• S.

    43

    V

    Wir wollten die Symptombildung und den sekun-
    dären Kampf des Ichs gegen das Symptom studieren,
    aber wir haben offenbar mit der Wahl der Phobien
    keinen glücklichen Griff getan. Die Angst, welche im
    Bild dieser Affektionen vorherrscht, erscheint uns nun
    als eine den Sachverhalt verhüllende Komplikation. Es
    gibt reichlich Neurosen, bei denen sich nichts von
    Angst zeigt. Die echte Konversionshysterie ist von
    solcher Art, deren schwerste Symptome ohne Bei-
    mischung von Angst gefunden werden. Schon diese
    Tatsache müßte uns warnen, die Beziehungen zwischen
    Angst und Symptombildung nicht allzu fest zu knüpfen.
    Den Konversionshysterien stehen die Phobien sonst so
    nahe, daß ich mich für berechtigt gehalten habe,
    ihnen diese als „Angsthysterie“ anzureihen. Aber
    niemand hat noch die Bedingung angeben können,
    die darüber entscheidet, ob ein Fall die Form einer
    Konversionshysterie oder einer Phobie annimmt, niemand
    also die Bedingung der Angstentwicklung bei der
    Hysterie ergründet.

  • S.

    44

    Die häufigsten Symptome der Konversionshysterie,
    eine motorische Lähmung, Kontraktur oder unwillkür-
    liche Aktion oder Entladung, ein Schmerz, eine Hallu-
    zination, sind entweder permanent festgehaltene oder
    intermittierende Besetzungsvorgänge, was der Erklärung
    neue Schwierigkeiten bereitet. Man weiß eigentlich
    nicht viel über solche Symptome zu sagen. Durch die
    Analyse kann man erfahren, welchen gestörten
    Erregungsablauf sie ersetzen. Zumeist ergibt sich, daß
    sie selbst einen Anteil an diesem haben, so als ob
    sich die gesamte Energie desselben auf dies eine
    Stück konzentriert hätte. Der Schmerz war in der
    Situation, in welcher die Verdrängung vorfiel, vor-
    handen; die Halluzination war damals Wahrnehmung,
    die motorische Lähmung ist die Abwehr einer Aktion,
    die in jener Situation hätte ausgeführt werden sollen,
    aber gehemmt wurde, die Kontraktur gewöhnlich eine
    Verschiebung für eine damals intendierte Muskel-
    innervation an anderer Stelle, der Krampfanfall Aus-
    druck eines Affektausbruches, der sich der normalen
    Kontrolle des Ichs entzogen hat. In ganz auffälligem
    Maße wechselnd ist die Unlustempfindung, die das
    Auftreten der Symptome begleitet. Bei den perma-
    nenten, auf die Motilität verschobenen Symptomen,
    wie Lähmungen und Kontrakturen, fehlt sie meistens
    gänzlich, das Ich verhält sich gegen sie wie unbe-
    teiligt; bei den intermittierenden und den Symptomen
    der sensorischen Sphäre werden in der Regel deutliche 

  • S.

    45

    Unlustempfindungen verspürt, die sich im Falle
    des Schmerzsymptoms zu exzessiver Höhe steigern
    können. Es ist sehr schwer, in dieser Mannigfaltigkeit
    das Moment herauszufinden, das solche Differenzen
    ermöglicht und sie doch einheitlich erklären läßt. Auch
    vom Kampf des Ichs gegen das einmal gebildete
    Symptom ist bei der Konversionshysterie wenig zu
    merken. Nur wenn die Schmerzempfindlichkeit einer
    Körperstelle zum Symptom geworden ist, wird diese
    in den Stand gesetzt, eine Doppelrolle zu spielen.
    Das Schmerzsymptom tritt ebenso sicher auf, wenn
    diese Stelle von außen berührt wird, wie wenn die
    von ihr vertretene pathogene Situation von innen her
    assoziativ aktiviert wird, und das Ich ergreift Vor-
    sichtsmaßregeln, um die Erweckung des Symptoms
    durch äußere Wahrnehmung hintanzuhalten. Woher
    die besondere Undurchsichtigkeit der Symptombildung
    bei der Konversionshysterie rührt, können wir nicht
    erraten, aber sie gibt uns ein Motiv, das unfrucht-
    bare Gebiet bald zu verlassen.

    Wir wenden uns zur Zwangsneurose in der
    Erwartung, hier mehr über die Symptombildung zu
    erfahren. Die Symptome der Zwangsneurose sind im
    allgemeinen von zweierlei Art und entgegengesetzter
    Tendenz. Es sind entweder Verbote, Vorsichtsmaß-
    regeln, Bußen, also negativer Natur, oder im Gegen-
    teil Ersatzbefriedigungen, sehr häufig in symbolischer
    Verkleidung. Von diesen zwei Gruppen ist die negative,

  • S.

    46

    abwehrende, strafende, die ältere; mit der Dauer
    des Krankseins nehmen aber die aller Abwehr spotten-
    den Befriedigungen überhand. Es ist ein Triumph der
    Symptombildung, wenn es gelingt, das Verbot mit der
    Befriedigung zu verquicken, so daß das ursprünglich
    abwehrende Gebot oder Verbot auch die Bedeutung
    einer Befriedigung bekommt, wozu oft sehr künstliche
    Verbindungswege in Anspruch genommen werden. In
    dieser Leistung zeigt sich die Neigung zur Synthese,
    die wir dem Ich bereits zuerkannt haben. In extremen
    Fällen bringt es der Kranke zustande, daß die meisten
    seiner Symptome zu ihrer ursprünglichen Bedeutung
    auch die des direkten Gegensatzes erworben haben,
    ein Zeugnis für die Macht der Ambivalenz, die, wir
    wissen nicht warum, in der Zwangsneurose eine so
    große Rolle spielt. Im rohesten Fall ist das Symptom
    zweizeitig, d. h. auf die Handlung, die eine gewisse
    Vorschrift ausführt, folgt unmittelbar eine zweite, die
    sie aufhebt oder rückgängig macht, wenngleich sie
    noch nicht wagt, ihr Gegenteil auszuführen.

    Zwei Eindrücke ergeben sich sofort aus dieser
    flüchtigen Überschau der Zwangssymptome. Der erste,
    daß hier ein fortgesetzter Kampf gegen das Ver-
    drängte unterhalten wird, der sich immer mehr zu
    ungunsten der verdrängenden Kräfte wendet, und
    zweitens, daß Ich und Über‑Ich hier einen besonders
    großen Anteil an der Symptombildung nehmen.

    Die Zwangsneurose ist wohl das interessanteste

  • S.

    47

    und dankbarste Objekt der analytischen Untersuchung,
    aber noch immer als Problem unbezwungen. Wollen
    wir in ihr Wesen tiefer eindringen, so müssen wir
    eingestehen, daß unsichere Annahmen und unbe-
    wiesene Vermutungen noch nicht entbehrt werden
    können. Die Ausgangssituation der Zwangsneurose ist
    wohl keine andere als die der Hysterie, die not-
    wendige Abwehr der libidinösen Ansprüche des Ödipus-
    komplexes. Auch scheint sich bei jeder Zwangsneurose
    eine unterste Schicht sehr früh gebildeter hysterischer
    Symptome zu finden. Dann aber wird die weitere
    Gestaltung durch einen konstitutionellen Faktor ent-
    scheidend verändert. Die genitale Organisation der
    Libido erweist sich als schwächlich und zu wenig
    resistent. Wenn das Ich sein Abwehrstreben beginnt,
    so erzielt es als ersten Erfolg, daß die Genitalorgani-
    sation (der phallischen Phase) ganz oder teilweise auf
    die frühere sadistisch‑anale Stufe zurückgeworfen wird.
    Diese Tatsache der Regression bleibt für alles folgende
    bestimmend.

    Man kann noch eine andere Möglichkeit in
    Erwägung ziehen. Vielleicht ist die Regression nicht
    die Folge eines konstitutionellen, sondern eines zeit-
    lichen Faktors. Sie wird nicht darum ermöglicht
    werden, weil die Genitalorganisation der Libido zu
    schwächlich geraten, sondern weil das Sträuben des
    Ichs zu frühzeitig, noch während der Blüte der sadi-
    stischen Phase eingesetzt hat. Einer sicheren Entscheidung 

  • S.

    48

    getraue ich mich auch in diesem Punkte
    nicht, aber die analytische Beobachtung begünstigt
    diese Annahme nicht. Sie zeigt eher, daß bei der
    Wendung zur Zwangsneurose die phallische Stufe
    bereits erreicht ist. Auch ist das Lebensalter für den
    Ausbruch dieser Neurose ein späteres als das der
    Hysterie (die zweite Kindheitsperiode, nach dem
    Termin der Latenzzeit), und in einem Fall von sehr
    später Entwicklung dieser Affektion, den ich studieren
    konnte, ergab es sich klar, daß eine reale Entwertung
    des bis dahin intakten Genitallebens die Bedingung
    für die Regression und die Entstehung der Zwangs-
    neurose schuf.1

    Die metapsychologische Erklärung der Regression
    suche ich in einer „Triebentmischung“, in der Ab-
    sonderung der erotischen Komponenten, die mit
    Beginn der genitalen Phase zu den destruktiven
    Besetzungen der sadistischen Phase hinzugetreten waren.

    Die Erzwingung der Regression bedeutet den
    ersten Erfolg des Ichs im Abwehrkampf gegen den
    Anspruch der Libido. Wir unterscheiden hier zweck-
    mäßig die allgemeinere Tendenz der „Abwehr“ von
    der „Verdrängung“, die nur einer der Mechanismen
    ist, deren sich die Abwehr bedient. Vielleicht noch
    klarer als bei normalen und hysterischen Fällen erkennt
    man bei der Zwangsneurose als den Motor der Abwehr

    1) S. Die Disposition zur Zwangsneurose. (Ges. Schriften,
    Bd. V.)

  • S.

    49

    den Kastrationskomplex, als das Abgewehrte die
    Strebungen des Ödipuskomplexes. Wir befinden uns
    nun zu Beginn der Latenzzeit, die durch den Unter-
    gang des Ödipuskomplexes, die Schöpfung oder Kon-
    solidierung des Über‑Ichs und die Aufrichtung der
    ethischen und ästhetischen Schranken im Ich gekenn-
    zeichnet ist. Diese Vorgänge gehen bei der Zwangs-
    neurose über das normale Maß hinaus; zur Zerstörung
    des Ödipuskomplexes tritt die regressive Erniedrigung
    der Libido hinzu, das Über‑Ich wird besonders strenge
    und lieblos, das Ich entwickelt im Gehorsam gegen 
    das Über‑Ich hohe Reaktionsbildungen von Gewissen-
    haftigkeit, Mitleid, Reinlichkeit. Mit unerbittlicher,
    darum nicht immer erfolgreicher Strenge wird die
    Versuchung zur Fortsetzung der frühinfantilen Onanie
    verpönt, die sich nun an regressive (sadistisch‑anale) Vor-
    stellungen anlehnt, aber doch den unbezwungenen Anteil
    der phallischen Organisation repräsentiert. Es liegt ein
    innerer Widerspruch darin, daß gerade im Interesse
    der Erhaltung der Männlichkeit (Kastrationsangst) jede
    Betätigung dieser Männlichkeit verhindert wird, aber
    auch dieser Widerspruch wird bei der Zwangsneurose
    nur übertrieben, er haftet bereits an der normalen
    Art der Beseitigung des Ödipuskomplexes. Wie jedes
    Übermaß den Keim zu seiner Selbstaufhebung in
    sich trägt, wird sich auch an der Zwangsneurose
    bewähren, indem gerade die unterdrückte Onanie
    sich in der Form der Zwangshandlungen eine
     

  • S.

    50

    immer weiter gehende Annäherung an die Befriedigung
    erzwingt.

    Die Reaktionsbildungen im Ich der Zwangsneuro-
    tiker, die wir als Übertreibungen der normalen Cha-
    rakterbildung erkennen, dürfen wir als einen neuen
    Mechanismus der Abwehr neben die Regression und
    die Verdrängung hinstellen. Sie scheinen bei der
    Hysterie zu fehlen oder weit schwächer zu sein.
    Rückschauend gewinnen wir so eine Vermutung,
    wodurch der Abwehrvorgang der Hysterie ausge-
    zeichnet ist. Es scheint, daß er sich auf die Ver-
    drängung einschränkt, indem das Ich sich von der
    unliebsamen Triebregung abwendet, sie dem Ablauf
    im Unbewußten überläßt und an ihren Schicksalen
    keinen weiteren Anteil nimmt. So ganz ausschließend
    richtig kann das zwar nicht sein, denn wir kennen ja
    den Fall, daß das hysterische Symptom gleichzeitig
    die Erfüllung einer Strafanforderung des Über-Ichs
    bedeutet, aber es mag einen allgemeinen Charakter
    im Verhalten des Ichs bei der Hysterie beschreiben.

    Man kann es einfach als Tatsache hinnehmen, daß
    sich bei der Zwangsneurose ein so strenges Über-Ich
    bildet, oder man kann daran denken, daß der funda-
    mentale Zug dieser Affektion die Libidoregression ist,
    und versuchen, auch den Charakter des Über‑Ichs
    mit ihr zu verknüpfen. In der Tat kann ja das Über‑Ich, 
    das aus dem Es stammt, sich der dort einge-
    tretenen Regression und Triebentmischung nicht entziehen. 
     

  • S.

    51

    Es wäre nicht zu verwundern, wenn es
    seinerseits härter, quälerischer, liebloser würde als
    bei normaler Entwicklung.

    Während der Latenzzeit scheint die Abwehr der
    Onanieversuchung als Hauptaufgabe behandelt zu
    werden. Dieser Kampf erzeugt eine Reihe von Sym-
    ptomen, die bei den verschiedensten Personen in
    typischer Weise wiederkehren und im allgemeinen 
    den Charakter des Zeremoniells tragen. Es ist sehr
    zu bedauern, daß sie noch nicht gesammelt und
    systematisch analysiert worden sind; als früheste
    Leistungen der Neurose würden sie über den hier
    verwendeten Mechanismus der Symptombildung am
    ehesten Licht verbreiten. Sie zeigen bereits die Züge,
    welche in einer späteren schweren Erkrankung so
    verhängnisvoll hervortreten werden: die Unterbringung
    an den Verrichtungen, die später wie automatisch
    ausgeführt werden sollen, am Schlafengehen, Waschen
    und Ankleiden, an der Lokomotion, die Neigung zur
    Wiederholung und zum Zeitaufwand. Warum das so
    geschieht, ist noch keineswegs verständlich; die Subli-
    mierung analerotischer Komponenten spielt dabei eine
    deutliche Rolle.

    Die Pubertät macht in der Entwicklung der
    Zwangsneurose einen entscheidenden Abschnitt. Die
    in der Kindheit abgebrochene Genitalorganisation setzt
    nun mit großer Kraft wieder ein. Wir wissen aber,
    daß die Sexualentwicklung der Kinderzeit auch für

  • S.

    52

    den Neubeginn der Pubertätsjahre die Richtung vor-
    schreibt. Es werden also einerseits die aggressiven
    Regungen der Frühzeit wieder erwachen, anderseits
    muß ein mehr oder minder großer Anteil der neuen
    libidinösen Regungen – in bösen Fällen deren Ganzes
    – die durch die Regression vorgezeichneten Bahnen
    einschlagen und als aggressive und destruktive Ab-
    sichten auftreten. Infolge dieser Verkleidung der
    erotischen Strebungen und der starken Reaktions-
    bildungen im Ich, wird nun der Kampf gegen die
    Sexualität unter ethischer Flagge weitergeführt. Das
    Ich sträubt sich verwundert gegen grausame und
    gewalttätige Zumutungen, die ihm vom Es her ins
    Bewußtsein geschickt werden, und ahnt nicht, daß es
    dabei erotische Wünsche bekämpft, darunter auch
    solche, die sonst seinem Einspruch entgangen wären.
    Das überstrenge Über‑Ich besteht um so energischer
    auf der Unterdrückung der Sexualität, da sie so
    abstoßende Formen angenommen hat. So zeigt sich
    der Konflikt bei der Zwangsneurose nach zwei Rich-
    tungen verschärft, das Abwehrende ist intoleranter,
    das Abzuwehrende unerträglicher geworden; beides
    durch den Einfluß des einen Moments, der Libido-
    regression.

    Man könnte einen Widerspruch gegen manche
    unserer Voraussetzungen darin finden, daß die unlieb-
    same Zwangsvorstellung überhaupt bewußt wird. Allein
    es ist kein Zweifel, daß sie vorher den Prozeß der

  • S.

    53

    Verdrängung durchgemacht hat. In den meisten ist
    der eigentliche Wortlaut der aggressiven Triebregung
    dem Ich überhaupt nicht bekannt. Es gehört ein
    gutes Stück analytischer Arbeit dazu, um ihn bewußt
    zu machen. Was zum Bewußtsein durchdringt, ist in
    der Regel nur ein entstellter Ersatz entweder von
    einer verschwommenen, traumhaften Unbestimmtheit,
    oder unkenntlich gemacht durch eine absurde Ver-
    kleidung. Wenn die Verdrängung nicht den Inhalt
    der aggressiven Triebregung angenagt hat, so hat sie
    doch gewiß den sie begleitenden Affektcharakter
    beseitigt. So erscheint die Aggression dem Ich nicht
    als ein Impuls, sondern, wie die Kranken sagen, als
    ein bloßer „Gedankeninhalt“, der einen kalt lassen
    sollte. Das Merkwürdige ist, daß dies doch nicht der
    Fall ist.

    Der bei der Wahrnehmung der Zwangs-
    vorstellung ersparte Affekt kommt nämlich an anderer Stelle zum
    Vorschein. Das Über‑Ich benimmt sich so, als hätte
    keine Verdrängung stattgefunden, als wäre ihm die
    aggressive Regung in ihrem richtigen Wortlaut und
    mit ihrem vollen Affektcharakter bekannt, und behandelt
    das Ich auf Grund dieser Voraussetzung. Das Ich, das
    sich einerseits schuldlos weiß, muß anderseits ein
    Schuldgefühl verspüren und eine Verantwortlichkeit
    tragen, die es sich nicht zu erklären weiß. Das Rätsel,
    das uns hiemit aufgegeben wird, ist aber nicht so
    groß, als es zuerst erscheint. Das Verhalten des Über‑Ichs 

  • S.

    54

    ist durchaus verständlich, der Widerspruch im
    Ich beweist uns nur, daß es sich mittels der Ver-
    drängung gegen das Es verschlossen hat, während es
    den Einflüssen aus dem Über-Ich voll zugänglich
    geblieben ist.1 Der weiteren Frage, warum das Ich
    sich nicht auch der peinigenden Kritik des Über-Ichs
    zu entziehen sucht, macht die Nachricht ein Ende,
    daß dies wirklich in einer großen Reihe von Fällen
    so geschieht. Es gibt auch Zwangsneurosen ganz ohne
    Schuldbewußtsein; soweit wir es verstehen, hat sich
    das Ich die Wahrnehmung desselben durch eine neue
    Reihe von Symptomen, Bußhandlungen, Einschrän-
    kungen zur Selbstbestrafung, erspart. Diese Sym-
    ptome bedeuten aber gleichzeitig Befriedigungen ma-
    sochistischer Triebregungen, die ebenfalls aus der
    Regression eine Verstärkung bezogen haben.

    Die Mannigfaltigkeit in den Erscheinungen der
    Zwangsneurose ist eine so großartige, daß es noch
    keiner Bemühung gelungen ist, eine zusammenhängende
    Synthese aller ihrer Variationen zu geben. Man ist
    bestrebt, typische Beziehungen herauszuheben und
    dabei immer in Sorge, andere nicht minder wichtige
    Regelmäßigkeiten zu übersehen.

    Die allgemeine Tendenz der Symptombildung bei
    der Zwangsneurose habe ich bereits beschrieben. Sie
    geht dahin, der Ersatzbefriedigung immer mehr Raum

    1)Vgl. Reik, Geständniszwang und Strafbedürfnis, 1925,
    S. 51.

  • S.

    55

    auf Kosten der Versagung zu schaffen. Dieselben
    Symptome, die ursprünglich Einschränkungen des Ichs
    bedeuteten, nehmen dank der Neigung des Ichs zur
    Synthese später auch die von Befriedigungen an, und
    es ist unverkennbar, daß die letztere Bedeutung all-
    mählich die wirksamere wird. Ein äußerst einge-
    schränktes Ich, das darauf angewiesen ist, seine
    Befriedigungen in den Symptomen zu suchen, wird
    das Ergebnis dieses Prozesses, der sich immer mehr
    dem völligen Fehlschlagen des anfänglichen Abwehr-
    strebens nähert. Die Verschiebung des Kräfteverhält-
    nisses zugunsten der Befriedigung kann zu dem
    gefürchteten Endausgang der Willenslähmung des Ichs
    führen, das für jede Entscheidung beinahe ebenso
    starke Antriebe von der einen wie von der anderen
    Seite findet. Der überscharfe Konflikt zwischen Es
    und Über‑Ich, der die Affektion von Anfang an
    beherrscht, kann sich so sehr ausbreiten, daß keine
    der Verrichtungen des zur Vermittlung unfähigen
    Ichs der Einbeziehung in diesen Konflikt entgehen
    kann.