• S.

    VI
    DIE ZWANGSNEUROSE

    Zum drittenmal erfuhr er nun eine Beeinflussung, die seine
    Entwicklung in entscheidender Weise abänderte. Als er 4.‘/2 Jahre
    alt war und sein Zustand von Reizbarkeit und Ängstlichkeit sich
    noch immer nicht gebessert hatte, entschloß sich die Mutter, ihn
    mit der biblischen Geschichte bekannt zu machen, in der
    Hoffnung, ihn so abzulenken und zu erheben. Es gelang ihr auch,
    die Einführung der Religion machte der bisherigen Phase ein
    Ende, brachte aber eine Ablösung der Angstsyrnptome durch
    Zwangssymptome mit sich. Er hatte bisher nicht leicht ein-
    schlafen können, weil er fürchtete, ähnlich schlechte Dinge zu
    träumen wie in jener Nacht vor Weihnachten; er mußte jetzt
    vor dem Zubettgehen alle Heiligenbilder im Zimmer küssen,
    Gebete hersagen und ungezählte Kreuze über seine Person und
    sein Lager schlagen.

    Seine Kindheit gliedert sich uns nun übersichtlich in folgende
    Epochen: erstens die Vorzeit bis zur Verführung (ff/, J.), in welche
    die Urszene fällt, zweitens die Zeit der Charakterveränderung
    bis zum Angsttraurn (4. J.), drittens die Tierphobie bis zur Ein-
    führung in die Religion (4.‘/: J.), und von da an die der Zwangs—
    neurose bis nach dem zehnten Jahr. Eine momentane und glatte
    Ersetzung einer Phase durch die nächstfolgende liegt weder in
    der Natur der Verhältnisse, noch in der unseres Patienten, für
    den im Gegenteil die Erhaltung alles Vorangegangenen und die

    Freud. Infuntiha Neumse ‚
    J

  • S.

    66 Sigm. Freud

    Koexistenz der verschiedenartigsten Strömungen charakteristisch
    waren. Die Schlimmheit schwand nicht, als die Angst auftrat,
    und setzte sich langsam abnehmend in die Zeit der Frömmigkeit
    fort. Von der Vll'olfsphobie ist aber in dieser letzten Phase nicht
    mehr die Rede. Die Zwangsneurose verlief diskontinuierlich; der
    erste Anfall war der längste und intensivste, andere traten zu
    acht und zehn Jahren auf, jedesmal nach Veranlassungen, die in
    ersichtlicher Beziehung zum Inhalt der Neurose standen. Die
    Mutter erzählte ihm die heilige Geschichte selbst und ließ ihm
    außerdem durch die. Nanja aus einem Buch, das mit Illustrationen
    geschmückt war, darüber vorlesen. Das Hauptgewichl bei der
    Mitteilung fiel natürlich auf die Passionsgeschichte. Die Nanj3‚
    die sehr fromm und abergläubisch war, gab ihre Erläuterungen
    dazu, mußte aber auch alle Einwendungen und Zweifel des kleinen
    Kritikers anhören. Wenn die Kämpfe, die ihn nun zu erschüttern
    begannen, schließlich in einen Sieg des Glaubens ausliefen, so
    war der Einfluß der Nanja nicht unbeteiligt daran.

    Was er mir als Erinnerung von seinen Reaktionen auf die
    Einführung in die Religion mitteilte, traf zunächst auf meinen
    entschiedenen Unglauben. Das konnten, meinte ich, nicht die Ge-
    danken eines 4.‘/‚—5jährigen Kindes sein; wahrscheinlich schob
    er in diese frühe Vergangenheit zurück, was aus dem Nachdenken
    des bald 5ojährigen Erwachsenen entsprang.‘ Allein der Patient
    wollte von dieser Korrektur nichts wissen; es gelang nicht, ihn
    wie bei so vielen anderen Urteilsverschiedenheiten zwischen uns
    zu überführen; der Zusammenhang seiner erinnerten Gedanken
    mit seinen berichteten Symptomen sowie deren Einfügung in

    )} Ich machte auch wiederholt den Versuch, die Geschichte des Kranken wenigstens
    um ein Jahr vorzuschieben. also die Verfühmng auf 4 “4. Jahre, den Traum auf den
    fünften Geburtstag usw. zu verlegen. An den Intervallen war ja nichts zu gewinnen,
    allein der Patient lilieh auch hierin unbeugsam, ohne mich übrigens vom letzten
    Zweifel daran befreien zu können. Für den Eindruck, den seine Geschichte macht,
    und alle daran gelmiipfien Erörterungen und Folgerungen wäre ein solcher Aufschuh
    um ein Jahr offenbar gleichgültig.

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilen N'eurose 67

    seine sexuelle Entwicklung nötigten mich schließlich, vielmehr
    ihm Glauben zu schenken. Ich sagte mir dann auch, daß gerade
    die Kritik gegen die Lehren der Religion, die ich dem Kinde
    nicht zutrauen wollte, nur von einer verschwindenden Minder-
    7.ahl der Erwachsenen zustande gebracht wird.

    Ich werde nun das Material seiner Erinnerungen verbringen
    und erst dann nach einem Weg suchen, der zum Verständnis
    desselben führt.

    Der Eindruck, den er von der Erzählung der heiligen Ge—
    schichte empfing, war, wie er berichtet, anfangs kein angenehmer.
    Er sträubte sich zuerst gegen den Leidenscharakter der Person
    Christi, dann gegen den ganzen Zusammenhang seiner Geschichte.
    Er richtete seine unzufriedene Kritik gegen Gottvater. Wenn er
    allmächtig sei, so sei es seine Schuld, daß die Menschen schlecht
    seien und andere quälen, wofür sie dann in die Hölle kommen.
    Er hätte sie gut machen sollen; er sei selbst verantwortlich für
    alles Schlechte und alle Qualen. Er nahm Anstoß an dem Gebot,
    die andere Wange hinzuhalten, wenn man einen Schlag auf die
    eine empfangen habe, daran, daß Christus am Kreuz gewünscht
    habe, der Kelch solle an ihm vorübergehen, aber auch daran,
    daß kein Wunder geschehen sei, um ihn als Gottes Sohn zu er—
    weisen. So war also sein Scharfsinn geweckt und wußte mit un-
    erbittlicher Strenge die Schwächen der heiligen Dichtung aus—
    zuspüren.

    Zu dieser rationalistischen Kritik gesellten sich aber sehr bald
    Grübeleien und Zweifel, die uns die Mitarbeit geheimer Regungen
    verraten können. Eine der ersten Fragen, die er an die Nanja
    richtete, war, ob Christus auch einen Hintern gehabt habe. Die
    Nanja gab die Auskunft, er sei ein Gott gewesen und auch ein Mensch.
    Als Mensch habe er alles gehabt und getan wie die anderen
    Menschen. Das befriedigte ihn nun gar nicht, aber er wußte sich
    selbst zu trösten, indem er sich sagte, der Hintere sei ja nur die
    Fortsetzung der Beine. Die kaum beschwichtigte Angst, die

    5.

  • S.

    68 Sigm. Freud

    heilige Person erniedrigen zu müssen, flammte wieder auf, als
    ihm die Frage auftauchte, ob Christus auch geschissen habe. Die
    Frage getraute er sich nicht, der frommen Nania vorzulegen,
    aber er fand selbst eine Ausflucht, die sie ihm nicht hätte besser zeigen
    können. Da Christus Wein aus dem Nichts gemacht, hätte er
    auch das Essen zu nichts machen und sich so die Defäkation
    ersparen können.

    Wir werden uns dem Verständnis dieser Grübeleien nähern,
    wenn wir an ein vorhin besprochenes Stück seiner Sexualent- ,
    wicklung anknüpfen. Wir wissen, daß sich sein Sexualleben seit
    der Zurückweisung durch die Nanja und die damit verbundene
    Unterdrückung der beginnenden Genitalbetätigung nach den
    Richtungen des Sadismus und Masochismus entwickelt hatte. Er
    quälte, mißhandelte kleine Tiere, phantasierte vom Schlagen der
    Pferde, anderseits vom Geschlagenwerden des Thronfolgers.l Im
    Sadismus hielt er die uralte Identifizierung mit dem Vater auf-
    recht, im Masochisrnus hatte er sich diesen zum Sexualobjekt
    erkoren. Er befand sich voll in einer Phase der prägenitalen
    Organisation, in welcher ich die Disposition zur Zwangsneurose
    erblicke. Durch die Einwirkung jenes Traumes, der ihn unter
    den Einfluß der Urszene brachte, hätte er den Fortschritt zur
    genitalen Organisation machen und seinen Masochismus gegen
    den Vater in feminine Einstellung gegen ihn, in Homosexualität,
    verwandeln können. Allein dieser Traum brachte den Fortschritt
    nicht, er ging in Angst aus. Das Verhältnis zum Vater, das von
    dem Sexualziel, von ihm gezüchtigt zu werden, zum nächsten
    Ziel hätte führen sollen, vom Vater koitiert zu werden wie ein
    Weib, wurde durch den Einspruch seiner narzißtischen Männlich-
    keit auf eine noch primitivere Stufe zurückgeworfen und unter
    Verschiebung auf einen Vaterersatz als Angst, vom Wolf gefressen
    zu werden, abgespalten, aber keineswegs auf diese Weise erledigt.
    Vielmehr können wir dem kompliziert erscheinenden Sachverhalt

    1) Besonders von Schlägen auf den Penis. S. 24.

  • S.

    Aus der Geschichte einer irgfantilcn Neurose 69

    nur gerecht werden, wenn wir an der Koexis'tenz der drei auf
    den Vater zielenden Sexualstrebungen festhalten. Er war vom
    Trauma an im Unbewußten homosexuell, in der Neurose auf
    dem Niveau des Kannihalisrnus; herrschend blieb die frühere
    masochistische Einstellung. Alle drei Strömungen hatten passive
    Sexualzlele; es war dasselbe Objekt, die nämliche Sexualregung,
    aber es hatte sich eine Spaltung derselben nach drei verschiedenen
    Niveaus herausgebildet.

    Die Kenntnis der heiligen GeschiChte gab ihm nun die Mög—
    lichkeit, die vorherrschende masochistische Einstellung zum Vater
    zu sublimieren. Er wurde Christus, was ihm durch den gleichen
    Geburtstag besonders erleichtert war. Damit war er etwas Großes
    geworden und auch * worauf vorläufig noch nicht genug Akzent
    fiel * ein Mann. In dem Zweifel, ob Christus einen Hintern
    haben kann, schimniert die verdrängte homosexuelle Einstellung
    durch, denn die Grübelei konnte nichts anderes bedeuten als die
    Frage, ob er vom Vater gebraucht werden könne wie ein Weib,
    wie die Mutter in der Urszene. Wenn wir zur Auflösung der
    anderen Zwangsideen kommen, werden wir diese Deutung be-
    stätigt finden. Der Verdrängung der passiven Homosexualität
    entsprach nun das Bedenken, daß es schimpflich sei, die heilige
    Person mit, solchen Zumutungen in Verbindung zu bringen. Man
    merkt, er bemühte sich, seine neue Sublimierung von dem Zusatz
    freizuhalten, den sie aus den Quellen des Verdrängten bezog.
    Aber es gelang ihm nicht.

    Wir verstehen es noch nicht, warum er sich nun auch gegen
    den passiven Charakter Christi und gegen die Mißhandlung durch
    den Vater sl.räubte‚ und damit auch sein bisheriges masochistisches
    Ideal, selbst in seiner Sublimierung‚ zu verleugnen begann. Wir
    dürfen annehmen, daß dieser zweite Konflikt dem Hervortreteu
    der erniedrigenden Zwangsgedanken aus dem ersten Konflikt
    (zwischen herrschender masochistischer und verdrängtel‘ homo-
    sexueller Strömung) besonders günstig war, denn es ist nur

  • S.

    70 Sigm. Freud

    natürlich, daß sich in einem seelischen Konflikt alle Gegen-
    strebungen, wenn auch aus den verschiedensten Quellen, mit-‘
    einander summieren Das Motiv seines Sträubens und somit der
    an der Religion geübten Kritik werden wir aus neuen Mitteilungen
    kennen lernen.

    Aus den Mitteilungen über die heilige Geschichte hatte auch
    seine Sexualforschung Gewinn gezogen. Bisher hatte er keinen
    Grund zur Annahme gehabt, daß die Kinder nur von der“ Frau
    kommen. Im Gegenteile, die Nanja hatte ihn glauben lassen, er
    sei das Kind des Vaters, die Schwester das der Mutter, und diese
    nähere Beziehung zum Vater war ihm sehr wertvoll gewesen.
    Nun hörte er, daß Maria die Gottesgebärerin hieß. Also kamen
    die Kinder von der Frau und die Angabe der Narnia war nicht
    mehr zu halten. Ferner wurde er durch die Erzählungen irre
    gemacht, wer eigentlich der Vater Christi war. Er war geneigt,
    Josef dafür zu halten, denn er hörte ja, daß sie immer mit-
    sammen gelebt hatten, aber die Nanja sagte: Josef war nur wie
    sein Vater, der eigentliche Vater sei Gott gewesen. Daraus konnte
    er nichts machen. Er verstand nur soviel: wenn man überhaupt
    darüber diskutieren konnte, so war das Verhältnis zwischen Vater
    und Sohn kein so inniges, wie er sich’s immer vorgestellt hatte.

    Der Knabe fühlte gewissermaßen die Gefühlsambivalenz gegen
    den Vater, die in allen Religionen niedergelegt ist, heraus und
    griff seine Religion wegen der Lockerung dieses Vaterverhält-
    nisses an. Natürlich hörte seine Opposition bald auf, ein Zweifel
    an der Wahrheit der Lehre zu sein, und wandte sich dafür
    direkt gegen die Person Gottes. Gott hatte seinen Sohn hart und
    grausam behandelt, aber er war nicht besser gegen die Menschen.
    Er hatte seinen Sohn geopfert und dasselbe von Abraham ge-
    fordert. Er begann Gott zu fürchten.

    Wenn er Christus war, so war der Vater Gott. Aber der Gott,
    den ihm die Religion aufdrängte, war kein richtiger Ersatz für
    den Vater7 den er geliebt hatte, und den er sich nicht wollte

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 71

    rauhen lassen. Die Liebe zu diesem Vater schuf ihm seinen
    kritischen Scharfsinn. Er wehrte sich gegen Gott, um am Vater
    festhalten zu können, verteidigte dabei eigentlich den alten Vater
    gegen den neuen. Er hatte da ein schwieriges Stück der Ab—
    lösung vom Vater zu vollbringen.

    Es war also die alte, in frühester Zeit offenbar gewordene
    Liebe zu seinem Vater, der er die Energie zur Bekämpfung
    Gottes und den Scharfsinn zur Kritik der Religion entnehm.
    Aber anderseits war diese Feindseligkeit gegen den neuen Gott
    auch kein ursprünglicher Akt, sie hatte ein Vorbild in einer
    feindseligen Regung gegen den Vater, die unter dem Einfluß
    des Angsttraumes entstanden war, und war im Grunde nur ein
    Wiederaufleben derselben. Die beiden gegensätzlichen Gefühls-
    regungen, die sein ganzes späteres Leben regieren sollten, trafen
    sich hier zum Ambivalenzkampfe beim Thema der Religion.
    Was sich aus diesem Kampfe als Symptom ergab, die blas-
    phemischen Ideen, der Zwang, der ihn überfiel, Gott—Dreck,
    Gott—Schwein zu denken, war darum auch ein richtiges Kom'
    promißergebnis, wie die Analyse dieser Ideen im Zusammenhange
    der Analerotik uns zeigen wird.

    Einige andere Zwangssymptome von minder typischer Art
    führen ebenso sicher auf den Vater, lassen aber auch den Zu—
    sammenhang der Zwangsneurose mit den friiheren Zufällen
    erkennen.

    Zu dem Frömmigkeitszeremoniell, mit dem er am Ende seine
    Gotteslästerungen sühnte, gehörte auch das Gebot, unter gewissen
    Bedingungen in feierlicher Weise zu atmen. Beim Kreuzeschlagen
    mußte er jedesmal tief einatrnen oder stark aushauchen. Hauch
    ist in seiner Sprache gleich Geist. Das war also die Rolle des
    Heiligen Geistes. Er mußte den Heiligen Geist einatmen oder
    die bösen Geister, von denen er gehört und gelesen hatte,‘ aus-

    ;) Dies Symptom hatte sich, wie wir hören werden. mit dem sechsten Jahr, 311
    er lesen konnte, entwickelt.

  • S.

    7 9 Sigm. Freud

    atmen. Diesen bösen Geistern schrieb er auch die blasphemiscllen
    Gedanken zu, für die er sich soviel Buße auferlegen mußte. Er
    war aber genötigt auszubauchen, wenn er Bettler, Krüppel, häß-
    liche, alte7 erbarmenswerte Leute sah, und diesen Zwang ver—
    stand er nicht, mit den Geistern zusammenzubringen. Er gab
    sich selbst nur die Rechenschaft, er tue es7 um nicht zu werden
    wie diese.

    Dann brachte die Analyse im Anschluß an einen Traum die
    Aufklärung, daß das Ausatmen beim Anblick der bedauernswerten
    Personen erst nach dem sechsten Jahre begonnen hatte und an
    den Vater anschlol3. Er hatte den Vater lange Monate nicht ge—
    sehen, als die Mutter einmal sagte, sie würde mit den Kindern
    in die Stadt fahren und ihnen etwas zeigen, was sie sehr er—
    freuen würde. Sie brachte sie dann in ein Sanatorium, in dem
    sie den Vater wiedersahen; er sah schlecht aus und tat dem
    Sohne sehr leid. Der Vater war also auch das Urbild all der
    Krüppel, Bettler und Armen, vor denen er ausatmen mußte, wie
    er sonst das Urbild der Fratzen ist, die man in Angstzuständen
    sieht, und der Karikaturen, die man zum Hohne zeichnet. Wir
    werden noch an anderer Stelle erfahren, daß diese Mitleidsein-
    stellung auf ein besonderes Detail der Urszene zurückgeht,
    welches so spät in der Zwangsneurose zur Wirkung kam.

    Der Vorsatz, nicht zu werden wie diese, der sein Ausatmen
    vor den Krüppeln motivierte, war also die alte Vateridentifi-
    zierung, ins Negativ gewandelt. Doch kopierte er dabei den Vater
    auch im positiven Sinne, denn das starke Atmen war eine Nach—
    ahmung des Geräusches, das er beim Koitus vom Vater aus—
    gehend gehört hatte.1 Der Heilige Geist dankte seinen Ursprung
    diesem Zeichen der sinnlichen Erregung des Mannes. Durch die
    Verdrängung wurde dies Atmen zum bösen Geist, für den noch
    eine andere Genealogie bestand, die Malaria nämlich, an der er
    zur Zeit der Urszene gelitten hatte.

    !) Die reale Natur der Urszene vorausgesetzt!

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilen Neurase 75

    Die Ablehnung dieser bösen Geister entsprach einem unver-
    keunbar asketischen Zug, der sich noch in anderen Reaktionen
    äußerte. Als er hörte, daß Christus einmal böse Geister in Säue
    gebannt hatte, die dann in einen Abgrund stürzten, dachte er
    daran, daß die Schwester in ihren ersten Kinderjahren vor seiner
    Erinnerung vom Klippenweg des Hafens an den Strand herab-
    gerollt war. Sie war auch so ein böser Geist und eine Sau; von
    hier führte ein kurzer Weg zu Gott—Schwein. Der Vater selbst
    hatte sich als ebenso von Sinnlichkeit beherrscht erwiesen. Als
    er die Geschichte der ersten Menschen erfuhr, fiel ihm die Ähn-
    lichkeit seines Schicksals mit dem Adams auf. Er wunderte sich
    heuchlerischerweise im Gespräch mit der Nanja, daß Adam sich
    durch ein Weib hatte ins Unglück stürzen lassen, und versprach
    der Nanja, er werde nie heiraten. Eine Verfeindung mit dem
    VVeibe wegen der Verführung durch die Schwester schaffte sich
    um diese Zeit starken Ausdruck. Sie sollte ihn in seinem späteren
    Liebesleben noch oft genug stören. Die Schwester wurde ihm
    zur dauernden Verkörperung der Versuchung und der Sünde.
    Wenn er gebeichtet hatte, kam er sich rein und sündenfrei vor.
    Dann schien es ihm aber, als ob die Schwester darauf lauerte,
    ihn wieder in Sünde zu stürzen, und ehe er sich’s versah, hatte
    er eine Streitszene mit der Schwester provoziert, durch die er
    wieder süudig wurde. So war er genötigt, die Tatsache der Ver-
    führung immer wieder von Neuem zu reproduzieren. Seine blas-
    phemischen Gedanken hatte er übrigens, so sehr sie ihn drückten,
    niemals in der Beiehte preisgegeben.

    Wir sind unversehens in die Symptomatik der späteren Jahre
    der Zwangsneurose geraten und wollen darum mit Hinwegsetzung
    über soviel, was dazwischen liegt, über ihren Ausgang berichten.
    Wir wissen schon, daß sie, von ihrem permanenten Bestand ab-
    gesehen, zeitweise Verstärkungen erfuhr, das eine Mal, was uns
    noch nicht durchsichtig sein kann, als ein Knabe in derselben
    Straße starb, mit dem er sich identifizieren konnte. Als er zehn

  • S.

    74 Sigm. Freud

    Jahre alt war, bekam er einen deutschen Hofmeister, der sehr
    bald großen Einfluß auf ihn gewann. Es ist sehr lehrreich, daß
    seine ganze schwere Frömmigkeit dahinschwand, um nie wieder
    aufzuleben‚ nachdem er gemerkt und in belehrenden Gesprächen
    mit dem Lehrer erfahren hatte, daß dieser Vaterersatz keinen
    Wert auf Frömmigkeit legte und nichts von der Wahrheit der
    Religion hielt. Die Frömmigkeit fiel mit der Abhängigkeit vom
    Vater, der nun von einem neuen, umgänglicheren Vater abgelöst
    wurde. Dies geschah allerdings nicht ohne ein letztes Aufflackern
    der Zwangsneurose, von dem der Zwang besonders erinnert
    wurde, an die Heilige Dreieinigkeit zu denken, so oft er auf der
    Straße drei Häufchen Kot beisammeniiegen sah. Er gab eben nie
    einer Anregung nach, ohne noch einen Versuch zu machen, das
    Entwertete festzuhalten. Als der Lehrer ihm von den Grausam-
    keiten gegen die kleinen Tiere abredete, machte er auch diesen
    Untaten ein Ende, aber nicht, ohne sich vorher noch einmal im
    Zerschneiden von Raupen gründlich genug getan zu haben. Er
    benahm sich noch in der analytischen Behandlung ebenso, indem
    er eine passagere „negative Reaktion“ entwickelte; nach jeder
    einschneidenden Lösung versuchte er für eine kurze Weile, deren
    Wirkung durch eine Verschlechterung des gelösten Symptom
    zu negieren. Man weiß, daß Kinder sich ganz allgemein ähn-
    lich gegen Verbote benehmen. Wenn man sie angefahren hat,
    weil sie z. B. ein unleidliches Geräusch produzieren, so wieder—
    holen sie es nach dem Verbot noch einmal, ehe sie damit auf+
    hören. Sie haben dabei erreicht, daß sie anscheinend freiwillig
    aufgehört und dem Verbot getrotzt haben.

    Unter dem Einfluß des deutschen Lehrers entstand eine neue
    und bessere Sublimierung seines Sadismus, der entsprechend der
    nahen Pubertät damals die Oberhand über den Masochismus ge-
    wonnen hatte. Er begann fürs Soldatenwesen zu schwärmen, für;
    Uniformen, Waffen und Pferde, und nährte damit kontinuier-
    liche Tagträume. So war er unter dem Einfluß eines Mannes

  • S.

    Aus der“ Geschichte einer infanlilen Neurase 75

    von seinen passiven Einstellungen losgekommen und befand sich
    zunächst in ziemlich normalen Bahnen. Eine Nachwirkung der
    Anhänglichkeit an den Lehrer, der ihn bald darauf verließ, war
    es, daß er in seinem späteren Leben das deutsche Element
    (Ärzte, Anstalten, Frauen) gegen das heimische (Vertretung des
    Vaters) bevorzugte, woraus noch die Übertragung in der Kur
    großen Vorteil zog.

    In die Zeit vor der Befreiung durch den Lehrer fällt noch
    ein Traum, den ich erwähne, weil er bis zu seiner Gelegenheit
    in der Kur vergessen war. Er sah sich auf einem Pferd reitend
    von einer riesigen Raupe verfolgt. Er erkannte in dem Traum
    eine Anspielung auf einen früheren aus der Zeit vor dem Lehrer.
    den wir längst gedeutet hatten. In diesem früheren Traum sah
    er den Teufel im schwarzen Gewand und in der aufrechten
    Stellung, die ihn seinerzeit am Wolf und am Löwen so sehr
    erschreckt hatte. Mit dem ausgestreckten Finger wies er auf eine
    riesige Schnecke hin. Er hatte bald erraten, daß dieser Teufel
    der Dämon aus einer bekannten Dichtung, der Traum selbst die
    Umarbeitung eines sehr verbreiteten Bildes sei, das den Dämon
    in einer Liebesszene mit einem Mädchen darstellte. Die Schnecke
    war an der Stelle des Weibes als exquisit weibliches Sexual-i
    symbol. Durch die zeigende Gebärde des Dämons geleitet, konnten
    wir bald als den Sinn des Traumes angeben, daß er sich nach
    jemand sehne, der ihm die letzten noch fehlenden Belehrungen
    über die Rätsel des 'Geschlechtsverkehrs geben sollte, wie seiner—
    zeit der Vater in der Urszene die ersten.

    Zu dem späteren Traum, in dem das weibliche Symbol durch
    das männliche ersetzt war, erinnerte er ein bestimmtes Erlebnis
    kurz vorher. Er ritt eines Tages auf dem Landgut an einem
    schlafenden Bauern vorüber, neben dem sein Junge lag. Dieser
    weckte den Vater und sagte ihm etwas, worauf der Vater den
    Reitenden zu beschimpfen und zu verfolgen begann, so daß
    er sich rasch auf seinem Pferd entfernte. Dazu die zweite

  • S.

    76 Sign:. Freud

    Erinnerung, daß es auf demselben Gut Bäume gab, die ganz weiß,
    ganz von Raupen umsponnen waren. Wir verstehen, daß er
    auch vor der Realisierung der Phantasie die Flucht ergriff, daß
    der Sohn beim Vater schlafe, und daß er die weißen Bäume
    heranzog, um eine Anspielung an den Angsttraum von den weißen
    Wölfen auf dem Nußbaum herzustellen. Es war also ein direkter Aus—
    bruch der Angst vor jener femininen Einstellung zum Mann, gegen
    die er sich zuerst durch die religiöse Sublimiemng geschützt hatte
    und bald durch die militärische noch wirksamer schützen sollte.

    Es wäre aber ein großer Irrtum anzunehmen, daß nach der
    Aufhebung der Zwangssymptome keine permanenten Wirkungen
    der Zwangsneurose übrig geblieben wären. Der Prozeß hatte zu
    einem Sieg des frommen Glaubens über die kritisch forschende
    Auflehnung geführt und hatte die Verdrängung der homosexuellen
    Einstellung zur Voraussetzung gehabt. Aus beiden Faktoren er-
    gaben sich dauernde Nachteile. Die intellektuelle Betätigung blieb
    seit dieser ersten großen Niederlage schwer geschädigt. Es ent—
    wickelte sich kein Lerneifer, es zeigte sich nichts mehr von dem
    Scharfsinn, der seinerzeit im zarten Alter von fünf Jahren die
    Lehren der Religion kritisch zersetzt hatte. Die während jenes
    Angsttraumes erfolgte Verdrängung der überstarken Homosexualität
    reservierte diese bedeutungsvolle Reg-ung für das Unbewußte,
    erhielt sie so bei der ursprünglichen Zieleinstellung und entzog
    sie all den Sublimierungen, zu denen sie sich sonst bietet. Es
    fehlten dem Patienten darum alle die sozialen Interessen, welche
    dem Leben Inhalt geben. Erst als in der analytischen Kur die
    Lösung dieser Fesselung der Homosexualität gelang, konnte sich
    der Sachverhalt zum Besseren wenden, und es war sehr merk—
    würdig mitzuerleben, wie — ohne direkte Mahnung des Arztes —
    jedes befreite Stück der homosexuellen Libido eine Anwendung
    im Leben und eine Anheftung an die großen gemeinsamen
    Geschäfte der Menschheit suchte.