• S.

    VII
    ANALEROTIK UND KASTRATIONSKOMPLEX

    Ich bitte den Leser sich zu erinnern, daß ich diese Geschichte
    einer infantilen Neurose sozusagen als Nebenpfodukt während
    der Analyse einer Erkrankung im reiferen Alter gewonnen habe.
    Ich mußte sie also aus noch kleineren Brocken zusammensetzen,
    als sonst der Synthese zu Gebote stehen. Diese sonst nicht
    schwierige Arbeit findet eine natürliche Grenze, wo es sich
    darum handelt, ein vieldimensionales Gebilde in die Ebene der
    Deskription zu bannen. Ich muß mich also damit begnügen,
    Gliedersti'zcke vorzulegen, die der Leser zum lebenden Ganzen
    zusammenfügen mag. Die geschilderte Zwangsn6urose entstand,
    wie wiederholt betont, auf dem Boden einer sadistisch—analen
    Konstitution. Es war aber bisher nur von dem einen Hauptfaktor,
    dem Sadisrnus und seinen Umwandlungen, die Rede. Alles, was
    die Analerotik betrifft, ist mit Absicht beiseite gelassen werden
    und soll hier gesammelt nachgetragen werden.

    Die Analytiker sind längst einig darüber, daß den vielfachen
    'l‘riebregungen, die man als Analerotik zusammenfaßt, eine außer
    ordentliche, gar nicht zu überschätzende Bedeutung für den
    Aufbau des Sexuallebens und der seelischen Tätigkeit überhaupt
    zukommt. Ebenso, daß eine der wichtigsten Äußerungen der
    umgebildeten Erotik aus dieser Quelle in der Behandlung des
    Geldes vorliegt, welcher wertvolle Stoff im Laufe des Lebens
    das psychische Interesse an sich gezogen hat, das ursprünglich

  • S.

    7 8 Sigm. Freud

    dem Kot, dem Produkt der Analzone, gebührte. Wir haben uns
    gewöhnt, das Interesse am Gelde, soweit es libidinöser und nicht
    rationeller Natur ist, auf Exkrementallust zurückzuführen und
    vom normalen Menschen zu verlangen, daß er sein Verhältnis
    zum Gelde durchaus von libidinösen Einflüssen frei halte und. es
    nach realen Rücksichten regle.

    Bei unserem Patienten war zur Zeit seiner späteren Erkran—
    kung dies Verhältnis in besonders argem Maße gestört, und dies
    war nicht das Geringste an seiner Unselbständigkeit und Lebens—
    untüchtigkeit. Er war durch Erbschaft von Vater und Onkel
    sehr reich geworden, legte manifesterweise viel Wert darauf, für _
    reich, zu gelten,'und konnte sich sehr kränken, wenn man ihn
    darin unterschätzte. Aber er wußte nicht, Wieviel er besaß, was
    er verausgabte, was er übrig behielt. Es war schwer zu sagen,
    ob man ihn geizig oder verschwenderisch heißen sollte. Er be—
    nahm sich bald so, bald anders, niemals in einer Art, die auf
    eine konsequente Absicht hindeuten konnte. Nach einigen auf-
    fälligen Zügen, die ich weiter unten anführen werde, konnte
    man ihn für einen versteckten Geldprotzen halten, der in dem
    Reichtum den größten Vorzug seiner Person erblickt und Gefühls-
    interessen neben Geldinteressen nicht einmal in Betracht ziehen
    läßt. Aber er schätzte andere nicht nach ihrem Reichtum ein
    und zeigte sich bei vielen Gelegenheiten vielmehr bescheiden,
    hilfsbereit und mitleidig. Das Geld war eben seiner bewußten
    Verfügung entzogen und bedeutete für ihn irgend etwas anderes.

    Ich habe schon erwähnt (S. 21), daß ich die Art sehr be-
    denklich fand, wie er sich über den Verlust der Schwester, die
    in den letzten Jahren sein bester Kamerad geworden war, mit
    der Überlegung tröstete; Jetzt brauche er die Erbschaft von den
    Eltern nicht mit ihr zu teilen. Auffälliger vielleicht war noch
    die Ruhe, mit welcher er dies erzählen konnte, als hätte er kein
    Verständnis für die so eingestandene Gefühlsroheit. Die Analyse
    rehabilitierte ihn zwar, indem sie zeigte, daß der Sahmerz um

  • S.

    ’ Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 79

    die Schwester nur eine Verschiebung erfahren hatte, aber es
    wurde nun erst recht unverständlich, daß er in der Bereicherung
    einen Ersatz für die Schwester hatte finden wollen.

    Sein Benehmen in einem anderen Falle erschien ihm selbst
    rätselhaft. Nach dem Tode des Vaters wurde das hinterlassene
    Vermögen zwischen ihm und der Mutter aufgeteilt. Die Mutter
    verwaltete es und kam seinen Geldansprüchen, wie er selbst zugab,
    in tadelloser, freigebiger Weise entgegen. Dennoch pflegte jede
    Besprechung über Geldangelegenheiten zwischen ihnen mit den
    heftigsten Vorwürfen von seiner Seite zu endigen, daß sie ihn
    nicht liebe, daß sie daran denke, an ihm zu sparen, und daß sie
    ihn wahrscheinlich am liebsten tot sehen möchte, um allein über
    das Geld zu verfügen. Die Mutter beteuerte dann weinend ihre
    Uneigennützigkeit, er schämte sich und konnte mit Recht ver-
    sichern, ‘daß er das gar nicht von ihr denke, aber er war sicher,
    dieselbe Szene bei nächster Gelegenheit zu wiederholen.

    Daß der Kot für ihn lange Zeit vor der Analyse Geldbe—
    deutung gehabt hat, geht aus vielen Zufällen hervor, von denen
    ich zwei mitteilen will. In einer Zeit, da der Darm noch unbe-
    teiligt an seinem Leiden war, besuchte er einmal in einer großen
    Stadt einen armen Vetter. Als er wegging, machte er sich Vor-
    würfe, daß er diesen Verwandten nicht mit Geld unterstütze,
    und bekam unmittelbar darauf den „vielleicht stärksten Stuhl—
    drang seines Lebens“. Zwei Jahre später setzte er wirklich diesem
    Vetter eine Rente aus. Der andere Fall: Mit 18 Jahren während
    der Vorbereitung zur Maturitätsprüfung besuchte er einen Kollegen
    und verabredete mit ihm, was die gemeinsame Angst, bei der
    Prüfung durchzufallen, ratsam erscheinen ließ.1 Man hatte be-
    schlossen, den Schuldiener zu bestechen, und sein Anteil an der
    aufzubringenden Summe war natürlicherweise der größte. Auf
    dem Heimwege dachte er, er wolle gern noch mehr geben,

    1) Der Patient teilte mit, daß seine Muttersprache die im Deutschen bekannte
    Verwendung des Wortes „Durchfall“ zur Bezeichnung von Darmstönmgen nicht kennt.

  • S.

    80 Sigm. Freud

    wenn er nur durchkomme, wenn ihm bei der Prüfung nur nichts
    passiere, und wirklich passierte ihm ein anderes Malheur, ehe er
    noch bei seiner Haustüre war.‘

    Wir sind darauf vorbereitet zu hören, daß er in seiner späteren
    Erkrankung an sehr hartnäckigen, wenn auch mit verschiedenen
    Anlässen schwankenden Störungen der Darmfunktion litt. Als er
    in meine Behandlung trat, hatte er sich an Lavements gewöhnt,
    die ihm ein Begleiter machte; spontane Entleerungen kamen
    Monate hindurch nicht vor, wenn nicht eine plötzliche Erregung
    von einer bestimmten Seite her dazukam, in deren Folge sich
    normale Darmtätigkeit für einige Tage herstellen konnte. Seine
    Hauptklage war, daß die Welt für ihn in einen Schleier gehüllt
    sei, oder er durch einen Schleier von der Welt. getrennt sei.
    Dieser Schleier zerriß nur in dem einen Moment, wenn beim
    Lavement der Darminhalt den Darm verließ, und dann fühlte
    er sich auch wieder gesund und normal.2

    Der Kollege, an den ich den Patienten zur Begutachtung
    seines Darmzustandes wies, war einsichtsvoll genug, denselben
    für einen funktionellen oder selbst psychisch bedingten zu erklären,
    und sich eingreifender Medikation zu enthalten. Übrigens nützte
    weder diese noch die angeordnete Diät. In den Jahren der ana—
    lytischen Behandlung gab es keinen spontanen Stuhlgang (von
    jenen plötzlichen Beeinflussungen abgesehen). Der Kranke ließ
    sich überzeugen, daß jede intensivere Bearbeitung des störrischen
    Organs den Zustand noch verschlimmern würde, und gab sich
    damit zufrieden, ein- oder zweimal in der Woche durch ein
    Lavement oder ein Abführrnittel eine Darmentleerung zu erzwingen.

    Ich habe bei der Besprechung der Darmstörungen dem späteren
    Krankheitszustand des Patienten einen breiteren Raum gelassen,

    1) Diese Redensart ist in der Muttersprache des Patienten gleichsinnig wie im
    Deutschen.

    ;) Dieselbe Wirkung, ob er das Lavement von einem anderen machen ließ oder
    es selbst besorgte.

  • S.

    Aus der Geschichte einer infamilen Neurose 81

    als es sonst im Plane dieser mit seiner Kindheitsneurose beschäf-
    tigten Arbeit liegt. Dafür waren zwei Gründe maßgebend, erstens,
    daß die Darmsymptomatik sich eigentlich wenig verändert aus
    der Kinderneurose in die spätere fortgesetzt hatte, und zweitens,
    daß ihr bei der Beendigung der Behandlung eine Hauptrolle zufiel.

    Man weiß, welche Bedeutung der Zweifel für den Arzt hat,
    der eine Zwangsneurose analysiert. Er ist die stärkste Waffe des
    Kranken, das bevorzugte Mittel seines Widerstandes. Dank diesem
    Zweifel konnte auch unser Patient, hinter einer respektvollen
    lndifferenz verschanzt, Jahre hindurch die Bemühungen der Kur
    von sich abgleiten lassen. Es änderte sich nichts, und es fand sich
    kein Weg, ihn zu überzeugen. Endlich erkannte ich die Bedeutung
    der Darmstörung für meine Absichten; sie repräsentierte das
    Stückchen Hysterie, welches regelmäßig zu Grunde einer Zwangs—
    neurose gefunden wird. Ich versprach dem Patienten die völlige
    Herstellung seiner Darmtätigkeit, machte seinen Unglauben durch
    diese Zusage offenkundig, und hatte dann die Befriedigung, seinen
    Zweifel schwinden zu sehen, als der Darm wie ein hysterisch
    affiziertes Organ bei der Arbeit „mitzusprechen“ begann, und im
    Laufe weniger Wochen seine normale, so lange beeinträchtigte
    Funktion wiedergefunden hatte.

    Ich kehre nun zur Kindheit des Patienten zurück, in eine Zeit, zu
    welcher der Kot unmöglich Geldbedeutung für ihn gehabt haben kann.

    Darmstörungen sind sehr frühzeitig bei ihm aufgetreten, vor
    allem die häufigste und für das Kind normalste, die Inkontinenz.
    Wir haben aber gewiß recht, wenn wir für diese frühesten Vor-
    fälle eine pathologische Erklärung ablehnen und in ihnen nur
    einen Beweis für die Absicht sehen, sich in der an die Entleerungs—
    funktion geknüpften Lust nicht stören oder aufhalten zu lassen.
    Ein starkes Vergnügen an analen Witzen und Schaustelllmgen.
    wie es sonst der natürlichen Derbheit mancher Gesellschafts—
    klassen entspricht, hatte sich bei ihm über den Beginn der späteren
    Erkrankung erhalten.

    Freud, Infantilo Neurosn‘ G

  • S.

    8 2 Sigm. Freud

    Zur Zeit der englischen Gouvernante traf es sich wiederholt,
    daß er und die Nanja das Schlafzimmer der Verhaßten teilen
    mußten. Die Nanja konstatierte dann mit Verständnis, daß er
    gerade in diesen Nächten ins Bett gemacht hatte, was sonst nicht
    mehr der Fall gewesen war. Er schämte sich dessen gar nicht;
    es war eine Äußerung des Trotzes gegen die Gouvernante.

    Ein Jahr später (zu 4,’/2 Jahren), in der Angstzeit, passierte es
    ihm, daß er bei Tage die Hose schmutzig machte. Er schämte
    sich entsetzlich, und jammerte, als er gereinigt wurde: er könne
    so nicht mehr leben. Dazwischen hatte sich also etwas verändert,
    auf dessen Spur wir durch die Verfolgung seiner Klage geführt
    wurden. Es stellte sich heraus, daß er die Worte: so könne er
    nicht mehr leben, jemand anderem nachgeredet hatte. Irgend
    einmal‘ hatte ihn die Mutter mitgenommen, während sie den Arzt,
    der sie besucht hatte, zur Bahnstation begleitete. Sie klagte
    während dieses Weges über ihre Schmerzen und Blutungen und
    brach in die nämlichen Worte aus: So kann ich nicht mehr
    leben, ohne zu erwarten, daß das an der Hand geführte Kind
    sie im Gedächtnis behaltén werde. Die Klage, die er übrigens in
    seiner späteren Krankheit ungezählte Male wiederholen sollte,
    bedeutete also eine —— Identifizierung mit der Mutter.

    Ein der Zeit und dem Inhalt nach fehlendes Mittelglied
    zwischen beiden Vorfällen stellte sich bald in der Erinnerung ein.
    Es geschah einmal zu Beginn seiner Angstzeit, daß die besorgte
    Mutter Warnungen ausgehen ließ, die Kinder vor der Dysenterie
    zu behüten, die in der Nähe des Gutes aufgetreten war. Er er-
    kundigte sich, was das sei, und als er gehört hatte, bei der
    Dysenterie finde man Blut im Stuhl, wurde er sehr ängstlich
    und behauptete, daß auch in seinem Stuhlgang Blut sei; -er
    fürchtete, an der Dysenterie zu sterben, ließ sich aber durch die
    Untersuchung überzeugen, daß er sich geirrt habe und nichts zu

    \) Es ist nicht näher bestimmt werden, wenn es war, aber jedenfalls vor dem Angst—
    traum mit vier Jahren, wahrscheinlich vor der Reise der Eltern.

  • S.

    Aus der Geschichte einer infanzilen 1Vzurose 85

    fürchten brauche. Wir verstehen, daß sich ‚in dieser Angst die
    Identifizierung mit der Mutter durchsetzen wollte, von deren
    Blutungen er im Gespräch mit dem Arzt gehört hatte. Bei seinem
    späteren Identifizierungsversuch (mit 4‚‘/2 Jahren) hatte er das
    Blut fallen gelassen; er verstand sich nicht mehr, vermeinte sich
    zu schämen und wußte nicht, daß er von Todesangst geschüttelt
    wurde, die sich in seiner Klage aber unzweideutig verfiel.

    Die unterleibsleidende Mutter war damals überhaupt ängstlich
    für sich und die Kinder; es ist durchaus wahrscheinlich, daß
    seine Ängstlichkeit sich neben ihren eigenen Motiven auf die
    Identifizierung mit der Multer stützte.

    Was sollte nun die Identifizierung mit der Mutter bedeuten?

    Zwischen der kecken Verwendung der Inkontinenz mit 5‘/2 Jahren
    und dem Entsetzen vor ihr mit 4.'/2 Jahren liegt der Traum, mit
    dem seine Angstzeit begann, der ihm nachträgliches Verständnis
    der mit 1‘/2 Jahren erlebten Szene‘ und Aufklärung über die
    Rolle der Frau beim Geschlechtsakt brachte. Es liegt nahe, auch
    die Wandlung in seinem Verhalten gegen die Defäkation mit
    dieser großen Umwälzung zusammenzubringen. Dysenterie war
    ihm offenbar der Name der Krankheit, über die er die Mutter
    klagen gehört hatte, mit der man nicht leben könne; die Mutter '
    galt ihm nicht als unterleibs-, sondern als darmkrank. Unter dem
    Einfluß der Urszene erschloß sich ihm der Zusammenhang, daß
    die Mutter durch das, was der Vater mit ihr vorgenommen,“
    krank geworden sei, und seine Angst, Blut ihm Stuhle zu haben,
    ebenso krank zu sein wie die Mutter, war die Ablehnung der
    Identifizierung mit der Mutter in jener sexuellen Szene, dieselbe
    Ablehnung, mit der er aus dem Traum erwacht war. Die Angst
    war aber auch der Beweis, daß er in der späteren Bearbeitung
    der Urszene sich an die Stelle der Mutter gesetzt, ihr diese Be—
    ziehung zum Vater geneidet hatte. Das Organ, an dem sich die

    \) Siehe vorhin Seite 4.6.
    'n) Wobei er ja wahrscheinlich nicht irre ging.

    ($“

  • S.

    R.;, Signz. Freud

    Identifizierung mit dem Weihe, die passiv homosexuelle Einstellung
    zum Manne äußern konnte, war die Analzone. Die Störungen
    in der Funktion dieser Zone hatten nun die Bedeutung von
    femininen Zärtlichkeitsregungen bekommen und behielten sie
    auch während der späteren Erkrankung bei.

    An dieser Stelle müssen wir nun einen Einwand anhören,
    dessen Diskussion viel zur Klämng der scheinbar verworrenen
    Sachlage beitragen kann. Wir haben ja annehmen müssen, daß
    er während des Traumvorganges verstanden, das Weib sei kastrierl,
    habe anstatt des männlichen Gliedes eine Wunde, die dem Ge-
    schlechtsverkehr diene, die Kastration sei die Bedingung der Weib-
    lichkeit, und dieses drohenden Verlustes wegen habe er die
    feminine Einstellung zum Menue verdrängt und sei mit Angst
    aus der homosexuellen Schwärmerei erwacht. Wie verträgt sich
    dies Verständnis des Geschlechtsverkehrs, diese Anerkennung der
    Vagina7 mit der Auswahl des Darmes zur Identifizierung mit dem
    Weib? Ruben die Darmsymptome nicht auf der wahrscheinlich
    älteren, der Kastrationsangst voll widersprechenden Auffassung,
    daß der Darmausgang die Stelle des sexuellen Verkehrs sei?

    Gewiß, dieser Widerspruch besteht, und die beiden Auffassun—
    gen vertragen sich gar nicht miteinander. Die Frage ist nur,
    ob sie sich zu vertragen brauchen. Unser Befremden rührt daher,
    daß wir immer geneigt sind, die unbewußten seelischen Vorgänge
    wie die bewußten zu behandeln und an die tiefgehenden Ver-
    schiedenheiten der beiden psychischen Systeme zu vergessen.

    Als die erregte Erwartung des \\”eihnac11tstraumes ihm das
    Bild des einst beobachteten (oder konstruierten) Geschlechtsver-
    kehres der Eltern verzauberte, trat gewiß zuerst die alte Auf—
    fassung desselben auf, derzufolge die das Glied aufnehmende
    Körperstelle des Weibes der Darmausgang war. Was konnte er
    auch anderes geglaubt haben, als er mit 1‘/‚ Jahren Zuschauer
    dieser Szene war.pl Aber nun kam das, was sich mit vier Jahren

    1) Oder solange er den Koitus der Hunde nicht verstand.

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilen 1Veurose 85

    neu ereignete. Seine seitherigen Erfahrungen, die vernommenen
    Andeutungen der Kastration, vvachten auf und warfen einen
    Zweifel auf die „Kloakentheorie“, legten ihm die Erkenntnis des
    Geschlechtsunterschiedes und der sexuellen Rolle des Weibes
    nahe. Er benahm sich dabei, wie sich überhaupt Kinder benehmen,

    denen man eine unerwünschte Aufklärung —— eine sexuelle oder
    andersartige # gibt, Er verwarf das Neue — in unserem Falle
    aus Motiven der Kastrationsangst — und hielt am Alten fest.

    Er entschied sich für den Darm gegen die Vagina in derselben
    Weise und aus ähnlichen Motiven, wie er später gegen Gott für
    den Vater Partei nahm. Die neue Aufklärung wurde abgewiesen,
    die alte Theorie festgehalten; die letztere durfte das Material für
    die Identifizierung mit dem “"eib abgeben, die später als Angst
    vor dem Darmtod auftrat, und fiir die ersten religiösen Skrupel,
    ob Christus einen Hintern gehabt habe u. dgl. Nicht als ob die
    neue Einsicht wirkungslos geblieben wäre; ganz im Gegenteile,
    sie entfaltete eine außerordentlich starke Wirkung, indem sie
    zum Motiv wurde, den ganzen Traumvorgang in der Verdrängung
    zu erhalten und von späterer bewußter Verarbeitung auszuschließen.
    Aber damit war ihre V\"irkung erschöpft, auf die Entscheidung
    des sexuellen Problems nahm sie keinen Einfluß. Es war freilich
    ein Widerspruch, daß von da an Kastrationsangst bestehen konnte
    neben der Identifizierung mit dem Weib mittels des Darrhes,
    aber doch nur ein logischer Widerspruch, was nicht viel besagt.
    Der ganze Vorgang ist vielmehr jetzt charakteristisch dafür, wie
    das Unbewußte arbeitet. Eine Verdrängung ist etwas anderes als
    eine Verwerfung.

    Als wir die Genese der Wolfsphobie studierten, verfolgten wir
    die Wirkung der neuen Einsicht in den geschlechtlichen Akt;
    jetzt, wo wir die Störungen der Darmtätigkeit untersuchen, be—
    finden wir uns auf dem Boden der alten Kloakentheorie. Die
    beiden Standpunkte bleiben durch eine Verdrängungsstufe von—
    einander getrennt. Die durch den Verdrängungsakt abgewiesene

  • S.

    8 6 Sign:. Freud

    weibliche Einstellung zum Marine zieht sich gleichsam in die
    Darmsymptomatik zurück und äußert sich in den häufig auf-
    tretenden Diarrhöen, Obstipationen und Darmschrnerzen der
    Kinderjahre. Die späteren sexuellen Phantasien, die auf der Grund‘
    lage richtiger Sexualerkenntnis aufgebaut sind, können sich nun
    in regressiver Weise als Darmstörungen äußern. Wir verstehen
    dieselben aber nicht, ehe wir den Bedeutungswandel des Kotes
    seit den ersten Kindheitstagen aufgedeckt haben.1

    Ich habe an einer früheren Stelle erraten lassen, daß vom
    Inhalt der Urszene ein Stück zurückgehalten ist, das ich nun
    nachtragen kann. Das Kind unterbrach endlich das Beisammen-
    sein der Eltern durch eine Stuhlentleerung, die sein Geschrei
    motivieren konnte. Für die Kritik dieses Zusatzes gilt alles das,
    was ich vorhin von dem anderen Inhalt derselben Szene in Dis-
    kussion gezogen habe. Der Patient akzeptierte diesen von mir
    konstruierten Schlußakt und schien ihn durch „passagere Symptom-
    bildung“ zu bestätigen. Ein weiterer Zusatz, den ich vorgeschlagen
    hatte, daß der Vater über die Störung unzufrieden seinem Un-
    mut durch Schimpfen Luft gemacht hatte, mußte wegfallen.
    Das Material der Analyse reagierte nicht darauf.

    Das Detail, das ich jetzt hinzugefügt habe, darf natürlich mit
    dem anderen Inhalt der Szene nicht in eine Linie gestellt werden.
    Es handelt sich bei ihm nicht um einen Eindruck von außen,
    dessen Wiederkehr man in soviel späteren Zeichen zu erwarten
    hat, sondern um eine eigene Reaktion des Kindes. Es würde
    sich an der ganzen Geschichte nichts ändern, wenn diese
    Äußerung damals unterblieben oder wenn sie von später her in
    den Vorgang der Szene eingesetzt wäre. Ihre Auffassung ist aber
    nicht zweifelhaft. Sie bedeutet eine Erregtheit der Analzone (im
    weitesten Sinne). In anderen Fällen ähnlicher Art hat eine solche
    Beobachtung des Sexualverkehrs mit einer Hamentleerung ge—
    endigt; ein erwachsener Mann würde unter den gleichen Ver—

    1) Vgl.: Über Triebumsetzungen usw. [Bd. VII. der Gesamtausgabe]

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilm New—om 57

    hälmissen eine Erektion verspüren. Daß unser Knäblein als
    Zeichen seiner sexuellen Erregung eine Damentleerung produ-
    ziert, ist als Charakter seiner mitgebrachten Sexualkonstitution
    zu beurteilen. Er stellt sich sofort passiv ein, zeigt mehr Neigung
    zur späteren Identifizierung mit dem Weihe als mit dem Marine.

    Er verwendet dabei den Darminhalt wie jedes andere Kind
    in einer seiner ersten und ursprünglichsten Bedeutungen. Der
    Kot ist das erste Geschenk, das erste Zärtlichkeitsopfer des
    Kindes, ein Teil des eigenen Leibes, dessen man sich ent'a'ußert,
    aber auch nur zu Gunsten einer geliebten Person.‘ Die Ver—
    wendung zum Trotz wie in unserem Falle mit 5'/n Jahren gegen
    die Gouvernante ist nur die negative Wendung dieser früheren
    Geschenkbedeutung. Der grumus merdae, den die Einbrecher
    am Tatorte hinterlassen, scheint beides zu bedeuten: den Hohn
    und die regressiv ausgedrückte Entschädigung. Immer, wenn eine
    höhere Stufe erreicht ist, kann die frühere noch im negativ er-
    niedrigten Sinne Verwendung finden. Die Verdrängung findet
    ihren Ausdruck in der Gegensätzlichkeit.“

    Auf einer späteren Stufe der Sexualentwicklung nimmt der
    Kot die Bedeutung des Kindes an. Das Kind wird ja durch den
    After geboren wie der Stuhlgang. Die Geschenkbedeutung des
    Kotes läßt diese Wandlung leicht zu. Das Kind wird im Sprach—
    gebrauch als ein „Geschenk“ bezeichnet; es wird häufiger vom
    Weihe ausgesagt, daß sie dem Manne „ein Kind geschenkt“ hat,

    :) Ich glaube, es läßt sich leicht bestätigen. daß Säuglinge nur die Personen. die
    von ihnen gekannt und geliebt werden, mit ihren Exkrementen beschmutten; Fremde
    würdigen sie dieser Auszeichnung nicht. In den „Drei Abhandlungen zur Sexual-
    theorie“ habe ich die allererste Verwendung des Rotes zur autoerotischen Reizung
    der Darmschleimhaut erwähnt; als Fortschritt schließt sich nun an, daß die Rück—
    sicht auf ein Objekt für die Defäkation maßgebend wird, dem das Kind dabei ge-
    hoz'sam oder gef'a‘llig ist. Diese Relatinn setzt sich dann fort, indem sich auch das
    ältere Kind nur von gewissen bevorzugten Personen auf den Topf setzen, heim
    Urinieren helfen läßt, wobei aber auch andere Befriedigungsahsichten in Betracht
    kommen.

    2) Es gibt im Unhewußten bekanntlich kein „Nein“; Gegensätze fallen zusammen.
    Die Negation wird an". durch den Vorgang der Verdrängung eingeführt,

  • S.

    88 Sigm. Freud

    aber im Gebrauch des Unbewußten wird mit Recht die andere
    Seite des Verhältnisses, daß das Weib das Kind vom Marine als
    Geschenk „empfangen“ hat, ebenso berücksichtigt.

    Die Geldbedeutung des Kotes zweigt nach einer anderen
    Richtung von der Geschenkbedeutung ab.

    Die frühe Deckerinnerung unseres Kranken, daß er einen
    ersten Wutanfal.l produziert, weil er zu Weihnachten nicht genug
    Geschenke bekommen habe, enthüllt nun ihren tieferen Sinn.
    Was er vermißte, war die Sexualbefriedigung, die er anal gefaßt
    hatte. Seine Sexualforschung war vor dem Traum darauf vor-
    bereitet und hatte es während des Traumvorganges begriffen,
    daß der Sexualakt das Rätsel der Herkunft der kleinen Kinder
    löse. Er hatte die kleinen Kinder schon vor dem Traum nicht
    gemacht. Einmal fand er einen kleinen, noch nackten Vogel, der
    aus dem Nest gefallen war, hielt ihn für einen kleinen Menschen
    und grauste sich vor ihm. Die Analyse wies nach, daß all die
    kleinen Tiere, Raupen, Insekten, gegen die er wütete, ihm kleine
    Kinder bedeutet hatten.l Sein Verhältnis zur älteren Schwester
    hatte ihm Anlaß gegeben, viel über die Beziehung der älteren
    Kinder zu den jüngeren nachzudenken, als ihm die Nanja ein—
    mal gesagt hatte, die Mutter habe ihn so lieb, weil er der jüngste
    sei, hatte er ein begreifliches Motiv bekommen zu wünschen,
    daß ihm kein jüngeres Kind nachfolgen möge. Die Angst vor
    diesem jüngsten wurde dann unter dem Einfluß des Traumes,
    der ihm den Verkehr der Eltern vorführte, neu belebt.

    Wir sollen also zu den uns bereits bekannten eine neue
    S!äualströmung hinzufügen, die wie die anderen von der im
    Traum reproduzierten Urszene ausgeht. In der Identifizierung
    mit dem Weihe (der Mutter) ist er bereit, dem Vater ein Kind
    zu schenken, und eifersüchtig auf die Mutter, die das schon ge—
    tan hat und vielleicht wieder tun wird.

    i) Ehensn das Ungeziefer‚ das in Träumen und Phobien häufig für die kleinen
    Kinder steht.

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantüen Neurase 89

    Auf dem Umweg über den gemeinsamen Ausgang der Ge—
    schenkbedeutung kann nun das Geld die Kindbedeutung an sich
    ziehen und solcher Art den Ausdruck der femininen (homo—
    sexuellen) Befriedigung übernehmen. Dieser Vorgang vollzog sich
    bei unserem Patienten, als er einmal zur Zeit, da beide Ge-
    schwister in einem deutschen Sanatorium weilten, sah, daß der
    Vater der Schwester zwei große Geldnoten gab. Er hatte den
    Vater in seiner Phantasie immer mit der Schwester verdächtigt;
    nun erwachte seine Eifersucht, er stürzte sich auf die Schwester,
    als sie allein waren, und forderte mit solchem Ungestüm und
    mit solchen Vorwürfen seinen Anteil am Gelde, daß ihm die
    Schwester weinend das Ganze hinwarf. Es war nicht allein das
    reale Geld gewesen, das ihn gereizt hatte, viel mehr noch das
    Kind, die anale Sexualbefriedigung vom Vater. Mit dieser konnte
    er sich dann trösten, als — zu Lebzeiten des Vaters — die
    Schwester gestorben war. Sein empörender Gedanke bei der
    Nachricht ihres Todes bedeutete eigentlich nichts anderes als:
    Jetzt bin ich das einzige Kind, jetzt muß der Vater mich allein
    lieb haben. Aber der homosexuelle Hintergrund dieser durchaus
    bewßtseinsfähigen Erwägung war so unerträglich, daß ihre Ver—
    kleidung in schmutzige Habsucht wohl als große Erleichterung
    ermöglicht wurde.

    Ähnlich wenn er nach dem Tode des Vaters der Mutter jene
    ungerechten Vorwürfe machte, daß sie ihn ums Geld betrügen
    wolle, daß sie das Geld lieber habe als ihn. Die alte Eifersucht,
    daß sie noch ein anderes Kind als ihn geliebt, die Möglichkeit,
    daß sie sich noch nach ihm ein anderes Kind gewünscht, zwangen
    ihn zu Beschuldigungeu, deren Haltlosigkeit er selbst erkannte.

    Durch diese Analyse der Kotbedeutung wird uns nun klar—
    gelegt, daß die Zwangsgedanken, die Gott in Verbindung mit
    Kot bringen mußten, noch etwas anderes bedeuteten als die
    Schmähung, für die er sie erkannte. Sie waren vielmehr echte
    Kompromißergebnisse, an denen eine zärtliche, hingehende Strömung

  • S.

    go Sigm. Freud

    ebenso Anteil hatte wie eine feindselig beschimpfende. „Gott—Kot“
    war wahrscheinlich eine Abkürzung für ein Anerbieten, wie man
    es im Leben auch in ungekürzter Form zu hören bekommt. „Auf
    Gott scheißen“, „Gott etwas scheißen“ heißt auch, ihm ein Kind
    schenken, sich von ihm ein Kind schenken lassen. Die alte negativ
    erniedrigte Geschenkhedeutung und die später aus ihr entwickelte
    Kindbedeutung sind in den Zwangsworten miteinander vereinigt.
    In der letzteren kommt eine feminine Zärtlichkeit zum Ausdruck,
    die Bereitwilligkeit, auf seine Männlichkeit zu verzichten, wenn
    man dafür als Weib geliebt werden kann. Also gerade jene Regung
    gegen Gott, die in dem Wahnsystem des paranoischen Senats—
    präsidenten Schreber‘ in unzweideutigen Worten ausgesprochen
    wird.

    Wenn ich später von der letzten Symptomlösung bei meinem
    Patienten berichten werde, wird sich noch einmal zeigen lassen,
    wie die Darmstörung sich in den Dienst der homosexuellen
    Strömung gestellt und die feminine Einstellung zum Vater aus-
    gedrückt hatte. Eine neue Bedeutung des Kotes soll uns jetzt den
    Weg zur Besprechung des Kastrationskomplexes bahnen.

    Indem die Kotsäule die erogene Darmschleimhaut reizt, spielt
    sie die Rolle eines aktiven Organs für dieselbe, benimmt sie sich
    wie der Penis gegen die Vaginalschleimhaut und wird gleichsam
    zum Vorläufer desselben in der Epoche der Kloake. Das Hergeben
    des Kotes zu Gunsten (aus Liebe zu) einer anderen Person wird
    seinerseits zum Vorbild der Kastration, es ist der erste Fall des
    Venichts auf ein Stück des eigenen Körpers,“ um die Gunst eines
    geliebten Anderen zu gewinnen. Die sonst narzißtische Liebe zu
    seinem Penis entbehrt also nicht eines Beitrages von seiten der"
    Analerotik. Der Kot, das Kind, der Penis ergeben also eine Ein-
    heit, einen unbewußten Begriff —- sit venia verbo ——, den des
    vom Körper abtrennbaren Kleinen. Auf diesen*Verbindungswegen

    )) Freud, Gesammelte Schriften. Bd. VIII. S. 555fi'.
    2) Als welches der Kot durchaus vom Kinde behandelt wird.

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 91

    können sich Verschiebungen und Verstärkungen der Libido—
    besetzung vollziehen, die für die Pathologie von Bedeutung sind
    und von der Analyse aufgedeckt werden.

    Die anfängliche Stellungnahme unseres Patienten gegen das
    Problem der Kastration ist uns bekannt geworden. Er verwarf
    sie und blieb auf dem Standpunkt des Verkehrs im After. Wenn
    ich gesagt habe, daß er sie verwarf, so ist die nächste Bedeutung
    dieses Ausdrucks, daß er von ihr nichts wissen wollte im Sinne
    der Verdrängung. Damit war eigentlich kein Urteil über ihre
    Existenz gefällt, aber es war so gut, als ob sie nicht existierte.
    Diese Einstellung kann aber nicht die definitive, nicht einmal
    für die Jahre seiner Kindheitsneurose geblieben sein. Späterhin
    finden sich gute Beweise dafür, daß er die Kastration als Tat-
    sache anerkannt hatte. Er hatte sich auch in diesem Punkte be—
    nommen, wie es für sein Wesen kennzeichnend war, was uns
    allerdings die Darstellung wie die Einfühlung so außerordentlich
    erschwert. Er hatte sichzuerst gesträubt und dann nachgegeben,
    aber die eine Reaktion hatte die andere nicht aufgehoben. Am
    Ende bestanden bei ihm zwei gegensätzliche Strömungen neben»
    einander, von denen die eine die Kastration verabscheute, die
    andere bereit war, sie anzunehmen und sich mit der Weiblich—
    keit als Ersatz zu trösten. Die dritte, älteste und tiefste, welche
    die Kastration einfach verworfen hatte, wobei das Urteil über
    ihre Realität noch nicht in Frage kam, war gewiß auch noch
    aktivierbar. Ich habe von eben diesem Patienten an anderer
    Stelle‘ eine Halluzination aus seinem fünften Jahr erzählt‚ zu
    der ich hier nur einen kurzen Kommentar hinzuzufügen habe:

    „Als ich fünf Jahre alt war, spielte ich im Garten neben
    meiner Kinderfra'u und schnitzelte mit meinem Taschenmesser
    an der Rinde eines jener Nul3bäume, die auch in meinem Traum2

    }) Über fausse reconnaissance („déj'a racenté“) während der psychuanelytischen Arbeit.
    Intern. Zschr. f. ärztliche Psychoanalyse. I, 1915. [Bd. VI. der Gesamtausgabe]

    2) Vgl. Märclienstofle in Träumen. Intern. Zeitschrift für är1tliche Psychoanalyse.
    I, z. Heit. :Bd. IV der Gesamtausgabe]

  • S.

    92 Sigm. Freud

    eine Rolle spielen? Plötzlich bemerkte ich mit unaussprechlichem
    Schrecken, daß ich mir den kleinen Finger der (rechten oder
    linken?) Hand so durchgeschnitten hatte, daß er nur noch an
    der Haut hing Schmerz spürte ich keinen, aber eine große
    Angst. Ich getraute mich nicht, der wenige Schritte entfernten
    Kinderfrau etwas zu sagen, sank auf die nächste Bank und blieb
    da sitzen, unfähig, noch einen Blick auf den Finger zu werfen.
    Endlich wurde ich ruhig, fal3te den Finger ins Auge, und siehe
    da, er war ganz unverletzt.“

    Wir wissen, daß mit 4.‘/= Jahren nach der Mitteilung der
    heiligen Geschichte bei ihm jene intensive Denkarbeit einsetzte,
    die in die Zwangsfrörnmigkeit auslief. Wir dürfen also annehmen,
    daß diese Halluzination in die Zeit fällt, in der er sich zur An—
    erkennung der Realität der Kastration entschloß, und daß sie
    vielleicht gerade diesen Schritt markieren sollte. Auch die kleine
    Korrektur des Patienten ist nicht ohne Interesse. Wenn er das—
    selbe schaurige Erlebnis halluzinierte, das Tasse im „Befreiten
    Jerusalem“ von seinem Helden Tancred berichtet, so ist wohl
    die Deutung gerechtfertigt, daß auch für meinen kleinen Patienten
    der Baum ein Weib bedeutete. Er spielte also dabei den Vater
    und brachte die ihm bekannten Blutungen der Mutter mit der
    von ihm erkannten Kastration der Frauen, „der Wunde“, in
    Beziehung.

    Die Anregung zur Halluzination vom abgeschnittenen Finger
    gab ihm, wie er später berichtete, die Erzählung, daß einer Ver—
    wandten, die mit sechs Zehen geboren wurde, dieses überzählige
    Glied gleich nachher mit einem Beil abgehackt wurde. Die
    Frauen hatten also keinen Penis, weil er ihnen bei der Geburt
    abgenommen werden war. Auf diesem Wege akzeptierte er zur Zeit

    )) Korrektur bei späterer Erzählung: „Ich glaube, ich schnitt nicht in den Baum.
    Das ist eine Verschmelzung mit einer anderen Erinnerung, die auch halluzinatorilch
    gefälscht sein muß, daß ich in einen Baum einen Schnitt mit dem Messer machte
    und daß dabei Blut aus dem Baume kam.“

  • S.

    Aus der Geschichte einer infanzüen Neurare 95

    der Zwangsneurose, was er schon während des Traumvorganges
    erfahren und damals durch Verdrängung von sich gewiesen hatte.
    Auch die rituelle Beschneidung Christi, wie der Juden überhaupt,
    konnte ihm während der Lektüre der heiligen Geschichte und
    der Gespräche über sie nicht unbekannt bleiben.

    Es ist ganz unzweifelhaft, daß ihm um diese Zeit der Vater zu
    jener Schreckensperson wurde, von der die Kastration droht. Der
    grausame Gott, mit dem er damals rang, der die Menschen schuldig
    werden läßt, um sie dann zu bestrafen, der seinen Sohn und
    die Söhne der Menschen opfert, warf seinen Charakter auf den
    Vater zurück, den er anderseits gegen diesen Gott zu verteidigen
    suchte. Der Knabe hat hier ein phylogenetisches Schema zu er-
    füllen und bringt es zu Stande, wenngleich seine persönlichen
    Erlebnisse nicht dazu stimmen mögen. Die Kastrationsdrohungen
    oder Andeutungen, die er erfahren hatte, waren vielmehr von
    Frauen ausgegangen,“ aber das konnte das Endergebnis nicht für
    lange aufhalten. Am Ende wurde es doch der Vater, von dem
    er die Kastration befürchtete. In diesem Punkte siegte die Here—
    dität über das akzidentelle Erleben; in der Vorgeschichte der
    Menschheit ist es gewiß der Vater gewesen, der die Kastration
    als Strafe übte und sie dann zur Beschneidung ermäßigte. Je
    weiter er auch im Verlauf des Prozesses der Zwangsneurose in
    der Verdrängung der Sinnlichkeit kam,2 desto natürlicher mußte
    es ihm werden, den Vater, den eigentlichen Vertreter der sinn—
    lichen Betätigung, mit solchen bösen Absichten auszustatten.

    Die Identifizierung des Vaters mit dem Kastrator5 wurde be—
    deutungsvoll als die Quelle einer intensiven, bis zum Todeswunsch

    1 “'ir wissen’es von der Neu] und werden es von einer anderen Frau noch
    ]

    erfuhren.

    1) Siehe die Belege dafür S. _-5.

    5) Zu den quälendsten, aber auch groteskesten Symptomen seines späteren Leidens
    gehörte sein Verhältnis zu jedem —- Schneider, bei dem er ein Kleidungsstück ben.th
    halle. sein Respekt und seine Schüchternheit vor dieser hohen Person. seine Versuche.
    sie durch unmäßige Trinkgelder für sich ein-zunehmen, und seine Verzweiflung über
    den Erfolg der Arbeit. wie immer sie ausgefallen sein mochte.

  • S.

    94 Sign:. Freud

    gesteigerten, unbewußten Feindseligkeit gegen ihn und der dar“-
    auf reagierenden Schuldgefühle. Soweit benahm er sich aber
    normal, d. h. wie jeder Neurotiker, der von einem positiven
    Ödipuskomplex besessen ist. Das Merkwürdige war dann, daß
    auch hiefür bei ihm eine Gegenströmung existierte, bei der der
    Vater vielmehr der Kastrierte war und als solcher sein Mitleid
    herausforderte.

    Ich habe bei der Analyse des Atemzeremoniells beim Anblick
    von Krüppeln, Bettlern usw. zeigen können, daß auch dieses
    Symptom auf den Vater zurückging, der ihm als Kranker bei
    dem Besuch in der Anstalt leid getan hatte. Die Analyse ge-
    stattete, diesen Faden noch weiter zurückzuverfolgen. Es gab
    in sehr früher Zeit, wahrscheinlich noch vor der Verführung
    (5%, Jahre) auf dem Gute einen armen Taglöhner, der das Wasser
    ins Haus zu tragen hatte. Er konnte nicht sprechen, angeblich
    weil man ihm die Zunge abgeschnitten hatte. Wahrscheinlich
    war es ein Taubstummer. Der Kleine liebte ihn sehr und be-
    dauerte ihn von Herzen. Als er gestorben war, suchte er ihn
    am Himmel.‘ Das war also der erste von ihm bemitleidete
    Krüppel; nach dem Zusammenhang und der Anreihung in der
    Analyse unzweifelhaft ein Vaterersatz.

    Die Analyse schloß an ihn die Erinnerung an andere ihm
    sympathische Diener an, von denen er hervorhob, daß sie kränk-
    lich oder Juden (Beschneidung!) gewesen waren. Auch der Lakai,—
    der ihn bei seinem Malheur mit 4.‘/= Jahren reinigen half, war
    ein Jude und schwindsüchtig und genoß sein Mitleid. Alle diese
    Personen fallen in die Zeit vor dem Besuch des Vaters im Sana-
    torium, also vor die Symptombildung, die vielmehr durch das
    Ausatmen eine Identifizierung mit den Bedauerten fernhalten
    sollte. Dann wandte sich die Analyse plötzlich im Anschluß an\

    I) Ich erwähne in diesem Zusammenhange Träume, die später als der Angsttraum,
    aber noch auf dem ersten Gut vorfielen und die Koimsszene als Vorgang zwischen
    Himmelskörpern darstellten.

  • S.

    Aus der Geschichte einer infantilcn Neurose 95

    einen Traum in die Vorzeit zurück und ließ ihn die Behaup—
    tung aufstellen, daß er bei dem Koitus der Urszene das Ver-
    schwinden des Penis beobachtet, den Vater darum bemitleidet
    und sich über das V'Viedererscheinen des verloren Geglaubten
    gefreut habe. Also eine neue Gefühlsregung, die wiederum von
    dieser Szene ausgeht. Der narzißtische Ursprung des Mitleids,
    für den das Wort selbst spricht, ist hier übrigens ganz unver-

    kennbar.