S.
IX
ZUSAMMENFASSUNGEN UND PROBLEMEIch weiß nicht, ob es dem Leser des vorstehenden Analysen—
berichtes gelungen ist, sich ein deutliches Bild von der Entstehung
und Entwicklung des Krankseins bei meinem Patienten zu machen,
Vielmehr ich fürchte, es ist nicht der Fall gewesen. Aber, so
wenig ich sonst für die Kunst meiner Darstellung Partei genommen
habe, diesmal möchte ich doch auf mildemde Umstände plaidieren.
Es ist eine Aufgabe gewesen, die noch niemals zuvor in Angriff
genommen wurde, in die Beschreibung so frühe Phasen und. so
tiefe Schichten des Seelenlebens einzuführen, und es ist besser,
man löst sie schlecht, als man ergreift vor ihr die Flucht, was
ja überdies mit gewissen Gefahren für den Verzagten verbunden
sein soll. Man zeigt also lieber kühnlich, daß man sich durch
das Bewußtsein seiner Minderwertigkeiten nicht hat abhalten
lassen.Der Fall selbst war nicht besonders günstig. Was den Reichtum
der Auskünfte über die Kindheit ermöglichte, daß man das Kind
durch das Medium des Erwachsenen studieren konnte, mußte
mit den ärgsten Zerstücklungen der Analyse und den entsprechenden
Unvollständigkeiten in der Darstellung erkauft werden. Persönliche
Eigentümlichkeiten, ein dem unsrigen fremder Nationaleharakter,
machten die Einfühlung mühsam. Der Abstand zwischen der
liebenswürdig entgegenkommenden Persönlichkeit des Kranken,
seiner scharfen Intelligenz, vornehmen Denkungsart und seinemS.
Aus der Geschichte einer infantilen Natron „5
völlig ungebändigten Triebleben machte eine überlange Vor.
bereitungs- und Erziehungsarbeit notwendig, durch welche die
Übersicht erschwert wurde. An dem Charakter des Falles, welcher
der Beschreibung die härtesten Aufgaben stellte, ist der Patient
selbst aber völlig unschuldig. Wir haben es in der Psychologie
des Erwachsenen glücklich dahin gebracht, die seelischen Vorgänge
in bewußte und unbewußte zu scheiden und beide in klaren
Worten zu beschreiben. Beim Kinde läßt diese Unterscheidung
uns beinahe im Stiche.i Man ist oft in Verlogeuheit anzugeben,
was man als bewußt und was man als unbewußt bezeichnen
möchte. Vorgänge, die die herrschenden geworden sind, und die
nach ihrem späteren Verhalten den bewußten gleichgestellt werden
müssen, sind beim Kinde dennoch nicht bewußt gewesen. Man
kann leicht verstehen, warum; das Bewußte hat beim Kinde noch
nicht alle seine Charaktere gewonnen, es ist noch in der Ent—
wicklung begriffen und besitzt nicht recht die Fähigkeit, sich in
Sprachverstellungen umzusetzen. Die Verwechslung, deren wir uns
sonst regelmäßig schuldig machen, zwischen dem Phänomen, als
“’ahmehmung im Bewußtsein aufzutreten, und der Zugehörigkeit
zu einem angenommenen psychischen System, das wir irgendwie
konventionell benennen sollten, das wir aber gleichfalls Bewußt—
sein (System Bw) heißen, diese Verwechslung ist harmlos bei der
psychologischen Beschreibung des Erwachsenen, aber irreführend
für die des kleinen Kindes. Auch die Einführung des „Vor—
bewußten“ nützt hier nicht viel, denn das Vorbewußte des
Kindes braucht sich mit dem des Erwachsenen ebensowenig zu
decken. Man begnügt sich also damit, die Dunkelheit klar erkannt
zu haben.Es ist selbstverständlich, daß ein Fall wie der hier beschriebene
Anlaß geben könnte, alle Ergebnisse und Probleme der Psycho—
analyse in Diskussion zu ziehen. Es wäre eine unendliche und
eine ungerechtfertigte Arbeit. Man muß sich sagen, daß man aus
einem einzigen Fall nicht alles erfahren, an ihm nicht alles ent-Freud, Infantile Nenrose , ,
S.
1 1 4‚ Sigm. Freud
scheiden kann, und sich darum begnügen, ihn für das zu ver-
werten, was er am deutlichsten zeigt. Die Erklärungsaufgabe in der
Psychoanalyse ist überhaupt enge begrenzt. Zu erklären sind die
auffälligen Symptombildungen durch Aufdeckung ihrer Genese;
die psychischen Mechanismen und Triebvorgänge, zu denen man
so geführt wird, sind nicht zu erklären, sondern zu beschreiben.
Um aus den Feststellungen über diese beiden letzteren Punkte
neue Allgemeinheiten zu gewinnen, sind zahlreiche solche gut
und tief analysierte Fälle erforderlich. Sie sind nicht leicht zu
haben, jeder einzelne verbraucht jahrelange Arbeit. Der Fortschritt
in diesen Gebieten kann sich also nur langsam vollziehen. Die
Versuchung liegt freilich sehr nahe, sich damit zu begnügen, daß
man bei einer Anzahl von Personen die‘ psychische Oberfläche
„ankratzt“, und das Unterlassene dann durch Spekulation ersetzt,
die man unter die Patronanz irgend einer philosophischen Rich—
tung stellt. Man kann auch praktische Bedürfnisse zu Gunsten
dieses Verfahrens geltend machen, aber die Bedürfnisse der
Wissenschaft lassen sich durch kein Surrogat befriedigen.Ich will versuchen, eine synthetische Übersicht der Sexualent-'
wicklung meines Patienten zu entwerfen, bei der ich mit den
frühesten Anzeichen beginnen kann. Das erste, was wir über ihn
hören, ist die Störung der Eßlust, die ich nach anderen Er—
fahrungen, aber doch mit. aller Zurückhaltung, als den Erfolg
eines Vorgangs auf sexuellem Gebiet auffassen will. Als die erste
kenntliche Sexualnrganisation habe ich die sogenannte kannibale
oder orale betrachten müssen, in welcher die ursprüngliche An-
lehnung der Sexualerregung an den Eßtrieb noch die Szene
beherrscht. Direkte Äußerungen dieser Phase werden nicht zu
erwarten sein, wohl aber Anzeichen bei eingetretenen Störungen.
Die Beeinträchtigung des Eßtriebs — die natürlich sonst auch
andere Ursachen haben kann — macht uns dann aufmerksam,
daß eine Bewältigung sexueller Erregung dem Organismus nicht
gelungen ist. Das Sexualziel dieser Phase könnte nur der Kanni—S.
Aus der Geschichte einer infantilzn Neurose 115
balismus, das Fressen sein; es kommt bei unserem Patienten durch
Regression von einer höheren Stufe her in der Angst zum Vor.
schein; vorn Wolf gefressen zu werden. Diese Angst mußten wir
uns ja übersetzen: vom Vater koitiert zu werden. Es ist bekannt,
daß es in weit vorgerückteren Jahren, bei Mädchen in den Zeiten
der Pubertät oder bald nachher, eine Neurose gibt, welche die
Sexualablehnung durch Anorexie ausdrückt; man wird sie in Be—
ziehung zu dieser oralen Phase des Sexualiebens bringen dürfen.
Auf der Höhe des verliebten Paroxysmus („ich könnte dich
fressen vor Liebe“) und im zärtlichen Verkehr mit kleinen
Kindern, wobei der Erwachsene sich selbst wie infantil gebärdet,
tritt das Liebesziel der oralen Organisation wieder auf. Ich habe
an anderer Stelle die Vermutung ausgesprochen, daß der Vater
unseres Patienten selbst das „zärtliche Schimpfen“ gehabt, mit
dem Kleinen Wolf oder Hund gespielt und ihn im Scherz mit
dem Auffressen bedroht hat. (S. 52.) Der Patient hat diese Ver—
mutung durch sein auflälliges Benehmen in der Übertragung
nur bestätigt. So oft er vor Schwierigkeiten der Kur auf die
Übertragung zurückwich, drohte er mit dem Auffressen und
später mit allen anderen möglichen Mißhandlungen, was alles
nur Ausdruck von Zärtlichkeit war.Der Sprachgebrauch hat gewisse Prägungen dieser oralen
Sexualphase dauernd angenommen, er spricht von einem „appetit-
lichen“ Liebesobjekt, nennt die Geliebte „süß“. Wir erinnern
uns, daß unser kleiner Patient auch nur Süßes essen wollte.
Süßigkeiten, Bonbons vertreten im Traume regelmäßig Lieb—
kosungen, sexuelle Befriedigungen.Es scheint, daß zu dieser Phase auch eine Angst gehört (im
Falle von Störung natürlich), die als Lebensangst auftritt und
sich an alles heiten kann, was dem Kinde als geeignet bezeichnet
wird. Bei unserem Patienten wurde sie dazu benützt, um ihn
zur Überwindung seiner Eßunlust‚ ja zur Überkompensation der.
selben anzuleiten. Auf die mögliche Quelle seiner EßstörungS.
116 Sign:. Freud
werden wir geleitet, wenn wir — auf dem Boden jener viel—
beredeten Annahme — daran erinnern, daß die Koitusbeob—
achtung, von welcher so viele nachträgliche Wirkungen aus—
gingen, in das Alter von 1'/z Jahren, sicherlich vor der Zeit der
Eßschwierigkeiten fällt. Vielleicht dürfen wir annehmen, daß sie
die Prozesse der Sexualreifung beschleunigt und so auch direkte,
wenn auch unscheinbare Wirkungen entfaltet hat.Ich weiß natürlich auch, daß man die Symptomatik dieser
Periode, die Wolfsangst, die Eßstömng anders und einfacher er—
klären kann, ohne Rücksicht auf die Sexualität und eine prägeni-
tale Organisationsstufe derselben. Wer die Zeichen der Neurotik
und den Zusammenhang der Erscheinungen gern vernachlässigt,
wird diese andere Erklärung vorziehen und ich werde ihn daran
nicht hindern können. Es ist schwer, über diese Anfänge des
Sexuallebens anders als auf den angezeigten Umwegen etwas
Zwingendes zu emieren. 'Die Szene mit der Gruscha (um 2’/z Jahre) zeigt uns unseren
Kleinen zu Beginn einer Entwicklung, welche die Anerkennung
als normal verdient, vielleicht bis auf ihre Vorzeitigkeit: Identi—
fizierung mit dem Vater, Harnerotik in Vertretung der Männ—
lichkeit. Sie steht ja auch ganz unter dem Einfluß der Urszene.
Die Vaten'dentifizierung haben wir bisher als eine narzißtische
aufgefaßt, mit Rücksicht auf den Inhalt der Urszene können
wir es nicht abweisen, daß sie bereits der Stufe der Genital-
organisation entspricht. Das männliche Genitale hat seine Rolle
zu spielen begonnen und setzt sie unter dem Einfluß der Ver-
führung durch die Schwester fort.Man bekommt aber den Eindruck, 'daß die Verführung nicht
bloß die Entwicklung fördert, sondern sie noch in höherem Grade
stört und ablenkt. Sie gibt ein passives Sexualziel, welches mit
der Aktion des männlichen Genitales im Grunde unverträglich
ist. Beim ersten äußeren Hindernis, bei der Kastrationsandeutung
der Nanja, bricht (mit 5‘/z Jahren) die noch zaghafte genitaleS.
Aus der Geschichte einer infantilen New-ost 1.17
Organisation zusammen und regrediert auf die ihr vorhergehende
Stufe der sadistisch-analen Organisation, welche vielleicht sonst
mit ebenso leichten Anzeichen wie bei anderen Kindern durch—
laufen werden wäre.Die sadistisch—anale Organisation ist leicht als Fortbildung der
oralen zu erkennen. Die gewaltsame Muskelbetätigung am Ob—
jekt, die sie auszeichnet, findet ihre Stelle als vorbereitender
Akt für das Fressen, das dann als Sexualziel ausfällt. Der vor»
bereitende Akt wird ein selbständiges Ziel. Die Neuheit gegen
die vorige Stufe besteht wesentlich darin, daß das aufnehmende,
passive Organ, von der Mundzone abgesondert, an der Analzone
ausgebildet wird. Biologische Parallelen oder die Auffassung der
prägenitalen menschlichen Organisationen als Reste von Ein-
richtungen, die in manchen Tierklassen dauernd festgehalten
werden, liegen hier sehr nahe. Die Konstituierung des Forscher—
triebes aus seinen Komponenten ist für diese Stufe gleichfalls
charakteristisch.Die Analerotik macht sich nicht auffällig bemerkbar. Der Kot
hat unter dem Einfluß des Sadismus seine zärtliche gegen seine
offensive Bedeutung verteuscht. An der Verwandlung des Sadis-
mus in Masochismus ist ein Schuldgefühl mitbeteiligt, welches
auf Entwicklungsvorgänge in anderen als den sexuellen Sphären
hinweist.Die Verführung setzt ihren Einfluß fort, indem sie die Passivi—
tät des Sexualziels aufrechthält. Sie verwandelt jetzt den Sadis-
mus zu einem großen Teil in sein passives Gegenstück, den
Masochismus. Es ist fraglich, ob man den Charakter der Passivi-
tät ganz auf ihre Rechnung setzen darf, denn die Reaktion des
1’/z jährigen Kindes auf die Koitusbeobachtung war bereits vor-
wiegend eine passive. Die sexuelle Miterregung äußerte sich in
einer Stuhlentleerung, an der allerdings auch ein aktiver Anteil
zu unterscheiden ist. Neben dem Masochismus, der seine Sexual—
strebung beherrscht und sich in Phantasien äußert, bleibt auchS.
1 1 8 Signi. Freud
der Sadismus bestehen und betätigt sich gegen kleine Tiere.
Seine Sexualforschung hat von der Verführung an eingesetzt,
wesentlich zwei Probleme in Angriff genommen, woher die Kinder
kommen, und ob ein Verlust des Genitales möglich ist, und
verwebt sich mit den Äußerungen seiner Triebregungen. Sie
lenkt seine sadistischen Neigungen auf die kleinen Tiere als
Repräsentanten der kleinen Kinder.Wir haben die Schilderung bis in die Nähe des vierten Ge—
burtstages geführt„ zu welchem Zeitpunkt der Traum die Koitus-
beobachtung von 1‘/z Jahren zur nachträglichen Wirkung bringt.
Die Vorgänge, die sich nun abspielen, können wir weder vollv
ständig erfassen, noch sie hinreichend beschreiben. Die Aktivierung
des Bildes, das nun dank der vorgeschrittenen intellektuellen
Entwicklung verstanden werden kann, wirkt wie ein frisches
Ereignis, aber auch wie ein neues Trauma7 ein fremder Ein—
griff analog der Verführung. Die abgebrochene genitale Or-
ganisation wird mit einem Schlage wieder eingesetzt, aber der
im Traum vollzogene Fortschritt kann nicht festgehalten werden.
Es kommt vielmehr durch einen Vorgang, den man nur einer
Verdrängung gleichstellen kann, zur Ablehnung des Neuen und
dessen Ersetzung durch eine Phobie.Die sadistisch—anale Organisation bleibt also auch in der jetzt
einsetzenden Phase der Tierphobie fortbestehen, nur sind ihr die
Angsterscheinungen beigemengt. Das Kind setzt die sadistischen
wie die masochistischen Betätigungen fort, doch reagiert es mit
Angst gegen einen Teil derselben; die Verkehrung des Sadismus
in sein Gegenteil macht wahrscheinlich weitere Fortschritte.Aus der Analyse des Angsttraumes entnehmen wir, daß die Ver-
drängung sich an die Erkenntnis der Kastration anschließt. Das
Neue wird verworfen, weil seine Annahme den Penis kosten
würde. Eine sorgfältigere Überlegung läßt etwa Folgendes er-
kennen: Das Verdrängte ist die homosexuelle Einstellung im
genitalen Sinne, die sich unter dem Einfluß der ErkenntnisS.
Aus der Geschichte einer infantilen Neurose “9
gebildet hatte. Sie bleibt nun aber fürs Unbewußte erhalten, als
eine abgesperrte tiefere Schichtung konstituiert. Der Motor dieser
Verdrängung scheint die narzißtische Männlichkeit des Genitales
zu sein, die in einen längst vorbereiteten Konflikt mit der
Passivität des homosexuellen Sexualzieles gerät. Die Verdrängung
ist also ein Erfolg der Männlichkeit.Man käme in Versuchung, von hier aus ein Stück der psycho—
analytischen Theorie abzuändern. Man glaubt doch mit Händen
zu greifen, daß es der Konflikt zwischen männlichen und weib-
lichen Strebungen, also die Bisexualität, ist, aus der die Ver-
drängung und Neurosenbildung hervorgeht, Allein diese Auffassung
ist lückenhaft. Von den beiden widerstreitenden Sexualregungen
ist die eine ichgerecht, die andere beleidigt das narzißtische
Interesse; sie verfällt darum der Verdrängung. Es ist auch in
diesem Falle das Ich, von dem die Verdrängung ins Werk gesetzt
wird, zu Gunsten einer der sexuellen Strebungen. In anderen
Fällen existiert ein solcher Konflikt zwischen Männlichkeit und
VVeiblichkeit nicht; es ist nur eine Sexualstrebung da, die An-
nahme heischt, aber gegen gewisse Mächte des Ichs verstößt
und darum selbst verstoßen wird. Weit häufiger als Konflikte
innerhalb der Sexualität selbst finden sich ja die anderen vor,
die sich zwischen der Sexualität und den moralischen Ich-
tendenzen ergeben. Ein solcher moralischer Konflikt fehlt in unserem
Falle. Die Betonung der Bisexualität als Motiv der Verdrängung
wäre also zu enge; die des Konflikts zwischen Ich und Sexual-
streben (Libido) deckt alle Vorkommnisse.Der Lehre vom „männlichen Protest“, wie sic Adler ausge—
bildet hat, ist entgegenzuhalten, daß die Verdrängung keineswegs
immer die Partei der Männlichkeit nimmt und die Weiblichkeit
betrifft; in ganzen großen Klassen von Fällen ist es die Männ—
lichkeit, die sich vom Ich die Verdrängung gefallen lassen muß.Eine gerechtere Würdigung des Verdrängungsvorganges in
unserem Falle würde übn'gens der narzißtischen MännlichkeitS.
1 20 Sigm. Freud
die Bedeutung des einzigen Motivs bestreiten. Die homosexuelle
Einstellung, die während des Traumes zustande kommt, ist eine
so intensive, daß das Ich des kleinen Menschen an ihrer Be—
wältigung versagt und sich durch den Verdrängungsvorgang
ihrer erwehrt. Als Helfer bei dieser Absicht wird die ihr gegen—
sätzliche narzißtische Männlichkeit des Genitales herangezogen.
Daß alle narzißtischen Regungen vom Ich aus wirken und beim
Ich verbleiben, die Verdrängungen gegen libidinöse Objektbe—
setzungen gerichtet sind, soll nur zur Vermeidung von Mißver—
ständnissen ausgesprochen werden.Wenden wir uns von dem Vorgang der Verdrängung, dessen
restlose Bewältigung uns vielleicht nicht geglückt ist, zu dem
Zustand, der sich beim Erwachen aus dem Traum ergibt. Wäre
es wirklich die Männlichkeit gewesen, die während des Traum—
vorganges über die Homosexualität (Weiblichkeit) gesieg1. hat, so
müßten wir nun eine aktive Sexualstrebung von bereits ausgc»
sprachen männlichern Charakter als die herrschende finden. Davon
ist keine Rede, das Wesentliche der Sexualorganisation hat sich
nicht geändert, die sadistisch-anale Phase setzt ihren Bestand fort,
sie ist die herrschende geblieben. Der Sieg der Männlichkeit zeigt sich
bloß darin, daß nun auf die passiven Sexualziele der herrschenden
Organisation (die masochistisch‚ aber nicht weiblich sind) mit Angst
reagiert wird. Es ist keine sieghafte männliche Sexualregung vor—
handen, sondern nur eine passive und ein Sträuben gegen dieselbe.Ich kann mir vorstellen, welche Schwierigkeiten die unge—
wohnte, aber unerläßliche scharfe Scheidung von aktiv—männlich
und passiv-weiblich dem Leser bereitet und will darum Wieder—
holungen nicht vermeiden. Den Zustand nach dem Traume kann
man also in folgender Art beschreiben: Die Sexualstrebungen
sind zerspalten werden, im Unbewußten ist die Stufe der geni-
talen Organisation erreicht und eine sehr intensive Homosexualität
konstituiert, darüber besteht (virtuell im Bewußten) die frühere
sadistische und überwiegend masochistische Sexualströmung, dasS.
Aus der Geschichte einer infantilen Neuroxe ;“
Ich hat seine Stellung zur Sexualität im ganzen geändert, es
befindet sich in Sexualablehnung und weist die herrschenden
masochistischen Ziele mit Angst ab, wie es auf die tieferen
homosexuellen mit der Bildung einer Phobie reagiert hat. Der
Erfolg des Traumes war also nicht so sehr der Sieg einer männ—
lichen Strömung, sondern die Reaktion gegen eine feminine und
eine passive. Es wäre gewaltsam, dieser Reaktion den Charakter
der Männlichkeit zuzuschreiben. Das Ich hat eben keine Sexual—
strebungen, sondern nur das Interesse an seiner Selbstbewahrung
und der Erhaltung seines Narzißmus.Fassen wir nun die Phobie ins Auge. Sie ist auf dem Niveau
der genitalen Organisation entstanden, zeigt uns den relativ ein—
fachen Mechanismus einer Angsthysterie. Das Ich schützt sich
durch Angstentwicklung vor dem, was es als übermächtige Ge—
fahr wertet, vor der homosexuellen Befriedigung. Doch hinterläßt
der Verdrängungsvorgang eine nicht zu übersehende Spur. Das
Objekt, an das sich das gefürchtete Sexualziel geknüpft hat, muß
sich vor dem Bewußtsein durch ein anderes vertreten lassen.
Nicht die Angst vor dem Vater, sondern die vor dem Wolf
wird bewußt, Esbleibt auch nicht bei der Bildung der Phobie
mit dem einen Inhalt. Der Wolf ersetzt sich eine ganze Weile
später durch den Löwen. Mit den sadistischen Regungen gegen
die kleinen Tiere konkurriert eine Phobie vor ihnen als Vertreter
der Nebenbuhler, der möglichen kleinen Kinder. Besonders interes—
sant ist die Entstehung der Schmetterlingsphobie. Es ist wie eine
Wiederholung des Mechanismus, der im Traum die Wolfsphobie
erzeugt hat. Durch eine zufällige Anregung wird ein altes Erlebnis
aktiviert, die Szene mit Gruscha, deren Kastrationsdrohung nach-
träglich zur Wirkung kommt, während sie, als sie vorfiel7 ohne
Eindruck geblieben war.‘]) Die Gruschuzene war. wie erwähnt. eine spontane Erinnerungsleistnng des
Patienten, an welcher eine Konstruktion oder Anregung des Arztes keinen Anteil
hatte; die Lücke in ihr wurde von der Analyse in einer Weise ausgefüllt. dieS.
1 29 Sigm. Freud
Man kann sagen, die Angst, welche in die Bildung dieser
Phobien eingeht, ist Kastrationsangst. Diese Aussage enthält keinen
Widerspruch gegen die Auffassung, die Angst sei aus der Ver-
drängung homosexueller Libido hervorgegangen. In beiden Aus—
drucksweisen meint man den nämlichen Vorgang, daß das Ich
der homosexuellen VVunschregung Libido entzieht, welche in
freischwebende Angst umgesetzt wird und sich dann in Phobien
binden läßt. In der ersten Ausdrucksweise hat man nur das
Motiv, welches das Ich treibt7 mitbezeichnet.Bei näherem Zusehen findet man nun, daß diese erste Er—
krankung unseres Patienten (von der Eßstörung abzusehen) durch
das Herausgreifen der Phobie nicht erschöpft wird, sondern als
eine echte Hysterie verstanden werden muß, der neben Angst—
symptomen auch Konversionserscheinungen zukommen. Ein Anteil
der homosexuellen Regung wird in dem bei ihr beteiligten Organ
festgehalten; der Darm benimmt sich von da an und ebenso in
der Spätzeit wie ein hysterisch affiziertes Organ. Die unbewußte,
verdrängte Homosexualität hat sich in den Darm zurückgezogen.
Gerade dieses Stück Hysterie hat dann bei der Lösung des
späteren Krankseins die besten Dienste geleistet.Nun soll es uns auch nicht am Mute mangeln, die noch
komplizierteren Verhältnisse der Zwangsneurose in Angriff zutadellos genannt werden muß. wenn man auf die Arbeitsweise der Analyse iiberhaupt
Wert legt. Eine rationnlistisclxe Aufklärung dieser Phohie könnte nur sagen: Es sei
nichts Ungewöhnliches, daß ein zur Ängstlichkeit disponiertes Kind auch einmal vor
einem gelhslreifigen Schmetterling einen Angstanfall bekomme. wahrscheinlich infolge
einer ererbten Angstneigung. (Vgl. Stanley Hall, A synthetic genetic study of fear.
Amer. J. of Psychology XXV, 1914). In Unwissenheit dieser Ursache Suche es nun
nach einer Kindheitsankiipfung für diese Angst und beuiitze den Zufall der Namens-
gleichheit und der Wiederkehr der Streifen, um sich die Phantasie eines Abenteuers
mit dem noch erinnerten Kindermädchen zu konstruieren. Wenn aber die Neben-
sachen der an sich harmlosen Begehenheit, Aufwaschen. Kübel, Besen im späteren
Leben die Macht zeigen, dauernd und zwanghaft die Objektwahl des Menschen zu
bestimmen. so fällt der Schmetterlingsphohie eine unbegreifliche Bedeutung zu. Der
Sachverhalt wird mindestens ebenso merkwürdig wie der von mir behauptete, und
der Gewinn aus der rationalistischen Auffassung dieser Szenen ist zenonnen. Die
Gruschaszene wird uns also besonders wertvoll, da wir an ihr unser Urteil über die
minder gesicherte Urszene vorbereiten können.S.
Aus der Geschichte einer infantilen Neurosz 195
nehmen. Halten wir uns nochmals die Situation vor: eine herr.
schende masochistische und eine verdrängte homosexuelleSexual—
strömung, dagegen ein in hysterischer Ablehnung befangenes Ich;
welche Vorgänge wandeln diesen Zustand in den der Zwangs-
neurose um?Die Verwandlung geschieht nicht spontan, durch innere Fort-
entwicklung, sondern durch fremden Einfluß von außen. Ihr
sichtbarer Erfolg ist, daß das im Vordergrund stehende Verhältnis
zum Vater, welches bisher in der Wolfsphobie Ausdruck gefunden
hatte, sich nun in Zwangsfrömmigkeit äußert. Ich kann es nicht
unterlassen, darauf hinzuweisen, daß der Vorgang bei diesem
Patienten eine unzweideutige Bestätigung einer Behauptung liefert,
die ich in „Totem und Tabu“ über das Verhältnis des Totem—
tieres zur Gottheit aufgestellt habe.‘ Ich entschied mich dort
dafür, daß die Gottesvorstellung nicht eine Fortentwicklung des
Totem sei, sondern sich unabhängig von ihm aus der gemein—
samen Wurzel beider zu seiner Ablösung erhebe. Der Totem sei
der erste Vaterersatz, der Gott aber ein späterer, in dem der
Vater seine menschliche Gestalt wiedergewinne. So finden wir es
auch bei unserem Patienten. Er macht in der Wolfsphobie das
Stadium des toternistischen Vaterersatzes durch, welches nun ab-
bricht und infolge neuer Relationen zwischen ihm und dem
Vater durch eine Phase von religiöser Frömmigkeit ersetzt wird.Der Einfluß, welcher diese Wandlung hervorruft, ist die durch
die Mutter vermittelte Bekanntschaft mit den Lehren der Religion
und mit der heiligen Geschichte. Das Ergebnis wird das von der
Erziehung gewünschte. Der sadistisch-masochistischen Sexualor—
ganisation wird ein langsames Ende bereitet, die Wolfsphobie ver—
schwindet rasch, an Stelle der Angstablehnung der Sexualität
tritt eine höhere Form der Unterdrückung derselben. Die Frömmig-
keit wird zur herrschenden Macht im Leben des Kindes. Allein
diese Überwindungen gehen nicht ohne Kämpfe vor sich, alsi) Totem und Tabu, p. 157. 1915. [Enthalten in Bd. X. der Gesamtausgabe}
S.
124 Sigm. Freud
deren Zeichen die blasphemischen Gedanken erscheinen, und als
deren Folge eine zwanghafte Übertreibung des religiösen Zere-
moniells sich festsetzt.Wenn wir von diesen Pathologischen Phänomenen absehen,
können wir sagen, die Religion hat in diesem Falle alles das
geleistet, wofür sie in der Erziehung des Individuums eingesetzt
wird. Sie hat seine Sexualstrebungen gebändigt, indem sie ihnen
eine Sublimierung und feste Verankerung bot, seine familiären
Beziehungen entwertet und damit einer drohenden Isolierung vor-
gebeugt, dadurch, daß sie ihm den Anschluß an die große Ge-
meinschaft der Menschen eröffnete. Das wilde, verängstigte Kind
wurde sozial, gesittet und erziehbar.Der Hauptmotor des religiösen Einflusses war die Identifizierung
mit der Christusgestalt, die ihm durch die Zufälligkeit seines
Geburtsdatums besonders nahe gelegt war. Hier fand die über—
große Liebe zum Vater, welche die Verdrängung notwendig ge-
macht hatte, endlich einen Ausweg in eine ideale Sublirnierung.
Als Christus durfte man den Vater, der nun Gott hieß, mit einer
lnbrunst lieben, die beim irdischen Vater vergeblich nach Ent—
ladung gesucht hatte. Die Wege, auf denen man diese Liebe
bezeugen konnte, waren von der Religion angezeigt, an ihnen
haftete auch nicht das Schuldbewußtsein, das sich von den in-
dividuellen Liebesstrebungen nicht ablösen ließ. Wenn so die
tiefste, bereits als unbewußte Homosexualität niedergeschlagene
Sexualströmung noch drainiert werden konnte, so fand die ober—
flächlichere masochistische Strebung eine unvergleichliche Subli-
mierung ohne viel Verzicht in der Leidensgeschichte Christi, der
sich im Auftrage und zu Ehren des göttlichen Vaters hatte miß-
handeln und opfern lassen, So tat die Religion ihr Werk bei dem
kleinen Entgleisten durch Mischung von Befriedigung, Subli—
mierung, Ablenkung vom Sinnlichen auf rein geistige Prozesse,
und die Eröffnung sozialer Beziehungen, die sie dem Gläubigen
bietet.S.
Aus der Geschichte einer infantikn Neurose ;
25Sein anfängliches Sträuben- gegen die Religion hatte drei vera
schiedene Ausgangspunkte. Erstens war es überhaupt, wovon wir
schon Beispiele gesehen haben, seine Art, alle Neuheiten abzu.
wehren. Er verteidigte jede einmal eingenommene Libidoposifion
in der Angst vor dem Verlust bei ihrem Aufgeben und im Miß-
trauen gegen die Wahrscheinlichkeit eines volles Ersatzes durch
die neu zu beziehende. Es ist das eine wichtige und fundamen—
tale psychologische Besonderheit, die ich in den drei Abhandlungen
zur Sexualtheorie als Fähigkeit zur Fixierung aufgestellt habe.
Jung hat sie unter dem Namen der psychischen „Trägheit“ zur
Hauptverursachung aller Mißerfolge der Neurotiker machen wollen.
Ich glaube, mit Unrecht, sie reicht viel weiter hinaus und spielt
auch im Leben nicht Nervöser ihre bedeutsame Rolle. Die Leicht-
beweglichkeit oder Schwerflüssigkeit der libidinösen, und ebenso
der andersartigen Energiebesetzungen ist ein besonderer Charakter,
der vielen Normalen und nicht einmal allen Nervöseu eignet,
und. der bisher noch nicht in Zusammenhang mit anderem
gebracht ist, etwas wie eine Primzahl nicht weiter zerteilbares.
Wir wissen nur das eine, daß die Eigenschaft der Beweglichkeit
psychischer Besetzungen mit dem Lebensalter auffällig zurückgeht.
Sie hat uns eine der Indikationen für die Grenzen der psycho—
analytischen Beeinflussung geliefert. Es gibt aber Personen, bei
denen diese psychische Plastizität weit über die gewöhnliche Alters—
grenze hinaus bestehen bleibt, und andere, bei denen sie sehr früh—
zeitig verloren geht. Sind es Neurotiker, so macht man mit Un;
behagen die Entdeckung, daß unter scheinbar gleichen Verhält—
nissen bei ihnen Veränderungen nicht rückgängig zu machen
sind, die man bei anderen mit Leichtigkeit bewältigt hat. Es ist
also auch bei den Umsetzungen psychischer Vorgänge der Begriff
einer Entropie in Betracht zu ziehen, deren Maß sich einer
Rückbildung des Geschehenen widersetzt.Einen zweiten Angriffspunkt bot ihm die Tatsache, daß die
Religionslehre selbst kein eindeutiges Verhältnis zu Gott—VaterS.
1 25 Sigm. Freud
zu ihrer Grundlage hat, sondern von den Anzeichen der ambi-
valenten Einstellung durchsetzt ist, welche über ihrer Entstehung
gewaltet hat. Diese Ambivalenz spürte er mit der hochentwickelten
eigenen heraus und knüpfte an sie jene scharfsinnige Kritik,
welche uns von einem Kinde im fünften Lebensjahr so sehr
Wunder nehmen mußte. Am bedeutsamsten war aber gewiß ein
drittes Moment, auf dessen Wirkung wir die pathologischen Er—
gebnisse seines Kampfes gegen die Religion zurückführen dürfen.
Die zum Marine drängende Strömung, welche von der Religion
sublirniert werden sollte, war ja nicht mehr frei, sondern zum
Teil durch Verdrängung abgesondert und damit der Sublimierung
entzogen, an ihr ursprüngliches sexuelles Ziel gebunden. Kraft
dieses Zusammenhanges strebte der verdrängte Anteil sich den
Weg zum sublimierten Anteil zu bahnen oder ihn zu sich herab—
zuziehen. Die ersten Grübeleien, die die Person Christi umspannen,
enthielten bereits die Frage, ob dieser sublime Sohn auch das
im Unbewußten festgehaltene sexuelle Verhältnis zum Vater
erfüllen könne. Die Abweisungen dieses Bestrebens hatten keinen
anderen Erfolg, als scheinbar blasphernische Zwangsgedanken ent—
stehen zu lassen, in denen sich die körperliche Zärtlichkeit für
Gott in der Form seiner Erniedrigung durchsetzte. Ein heftiger
Abwehrkampf gegen diese Kompromißbiltlungen mußte dann zur
zwanghaften Übertreibung aller der Tätigkeiten führen, in denen
die Frömmigkeit, die reine Liebe zu Gott, ihren vorgezeichneten
Ausweg fand. Endlich hatte die Religion gesiegt, aber ihre trieb-
hafte Fundierung erwies sich unvergleichlich stärker als die
Haftharkeit ihrer Sublimierungsprodukte. Sowie das Leben einen
neuen Vaterersatz brachte, dessen Einfluß sich gegen die Reli-
gion richtete, wurde sie fallen gelassen und durch anderes er-
setzt. Gedenken wir noch der interessanten Komplikation, daß
die Frömmigkeit unter dem Einfluß von Frauen entstand (Mutter
und Kinderfreu), während männlicher Einfluß die Befreiung von
ihr ermöglichte.S.
Aus der Geschichte einer infantilen Neurone 127
Die Entstehung der Zwangsneurose auf dem Boden der sadistisch—
analen Sexualorganisation bestätigt im ganzen, was ich an anderer“‘ ausgeführt habe.
Aber der vorherige Bestand einer starken Hysterie macht unseren
Fall in dieser Hinsicht undurchsichtiger. Ich will die Übersicht
über die Sexualentw‘icklung unseres Kranken beschließen, indemStelle „über die Disposition zur Zwangsneurose
ich ein kurzes Streiflicht auf deren spätere VVandlungen werte.
Mit den Pubertätsjahren trat bei ihm die normal zu nennende,
stark sinnliche, männliche Strömung mit dem Sexualziel der
Genitalorganisation auf, deren Schicksale die Zeit bis zu seiner
Späterkrankung füllen. Sie knüpfte direkt an die Gruschaszene
an, entlehnte von ihr den Charakter zwanghafter, anfallsweise
kommender und schwindender Verliebtheit und hatte mit den
Hemmungen zu kämpfen, die von den Resten der infantilen
Neurosen ausgingen. Mit einem gewaltsamen Durchbruch zum
Weib hatte er sich endlich die volle Männlichkeit erkämpft;
dies Sexualobjekt wurde von nun an festgehalten, aber er wurde
des Besitzes nicht froh, denn eine starke, nun völlig unbewußte
Hinneigung zum Marine, die alle Kräfte der früheren Phasen in
sich vereinigte, zog ihn immer wieder vom weiblichen Objekt
ab und nötigte ihn, in den Zwischenzeiten die Abhängigkeit vom
Weib zu übertreiben. Er legte der Kur die Klage vor, daß er
es beim Weihe nicht aushalten könne, und alle Arbeit richtete
sich darauf, sein ihm unbewußtes Verhältnis zum Manne aufzu—
decken. Seine Kindheit war, um es formelhaft zusammenzufassen,
durch das Schwanken zwischen Aktivität und Passivität ausge—
zeichnet gewesen, seine Pubertätszeit durch das Ringen um die
Männlichkeit, und die Zeit von seiner Erkrankung an durch den
Kampf um das Objekt der männlichen Strebung. Der Anlaß
seiner Erkrankung fällt nicht unter die „neurotischen Erkrankungs-
typen“, die ich als Spezialfälle der „Versagung“ zusammenfassen!) Internat. Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse, I. Band, 191", S. 525 if. [Ent—
halten im Bd. V. der Gesamtausgabe]S.
1 28 Sign:. Freud
konnte,‘ und macht so auf eine Lücke in dieser Reihenbildung
aufmerksam. Er brach zusammen, als eine organische Affektion
des Genitales seine Kastrationsangst aufleben machte, seinem
Narzißmus Abbruch tat und ihn zwang, die Erwartung einer
persönlichen Bevorzugung durch das Schicksal aufzugeben. Er
erkrankte also an einer narzißtischen „Versagung“. Diese Über—
stärke seines Narzißmus stand in vollem Einklang mit den anderen
Anzeichen einer gehemrnten Sexualentwicklung, daß seine hetero—
sexuelle Liebeswahl bei aller Energie so wenig psychische Stre—
bungen in sich konzentrierte, und daß die homosexuelle Einstellung,
die dem Narzißmus um so vieles näher liegt, sich als unbewußte
Macht bei ihm mit solcher Zähigkeit behauptet hatte. Natürlich
kann die psychoanalytische Kur bei solchen Störungen nicht
einen momentanen Umschwung und eine Gleichstellung mit
einer normalen Entwicklung herbeiführen, sondern nur die
Hindernisse beseitigen und die Wege gangbar machen, damit die
Einflüsse des Lebens die Entwicklung nach den besseren Richtungen
durchsetzen können.Als Besonderheiten seines psychischen Wesens, die von der
psychoanalytischen Kur aufgedeckt, aber nicht weiter aufgeklärt
und dementsprechend auch nicht unmittelbar beeinflußt werden
konnten, stelle ich zusammen: die bereits besprochene Zähigkgit
der Fixierung, die außerordentliche Ausbildung der Ambivalenz—
neigung, und als dritten Zug einer archaisch zu nennenden
Konstitution die Fähigkeit, die verschiedenartigsten und wider-
sprechendsten libidinösen Besetzungen alle nebeneinander funktions—
fähig zu erhalten. Das beständige Schwanken zwischen denselben,
durch welches Erledigung und Fortschritt lange Zeit ausgeschlossen
erschienen, beherrschten das Krankheitsbild der Spätzeit, das ich
ja hier nur streifen konnte. Ohne allen Zweifel war dies ein
Zug aus der Charakteristik des Unbewußten, der sich bei ihmx) Zentralblatt für Psychoanalyse, II, 6‚ 1912. [Über neurotische Erkrankungstypen.
Enthalten in Bd. V der Gesamtausgabe].S.
Aus der Geschichte einer infantilen Neurosz 129
in die bewußt gewordenen Vorgänge fortgesetzt hatte; aber er
zeigte sich nur an den Ergebnissen effektiver Regungen, auf rein
logischen Gebieten bewies er vielmehr ein besonderes Geschick
in der Aufspürung von Widersprüchen und Unverträglichkeiten.
So empfing man von seinem Seelenleben einen Eindruck, wie
ihn die altägyptische Religion macht, die dadurch für uns so
unvorstellbar wird, daß sie die Entwicklungsstufen neben den
Endprodukten konserviert, die ältesten Götter und Gottesbe—
deutungen wie die jüngsten fortsetzt, in eine Fläche ausbreitet,
was in anderen Entwicklungen zu einem Tiefengebilde wird.Ich habe nun zu Ende gebracht, was ich über diesen Krank-
heitsfall mitteilen wollte. Nur noch zwei der zahlreichen Probleme,
die er anregt, scheinen mir einer besonderen Hervorhebung
würdig. Das erste betrifft die phylogenetisch mitgebrachten
Schemata, die wie philosophische „Kategorien“ die Unterbringung
der Lebenseindrücke besorgen. Ich möchte die Auffassung ver-
treten, sie seien Niederschläge der menschlichen Kulturgeschichte.
Der Ödipuskomplex, der die Beziehung des Kindes zu den Eltern
umfaßt, gehört zu ihnen, ist vielmehr das bestgekannte Beispiel
dieser Art. Wo die Erlebnisse sich dem hereditären Schema nicht
fügen, kommt es zu einer Umarbeitung derselben in der Phan-
tasie, deren Werk im einzelnen zu verfolgen, gewiß nutzbringend
wäre. Gerade diese Fälle sind geeignet, uns die selbständige
Existenz des Schemas zu erweisen. Wir können oft bemerken,
daß das Schema über das individuelle Erleben siegt, _so wenn in
unserem Falle der Vater zum Kastrator und Bedroher der kindlichen
Sexualität wird, trotz eines sonst umgekehrten Ödipuskomplexes.
Eine andere Wirkung ist es, wenn die Amine an die Stelle der
Mutter tritt oder mit ihr verschmelzen wird. Die Widersprüche
des Erlebens gegen das Schema scheinen den infantilen Konflikten
reichlichen Stoff zuzuführen.Das zweite Problem liegt von diesem nicht fernab, es ist aber
ungleich bedeutsamer. Wenn man das Verhalten des vierjährigenIreud, Infmtll: Neurose 9
S.
1 50 Sigm. Freud
Kindes gegen die reaktivierte Urszene in Betracht zieht,‘ ja
wenn man nur an die weit einfacheren Reaktionen des 1‘/‚jähxigen
Kindes beim Erleben dieser Szene denkt, kann man die Auffassung
schwer von sich weisen, daß eine Art von schwer bestimmberem
Wissen, etwas wie eine Vorbereitung zum Verständnis, beim
Kinde dabei mitwirkt.‘ Worin dies bestehen mag, entzieht sich
jeder Vorstellung; wir haben nur die eine ausgezeichnete Analogie
mit dem weitgehenden instinktiven Wissen der Tiere zur
Verfügung.Gäbe es einen solchen instinktiven Besitz auch beim Menschen,
so wäre es nicht. zu verwundern, wenn er die Vorgänge des
Sexualiebens ganz besonders beträfe, wenngleich er auf sie keines-
wegs beschränkt sein kann. Dieses Instinktive wäre der Kern des
Unbewußten, eine primitive Geistestätigkeit, die später durch
die zu erwerbende Menschheitsvernunft entthront und überlegen
wird, aber so oft, vielleicht bei allen, die Kraft behält, höhere
seelische Vorgänge zu sich herabzuziehen. Die Verdrängung wäre
die Rückkehr zu dieser instinktiven Stufe, und der Mensch würde
so mit seiner Fähigkeit zur Neurose seine große Neuerwerbung
bezahlen und durch die Möglichkeit der Neurosen die Existenz
der früheren instinktartigen Vorstufe bezeugen. Die Bedeutung
der frühen Kindheitstraumen läge aber darin, daß sie diesem
Unbewußten einen Stoff zuführen, der es gegen die Aufzehmng
durch die nachfolgende Entwicklung schützt.Ich weiß, daß ähnliche Gedanken, die das hereditäre, phylo-
genetisch erworbene Moment im Seelenleben betonen, von ver—
schiedenen Seiten ausgesprochen werden sind, ja ich meine, daß)) Ich darf davon absehen, dnß die. Verhalten erst zwei Dezennien später in
Worte gefaßt werden konnte, denn alle Wirkungen, die wir von der Szene ableiten,
haben sich ja in Form von Symptomen, Zwängen usw, bereits in der Kindheit und.
lange vor der Analyse geäußert. Dabei ist es gleichgültig, ob man sie eh Unten.
oder als Urphantasie gelten lusen will.21 Von neuem muß ich betonen. daß diese Überlegungen mäßig wären, wenn
Traum und Neuro:e nicht der Kindheitszeit nella“ ungehörten.S.
Aus der Geschichte einer infanrilen Neurosz 151
man allzu bereit war, ihnen einen Platz in der psychoanalytischen
Würdigung einzuräumen. Sie erscheinen mir erst zulässig, wenn
die Psychoanalyse in Einhaltung des korrekten Instanzenzuges
auf die Spuren des Ererbten gerät, nachdem sie durch die
Schichtung des individuell Erwerbenen hindurchgedrungen ist.‘1) [Zusatz 1923:] Ich stelle hier nochmals die Chronologie der in dieser Getchichte
erwähnten Begebenheiten 1usammen:Geboren am Weihnachtsmg.
; 1/2 Jahre: Malaria. Benhaehmng des Koitul der Eltern oder jenes Beieamrnenneinl
derselben, in des er später die Koitusphantnsie eintrug.Kurz vor 2 1/2 Jahren: Szene mit Gruschn.
: '/1 Jahre: Deekerinnerung an Abreise der Eltern mit Schwester. Sin uigt ihn
allein mit der Nania und. verleugnet so Gruscha und Schwester,Vor 5 l], Jahren: Klage der Mutter vor dem Arzt.
5 x/„ Jahre: Beginn der Verführung durch die Schwester, bald duauf Kastration»
drohung der Nenin.5 x], Jahre: Die englische Gouvernnnte, Beginn der Charakterveränderung.
4, Jahre: Welfstraum, Entstehung der Phobie.
4, 1], Jahre: Einfluß der biblischen Geschichte. Auftreten der Zwangssymptome.
Kurz vor 5 Jahren: Halluzination des Fingerverlustel.
5 Jahre: Verlassen des ersten Gutes.
Nach 6 Jahren: Besuch beim kranken Vnter.
8 Jahre:
10 Jahre:
Meine Darstellung hat es leicht gemacht zu ernten, daß der Patient Russe war.
Ich entließ ihn nach meiner Schätzung nl: geheilt wenige Wochen vor dem unerwarteten
Ausbruch des Weltkrieges und sah ihn erst wieder, als die Wechselt'ille des Krieges
den Zentralmächten den Zugang nach Südrußland eröffnet hatten. Dunn hm er
nach Wien und berichtete von einem mittelbar nach Beendigung der Kur aufge-
tretenen Bestreben, sich vom Einfluß des Arztes loszureiflen. In einigen Mon-ten
Arbeit wurde nun ein noch nicht überwundenes Stück der Übertragung bewältigt;
seither hat, Patient. dem der Krieg Heimat, Vermögen und alle Familienheziehungen
gerauht hatte, sich normal gefühlt und tadellos henornmen. Vielleicht hat gerade sein
Elend durch die Befriedigung seines Schuldgefühls zur Befestigung seiner Herstel-
lung beigetragen.} Letzte Ausbrüche der Zwengeneurose.
9.
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