• S.

    [27]

    IV

    Der erste Fall, den wir betrachten, sei der einer
    infantilen hysterischen Tierphobie, also z. B. der gewiß
    in allen Hauptzügen typische Fall der Pferdephobie
    des „Kleinen Hans“.1 Schon der erste Blick läßt uns
    erkennen, daß die Verhältnisse eines realen Falles
    von neurotischer Erkrankung weit komplizierter sind
    als unsere Erwartung, solange wir mit Abstraktionen
    arbeiten, sich vorstellt. Es gehört einige Arbeit dazu,
    sich zu orientieren, welches die verdrängte Regung,
    was ihr Symptomsatz ist, wo das Motiv der Ver-
    drängung kenntlich wird.

    Der kleine Hans weigert sich, auf die Straße zu
    gehen, weil er Angst vor dem Pferd hat. Dies ist
    der Rohstoff. Was ist nun daran das Symptom: die
    Angstentwicklung, die Wahl des Angstobjekts, oder
    der Verzicht auf die freie Beweglichkeit, oder mehreres
    davon zugleich? Wo ist die Befriedigung, die er sich
    versagt? Warum muß er sich diese versagen?

    1)Siehe: Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. (Ges.
    Schriften, Bd. VIII.)

  • S.

    28

    Es liegt nahe zu antworten, an dem Falle sei
    nicht so viel rätselhaft. Die unverständliche Angst
    vor dem Pferd ist das Symptom, die Unfähigkeit, auf
    die Straße zu gehen, ist eine Hemmungserscheinung,
    eine Einschränkung, die sich das Ich auferlegt, um
    nicht das Angstsymptom zu wecken. Man sieht ohne
    weiteres die Richtigkeit der Erklärung des letzten
    Punktes ein und wird nun diese Hemmung bei der
    weiteren Diskussion außer Betracht lassen. Aber die
    erste flüchtige Bekanntschaft mit dem Falle lehrt uns
    nicht einmal den wirklichen Ausdruck des vermeint-
    lichen Symptoms kennen. Es handelt sich, wie wir
    bei genauerem Verhör erfahren, gar nicht um eine
    unbestimmte Angst vor dem Pferd, sondern um die
    bestimmte ängstliche Erwartung: das Pferd werde ihn
    beißen. Allerdings sucht sich dieser Inhalt dem Bewußt-
    sein zu entziehen und sich durch die unbestimmte
    Phobie, in der nur noch die Angst und ihr Objekt
    vorkommen, zu ersetzen. Ist nun etwa dieser Inhalt
    der Kern des Symptoms?

    Wir kommen keinen Schritt weiter, so lange
    wir nicht die ganze psychische Situation des Kleinen
    in Betracht ziehen, wie sie uns während der
    analytischen Arbeit enthüllt wird. Er befindet sich
    in der eifersüchtigen und feindseligen Ödipusein-
    stellung zu seinem Vater, den er doch, so weit die
    Mutter nicht als Ursache der Entzweiung in Betracht
    kommt, herzlich liebt. Also ein Ambivalenzkonflikt,

  • S.

    29

    gut begründete Liebe und nicht minder berech-
    tigter Haß, beide auf dieselbe Person gerichtet.
    Seine Phobie muß ein Versuch zur Lösung dieses
    Konflikts sein. Solche Ambivalenzkonflikte sind sehr
    häufig, wir kennen einen anderen typischen Ausgang
    derselben. Bei diesem wird die eine der beiden mit-
    einander ringenden Regungen, in der Regel die zärt-
    liche, enorm verstärkt, die andere verschwindet. Nur
    das Übermaß und das Zwangsmäßige der Zärtlichkeit
    verrät uns, daß diese Einstellung nicht die einzig
    vorhandene ist, daß sie ständig auf der Hut ist, ihr
    Gegenteil in Unterdrückung zu halten, und läßt uns
    einen Hergang konstruieren, den wir als Verdrängung
    durch Reaktionsbildung (im Ich) beschreiben.
    Fälle wie der kleine Hans zeigen nichts von solcher
    Reaktionsbildung; es gibt offenbar verschiedene Wege,
    die aus einem Ambivalenzkonflikt herausführen.

    Etwas anderes haben wir unterdes mit Sicherheit
    erkannt. Die Triebregung, die der Verdrängung unter-
    liegt, ist ein feindseliger Impuls gegen den Vater.
    Die Analyse lieferte uns den Beweis hiefür, während
    sie der Herkunft der Idee des beißenden Pferdes
    nachspürte. Hans hat ein Pferd fallen gesehen, einen
    Spielkameraden fallen und sich verletzen, mit dem er
    „Pferdl“ gespielt hatte. Sie hat uns das Recht
    gegeben, bei Hans eine Wunschregung zu konstruieren,
    die gelautet hat, der Vater möge hinfallen, sich
    beschädigen wie das Pferd und der Kamerad. Beziehungen 

  • S.

    30

    zu einer beobachteten Abreise lassen ver-
    muten, daß der Wunsch nach der Beseitigung des
    Vaters auch minder zaghaften Ausdruck gefunden
    hat. Ein solcher Wunsch ist aber gleichwertig mit
    der Absicht, ihn selbst zu beseitigen, mit der mör-
    derischen Regung des Ödipuskomplexes.

    Von dieser verdrängten Triebregung führt bis jetzt
    kein Weg zu dem Ersatz für sie, den wir in der
    Pferdephobie vermuten. Vereinfachen wir nun die
    psychische Situation des kleinen Hans, indem wir
    das infantile Moment und die Ambivalenz wegräumen;
    er sei etwa ein jüngerer Diener in einem Haushalt,
    der in die Herrin verliebt ist und sich gewisser
    Gunstbezeugungen von ihrer Seite erfreue. Erhalten
    bleibt, daß er den stärkeren Hausherrn haßt und ihn
    beseitigt wissen möchte; dann ist es die natürlichste
    Folge dieser Situation, daß er die Rache dieses Herrn
    fürchtet, daß sich bei ihm ein Zustand von Angst vor
    diesem einstellt – ganz ähnlich wie die Phobie des
    kleinen Hans vor dem Pferd. Das heißt, wir können
    die Angst dieser Phobie nicht als Symptom bezeichnen;
    wenn der kleine Hans, der in seine Mutter verliebt
    ist, Angst vor dem Vater zeigen würde, hätten wir
    kein Recht, ihm eine Neurose, eine Phobie, zuzu-
    schreiben. Wir hätten eine durchaus begreifliche
    affektive Reaktion vor uns. Was diese zur Neurose
    macht, ist einzig und allein ein anderer Zug, die
    Ersetzung des Vaters durch das Pferd. Diese Verschiebung 

  • S.

    31

    stellt also das her, was auf den Namen
    eines Symptoms Anspruch hat. Sie ist jener andere
    Mechanismus, der die Erledigung des Ambivalenz-
    konflikts ohne die Hilfe der Reaktionsbildung gestattet.
    Ermöglicht oder erleichtert wird sie durch den Um-
    stand, daß die mitgeborenen Spuren totemistischer
    Denkweise in diesem zarten Alter noch leicht zu
    beleben sind. Die Kluft zwischen Mensch und Tier
    ist noch nicht anerkannt, gewiß nicht so überbetont
    wie später. Der erwachsene, bewunderte, aber auch
    gefürchtete Mann steht noch in einer Reihe mit dem
    großen Tier, das man um so vielerlei beneidet, vor
    dem man aber auch gewarnt worden ist, weil es
    gefährlich werden kann. Der Ambivalenzkonflikt wird
    also nicht an derselben Person erledigt, sondern gleich-
    sam umgangen, indem man einer seiner Regungen
    eine andere Person als Ersatzmann unterschiebt.

    Soweit sehen wir ja klar, aber in einem anderen
    Punkte hat uns die Analyse der Phobie des kleinen
    Hans eine volle Enttäuschung gebracht. Die Entstellung,
    in der die Symptombildung besteht, wird gar nicht
    an der Repräsentanz (dem Vorstellungsinhalt) der zu
    verdrängenden Triebregung vorgenommen, sondern
    an einer davon ganz verschiedenen, die nur einer
    Reaktion auf das eigentlich Unliebsame entspricht.
    Unsere Erwartung fände eher Befriedigung, wenn
    der kleine Hans an Stelle seiner Angst vor dem
    Pferd eine Neigung entwickelt hätte, Pferde zu mißhandeln,

  • S.

    32

    sie zu schlagen, oder deutlich seinen Wunsch
    kundgegeben hätte, zu sehen, wie sie hinfallen, zu
    Schaden kommen, eventuell unter Zuckungen verenden
    (das Krawallmachen mit den Beinen). Etwas der Art
    tritt auch wirklich während seiner Analyse auf, aber
    es steht lange nicht voran in der Neurose und
    – sonderbar – wenn er wirklich solche Feindseligkeit,
    nur gegen das Pferd, anstatt gegen den Vater gerichtet,
    als Hauptsymptom entwickelt hätte, würden wir gar
    nicht geurteilt haben, er befinde sich in einer Neurose.
    Etwas ist also da nicht in Ordnung, entweder an
    unserer Auffassung der Verdrängung oder in unserer
    Definition eines Symptoms. Eines fällt uns natürlich sofort
    auf: Wenn der kleine Hans wirklich ein solches Ver-
    halten gegen Pferde gezeigt hätte, so wäre ja der
    Charakter der anstößigen, aggressiven Triebregung
    durch die Verdrängung gar nicht verändert, nur deren
    Objekt gewandelt worden.

    Es ist ganz sicher, daß es Fälle von Verdrängung
    gibt, die nicht mehr leisten als dies; bei der Genese
    der Phobie des kleinen Hans ist aber mehr geschehen.
    Um wieviel mehr, erraten wir aus einem anderen
    Stück Analyse.

    Wir haben bereits gehört, daß der kleine Hans
    als den Inhalt seiner Phobie die Vorstellung angab,
    vom Pferd gebissen zu werden. Nun haben wir später
    Einblick in die Genese eines anderen Falles von Tier-
    phobie bekommen, in der der Wolf das Angsttier war,

  • S.

    33

    aber gleichfalls die Bedeutung eines Vaterersatzes hatte.1
    Im Anschluß an einen Traum, den die Analyse durch-
    sichtig machen konnte, entwickelte sich bei diesem
    Knaben die Angst, vom Wolf gefressen zu werden,
    wie eines der sieben Geißlein im Märchen. Daß der
    Vater des kleinen Hans nachweisbar „Pferdl“ mit ihm
    gespielt hatte, war gewiß bestimmend für die Wahl
    des Angsttieres geworden; ebenso ließ sich wenigstens
    sehr wahrscheinlich machen, daß der Vater meines
    erst im dritten Jahrzehnt analysierten Russen in den
    Spielen mit dem Kleinen den Wolf gemimt und
    scherzend mit dem Auffressen gedroht hatte. Seither
    habe ich als dritten Fall einen jungen Amerikaner
    gefunden, bei dem sich zwar keine Tierphobie aus-
    bildete, der aber gerade durch diesen Ausfall die
    anderen Fälle verstehen hilft. Seine sexuelle Erregung
    hatte sich an einer phantastischen Kindergeschichte
    entzündet, die man ihm vorlas, von einem arabischen
    Häuptling, der einer aus eßbarer Substanz bestehen-
    den Person (dem Gingerbreadman), nachjagt, um ihn zu
    verzehren. Mit diesem eßbaren Menschen identifizierte
    er sich selbst, der Häuptling war als Vaterersatz
    leicht kenntlich und diese Phantasie wurde die erste
    Unterlage seiner autoerotischen Betätigung. Die Vor-
    stellung, vom Vater gefressen zu werden, ist aber
    typisches uraltes Kindergut; die Analogien aus der

    1)Aus der Geschichte einer infantilen Neurose. (Ges. Schriften,
    Bd. VIII.)

  • S.

    34

    Mythologie (Kronos) und dem Tierleben sind allgemein
    bekannt.

    Trotz solcher Erleichterungen ist dieser Vorstellungs-
    inhalt uns so fremdartig, daß wir ihn dem Kinde nur
    ungläubig zugestehen können. Wir wissen auch nicht,
    ob er wirklich das bedeutet, was er auszusagen scheint,
    und verstehen nicht, wie er Gegenstand einer Phobie
    werden kann. Die analytische Erfahrung gibt uns aller-
    dings die erforderlichen Auskünfte. Sie lehrt uns, daß
    die Vorstellung, vom Vater gefressen zu werden, der
    regressiv erniedrigte Ausdruck für eine passive zärtliche
    Regung ist, die vom Vater als Objekt im Sinne der
    Genitalerotik geliebt zu werden begehrt. Die Ver-
    folgung der Geschichte des Falles läßt keinen Zweifel
    an der Richtigkeit dieser Deutung aufkommen. Die
    genitale Regung verrät freilich nichts mehr von ihrer
    zärtlichen Absicht, wenn sie in der Sprache der
    überwundenen Übergangsphase von der oralen zur
    sadistischen Libidoorganisation ausgedrückt wird.
    Handelt es sich übrigens nur um eine Ersetzung der
    Repräsentanz durch einen regressiven Ausdruck oder
    um eine wirkliche regressive Erniedrigung der genital-
    gerichteten Regung im Es? Das scheint gar nicht
    so leicht zu entscheiden. Die Krankengeschichte des
    russischen „Wolfsmannes“ spricht ganz entschieden
    für die letztere ernstere Möglichkeit, denn er benimmt
    sich von dem entscheidenden Traum an „schlimm“,
    quälerisch, sadistisch und entwickelt bald darauf eine

  • S.

    35

    richtige Zwangsneurose. Jedenfalls gewinnen wir die
    Einsicht, daß die Verdrängung nicht das einzige Mittel
    ist, das dem Ich zur Abwehr einer unliebsamen Trieb-
    regung zu Gebote steht. Wenn es ihm gelingt, den
    Trieb zur Regression zu bringen, so hat es ihn im
    Grunde energischer beeinträchtigt, als durch die Ver-
    drängung möglich wäre. Allerdings läßt es manchmal
    der zuerst erzwungenen Regression die Verdrängung
    folgen.

    Der Sachverhalt beim Wolfsmann und der etwas
    einfachere beim kleinen Hans regen noch mancherlei
    andere Überlegungen an, aber zwei unerwartete Ein-
    sichten gewinnen wir schon jetzt. Kein Zweifel, die
    bei diesen Phobien verdrängte Triebregung ist eine
    feindselige gegen den Vater. Man kann sagen, sie wird
    verdrängt durch den Prozeß der Verwandlung ins
    Gegenteil; an Stelle der Aggression gegen den Vater
    tritt die Aggression – die Rache – des Vaters gegen
    die eigene Person. Da eine solche Aggression ohne-
    dies in der sadistischen Libidophase wurzelt, bedarf
    sie nur noch einer gewissen Erniedrigung zur oralen
    Stufe, die bei Hans durch das Gebissenwerden ange-
    deutet, beim Russen aber im Gefressenwerden grell
    ausgeführt ist. Aber außerdem läßt ja die Analyse
    über jeden Zweifel gesichert feststellen, daß gleich-
    zeitig noch eine andere Triebregung der Verdrängung
    erlegen ist, die gegensinnige einer zärtlichen passiven
    Regung für den Vater, die bereits das Niveau der

  • S.

    36

    genitalen (phallischen) Libidoorganisation erreicht hatte.
    Die letztere scheint sogar die für das Endergebnis
    des Verdrängungsvorganges bedeutsamere zu sein, sie
    erfährt die weitergehende Regression, sie erhält den
    bestimmenden Einfluß auf den Inhalt der Phobie. Wo
    wir also nur einer Triebverdrängung nachgespürt
    haben, müssen wir das Zusammentreffen von zwei
    solchen Vorgängen anerkennen; die beiden betroffenen
    Triebregungen – sadistische Aggression gegen den
    Vater und zärtlich passive Einstellung zu ihm – bilden
    ein Gegensatzpaar, ja noch mehr: wenn wir die
    Geschichte des kleinen Hans richtig würdigen, erkennen
    wir, daß durch die Bildung seiner Phobie auch die
    zärtliche Objektbesetzung der Mutter aufgehoben
    worden ist, wovon der Inhalt der Phobie nichts verrät.
    Es handelt sich bei Hans – beim Russen ist das weit
    weniger deutlich – um einen Verdrängungsvorgang,
    der fast alle Komponenten des Ödipuskomplexes betrifft,
    die feindliche wie die zärtliche Regung gegen den Vater
    und die zärtliche für die Mutter.

    Das sind unerwünschte Komplikationen für uns, die
    wir nur einfache Fälle von Symptombildung infolge
    von Verdrängung studieren wollten und uns in dieser
    Absicht an die frühesten und anscheinend durch-
    sichtigsten Neurosen der Kindheit gewendet hatten.
    Anstatt einer einzigen Verdrängung fanden wir eine
    Häufung von solchen vor und überdies bekamen wir
    es mit der Regression zu tun. Vielleicht haben wir

  • S.

    37

    die Verwirrung dadurch gesteigert, daß wir die beiden
    verfügbaren Analysen von Tierphobien – die des
    kleinen Hans und des Wolfsmannes – durchaus auf
    denselben Leisten schlagen wollten. Nun fallen uns
    gewisse Unterschiede der beiden auf. Nur vom kleinen
    Hans kann man mit Bestimmtheit aussagen, daß er
    durch seine Phobie die beiden Hauptregungen des
    Ödipuskomplexes, die aggressive gegen den Vater
    und die überzärtliche gegen die Mutter, erledigt; die
    zärtliche für den Vater ist gewiß auch vorhanden, sie
    spielt ihre Rolle bei der Verdrängung ihres Gegensatzes,
    aber es ist weder nachweisbar, daß sie stark genug
    war, um eine Verdrängung zu provozieren, noch daß
    sie nachher aufgehoben ist. Hans scheint eben ein
    normaler Junge mit sog. „positivem“ Ödipuskomplex
    gewesen zu sein. Möglich, daß die Momente, die wir
    vermissen, auch bei ihm mittätig waren, aber wir
    können sie nicht aufzeigen, das Material selbst unserer
    eingehendsten Analysen ist eben lückenhaft, unsere
    Dokumentierung unvollständig. Beim Russen ist der
    Defekt an anderer Stelle; seine Beziehung zum weib-
    lichen Objekt ist durch eine frühzeitige Verführung
    gestört worden, die passive, feminine Seite ist bei
    ihm stark ausgebildet und die Analyse seines Wolfs-
    traumes enthüllt wenig von beabsichtigter Aggression
    gegen den Vater, erbringt dafür die unzweideutigsten
    Beweise, daß die Verdrängung die passive, zärtliche
    Einstellung zum Vater betrifft. Auch hier mögen die

  • S.

    38

    anderen Faktoren beteiligt gewesen sein, sie treten
    aber nicht vor. Wenn trotz dieser Unterschiede der
    beiden Fälle, die sich nahezu einer Gegensätzlichkeit
    nähern, der Enderfolg der Phobie nahezu der nämliche
    ist, so muß uns die Erklärung dafür von anderer Seite
    kommen; sie kommt von dem zweiten Ergebnis unserer
    kleinen vergleichenden Untersuchung. Wir glauben
    den Motor der Verdrängung in beiden Fällen zu kennen
    und sehen seine Rolle durch den Verlauf bestätigt,
    den die Entwicklung der zwei Kinder nimmt. Er ist
    in beiden Fällen der nämliche, die Angst vor einer
    drohenden Kastration. Aus Kastrationsangst gibt der
    kleine Hans die Aggression gegen den Vater auf; seine
    Angst, das Pferd werde ihn beißen, kann zwanglos ver-
    vollständigt werden, das Pferd werde ihm das Genitale
    abbeißen, ihn kastrieren. Aber aus Kastrationsangst
    verzichtet auch der kleine Russe auf den Wunsch,
    vom Vater als Sexualobjekt geliebt zu werden, denn
    er hat verstanden, eine solche Beziehung hätte zur
    Voraussetzung, daß er sein Genitale aufopfert, das,
    was ihn vom Weib unterscheidet. Beide Gestaltungen
    des Ödipuskomplexes, die normale, aktive, wie die
    invertierte, scheitern ja am Kastrationskomplex. Die
    Angstidee des Russen, vom Wolf gefressen zu werden,
    enthält zwar keine Andeutung der Kastration, sie
    hat sich durch orale Regression zu weit von der
    phallischen Phase entfernt, aber die Analyse seines
    Traumes macht jeden anderen Beweis überflüssig.

  • S.

    39

    Es ist auch ein voller Triumph der Verdrängung,
    daß im Wortlaut der Phobie nichts mehr auf die
    Kastration hindeutet.

    Hier nun das unerwartete Ergebnis: In beiden
    Fällen ist der Motor der Verdrängung die Kastrations-
    angst; die Angstinhalte, vom Pferd gebissen und vom
    Wolf gefressen zu werden, sind Entstellungsersatz für
    den Inhalt, vom Vater kastriert zu werden. Dieser
    Inhalt ist es eigentlich, der die Verdrängung an sich
    erfahren hat. Beim Russen war er Ausdruck eines
    Wunsches, der gegen die Auflehnung der Männlich-
    keit nicht bestehen konnte, bei Hans Ausdruck einer
    Reaktion, welche die Aggression in ihr Gegenteil
    umwandelte. Aber der Angstaffekt der Phobie, der
    ihr Wesen ausmacht, stammt nicht aus dem Ver-
    drängungsvorgang, nicht aus den libidinösen Besetzungen
    der verdrängten Regungen, sondern aus dem Ver-
    drängenden selbst; die Angst der Tierphobie ist die
    unverwandelte Kastrationsangst, also eine Realangst,
    Angst vor einer wirklich drohenden oder als real
    beurteilten Gefahr. Hier macht die Angst die Ver-
    drängung, nicht, wie ich früher gemeint habe, die Ver-
    drängung die Angst.

    Es ist nicht angenehm, daran zu denken, aber es
    hilft nichts, es zu verleugnen, ich habe oftmals den
    Satz vertreten, durch die Verdrängung werde die
    Triebrepräsentanz entstellt, verschoben u. dgl., die
    Libido der Triebregung aber in Angst verwandelt.

  • S.

    40

    Die Untersuchung der Phobien, die vor allem berufen
    sein sollte, diesen Satz zu erweisen, bestätigt ihn also
    nicht, sie scheint ihm vielmehr direkt zu widersprechen.
    Die Angst der Tierphobien ist die Kastrationsangst
    des Ichs, die der weniger gründlich studierten Agora-
    phobie scheint Versuchungsangst zu sein, die ja gene-
    tisch mit der Kastrationsangst zusammenhängen muß.
    Die meisten Phobien gehen, so weit wir es heute
    übersehen, auf eine solche Angst des Ichs vor den
    Ansprüchen der Libido zurück. Immer ist dabei die
    Angsteinstellung des Ichs das Primäre und der Antrieb
    zur Verdrängung. Niemals geht die Angst aus der
    verdrängten Libido hervor. Wenn ich mich früher
    begnügt hätte zu sagen, nach der Verdrängung er-
    scheint an Stelle der zu erwartenden Äußerung von
    Libido ein Maß von Angst, so hätte ich heute
    nichts zurückzunehmen. Die Beschreibung ist richtig
    und zwischen der Stärke der zu verdrängenden
    Regung und der Intensität der resultierenden Angst
    besteht wohl die behauptete Entsprechung. Aber
    ich gestehe, ich glaubte mehr als eine bloße Be-
    schreibung zu geben, ich nahm an, daß ich den
    metapsychologischen Vorgang einer direkten Um-
    setzung der Libido in Angst erkannt hatte; das kann
    ich also heute nicht mehr festhalten. Ich konnte auch
    früher nicht angeben, wie sich eine solche Umwandlung
    vollzieht.

    Woher schöpfte ich überhaupt die Idee dieser

  • S.

    41

    Umsetzung? Zur Zeit, als es uns noch sehr ferne lag,
    zwischen Vorgängen im Ich und Vorgängen im Es zu
    unterscheiden, aus dem Studium der Aktualneurosen.
    Ich fand, daß bestimmte sexuelle Praktiken, wie Coitus
    interruptus, frustrane Erregung, erzwungene Abstinenz
    Angstausbrüche und eine allgemeine Angstbereitschaft
    erzeugen, also immer, wenn die Sexualerregung in
    ihrem Ablauf zur Befriedigung gehemmt, aufgehalten
    oder abgelenkt wird. Da die Sexualerregung der Aus-
    druck libidinöser Triebregungen ist, schien es nicht
    gewagt, anzunehmen, daß die Libido sich durch die
    Einwirkung solcher Störungen in Angst verwandelt.
    Nun ist diese Beobachtung auch heute noch gültig;
    anderseits ist nicht abzuweisen, daß die Libido der
    Es‑Vorgänge durch die Anregung der Verdrängung eine
    Störung erfährt; es kann also noch immer richtig sein,
    daß sich bei der Verdrängung Angst aus der Libido-
    besetzung der Triebregungen bildet. Aber wie soll
    man dieses Ergebnis mit dem anderen zusammen-
    bringen, daß die Angst der Phobien eine Ich‑Angst ist,
    im Ich entsteht, nicht aus der Verdrängung hervor-
    geht, sondern die Verdrängung hervorruft? Das scheint
    ein Widerspruch und nicht einfach zu lösen. Die
    Reduktion der beiden Ursprünge der Angst auf einen
    einzigen läßt sich nicht leicht durchsetzen. Man kann
    es mit der Annahme versuchen, daß das Ich in der
    Situation des gestörten Koitus, der unterbrochenen
    Erregung, der Abstinenz, Gefahren wittert, auf die es

  • S.

    42

    mit Angst reagiert, aber es ist nichts damit zu machen.
    Anderseits scheint die Analyse der Phobien, die wir
    vorgenommen haben, eine Berichtigung nicht zuzu-
    lassen. Non liquet!