• S.

    56

    VI

    Während dieser Kämpfe kann man zwei symptom-
    bildende Tätigkeiten des Ichs beobachten, die ein
    besonderes Interesse verdienen, weil sie offenbare
    Surrogate der Verdrängung sind und darum deren
    Tendenz und Technik schön erläutern können. Viel-
    leicht dürfen wir auch das Hervortreten dieser Hilfs‑ und 
    Ersatztechniken als einen Beweis dafür auffassen,
    daß die Durchführung der regelrechten Verdrängung
    auf Schwierigkeiten stößt. Wenn wir erwägen, daß bei
    der Zwangsneurose das Ich soviel mehr Schauplatz
    der Symptombildung ist als bei der Hysterie, daß
    dieses Ich zähe an seiner Beziehung zur Realität und
    zum Bewußtsein festhält und dabei alle seine intellek-
    tuellen Mittel aufbietet, ja, daß die Denktätigkeit
    überbesetzt, erotisiert, erscheint, werden uns solche
    Variationen der Verdrängung vielleicht näher gebracht.

    Die beiden angedeuteten Techniken sind das
    Ungeschehenmachen und das Isolieren. Die
    erstere hat ein großes Anwendungsgebiet und reicht

  • S.

    57

    weit zurück. Sie ist sozusagen negative Magie, sie
    will durch motorische Symbolik nicht die Folgen
    eines Ereignisses (Eindruckes, Erlebnisses), sondern
    dieses selbst „wegblasen“. Mit der Wahl dieses
    letzten Ausdruckes ist darauf hingewiesen, welche
    Rolle diese Technik nicht nur in der Neurose, sondern
    auch in den Zauberhandlungen, Volksgebräuchen und
    im religiösen Zeremoniell spielt. In der Zwangsneurose
    begegnet man dem Ungeschehenmachen zuerst bei
    den zweizeitigen Symptomen, wo der zweite Akt den
    ersten aufhebt, so, als ob nichts geschehen wäre, wo
    in Wirklichkeit beides geschehen ist. Das zwangsneu-
    rotische Zeremoniell hat in der Absicht des Unge-
    schehenmachens seine zweite Wurzel. Die erste ist
    die Verhütung, die Vorsicht, damit etwas Bestimm-
    tes nicht geschehe, sich nicht wiederhole. Der Unter-
    schied ist leicht zu fassen; die Vorsichtsmaßregeln
    sind rationell, die „Aufhebungen“ durch Ungeschehen-
    machen irrationell, magischer Natur. Natürlich muß
    man vermuten, daß diese zweite Wurzel die ältere,
    aus der animistischen Einstellung zur Umwelt stam-
    mende ist. Seine Abschattung zum Normalen findet
    das Streben zum Ungeschehenmachen in dem Ent-
    schluß ein Ereignis als „non arrivé“ zu behandeln,
    aber dann unternimmt man nichts dagegen, kümmert
    sich weder um das Ereignis noch um seine Folgen,
    während man in der Neurose die Vergangenheit
    selbst aufzuheben, motorisch zu verdrängen sucht.

  • S.

    58

    Dieselbe Tendenz kann auch die Erklärung des in
    der Neurose so häufigen Zwanges zur Wiederholung 
    geben, bei dessen Ausführung sich dann
    mancherlei einander widerstreitende Absichten zu-
    sammenfinden. Was nicht in solcher Weise geschehen
    ist, wie es dem Wunsch gemäß hätte geschehen
    sollen, wird durch die Wiederholung in anderer Weise
    ungeschehen gemacht, wozu nun alle die Motive hin-
    zutreten, bei diesen Wiederholungen zu verweilen. Im
    weiteren Verlauf der Neurose enthüllt sich oft die
    Tendenz, ein traumatisches Erlebnis ungeschehen zu
    machen, als ein symptombildendes Motiv von erstem
    Range. Wir erhalten so unerwarteten Einblick in eine
    neue, motorische Technik der Abwehr oder, wie wir
    hier mit geringerer Ungenauigkeit sagen können, der
    Verdrängung.

    Die andere der neu zu beschreibenden Techniken
    ist das der Zwangsneurose eigentümlich zukommende
    Isolieren. Es bezieht sich gleichfalls auf die moto-
    rische Sphäre, besteht darin, daß nach einem unlieb-
    samen Ereignis, ebenso nach einer im Sinne der Neu-
    rose bedeutsamen eigenen Tätigkeit, eine Pause ein-
    geschoben wird, in der sich nichts mehr ereignen
    darf, keine Wahrnehmung gemacht und keine Aktion
    ausgeführt wird. Dies zunächst sonderbare Verhalten
    verrät uns bald seine Beziehung zur Verdrängung.
    Wir wissen, bei Hysterie ist es möglich, einen trau-
    matischen Eindruck der Amnesie verfallen zu lassen,

  • S.

    59

    bei der Zwangsneurose ist dies oft nicht gelungen,
    das Erlebnis ist nicht vergessen, aber es ist von
    seinem Affekt entblößt und seine assoziativen Bezie-
    hungen sind unterdrückt oder unterbrochen, so daß
    es wie isoliert dasteht und auch nicht im Verlaufe
    der Denktätigkeit reproduziert wird. Der Effekt dieser
    Isolierung ist dann der nämliche wie bei der Ver-
    drängung mit Amnesie. Diese Technik wird also in
    den Isolierungen der Zwangsneurose reproduziert, aber
    dabei auch in magischer Absicht motorisch verstärkt.
    Was so auseinandergehalten wird, ist gerade das, was
    assoziativ zusammengehört, die motorische Isolierung
    soll eine Garantie für die Unterbrechung des
    Zusammenhanges im Denken geben. Einen Vorwand
    für dies Verfahren der Neurose gibt der normale
    Vorgang der Konzentration. Was uns bedeutsam als
    Eindruck, als Aufgabe erscheint, soll nicht durch
    die gleichzeitigen Ansprüche anderer Denkverrichtun-
    gen oder Tätigkeiten gestört werden. Aber schon im
    Normalen wird die Konzentration dazu verwendet,
    nicht nur das Gleichgültige, nicht Dazugehörige, sondern
    vor allem das unpassende Gegensätzliche fernzuhalten.
    Als das Störendste wird empfunden, was ursprüng-
    lich zusammengehört hat und durch den Fortschritt
    der Entwicklung auseinandergerissen wurde, z. B. die
    Äußerungen der Ambivalenz des Vaterkomplexes in
    der Beziehung zu Gott oder die Regungen der Ex-
    kretionsorgane in den Liebeserregungen. So hat das

  • S.

    60

    Ich normalerweise eine große Isolierungsarbeit bei der
    Lenkung des Gedankenablaufes zu leisten, und wir
    wissen, in der Ausübung der analytischen Technik
    müssen wir das Ich dazu erziehen, auf diese sonst
    durchaus gerechtfertigte Funktion zeitweilig zu ver-
    zichten.

    Wir haben alle die Erfahrung gemacht, daß es
    dem Zwangsneurotiker besonders schwer wird, die
    psychoanalytische Grundregel zu befolgen. Wahr-
    scheinlich infolge der hohen Konfliktspannung zwischen
    seinem Über-Ich und seinem Es ist sein Ich wach-
    samer, dessen Isolierungen schärfer. Es hat während
    seiner Denkarbeit zuviel abzuwehren, die Einmengung
    unbewußter Phantasien, die Äußerung der ambi-
    valenten Strebungen. Es darf sich nicht gehen lassen,
    befindet sich fortwährend in Kampfbereitschaft. Diesen
    Zwang zur Konzentration und Isolierung unterstützt
    es dann durch die magischen Isolierungsaktionen, die
    als Symptome so auffällig und praktisch so bedeut-
    sam werden, an sich natürlich nutzlos sind und den
    Charakter des Zeremoniells haben.

    Indem es aber Assoziationen, Verbindung in
    Gedanken, zu verhindern sucht, befolgt es eines der
    ältesten und fundamentalsten Gebote der Zwangsneu-
    rose, das Tabu der Berührung. Wenn man sich
    die Frage vorlegt, warum die Vermeidung von
    Berührung, Kontakt, Ansteckung in der Neurose eine
    so große Rolle spielt und zum Inhalt so komplizierter

  • S.

    61

    Systeme gemacht wird, so findet man die Antwort,
    daß die Berührung, der körperliche Kontakt, das
    nächste Ziel sowohl der aggressiven wie der zärt-
    lichen Objektbesetzung ist. Der Eros will die Berüh-
    rung, denn er strebt nach Vereinigung, Aufhebung
    der Raumgrenzen zwischen Ich und geliebtem Objekt.
    Aber auch die Destruktion, die vor der Erfindung
    der Fernwaffe nur aus der Nähe erfolgen konnte,
    muß die körperliche Berührung, das Handanlegen,
    voraussetzen. Eine Frau berühren ist im Sprach-
    gebrauch ein Euphemismus für ihre Benützung als
    Sexualobjekt geworden. Das Glied nicht berühren ist
    der Wortlaut des Verbotes der autoerotischen Befrie-
    digung. Da die Zwangsneurose zu Anfang die ero-
    tische Berührung, dann nach der Regression die als
    Aggression maskierte Berührung verfolgte, ist nichts
    anderes für sie in so hohem Grade verpönt worden,
    nichts so geeignet, zum Mittelpunkt eines Verbotsystems
    zu werden. Die Isolierung ist aber Aufhebung der
    Kontaktmöglichkeit, Mittel, ein Ding jeder Berührung
    zu entziehen, und wenn der Neurotiker auch einen
    Eindruck oder eine Tätigkeit durch eine Pause isoliert,
    gibt er uns symbolisch zu verstehen, daß er die
    Gedanken an sie nicht in assoziative Berührung mit
    anderen kommen lassen will.

    So weit reichen unsere Untersuchungen über die
    Symptombildung. Es verlohnt sich kaum, sie zu resu-
    mieren, sie sind ergebnisarm und unvollständig geblieben, 

  • S.

    62

    haben auch wenig gebracht, was nicht schon
    früher bekannt gewesen wäre. Die Symptombildung
    bei anderen Affektionen als bei den Phobien, der
    Konversionshysterie und der Zwangsneurose in Betracht
    zu ziehen, wäre aussichtslos; es ist zu wenig darüber
    bekannt. Aber auch schon aus der Zusammenstellung
    dieser drei Neurosen erhebt sich ein schwerwiegendes,
    nicht mehr aufzuschiebendes Problem. Für alle drei
    ist die Zerstörung des Ödipuskomplexes der Ausgang,
    in allen, nehmen wir an, die Kastrationsangst der
    Motor des Ichsträubens. Aber nur in den Phobien
    kommt solche Angst zum Vorschein, wird sie einge-
    standen. Was ist bei den zwei anderen Formen aus
    ihr geworden, wie hat das Ich sich solche Angst
    erspart? Das Problem verschärft sich noch, wenn wir
    an die vorhin erwähnte Möglichkeit denken, daß die
    Angst durch eine Art Vergärung aus der im Ablauf
    gestörten Libidobesetzung selbst hervorgeht, und
    weiters: steht es fest, daß die Kastrationsangst der
    einzige Motor der Verdrängung (oder Abwehr) ist?
    Wenn man an die Neurosen der Frauen denkt, muß
    man das bezweifeln, denn so sicher sich der Kastrations-
    komplex bei ihnen konstatieren läßt, von einer
    Kastrationsangst im richtigen Sinne kann man bei
    bereits vollzogener Kastration doch nicht sprechen.