig ist auch die Ver-
    drängung. Das Ich zieht die (vorbewußte) Besetzung
    von der zu verdrängenden Triebrepräsentanz ab und
    verwendet sie für die Unlust‑(Angst‑)Entbindung. Das
    Problem, wie bei der Verdrängung die Angst entsteht,
    mag kein einfaches sein; immerhin hat man das Recht,
    an der Idee festzuhalten, daß das Ich die eigentliche
    Angststätte ist, und die frühere Auffassung zurück-
    zuweisen, die Besetzungsenergie der verdrängten Regung
    werde automatisch in Angst verwandelt. Wenn ich
    mich früher einmal so geäußert habe, so gab ich
    eine phänomenologische Beschreibung, nicht eine meta-
    psychologische Darstellung.

    Aus dem Gesagten leitet sich die neue Frage ab,
    wie es ökonomisch möglich ist, daß ein bloßer Ab-
    ziehungs‑ und Abfuhrvorgang wie beim Rückzug der
    vorbewußten Ichbesetzung Unlust oder Angst erzeugen
    könne, die nach unseren Voraussetzungen nur Folge
    gesteigerter Besetzung sein kann. Ich antworte, diese
    Verursachung soll nicht ökonomisch erklärt werden,
    die Angst wird bei der Verdrängung nicht neu erzeugt,
    sondern als Affektzustand nach einem vorhandenen
    Erinnerungsbild reproduziert. Mit der weiteren Frage
    nach der Herkunft dieser Angst – wie der Affekte
    überhaupt –verlassen wir aber den unbestritten
    psychologischen Boden und betreten das Grenzgebiet
    der Physiologie. Die Affektzustände sind dem Seelen-
    leben als Niederschläge uralter traumatischer Erlebnisse 

  • S.

    16

    einverleibt und werden in ähnlichen Situationen
    wie Erinnerungssymbole wachgerufen. Ich meine, ich
    hatte nicht Unrecht, sie den spät und individuell erwor-
    benen hysterischen Anfällen gleichzusetzen und als
    deren Normalvorbilder zu betrachten. Beim Menschen
    und ihm verwandten Geschöpfen scheint der Geburts-
    akt als das erste individuelle Angsterlebnis dem Aus-
    druck des Angstaffekts charakteristische Züge geliehen
    zu haben. Wir sollen aber diesen Zusammenhang nicht
    überschätzen und in seiner Anerkennung nicht über-
    sehen, daß ein Affektsymbol für die Situation der
    Gefahr eine biologische Notwendigkeit ist und auf
    jeden Fall geschaffen worden wäre. Ich halte es auch
    für unberechtigt anzunehmen, daß bei jedem Angst-
    ausbruch etwas im Seelenleben vor sich geht, was
    einer Reproduktion der Geburtssituation gleichkommt.
    Es ist nicht einmal sicher, ob die hysterischen Anfälle,
    die ursprünglich solche traumatische Reproduktionen
    sind, diesen Charakter dauernd bewahren.

    Ich habe an anderer Stelle ausgeführt, daß die
    meisten Verdrängungen, mit denen wir bei der
    therapeutischen Arbeit zu tun bekommen, Fälle von
    Nachdrängen sind. Sie setzen früher erfolgte
    Urverdrängungen voraus, die auf die neuere
    Situation ihren anziehenden Einfluß ausüben. Von
    diesen Hintergründen und Vorstufen der Verdrängung
    ist noch viel zu wenig bekannt. Man kommt leicht
    in Gefahr, die Rolle des Über‑Ichs bei der Verdrängung 

  • S.

    17

    zu überschätzen. Man kann es derzeit nicht
    beurteilen, ob etwa das Auftreten des Über-Ichs 
    die Abgrenzung zwischen Urverdrängung und Nachdrängen
    schafft. Die ersten – sehr intensiven – Angstaus-
    brüche erfolgen jedenfalls vor der Differenzierung des
    Über‑Ichs. Es ist durchaus plausibel, daß quantitative
    Momente, wie die übergroße Stärke der Erregung
    und der Durchbruch des Reizschutzes, die nächsten
    Anlässe der Urverdrängungen sind.

    Die Erwähnung des Reizschutzes mahnt uns wie
    ein Stichwort, daß die Verdrängungen in zwei unter-
    schiedenen Situationen auftreten, nämlich wenn eine
    unliebsame Triebregung durch eine äußere Wahr-
    nehmung wachgerufen wird, und wenn sie ohne solche
    Provokation im Innern auftaucht. Wir werden später
    auf diese Verschiedenheit zurückkommen. Reizschutz
    gibt es aber nur gegen äußere Reize, nicht gegen
    innere Triebansprüche.

    Solange wir den Fluchtversuch des Ichs studieren,
    bleiben wir der Symptombildung ferne. Das Symptom
    entsteht aus der durch die Verdrängung beeinträch-
    tigten Triebregung. Wenn das Ich durch die Inan-
    spruchnahme des Unlustsignals seine Absicht erreicht,
    die Triebregung völlig zu unterdrücken, erfahren wir
    nichts darüber, wie das geschieht. Wir lernen nur
    aus den Fällen, die als mehr oder minder mißglückte
    Verdrängungen zu bezeichnen sind.

    Dann stellt es sich im Allgemeinen so dar, daß die

  • S.

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    Triebregung zwar trotz der Verdrängung einen Ersatz
    gefunden hat, aber einen stark verkümmerten, ver-
    schobenen, gehemmten. Er ist auch als Befriedigung
    nicht mehr kenntlich. Wenn er vollzogen wird, kommt
    keine Lustempfindung zustande, dafür hat dieser
    Vollzug den Charakter des Zwanges angenommen.
    Aber bei dieser Erniedrigung des Befriedigungs-
    ablaufes zum Symptom zeigt die Verdrängung ihre
    Macht noch in einem anderen Punkte. Der Ersatz-
    vorgang wird wo möglich von der Abfuhr durch die
    Motilität ferngehalten; auch wo dies nicht gelingt,
    muß er sich in der Veränderung des eigenen Körpers
    erschöpfen und darf nicht auf die Außenwelt über-
    greifen; es wird ihm verwehrt, sich in Handlung um-
    zusetzen. Wir verstehen, bei der Verdrängung arbeitet
    das Ich unter dem Einfluß der äußeren Realität und
    schließt darum den Erfolg des Ersatzvorganges von
    dieser Realität ab.

    Das Ich beherrscht den Zugang zum Bewußtsein
    wie den Übergang zur Handlung gegen die Außen-
    welt; in der Verdrängung betätigt es seine Macht
    nach beiden Richtungen. Die Triebrepräsentanz
    bekommt die eine, die Triebregung selbst die andere
    Seite seiner Kraftäußerung zu spüren. Da ist es denn
    am Platze, sich zu fragen, wie diese Anerkennung der
    Mächtigkeit des Ichs mit der Beschreibung zusammen-
    kommt, die wir in der Studie „Das Ich und das Es“
    von der Stellung desselben Ichs entworfen haben.

  • S.

    19

    Wir haben dort die Abhängigkeit des Ichs vom Es
    wie vom Über‑Ich geschildert, seine Ohnmacht und
    Angstbereitschaft gegen beide, seine mühsam aufrecht
    erhaltene Überheblichkeit entlarvt. Dieses Urteil hat
    seither einen starken Widerhall in der psychoanaly-
    tischen Literatur gefunden. Zahlreiche Stimmen
    betonen eindringlich die Schwäche des Ichs gegen
    das Es, des Rationellen gegen das Dämonische in uns
    und schicken sich an, diesen Satz zu einem Grund-
    pfeiler einer psychoanalytischen „Weltanschauung“ zu
    machen. Sollte nicht die Einsicht in die Wirkungs-
    weise der Verdrängung gerade den Analytiker von so
    extremer Parteinahme zurückhalten?

    Ich bin überhaupt nicht für die Fabrikation von
    Weltanschauungen. Die überlasse man den Philosophen,
    die eingestandenermaßen die Lebensreise ohne einen
    solchen Baedeker, der über alles Auskunft gibt,
    nicht ausführbar finden. Nehmen wir demütig die
    Verachtung auf uns, mit der die Philosophen vom
    Standpunkt ihrer höheren Bedürftigkeit auf uns herab-
    schauen. Da auch wir unseren narzißtischen Stolz
    nicht verleugnen können, wollen wir unseren Trost in
    der Erwägung suchen, daß alle diese „Lebensführer“
    rasch veralten, daß es gerade unsere kurzsichtig
    beschränkte Kleinarbeit ist, welche deren Neuauflagen
    notwendig macht, und daß selbst die modernsten
    dieser Baedeker Versuche sind, den alten, so be-
    quemen und so vollständigen Katechismus zu ersetzen.

  • S.

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    Wir wissen genau, wie wenig Licht die Wissenschaft
    bisher über die Rätsel dieser Welt verbreiten konnte;
    alles Poltern der Philosophen kann daran nichts
    ändern, nur geduldige Fortsetzung der Arbeit, die
    alles der einen Forderung nach Gewißheit unter-
    ordnet, kann langsam Wandel schaffen. Wenn der
    Wanderer in der Dunkelheit singt, verleugnet er
    seine Ängstlichkeit, aber er sieht darum um nichts
    heller.