• S.

    112

    XI
    NACHTRÄGE

    Im Laufe dieser Erörterungen sind verschiedene
    Themen berührt worden, die vorzeitig verlassen werden
    mußten und die jetzt gesammelt werden sollen, um
    den Anteil Aufmerksamkeit zu erhalten, auf den sie
    Anspruch haben.

    A

    MODIFIKATIONEN FRÜHER GEÄUSSERTER
    ANSICHTEN

    a) Widerstand und Gegenbesetzung

    Es ist ein wichtiges Stück der Theorie der Ver-
    drängung, daß sie nicht einen einmaligen Vorgang dar-
    stellt, sondern einen dauernden Aufwand erfordert.
    Wenn dieser entfiele, würde der verdrängte Trieb,
    der kontinuierlich Zuflüsse aus seinen Quellen erhält,
    ein nächstes Mal denselben Weg einschlagen, von dem
    er abgedrängt wurde, die Verdrängung würde um
    ihren Erfolg gebracht oder sie müßte unbestimmt oft

  • S.

    113

    wiederholt werden. So folgt aus der kontinuierlichen
    Natur des Triebes die Anforderung an das Ich, seine
    Abwehraktion durch einen Daueraufwand zu versichern.
    Diese Aktion zum Schutz der Verdrängung ist es, die
    wir bei der therapeutischen Bemühung als Widerstand 
    verspüren. Widerstand setzt das voraus, was
    ich als Gegenbesetzung bezeichnet habe. Eine
    solche Gegenbesetzung wird bei der Zwangsneurose
    greifbar. Sie erscheint hier als Ichveränderung, als
    Reaktionsbildung im Ich, durch Verstärkung jener Ein-
    stellung, welche der zu verdrängenden Triebrichtung
    gegensätzlich ist (Mitleid, Gewissenhaftigkeit, Reinlich-
    keit). Diese Reaktionsbildungen der Zwangsneurose sind
    durchwegs Übertreibungen normaler, im Verlauf der
    Latenzzeit entwickelter Charakterzüge. Es ist weit
    schwieriger, die Gegenbesetzung bei der Hysterie auf-
    zuweisen, wo sie nach der theoretischen Erwartung
    ebenso unentbehrlich ist. Auch hier ist ein gewisses
    Maß von Ichveränderung durch Reaktionsbildung un-
    verkennbar und wird in manchen Verhältnissen so auf-
    fällig, daß es sich der Aufmerksamkeit als das Haupt-
    symptom des Zustandes aufdrängt. In solcher Weise
    wird z. B. der Ambivalenzkonflikt der Hysterie gelöst,
    der Haß gegen eine geliebte Person wird durch ein
    Übermaß von Zärtlichkeit für sie und Ängstlichkeit
    um sie niedergehalten. Man muß aber als Unter-
    schiede gegen die Zwangsneurose hervorheben, daß
    solche Reaktionsbildungen nicht die allgemeine Natur

  • S.

    114

    von Charakterzügen zeigen, sondern sich auf ganz
    spezielle Relationen einschränken. Die Hysterika z. B.,
    die ihre im Grunde gehaßten Kinder mit exzessiver
    Zärtlichkeit behandelt, wird darum nicht im ganzen
    liebesbereiter als andere Frauen, nicht einmal zärt-
    licher für andere Kinder. Die Reaktionsbildung der
    Hysterie hält an einem bestimmten Objekt zähe fest
    und erhebt sich nicht zu einer allgemeinen Dis-
    position des Ichs. Für die Zwangsneurose ist gerade
    diese Verallgemeinerung, die Lockerung der Objekt-
    beziehungen, die Erleichterung der Verschiebung in
    der Objektwahl charakteristisch.

    Eine andere Art der Gegenbesetzung scheint der
    Eigenart der Hysterie gemäßer zu sein. Die verdrängte
    Triebregung kann von zwei Seiten her aktiviert (neu
    besetzt) werden, erstens von innen her durch eine
    Verstärkung des Triebes aus seinen inneren Erregungs-
    quellen, zweitens von außen her durch die Wahr-
    nehmung eines Objekts, das dem Trieb erwünscht
    wäre. Die hysterische Gegenbesetzung ist nun vor-
    zugsweise nach außen gegen die gefährliche Wahr-
    nehmung gerichtet, sie nimmt die Form einer beson-
    deren Wachsamkeit an, die durch Icheinschrän-
    kungen Situationen vermeidet, in denen die Wahr-
    nehmung auftreten müßte, und die es zustande bringt,
    dieser Wahrnehmung die Aufmerksamkeit zu ent-
    ziehen, wenn sie doch aufgetaucht ist. Französische
    Autoren (Laforgue) haben kürzlich diese Leistung

  • S.

    115

    der Hysterie durch den besonderen Namen „Skoto-
    misation“ ausgezeichnet. Noch auffälliger als bei
    Hysterie ist diese Technik der Gegenbesetzung bei
    den Phobien, deren Interesse sich darauf konzentriert,
    sich immer weiter von der Möglichkeit der gefürch-
    teten Wahrnehmung zu entfernen. Der Gegensatz in
    der Richtung der Gegenbesetzung zwischen Hysterie
    und Phobien einerseits und Zwangsneurose ander-
    seits scheint bedeutsam, wenn er auch kein absoluter
    ist. Er legt uns nahe anzunehmen, daß zwischen der
    Verdrängung und der äußeren Gegenbesetzung, wie
    zwischen der Regression und der inneren Gegen-
    besetzung (Ichveränderung durch Reaktionsbildung)
    ein innigerer Zusammenhang besteht. Die Abwehr der
    gefährlichen Wahrnehmung ist übrigens eine allgemeine
    Aufgabe der Neurosen. Verschiedene Gebote und
    Verbote der Zwangsneurose sollen der gleichen Ab-
    sicht dienen.

    Wir haben uns früher einmal klargemacht, daß
    der Widerstand, den wir in der Analyse zu über-
    winden haben, vom Ich geleistet wird, das an seinen
    Gegenbesetzungen festhält. Das Ich hat es schwer,
    seine Aufmerksamkeit Wahrnehmungen und Vorstel-
    lungen zuzuwenden, deren Vermeidung es sich bisher
    zur Vorschrift gemacht hatte, oder Regungen als die
    seinigen anzuerkennen, die den vollsten Gegensatz zu
    den ihm als eigen vertrauten bilden. Unsere Bekämp-
    fung des Widerstandes in der Analyse gründet sich

  • S.

    116

    auf eine solche Auffassung desselben. Wir machen
    den Widerstand bewußt, wo er, wie so häufig, infolge
    des Zusammenhanges mit dem Verdrängten selbst
    unbewußt ist; wir setzen ihm logische Argumente ent-
    gegen, wenn oder nachdem er bewußt geworden ist,
    versprechen dem Ich Nutzen und Prämien, wenn es
    auf den Widerstand verzichtet. An dem Widerstand
    des Ichs ist also nichts zu bezweifeln oder zu be-
    richtigen. Dagegen fragt es sich, ob er allein den
    Sachverhalt deckt, der uns in der Analyse entgegen-
    tritt. Wir machen die Erfahrung, daß das Ich noch
    immer Schwierigkeiten findet, die Verdrängungen rück-
    gängig zu machen, auch nachdem es den Vorsatz
    gefaßt hat, seine Widerstände aufzugeben, und haben
    die Phase anstrengender Bemühung, die nach solchem
    löblichen Vorsatz folgt, als die des „Durcharbeitens“
    bezeichnet. Es liegt nun nahe, das dynamische Moment
    anzuerkennen, das ein solches Durcharbeiten notwendig
    und verständlich macht. Es kann kaum anders sein,
    als daß nach Aufhebung des Ichwiderstandes noch
    die Macht des Wiederholungszwanges, die Anziehung
    der unbewußten Vorbilder auf den verdrängten Trieb-
    vorgang, zu überwinden ist, und es ist nichts dagegen
    zu sagen, wenn man dies Moment als den Widerstand 
    des Unbewußten bezeichnen will. Lassen
    wir uns solche Korrekturen nicht verdrießen; sie sind
    erwünscht, wenn sie unser Verständnis um ein Stück
    fördern, und keine Schande, wenn sie das frühere

  • S.

    117

    nicht widerlegen, sondern bereichern, eventuell eine
    Allgemeinheit einschränken, eine zu enge Auffassung
    erweitern.

    Es ist nicht anzunehmen, daß wir durch diese
    Korrektur eine vollständige Übersicht über die Arten
    der uns in der Analyse begegnenden Widerstände
    gewonnen haben. Bei weiterer Vertiefung merken wir
    vielmehr, daß wir fünf Arten des Widerstandes zu
    bekämpfen haben, die von drei Seiten herstammen,
    nämlich vom Ich, vom Es und vom Über‑Ich, wobei
    sich das Ich als die Quelle von drei in ihrer Dynamik
    unterschiedenen Formen erweist. Der erste dieser drei
    Ichwiderstände ist der vorhin behandelte 
    Verdrängungswiderstand, über den am wenigsten
    Neues zu sagen ist. Von ihm sondert sich der 
    Übertragungswiderstand, der von der gleichen Natur
    ist, aber in der Analyse andere und weit deutlichere
    Erscheinungen macht, da es ihm gelungen ist, eine
    Beziehung zur analytischen Situation oder zur Person
    des Analytikers herzustellen und somit eine Ver-
    drängung, die bloß erinnert werden sollte, wieder wie
    frisch zu beleben. Auch ein Ichwiderstand, aber ganz
    anderer Natur, ist jener, der vom Krankheitsgewinn
    ausgeht und sich auf die Einbeziehung des Symptoms
    ins Ich gründet. Er entspricht dem Sträuben gegen
    den Verzicht auf eine Befriedigung oder Erleichterung.
    Die vierte Art des Widerstandes – den des Es –
    haben wir eben für die Notwendigkeit des Durcharbeitens 

  • S.

    118

    verantwortlich gemacht. Der fünfte Wider-
    stand, der des Über‑Ichs, der zuletzt erkannte,
    dunkelste, aber nicht immer schwächste, scheint dem
    Schuldbewußtsein oder Strafbedürfnis zu entstammen;
    er widersetzt sich jedem Erfolg und demnach auch
    der Genesung durch die Analyse.

    b) Angst aus Umwandlung von Libido

    Die in diesem Aufsatz vertretene Auffassung der
    Angst entfernt sich ein Stück weit von jener, die mir
    bisher berechtigt schien. Früher betrachtete ich die
    Angst als eine allgemeine Reaktion des Ichs unter
    den Bedingungen der Unlust, suchte ihr Auftreten
    jedesmal ökonomisch zu rechtfertigen und nahm an,
    gestützt auf die Untersuchung der Aktualneurosen,
    daß Libido (sexuelle Erregung), die vom Ich abge-
    lehnt oder nicht verwendet wird, eine direkte Abfuhr
    in der Form der Angst findet. Man kann es nicht
    übersehen, daß diese verschiedenen Bestimmungen
    nicht gut zusammengehen, zum mindesten nicht not-
    wendig aus einander folgen. Überdies ergab sich der
    Anschein einer besonders innigen Beziehung von Angst
    und Libido, die wiederum mit dem Allgemeincharakter
    der Angst als Unlustreaktion nicht harmonierte.

    Der Einspruch gegen diese Auffassung ging von
    der Tendenz aus, das Ich zur alleinigen Angststätte
    zu machen, war also eine der Folgen der im „Ich
    und Еs“ versuchten Gliederung des seelischen Apparates. 

  • S.

    119

    Der früheren Auffassung lag es nahe, die Libido
    der verdrängten Triebregung als die Quelle der Angst
    zu betrachten; nach der neueren hatte vielmehr das
    Ich für diese Angst aufzukommen. Also Ichangst oder
    Trieb‑(Es)Angst. Da das Ich mit desexualisierter
    Energie arbeitet, wurde in der Neuerung auch der
    intime Zusammenhang von Angst und Libido gelockert.
    Ich hoffe, es ist mir gelungen, wenigstens den Wider-
    spruch klar zu machen, die Umrisse der Unsicherheit
    scharf zu zeichnen.

    Die Ranksche Mahnung, der Angstaffekt sei,
    wie ich selbst zuerst behauptete, eine Folge des
    Geburtsvorganges und eine Wiederholung der damals
    durchlebten Situation, nötigte zu einer neuerlichen
    Prüfung des Angstproblems. Mit seiner eigenen Auf-
    fassung der Geburt als Trauma, des Angstzustandes
    als Abfuhrreaktion darauf, jedes neuerlichen Angst-
    affekts als Versuch, das Trauma immer vollständiger
    „abzureagieren“, konnte ich nicht weiter kommen. Es
    ergab sich die Nötigung, von der Angstreaktion auf
    die Gefahrsituation hinter ihr zurückzugehen.
    Mit der Einführung dieses Moments ergaben sich
    neue Gesichtspunkte für die Betrachtung. Die Geburt
    wurde das Vorbild für alle späteren Gefahrsituationen,
    die sich unter den neuen Bedingungen der veränderten
    Existenzform und der fortschreitenden psychischen
    Entwicklung ergaben. Ihre eigene Bedeutung wurde
    aber auch auf diese vorbildliche Beziehung zur Gefahr

  • S.

    120

    eingeschränkt. Die bei der Geburt empfundene Angst
    wurde nun das Vorbild eines Affektzustandes, der die
    Schicksale anderer Affekte teilen mußte. Er reprodu-
    zierte sich entweder automatisch in Situationen, die
    seinen Ursprungssituationen analog waren, als unzweck-
    mäßige Reaktionsform, nachdem er in der ersten
    Gefahrsituation zweckmäßig gewesen war. Oder das
    Ich bekam Macht über diesen Affekt und reproduzierte
    ihn selbst, bediente sich seiner als Warnung vor der
    Gefahr und als Mittel, das Eingreifen des Lust‑Unlust-
    mechanismus wachzurufen. Die biologische Bedeutung
    des Angstaffekts kam zu ihrem Recht, indem die
    Angst als die allgemeine Reaktion auf die Situation
    der Gefahr anerkannt wurde; die Rolle des Ichs als
    Angststätte wurde bestätigt, indem dem Ich die Funk-
    tion eingeräumt wurde, den Angstaffekt nach seinen
    Bedürfnissen zu produzieren. Der Angst wurden so
    im späteren Leben zweierlei Ursprungsweisen zuge-
    wiesen, die eine ungewollt, automatisch, jedesmal öko-
    nomisch gerechtfertigt, wenn sich eine Gefahrsituation
    analog jener der Geburt hergestellt hatte, die andere,
    vom Ich produzierte, wenn eine solche Situation nur
    drohte, um zu ihrer Vermeidung aufzufordern. In
    diesem zweiten Fall unterzog sich das Ich der Angst
    gleichsam wie einer Impfung, um durch einen abge-
    schwächten Krankheitsausbruch einem ungeschwächten
    Anfall zu entgehen. Es stellte sich gleichsam die Ge-
    fahrsituation lebhaft vor, bei unverkennbarer Tendenz,

  • S.

    121

    dies peinliche Erleben auf eine Andeutung, ein Signal,
    zu beschränken. Wie sich dabei die verschiedenen
    Gefahrsituationen nacheinander entwickeln und doch
    genetisch mit einander verknüpft bleiben, ist bereits
    im einzelnen dargestellt worden. Vielleicht gelingt es
    uns, ein Stück weiter ins Verständnis der Angst ein-
    zudringen, wenn wir das Problem des Verhältnisses
    zwischen neurotischer Angst und Realangst angreifen.

    Die früher behauptete direkte Umsetzung der Libido
    in Angst ist unserem Interesse nun weniger bedeut-
    sam geworden. Ziehen wir sie doch in Erwägung, so
    haben wir mehrere Fälle zu unterscheiden. Für die
    Angst, die das Ich als Signal provoziert, kommt sie
    nicht in Betracht; also auch nicht in all den Gefahr-
    situationen, die das Ich zur Einleitung einer Ver-
    drängung bewegen. Die libidinöse Besetzung der ver-
    drängten Triebregung erfährt, wie man es am deut-
    lichsten bei der Konversionshysterie sieht, eine andere
    Verwendung als die Umsetzung in und Abfuhr als
    Angst. Hingegen werden wir bei der weiteren Dis-
    kussion der Gefahrsituation auf jenen Fall der Angst-
    entwicklung stoßen, der wahrscheinlich anders zu 
    beurteilen ist.

    c) Verdrängung und Abwehr

    Im Zusammenhange der Erörterungen über das
    Angstproblem habe ich einen Begriff – oder beschei-
    dener ausgedrückt: einen Terminus – wieder aufgenommen, 

  • S.

    122

    dessen ich mich zu Anfang meiner Studien
    vor dreißig Jahren ausschließend bedient und den ich
    späterhin fallen gelassen hatte. Ich meine den des
    Abwehrvorganges.1 Ich ersetzte ihn in der Folge durch
    den der Verdrängung, das Verhältnis zwischen beiden
    blieb aber unbestimmt. Ich meine nun, es bringt einen
    sicheren Vorteil, auf den alten Begriff der Abwehr
    zurückzugreifen, wenn man dabei festsetzt, daß er die
    allgemeine Bezeichnung für alle die Techniken sein
    soll, deren sich das Ich in seinen eventuell zur Neu-
    rose führenden Konflikten bedient, während Verdrän-
    gung der Name einer bestimmten solchen Abwehr-
    methode bleibt, die uns infolge der Richtung unserer
    Untersuchungen zuerst besser bekannt worden ist.

    Auch eine bloß terminologische Neuerung will
    gerechtfertigt werden, soll der Ausdruck einer neuen
    Betrachtungsweise oder einer Erweiterung unserer Ein-
    sichten sein. Die Wiederaufnahme des Begriffes Ab-
    wehr und die Einschränkung des Begriffes der Ver-
    drängung trägt nun einer Tatsache Rechnung, die
    längst bekannt ist, aber durch einige neuere Funde an
    Bedeutung gewonnen hat. Unsere ersten Erfahrungen
    über Verdrängung und Symptombildung machten wir
    an der Hysterie; wir sahen, daß der Wahrnehmungs-
    inhalt erregender Erlebnisse, der Vorstellungsinhalt
    pathogener Gedankenbildungen vergessen und von der

    1)Siehe: Die Abwehr‑Neuropsychosen, Ges. Schriften, Bd. I.

  • S.

    123

    Reproduktion im Gedächtnis ausgeschlossen wird, und
    haben darum in der Abhaltung vom Bewußtsein einen
    Hauptcharakter der hysterischen Verdrängung erkannt.
    Später haben wir die Zwangsneurose studiert und
    gefunden, daß bei dieser Affektion die pathogenen
    Vorfälle nicht vergessen werden. Sie bleiben be-
    wußt, werden aber auf eine noch nicht vor-
    stellbare Weise „isoliert“, so daß ungefähr der-
    selbe Erfolg erzielt wird wie durch die hysterische
    Amnesie. Aber die Differenz ist groß genug, um
    unsere Meinung zu berechtigen, der Vorgang, mittels
    dessen die Zwangsneurose einen Triebanspruch be-
    seitigt, könne nicht der nämliche sein wie bei
    Hysterie. Weitere Untersuchungen haben uns gelehrt,
    daß bei der Zwangsneurose unter dem Einfluß des
    Ichsträubens eine Regression der Triebregungen auf
    eine frühere Libidophase erzielt wird, die zwar eine
    Verdrängung nicht überflüssig macht, aber offenbar in
    demselben Sinne wirkt wie die Verdrängung. Wir
    haben ferner gesehen, daß die auch bei Hysterie an-
    zunehmende Gegenbesetzung bei der Zwangsneurose
    als reaktive Ichveränderung eine besonders große Rolle
    beim Ichschutz spielt, wir sind auf ein Verfahren der
    „Isolierung“ aufmerksam worden, dessen Technik wir
    noch nicht angeben können, das sich einen direkten
    symptomatischen Ausdruck schafft, und auf die magisch
    zu nennende Prozedur des „Ungeschehenmachens“, über
    deren abweisende Tendenz kein Zweifel sein kann, die

  • S.

    124

    aber mit dem Vorgang der „Verdrängung“ keine
    Ähnlichkeit mehr hat. Diese Erfahrungen sind Grund
    genug, den alten Begriff der Abwehr wieder einzu-
    setzen, der alle diese Vorgänge mit gleicher Tendenz
    – Schutz des Ichs gegen Triebansprüche – umfassen
    kann, und ihm die Verdrängung als einen Spezialfall
    zu subsumieren. Die Bedeutung einer solchen Namen-
    gebung wird erhöht, wenn man die Möglichkeit erwägt,
    daß eine Vertiefung unserer Studien eine innige Zu-
    sammengehörigkeit zwischen besonderen Formen der
    Abwehr und bestimmten Affektionen ergeben könnte,
    z. B. zwischen Verdrängung und Hysterie. Unsere
    Erwartung richtet sich ferner auf die Möglichkeit einer
    anderen bedeutsamen Abhängigkeit. Es kann leicht
    sein, daß der seelische Apparat vor der scharfen
    Sonderung von Ich und Es, vor der Ausbildung eines
    Über‑Ichs, andere Methoden der Abwehr übt als nach
    der Erreichung dieser Organisationsstufen.

    B
    ERGÄNZUNG ZUR ANGST

    Der Angstaffekt zeigt einige Züge, deren Unter-
    suchung weitere Aufklärung verspricht. Die Angst hat
    eine unverkennbare Beziehung zur Erwartung; sie
    ist Angst vor etwas. Es haftet ihr ein Charakter von
    Unbestimmtheit und Objektlosigkeit an; der

  • S.

    125

    korrekte Sprachgebrauch ändert selbst ihren Namen,
    wenn sie ein Objekt gefunden hat, und ersetzt ihn
    dann durch Furcht. Die Angst hat ferner außer ihrer
    Beziehung zur Gefahr eine andere zur Neurose, um
    deren Aufklärung wir uns seit langem bemühen. Es
    entsteht die Frage, warum nicht alle Angstreaktionen
    neurotisch sind, warum wir so viele als normal aner-
    kennen; endlich verlangt der Unterschied von Real-
    angst und neurotischer Angst nach gründlicher Wür-
    digung.

    Gehen wir von der letzteren Aufgabe aus. Unser
    Fortschritt bestand in dem Rückgreifen von der Re-
    aktion der Angst auf die Situation der Gefahr. Nehmen
    wir dieselbe Veränderung an dem Problem der
    Realangst vor, so wird uns dessen Lösung leicht.
    Realgefahr ist eine Gefahr, die wir kennen, Realangst
    die Angst vor einer solchen bekannten Gefahr. Die
    neurotische Angst ist Angst vor einer Gefahr, die wir
    nicht kennen. Die neurotische Gefahr muß also erst
    gesucht werden; die Analyse hat uns gelehrt, sie ist
    eine Triebgefahr. Indem wir diese dem Ich unbe-
    kannte Gefahr zum Bewußtsein bringen, verwischen
    wir den Unterschied zwischen Realangst und neuro-
    tischer Angst, können wir die letztere wie die erstere
    behandeln.

    In der Realgefahr entwickeln wir zwei Reaktionen,
    die affektive, den Angstausbruch, und die Schutz-
    handlung. Voraussichtlich wird bei der Triebgefahr

  • S.

    126

    dasselbe geschehen. Wir kennen den Fall des zweck-
    mäßigen Zusammenwirkens beider Reaktionen, indem
    die eine das Signal für das Einsetzen der anderen
    gibt, aber auch den unzweckmäßigen Fall, den der
    Angstlähmung, daß die eine sich auf Kosten der
    anderen ausbreitet.

    Es gibt Fälle, in denen sich die Charaktere von
    Realangst und neurotischer Angst vermengt zeigen.
    Die Gefahr ist bekannt und real, aber die Angst vor
    ihr übermäßig groß, größer als sie nach unserem Urteil
    sein dürfte. In diesem Mehr verrät sich das neurotische
    Element. Aber diese Fälle bringen nichts prinzipiell
    Neues. Die Analyse zeigt, daß an die bekannte Real-
    gefahr eine unerkannte Triebgefahr geknüpft ist.

    Wir kommen weiter, wenn wir uns auch mit der
    Zurückführung der Angst auf die Gefahr nicht be-
    gnügen. Was ist der Kern, die Bedeutung der
    Gefahrsituation? Offenbar die Einschätzung unserer
    Stärke im Vergleich zu ihrer Größe, das Zugeständnis
    unserer Hilflosigkeit gegen sie, der materiellen Hilf-
    losigkeit im Falle der Realgefahr, der psychischen Hilf-
    losigkeit im Falle der Triebgefahr. Unser Urteil wird
    dabei von wirklich gemachten Erfahrungen geleitet
    werden; ob es sich in seiner Schätzung irrt, ist für
    den Erfolg gleichgültig. Heißen wir eine solche erlebte
    Situation von Hilflosigkeit eine traumatische; wir
    haben dann guten Grund, die traumatische Situation
    von der Gefahrsituation zu trennen.

  • S.

    127

    Es ist nun ein wichtiger Fortschritt in unserer
    Selbstbewahrung, wenn eine solche traumatische Situa-
    tion von Hilflosigkeit nicht abgewartet, sondern vorher-
    gesehen, erwartet, wird. Die Situation, in der die Be-
    dingung für solche Erwartung enthalten ist, heiße die
    Gefahrsituation, in ihr wird das Angstsignal gegeben.
    Dies will besagen: ich erwarte, daß sich eine Situation
    von Hilflosigkeit ergeben wird, oder die gegenwärtige
    Situation erinnert mich an eines der früher erfahrenen
    traumatischen Erlebnisse. Daher antizipiere ich dieses
    Trauma, will mich benehmen, als ob es schon da
    wäre, solange noch Zeit ist, es abzuwenden. Die Angst
    ist also einerseits Erwartung des Traumas, anderseits
    eine gemilderte Wiederholung desselben. Die beiden
    Charaktere, die uns an der Angst aufgefallen sind,
    haben also verschiedenen Ursprung. Ihre Beziehung
    zur Erwartung gehort zur Gefahrsituation, ihre Unbe-
    stimmtheit und Objektlosigkeit zur traumatischen
    Situation der Hilflosigkeit, die in der Gefahrsituation
    antizipiert wird.

    Nach der Entwicklung der Reihe: Angst – Ge-
    fahr – Hilflosigkeit (Trauma) können wir zusammen-
    fassen: Die Gefahrsituation ist die erkannte, erinnerte,
    erwartete Situation der Hilflosigkeit. Die Angst ist die
    ursprüngliche Reaktion auf die Hilflosigkeit im Trauma,
    die dann später in der Gefahrsituation als Hilfssignal
    reproduziert wird. Das Ich, welches das Trauma passiv
    erlebt hat, wiederholt nun aktiv eine abgeschwächte

  • S.

    128

    Reproduktion desselben, in der Hoffnung, deren Ab-
    lauf selbsttätig leiten zu können. Wir wissen, das Kind
    benimmt sich ebenso gegen alle ihm peinlichen Ein-
    drücke, indem es sie im Spiel reproduziert; durch
    diese Art von der Passivität zur Aktivität überzu-
    gehen, sucht es seine Lebenseindrücke psychisch zu
    bewältigen. Wenn dies der Sinn eines „Abreagierens
    des Traumas“ sein soll, so kann man nichts mehr
    dagegen einwenden. Das Entscheidende ist aber die
    erste Verschiebung der Angstreaktion von ihrem Ur-
    sprung in der Situation der Hilflosigkeit auf deren
    Erwartung, die Gefahrsituation. Dann folgen die weiteren
    Verschiebungen von der Gefahr auf die Bedingung der
    Gefahr, den Objektverlust und dessen schon erwähnte
    Modifikationen.

    Die „Verwöhnung“ des kleinen Kindes hat die uner-
    wünschte Folge, daß die Gefahr des Objektverlustes
    – das Objekt als Schutz gegen alle Situationen der
    Hilflosigkeit – gegen alle anderen Gefahren über-
    steigert wird. Sie begünstigt also die Zurückhaltung
    in der Kindheit, der die motorische wie die psychische
    Hilflosigkeit eigen sind.

    Wir haben bisher keinen Anlaß gehabt, die
    Realangst anders zu betrachten als die neurotische
    Angst. Wir kennen den Unterschied; die Realgefahr
    droht von einem äußeren Objekt, die neurotische
    von einem Triebanspruch. Insoferne dieser Trieb-
    anspruch etwas Reales ist, kann auch die neurotische 

  • S.

    129

    Angst als real begründet anerkannt werden.
    Wir haben verstanden, daß der Anschein einer be-
    sonders intimen Beziehung zwischen Angst und Neu-
    rose sich auf die Tatsache zurückführt, daß das Ich
    sich mit Hilfe der Angstreaktion der Triebgefahr
    ebenso erwehrt wie der äußeren Realgefahr, daß aber
    diese Richtung der Abwehrtätigkeit infolge einer
    Unvollkommenheit des seelischen Apparats in die
    Neurose ausläuft. Wir haben auch die Überzeugung
    gewonnen, daß der Triebanspruch oft nur darum zur
    (inneren) Gefahr wird, weil seine Befriedigung eine
    äußere Gefahr herbeiführen würde, also weil diese
    innere Gefahr eine äußere repräsentiert.

    Anderseits muß auch die äußere (Real‑) Gefahr
    eine Verinnerlichung gefunden haben, wenn sie für das
    Ich bedeutsam werden soll; sie muß in ihrer Beziehung
    zu einer erlebten Situation von Hilflosigkeit erkannt
    werden.1 Eine instinktive Erkenntnis von außen drohen-
    der Gefahren scheint dem Menschen nicht oder nur
    in sehr bescheidenem Ausmaß mitgegeben worden zu

    1)Es mag auch oft genug vorkommen, daß in einer Gefahrsituation,
    die als solche richtig geschätzt wird, zur Realangst ein Stück Trieb-
    angst hinzukommt. Der Triebanspruch, vor dessen Befriedigung das
    Ich zurückschreckt, wäre dann der masochistische, der gegen die
    eigene Person gewendete Destruktionstrieb. Vielleicht erklärt diese
    Zutat den Fall, daß die Angstreaktion übermäßig und unzweckmäßig,
    lähmend, ausfällt. Die Höhenphobien (Fenster, Turm, Abgrund)
    könnten diese Herkunft haben; ihre geheime feminine Bedeutung
    steht dem Masochismus nahe.

  • S.

    130

    sein. Kleine Kinder tun unaufhörlich Dinge, die sie in
    Lebensgefahr bringen, und können gerade darum das
    schützende Objekt nicht entbehren. In der Beziehung
    zur traumatischen Situation, gegen die man hilflos ist,
    treffen äußere und innere Gefahr, Realgefahr und
    Triebanspruch zusammen. Mag das Ich in dem einen
    Falle einen Schmerz, der nicht aufhören will, erleben,
    im anderen Falle eine Bedürfnisstauung, die keine
    Befriedigung finden kann, die ökonomische Situation
    ist für beide Fälle die nämliche und die motorische
    Hilflosigkeit findet in der psychischen Hilflosigkeit
    ihren Ausdruck.

    Die rätselhaften Phobien der frühen Kinderzeit
    verdienen an dieser Stelle nochmalige Erwähnung. Die
    einen von ihnen – Alleinsein, Dunkelheit, fremde
    Personen – konnten wir als Reaktionen auf die
    Gefahr des Objektverlusts verstehen; für andere –
    kleine Tiere, Gewitter u. dgl. – bietet sich vielleicht
    die Auskunft, sie seien die verkümmerten Reste einer
    kongenitalen Vorbereitung auf die Realgefahren, die
    bei anderen Tieren so deutlich ausgebildet ist. Für
    den Menschen zweckmäßig ist allein der Anteil dieser
    archaischen Erbschaft, der sich auf den Objektverlust
    bezieht. Wenn solche Kinderphobien sich fixieren,
    stärker werden und bis in späte Lebensjahre anhalten,
    weist die Analyse nach, daß ihr Inhalt sich mit Trieb-
    ansprüchen in Verbindung gesetzt hat, zur Vertretung
    auch innerer Gefahren geworden ist.

  • S.

    131

    С 
    ANGST, SCHMERZ UND TRAUER

    Zur Psychologie der Gefühlsvorgänge liegt so wenig
    vor, daß die nachstehenden schüchternen Bemer-
    kungen auf die nachsichtigste Beurteilung Anspruch
    erheben dürfen. An folgender Stelle erhebt sich für
    uns das Problem. Wir mußten sagen, die Angst werde
    zur Reaktion auf die Gefahr des Objektverlusts. Nun
    kennen wir bereits eine solche Reaktion auf den
    Objektverlust, es ist die Trauer. Also wann kommt
    es zur einen, wann zur anderen? An der Trauer, mit
    der wir uns bereits früher beschäftigt haben,1 blieb
    ein Zug völlig unverstanden, ihre besondere Schmerz-
    lichkeit. Daß die Trennung vom Objekt schmerzlich
    ist, erscheint uns trotzdem selbstverständlich. Also
    kompliziert sich das Problem weiter: Wann macht
    die Trennung vom Objekt Angst, wann Trauer und
    wann vielleicht nur Schmerz?

    Sagen wir es gleich, es ist keine Aussicht vor-
    handen, Antworten auf diese Fragen zu geben. Wir
    werden uns dabei bescheiden, einige Abgrenzungen
    und einige Andeutungen zu finden.

    Unser Ausgangspunkt sei wiederum die eine
    Situation, die wir zu verstehen glauben, die des Säug-
    lings, der anstatt seiner Mutter eine fremde Person
    erblickt. Er zeigt dann die Angst, die wir auf die

    1)S. Trauer und Melancholie, Ges. Schriften, Bd. V.

  • S.

    132

    Gefahr des Objektverlustes gedeutet haben. Aber sie
    ist wohl komplizierter und verdient eine eingehendere
    Diskussion. An der Angst des Säuglings ist zwar kein
    Zweifel, aber Gesichtsausdruck und die Reaktion des
    Weinens lassen annehmen, daß er außerdem noch
    Schmerz empfindet. Es scheint, daß bei ihm einiges
    zusammenfließt, was später gesondert werden wird. Er
    kann das zeitweilige Vermissen und den dauernden
    Verlust noch nicht unterscheiden; wenn er die Mutter
    das eine Mal nicht zu Gesicht bekommen hat, benimmt
    er sich so, als ob er sie nie wieder sehen sollte, und
    es bedarf wiederholter tröstlicher Erfahrungen, bis er
    gelernt hat, daß auf ein solches Verschwinden der
    Mutter ihr Wiedererscheinen zu folgen pflegt. Die
    Mutter reift diese für ihn so wichtige Erkenntnis,
    indem sie das bekannte Spiel mit ihm aufführt, sich
    vor ihm das Gesicht zu verdecken und zu seiner
    Freude wieder zu enthüllen. Er kann dann sozusagen
    Sehnsucht empfinden, die nicht von Verzweiflung
    begleitet ist.

    Die Situation, in der er die Mutter vermißt, ist
    infolge seines Mißverständnisses für ihn keine Gefahr-
    situation, sondern eine traumatische, oder richtiger,
    sie ist eine traumatische, wenn er in diesem Moment
    ein Bedürfnis verspürt, das die Mutter befriedigen soll;
    sie wandelt sich zur Gefahrsituation, wenn dies
    Bedürfnis nicht aktuell ist. Die erste Angstbedingung,
    die das Ich selbst einführt, ist also die des Wahrnehmungsverlustes,

  • S.

    133

    die der des Objektverlustes gleich-
    gestellt wird. Ein Liebesverlust kommt noch nicht in
    Betracht. Später lehrt die Erfahrung, daß das Objekt
    vorhanden bleiben, aber auf das Kind böse geworden
    sein kann, und nun wird der Verlust der Liebe von
    seiten des Objekts zur neuen, weit beständigeren
    Gefahr und Angstbedingung.

    Die traumatische Situation des Vermissens der
    Mutter weicht in einem entscheidenden Punkte von
    der traumatischen Situation der Geburt ab. Damals
    war kein Objekt vorhanden, das vermißt werden
    konnte. Die Angst blieb die einzige Reaktion, die zu-
    stande kam. Seither haben wiederholte Befriedigungs-
    situationen das Objekt der Mutter geschaffen, das
    nun im Falle des Bedürfnisses eine intensive, „sehn-
    süchtig“ zu nennende Besetzung erfährt. Auf diese
    Neuerung ist die Reaktion des Schmerzes zu beziehen.
    Der Schmerz ist also die eigentliche Reaktion auf
    den Objektverlust, die Angst die auf die Gefahr,
    welche dieser Verlust mit sich bringt, in weiterer
    Verschiebung auf die Gefahr des Objektverlustes selbst.

    Auch vom Schmerz wissen wir sehr wenig. Den
    einzig sicheren Inhalt gibt die Tatsache, daß der
    Schmerz – zunächst und in der Regel – entsteht,
    wenn ein an der Peripherie angreifender Reiz die
    Vorrichtungen des Reizschutzes durchbricht und nun
    wie ein kontinuierlicher Triebreiz wirkt, gegen den die
    sonst wirksamen Muskelaktionen, welche die gereizte

  • S.

    134

    Stelle dem Reiz entziehen, ohnmächtig bleiben. Wenn
    der Schmerz nicht von einer Hautstelle, sondern von
    einem inneren Organ ausgeht, so ändert das nichts
    an der Situation; es ist nur ein Stück der inneren
    Peripherie an die Stelle der äußeren getreten. Das
    Kind hat offenbar Gelegenheit, solche Schmerzerlebnisse
    zu machen, die unabhängig von seinen Bedürfnis-
    erlebnissen sind. Diese Entstehungsbedingung des
    Schmerzes scheint aber sehr wenig Ähnlichkeit mit
    einem Objektverlust zu haben, auch ist das für den
    Schmerz wesentliche Moment der peripherischen
    Reizung in der Sehnsuchtssituation des Kindes völlig
    entfallen. Und doch kann es nicht sinnlos sein, daß
    die Sprache den Begriff des inneren, des seelischen,
    Schmerzes geschaffen hat und die Empfindungen des
    Objektverlusts durchaus dem körperlichen Schmerz
    gleichstellt.

    Beim körperlichen Schmerz entsteht eine hohe,
    narzißtisch zu nennende Besetzung der schmerzenden
    Körperstelle, die immer mehr zunimmt und sozusagen
    entleerend auf das Ich wirkt. Es ist bekannt, daß wir,
    bei Schmerzen in inneren Organen, räumliche und
    andere Vorstellungen von solchen Körperteilen
    bekommen, die sonst im bewußten Vorstellen gar nicht
    vertreten sind. Auch die merkwürdige Tatsache, daß
    die intensivsten Körperschmerzen bei psychischer
    Ablenkung durch ein andersartiges Interesse nicht zu-
    stande kommen (man darf hier nicht sagen; unbewußt

  • S.

    135

    bleiben), findet in der Tatsache der Konzentration der
    Besetzung auf die psychische Repräsentanz der
    schmerzenden Körperstelle ihre Erklärung. Nun scheint
    in diesem Punkt die Analogie zu liegen, die die
    Übertragung der Schmerzempfindung auf das seelische
    Gebiet gestattet hat. Die intensive, infolge ihrer
    Unstillbarkeit stets anwachsende Sehnsuchtsbesetzung
    des vermißten (verlorenen) Objektes schafft die-
    selben ökonomischen Bedingungen wie die Schmerz-
    besetzung der verletzten Körperstelle und macht es
    möglich, von der peripherischen Bedingtheit des Körper-
    schmerzes abzusehen! Der Übergang vom Körper-
    schmerz zum Seelenschmerz entspricht dem Wandel
    von narzißtischer zur Objektbesetzung. Die vom Be-
    dürfnis hochbesetzte Objektvorstellung spielt die Rolle
    der von dem Reizzuwachs besetzten Körperstelle.
    Die Kontinuität und Unhemmbarkeit des Besetzungs-
    vorganges bringen den gleichen Zustand der psychi-
    schen Hilflosigkeit hervor. Wenn die dann entstehende
    Unlustempfindung den spezifischen, nicht näher zu be-
    schreibenden Charakter des Schmerzes trägt, anstatt
    sich in der Reaktionsform der Angst zu äußern, so
    liegt es nahe, dafür ein Moment verantwortlich zu
    machen, das sonst von der Erklärung noch zu wenig
    in Anspruch genommen wurde, das hohe Niveau der
    Besetzungs‑ und Bindungsverhältnisse, auf dem sich
    diese zur Unlustempfindung führenden Vorgänge voll-
    ziehen.

  • S.

    136

    Wir kennen noch eine andere Gefühlsreaktion auf
    den Objektverlust, die Trauer. Ihre Erklärung bereitet
    aber keine Schwierigkeiten mehr. Die Trauer entsteht
    unter dem Einfluß der Realitätsprüfung, die kate-
    gorisch verlangt, daß man sich von dem Objekt
    trennen müsse, weil es nicht mehr besteht. Sie hat
    nun die Arbeit zu leisten, diesen Rückzug vom Objekt
    in all den Situationen durchzuführen, in denen das
    Objekt Gegenstand hoher Besetzung war. Der schmerz-
    liche Charakter dieser Trennung fügt sich dann der
    eben gegebenen Erklärung durch die hohe und un-
    erfüllbare Sehnsuchtsbesetzung des Objekts während
    der Reproduktion der Situationen, in denen die Bindung
    an das Objekt gelöst werden soll.