• S.

    21

    III

    Um zum Problem des Ichs zurückzukehren: Der
    Anschein des Widerspruchs kommt daher, daß wir
    Abstraktionen zu starr nehmen und aus einem kom-
    plizierten Sachverhalt bald die eine, bald die andere
    Seite allein herausgreifen. Die Scheidung des Ichs
    vom Es scheint gerechtfertigt, sie wird uns durch
    bestimmte Verhältnisse aufgedrängt. Aber anderseits
    ist das Ich mit dem Es identisch, nur ein besonders
    differenzierter Anteil desselben. Stellen wir dieses
    Stück in Gedanken dem Ganzen gegenüber, oder hat
    sich ein wirklicher Zwiespalt zwischen den beiden
    ergeben, so wird uns die Schwäche dieses Ichs offen-
    bar. Bleibt das Ich aber mit dem Es verbunden, von
    ihm nicht unterscheidbar, so zeigt sich seine Stärke.
    Ähnlich ist das Verhältnis des Ichs zum Über‑Ich; für
    viele Situationen fließen uns die beiden zusammen,
    meistens können wir sie nur unterscheiden, wenn sich
    eine Spannung, ein Konflikt zwischen ihnen hergestellt
    hat. Für den Fall der Verdrängung wird die Tatsache 

  • S.

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    entscheidend, daß das Ich eine Organisation ist,
    das Es aber keine; das Ich ist eben der organi-
    sierte Anteil des Es. Es wäre ganz ungerechtfertigt,
    wenn man sich vorstellte, Ich und Es seien wie zwei
    verschiedene Heerlager; durch die Verdrängung suche
    das Ich ein Stück des Es zu unterdrücken, nun
    komme das übrige Es dem Angegriffenen zu Hilfe
    und messe seine Stärke mit der des Ichs. Das mag
    oft zustande kommen, aber es ist gewiß nicht die
    Eingangssituation der Verdrängung; in der Regel
    bleibt die zu verdrängende Triebregung isoliert. Hat
    der Akt der Verdrängung uns die Stärke des Ichs
    gezeigt, so legt er doch in einem auch Zeugnis ab für
    dessen Ohnmacht und für die Unbeeinflußbarkeit der
    einzelnen Triebregung des Es. Denn der Vorgang,
    der durch die Verdrängung zum Symptom geworden
    ist, behauptet nun seine Existenz außerhalb der
    Ichorganisation und unabhängig von ihr. Und nicht er
    allein, auch alle seine Abkömmlinge genießen das-
    selbe Vorrecht, man möchte sagen: der Extraterritoria-
    lität, und wo sie mit Anteilen der Ichorganisation
    assoziativ zusammentreffen, wird es fraglich, ob sie
    diese nicht zu sich herüberziehen und sich mit diesem
    Gewinn auf Kosten des Ichs ausbreiten werden. Ein
    uns längst vertrauter Vergleich betrachtet das Symptom
    als einen Fremdkörper, der unaufhörlich Reiz‑ und
    Reaktionserscheinungen in dem Gewebe unterhält,
    in das er sich eingebettet hat. Es kommt zwar

  • S.

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    vor, daß der Abwehrkampf gegen die unliebsame
    Triebregung durch die Symptombildung abgeschlossen
    wird; soweit wir sehen, ist dies am ehesten bei der
    hysterischen Konversion möglich, aber in der Regel
    ist der Verlauf ein anderer; nach dem ersten Akt
    der Verdrängung folgt ein langwieriges oder nie zu
    beendendes Nachspiel, der Kampf gegen die Trieb-
    regung findet seine Fortsetzung in dem Kampf gegen
    das Symptom.

    Dieser sekundäre Abwehrkampf zeigt uns zwei
    Gesichter – mit widersprechendem Ausdruck. Einer-
    seits wird das Ich durch seine Natur genötigt, etwas
    zu unternehmen, was wir als Herstellungs‑ oder Ver-
    söhnungsversuch beurteilen müssen. Das Ich ist eine
    Organisation, es beruht auf dem freien Verkehr und
    der Möglichkeit gegenseitiger Beeinflussung unter all
    seinen Bestandteilen, seine desexualisierte Energie be-
    kundet ihre Herkunft noch in dem Streben nach Bindung
    und Vereinheitlichung und dieser Zwang zur Synthese
    nimmt immer mehr zu, je kräftiger sich das Ich ent-
    wickelt. So wird es verständlich, daß das Ich auch
    versucht, die Fremdheit und Isolierung des Symptoms
    aufzuheben, indem es alle Möglichkeiten ausnützt, es
    irgendwie an sich zu binden und durch solche Bande
    seiner Organisation einzuverleiben. Wir wissen, daß
    ein solches Bestreben bereits den Akt der Symptom-
    bildung beeinflußt. Ein klassisches Beispiel dafür sind
    jene hysterischen Symptome, die uns als Kompromiß

  • S.

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    zwischen Befriedigungs‑ und Strafbedürfnis durchsichtig
    geworden sind. Als Erfüllungen einer Forderung des
    Über‑Ichs haben solche Symptome von vorneherein
    Anteil am Ich, während sie anderseits Positionen des
    Verdrängten und Einbruchsstellen desselben in die
    Ichorganisation bedeuten; sie sind sozusagen Grenz-
    stationen mit gemischter Besetzung. Ob alle primären
    hysterischen Symptome so gebaut sind, verdiente
    eine sorgfältige Untersuchung. Im weiteren Verlaufe
    benimmt sich das Ich so, als ob es von der Er-
    wägung geleitet würde: das Symptom ist einmal da
    und kann nicht beseitigt werden; nun heißt es, sich
    mit dieser Situation befreunden und den größtmög-
    lichen Vorteil aus ihr ziehen. Es findet eine Anpassung
    an das ichfremde Stück der Innenwelt statt, das
    durch das Symptom repräsentiert wird, wie sie das
    Ich sonst normalerweise gegen die reale Außenwelt
    zustande bringt. An Anlässen hiezu fehlt es nie. Die
    Existenz des Symptoms mag eine gewisse Behinde-
    rung der Leistung mit sich bringen, mit der man eine
    Anforderung des Über‑Ichs beschwichtigen oder einen
    Anspruch der Außenwelt zurückweisen kann. So wird
    das Symptom allmählich mit der Vertretung wichtiger
    Interessen betraut, es erhält einen Wert für die
    Selbstbehauptung, verwächst immer inniger mit dem
    Ich, wird ihm immer unentbehrlicher. Nur in ganz
    seltenen Fällen kann der Prozeß der Einheilung eines
    Fremdkörpers etwas ähnliches wiederholen. Man kann

  • S.

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    die Bedeutung dieser sekundären Anpassung an das
    Symptom auch übertreiben, indem man aussagt, das
    Ich habe sich das Symptom überhaupt nur ange-
    schafft, um dessen Vorteile zu genießen. Das ist
    dann so richtig oder so falsch, wie wenn man die
    Ansicht vertritt, der Kriegsverletzte habe sich das
    Bein nur abschießen lassen, um dann arbeitsfrei von
    seiner Invalidenrente zu leben.

    Andere Symptomgestaltungen, die der Zwangs-
    neurose und der Paranoia, bekommen einen hohen
    Wert für das Ich, nicht weil sie ihm Vorteile, sondern
    weil sie ihm eine sonst entbehrte narzißtische
    Befriedigung bringen. Die Systembildungen der Zwangs-
    neurotiker schmeicheln ihrer Eigenliebe durch die
    Vorspiegelung, sie seien als besonders reinliche oder
    gewissenhafte Menschen besser als andere; die Wahn-
    bildungen der Paranoia eröffnen dem Scharfsinn und
    der Phantasie dieser Kranken ein Feld zur Betätigung,
    das ihnen nicht leicht ersetzt werden kann. Aus all
    den erwähnten Beziehungen resultiert, was uns als
    der (sekundäre) Krankheitsgewinn der Neurose
    bekannt ist. Er kommt dem Bestreben des Ichs, sich
    das Symptom einzuverleiben, zu Hilfe und verstärkt
    die Fixierung des letzteren. Wenn wir dann den Ver-
    such machen, dem Ich in seinem Kampf gegen das
    Symptom analytischen Beistand zu leisten, finden wir
    diese versöhnlichen Bindungen zwischen Ich und
    Symptom auf der Seite der Widerstände wirksam. Es

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    wird uns nicht leicht gemacht, sie zu lösen. Die beiden
    Verfahren, die das Ich gegen das Symptom anwendet,
    stehen wirklich in Widerspruch zu einander.

    Das andere Verfahren hat weniger freundlichen
    Charakter, es setzt die Richtung der Verdrängung
    fort. Aber es scheint, daß wir das Ich nicht mit dem
    Vorwurf der Inkonsequenz belasten dürfen. Das Ich ist
    friedfertig und möchte sich das Symptom einverleiben,
    es in sein Ensemble aufnehmen. Die Störung geht
    vom Symptom aus, das als richtiger Ersatz und
    Abkömmling der verdrängten Regung deren Rolle
    weiterspielt, deren Befriedigungsanspruch immer wieder
    erneuert und so das Ich nötigt, wiederum das Unlust-
    signal zu geben und sich zur Wehre zu setzen.

    Der sekundäre Abwehrkampf gegen das Symptom
    ist vielgestaltig, spielt sich auf verschiedenen Schau-
    plätzen ab und bedient sich mannigfaltiger Mittel.
    Wir werden nicht viel über ihn aussagen können, wenn
    wir nicht die einzelnen Fälle der Symptombildung
    zum Gegenstand der Untersuchung nehmen. Dabei
    werden wir Anlaß finden, auf das Problem der Angst
    einzugehen, das wir längst wie im Hintergrunde lauernd
    verspüren. Es empfiehlt sich, von den Symptomen,
    welche die hysterische Neurose schafft, auszugehen;
    auf die Voraussetzungen der Symptombildung bei der
    Zwangsneurose, Paranoia und anderen Neurosen sind
    wir noch nicht vorbereitet.