S.
_ VIII
NACHTRÄGE AUS DER URZEIT — LÖSUNGIn vielen Analysen geht es so zu7 daß, wenn man sich dem
Ende nähert, Plötzlich neues Erinnerungsmaterial auftaucht, welches
bisher sorgfältig verborgen gehalten wurde. Oder es wird einmal
eine unscheinbare Bemerkung hingeworfen, in gleichgültigem Ton,
als wäre es etwas Überi’lüssiges7 zu dieser kommt ein andermal
etwas hinzu, was den Arzt bereits aufhorchen läßt, und endlich
erkennt man in jenem geringgeschätzten Brocken Erinnerung
den Schlüssel zu den wichtigsten Geheimnissen, welche die Neu-
rose des Kranken umkleideteFrühzeitig hatte mein Patient eine Erinnerung aus der Zeit
erzählt, da seine Schlimmheit in Angst umzuschlagen pflegte. Er
verfolgte einen schönen großen Schmetterling mit gelben Streifen,
dessen große Flügel in spitze Fortsätze ausliefen, — also einen
Schwalbenschwanz. Plötzlich erfaßte ihn, als der Schmetterling
sich auf eine Blume gesetzt hatte, eine schreckliche Angst vor
dem Tier und er lief schreiend davon.Diese Erinnerung kehrte von Zeit zu Zeit in der Analyse
wieder und forderte ihre Erklärung, die sie lange nicht erhielt.
Es war doch von vornherein anzunehmen, daß ein solches Detail
nicht seinetwegen selbst einen Platz im Gedächtnis behalten hatte,
sondern als Deckerinnerung Wichtigeres vertrat, womit es irgend-
wie verknüpft war. Er sagte eines Tages, ein Schmetterling“ heiße
in seiner Sprache: Babuschka, altes Mütterchen; überhaupt seienS.
Aus der Geschichte einer infanzüen Neurone 97
ihm die Schmetterlinge wie Frauen und Mädchen, die Käfer und
Raupen wie Knaben erschienen. Also mußte wohl die Erinnerung
an ein weibliches Wesen bei jener Angstszene wach geworden
sein. Ich will nicht verschweigen, daß ich damals die Möglich.
keit vorschlug, die gelben Streifen des Schmetterlings hätten an
die ähnliche Streifung eines Kleidungsstückes, das eine Frau trug,
gemahnt. Ich tue das nur, um an einem Beispiel zu zeigen, wie
unzureichend in der Regel die Kombination des Arztes zur Lösung
der aufgeworfenen Fragen ist, wie sehr man Unrecht tut, die
Phantasie und die Suggestion des Arztes für die Ergebnisse der
Analyse verantwortlich zu machen.In einem ganz anderen Zusammenhange, viele Monate später,
machte dann der Patient die Bemerkung, das Öffnen und Schließen
der Flügel, als der Schmetterling saß, hätte den unheimlichen
Eindruck auf ihn gemacht. Dies wäre so gewesen, wie wenn
eine Frau die Beine öffnet, und die Beine ergäben dann die
Figur einer römischen V, bekanntlich die Stunde, um welche
schon in seinen Knabenjahren, aber auch jetzt noch, eine Ver—
düsterung seiner Stimmung einzutreten pflegte.Das war ein Einfall, auf den ich nie gekommen wäre, dessen
Schätzung aber durch die Erwägung gewann, daß der darin bloß—
gelegte Assoziationsvorgang so recht infantilen Charakter hatte.
Die Aufmerksamkeit der Kinder, habe ich oft bemerkt7 wird
durch Bewegungen weit mehr angezogen als durch ruhende
Formen, und sie stellen oft Assoziationen auf Grund von ähn—
licher Bewegung her, die von uns Erwachsenen vernachlässigt
oder unterlassen werden.Dann ruhte das kleine Problem wieder für lange Zeit. Ich
will noch die wohlfeile Vermutung erwähnen, daß die spitzen
oder stangenartigen Fortsätze der Schmetterlingsflügel eine Be—
deutung als Genitalsymbolé gehabt haben könnten.Eines Tages tauchte schüchtern und undeutlich eine Art von
Erinnemng auf, es müßte sehr frühe, noch vor der Kinderfrau,Freud, Infamilc Neu,-m -
S.
9 8 Sigm. Freud
ein Kindermädchen gegeben haben, das ihn sehr lieb hatte. Sie
hatte denselben Namen wie die Mutter. Gewiß erwiderte er ihre
Zärtlichkeit. Also eine verschollene erste Liebe. Wir einigten uns
aber, irgend etwas müßte da vorgefallen sein, was später von
Wichtigkeit wurde.Dann korrigierte er ein anderes Mal seine Erinnerung. Sie
könne nicht so geheißen haben wie die Mutter, das war ein
Irrtum von ihm, der natürlich bewies, daß sie ihm in der
Erinnerung mit der Mutter zusammengeflossen war. Ihr richtiger
Name sei ihm auch auf einem Umwege eingefallen. Er habe
plötzlich an einen Lagerraum auf dem ersten Gute denken
müssen, in dem das abgenommene Obst aufbewahrt wurde, und
an eine gewisse Sorte Birnen von ausgezeichnetem Geschmack,
große Birnen mit gelben Streifen auf ihrer Schale. Birne heißt
in seiner Sprache Gruscha, und dies war auch der Name des
Kindermädchens.Also wurde es klar, daß sich hinter der Deckerinnerung des
gejagten Schmetterlings das Gedächtnis des Kindermädchens ver—
barg. Die gelben Streifen saßen aber nicht auf ihrem Kleid,
sondern auf dem der Birne, die so hieß wie sie selbst. Aber
woher die Angst bei der Aktivierung der Erinnerung an sie?
Die nächste plumpe Kombination hätte lauten können, bei diesem
Mädchen habe er als kleines Kind zuerst die Bewegungen der
Beine gesehen, die er sich mit dem Zeichen der römischen V
fixiert hatte, Bewegungen, die das Genitale zugänglich machen.Wir ersparten uns diese Kombination und warteten auf weiteres
‘Nlaterial.
Sehr bald kam nun die Erinnerung an eine Szene, unvoll-
ständig, aber soweit sie erhalten war, bestimmt. Gruscha lag auf
dem Boden, neben ihr ein Kübel und ein aus Ruten gebundener
kurzer Besen, er war dabei und sie neckte ihn oder machte ihn aus.Was daran fehlte, war von anderen Stellen her leicht einzu—
setzen. Er hatte in den ersten Monaten der Kur von einer zwang—S.
Aus der Geschichte einer infantilen Neurore 99
haft aufgetretenen Verliebtheit in ein Bailernmädcheri erzählt,
bei der er sich mit 18 Jahren den Anlaß zu seiner späteren
Erkrankung geholt hatte. Damals hatte er sich in der aufl“älligsten
Weise gesträubt, den Namen des Mädchens mitzuteilen. Es war
ein ganz vereinzelter Widerstand, er war der analytischen Grund—
regel sonst ohne Rückhalt gehorsam. Aber er behauptete, er
müsse sich so sehr schämen, diesen Namen auszusprechen, weil
er rein bäuerlich sei; ein vornehmeres Mädchen würde ihn nie
tragen. Der Name, den man endlich erfuhr, war Matrona. Er
hatte mütterlichen Klang. Das Schämen war offenbar deplaciert.
Der Tatsache selbst, daß diese Verliebtheiten ausschließlich die
niedrigsten Mädchen betrafen, schämte er sich nicht, nur des
Namens. Wenn das Abenteuer mit der Matrona etwas Gemein-
sames mit der Gruschaszene haben konnte, dann war das Schämen
in diese frühe Begebenheit zurückzuversetzen.Er hatte ein anderes Mal erzählt, als er die Geschichte von
Johannes Huß erfuhr, wurde er von ihr sehr ergriffen, und
seine Aufmerksamkeit blieb an den Bündeln von Reisig hängen,
die man zu seinem Scheiterhaufen schleppte. Die Sympathie für
Huß erweckt nun einen ganz bestimmten Verdacht; ich habe
sie bei jugendlichen Patienten oft gefunden und immer auf die-
selbe Weise aufklären können. Einer derselben hatte sogar
eine dramatische Bearbeitung der Schicksale des Huß geliefert;
er begann sein Drama an dem Tage zu schreiben, der ihm
das Objekt seiner geheim gehaltenen Verliebtheit entzog. Haß
stirbt den Feuertod, er wird wie andere, welche die gleiche
Bedingung erfüllen, der Held der ehemaligen Enuretiker. Die
Reisigbündel beim Scheiterhaufen des Huß stellte mein Patient.
selbst mit dem Besen (Rutenbündel) des Kindermädchens zu—
sammen.Dieses Material fügte sich zwanglos zusammen, um die Lücke
in der Erinnerung der Szene mit der Gruscha auszufüllen. Er
hatte, als er dem Mädchen beim Aufwaschen des Bodens zusah,S.
100 Sigm. Freud
ins Zimmer uriniert und sie darauf eine gewiß schenhafte
Kastrationsdrohung ausgesprochen. 'Ich weiß nicht, ob die Leser schon erraten können, warum
ich diese frühirifantile Episode so ausführlich mitgeteilt habe.2
Sie stellt eine wichtige Verbindung her zwischen der Urszene
und dem späteren Liebeszwang, der“ so entscheidend für sein
Schicksal geworden ist und führt überdies eine Liebesbedingung
ein, welche diesen Zwang aufklärt.Als er das Mädchen auf dem Boden liegen sah, mit. dem Auf—
waschen desselben beschäftigt, l<niend7 die Nates vorgestreckt,
den Rücken horizontal gehalten, fand er an ihr die Stellung
wieder, welche die Mutter in der Koitusszene eingenommen
hatte. Sie wurde ihm zur Mutter, die sexuelle Erregung infolge
der Aktivierung jenes Bildes5 ergriff ihn, und er benahm sich
männlich gegen sie wie der Vater, dessen Aktion er damals ja
nur als ein Urinieren verstanden haben konnte. Sein auf den
Boden Urinieren war eigentlich ein Verführungsversuch und das
Mädchen antwortete darauf mit einer Kastrationsdrohung, als ob
sie. ihn verstanden hätte. ’Der von der Urszene ausgehende Zwang übertrug sich auf
diese Szene mit der Gruscha und wirkte durch sie fort. Die
Liebesbedingung erfuhr aber eine Abänderung‚’welche den Ein-
fluß der zweiten Szene bezeugt; sie übertrug sich von der Position
des Weibes auf dessen Tätigkeit in solcher Position. Dies wurde
z, B. in dem Erlebnis mit der Matrona evident. Er machte einen1) Es ist sehr merkwürdig, daß die Reaktion der Beschämung so innig mit der
unfreiwilligen (täglichen wie nächtlichen) Harnentleernng verbunden ist und nicht,
wie man erwarten sollte. ebenso mit der Stuhlinkontinenz. Die Erfahrung läßt
hien'iber gar keinen Zweifel bestehen. Auch die regelmäßige Beziehung der Ham-
inkontinenz zum Feuer gibt zu denken. Es ist möglich, daß in diesen Reaktionen
und Zusammenhängen Niederschläge aus der Kulturgeschichte der Menschheit vor-
liegen, die tiefer hinab reichen als alles. was uns durch seine Spuren im Mythns und
im Folklore erhalten ist.a) Sie fällt etwa in die Zeit um 2 1/2 Jahre, zwischen der angeblichen Koitusheob—
achtung und der Verführung.5) Vor dem Traumef
S.
Aus der Geschichte einer infantilen Neurose lol
Spaziergang durch das Dorf, welches zu dem (späteren) Gut ge—
hörte, und sah am Rand des Teiches ein kniendes Bauernmädchen,
damit beschäftigt, Wäsche im Teich zu waschen. Er verliebte
sich in die Wäscherin augenblicklich und mit unwiderstehlicher
Heftigkeit, obwohl er ihr Gesicht noch gar nicht sehen konnte.
Sie war ihm durch Lage und Tätigkeit an die Stelle der Gruscha
getreten. Wir verstehen nun, wie sich das Schämen, das dem
Inhalt der Szene mit der Gruscha galt, an den Namen der
Matrona knüpfen konnte. 'Den zwingenden Einfluß der Gruschaszene zeigt noch deut-
licher ein anderer Anfall von Verliebtheit, einige Jahre vorher.
Ein junges Bauernmädchen, das im Hause Dienste leistete, hatte
ihm schon lange gefallen, aber er hatte es über sich vermocht,
sich ihr nicht zu nähern. Eines Tages packte ihn die Verliebt—
heit, als er sie allein im Zimmer traf. Er fand sie auf dem
Boden liegend, mit Aufwaschen beschäftigt, Kübel und Besen
neben sich, also ganz wie das Mädchen in seiner Kindheit.Selbst seine definitive Objektwahl, die für sein Leben so bee
deutungsvoll wurde, erweist sich durch ihre näheren Umstände,
die hier nicht anzuführen sind, als abhängig von der gleichen
Liebesbedingung, als ein Ausläufer des Zwanges, der von der
Urszene aus über die Szene mit Gruscha seine Liebeswahl be-
herrschte. Ich habe an früherer Stelle bemerkt, daß ich das
Bestreben zur Erniedrigung des Liebesobjekts bei dem Patienten
wohl anerkenne. Es ist auf Reaktion gegen den Druck der ihm
überlegenen Schwester zurückzuführen. Aber ich versprach damals
zu zeigen, daß dies Motiv (S. 90) selbstherrlicher Natur nicht
das einzig bestimmende gewesen ist, sondern eine tiefere Deter-
miniernng durch rein erotische Motive verdeckt. Die Erinnerung
an das den Boden aufwaschende, allerdings in seiner Position
erniedrigte, Kindermädchen brachte diese Motivierung zum Vor—
schein. Alle späteren Liebesobjekte waren Ersatzpersonen dieser
einen, die selbst durch den Zufall der Situation zum erstenS.
102 Sign:. Freud
Mutterersatz geworden war. Der erste Einfall des Patienten zum
Problem der Angst vor dem Schmetterling läßt sich nachträglich
leicht a]sfernliegende Anspielung an die Urszene erkennen (die
fünfte Stunde). Die Beziehung der Gruschaszene zur Kastrations—
drohung bestätigte er durch einen besonders sinnreichen Traum,
den er auch selbst zu übersetzen verstand. Er sagte: Ich habe
geträumt, ein Mann reißt einer Espe die Flügel aus. Espe?
mußte ich fragen, was meinen Sie damit? — Nun, das Insekt
mit den gelben Streifen am Leib, das stechen kann. Es muß
eine Anspielung an die Gruscha, die gelbgestreifte Birne, sein. —
PVespe, rheinen Sie also, konnte ich korrigieren. —— Heißt es
\Vespe? Ich habe wirklich geglaubt, es heißt Espe. (Er bediente
sich wie so viele andere seiner Fremdsprachigkeit zur Deckung
von Symptumhandlungen.) Aber Espe, das bin ja ich, S. P. (die
Initialen seines Namens). Die Espe ist natürlich eine verstümmelte
VVespe. Der Traum sagt klar, er räche sich an der Gruscha für
ihre Kastrationsandrohung.Die Aktion des 2“/,jähxigen in der Szene mit Gruscha ist die
erste uns bekanntgewordene Wirkung der Urszene, sie stellt ihn
als Kopie des Vaters der und läßt uns eine Entwicklungstendenz
in der Richtung erkennen, die später den Namen der männlichen
verdienen wird. Durch die Verführung wird er in eine Passivität
gedrängt, die allerdings auch schon durch sein Benehmen als
Zuschauer beim elterlichen Verkehr vorbereitet ist.Ich muß aus der Behandlungsgeschichte noch hervorheben,
daß man den Eindruck empfing, mit der Bewältigung der
Gruschaszene, des ersten Erlebnisses, das er wirklich erinnern
konnte und ohne mein Vermuten und Dazutun erinnerte, sei
die Aufgabe der Kur gelöst gewesen. Es gab von da an keine
Widerstände mehr, man brauchte nur noch zu sammeln und
zusammenzusetzen. Die alte Trauma‘theorie, die ja auf Eindrücke
aus der psychoanalytischen Therapie aufgebaut war, kam mit
einem Male wieder zur Geltung. Aus kritischem Interesse machteS.
Aus der Geschichte einer infantilen Neurase 105
ich noch einmal den Versuch, dem Patienten eine andere Auf—
fassung seiner Geschichte aufzudrängen, die dem nüchternen
Verstand willkommener wäre. An der Szene mit Gruscha sei ja
nicht zu zweifeln, aber sie bedeute an und für sich nichts und
sei hinterher verstärkt werden durch Regression von den Ereig—
nissen seiner Objektwahl, die sich infolge der Erniedrigungstendenz
von der Schwester weg auf die Dienstmädchen geworfen hätte.
Die Koitusbeobachtung aber sei eine Phantasie seiner späteren
Jahre, deren historischer Kern die Beobachtung oder das Erlebnis
etwa eines harmlosen Lavements gewesen sein könnte. Vielleicht
meinen manche Leser, erst mit diesen Annahmen hätte ich mich
dem Verständnis des Falles genähert; der Patient sah mich ver-
ständnislos und etwas verächtlich an, als ich ihm diese Auffassung
vortrug, und reagierte niemals wieder auf dieselbe. Meine eigenen
Argumente gegen solche Rationalisierung habe ich oben im Zu-
sammenhange entwickelt.[Die Gruschaszene enthält aber nicht nur die für das Leben
des Patienten entscheidenden Bedingungen der Objektwahl und
behütet uns so vor dem Irrtum, die Bedeutung der Erniedrigungs- '
tendenz gegen das Weib zu überschätzen. Sie vermag mich auch
zu rechtfertigen, wenn ich es vorhin abgelehnt habe, die Zurück—
führung der Urszene auf eine kurz vor dem Traum angestellte
Tierbeobachtung ohne jedes Bedenken als die einzig mögliche
Lösung zu vertreten (S. 24). Sie war in der Erinnerung des
Patienten spontan und ohne mein Dazutun aufgetaucht. Die auf
sie zurückgehende Angst vor dem gelbgestreiften Schmetterling
bewies, daß sie einen bedeutungsvollen Inhalt gehabt hatte, oder
daß es möglich geworden war, ihrem Inhalt nachträglich solche
Bedeutung zu verleihen. Dies Bedeutungsvolle, was in der Er—
innerung fehlte, war durch die sie begleitenden Einfälle und die
daran zu knüpfenden Schlüsse mit Sicherheit zu ergänzen Es
ergab sich dann, daß die Schmetterlingsangst durchaus analog
war der Wolfsangst, in beiden Fällen Angst vor der Kastration,S.
i o 4 Sigm. Freud
zunächst bezogen auf die Person, welche die Kastrationsdrohung
zuerst ausgesprochen hatte, sodann auf die andere verlegt, an der
sie nach dem phylogenetischen Vorbild Anheftung finden mußte.
Die Szene mit Gruscha war mit 2‘/n Jahren vorgefallen, das
Angsterlebnis mit dem gelben Schmetterling aber sicherlich
nach dem Angsttraum. Es ließ sich leicht verstehen, daß das
spätere Verständnis für die Möglichkeit der Kastration nachträglich
aus der Szene mit Gruscha die Angst entwickelt hatte; aber diese
Szene selbst enthielt nichts Anstößiges oder Unwahrscheinliches,
vielmehr durchaus banale Einzelheiten, an denen zu zweifeln man
keinen Grund hatte. Nichts forderte dazu auf, sie auf eine Phantasie
des Kindes zurückzuführen; es erscheint auch kaum möglich.Es entsteht nun die Frage, sind wir berechtigt, in dem Urinieren
des stehenden Knaben, während das auf den Knien liegende
Mädchen den Boden aufwäscht7 einen Beweis seiner sexuellen Er—
regtheit zu sehen? Dann würde diese Erregung den Einfluß eines
früheren Eindrucks bezeugen, der ebensowohl die Tatsächlichkeit
der Urszene, wie eine vor 2‘/2 Jahren gemachte Beobachtung an
Tieren sein könnte. Oder war jene Situation durchaus harmlos,
die Harnentleerung des Kindes eine rein zufällige, und die ganze
Szene wurde erst später in der Erinnerung sexualisiert, nachdem
ähnliche Situationen als bedeutungsvoll erkannt worden waren?Hier getraue ich mich nun zu keiner Entscheidung. Ich muß
sagen, ich rechne es der Psychoanalyse bereits hoch an, daß
sie zu solchen Fragestellungen gekommen ist. Aber ich kann es
nicht verleugnen, daß die Szene mit Gruscha, die Rolle, die
ihr in der Analyse zufiel, und die Wirkungen, die im Leben
von ihr ausgingen, sich doch am ungezwungensten und voll—
ständigsten erklären, wenn man die Umzene, die andere Male
eine Phantasie sein mag, hier als Realität gelten läßt. Sie be—
hauptet im Grunde nichts Unmögliches; die Annahme ihrer Realität
verträgt sich auch ganz mit dem anregenden Einfluß der Tierbeobach—
tungen, auf welche die Schäferhunde des Traumbildes hindeuten.S.
Aus der Geschichte einer infantilen Neun»: 105
Von diesem unbefriedigenden Abschluß wende ich mich zur Be-
handlung der Frage, die ich in den „Vorlesungen zur Einführung
in die Psychoanalyse“ versucht habe. Ich möchte selbst gerne
wissen, ob die Urszene bei meinem Patienten Phantasie foder
reales Erlebnis war, aber mit Rücksicht auf andere ähnliche
Fälle muß man sagen, es sei eigentlich nicht sehr wichtig, dies
zu entscheiden. Die Szenen von Beobachtung des elterlichen
Sexualverkehrs, von Verführung in der Kindheit und von Ka—
strationsandrohung sind unzweifelhafter ererbter Besitz, phylo—
genetische Erbschaft, aber sie können ebensowohl Erwerb persön—
lichen Erlebens sein. Bei meinem Patienten war die Verführung
durch die ältere Schwester eine unbestreitbare Realität; warum
nicht auch die Beobachtung des elterlichen Koitus?Wir sehen nur in der Urgeschichte der Neurose, daß das Kind
zu diesem phylogenetischen Erleben greift, wo sein eigenes Er—
leben nicht ausreicht. Es füllt die Lücken der individuellen
Wahrheit mit prähistorischer Wahrheit aus, setzt die Erfahrung
der Vorahnen an die Stelle der eigenen Erfahrung ein. In der
Anerkennung dieser phylogenetischen Erbschaft stimme ich mit
Jung (Die Psychologie der unbewußten Prozesse, 1917, eine
Schrift, die meine „Vorlesungen“ nicht mehr beeinflussen konnte)
völlig zusammen; aber ich halte es für methodisch unrichtig, zur
Erklärung aus der Phylogenese zu greifen, ehe man die Möglich—
keiten der Ontogenese erschöpft hat; ich sehe nicht ein, warum man
der kindheitlichen Vorzeit hartnäckig eine Bedeutung bestreiten will,
die man der Ahnenvorzeit bereitwillig zugesteht; ich kann nicht
verkennen, daß die phylogenetischen Motive und Produktionen
selbst der Aufklärung bedürftig sind, die ihnen in einer ganzen
Reihe von Fällen aus der individuellen Kindheit zu teil werden
kann, und zum Schlusse verwundere ich mich nicht darüber, wenn
die Erhaltung der nämlichen Bedingungen beim einzelnen orga-
nisch wiedererstehen läßt, was diese einst in Vorzeiten geschaffen
und als Disposition zum Wiedererwerb vererbt haben.]S.
1 0 6 Sigm. Freud
In die Zwischenzeit zwischen Urszene und Verführung
(i‘/z—5‘/4 Jahre) ist noch der stumme VVasserträger einzu—
schieben, der für ihn Vaterersatz war wie die Gruscha Mutter—
ersatz. Ich glaube, es ist unberechtigt, hier von einer Erniedrigung‘s-
tendenz zu reden, wiewohl sich beide Eltern durch dienende
Personen vertreten finden. Das Kind setzt sich über die sozialen
Unterschiede hinweg, die ihm noch wenig bedeuten, und reiht
auch geringere Leute an die Eltern an, wenn sie ihm ähnlich
wie die Eltern Liebe entgegenbringen. Ebensowenig Bedeutung
hat diese Tendenz für die Ersetzung der Eltern durch Tiere,
deren Geringschätzung dem Kinde ganz ferne liegt. Ohne Rück-
sicht auf solche Erniedrigung werden Onkel und Tanten zum
Elternersatz herangezogen, wie auch für unseren Patienten durch
mehrfache Erinnerungen bezeugt ist.In dieselbe Zeit gehört noch eine dunkle Kunde von einer
Phase, in der er nichts essen wollte außer Süßigkeiten, so daß
man Sorge für sein Fortkommen hatte. Man erzählte ihm von
einem Onkel, der ebenso das Essen verweigert hatte und dann
jung an der Auszehrung starb. Er hörte auch, daß er im Alter
von drei Monaten so schwer krank gewesen war (an einer
Lungenentzündung?), daß man schon das Totenhernd für ihn
bereit gemacht hatte. Es gelang, ihn ängstlich zu machen, so daß
er wieder aß; in späteren Kindheitsiahren übertrieb er sogar
diese Verpflichtung, wie um sich gegen den angedrohten Tod
zu schützen. Die Todesangst, die man damals zu seinem Schutz
wachgerufen hatte, zeigte sich später wieder, als die Mutter vor
der Dysenteriegefahr warnte; sie provozierte noch später einen
Anfall der Zwangsneurose (S. 75). Wir wollen versuchen, ihren
Ursprüngen und Bedeutungen an späterer Stelle nachzugehen.Für die Eßstörung möchte ich die Bedeutung einer allerersten
neurotischen Erkrankung in Anspruch nehmen; so daß Eßstörung‚
Wolfsphobie, Zwangsfrömmigkeit die vollständige Reihe der infan—
tilen Erkrankungen ergeben, welche die Disposition für den neu-S.
Aus der Geschichte einer infantilen News:: „,-
.!rotischen Zusammenbruch in den Jahren nach der Pubertät mit
sich bringen. Man wird mir entgegenhalten, daß wenige Kinder
solchen Störungen wie einer vorübergehenden Eßunlust oder
einer Tierphobie entgehen. Aber dies Argument ist mir sehr
willkommen. Ich bin bereit zu behaupten, daß jede Neurose
eines Erwachsenen sich über seiner Kinderneurose aufbaut, die
aber nicht immer intensiv genug ist, um aufzufallen und als
solche erkannt zu werden. Die theoretische Bedeutung der infan—
tilen Neurosen für die Auffassung der Erkrankungen, die wir
als Neurosen behandeln und nur von den Einwirkungen des
späteren Lebens ableiten wollen, wird durch jenen Einwand nur
gehoben.‘ Hätte unser Patient nicht zu seiner Eßstörung und seiner
Tierphobie noch die Zwangsfrömmigkeit hinzubekommen, so würde
sich seine Geschichte von der anderer Menschenkinder nicht auf—
fällig unterscheiden, und wir wären um wertvolle Materialien, die
uns vor naheliegenden Irrtümern bewahren können, ärmer.» Die Analyse wäre unbefriedigend, wenn sie nicht das Ver—.
ständnis jener Klage brächte, in die der Patient sein Leiden zu—
sammenfaßte. Sie] lautete, daß ihm die Welt durch einen Schleier
verhüllt sei, und die psychoanalytische Schulung weist die Er—
wartung ab, daß diese Worte bedeutungslos und wie zufällig
gewählt sein sollten. Der Schleier zerriß — merkwürdigerweise
— nur in einer Situation, nämlich, wenn infolge eines Lavements
der Stuhlgang den After passierte. Dann fühlte er sich wieder
wohl und sah die Welt für eine ganz kurze Weile klar. Mit
der Deutung dieses „Schleiers“ ging es ähnlich schwierig wie
bei der Schmetterlingsangst. Auch hielt er nicht an dem Schleier
fest, dieser verflüchtigte sich ihm weiter zu einem Gefühl von
Dämmerung, „tenébres“, und anderen ungreifbaren Dingen.Erst kurz vor dem Abschied von der Kur besann er sich, er
habe gehört, daß er in einer „Glückshaube“ zur Welt gekommen
sei. Darum habe er sich immer für ein besonderes Glückskind
gehalten, dem nichts Böses widerfahren könne. Erst dann verließS.
108 Sigm. Freud
ihn diese Zuversicht, als er die gonorrhoische Erkrankung als
schwere Beschädigung an seinem Körper anerkennen mußte. Vor
dieser Kränkung seines Narzißmus brach er zusammen. Wir
werden sagen, er wiederholte damit einen Mechanismus, der
schon einmal bei ihm gespielt hatte. Auch seine Wolfsphobie
brach aus, als er vor die Tatsache, daß eine Kastration möglich
sei, gestellt wurde, und die Gonorrhöe reihte er offenbar der
Kastration an.Die Glückshaube ist also der Schleier, der ihn vor der Welt
und ihm die Welt verhüllte. Seine Klage ist eigentlich eine er—
füllte VVunschphantasie, sie zeigt ihn wieder in den Mutterleib
zurückgekehrt, allerdings die Wunschphantasie der Weltflucht.
Sie ist zu übersetzen: Ich bin so unglücklich im Leben, ich muß
wieder in den Mutterschoß zurück.Was soll es aber bedeuten, daß dieser symbolische, einmal
real gewesene, Schleier in dem Moment der Stuhlentleerung nach
dem Klysma zerreißt, daß seine Krankheit unter dieser Bedingung
von ihm weicht? Der Zusammenhang gestattet uns zu antworten:
“’enn der Geburtsschleier zerreißt, so erblickt er die Welt und
wird wiedergeboren. Der Stuhlgang ist das Kind, als welches er
zum zweitenmal zu einem glücklicheren Leben geboren wird.
Das wäre also die Wiedergeburtsphantasie, auf die Jung kün«
lich die Aufmerksamkeit gelenkt und der er eine so dominierende
Stellung im Wunschleben der Neurotiker eingeräumt hat.Das Wäre schön, wenn es vollständig wäre. Gewisse Einzel-
heiten der Situation und die Rücksicht auf den erforderlichen
Zusammenhang mit der speziellen Lebensgeschichte nötigen uns,
die Deutung weiter zu führen. Die Bedingung der Wiedergeburt
ist, daß ihm ein Mann ein Klysma verabreicht (diesen Mann
hat er erst später notgedrungen selbst ersetzt). Das kann nur
heißen, er hat sich mit. der Mutter identifiziert, der Mann spielt
den Vater, das Klysma wiederholt den Begattungsakt, als dessen
Frucht das Kotkind — wiederum er — geboren wird. DieS.
Aus der Geschichte einer infanzilen Neurose log
Wiedergeburtsphantasie ist also eng mit der Bedingung der
sexuellen Befriedigung durch den Mann verknüpft. Die Über-
setzung lautet jetzt also: Nur wenn er sich dem Weib sub—
stituieren, die Mutter ersetzen darf, um sich vom Vater befriedigen
zu lassen und ihm ein Kind zu gebären, dann ist seine Krank-
heit von ihm gewichen. Die Wiedergeburtsphantasie war also
hier nur eine verstürnmelte, zensurierte Wiedergabe der homo—
sexuellen Wunschphantasie.Sehen wir näher zu, so müssen wir eigentlich bemerken, daß
der Kranke in dieser Bedingung seiner Heilung nur die Situation
der sogenannten Urszene wiederholt: Damals wollte er sich der
Mutter nnterschieben, das Kotkind hat er, wie wir längst vorher
angenommen hatten, in jener Szene selbst produziert. Er ist
noch immer fixiert, wie gebannt, an die Szene, die für sein
Sexualleben entscheidend wurde, deren Wiederkehr in jener
Traumnacht sein Kranksein eröffnete. Das Zerreißen des Sehleiexs
ist analog dem Öffnen der Augen, dem Aufgehen der Fenster.
Die Urszene ist zur Heilbedingung umgebildet worden.Das, was durch die Klage, und was durch die Ausnahme dar-
gestellt ist, kann man leicht zu einer Einheit zusammenziehen, die
dann ihren ganzen Sinn offenbart. Er wünscht sich in den Mutter—
leib zurück, nicht um dann einfach wiedergeboren zu werden,
sondern um dort beim Koitus vom Vater getroffen zu werden, von
ihm die Befriedigung zu bekommen, ihm ein Kind zu gebären.Vom Vater geboren werden zu sein, wie er anfänglich gemeint
hatte, von ihm sexuell befriedigt zu werden, ihm ein Kind zu
schenken, dies unter Preisgebung seiner Männlichkeit, und in der
Sprache der Analerotik ausgedrückt: mit diesen Wünschen ist der
Kreis der Fixierung an den Vater geschlossen, hiemit hat die
Homosexualität ihren höchsten und intimsten Ausdruck gefunden.‘\) Der mögliche Nebensinn, daß der Schleier das Hymen darstellt. welches beim
Verkehr mit dem Menue 1erreil3t. triffi nicht gemu mit der Heilbedingung zu.
sammen und hat keine Beziehung zum Leben des Patienten, für den die Virginität
keine Bedeutung hatte.S.
i 1 0 Sign:. Freud
Ich meine, von diesem Beispiel her fällt auch ein Licht auf
Sinn und Ursprung der Mutterleibs- wie der Wiedergeburts-
phantasie. Die erstere ist häufig so wie in unserem Falle aus
der Bindung an den Vater hervorgegangen. Man wünscht sich
in den Leib der Mutter, um sich ihr beim Koitus_ zu sub-
stituieren, ihre Stelle beim Vater einzunehmen. Die Wieder—
geburtsphantasie ist wahrscheinlich regelmäßig eine Milderung,
sozusagen ein Euphemismus, für die Phantasie des inzestuösen
Verkehrs mit der Mutter, eine anagogische Abkürzung der-
selben, um den Ausdruck von H. Silberer zu gebrauchen. Man
wünscht sich in die Situation zurück, in der man sich in den
Genitalien der Mutter befand, wobei sich der Mann mit seinem
Penis identifiziert, durch ihn vertreten läßt. Dann enthüllen sich
die beiden Phantasien als Gegenstücke, die je nach der männ-
lichen oder weiblichen Einstellung des Betreffenden dem Wunsch
nach dem Sexualverkehr mit dem Vater oder der Mutter Aus—
druck geben. Es ist die Möglichkeit nicht abzuweisen, daß in
der Klage und Heilbedingung unseres Patienten beide Phantasien,
also auch beide Inzestwünsche, vereinigt sind.-Ich will noch einmal den Versuch machen, die letzten Ergebnisse
der Analyse nach dem gegnerischen Vorbild umzudeuten: Der Patient
beklagt seine Weltflucht in einer typischen Mutterleibsphantasig
erblickt seine Heilung allein in einer typischgefaßten Wieder—
geburt. Diese letztere drückt er in analen Symptomen entsprechend
seiner vorwiegenden Veranlagung aus. Nach dem Vorbild der ana—
len Wiedergeburtsphantasie hat er sich eine Kinderszene zurecht-
gemacht, die seine Wünsche in archaisch symbolischen Ausdrucks-
mitteln wiederholt. Seine Symptome verketten sich dann, als ob
sie von einer solchen Urszene ausgingen. Zu diesem ganzen Rück—
weg mußte er sich entschließen, weil er auf eine Lebensaui‘gabe
stieß, für deren Lösung er zu faul war, oder weil er allen Grund
hatte, seinen Minderwertigkeiteu zu mißtrauen und sich durch solche
Veranstaltungen am besten vor Zurücksetzung zu schützen meinte;S.
Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 111
Das wäre alles gut und schön, wenn der Unglückliche nur
nicht schon mit vier Jahren einen Traum gehabt hätte, mit
dem seine Neurose begann, der durch die Erzählung des Groß—
vaters vom Schneider und vom Wolf angeregt wurde, und dessen
Deutung die Annahme einer solchen Urszene notwendig macht.
An diesen kleinlichen, aber unantastbaren Tatsachen scheitern
leider die Erleichterungen, die uns die Theorien v0n J ung und
Adler verschaffen wollen. Wie die Sachen liegen, scheint mir
die VVieclergeburtsphantasie eher ein Abkömmling der Urszene,
als umgekehrt die Urszene eine Spiegelung der Wiedergeburts—
phantasie zu sein. Vielleicht darf man auch annehmen, der
Patient sei damals, vier Jahre nach seiner Geburt, doch zu jung
gewesen, um sich bereits eine \Viedergehurt zu wünschen. Aber
dieses letztere Argument muß ich doch zurückziehen; meine
eigenen Beobachtungen beweisen, daß man die Kinder unter-
schätzt hat, und daß man nicht mehr weiß, was man ihnen zu-
trauen darf.’1) Ich gebe zu, daß diese Frage die heike_lste der ganzen analytischen Lehre ist.
Ich habe nicht der Mitteilungen von Adler oder Jung bedurft. um mich mit der
Möglichkeit kritisch zu beschäftigen, daß die von der Analyse behaupteten. ver-
gessenen Kindheitserlehnisse —— in unwahrscheinlich früher Kindheit erlebt! —- viel-
mehr auf Phantasien beruhen, die bei späten Anlässen geschaffen werden, und daß
man überall dort die Äußerung eines konstitutionellen Moments oder einer phylo-
genetisch erhaltenen Disposition anzunehmen habe, wo man die Nachwirkung eines
solchen infantilen Eindrucks in den Analysen zu finden glaubt. Im Gegenteile, kein
Zweifel hat mich mehr in Anspruch genommen, keine andere Unsicherheit ent—
schiedener von Publikationen zuriickgehalten. Sowohl die Rolle der Pliantesien für
die Symptumhildung als auch des „Zurückphantasieren“ von späten Anregungen her
in die Kindheit und das nachträgliche Sexualisieren derselben habe ich als erster
kennen gelehrt, worauf keiner der Gegner hingewiesen hat. (Siehe „Traumdeutung“.
I. Auflage, S. 4.9, [Bd. II der Gesamtausgabe] und die „Anmerkungen zu dem Fall von
Zwangsneurose“ 1908 [Freud, Gesmtausgabe, Bd. VIH, S. 315 in “Wenn ich
dennoch die schwierigere und unwaluscheinlichere Auffassung als die meinige fest—
gehalten habe, so geschah es mit Argumenten, wie sie der hier beschriebene Fall
oder jede nndere infantile Neurose dem Untersucher aufdrängcn und die ich jetzt
neuerdings den Lesern zur Entscheidung Vorlage.
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Aus der Geschichte einer infantilen Neurose1918-004/1924
1918-004/1924/8