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I. Aus der Krankengeschichte.
Ein jüngerer Mann von akademischer Bildung führt sich mit
der Angabe ein, er leide an Zwangsvorstellungen schon seit seiner Kindheit,
besonders stark aber seit vier Jahren. Hauptinhalt seines Leidens
seien Befürchtungen, daß zwei Personen, die er sehr liebe, etwas
geschehe, dem Vater und einer Dame, die er verehre. Außerdem ver-
spüre er Zwangsimpulse, wie z. B. sich mit einem Rasiermesser
den Hals abzuschneiden, und produziere Verbote, die sich auch auf gleich-
gültige Dinge beziehen. Er habe durch den Kampf gegen seine Ideen
Jahre verloren und sei darum im Leben zurückgeblieben. Von den ver-
suchten Kuren habe ihm nichts genützt als eine Wasserbehandlung
in einer Anstalt bei **; diese aber wohl nur darum, weil er dort eine
Bekanntschaft machte, die zu regelmäßigem Sexualverkehr führte.
Hier habe er keine solche Gelegenheit, verkehre selten und in unregel-
mäßigen Intervallen. Vor Prostituierten empfinde er Ekel. Sein Sexual-
leben sei überhaupt kümmerlich gewesen, Onanie habe nur eine geringe
Rolle gespielt, im 16. oder 17. Jahre. Seine Potenz sei normal; erster
Koitus mit 26 Jahren.Er macht den Eindruck eines klaren, scharfsinnigen Kopfes.
Von mir befragt, was ihn veranlasse, die Auskünfte über sein Sexual-
leben in den Vordergrund zu rücken, antwortet er, das sei dasjenige,
was er von meinen Lehren wisse. Er habe sonst nichts von meinen
Schriften gelesen, aber vor kurzem beim Blättern in einem Buche
von mir die Aufklärung sonderbarer Wortverknüpfungen gefunden1),
die ihn so sehr an seine eigenen Denkarbeiten mit seinen Ideen gemahnt
hätten, daß er beschlossen habe, sich mir anzuvertrauen.1) Zur Psychopathologie des Alltagslebens. 2. Aufl. 1907.
S.
360
a) Die Einleitung der Behandlung.
Nachdem ich ihm am nächsten Tage auf die einzige Bedingung
der Kur verpflichtet, alles zu sagen, was ihm durch den Kopf gehe,
auch wenn es ihm unangenehm sei, auch wenn es ihm unwichtig,
nicht dazu gehörig oder unsinnig erscheine, und ihm freigestellt,
mit welchem Thema er seine Mitteilungen eröffnen wolle, beginnt er
wie folgt1):Er habe einen Freund, den er außerordentlich hoch stelle. Zu dem
gehe er immer, wenn ihn ein verbrecherischer Impuls plage, und frage
ihn, ob er ihn als Verbrecher verachte. Der Freund halte ihn aufrecht,
indem er ihm versichere, daß er ein tadelloser Mensch sei, der sich
wahrscheinlich von Jugend auf gewöhnt habe, sein Leben unter solchen
Gesichtspunkten zu betrachten. Einen ähnlichen Einfluß habe früher
einmal ein anderer auf ihn geübt, ein Student, der 19 Jahre alt war,
während er 14 oder 15 Jahre war, der Gefallen an ihm fand und sein
Selbstgefühl außerordentlich hob, so daß er sich als Genie vorkommen
durfte. Dieser Student wurde später sein Hauslehrer und änderte dann
plötzlich sein Benehmen, indem er ihn zum Trottel herabsetzte. Er
merkte endlich, daß jener sich für eine seiner Schwestern interessierte
und sich mit ihm nur eingelassen habe, um Zutritt ins Haus zu ge-
winnen. Es war dies die erste große Erschütterung seines Lebens.Er fährt dann wie unvermittelt fort:
b) Die infantile Sexualität.
„Mein Sexualleben hat sehr früh begonnen. Ich erinnere mich
einer Szene aus meinem 4. bis 5. Jahre (vom 6. Jahre an ist meine
Erinnerung überhaupt vollständig), die mir Jahre später klar aufgetaucht
ist. Wir hatten eine sehr schöne junge Gouvernante, Fräulein Peter2).1) Redigiert nach der Niederschrift am Abend des Behandlungstages in
möglichster Anlehnung an die erinnerten Reden des Patienten. – Ich kann nur
davor warnen, die Zeit der Behandlung selbst zur Fixierung des Gehörten zu ver-
wenden. Die Ablenkung der Aufmerksamkeit des Arztes bringt dem Kranken
mehr Schaden, als durch den Gewinn an Reproduktionstreue in der Kranken-
geschichte entschuldigt werden kann.2) Mein Kollege Dr. Alfred Adler gedachte einmal in einem privaten Vor-
trag der besonderen Bedeutung, welche den allerersten Mitteilungen der Patienten
zukommt. Hier ein Beleg dafür. Die einleitenden Worte des Patienten betonen
den Einfluß, den Männer auf ihn ausüben, die Rolle der homosexuellen Objektwahl
in seinem Leben, und lassen gleich darauf ein zweites Motiv anklingen, welches
später bedeutsam hervortreten wird, den Konflikt und Interessengegensatz zwischenS.
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„Die lag eines Abends leicht bekleidet auf dem Sofa und las; ich lag
neben ihr und bat sie um die Erlaubnis, unter ihre Röcke zu kriechen.
Sie erlaubte es, wenn ich niemand etwas davon sagen würde. Sie hatte
wenig an und ich betastete sie an den Genitalien und am Leibe, der
mir kurios vorkam. Seitdem blieb mir eine brennende, peinigende
Neugierde, den weiblichen Körper zu sehen. Ich weiß noch, mit welcher
Spannung ich im Bade, wohin ich noch mit dem Fräulein und den
Schwestern gehen durfte, darauf wartete, bis das Fräulein ausgekleidet
ins Wasser stieg. Mehr erinnere ich vom 6. Jahre an. Wir hatten dann
ein anderes Fräulein, auch jung und schön, die Abszesse am Gesäß
hatte, welche sie abends auszudrücken pflegte. Ich lauerte auf diesen
Moment, um meine Neugierde zu stillen. Ebenso im Bade, obwohl
Fräulein Lina zurückhaltender war als die erste. (Auf eine Zwischenfrage:
Ich schlief nicht regelmäßig in ihrem Zimmer, meist bei den Eltern.)
Ich erinnere eine Szene, bei der ich 7 Jahre gewesen sein muß1). Wir
saßen am Abend, das Fräulein, die Köchin, ein anderes Mädchen, ich
und mein um 1½ Jahre jüngerer Bruder beisammen. Ich vernahm
plötzlich aus dem Gespräche der Mädchen, wie Fräulein Lina sagte:
Mit dem Kleinen könne man das schon machen, aber der Paul (ich)
sei zu ungeschickt, er werde gewiß daneben fahren. Ich verstand nicht
klar, was gemeint war, verstand aber die Zurücksetzung und begann
zu weinen. Lina tröstete mich und erzählte mir, daß ein Mädchen, welches
etwas derartiges mit einem ihr anvertrauten Buben gemacht hatte,
für mehrere Monate eingesperrt worden sei. Ich glaube nicht, daß sie
etwas Unrechtes mit mir angestellt hat, aber ich nahm mir viel Freiheiten
gegen sie heraus. Wenn ich zu ihr ins Bett kam, deckte ich sie auf und
rührte sie an, was sie sich ruhig gefallen ließ. Sie war nicht sehr intelligent
und offenbar geschlechtlich sehr bedürftig. 23 Jahre alt, hatte sie schon
ein Kind gehabt, dessen Vater sie später heiratete, so daß sie heute
Frau Hofrat heißt. Ich sehe sie noch oft auf der Straße.“„Ich habe schon mit 6 Jahren an Erektionen gelitten und weiß,
daß ich einmal zur Mutter ging, um mich darüber zu beklagen. Ich weißMann und Weib. Auch daß er die erste schöne Gouvernante mit ihrem Familien-
namen erinnert, welcher zufällig einem männlichen Vornamen gleicht, ist in diesen
Zusammenhang aufzunehmen. In Wiener Bürgerkreisen pflegt man eine Gouver-
nante häufiger bei ihrem Vornamen zu nennen und behält eher diesen im Ge-
dächtnis.1) Er gibt später die Wahrscheinlichkeit zu, daß diese Szene 1 bis 2 Jahre
später vorfiel.S.
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auch, daß ich dabei Bedenken zu überwinden hatte, denn ich ahnte
den Zusammenhang mit meinen Vorstellungen und meiner Neugierde
und hatte damals eine Zeit lang die krankhafte Idee, die Eltern
wüßten meine Gedanken, was ich mir so erklärte, daß ich
sie ausgesprochen, ohne es aber selbst zu hören. Ich sehe
hierin den Beginn meiner Krankheit. Es gab Personen, Mädchen,
die mir sehr gefielen, und die ich mir dringendst nackt zu sehen
wünschte. Ich hatte aber bei diesen Wünschen ein unheimliches
Gefühl, als müßte etwas geschehen, wenn ich das dächte,
und ich müßte allerlei tun, um es zu verhindern.“(Als Probe dieser Befürchtungen gibt er auf Befragen an: Z. B.
mein Vater würde sterben.) „Gedanken an den Tod des Vaters
haben mich frühzeitig und durch lange Zeit beschäftigt und sehr traurig
gestimmt.“Ich vernehme bei dieser Gelegenheit mit Erstaunen, daß sein Vater,
um den sich doch seine heutigen Zwangsbefürchtungen kümmern,
schon vor mehreren Jahren gestorben ist.Was unser Patient in der ersten Stunde der Behandlung aus
seinem 6. oder 7. Jahre schildert, ist nicht nur, wie er meint, der Beginn
der Krankheit, sondern bereits die Krankheit selbst. Eine vollständige
Zwangsneurose, der kein wesentliches Element mehr abgeht, zugleich
der Kern und das Vorbild des späteren Leidens, der Elementar-
organismus gleichsam, dessen Studium allein uns das Verständnis
der komplizierten Organisation der heutigen Erkrankung vermitteln
kann. Wir sehen das Kind unter der Herrschaft einer sexuellen Trieb-
komponente, der Schaulust, deren Ergebnis der mit großer Intensität
immer wieder von neuem auftretende Wunsch ist, weibliche Personen,
die ihm gefallen, nackt zu sehen. Dieser Wunsch entspricht der späteren
Zwangsidee; wenn er den Zwangscharakter noch nicht hat, so kommt
dies daher, daß das Ich sich noch nicht in vollen Widerspruch zu ihm
gesetzt hat, ihn nicht als fremd verspürt, doch regt sich bereits von
irgendwoher ein Widerspruch gegen diesen Wunsch, denn ein peinlicher
Affekt begleitet regelmäßig das Auftauchen desselben1). Ein Konflikt
ist offenbar in dem Seelenleben des kleinen Lüsternen vorhanden;
neben dem Zwangswunsch steht eine Zwangsbefürchtung innig an
den Wunsch geknüpft: so oft er so etwas denke, muß er fürchten, es
werde etwas Schreckliches geschehen. Dies Schreckliche kleidet sich1) Es sei daran erinnert, daß man den Versuch gemacht hat, Zwangs-
vorstellungen ohne Rücksicht auf die Affektivität zu erklären!S.
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bereits in eine charakteristische Unbestimmtheit, die fortan in den
Äußerungen der Neurose niemals fehlen wird. Doch ist es beim Kinde
nicht schwer, das durch solche Unbestimmtheit Verhüllte aufzufinden.
Kann man für irgend eine der verschwommenen Allgemeinheiten der
Zwangsneurose ein Beispiel erfahren, so sei man sicher, dies Beispiel
ist das Ursprüngliche und Eigentliche selbst, das durch die Verall-
gemeinerung versteckt werden sollte. Die Zwangsbefürchtung lautete
also, ihrem Sinne nach wiederhergestellt: Wenn ich den Wunsch
habe, eine Frau nackt zu sehen, muß mein Vater sterben.
Der peinliche Affekt nimmt deutlich die Färbung des Unheimlichen,
Abergläubischen an und gibt bereits Impulsen den Ursprung, etwas
zur Abwendung des Unheiles zu tun, wie sie sich in den späteren Schutz-
maßregeln durchsetzen werden.Also: ein erotischer Trieb und eine Auflehnung gegen ihn, ein
(noch nicht zwanghafter) Wunsch und eine (bereits zwanghafte) ihr
widerstrebende Befürchtung, ein peinlicher Affekt und ein Drang zu
Abwehrhandlungen, das Inventar der Neurose ist vollzählig. Ja es ist
noch etwas anderes vorhanden, eine Art von Delir- oder Wahn-
bildung sonderbaren Inhalts: die Eltern wüßten seine Gedanken,
weil er sie ausspreche, ohne sie selbst zu hören. Wir werden kaum irre
gehen, wenn wir in diesem kindlichen Erklärungsversuch eine Ahnung
jener merkwürdigen seelischen Vorgänge vernehmen, die wir unbewußte
heißen und deren wir zur wissenschaftlichen Aufhellung des dunklen
Sachverhaltes nicht entraten können. „Ich spreche meine Gedanken aus,
ohne sie zu hören“ klingt wie eine Projektion nach außen unserer
eigenen Annahme, daß er Gedanken hat, ohne etwas von ihnen zu
wissen, wie eine endopsychische Wahrnehmung des Verdrängten.Wir erkennen es nämlich klar: Diese infantile Elementarneurose
hat bereits ihr Problem und ihre scheinbare Absurdität wie jede kom-
plizierte Neurose eines Erwachsenen. Was soll es heißen, daß der Vater
sterben muß, wenn im Kinde jener lüsterne Wunsch rege wird? Ist das
barer Unsinn oder gibt es Wege, diesen Satz zu verstehen, ihn als not-
wendiges Ergebnis früherer Vorgänge und Voraussetzungen zu er-
fassen?Wenn wir anderswo gewonnene Einsichten auf diesen Fall von
Kinderneurose anwenden, so müssen wir vermuten, daß auch hier, also
vor dem 6. Jahre, traumatische Erlebnisse, Konflikte und Verdrängungen
vorgefallen sind, die selbst der Amnesie verfielen, aber als Residuum
diesen Inhalt der Zwangsbefürchtung zurückgelassen haben. Wir werdenS.
364
späterhin erfahren, wie weit es uns möglich ist, diese vergessenen Er-
lebnisse wieder aufzufinden oder mit einiger Sicherheit zu konstruieren.
Unterdes wollen wir noch als ein wahrscheinlich nicht gleichgültiges
Zusammentreffen betonen, daß die Kindheitsamnesie unseres Patienten
gerade mit dem 6. Jahre ihr Ende erreicht.Einen derartigen Beginn einer chronischen Zwangsneurose in
der frühen Kindheit mit solch lüsternen Wünschen, an die unheimliche
Erwartungen und Neigung zu Abwehrhandlungen geknüpft sind,
kenne ich von mehreren anderen Fällen. Er ist absolut typisch, wenn
auch wahrscheinlich nicht der einzig mögliche Typus. Noch ein Wort
über die sexuellen Früherlebnisse des Patienten, ehe wir zum Inhalte
der zweiten Sitzung übergehen. Man wird sich kaum sträuben, sie
als besonders reichhaltig und wirkungsvoll zu bezeichnen. So ist es aber
auch in den anderen Fällen von Zwangsneurose, die ich analysieren
konnte. Der Charakter der vorzeitigen sexuellen Aktivität wird im
Gegensatze zur Hysterie hier niemals vermißt. Die Zwangsneurose
läßt viel deutlicher als die Hysterie erkennen, daß die Momente, welche
die Psychoneurose formen, nicht im aktuellen, sondern im infantilen
Sexualleben zu suchen sind. Das gegenwärtige Sexualleben der Zwangs-
neurotiker kann dem oberflächlichen Erforscher oft völlig normal er-
scheinen; es bietet häufig weit weniger pathogene Momente und Ab-
normitäten als gerade bei unserem Patienten.c) Die große Zwangsbefürchtung.
„Ich denke, heute will ich mit dem Erlebnisse beginnen, welches
der direkte Anlaß für mich war, Sie aufzusuchen. Es war im August
während der Waffenübung in **. Ich war vorher elend und hatte mich
mit allerlei Zwangsgedanken gequält, die aber während der Übung
bald zurücktraten. Es hat mich interessiert, den Berufsoffizieren zu
zeigen, daß man nicht nur etwas gelernt hat, sondern auch etwas aus-
halten kann. Eines Tages machten wir einen kleinen Marsch von * aus.
Auf der Rast verlor ich meinen Zwicker, und obwohl ich ihn leicht hätte
finden können, wollte ich doch den Aufbruch nicht verzögern und ver-
zichtete auf ihn, telegraphierte aber an meinen Optiker nach Wien,
er solle mir umgehend einen Ersatz schicken. Auf derselben Rast nahm
ich Platz zwischen zwei Offizieren, von denen einer ein Hauptmann mit
tschechischem Namen für mich bedeutungsvoll werden sollte. Ich hatte
eine gewisse Angst vor dem Manne, denn er liebte offenbar dasS.
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Grausame. Ich will nicht behaupten, daß er schlecht war, aber er war
während der Offiziersmenage wiederholt fiir die Einführung der Prügel-
strafe eingetreten, so daß ich ihm energisch hatte widersprechen müssen.
Auf dieser Rast nun kamen wir ins Gespräch und der Hauptmann
erzählte, daß er von einer besonders schrecklichen Strafe im Orient
gelesen habe . . . . . .“Hier unterbricht er sich, steht auf und bittet mich, ihm die
Schilderung der Details zu erlassen. Ich versichere ihm, daß ich selbst
gar keine Neigung zur Grausamkeit habe, ihn gewiß nicht gerne quälen
wolle, daß ich ihm natürlich aber nichts schenken könne, worüber ich
keine Verfügung habe. Ebensogut könne er mich bitten, ihm zwei
Kometen zu schenken. Die Überwindung von Widerständen sei ein
Gebot der Kur, über das wir uns unmöglich hinwegsetzen könnten.
(Den Begriff „Widerstand“ hatte ich ihm zu Anfang dieser Stunde
vorgetragen, als er sagte, er habe vieles in sich zu überwinden, wenn
er sein Erlebnis mitteilen solle.) Ich fuhr fort: Was ich aber tun könnte,
um etwas von ihm Angedeutetes voll zu erraten, das solle geschehen.
Ob er etwa die Pfählung meine? – Nein, das nicht, sondern der Ver-
urteilte werde angebunden; – er drückte sich so undeutlich aus, daß
ich nicht sogleich erraten konnte, in welcher Stellung – über sein Gesäß
ein Topf gestülpt, in diesen dann Ratten eingelassen, die sich –
er war wieder aufgestanden und gab alle Zeichen des Grausens und
Widerstandes von sich – einbohrten.“ In den After, durfte ich
ergänzen.Bei allen wichtigeren Momenten der Erzählung merkt man an
ihm einen sehr sonderbar zusammengesetzten Gesichtsausdruck, den
ich nur als Grausen vor seiner ihm selbst unbekannten Lust
auflösen kann. Er fährt mit allen Schwierigkeiten fort: „In dem
Momente durchzuckte mich die Vorstellung, daß dies mit einer
mir teueren Person geschehe1).“ Auf direktes Befragen gibt er an,
daß nicht etwa er selbst diese Strafe vollziehe, sondern daß sie unper-
sönlich an ihr vollzogen werde. Nach kurzem Raten weiß ich, daß es
die von ihm verehrte Das war, auf die sich jene „Vorstellung“ bezog.Er unterbricht die Erzählung, um mir zu versichern, wie fremd
und feindselig sich diese Gedanken ihm gegenüberstellen, und mit welch
außerordentlicher Raschheit alles in ihm abläuft, was sich weiter an1) Er sagt: Vorstellung, die stärkere und wichtigere Bezeichnung Wunsch
respektive Befürchtung ist offenbar durch Zensur gedeckt. Die eigentümliche
Unbestimmtheit aller seiner Reden kann ich leider nicht wiedergeben.S.
366
sie knüpft. Mit der Idee gleichzeitig ist auch stets die „Sanktion“ da,
d. h. die Abwehrmaßregel, der er folgen muß, damit sich eine solche
Phantasie nicht erfülle. Als der Hauptmann von jener gräßlichen Strafe
sprach und jene Ideen in ihm aufstiegen, gelang es ihm, sich beider
noch mit seinen gewöhnlichen Formeln zu erwehren, mit einem „aber“,
das von einer wegwerfenden Handbewegung begleitet ist, und mit der
Rede „Was fällt dir denn ein“.Der Plural machte mich stutzig, sowie er auch dem Leser un-
verständlich geblieben sein wird. Wir haben ja bisher nur von der einen
Idee gehört, daß an der Dame die Rattenstrafe vollzogen werde. Nun
muß er zugestehen, daß gleichzeitig die andere Idee in ihm auftauchte,
die Strafe treffe auch seinen Vater. Da sein Vater vor vielen Jahren ge-
storben ist, diese Zwangsbefürchtung also noch viel unsinniger ist als
die erste, versuchte sie sich noch eine Weile vor dem Eingeständnis
zu bergen.Am nächsten Abend überreichte ihm derselbe Hauptmann ein
mit der Post angelangtes Paket und sagte: Der Oberleutnant A.1) hat
die Nachnahme für dich ausgelegt. Du mußt sie ihm zurückgeben.
In dem Paket befand sich der telegraphisch bestellte Zwicker. In dem
Moment aber gestaltete sich ihm eine „Sanktion“: Nicht das Geld
zurückgeben, sonst geschieht das (d. h. die Phantasie von den Ratten
verwirkliche sich an Vater und Dame). Und nach einem ihm bekannten
Typus erhob sich sofort zur Bekämpfung dieser Sanktion ein Gebot
wie ein Eidschwur: Du mußt dem Oberleutnant A. die Kronen
3.80 zurückgeben, was er beinahe halblaut vor sich hinsagte.Zwei Tage später hatte die Waffenübung ihr Ende gefunden.
Die Zeit bis dahin füllte er mit Bemühungen aus, dem Oberleutnant A.
die kleine Summe zurückzustellen, wogegen sich immer mehr Schwierig-
keiten anscheinend objektiver Natur erhoben. Zunächst versuchte
er die Zahlung durch einen andern Offizier zu leisten, der zur Post
ging, war aber sehr froh, als dieser ihm das Geld mit der Erklärung
zurückbrachte, er habe den Oberleutnant A. nicht auf der Post an-
getroffen, denn dieser Modus der Eiderfüllung befriedigte ihn nicht,
weil er dem Wortlaute: Du mußt dem Oberleutnant A. das Geld zurück-
geben, nicht entsprach. Endlich traf er die gesuchte Person A., die aber
das Geld mit dem Bemerken zurückwies, sie habe nichts für ihn ausgelegt,
sie habe überhaupt nicht die Post, sondern Oberleutnant B. Er war1) Die Namen sind hier fast indifferent.
S.
367
nun sehr betroffen, daß er seinen Eid nicht halten könne, weil dessen
Voraussetzung falsch sei, und klügelte sich sehr sonderbare Auskünfte
aus: Er werde mit beiden Herren A. und B. zur Post gehen, dort werde A.
dem Postfräulein Kronen 3.80 geben, das Postfräulein diese dem B.,
und er werde nach dem Wortlaute des Eides dann dem A. die Kronen
3.80 zurückgeben.Ich werde mich nicht verwundern, wenn das Verständnis der
Leser an dieser Stelle versagt, denn auch die ausführliche Darstellung,
die mir der Patient von den äußeren Vorgängen dieser Tage und seiner
Reaktionen auf sie gab, litt an inneren Widersprüchen und klang heil-
los verworren. Erst bei einer dritten Erzählung gelang es, ihn zur Einsicht
in diese Unklarheiten zu bringen, und die Erinnerungstäuschungen
und Verschiebungen bloßzulegen, in die er sich begeben hatte. Ich er-
spare mir die Wiedergabe dieser Details, von denen wir das Wesentliche
bald nachholen können, und bemerke noch, daß er sich am Ende dieser
zweiten Sitzung wie betäubt und verworren benahm. Er sprach mich
wiederholt „Herr Hauptmann“ an, wahrscheinlich, weil ich zu Eingang
der Stunde bemerkt hatte, ich sei selbst kein Grausamer wie der Haupt-
mann M. und habe nicht die Absicht ihn unnötigerweise zu quälen.Ich erhielt von ihm in dieser Stunde nur noch die Aufklärung,
daß er von Anfang an, auch bei allen früheren Befürchtungen, daß
seinen Lieben etwas geschehen werde, diese Strafen nicht allein in
die Zeitlichkeit, sondern auch in die Ewigkeit, ins Jenseits verlegt habe.
Er war bis zum 14. oder 15. Jahre sehr gewissenhaft religiös gewesen,
von wo an er sich bis zu seinem heutigen Freidenkertum entwickelt hatte.
Er gleiche den Widerspruch aus, indem er sich sage: Was weißt du
vom Leben im Jenseits? Was wissen die anderen davon? Man kann ja
doch nichts wissen, du riskierst ja nichts, also tu’s. Diese Schlußweise
hält der sonst so scharfsinnige Mann für einwandfrei und nützt die
Unsicherheit der Vernunft in dieser Frage solcher Art zugunsten der
überwundenen frommen Weltanschauung aus.In der dritten Sitzung beendigt er die sehr charakteristische
Erzählung seiner Bemühungen, den Zwangseid zu erfüllen: Am Abende
fand die letzte Zusammenkunft der Offiziere vor dem Schlusse der
Waffenübung statt. Ihm fiel es zu, für den Toast auf „die Herren von
der Reserve“ zu danken. Er sprach gut, aber wie im Schlafwandel,
denn im Hintergrunde plagte ihn immer sein Eid. Die Nacht war ent-
setzlich; Argumente und Gegenargumente bekämpften einander;
Hauptargument war natürlich, daß die Voraussetzung seines Eides,S.
368
Oberleutnant A. habe das Geld für ihn gezahlt, ja nicht zuträfe. Aber
er tröstete sich damit, daß es ja noch nicht vorüber sei, da A. den mor-
gigen Ritt zur Bahnstation P. bis zu einer gewissen Stelle mitmachen
werde, so daß er Zeit haben werde, ihn um die Gefälligkeit anzusprechen.
Er tat es nun nicht, ließ A. abschwenken, gab aber doch seinem Burschen
den Auftrag, ihm seinen Besuch für den Nachmittag anzukündigen.
Er selbst gelangte um ½10 Uhr vormittags zum Bahnhofe, legte sein
Gepäck ab, machte in der kleinen Stadt allerlei Besorgungen und nahm
sich vor, darauf den Besuch bei A. zu machen. Das Dorf, in dem A.
stationiert war, lag etwa eine Stunde mit dem Wagen von der Stadt P.
entfernt. Die Eisenbahnfahrt nach dem Orte, wo sich das Postamt
befand, hätte drei Stunden betragen; so meinte er, es würde noch gerade
gelingen, nach Ausführung seines komplizierten Planes den von P.
nach Wien abgehenden Abendzug zu erreichen. Die Ideen, die sich
bekämpften, lauteten einerseits: es sei doch eine Feigheit von ihm,
er wolle sich offenbar nur die Unbequemlichkeit ersparen, von A.
dieses Opfer zu verlangen und vor ihm als Narr dazustehen, und setze
sich deshalb über seinen Eid hinweg; anderseits: es sei im Gegenteile
eine Feigheit, wenn er den Eid ausführe, da er sich dadurch nur Ruhe
vor den Zwangsvorstellungen schaffen wolle. Wenn in einer Überlegung
die Argumente einander so die Wage hielten, so lasse er sich gewöhnlich
von zufälligen Ereignissen wie von Gottesurteilen treiben. Darum
sagte er: Ja, als ein Gepäckträger ihn auf dem Bahnhofe fragte: Zum
Zug um 10 Uhr, Herr Leutnant?, fuhr um 10 Uhr ab und hatte so ein
fait accompli geschaffen, das ihn sehr erleichterte. Beim Kon-
dukteur des Speisewagens nahm er noch eine Marke für die Table d'hôte.
In der ersten Station fiel ihm plötzlich ein, jetzt könne er noch aus-
steigen, den Gegenzug abwarten, mit diesem nach P. und an den Ort,
wo Oberleutnant A. sich aufhielt, fahren, mit ihm dann die dreistündige
Bahnfahrt zum Postamt machen usf. Nur die Rücksicht auf die Zusage,
die er dem Kellner gegeben, hielt ihn von der Ausführung dieser Absicht
ab; er gab sie aber nicht auf, sondern verschob das Aussteigen auf eine
spätere Station. So schlug er sich von Station zu Station durch, bis
er zu einer gelangte, in welcher ihm das Aussteigen unmöglich erschien,
weil er dort Verwandte hatte, und er beschloß nach Wien durchzufahren,
dort seinen Freund aufzusuchen, ihm die Sache vorzutragen und nach
dessen Entscheidung noch mit dem Nachtzug nach P. zurückzufahren.
Meinem Zweifel, ob das zusammengegangen wäre, begegnet er mit der
Versicherung, er hätte zwischen der Ankunft des einen und der AbfahrtS.
369
des andern Zuges eine halbe Stunde frei gehabt. In Wien angelangt,
traf er den Freund aber nicht in dem Gasthause, wo er ihn zu treffen
erwartet hatte, kam erst um 11 Uhr abends in die Wohnung seines
Freundes und trug ihm noch in der Nacht seine Sache vor. Der Freund
schlug die Hände zusammen, daß er noch immer zweifeln könne, ob es
eine Zwangsvorstellung gewesen sei, beruhigte ihn für diese Nacht,
so daß er ausgezeichnet schlief, und ging mit ihm am nächsten Vor-
mittag zur Post, um die Kronen 3.80 – an die Adresse des Postamtes,
woselbst das Zwickerpaket angekommen war, aufzugeben.Letztere Mitteilung gab mir den Anhaltspunkt, die Entstellungen
seiner Erzählung zu entwirren. Wenn er, durch den Freund zur Besinnung
gebracht, die kleine Summe nicht an Oberleutnant A. und nicht an
Oberleutnant B., sondern ans Postamt direkt absandte, so mußte er
ja wissen und schon bei seiner Abreise gewußt haben, daß er niemand
anderem als dem Postbeamten die Nachnahmegebühr schuldig ge-
blieben sei. Es ergab sich wirklich, daß er dies schon vor der Aufforderung
des Hauptmannes und vor seinem Eide gewußt hatte, denn er erinnerte
sich jetzt, daß er einige Stunden vor der Begegnung mit dem grausamen
Hauptmanne Gelegenheit hatte, sich einem andern Hauptmann
vorzustellen, der ihm den richtigen Sachverhalt mitgeteilt hatte. Dieser
Offizier erzählte ihm, als er seinen Namen hörte, er sei vor kurzem
auf dem Postamt gewesen und vom Postfräulein befragt worden,
ob er einen Leutnant H. (eben unseren Patienten) kenne, für den
ein Paket mit Nachnahme angekommen sei. Er erwiderte verneinend,
aber das Fräulein meinte, sie habe Zutrauen zu dem unbekannten
Leutnant und werde unterdes die Gebühr selbst erlegen. Auf diese
Weise kam unser Patient in den Besitz des von ihm bestellten Zwickers.
Der grausame Hauptmann beging einen Irrtum, als er bei der Ein-
händigung des Pakets mahnte, die Kronen 3.80 dem A. zurückzugeben.
Unser Patient mußte wissen, daß dies ein Irrtum sei. Trotzdem leistete
er den sei diesem Irrtum gegründeten Schwur, der ihm zur Qual werden
mußte. Die Episode des andern Hauptmannes und die Existenz des
vertrauensvollen Postfräuleins hatte er dabei sich und in der Widergabe
auch mir unterschlagen. Ich gebe zu, daß sein Benehmen nach dieser
Richtigstellung noch unsinniger und unverständlicher wird als vorher.Nachdem er seinen Freund verlassen hatte und zu seiner Familie
zurückgekehrt war, befielen ihn die Zweifel von neuem. Die Argumente
seines Freundes seien ja keine anderen gewesen als seine eigenen, und er
täuschte sich nicht darüber, daß die zeitweilige Beruhigung nur aufS.
370
den persönlichen Einfluß des Freundes zurückzuführen war. Der Entschluß,
einen Arzt aufzusuchen, wurde auf folgende geschickte Art in das Delir
verwoben. Er werde sich von einem Arzte ein Zeugnis ausstellen lassen,
daß er eines solchen Aktes, wie er ihn mit Oberleutnant A. ausgedacht,
zu seiner Herstellung bedürfe, und dieser werde sich durch das Zeugnis
gewiß bewegen lassen, die Kronen 3.80 von ihm anzunehmen. Der
Zufall, der ihm gerade damals ein Buch von mir in die Hand spielte,
lenkte seine Wahl auf mich. Bei mir war aber von jenem Zeugnis nicht
die Rede, er forderte sehr verständig nur die Befreiung von seinen
Zwangsvorstellungen. Viele Monate später tauchte auf der Höhe des
Widerstandes wieder einmal die Versuchung auf, doch nach P. zu
fahren, den Oberleutnant A., aufzusuchen und mit ihm die Komödie
des Geldzurückgebens aufzuführen.d) Die Einführung ins Verständnis der Kur.
Man erwarte nicht, so bald zu hören, was ich zur Aufhellung
dieser sonderbar unsinnigen Zwangsvorstellung (von den Ratten)
vorzubringen habe; die richtige psychoanalytische Technik heißt den
Arzt seine Neugierde unterdrücken und läßt dem Patienten die freie
Verfügung über die Reihenfolge der Themata. in der Arbeit. Ich empfing
also den Patienten in der vierten Sitzung mit der Frage: Wie werden
Sie nun fortfahren?„Ich habe mich entschlossen, Ihnen mitzuteilen, was ich für
sehr bedeutsam halte und was mich von Anbeginn an quält.“ Er erzählt
nun sehr breit die Krankengeschichte seines Vaters, der vor 9 Jahren
an Emphysem verstarb. Eines Abends fragte er in der Meinung, es sei
ein krisenhafter Zustand, den Arzt, wann die Gefahr als beseitigt gelten
könnte. Die Antwort lautete: Übermorgen abends. Es kam ihm nicht in
den Sinn, daß der Vater diesen Termin nicht erleben könnte. Er legte
sich um ½12 Uhr nachts für eine Stunde zu Bette, und als er um 1Uhr
erwachte, hörte er von einem ärztlichen Freunde, der Vater sei ge-
storben. Er machte sich den Vorwurf, daß er beim Tode nicht zugegen
gewesen sei, der sich verstärkte, als ihm die Pflegerin mitteilte, der
Vater habe in den letzten Tagen einmal seinen Namen genannt und an
sie, als sie zu ihm trat, die Frage gerichtet: Sind Sie der Paul? Er glaubte
bemerkt zu haben, daß die Mutter und die Schwestern sich ähnliche
Vorwürfe machen wollten; sie sprachen aber nicht darüber. Der Vorwurf
war aber zunächst kein quälender; er realisierte lange Zeit die TatsacheS.
371
seines Todes nicht; es passierte ihm immer wieder, daß er sich, wenn
er einen guten Witz gehört hatte, sagte: Das muß ich dem Vater er-
zählen. Auch spielte seine Phantasie mit dem Vater, so daß er häufig,
wenn es an die Tür klopfte, meinte: Jetzt kommt der Vater, wenn
er ein Zimmer betrat, erwartete den Vater darin zu finden, und wiewohl
er die Tatsache seines Todes nie vergaß, hatte die Erwartung solcher
Geistererscheinung nichts Schreckhaftes, sondern etwas höchst Er-
wünschtes für ihn. Erst 1½ Jahre später erwachte die Erinnerung
an sein Versäumnis und begann ihn entsetzlich zu quälen, so daß er
sich als Verbrecher behandelte. Veranlassung war der Tod einer an-
geheirateten Tante und sein Besuch im Trauerhause. Von da an fügte
er seinem Gedankengebäude die Fortsetzung ins Jenseits an. Schwere
Arbeitsunfähigkeit war die nächste Folge dieses Anfalles1). Da er er-
zählt, nur die Tröstungen seines Freundes hätten ihn damals aufrecht
gehalten, der diese Vorwürfe immer als arg übertrieben zurückgewiesen,
bediene ich mich dieses Anlasses, um ihm den ersten Einblick in die
Voraussetzungen der psychoanalytischen Therapie zu geben. Wenn eine
Mesalliance zwischen Vorstellungsinhalt und Affekt, also zwischen
Größe des Vorwurfes und Anlaß des Vorwurfes vorliegt, so würde der
Laie sagen, der Affekt sei zu groß für den Anlaß, also übertrieben,
die aus dem Vorwurfe gezogene Folgerung, ein Verbrecher zu sein,
sei also falsch. Der Arzt sagt im Gegenteile: Nein, der Affekt ist berechtigt,
das Schuldbewußtsein ist nicht weiter zu kritisieren, aber es gehört
zu einem andern Inhalte, der nicht bekannt (unbewußt) ist und der
erst gesucht werden muß. Der bekannte Vorstellungsinhalt ist nur durch
falsche Verknüng an diese Stelle geraten. Wir sind aber nicht gewohnt,
starke Affekte ohne Vorstellungsinhalt in uns zu verspüren und nehmen
daher bei fehlendem Inhalt einen irgendwie passenden andern als
Surrogat auf, etwa wie unsere Polizei, wenn sie den richtigen Mörder
nicht erwischen kann, einen unrechten an seiner Stelle verhaftet. Die
Tatsache der falschen Verknüpfung erklärt auch allein die Ohnmacht
der logischen Arbeit gegen die peinigende Vorstellung. Ich schließe
dann rnit dem Zugeständnisse, daß sich aus dieser neuen Auffassung1) Ein Verständnis dieser Einwirkung ergibt sich später aus der genaueren
Beschreibung des Anlasses. Der verwitwete Onkel hatte jammernd ausgerufen:
„Andere Männer vergönnen sich alles mögliche, und ich habe nur für diese Frau
gelebt!“ Unser Patient nahm an, der Onkel spiele auf den Vater an und ver-
dächtige dessen eheliche Treue, und obwohl der Onkel diese Deutung seiner Worte
aufs entschiedenste bestritt, war deren Wirkung nicht mehr aufzuheben.S.
372
zunächst große Rätsel ableiten, denn wie solle er seinem Vorwurf,
ein Verbrecher gegen den Vater zu sein, recht geben, wenn er doch
wissen müsse, daß er eigentlich nie etwas Verbrecherisches gegen ihn
begangen habe.Er zeigt dann in der nächsten Sitzung großes Interesse für meine
Darlegungen, gestattet sich aber einige Zweifel vorzubringen: Wie
eigentlich die Mitteilung, daß der Vorwurf, das Schuldbewußtsein,
recht habe, heilend wirken könne? – Nicht diese Mitteilung hat die
Wirkung, sondern die Aufiindung des unbekannten Inhaltes, zu dem der
Vorwurf gehört. – Ja gerade darauf beziehe sich seine Frage. – Ich
erläutere meine kurzen Angaben über die psychologischen Unter-
schiede des Bewußten vom Unbewußten, über die Usur, der
alles Bewußte unterliegt, während das Unbewußte relativ unveränderlich
ist, durch einen Hinweis auf die in meinem Zimmer aufgestellten Anti-
quitäten. Es seien eigentlich nur Grabfunde, die Verschüttung habe
für sie die Erhaltung bedeutet. Pompeji gehe erst jetzt zugrunde,
seitdem es aufgedeckt sei. – Ob es eine Garantie gebe, fragt er weiter,
wie man sich gegen das Gefundene verhalten werde. Der eine, meint er,
wohl so, daß er dann den Vorwurf überwinde, der andere aber nicht. –
Nein, es liege in der Natur der Verhältnisse, daß der Affekt dann jedesmal
meist schon während der Arbeit überwunden werde. Pompeji bestrebe
man sich eben zu erhalten, solche peinigende Ideen wolle man durchaus
los werden. – Er habe sich gesagt, ein Vorwurf kann ja nur durch
Verletzung der eigensten persönlichen Sittengesetze, nicht der äußerlichen,
entstehen. (Ich bestätige, wer bloß die verletzt, fühle sich ja oft als
Held.) Ein solcher Vorgang sei also nur möglich bei einem Zerfalle
der Persönlichkeit, der von Anfang an gegeben sei. Ob er die Einheit
der Persönlichkeit wiedergewinnen werde? In diesem Falle getraue
er sich vieles zu leisten, vielleicht mehr als andere. – Ich darauf: Ich
sei mit dieser Spaltung der Persönlichkeit durchaus einverstanden,
er möge diesen neuen Gegensatz zwischen der sittlichen Person und
dem Bösen nur mit dem vorigen, dem Gegensatze zwischen Bewußtem
und Unbewußtem, zusammenlöten. Die sittliche Person sei das Bewußte,
das Böse unbewußt1). – Er könne sich erinnern, daß er, obwohl er sich
für eine sittliche Person halte, doch ganz bestimmt in seiner Kindheit
Dinge getan habe, die von der andern Person ausgegangen seien. –
Ich meine, er habe da so nebenbei einen Hauptcharakter des Unbewußten1) Das ist alles zwar nur im gröbsten richtig, reicht aber zur Einführung
zunächst hin.S.
373
entdeckt, die Beziehung zum Infantilen. Das Unbewußte sei das
Infantile, und zwar jenes Stück der Person, das sich damals von ihr ab-
gesondert, die weitere Entwicklung nicht mitgemacht habe und darum
verdrängt worden sei. Die Abkömmlinge dieses verdrängten Un-
bewußten seien die Elemente, welche das unwillkürliche Denken unter-
halten, in dem sein Leiden bestehe. Er könne jetzt noch einen Charakter
des Unbewußten entdecken; das wolle ich ihm gerne überlassen. –
Er findet direkt nichts weiteres, dafür äußert er den Zweifel, ob so lange
bestehende Veränderungen rückgängig zu machen seien. Was wolle
man speziell gegen die Idee vom Jenseits tun, die doch logisch nicht
widerlegt werden könne? Ich bestreite die Schwere seines Falles
und die Bedeutung seiner Konstruktionen nicht, aber sein Alter sei
ein sehr günstiges und günstig sei auch die Intaktheit seiner Persön-
lichkeit, wobei ich ein anerkennendes Urteil über ihn ausspreche, das
ihn sichtlich erfreut.In der nächsten Sitzung beginnt er, er müsse etwas Tatsächliches
aus seiner Kindheit erzählen. Nach 7 Jahren hatte er, wie schon erzählt,
die Angst, daß die Eltern seine Gedanken erraten, die ihm eigentlich
durch das weitere Leben verblieben sei. Mit 12 Jahren liebte er ein
kleines Mädchen, Schwester eines Freundes (auf Befragen: nicht sinn-
lich, er wollte sie nicht nackt sehen, sie war zu klein), die aber mit ihm
nicht so zärtlich war, wie er es wünschte. Und da kam ihm die Idee,
daß sie liebevoll mit ihm sein würde, wenn ihn ein Unglück träfe; als
solches drängte sich ihm der Tod des Vaters auf. Er wies diese Idee
sofort energisch zurück, wehrt sich euch jetzt gegen die Möglichkeit,
es könne sich ein „Wunsch“ so geäußert haben. Es war eben nur eine
„Denkverbindung“1). Ich wende ein, wenn es kein Wunsch war, wozu
das Sträuben? Ja, nur wegen des Inhaltes der Vorstellung, daß der
Vater sterben könne. – Ich: Er behandle diesen Wortlaut wie den einer
Majestätsbeleidigung, wobei es bekanntlich ebenso bestraft wird, wenn
jemand sagt: Der Kaiser ist ein Esel, wie wenn er diese verpönten
Worte einkleidet: Wenn jemand sagt . . . . ., so hat er es mit mir zu
tun. Ich könnte ihm ohne weiteres den Vorstellungsinhalt, gegen den
er sich so sträubte, in einen Zusammenhang bringen, der dies Sträuben
ausschließen würde; z. B.: Wenn mein Vater stirbt, töte ich mich auf
seinem Grabe. Er ist erschüttert, ohne seinen Widerspruch zuzugeben,
so daß ich den Streit mit der Bemerkung abbreche, die Idee vom Tode1) Mit solchen Wortabschwächungen gibt sich nicht allein der Zwangs-
neurotiker zufrieden.S.
374
des Vaters sei ja in diesem Falle nicht zum ersten Male aufgetreten,
sie stamme offenbar von früher her, und wir würden ihrer Herkunft
einmal nachspüren müssen. – Er erzählt weiter, ein zweites Mal sei
ihm ein ganz ähnlicher Gedanke blitzähnlich ein halbes Jahr vor dem
Tode des Vaters gekommen. Er war bereits in jene Dame verliebt1),
konnte aber wegen materieller Hindernisse nicht an eine Verbindung
denken. Da habe die Idee gelautet: Durch den Tod des Vaters
werde er vielleicht so reich werden, daß er sie heiraten könne.
In seiner Abwehr ging er dann so weit, daß er wünschte, der Vater
solle gar nichts hinterlassen, damit kein Gewinn diesen für ihn ent-
setzlichen Verlust kompensiere. Ein drittes Mal kam dieselbe Idee,
aber sehr gemildert, am Tage vor dem Tode des Vaters. Er dachte:
Ich kann jetzt mein Liebstes verlieren und dagegen kam der Wider-
spruch: Nein, es gibt noch eine andere Person, deren Verlust dir noch
schmerzlicher wäre2). Er verwundere sich sehr über diese Gedanken,
da er ja ganz sicher sei, der Tod des Vaters könne nie Gegenstand
seines Wunsches gewesen sein, immer nur einer Befürchtung. – Nach
dieser mit voller Stärke ausgesprochenen Rede halte ich es für zweck-
mäßig, ihm ein neues Stückchen der Theorie vorzuführen. Die Theorie
behaupte, daß jede Angst einem ehemaligen, nun verdrängten Wunsch
entspreche, so daß man das gerade Gegenteil von seiner Beteuerung
annehmen müsse. Es stimme dies auch zur Forderung, daß das Un-
bewußte der kontradiktorische Gegensatz des Bewußten sein solle.
Er ist sehr bewegt, sehr ungläubig und wundert sich, wie dieser Wunsch
bei ihm möglich gewesen sein solle, wenn ihm der Vater doch der Liebste
aller Menschen war. Es leide keinen Zweifel, daß er auf jedes persönliche
Glück verzichtet hätte, wenn er dadurch des Vaters Leben hätte retten
können. – Ich antworte, gerade diese intensive Liebe sei die Bedingung
des verdrängten Hasses. Bei indifferenten Personen werde es ihm gewiß
leicht gelingen, die Motive zu einer mäßigen Neigung und ebensolchen
Abneigung nebeneinander zu halten, etwa wenn er Beamter sei und von
seinem Bureauchef denke, er sei ein angenehmer Vorgesetzter, aber
ein kleinlicher Jurist und inhumaner Richter. Ähnlich sage doch Brutus
über Cäsar bei Shakespeare (III, 2): „Weil Cäsar mich liebte,
wein’ ich um ihn; weil er glücklich war, freue ich mich; weil er tapfer
war, ehr’ ich ihn; aber weil er herrschsüchtig war, erschlug ich ihn.“1) Vor zehn Jahren!
2) Ein Gegensatz zwischen den beiden geliebten Personen, Vater und
„Dame“, ist hier unverkennbar angezeigt.S.
375
Und diese Rede wirke bereits befremdend, weil wir uns des Brutus Affektion
für Cässr intensiver vorgestellt haben. Bei einer Person, die ihm näher
stehe, seiner Frau etwa, werde er das Bestreben nach einer einheit-
lichen Empfindung haben und darum, wie allgemein menschlich, ihre
Fehler, die seine Abneigung hervorrufen könnten, vernachlässigen,
wie verblendet übersehen. Also gerade die große Liebe lasse es nicht zu,
daß der Haß (karikiert so bezeichnet), der wohl irgend eine Quelle
haben müsse, bewußt bleibe. Ein Problem sei es allerdings, woher
dieser Haß stamme; seine Aussagen deuteten selbst auf die Zeit bin,
in welcher er gefürchtet, daß die Eltern seine Gedanken erraten. Ander-
seits könne man auch fragen, warum die große Liebe nicht den Haß
habe auslöschen können, wie man es so von gegensätzlichen Regungen
gewohnt sei. Man könne nur annehmen, daß der Haß doch mit einer
Quelle, einem Anlaß in einer Verbindung stehe, die ihn unzerstörbar
mache. Also einerseits schütze ein solcher Zusammenhang den Haß
gegen den Vater vor dem Untergange, anderseits hindere die große
Liebe ihn am Bewußtwerden, so daß ihm eben nur die Existenz im
Unbewußten übrig bleibe, aus der er sich doch in einzelnen Momenten
blitzähnlich vordrängen könne.Er gibt zu, daß dies alles ganz plausibel anzuhören ist, hat aber
natürlich keine Spur von Überzeugung1). Er möchte sich die Frage
erlauben, wie es zugehe, daß eine solche Idee Pausen machen könne,
mit 12 Jahren für einen Moment komme, dann mit 20 Jahren wieder
und zwei Jahre später von neuem, um anzuhalten. Er könne doch
nicht glauben, daß dazwischen die Feindseligkeit erloschen gewesen
sei, und doch habe sich in den Pausen nichts von Vorwürfen gezeigt.
Ich darauf: Wenn jemand so eine Frage stellt, so hat er auch schon
die Antwort bereit. Man braucht ihn nur Weitersprechen zu lassen.
Er setzt nun in anscheinend lockerem Zusammenhange fort: Er sei
der beste Freund des Vaters gewesen, wie dieser seiner; bis auf wenige
Gebiete, auf denen Vater und Sohn einander auszuweichen pflegen
(was meint er wohl?), sei die Intimität zwischen ihnen größer gewesen1) Es ist niemals die Absicht solcher Diskussionen, Überzeugung hervor-
zurufen. Sie sollen nur die verdrängten Komplexe ins Bewußtsein einführen, den
Streit um sie auf dem Boden bewußter Seelentätigkeit anfachen und das Auftauchen
neuen Materials aus dem Unbewußten erleichtern. Die Überzeugung stellt sich
erst nach der Bearbeitung des wiedergewonnenen Materials durch den Kranken
her, und so lange sie schwankend ist, darf man das Material als nicht erschöpft
beurteilen.S.
376
als jetzt mit seinem besten Freunde. Jene Dame, um derenwegen er
den Vater in der Idee zurückgesetzt, habe er zwar sehr geliebt, aber
eigentlich sinnliche Wünsche, wie sie seine Kindheit erfüllten, hätten sich
in bezug auf sie nie geregt; seine sinnlichen Regungen seien in der
Kindheit überhaupt viel stärker gewesen als zur Zeit der Pubertät. –
Ich meine nun, er habe jetzt die Antwort gegeben, auf die wir warteten,
und gleichzeitig den dritten großen Charakter des Unbewußten auf-
gefunden. Die Quelle, aus welcher die Feindseligkeit gegen den Vater
ihre Unzerstörbarkeit beziehe, sei offenbar von der Natur sinnlicher
Begierden, dabei habe er den Vater irgendwie als störend empfunden.
Ein solcher Konflikt zwischen Sinnlichkeit und Kindesliebe sei ein
durchaus typischer. Die Pausen habe es bei ihm gegeben, weil infolge
der vorzeitigen Explosion seiner Sinnlichkeit zunächst eine so erheb-
liche Dämpfung derselben eingetreten sei. Erst als sich wieder intensive
verliebte Wünsche bei ihm eingestellt hätten, sei diese Feindseligkeit
aus der analogen Situation heraus wieder aufgetreten. Ich lasse mir
übrigens von ihm bestätigen, daß ich ihn weder auf das infantile noch
auf das sexuelle Thema gelenkt habe, sondern daß er selbständig auf
beide gekommen sei. – Er fragt nun weiter, warum er nicht zur Zeit
der Verliebtheit in die Dame einfach bei sich die Entscheidung gefällt,
die Störung dieser Liebe durch den Vater könne gegen seine Liebe
zum Vater nicht in Betracht kommen. – Ich antwortete: Es ist schwer
möglich, jemand in absentia zu erschlagen. Um jene Entscheidung
zu ermöglichen, hätte ihm der beanständete Wunsch damals zum
ersten Male kommen müssen; es war aber ein altverdrängter, gegen
den er sich nicht anders benehmen konnte als vorher, und der darum
der Vernichtung entzogen blieb. Der Wunsch (den Vater als Störer
zu beseitigen) müßte in Zeiten entstanden sein, in denen die Verhältnisse
ganz anders lagen, etwa daß er den Vater damals nicht stärker liebte
als die sinnlich begehrte Person, oder daß er einer klaren Entscheidung
nicht fähig war, also in sehr früher Kindheit, vor 6 Jahren, ehe seine
kontinuierliche Erinnerung einsetzte, und das sei eben für alle Zeiten
so geblieben. – Mit dieser Konstruktion schließt die Erörterung vor-
läufig ab.In der nächsten, der siebenten Sitzung greift er dasselbe Thema
wieder auf. Er könne nicht glauben, daß er je den Wunsch gegen den
Vater gehabt habe. Er erinnere sich einer Novelle von Sudermann,
die ihm einen tiefen Eindruck gemacht, in welcher eine Schwester
am Krankenbette der andern diesen Todeswunsch gegen sie verspüre,S.
377
um deren Mann heiraten zu können. Sie töte sich dann, weil sie nach
solcher Gemeinheit nicht verdiene zu leben. Er verstehe das, und es
sei ihm ganz recht, wenn er an seinen Gedanken zugrunde gehe, denn
er verdiene es nicht anders1). – Ich bemerke, es sei uns wohl bekannt,
daß den Kranken ihr Leiden eine gewisse Befriedigung gewähre, so daß
sie sich eigentlich alle partiell sträuben, gesund zu werden. Er möge
nicht aus den Augen verlieren, daß eine Behandlung wie die unserige
unter beständigem Widerstand vor sich gehe; ich werde ihn immer
wieder daran erinnern.Er will jetzt von einer verbrecherischen Handlung sprechen,
in der er sich nicht erkenne, an die er sich aber ganz bestimmt erinnere.
Er zitiert ein Wort von Nietzsche: „Das habe ich getan”, sagt
mein Gedächtnis, „das kann ich nicht getan haben“ – sagt
mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich – gibt das Ge-
dächtnis nach2), „Darin hat also mein Gedächtnis nicht nachgegeben."
– „Eben weil Sie zur Selbstbestrafung aus Ihren Vorwürfen Lust ziehen."
– „Mit meinem jüngeren Bruder – ich bin ihm jetzt wirklich gut,
er bereitet mir gerade große Sorge, indem er eine Heirat machen will,
die ich für einen Unsinn halte; ich hab’ schon die Idee gehabt, hinzureisen
und die Person umzubringen, damit er sie nicht heiraten kann – habe
ich als Kind viel getauft. Daneben hatten wir einander sehr lieb und
waren unzertrennlich, aber mich beherrschte offenbar Eifersucht,
denn er war der stärkere, schönere und darum beliebtere. – Sie haben
ja schon eine solche Eifersuchtszene mit Fräulein Lina mitgeteilt. –
Also nach einer solchen Gelegenheit, gewiß vor 8 Jahren, denn ich ging
noch nicht in die Schule, in die ich mit 8 Jahren gekommen bin, tat ich
folgendes. Wir hatten Kindergewehre von der bekannten Konstruktion,
ich lud meines mit dem Ladstock, sagte ihm, er solle in den Lauf hinein-
schauen, er werde etwas sehen, und als er hineinschaute, drückte ich
los. Es trat ihn auf die Stirne und machte ihm nichts, aber es war
meine Absicht gewesen, ihm sehr wehe zu tun. Ich war dann ganz außer
mir, warf mich auf den Boden und fragte mich: Wie habe ich das nur
tun können? – Aber ich habe es getan.“ – Ich benutze die Gelegenheit,1) Dies Schuldbewußtsein enthält den offenbarsten Widerspruch gegen
sein anfängliches Nein, er habe den bösen Wunsch gegen den Vater nie gehabt.
Es ist ein häufiger Typus in der Reaktion gegen das bekannt gewordene Ver-
drängte, daß sich an das erste Nein der Ablehnung alsbald die zunächst indirekte
Bestätigung anschließt.2) Jenseits von Gut und Böse, IV, 68.
S.
378
um für meine Sache zu plaidieren. Wenn er eine solche, ihm so fremde
Tat im Gedächtnis bewahrt habe, so könne er doch nicht die Möglichkeit
in Abrede stellen, daß in noch früheren Jahren etwas Ähnliches, was
er heute nicht mehr erinnere, gegen den Vater vorgekommen sei. –
Er wisse noch von anderen Regungen der Rachsucht gegen jene Dame,
die er so sehr verehre, und von deren Charakter er eine begeisterte
Schilderung gibt. Sie könne vielleicht nicht leicht lieben, sie spare sich
ganz für den einen auf, dem sie einmal angehören werde; ihn liebe
sie nicht. Als er dessen sicher wurde, gestaltete sich ihm eine bewußte
Phantasie, er werde sehr reich werden, eine andere heiraten und dann
mit ihr einen Besuch bei der Dame machen, um sie zu kränken. Aber
da versagte ihm die Phantasie, denn er mußte sich eingestehen, daß
ihm die andere, die Frau, ganz gleichgültig sei, seine Gedanken ver-
wirrten sich und am Ende wurde ihm klar, daß diese andere sterben
solle. Auch in dieser Phantasie findet er wie in dem Anschlag gegen den
Bruder den Charakter der Feigheit, der ihm so entsetzlich ist1). –
Im weiteren Gespräche mit ihm mache ich geltend, daß er sich ja logischer-
weise für ganz unverantwortlich für alle diese Charakterzüge erklären
müsse, denn all diese verwerflichen Regungen stammten aus dem
Kinderleben, entsprächen den im Unbewußten fortlebenden Abkömm-
lingen des Kindercharakters, und er wisse doch, daß für das Kind die
ethische Verantwortlichkeit nicht gelten könne. Aus der Summe der
Anlagen des Kindes entstehe der ethisch verantwortliche Mensch erst
im Laufe der Entwicklung2). Er bezweifelt aber, daß alle seine bösen
Regungen von dieser Herkunft sind. Ich verspreche, es ihm im Laufe
der Kur zu beweisen.Er führt noch an, daß sich die Krankheit seit dem Tode des Vaters
so enorm gesteigert hat, und ich gebe ihm insofern Recht, als ich die
Trauer um den Vater als Hauptquelle der Krankheitsintensität aner-
kenne. Die Trauer hat in der Krankheit gleichsam einen pathologischen
Ausdruck gefunden. Während eine normale Trauer in 1 bis 2 Jahren
ihren Ablauf erreicht, ist eine pathologische wie seine in ihrer Dauer
unbegrenzt.Soweit reicht, was ich aus dieser Krankengeschichte ausführlich
1) Was späterhin seine Erklärung finden soll.
2) Ich bringe diese Argumente nur vor, um mir wieder von neuem be-
stätigen zu lassen, wie ohnmächtig sie sind. Ich kann es nicht begreifen‚ wenn andere
Psychotherapeuten berichten, daß sie mit solchen Waffen die Neurosen erfolg-
reich bekämpfen.S.
379
und in der Reihenfolge erzählen kann. Es deckt sich ungefähr mit der
Exposition der über 11 Monate verlaufenden Behandlung.e) Einige Zwangsvorstellungen und deren Übersetzung.
Zwangsvorstellungen erscheinen bekanntlich entweder un-
motiviert oder unsinnig, ganz wie der Wortlaut unserer nächtlichen
Träume, und die nächste Aufgabe, die sie stellen, geht dahin, ihnen Sinn
und Halt im Seelenleben des Individuums zu geben, so daß sie ver-
ständlich, ja eigentlich selbstverständlich werden. Man lasse sich in
dieser Aufgabe der Übersetzung niemals durch den Anschein der Un-
lösbarkeit beirren, die tollsten oder absonderlichsten Zwangsideen
lassen sich durch gebührende Vertiefung lösen. Zu dieser Lösung gelangt
man aber, wenn man die Zwangsideen in zeitlichen Zusammenhang
mit dem Erleben des Patienten bringt, also indem man erforscht,
wann die einzelne Zwangsidee zuerst aufgetreten ist, und unter welchen
äußeren Umständen sie sich zu wiederholen pflegt. Bei Zwangsideen,
die es, wie so häufig, zu keiner Dauerexistenz gebracht haben, vereinfacht
sich dementsprechend auch die Lösungsarbeit. Man kann sich leicht
überzeugen, daß nach der Aufdeckung des Zusammenhanges der Zwangs-
idee mit dem Erleben des Kranken alles andere Rätselhafte und Wissens-
werte an dem pathologischen Gebilde, seine Bedeutung, der Mechanismus
seiner Entstehung, seine Abkunft von den maßgebenden psychischen
Triebkräften unserer Einsicht leicht zugänglich wird.Ich beginne mit einem besonders durchsichtigen Beispiel des bei
unserem Patienten so häufigen Selbstmordimpulses, welches sich
in der Darstellung beinahe von selbst analysiert: Er verlor einige Wochen
im Studium infolge der Abwesenheit seiner Dame, welche abgereist
war, um ihre schwer erkrankte Großmutter zu pflegen. „Mitten im
eifrigsten Studieren fiel ihm da ein: Das Gebot, sich den ersten mög-
lichen Prüfungstermin im Semester zu nehmen, könne man sich ja
gefallen lassen. Wie aber, wenn dir das Gebot käme, dir den Hals mit
dem Rasiermesser abzuschneiden? Er merkte sofort, daß dieses Gebot
bereits erflossen war, eilte zum Schrank, um das Rasiermesser zu
holen, da fiel ihm ein: Nein, so einfach ist das nicht. Du mußt1) hinreisen
und die alte Frau umbringen Da fiel er vor Entsetzen auf den Boden.“Der Zusammenhang dieser Zwangsidee mit dem Leben ist hier
im Eingange des Berichtes enthalten. Seine Dame war abwesend,1) Ich ergänze hier ein: vorher.
S.
380
während er angestrengt für eine Prüfung studierte, um die Verbindung
mit ihr eher zu ermöglichen. Da überfiel ihn während des Studiums
die Sehnsucht nach der Abwesenden und der Gedanke an den Grund
ihrer Abwesenheit. Und nun kam etwas, was bei einem normalen
Menschen etwa eine unmutige Regung gegen die Großmutter gewesen
wäre: Muß die alte Freu gerade jetzt krank werden, wo ich mich nach
ihr so schrecklich sehne. Etwas Ähnliches, aber weit Intensiveres muß
man nun bei unserem Patienten supponieren, einen unbewußten Wut-
anfall, der sich gleichzeitig mit der Sehnsucht in den Ausruf kleiden
könnte: Oh, ich möchte hinreisen und die alte Frau umbringcn, die
mich meiner Geliebten beraubt. Darauf folgt das Gebot: bring dich
selbst um, als Selbstbestrafung für solche Wut- und Mordgelüste, und
der ganze Vorgang tritt unter heftigstem Affekt in umgekehrter
Reihenfolge – das Strafgebot voran, am Ende die Erwähnung
des strafbaren Gelüstes – in das Bewußtsein des Zwangskranken.
Ich glaube nicht, daß dieser Erklärungsversuch gezwungen erscheinen
kann oder viel hypothetische Elemente aufgenommen hat.Ein anderer länger anhaltender Impuls zum gleichsam indirekten
Selbstmord war nicht so leicht aufzuklären, will er seine Beziehung
zum Erleben hinter einer der äußerlichen Assoziationen, wie sie unserem
Bewußtsein so sehr anstößig erscheinen, verbergen konnte. Eines Tages
kam ihm im Sommeraufenthalte plötzlich die Idee, er sei zu dick, er
müsse abmagern. Er begann nun, noch vor der Mehlspeise vom
Tische aufzustehen, ohne Hut in der Sonnenglut des August auf die
Straße zu rennen und dann im Laufschritt auf die Berge zu steigen,
bis er schweißüberströmt Halt machen mußte. Hinter dieser Ab-
magerungssucht kam auch die Selbstmordabsicht einmal unverhüllt
zum Vorschein, als ihm auf einem scharfen Abhang plötzlich das Gebot
laut wurde, da herunterzuspringen, was sicherer Tod gewesen wäre.
Die Lösung dieses unsinnigen Zwangshandelns ergab sich unserem
Patienten erst, als ihm plötzlich einfiel, zu jener Zeit sei auch die
geliebte Dame in dem Sommeraufenthalte gewesen, aber in Begleitung
eines englischen Vetters‚ der sich sehr um sie bemühte, und auf den er
sehr eifersüchtig war. Der Vetter hieß Richard und wurde, wie in
England allgemein üblich, Dick genannt. Diesen Dick wollte er nun
umbringen, er war auf ihn viel eifersüchtiger und wütender, als er sich
eingestehen konnte, und darum legte er sich zur Selbstbestrafung die
Pein jener Abmagerungskur auf. So verschieden dieser Zwangsimpuls
auch vom vorigen, direkten Selbstmordgebot zu sein scheint, ein bedeut-S.
381
samer Zug ist den beiden gemeinsam, die Entstehung als Reaktion
auf eine ungeheure, vom Bewußtsein nicht zu erfassende Wut gegen
eine Person, die als Störerin der Liebe auftritt1).Andere Zwangsvorstellungen, wiederum nach der Geliebten
orientiert, lassen doch anderen Mechanismus und andere Triebabkunft
erkennen. Zur Zeit der Anwesenheit seiner Dame in seinem Sommer-
aufenthalte produzierte er außer jener Abmagerungssucht eine ganze
Reihe von Zwangstätigkeiten, die sich wenigstens teilweise direkt auf
ihre Person bezogen. Als er einmal mit ihr auf einem Schiffe fuhr, während
ein scharfer Wind ging, mußte er sie nötigen, seine Kappe aufzusetzen,
weil sich bei ihm das Gebot gebildet hatte, es dürfe ihr nichts ge-
schehen2). Es war eine Art von Schutzzwang, der auch andere Blüten
trieb. Ein andermal stellte sich bei ihm während eines Zusammenseins
im Gewitter der Zwang ein, zwischen Blitz und Donner bis 40 oder 50
gezählt zu haben, wofür ihm jedes Verständnis abging. Am Tage,
als sie abreiste, stieß er mit dem Fuße gegen einen auf der Straße liegenden
Stein und mußte ihn nun auf die Seite räumen, weil ihm die Idee kam,
in einigen Stunden werde ihr Wagen auf derselben Straße fahren und
vielleicht an diesem Stein zu Schaden kommen, aber einige Minuten
später fiel ihm ein, das sei doch ein Unsinn, und er mußte nun zurück-
gehen und den Stein wieder an seine frühere Stelle mitten auf der Straße
legen. Nach ihrer Abreise bemächtigte sich seiner ein Verstehzwang,
der ihn allen den Seinigen unnusstehlich machte. Er nötigte sich, jede
Silbe, die irgend jemand zu ihm sprach, genau zu verstehen, als ob
ihm sonst ein großer Schatz entginge. So fragte er immer: Was hast
du jetzt gesagt? und wenn man es ihm wiederholte, meinte er, es habe
doch das erste Mal anders gelautet, und blieb unbefriedigt.Alle diese Erzeugnisse der Krankheit hängen von einer Begeben-
heit ab, welche damals sein Verhältnis zur Geliebten dominierte. Als
er sich vor dem Sommer von ihr in Wien verabschiedete, legte er eine
ihrer Reden so aus, als ob sie ihn vor der anwesenden Gesellschaft1) Die Verwendung von Namen und Worten zur Herstellung der Ver-
knüpfung zwischen den unbewußten Gedanken (Regungen, Phantasien) und den
Symptomen geschieht bei der Zwangsneurose lange nicht so häufig und so rück-
sichtslos wie bei Hysterie. Doch habe ich gerade für den Namen Richard ein anderes
Beispiel bei einem vor langer Zeit analysierten Kranken in Erinnerung. Nach
einem Zwiste mit seinem Bruder begann er zu grübeln, wie er sich seines Reich-
tums entledigen könne, er wolle nichts mehr mit Geld zu tun haben usf. Sein
Bruder hieß Richard (richard im französischen ein Reicher).2) Zu ergänzen: woran er Schuld haben könnte.
S.
382
verleugnen wollte, und war darüber sehr unglücklich. Im Sommer-
aufenthalte gab es Gelegenheit zur Aussprache, und da konnte die Dame
ihm nachweisen, daß sie mit jenen von ihm mißverstandenen Worten
ihn vielmehr vor Lächerlichkeit bewahren wollte. Er war nun wiederum
sehr glücklich. Den deutlichsten Hinweis auf diesen Vorfall enthält
der Verstehzwang, der so gebildet ist, als ob er sich gesagt hätte: Nach
dieser Erfahrung darfst du jetzt nie wieder jemanden mißverstehen,
wenn du dir überflüssige Pein ersparen willst. Aber dieser Vorsatz ist
nicht nur von dem einen Anlaß her verallgemeinert, er ist auch –
vielleicht wegen der Abwesenheit der Geliebten – von ihrer hoch-
geschätzten Person auf alle anderen minderwertigen Personen ver-
schoben. Der Zwang kann auch nicht allein aus der Befriedigung über
die von ihr empfangene Aufklärung hervorgegangen sein, er muß noch
etwas anderes ausdrücken, denn er läuft ja in den unbefriedigenden
Zweifel an der Wiedergabe des Gehörten aus.Die anderen Zwangsgebote leiten auf die Spur dieses andern
Elementes. Der Schutzzwang kann nichts anderes bedeuten als die Re-
aktion‚ Reue und Buße gegen eine gegensätzliche, also feindselige
Regung, die sich vor der Aufklärung gegen die Geliebte gerichtet hatte.
Der Zählzwang beim Gewitter deutet sich durch das beigebrachte
Material als eine Abwehrmaßregel gegen Befürchtungen, welche die
Lebensdauer betreffen. Durch die Analysen der ersterwähnten Zwangs-
vorstellungen sind wir bereits darauf vorbereitet, die feindseligen
Regungen unseres Patienten für besonders heftig, von der Art der
sinnlosen Wut, zu schätzen, und dann finden wir, daß diese Wut gegen
die Dame auch nach der Versöhnung ihren Beitrag zu den Zwangs-
bildungen stellt. In der Zweifelsucht, ob er richtig gehört, ist der fort
wirkende Zweifel dargestellt, ob er wohl diesmal die Geliebte richtig
verstanden hat und ihre Worte mit Recht als Beweis ihrer zärtlichen
Neigung auffassen darf. Der Zweifel des Verstehzwanges ist Zweifel
an ihrer Liebe. Es tobt in unserem Verliebten ein Kampf zwischen Liebe
und Haß, die der gleichen Person gelten, und dieser Kampf wird plastisch
dargestellt in der zwanghaften, auch symbolisch bedeutsamen Handlung,
den Stein von dem Wege, den sie befahren soll, wegzuräumen und dann
diese Liebestat wieder rückgängig zu machen, den Stein wieder hinzu-
legen, wo er lag, damit ihr Wagen an ihm scheitere und sie zu Schaden
komme. Wir verstehen diesen zweiten Teil der Zwangshandlung nicht
richtig, wenn wir ihn nur als kritische Abwendung vom krankhaften
Tun auffussen‚ wofür er sich selbst ausgeben möchte. Daß auch er sichS.
383
unter der Empfindung des Zwanges vollzieht, verrät, daß er selbst
ein Stück des krankhaften Tuns ist, welches aber von dem Gegensatz
zum Motiv des ersten Stückes bedingt wird.Solche zweizeitige Zwangshandlungen, deren erstes Tempo vom
zweiten aufgehoben wird, sind ein typisches Vorkommnis bei der Zwangs-
neurose. Sie werden vom Bewußtsein des Kranken natürlich miß-
verstanden und mit einer sekundären Motivierung versehen – rationa-
lisiert1). Ihre wirkliche Bedeutung liegt aber in der Darstellung des
Konfliktes zweier annähernd gleich großer gegensätzlicher Regungen, so-
viel ich bisher erfahren konnte, stets des Gegensatzes von Liebe und Haß.
Sie beanspruchen ein besonderes theoretisches Interesse, weil sie einen
neuen Typus der Symptombildung erkennen lassen. Anstatt, wie es bei
Hysterie regelmäßig geschieht, ein Kompromiß zu finden, welches beiden
Gegensätzen in einer Darstellung genügt, zwei Fliegen mit einem Schlag
trifft2)‚ werden hier die beiden Gegensätze, jeder einzeln, befriedigt, zuerst
der eine, und dann der andere, natürlich nicht ohne daß der Versuch ge-
macht würde, zwischen den beiden einander feindseligen eine Art von
logischer Verknüpfung‚ oft mit Beugung aller Logik, herzustellen3).Der Konflikt zwischen Liebe und Hall tat sich bei unserem
Patienten auch durch andere Anzeichen kund. Zur Zeit seiner wieder-
erweehenden Frömmigkeit richtete er sich Gebete ein, die allmählich
bis zu 1½ Stunden in Anspruch nehmen, weil sich ihm – ein umgekehrter
Bileam – in die hemmen Formeln immer etwas einmengte, was sie ins
Gegenteil verkehrte. Sagte er z. B.: Gott schütze ihn –‚“ so gab der
böse Geist schnell ein: nicht dazu4). Einmal kam ihm dabei die Idee1) Vgl. Ernest Jones, Rationalisation in every-day life. Journal of ab-
normal psychology, 1908.2) Vgl. Sammlung usw. zur Neurosenlehre. Zweite Folge. 1909. V. Hysterische
Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität.3) Ein anderer Zwangskranker berichtete mir einmal, er sei im Parke
von Schönbrunn mit dem Fuße auf einen im Wege liegenden Ast gestoßen, den er
nun in die den Weg begrenzende Hecke schleuderte. Auf dem Heimwege überkam ihn
plötzlich die Sorge, in der neuen Lage könnte der jetzt vielleicht etwas vorragende
Ast zum Anlaße eines Unfalles für jemand werden, der nach ihm an derselben
Stelle vorbeigehe. Er mußte von der Trambahn abspringen, in den Park zurück-
eilen, die Stelle aufsuchen und den Ast in die frühere Lage zurückbringen, obwohl
es jedem anderen als dem Kranken einleuchten würde, daß die frühere Lage doch
für einen Passanten gefährlicher sein müßte als die neue im Gebüsche. Die zweite
feindselige Handlung, die sich als Zwang durchsetzte, hatte sich vor dem Bewußt-
sein mit der Motivierung der ersten, menschenfreundlichen, geschmückt.4) Vergleiche den ähnlichen Mechanismus der bekanntensakrilegischen
Einfälle der Frommen.S.
384
zu fluchen; da werde sich doch gewiß kein Widerspruch einschleichen;
in diesem Einfalle brach sich die ursprüngliche, durch das Gebet ver-
drängte Intention Bahn. In solcher Bedrängnis fand er den Ausweg,
die Gebete abzustellen und sie durch eine kurze Formel zu ersetzen,
die aus den Anfangsbuchstaben oder Anfangssilben verschiedener
Gebete zusammengebraut war. Diese sprach er dann so rasch aus,
daß ihm nichts dazwischenfahren konnte.Er brachte mir einmal einen Traum, der die Darstellung desselben
Konfliktes in der Übertragung auf den Arzt enthielt: Meine Mutter
ist gestorben. Er will kondolieren, fürchtet aber, daß er dabei das im-
pertinente Lachen produzieren wird, das er schon wiederholt bei
Todesfällen gezeigt hat. Er schreibt darum lieber eine Karte mit p. c.,
aber diese Buchstaben verwandeln sich ihm beim Schreiben in p. f.1)Der Widerstreit seiner Gefühle gegen seine Dame war zu deutlich,
als daß er sich seiner bewußten Wahrnehmung gänzlich hätte entziehen
können, wenngleich wir aus den Zwangsäußerungen desselben schließen
dürfen, daß er für die Tiefe seiner negativen Regungen die richtige
Schätzung nicht besaß. Die Dame hatte seine erste Werbung vor zehn
Jahren mit einem Nein beantwortet. Seither wechselten Zeiten, in
denen er sie intensiv zu lieben glaubte, mit anderen, in welchen er gleich-
gültig gegen sie fühlte, auch in seinem Wissen miteinander ab. Wenn er
im Laufe der Behandlung einen Schritt tun sollte, welcher ihn dem Ziele
der Bewerbung näher brachte, so äußerte sich sein Widerstand ge-
wöhnlich zuerst in der Überzeugung, er habe sie eigentlich gar nicht
so lieb, die freilich bald überwunden wurde. Als sie einmal in schwerer
Krankheit zu Bette lag, was seine äußerste Teilnahme hervorrief, brach
bei ihrem Anblicke der Wunsch bei ihm durch: so soll sie immer liegen
bleiben. Er deutete sich diesen Einfall durch das spitzfindige Miß-
verständnis, er wünsche nur darum ihr beständiges Kranksein, damit
er die Angst vor wiederholten Krankheitsanfällen los werde, die er
nicht ertragen könne2)! Gelegentlich beschäftigte er seine Phantasie
mit Tagträumen, die er selbst als „Rachephantasien“ erkannte, und
deren er sich schämte. Weil er meinte, daß sie einen großen Wert auf
die soziale Stellung eines Bewerbers legen würde, phantasierte er, daß
sie einen solchen Mann in amtlicher Position geheiratet habe. Er tritt1) Dieser Traum gibt die Aufklärung des so häufigen und als rätselhaft
betrachteten Zwangslachens bei Traueranlässen.2) Ein Beitrag eines andern Motivs zu diesem Zwangseinfalle ist nicht
abzuweisen, des Wunsches, sie wehrlos gegen seine Absichten zu wissen.S.
385
nun in dasselbe Amt ein, bringt es dort viel weiter als jener, der zu
seinem Untergebenen wird. Eines Tages hat dieser Mann eine unlautere
Handlung begangen. Die Dame fällt ihm zu Füßen, beschwört ihn,
ihren Mann zu retten. Er verspricht es, eröffnet ihr, daß er nur aus
Liebe zu ihr in das Amt eingetreten sei, weil er einen solchen Moment
vorausgesehen habe. Jetzt sei mit der Rettung ihres Mannes seine
Mission erfüllt; er lege sein Amt nieder.In anderen Phantasien, des Inhaltes, daß er ihr einen großen
Dienst leiste u. dgl. ohne daß sie erfahre, daß er es sei, anerkannte er
bloß die Zärtlichkeit, ohne den zur Verdrängung der Rachsucht be-
stimmten Edelmut nach Muster des Dumasschen Grafen von Monte
Christa nach dieser seiner Herkunft und Tendenz zu würdigen.
Übrigens gestand er zu, daß er gelegentlich unter sehr deutlichen Im-
pulsen stehe, der von ihm verehrten Dame etwas anzutun. Diese
Impulse schwiegen meist in ihrer Gegenwart und träten in ihrer Abwesen-
heit hervor.f) Die Krankheitsveranlassung.
Eines Tages erwähnte unser Patient flüchtig eine Begebenheit,
in welcher ich sofort die Krankheitsveranlassung, wenigstens den
rezenten Anlaß des noch heute anhaltenden Krankheitsausbruches
vor etwa 6 Jahren erkennen mußte. Er selbst hatte keine Ahnung, daß
er etwas Bedeutsames vorgebracht hatte; er konnte sich nicht erinnern,
der Begebenheit, die er übrigens niemals vergessen hatte, einen Wert
beigelegt zu haben Dieses Verhalten fordert eine theoretische Wür-
digung heraus.Bei Hysterie ist es Regel, daß die rezenten Anlässe der Erkrankung
der Amnesie ebenso verfallen wie die infantilen Erlebnisse, mit deren
Hilfe jene ihre Affektenergie in Symptome umsetzen. Wo ein völliges
Vergessen unmöglich ist, da wird die rezente traumatische Veran-
lassung doch von der Amnesie angenagt und zum mindesten ihrer
bedeutsamsten Bestandteile beraubt. Wir sehen in solcher Amnesie
den Erweis der stattgehabten Verdrängung. Anders ist es in der Regel
bei der Zwangsneurose. Die infantilen Voraussetzungen der Neurose
mögen einer – oft nur unvollständigen – Amnesie verfallen sein; die
rezenten Anlässe der Erkrankung finden sich dagegen im Gedächtnis
erhalten. Die Verdrängung hat sich hier eines andern, eigentlich ein-
facheren Mechanismus bedient; anstatt das Trauma zu vergessen,
hat sie ihm die Affektbesetzung entzogen, so daß im Bewußtsein einS.
386
indifferenter, für unwesentlich erachteter Vorstellungsinhalt erübrigt.
Der Unterschied liegt im psychischen Geschehen, des wir hinter den
Phänomenen konstruieren dürfen; der Erfolg des Vorganges ist fast der
nämliche, denn der indifferente Erinnerungsinhalt wird nur selten
reproduziert und spielt in der Gedankentätigkeit der Person keine
Rolle. Zur Unterscheidung der beiden Arten der Verdrängung können
wir zunächst nur die Versicherung des Patienten verwenden, er habe
die Empfindung, daß er das eine immer gewußt, das andere seit langer
Zeit vergessen habe1).Es ist darum kein seltenes Vorkommnis, daß Zwangskranke,
die an Selbstvorwürfen leiden und ihre Affekte an falsche Veranlassungen
geknüpft haben, dem Arzt auch von den richtigen Mitteilung machen,
ohne zu ahnen, daß ihre Vorwürfe nur von diesen letzteren abgetrennt
worden sind. Sie äußern dabei gelegentlich verwundert oder selbst wie
prahlerisch: Daraus mache ich mir aber gar nichts. So war es auch in
dem ersten Falle von Zwangsneurose, der mir vor vielen Jahren des Ver-
ständnis des Leidens eröffnete, Der Patient, ein Staatsbeamter, der an
ungezählten Bedenklichkeiten litt, derselbe, von dem ich die Zwangs-
handlung an dem Ast im Schönbrunner Park berichtet habe, fiel mir
dadurch auf, daß er mir für den Besuch in der Sprechstunde stets reine
und glatte Papiergulden überreichte. (Wir hatten damals in Österreich noch
kein Silbergeld.) Als ich einmal bemerkte, man erkenne doch gleich
den Staatsbeamten an den nagelneuen Gulden, die er von der Staats-
kasse beziehe, belehrte er mich, die Gulden seien keineswegs neu, sondern
in seinem Hause gebügelt (geplättet) worden. Er mache sich ein Gewissen
daraus, jemand schmutzige Papiergulden in die Hand zu geben; da
klebten die gefährlichsten Bakterien daran, die dem Empfänger Schaden
bringen könnten. Mir dämmerte damals bereits in unsicherer Ahnung
der Zusammenhang der Neurosen mit dem Sexualleben und so wagte
ich es, den Patienten ein andermal zu befragen, wie er es in diesem
Punkte hielte. Oh, alles in Ordnung, meinte er leichthin, ich leide keinen1) Man muß also zugeben, daß es für die Zwangsneurose zweierlei Wissen
und Kennen gibt, und darf mit dem gleichen Rechte behaupten, der Zwangskranke
„kenne“ seine Traumen, wie er „kenne“ sie nicht. Er kennt sie nämlich, insofern
er sie nicht vergessen hat, er kennt sie nicht, da er nicht ihre Bedeutung erkennt.
Es ist im normalen Leben oft auch nicht anders. Die Kellner, die den Philosophen
Schopenhauer in seinem Stammgasthaus zu bedienen pflegten, „kannten“ ihn
in gewissem Sinne zu einer Zeit, da er sonst in und außerhalb Frankfurt unbekannt
war, aber nicht in dem Sinne, den wir heute mit der „Kenntnis“ von
Schopenhauer verbinden.S.
387
Mangel. Ich spiele in vielen guten Bürgerhäueern die Rolle eines lieben
alten Onkels und die benutze ich, um mir von Zeit zu Zeit ein junges
Mädchen für eine Landpartie auszubitten. Ich richte es dann so ein,
daß wir den Zug versäumen und auf dem Lande übernachten müssen.
Ich nehme dann immer zwei Zimmer, ich bin sehr nobel; aber wenn
das Mädchen zu Bett ist, komme ich zu ihr und masturbiere sie mit.
meinen Fingern. – Ja fürchten Sie denn nicht, daß Sie ihr schaden,
wenn Sie mit Ihrer schmutzigen Hand in ihren Genitalien herumarbeiten?
– Da brauste er aber auf: Schaden! Was soll es ihr denn schaden!
Keiner hat es noch geschadet und jeder war es recht. Einige von ihnen
sind jetzt schon verheiratet und es hat ihnen nicht geschadet. – Er nahm
meine Beanständung sehr übel auf und kam nie wieder. Ich konnte
mir aber den Kontrast zwischen seiner Bedenklichkeit bei den Papier-
gulden und seine Rücksichtslosigkeit beim Mißbrauch der ihm an-
vertrauten Mädchen nur durch eine Verschiebung des Vorwurfs-
affektes erklären. Die Tendenz dieser Verschiebung war deutlich genug;
wenn er den Vorwurf dort beließ, wohin er gehörte, so mußte er auf eine
sexuelle Befriedigung verzichten, zu der er wahrscheinlich durch starke
infantile Determinanten gedrängt war. Er erzielte also durch die Ver-
schiebung einen namhaften Krankheitsgewinn.Auf die Krankheitsveranlassung bei unserem Patienten muß
ich aber nun ausführlicher eingehen. Seine Mutter war als entfernte
Verwandte in einer reichen Familie aufgezogen worden, die ein großes
industrielles Unternehmen betrieb. Sein Vater trat gleichzeitig mit
der Heirat in den Dienst dieses Unternehmens und gelangte so eigentlich
infolge seiner Ehewahl zu ziemlichem Wohlstand. Durch Neckereien
zwischen den in vortrefflicher Ehe lebenden Eltern hatte der Sohn
erfahren, daß der Vater einem hübschen armen Mädchen aus bescheidener
Familie den Hof gemacht hatte, eine Zeitlang bevor er die Mutter
kennen lernte. Dies die Vorgeschichte. Nach dem Tode des Vaters
teilte die Mutter eines Tages dem Sohne mit, es sei zwischen ihr und
ihren reichen Verwandten die Rede von seiner Zukunft gewesen, und
einer der Vettern habe seine Bereitwilligkeit ausgedrückt, ihm eine
seiner Töchter zu geben, wenn er seine Studien beendiget habe; die ge-
schäftliche Verbindung mit der Firma werde ihm dann auch in seinem
Berufe glänzende Aussichten eröffnen. Dieser Plan der Familie ent-
zündete in ihm den Konflikt, ob er seiner armen Geliebten treu bleiben
oder in die Fußstapfen des Vaters treten und das schöne, reiche, vor-
nehme Mädchen, das ihm bestimmt worden, zur Frau nehmen solle.S.
388
Und diesen Konflikt, der eigentlich ein solcher zwischen seiner Liebe
und dem fortwirkenden Willen des Vaters war, löste er durch Er-
krankung, richtiger gesagt: er entzog sich durch die Erkrankung der
Aufgabe, ihn in der Realität zu lösen1).Der Beweis für diese Auffassung liegt in der Tatsache, daß hart-
näckige Arbeitsunfähigkeit, die ihn die Beendigung seiner Studien um
Jahre aufschieben ließ, der Haupterfolg der Erkrankung war. Was aber
der Erfolg einer Krankheit ist, das lag in der Absicht derselben; die an-
scheinende Krankheitsfolge ist in Wirklichkeit die Ursache, das Motiv
des Krankwerdens.Meine Aufklärung fand begreiflicherweise bei dem Kranken
zunächst keine Anerkennung. Er könne sich eine solche Wirkung des
Heiratsplanes nicht verstellen, derselbe habe ihm seinerzeit nicht den
mindesten Eindruck gemacht. im weiteren Verlaufe der Kur mußte
er sich aber auf einem eigentümlichen Wege von der Richtigkeit meiner
Vermutung überzeugen. Er erlebte mit Hilfe einer Übertragungsphantasie
als neu und gegenwärtig, was er aus der Vergangenheit vergessen hatte,
oder was nur unbewußt bei ihm abgelaufen war. Aus einer dunkeln
und schwierigen Periode der Behandlungsarbeit ergab sich endlich,
daß er ein junges Mädchen, welches er einmal auf der Stiege meines Hauses
angetroffen, zu meiner Tochter erhoben hatte. Sie erregte sein Wohl-
gefallen, und er imaginierte, daß ich nur darum so liebenswürdig und
unerhört geduldig mit ihm sei, weil ich ihn zum Schwiegersohne wünsche,
wobei er den Reichtum und die Vornehmheit meines Hauses bis zu dem
ihm zum Vorbild passenden Niveau erhöhte. Gegen diese Versuchung
stritt aber in ihm die unauslöschliche Liebe zu seiner Dame. Nachdem
wir eine Reihe der schwersten Widerstände und ärgsten Beschimpfungen
überwunden hatten, konnte er sich der überzeugenden Wirkung der
vollen Analogie zwischen der phantasierten Übertragung und der
damaligen Realität nicht entziehen. Ich gebe einen seiner Träume
aus dieser Zeit wieder, um den Stil seiner Darstellung an einer Probe
zu zeigen. Er sieht meine Tochter vor sich, aber sie hat zwei
Dreckpatzen anstatt der Augen. Für jeden, der die Sprache der
Träume versteht, wird die Übersetzung leicht sein: Er heiratet meine
Tochter nicht ihrer schönen Augen, sondern ihres Geldes
wegen.1) Es ist hervorzuheben, daß die Flucht in die Krankheit ihm durch die
Identifizierung mit dem Vater ermöglicht wurde. Diese gestattete ihm die Re-
gression der Affekte auf die Kindheitsreste.S.
389
g) Der Vaterkomplex und die Lösung der Rattenidee.
Von der Krankheitsveranlassung reiferer Jahre führte ein Faden
zurück in die Kindheit unseres Patienten. Er fand sich in einer Situation,
wie sie nach seinem Wissen oder Vermuten der Vater vor seiner eigenen
Eheschließung bestanden hatte, und konnte sich mit demVater iden-
tifizieren. Noch in anderer Weise spielte der verstorbene Vater in die
rezente Erkrankung hinein. Der Krankheitskonflikt war im Wesen
ein Widerstreit zwischen dem fortwirkenden Willen des Vaters und
seiner eigenen verliebten Neigung. Nehmen wir Rücksicht auf die
Mitteilungen, die der Patient in den ersten Stunden der Behandlung
gemacht hatte, so können wir die Vermutung nicht abweisen, daß
dieser Widerstreit ein uralter gewesen sei und sich schon in den Kinder-
jahren des Kranken ergeben habe.Der Vater unseres Patienten war nach allen Auskünften ein ganz
vortrefflicher Mann. Er war vor der Heirat Unteroffizier gewesen
und hatte eine aufrichtige soldatische Art sowie eine Vorliebe für derbe
Ausdrücke als Niederschlag aus diesem Stücke seines Lebens behalten.
Außer den Tugenden, die der Leichenstein an jedermann zu rühmen
pflegt, zeichnete ihn ein herzlicher Humor und eine gütige Nachsicht
gegen seine Mitmenschen aus; es steht gewiß nicht im Widerspruche
mit diesem Charakter, stellt sich vielmehr als Ergänzung zu ihm dar,
daß er jäh und heftig sein konnte, was den Kindern, so lange sie klein
und schlimm waren, gelegentlich zu sehr empfindlichen Züchtigungen
verhalf. Als die Kinder heranwuchsen, wich er von anderen Vätern
darin ab, daß er sich nicht zur unantastbaren Autorität emporheben
wollte, sondern in gutmütiger Offenheit die kleinen Verfehlungen
und Mißgeschicke seines Lebens ihrer Mitwissenschaft preisgab. Der
Sohn übertrieb gewiß nicht, wenn er aussprach, sie hätten miteinander
verkehrt wie die besten Freunde, bis auf einen einzigen Punkt (vgl. S. 375).
An diesem einen Punkte mußte es wohl gelegen sein, wenn den Kleinen
der Gedanke an den Tod des Vaters mit ungewöhnlicher und un-
gebührlicher Intensität beschäftigte (S. 362), wenn solche Gedanken
im Wortlaute seiner kindlichen Zwangsideen auftraten, wenn er sich
wünschen konnte, der Vater möge sterben, damit ein gewisses Mädchen,
durch Mitleid erweicht, zärtlicher gegen ihn werde. (S. 373).Es ist nicht zu bezweifeln, daß auf dem Gebiete der Sexualität
etwas zwischen Vater und Sohn stand, und daß der Vater in einen
bestimmten Gegensatz zu der frühzeitig erwachten Erotik des Sohnes
geraten war. Mehrere Jahre nach dem Tode des Vaters drängte sichS.
390
dem Sohne, als er zum ersten Male die Lustempfindung eines Koitus
erfuhr, die Idee auf: das ist doch großartig; dafür könnte man seinen
Vater ermorden! Dies zugleich ein Nachklang und eine Verdeutlichung
seiner kindlichen Zwangsideen. Kurz vor seinem Tode hatte der Vater
übrigens direkt gegen die später dominierende Neigung unseres Pa-
tienten Stellung genommen. Er merkte, daß er die Gesellschaft jener
Dame aufsuche, und riet ihm von ihr mit den Worten ab, es sei nicht
klug, und er werde sich nur blamieren.Zu diesen vollkommen gesicherten Anhaltspunkten kommt
anderes hinzu, wenn wir uns zur Geschichte der onanistischen Sexual-
betätigung unseres Patienten wenden. Es besteht auf diesem Gebiete
ein noch nicht verwerteter Gegensatz zwischen den Ansichten der
Ärzte und der Kranken. Letztere sind alle darin einig, die Onanie,
unter der sie die Pubertätsmasturbation verstehen, als Wurzel und
Urquell all ihrer Leiden hinzustellen; die Ärzte wissen im allgemeinen
nicht, wie sie darüber denken sollen, aber unter dem Eindrucke der
Erfahrung, daß auch alle später Normalen in den Pubertätsjahren
eine Weile onaniert haben, neigen sie in ihrer Mehrzahl dazu, die Angaben
der Kranken als grobe Überschätzungen zu verurteilen. Ich meine,
daß die Kranken auch hierin eher Recht haben als die Ärzte. Den
Kranken dämmert hier eine richtige Einsicht, während die Ärzte in
Gefahr sind, etwas Wesentliches zu übersehen. Es verhält sich gewiß
nicht so, wie die Kranken ihren Satz selbst verstehen wollen, daß die
fast typisch zu nennende Pubertätsonanie für alle neurotischen Störungen
verantwortlich zu machen sei. Der Satz bedarf der Deutung. Aber
die Onanie der Pubertätsjahre ist in Wirklichkeit nichts anderes als
die Auffrischung der bisher stets vernachlässigten Onanie der Kinder-
jahre, welche zumeist in den Jahren von 3 bis 4 oder 5 eine Art von
Höhepunkt erreicht, und diese ist allerdings der deutlichste Ausdruck
der sexuellen Konstitution des Kindes, in welcher auch wir die Ätiologie
der späteren Neurosen suchen. Die Kranken beschuldigen unter solcher
Verhüllung also namentlich ihre infantile Sexualität, und darin haben
sie vollauf Recht. Das Problem der Onanie wird hingegen unlösbar,
wenn man die Onanie als eine klinische Einheit auffassen will und daran
vergißt, daß sie die Abfuhr der verschiedenartigsten Sexualkomponenten
und der von ihnen gespeisten Phantasien darstellt. Die Schädlichkeit
der Onanie ist nur zum geringen Anteil eine autonome, durch ihre
eigene Natur bedingte. Der Hauptsache nach fällt sie mit der pathogenen
Bedeutung des Sexuallebens überhaupt zusammen. Wenn sovielS.
391
Individuen die Onanie, d, h ein gewisses Ausmaß dieser Betätigung,
ohne Schaden vertragen, so lehrt diese Tatsache nichts anderes, als
daß bei ihnen die sexuelle Konstitution und der Ablauf der Entwick-
lungsvorgänge im Sexualleben die Ausübung der Funktion unter den
kulturellen Bedingungen gestattet hat1), während andere infolge un-
günstigen Sexualkonstitution oder gestörter Entwicklung an ihrer
Sexualität erkranken, d. h. die Anforderungen zur Unterdrückung
und Sublimierung der sexuellen Komponenten nicht ohne Hemmungen
und Ersatzbildungen erfüllen können.Unser Patient war in seinem Onanieverhalten recht auffällig;
er entwickelte keine Pubertätsonanie und hätte also nach gewissen
Erwartungen ein Anrecht darauf gehabt, frei von Neurose zu bleiben.
Dagegen trat der Drang zur onanistischen Betätigung im 21. Jahre
bei ihm auf, kurze Zeit nach dem Tode des Vaters. Er war sehr
beschämt nach jeder Befriedigung und schwor ihr bald wieder ab.
Von da an trat die Onanie nur bei seltenen und sehr merkwürdigen
Anlässen wieder auf. „Besonders schöne Momente, die er erlebte, oder
besonders schöne Stellen, die er las, riefen sie hervor. So z. B als er an
einem schönen Sommernachmittag einen Postillon in der Inneren Stadt
so herrlich blasen hörte, bis ein Wachmann es ihm untersagte, weil in
der Stadt das Blasen verboten sei! Oder ein andermal, als er in „Dichtung
und Wahrheit“ las, wie sich der junge Goethe in zärtlicher Aufwallung
von der Wirkung eines Fluches befreite, den eine Eifersüchtige über
die ausgesprochen, welche nach ihr seine Lippen küssen würde. Lange
hatte er sich wie abergläubisch durch diesen Fluch abhalten lassen,
jetzt aber zerriß er die Fessel und küßte sein Lieb herzlich ab.”Er verwunderte sich nicht wenig, daß er gerade bei solchen schönen
und erhebenden Anlässen zur Masturbation gedrängt werden sei. Ich
mußte aber aus diesen beiden Beispielen als das Gemeinsame das Verbot
und das Sichhinaussetzen über ein Gebot herausheben.In denselben Zusammenhang gehörte auch sein sonderbares
Benehmen zu einer Zeit, da er für eine Prüfung studierte und mit der
ihm liebgewordenen Phantasie spielte, der Vater lebe noch und könne
jeden Moment wiederkommen. Er richtete es sich damals so ein, daß
sein Studium auf die spätesten Nachtstunden fiel. Zwischen 12 und
1 Uhr nachts unterbrach er sich, öffnete die auf die Hausflur führende
Tür, als ob der Vater davor stünde, und betrachtete dann, nachdem
er zurückgekommen war, im Spiegel des Vorzimmers seinen entblößten1) Vgl. Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 1905.
S.
392
Penis. Dies tolle Treiben wird unter der Voraussetzung verständlich,
daß er sich so benahm, als ob er den Besuch des Vaters um die Geister-
stunde erwartete. Zu seinen Lebzeiten war er eher ein fauler Student
gewesen, worüber sich der Vater oft gekränkt hatte. Nun sollte er
Freude an ihm haben, wenn er als Geist wiederkam und ihn beim Stu-
dieren traf. An dem andern Teile seines Tuns konnte der Vater aber
unmöglich Freude haben; damit trotzte er ihm also und brachte so in
einer unverstandenen Zwangshandlung die beiden Seiten seines Ver-
hältnisses zum Vater nebeneinander zum Ausdrucke, ähnlich wie in
der späteren Zwangshandlung vom Steine auf der Straße gegen die
geliebte Dame.Auf diese und ähnliche Anzeichen gestützt, wagte ich die Konstruk-
tion, er habe als Kind im Alter vor 6 Jahren irgendeine sexuelle Missetat
im Zusammenhänge mit der Onanie begangen und sei dafür vom Vater
empfindlich gezüchtigt werden. Diese Bestrafung hätte der Onanie
allerdings ein Ende gemacht, aber anderseits einen unauslöschlichen
Groll gegen den Vater hinterlassen und dessen Rolle als Störer des
sexuellen Genusses fiir alle Zeiten fixiert. (Vgl. die ähnlichen Ver-
mutungen in einer der ersten Sitzungen, S. 374.) Zu meinem großen
Erstaunen berichtete nun der Patient, ein solcher Vorfall aus seinen
ersten Kinderjahren sei ihm von der Mutter wiederholt erzählt worden
und offenbar darum nicht in Vergessenheit geraten, weil sich so merk-
würdige Dinge an ihn knüpften. Seine eigene Erinnerung wisse aller-
dings nichts davon. Die Erzählung aber lautete: Als er noch sehr klein
war – die genauere Zeitbestimmung ließe sich noch durch das Zusammen-
treffen mit der Todeskrankheit einer älteren Schwester gewinnen –
soll er etwas Arges angestellt haben, wofür ihn der Vater prügelte.
Da sei der kleine Knirps in eine schreckliche Wut geraten und habe
noch unter den Schlägen den Vater beschimpft. Ds er aber noch keine
Schimpfwörter kannte, habe er ihm alle Namen von Gegenständen
gegeben, die ihm einfielen, und gesagt: du Lampe, du Handtuch,
du Teller usw. Der Vater hielt erschüttert über diesen elementaren
Ausbruch im Schlagen inne und äußerte: Der Kleine da wird entweder
ein großer Mann oder ein großer Verbrecher1)! Er meint, der Eindruck
dieser Szene sei sowohl für ihn wie für den Vater ein dauernd wirk-
samer gewesen. Der Vater habe ihn nie wieder geprügelt; er selbst
leitet aber ein Stück seiner Charakterveränderung von dem Erlebnisse1) Die Alternative war unvollständig. An den häufigsten Ausgang so vor-
zeitiger Leidenschaftlichkeit, an den in Neurose, hatte der Vater nicht gedacht.S.
393
ab. Aus Angst vor der Größe seiner Wut sei er von da an feige geworden.
Er hatte übrigens sein ganzes Leben über schreckliche Angst vor
Schlägen und verkroch sich vor Entsetzen und Empörung, wenn eines seiner Geschwister geprügelt wurde.Eine erneuerte Nachfrage bei der Mutter brachte außer der Be-
stätigung dieser Erzählung die Auskunft, daß er- damals zwischen 3
und 4 Jahre alt war, und daß er die Strafe verdient, weil er jemanden
gebissen hatte. Näheres erinnerte auch die Mutter nicht mehr; sie
meinte recht unsicher, die von dem Kleinen beschädigte Person möge
die Kinderfrau gewesen sein; von einem sexuellen Charakter des Deliktes
war in ihrer Mitteilung nicht die Rede1).1) Man hat es in den Psychoanalysen häufig mit solchen Begebenheiten
aus den ersten Kinderjahren zu tun, in denen die infantile Sexualtätigkeit zu
gipfeln scheint und häufig durch einen Unfall oder eine Bestrafung ein katastro-
phales Ende findet. Sie zeigen sich schattenhaft in Träumen an, werden oft so
deutlich, daß man sie greifbar zu besitzen vermeint, aber sie entziehen sich doch
der endgültigen Klarstellung, und wenn man nicht mit besonderer Vorsicht und
mit Geschicke verfährt, muß man es unentschieden lassen, ob eine solche Szene wirklich
vorgefallen ist. Auf die richtige Spur der Deutung wird man durch die Erkenntnis
geführt, daß von solchen Szenen mehr als eine Version, oft sehr verschiedenartige,
in der unbewußten Phantasie des Patienten aufzuspüren sind. Wenn man in der
Beurteilung der Realität nicht irregehen will, muß man sich vor allem daran er-
innern, daß die „Kindheits-erinnerungen“ der Menschen erst in einem späteren
Alter (meist zur Zeit der Pubertät) festgestellt und dabei einem komplizierten
Umarbeitungsprozeß unterzogen werden, welcher der Sagenbildung eines Volkes
über seine Urgeschichte durchaus analog ist. Es läßt sich deutlich erkennen,
daß der heranwachsende Mensch in diesen Phantasiebildungen über seine erste
Kindheit das Andenken an seine autoerotische Betätigung zu ver-
wischen sucht, indem er seine Erinnerungsspuren auf die Stufe der Objekt-
liebe hebt, also wie ein richtiger Geschichtschreiber die Vergangenheit im Lichte
der Gegenwart erblicken will. Daher die Überfülle von Verführungen und Atten-
taten in diesen Phantasien, wo die Wirklichkeit sich auf autoerotische Betätigung
und auf Anregung dazu durch Zärtlichkeiten und Strafen beschränkt. Ferner
wird man gewahr, daß der über seine Kindheit Phantasierende seine Er-
innerungen sexualisiert, d. h., daß er banale Erlebnisse mit seiner Sexual-
betätigung in Beziehung bringt, sein Sexualinteresse über sie ausdehnt, wobei
er wahrscheinlich den Spuren des wirklich vorhandenen Zusammenhanges nach-
fährt. Daß es nicht die Absicht dieser Bemerkungen ist, die von mir behauptete
Bedeutung der infantilen Sexualität nachträglich durch die Reduktion auf das
Sexualinteresse der Pubertät herabzusetzen, wird mir jeder glauben, der die von
mir mitgeteilte „Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben“ im Gedächtnis hat.
Ich beabsichtige nur, technische Anweisungen zur Auflösung jener Phantasie-
bildungen zu geben, welche dazu bestimmt sind, das Bild jener infantilen Sexual-
betätigung zu verfälschen.S.
394
Indem ich die Diskussion dieser Kindheitsszene in die Fußnote
verweise, führe ich an, daß durch deren Auftauchen seine Weigerung
an eine prähistorisch erworbene und später latent gewordene Wut
gegen den geliebten Vater zu glauben, zuerst ins Wanken geriet. Ich
hatte nur eine stärkere Wirkung erwartet, denn diese Begebenheit
war ihm so oft auch vom Vater selbst erzählt werden, daß ihre Realität
keinem Zweifel unterlag. Mit einer Fähigkeit, die Logik zu beugen, welcheNur selten ist man wie bei unserem Patienten in der glücklichen Lage, die
tatsächliche Grundlage dieser Dichtungen über die Urzeit durch das unerschütter-
liche Zeugnis eines Erwachsenen festzustellen. Immerhin läßt die Aussage der Mutter
den Weg für mehrfache Möglichkeiten offen. Daß sie die sexuelle Natur des Ver-
gehens, für welches das Kind gestraft wurde, nicht proklamierte, mag seinen Grund
in ihrer eigenen Zensur haben, welche bei allen Eltern gerade dieses Element aus
der Vergangenheit ihrer Kinder auszuschalten bemüht ist. Es ist aber ebenso
möglich, daß das Kind damals wegen einer banalen Unart nicht sexueller Natur
von der Kinderfrau oder der Mutter selbst zurechtgewiesen und dann wegen seiner
gewalttätigen Reaktion vom Vater gezüchtigt wurde. Die Kinderfrau oder eine
andere dienende Person wird in solchen Phantasien regelmäßig durch die vor-
nehmere der Mutter ersetzt. Wenn man sich in die Deutung der diesbezüglichen
Träume des Patienten tiefer einließ, fand man die deutlichsten Hinweise auf eine
episch zu nennende Dichtung, in welcher sexuelle Gelüste gegen Mutter und
Schwester und der frühzeitige Tod dieser Schwester mit jener Züchtigung des
kleinen Helden durch den Vater zusammengebracht wurden. Es gelang nicht,
dieses Gewebe von Phantasieumhüllungen Faden für Faden abzuspinnen; gerade
der therapeutische Erfolg war hier das Hindernis. Der Patient war hergestellt
und das Leben forderte von ihm, mehrfache, ohnedies zu lange aufgeschobene
Aufgaben in Angriff zu nehmen, die mit der Fortsetzung der Kur nicht verträglich
waren. Man mache mir also aus dieser Lücke in der Analyse keinen Vorwurf.
Die wissenschaftliche Erforschung durch die Psychoanalyse ist ja heute nur ein
Nebenerfolg der therapeutischen Bemühung, und darum ist die Ausbeute oft gerade
bei unglücklich behandelten Fällen am größten.Der Inhalt des kindlichen Sexuallebens besteht in der autoerotischen Be-
tätigung der vorherrschenden Sexualkomponenten, in Spuren von Objektliebe
und in der Bildung jenes Komplexes, den man den Kernkomplex der Neurosen
nennen könnte, der die ersten zärtlichen wie feindseligen Regungen gegen Eltern
und Geschwister umfaßt, nachdem die Wißbegierde des Kleinen, meist durch
die Ankunft eines neuen Geschwisterchens, geweckt worden ist. Aus der Uniformität
dieses Inhaltes und aus der Konstanz der späteren modifizierenden Einwirkungen
erklärt es sich leicht, daß im allgemeinen stets die nämlichen Phantasien über die
Kindheit gebildet werden, gleichgültig wieviel oder wie wenig Beiträge das wirk-
liche Erleben dazu gestellt hat. Es entspricht durchaus dem infantilen Kern-
komplex, daß der Vater zur Rolle des sexuellen Gegners und des Störers der auto-
erotischen Sexualbetätigung gelangt, und die Wirklichkeit hat daran zumeist
einen guten Anteil.S.
395
bei den sehr intelligenten Zwangskranken jedesmal höchst befremdend
wirkt, machte er aber immer wieder gegen die Beweiskraft der Erzählung
geltend, er erinnere sich doch nicht selbst daran. Er mußte sich also
die Überzeugung, daß sein Verhältnis zum Vater wirklich jene unbewußte
Ergänzung erforderte, erst auf dem schmerzhaften Wege der Übertragung
erwerben. Es kam bald dazu, daß er mich und die Meinigen in Träumen,
Tagesphantasien und Einfällen aufs gröblichste und unflätigste be-
schimpfte, während er mir doch mit Absicht niemals etwas anderes
als die größte Ehrerbietung entgegenbrachte. Sein Benehmen während
der Mitteilung dieser Beschimpfungen war: das eines Verzweifelten.
„Wie kommen Herr Professor dazu, sich von einem schmierigen, her-
gelaufenen Kerl wie ich so beschimpfen zu lassen? Sie müssen mich
hinauswerfen; ich verdiene es nicht besser.“ Bei diesen Reden pflegte
er vom Diwan aufzustehen und im Zimmer herumzulaufen, was er
zuerst mit Feinfühligkeit motivierte; er bringe es nicht über sich,
so gräßliche Dinge zu sagen, während er behaglich daliege. Er fand
aber bald selbst die triftigere Erklärung, daß er sich meiner Nähe
entziehe, uns Angst von mir geprügelt zu werden. Wenn er sitzen blieb,
so benahm er sich wie einer, der sich in verzweifelter Angst vor maß-
losen Züchtigungen schützen will; er stützte den Kopf in die Hände,
deckte sein Gesicht mit dem Arme, lief plötzlich mit schmerzlich ver-
zerrten Zügen davon usw. Er erinnerte, daß der Vater jähzornig gewesen
war und in seiner Heftigkeit manchmal nicht mehr wußte, wie weit er
gehen durfte. In solcher Schule des Leidens gewann er allmählich die ihm
mangelnde Überzeugung, die sich jedem anderen nicht persönlich
Beteiligten wie selbstverständlich ergeben hätte; dann war aber auch
der Weg zur Auflösung der Rattenvorstellung frei. Eine Fülle von
bisher zurückgehaltenen tatsächlichen Mitteilungen wurde nun auf der
Höhe der Kur zur Herstellung des Zusammenhanges verfügbar.In der Darstellung desselben werde ich, wie angekündigt, aufs
äußerste verkürzen und resümieren. Das erste Rätsel war offenbar,
weshalb die beiden Reden des tschechischen Hauptmannes, die Ratten-
erzählung und die Aufforderung, dem Oberleutnant A. das Geld zurück-
zugeben, so aufregend auf ihn gewirkt und so heftige pathologische
Reaktionen hervorgerufen hatten. Es war anzunehmen, daß hier
„Komplexempfindlichkeit“ vorlag, daß durch jene Reden hyper-
ästhetische Stellen seines Unbewußten unsanft berührt werden waren.
So war es auch; er befand sich, wie jedesmal im militärischen Ver-
hältnisse, in einer unbewußten Identifizierung mit dem Vater, derS.
396
selbst durch mehrere Jahre gedient hatte und vieles aus seiner Soldaten-
zeit zu erzählen pflegte. Nun gestattete der Zufall, der bei der Symptom-
bildung mithelfen darf, wie der Wortlaut beim Witz, daß eines der
kleinen Abenteuer des Vaters ein wichtiges Element mit der Aufforderung
des Hauptmannes gemeinsam hatte. Der Vater hatte einmal eine kleine
Summe Geldes, über die er als Unteroffizier verfügen sollte, im Karten-
spiele verloren (Spielratte) und wäre in arge Bedrängnis gekommen,
wenn ein Kamerad sie ihm nicht vorgestreckt hätte. Nachdem er das
Militär verlassen und wohlhabend geworden war, suchte er den hilf-
reichen Kameraden auf, um ihm das Geld zurückzugeben, fand ihn
aber nicht mehr. Unser Patient war nicht sicher, ob ihm die Rück-
erstattung überhaupt je gelang; die Erinnerung an diese Jugendsünde
des Vaters war ihm peinlich, da doch sein Unbewußtes von feindseligen
Ausstellungen am Charakter des Vaters erfüllt war. Die Worte des
Hauptmannes: Du mußt dem Oberleutnant A. die Kronen 3.80 zurück-
geben, klangen ihm wie eine Anspielung an jene uneingelöste Schuld
des Vaters.Die Mitteilung aber, daß das Postfräulein in Z. die Nachnahme
mit einigen für ihn schmeichelhaften Worten selbst erlegt hatte1),
verstärkte die Identifizierung mit dem Vater auf einem andern Ge-
biete. Er trug jetzt nach, daß in dem kleinen Orte, wo sich auch das
Postamt befand, die hübsche Wirtstochter dem schmucken jungen
Offizier viel Entgegenkommen gezeigt hatte, so daß er sich vornehmen
konnte, nach Schluß der Manöver dorthin zurückzukommen, um
seine Chancen bei dem Mädchen zu verfolgen. Nun war ihr in dem
Postfräulein eine Konkurrentin erstanden; er konnte, wie der Vater
in seinem Eheroman, schwanken, welcher von beiden er nach dem
Verlassen des Militärdienstes seine Gunst zuwenden sollte. Wir merken
mit einem Male, daß seine sonderbare Unschlüssigkeit, ob er nach Wien
reisen oder an den Ort des Postamtes zurückkehren solle, seine be-
ständigen Versuchungen, auf der Reise umzukehren (vgl. S. 368), nicht so
sinnlos waren, wie sie uns zuerst erscheinen mußten. Für sein Bewußtsein
war die Anziehung des Ortes Z., an dem sich das Postamt befand, durch
das Bedürfnis motiviert, den Oberleutnant A. zu sehen und mit seiner1) Vergessen wir nicht, daß er dies erfahren hatte, ehe der Hauptmann
die (unberechtigte) Aufforderung der Rückzahlung an Oberleutnant A. an ihn
richtete. Es ist dies der für das Verständnis unentbehrliche Punkt, durch dessen
Unterdrückung er sich die heilloseste Verwirrung bereitete und mir eine Zeitlang
den Einblick in den Sinn des Ganzen verwehrte.S.
397
Hilfe seinen Eid zu erfüllen. In Wirklichkeit war das im nämlichen
Ort befindliche Postfräulein der Gegenstand seiner Sehnsucht und der
Oberleutnant nur ein guter Ersatz für sie, da er am selben Ort wohnte
und selbst den militärischen Postdienst versehen hatte. Als er dann
hörte, nicht der Oberleutnant A., sondern ein anderer Offizier B. habe
an dem Tage bei der Post amtiert, zog er auch diesen in seine Kom-
bination und konnte sein Schwanken zwischen den beiden ihm gnädig
gesinnten Mädchen nun in den Delirien mit den beiden Offizieren
wiederholen.Bei der Aufklärung der Wirkungen, welche von der Ratten-
erzählung des Hauptmannes ausgingen, müssen wir uns enger an den
Ablauf der Analyse halten. Es ergab sich zunächst eine außerordentliche
Fülle von assoziativem Material, ohne daß vorläufig die Situation der
Zwangsbildung durchsichtiger wurde. Die Vorstellung der mit den
Ratten vollzogenen Strafe hatte eine Anzahl von Trieben gereizt, eine
Menge von Erinnerungen geweckt, und die Ratten hatten darum in dem
kurzen Intervalle zwischen der Erzählung des Hauptmannes und seiner
Mahnung, das Geld zurückzugeben, eine Reihe von symbolischen
Bedeutungen erworben, zu welchen in der Folgezeit immer neue hinzu-
traten. Mein Bericht über all dies kann freilich nur sehr unvollständig
ausfallen. Die Rattenstrafe rüttelte vor allem die Analerotik auf,
die in seiner Kindheit eine große Rolle gespielt hatte und durch jahre-
lang fortgesetzten Wurmreiz unterhalten worden war. Die Ratten kamen
so zur Bedeutung: Geld1), welcher Zusammenhang sich durch den
Einfall Raten zu Ratten anzeigte. Er hatte sich in seinen Zwangs-
delirien eine förmliche Rattenwährung eingesetzt; z. B. als ich ihm auf
Beilagen den Preis einer Behandlungsstunde mitteilte, hieß es bei ihm,
was ich ein halbes Jahr später erfuhr: Soviel Gulden, soviel Ratten.
In diese Sprache wurde allmählich der ganze Komplex der Geldinteressen,
die sich an die Erbschaft nach dem Vater knüpften, umgesetzt, d. h. alle
dahin gehörigen Vorstellungen wurden über diese Wortbrücke Raten
– Ratten ins Zwanghafte eingetragen und dem Unbewußten unter-
worfen. Diese Geldbedeutung der Ratten stützte sich überdies auf die
Mahnung des Hauptmannes, den Betrag der Nachnahme zurück-
zugeben, mit Hilfe der Wortbrücke Spielratte, von der aus der Zugang
zur Spielverfehlung des Vaters aufzufinden war.1) Vgl. „Charakter und Analerotik“ in der Zweiten Folge der Sammlung
usw. zur Neurosenlehre, 1909.S.
398
Die Ratte war ihm aber auch als Träger gefährlicher Infektionen
bekannt und konnte darum als Symbol für die beim Militär so berechtigte
Angst vor syphilitischer Infektion verwendet werden, wohinter
allerlei Zweifel an der Lebensführung des Vaters während seiner militä-
rischen Dienstzeit versteckt waren. In anderem Sinne: Träger der syphili-
tischen Infektion wer der Penis selbst, und so wurde die Ratte zum
Geschlechtsglied, für welche Verwendung sie noch ein anderes Anrecht
geltend machen konnte. Der Penis, besonders der des kleinen Kindes,
kann ohne weiteres als Wurm beschrieben werden, und in der Erzählung
des Hauptmannes wählten die Ratten im After wie in seinen Kinder-
jahren die großen Spülwürmer. So ruhte die Penisbedeutung der Ratten
wiederum sei der Analerotik. Die Ratte ist ohnedies ein schmutziges
Tier, das sich von Exkrementen nährt und in Kanälen lebt, die den Abfall
führen1). Es ist ziemlich überflüssig anzuführen, welcher Ausbreitung
des Rattendelirium durch diese neue Bedeutung fähig würde. Soviel
Ratten – soviel Gulden“, konnte z. B. als eine treffliche Charakteristik
eines ihm sehr verhaßten weiblichen Gewerbes gelten. Hingegen ist es
wohl nicht gleichgültig, daß die Einsetzung des Penis für die Ratte in
der Erzählung des Hauptmannes eine Situation von Verkehr per anum
ergab, die ihm in ihrer Beziehung auf Vater und Geliebte besonders
widerlich erscheinen mußte. Trat diese Situation in der Zwangsandrohung
wieder auf, welche sich nach der Mahnung des Hauptmannes bei ihm
gestaltete, so erinnerte dies unverkennbar an gewisse bei den Südslawen
gebräuchliche Fläche, deren Wortlaut man in der von F. S. Krauß
herausgegebenen „Anthropophyteia“ nachlesen kann. All dieses Material
und noch anderes reihte sich übrigens mit dem Deckeinfall Heiraten
in des Gefüge der Rattendiskussion ein.Daß die Erzählung von der Rattenstrafe bei unserem Patienten
alle vorzeitlich unterdrückten Regungen eigensüchtiger und sexueller
Grausamkeit in Aufruhr brachte, wird ja durch seine eigene Schilderung
und durch seine Mimik bei der Wiedererzählung bezeugt. Doch fiel trotz
all dieses reichen Materials so lange kein Licht auf die Bedeutung
seiner Zwangsidee, bis eines Tages die Rattenmamsell aus Ibsens
Klein Eyolf auftauchte und die Folgerung unabweisbar machte,
in vielen Ausgestaltungen seiner Zwangsdelirien bedeuteten die Ratten1) Wer diese Sprünge der neurotischen Phantasie kopfschüttelnd ablehnen
will, der sei an ähnliche Capriccios erinnert, in denen sich die Phantasie der Künstler
gelegentlich ergeht, z. B. an die Diableries érotiques von Le Poitevin.S.
399
auch Kinder1). Forschte man nach der Entstehung dieser neuen Be-
deutung, so stieß man sofort auf die ältesten und bedeutsamsten Wurzeln.
Bei einem Besuche am Grabe des Vaters hatte er einmal ein großes
Tier, das er für eine Ratte hielt, am Grabhügel vorbeihuschen gesehen2).
Er nahm an, sie käme aus dem Grabe des Vaters selbst und hätte soeben
ihre Mahlzeit von seinem Leichnam eingenommen. Von der Vorstellung
der Ratte bleibt als unzertrennlich, daß sie mit scharfen Zähnen nagt
und beißt3); die Ratte ist aber nicht etwa ohne Strafe bissig, gefräßig
und schmutzig, sondern sie wird von den Menschen, wie er oft mit
Grausen gesehen hatte, grausam verfolgt und schonungslos erschlagen.
Oft hatte er Mitleid mit solchen armen Ratten verspürt. Nun war er
selbst so ein ekelhafter, schmutziger, kleiner Kerl gewesen, der in der
Wut um sich beißen konnte und dafür fürchterlich gezüchtigt worden
war (vgl. Seite 393), Er konnte wirklich sein ganz „natürlich Ebenbild“4)
in der Ratte finden. Das Schicksal hatte ihm in der Erzählung des Haupt-
mannes sozusagen ein Komplexreizwort zugerufen, und er versäumte
nicht, mit seiner Zwangsidee darauf zu reagieren.Ratten waren also Kinder nach seinen frühesten und folgen-
schwersten Erfahrungen. Und nun brachte er eine Mitteilung, die er
lange genug aus dem Zusammenhange ferngehalten hatte, die aber jetzt
das Interesse, das er für Kinder haben mußte, voll aufklärte. Die Dame,
die er durch so lange Jahre verehrte und zu heiraten sich doch nicht
entschließen konnte, war infolge einer gynäkologischen Operation,
der Entfernung beider Ovarien, zur Kinderlosigkeit verurteilt; es war
dies sogar für ihn, der Kinder außerordentlich liebte, der Hauptgrund
seines Schwankens.Erst jetzt wurde es möglich, den unbegreiflichen Vorgang bei der
Bildung seiner Zwangsidee zu verstehen; mit Zuhilfenahme der infan-1) Ibsens Rattenmamsell ist ja sicherlich von dem sagenhaften Ratten-
fänger von Hameln abgeleitet, der zuerst die Ratten ins Wasser lockt und dann
mit denselben Mitteln die Kinder der Stadt auf Nimmerwiederkehr verführt.
Auch Klein Eyolf stürzt sich unter dem Banne der Rattenmamsell ins Wasser.
Die Ratte erscheint in der Sage überhaupt nicht so sehr als ekelhaftes, sondern als
unheimliches, man möchte sagen chthonisches Tier, und wird zur Darstellung
der Seelen Verstorbener verwendet.2) Eines der auf dem Wiener Zentralfriedhofe so häufigen Erdwiesel.
3) „Doch dieser Schwelle Zauber zu zerspalten.
Bedarf ich einen Rattenzahns.
– – – – –
Noch einen Biß, so ist's geschehn.“ sagt Mephisto.4) Auerbachs Keller.
S.
400
tilen Sexualtheorien und der Symbolik, die man aus der Deutung von
Träumen kennt, ließ sich alles sinnreich übersetzen. Als dem Hauptmann
auf der Nachmittagsrast, bei der er seinen Zwicker einbüßte, von der
Rattenstrafe erzählte, packte ihn zuerst nur der grausam lüsterne
Charakter der vorgestellten Situation Aber sofort stellte sich die
Verbindung mit jener Kinderszene her, in der er selbst gebissen hatte;
der Hauptmann, der für solche Strafen eintreten konnte, rückte ihm
an die Stelle des Vaters und zog einen Teil der wiederkehrenden Er-
bitterung auf sich, die sich damals gegen den grausamen Vater empört
hatte. Die flüchtig auftauchende Idee, es könnte einer ihm lieben Person
etwas dergleichen geschehen, wäre zu übersetzen durch die Wunsch-
regung: Dir sollte man so etwas tun, die sich gegen den Erzähler, da-
hinter aber schon gegen den Vater richtete. Als ihm dann 1½ Tage
später1) der Hauptmann des mit Nachnahme angelangte Paket überreicht
und ihn mahnt, die 3 Kronen 80 Heller dem Oberleutnant A. zurück-
zugeben, weiß er bereits, daß der „grausame Vorgesetzte“ sich irrt und
daß er niemand anderem als dem Postfräulein verpflichtet ist. Es liegt
ihm also nahe, eine höhnische Antwort zu bilden wie: Ja freilich, was
fällt dir denn ein? oder: Ja, Schnecken, oder: Ja, einen Schmarren2)
werd’ ich ihm das Geld zurückgeben, Antworten, die er nicht hätte
aussprechen müssen. Aber aus dem unterdes aufgerührten Vaterkomplex
und der Erinnerung an jene Infantilszene gestaltet sich ihm die Antwort:
Ja, ich werde dem A. das Geld zurückgeben, wenn mein Vater und
meine Geliebte Kinder bekommen, oder: So wahr mein Vater und die
Dame Kinder bekommen können, so gewiß werde ich ihm das Geld
zurückgeben. Also eine höhnende Beteuerung an eine unerfüllbare
absurde Bedingung geknüpft3).Aber nun war des Verbrechen begangen, die beiden ihm teuersten
Personen, Vater und Geliebte, von ihm geschmäht; das forderte Strafe,
und die Bestrafung bestand in dem Auferlegen eines unmöglich zu er»
füllenden Eides, der den Wortlaut des Gehorsam gegen die unberechtigte
Mahnung des Vorgesetzten einhielt: Jetzt mußt du wirklich1) Nicht am nächsten Abend, wie er zuerst erzählte. Es ist ganz unmöglich,
daß der bestellte Zwicker noch am selben Tage angelangt wäre. Er verkürzt diese
Zwischenzeit in der Erinnerung, weil in ihr die entscheidenden Gedankenver-
bindungen sich herstellten, und weil er die in sie fallende Begegnung mit dem Offizier
verdrängt, der ihm vom freundlichen Benehmen des Postfräuleins erzählte.2) Wienerisch.
3) Die Absurdität bedeutet also auch in der Sprache des Zwangsdenkens
Hohn sowie im Traum. Siehe Traumdeutung, Seite 267, 2. Aufl., 1909.S.
401
dem A. das Geld zurückgeben. lm krampfhaften Gehorsam ver-
drängte er sein besseres Wissen, daß der Hauptmann seine Mahnung
auf eine irrige Voraussetzung gründe: „Ja, du mußt dem A. das Geld
zurückgeben, wie der Stellvertreter des Vaters verlangt hat. Der Vater
kann nicht irren." Auch die Majestät kann nicht irren, und wenn sie
einen Untertan mit einem ihm nicht gebührenden Titel angesprochen
hat, so trägt er fortan diesen Titel.Von diesem Vorgange gelangt in sein Bewußtsein nur undeutliche
Kunde, aber die Auflehnung gegen das Gebot des Hauptmannes und der
Umschlag ins Gegenteil sind auch im Bewußtsein vertreten. (Zuerst:
Nicht das Geld zurückgehen, sonst geschieht das . . . . [die Ratten-
strafe], und dann die Verwandlung in den gegenteiligen Eidauftrag als
Strafe für die Auflehnung.)Man vergegenwärtige sich noch die Konstellation, in welche die
Bildung der großen Zwangsidee fiel. Er war durch lange Abstinenz sowie
durch das freundliche Entgegenkommen, auf das der junge Offizier bei den
Frauen rechnen darf, libidinös geworden, war überdies in einer gewissen
Entfremdung von seiner Dame zur Waffenübung eingerückt. Diese Libido-
steigerung machte ihn geneigt, den uralten Kampf gegen die Autorität
des Vaters wieder aufzunehmen, und er getraute sich an sexuelle Be-
friedigung bei anderen Frauen zu denken. Die Zweifel am Andenken des
Vaters und die Bedenken gegen den Wert der Geliebten hatten sich ge-
steigert; in solcher Verfassung ließ er sich zur Schmähung gegen beide hin-
reißen, und dann bestrafte er sich daür. Er wiederholte damit ein altes
Vorbild. Wenn er dann nach Schluß der Waffenübung so lange schwankt,
ob er nach Wien reisen oder bleiben und den Eid erfüllen solle, so stellt er
damit in einem die beiden Konflikte dar, die ihn von jeher bewegt hatten,
ob er dem Vater gehorsam und ob er der Geliebten treu bleiben solle1).Noch ein Wort über die Deutung des Inhaltes der Sanktion:
sonst wird im den beiden Personen die Rattenstrafe vollzogen. Sie
ruht auf der Geltung zweier infantiler Sexualtheorien, über die ich an
anderer Stelle Auskunft gegeben habe2). Die erste dieser Theorien geht1) Es ist vielleicht interessant hervorzuheben, daß der Gehorsam gegen
den Vater wiederum mit der Abwendung von der Dame zusammenfällt. Wenn er
bleibt und dem A. das Geld zurückgibt, so hat er die Buße gegen den Vater erfüllt
und gleichzeitig seine Dame gegen die Anziehung eines andern Magneten ver-
lassen. Der Sieg in diesem Konflikte verbleibt der Dame, allerdings mit Unter—
stützung der normalen Besinnung.2) Vgl. „Über infantile Sexualtheorien“ in der Zweiten Folge der Sammlung
usw. zur Neurosenlehre 1909.S.
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dahin, daß die Kinder aus dem After herauskommen; die zweite schließt
konsequent mit der Möglichkeit an, daß Männer ebensowohl Kinder
kriegen können wie Frauen. Nach den technischen Regeln der Traum-
deutung kann das aus dem Darm herauskommen durch seinen Gegen-
satz: ein in den Darm hineinkriechen (wie bei der Rattenstrafe) dar-
gestellt werden und umgekehrt.Einfachere Lösungen für so schwere Zwangsideen oder Lösungen
mit anderen Mitteln zu erwarten, ist man wohl nicht berechtigt. Mit
der Lösung, die sich uns ergab, wer das Rattendelirium beseitigt.
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Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose1909-004/1909
1909-004/1909/1