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Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose.
Von Sigm. Freud (Wien)
Die nachstehenden Blätter werden zweierlei enthalten: erstens
fragmentarische Mitteilungen aus der Krankengeschichte eines Falles
von Zwangsneurose, welcher nach seiner Dauer, seinen Schädigungs-
folgen und nach subjektiver Wertung zu den ziemlich schweren gezählt
werden konnte, und dessen Behandlung durch etwa ein Jahr zunächst die
völlige Herstellung der Persönlichkeit und die Aufhebung ihrer Hem-
mungen erzielte. Zweitens aber in Anknüpfung an diesen und in Anlehnung
an andere früher analysierte Fälle einzelne aphoristische Angaben
über die Genese und den feineren Mechanismus der seelischen Zwangs-
vorgänge, durch welche meine, im Jahre 1896 veröffentlichten ersten
Darstellungen weitergeführt werden sollen1).Eine derartige Inhaltsangabe scheint mir selbst einer Recht-
fertigung bedürftig, damit man nicht etwa glaube, ich hielte diese
Art und Weise der Mitteilung für untadelhaft und nachahmenswert,
während ich in Wirklichkeit nur Hemmungen äußerlicher und inhalt-
licher Natur Rechnung trage und gerne mehr gegeben hätte, wenn ich
nur dürfte und könnte. Die vollständige Behandlungsgeschichte kann
ich nämlich nicht mitteilen, weil sie ein Eingehen auf die Lebensver-
hältnisse meines Patienten im einzelnen erfordern würde. Die belästigende
Aufmerksamkeit einer Großstadt, die sich auf meine ärztliche Tätigkeit
ganz besonders richtet, verbietet mir eine wahrheitsgetreue Darstellung;
Entstellungen aber, mit denen man sich sonst zu behelfen pflegt,
finde ich immer mehr unzweckmäßig und verwerflich. Sind sie gering-
fügig, so erfüllen sie den Zweck nicht, den Patienten vor indiskreter
1) Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre aus den Jahren 1893
bis 1906, VIII. („Wesen und Mechanismus der Zwangsneurose“.) Fr. Deuticke‚ 1906.S.
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Neugierde zu schützen, und gehen sie weiter, so kosten sie zu große Opfer,
indem sie das Verständnis der gerade an die kleinen Realien des Lebens
geknüpften Zusammenhänge zerstören. Aus diesem letzteren Umstande
ergibt sich dann der paradoxe Sachverhalt, daß man weit eher die
intimsten Geheimnisse eines Patienten der Öffentlichkeit preisgeben
darf, bei denen er doch unerkannt bleibt, als die harmlosesten und
banalsten Bestimmungen seiner Person, mit denen er allen bekannt ist,
und die ihn für alle kenntlich machen würden.Entschuldige ich so die arge Verkürzung der Kranken- und
Behandlungsgeschichte, so steht mir für die Beschränkung auf einzelne
Ergebnisse aus der psychoanalytischen Untersuchung der Zwangs-
neurose eine noch triftigere Aufklärung zu Gebote. Ich bekenne, daß
es mir bisher noch nicht gelungen ist, das komplizierte Gefüge eines
schweren Falles von Zwangsneurose restlos zu durchschauen, und
daß ich es nicht zustande brächte, diese analytisch erkannte oder
geahnte Struktur durch die Auflagerungen der Behandlung hindurch
anderen in der Wiedergabe der Analyse sichtbar zu machen. Es sind
die Widerstände der Kranken und die Formen von deren Äußerung,
welche letztere Aufgabe so sehr erschweren; aber man muß sagen,
daß das Verständnis einer Zwangsneurose an und für sich nichts leichtes
ist, viel schwerer als das eines Falles von Hysterie. Eigentlich sollte
man das Gegenteil erwarten. Die Mittel, durch welche die Zwangs-
neurose ihre geheimen Gedanken zum Ausdruck bringt, die Sprache
der Zwangsneurose ist gleichsam nur ein Dialekt der hysterischen
Sprache, aber ein Dialekt, in welchen uns die Einfühlung leichter
gelingen müßte, weil er dem Ausdrucke unseres bewußten Denkens
verwandter ist als der hysterische. Er enthält vor allem nicht jenen
Sprung aus dem Seelischen in die somatische Innervation – die hysteri-
sche Konversion –, den wir mit unserem Begreifen doch niemals
mitmachen können.Vielleicht trägt auch nur unsere geringere Vertrautheit mit der
Zwangsneurose die Schuld daran, daß die Wirklichkeit jene Erwartung
nicht bestätigt. Die Zwangsneurotiker schweren Kalibers stellen sich
der analytischen Behandlung weit seltener als die Hysteriker. Sie
dissimulieren auch im Leben ihre Zustände, so lange es angeht, und
kommen zum Arzt häufig erst in so vorgeschrittenen Stadien des Leidens,
wie sie bei der Lungentuberkulose z. B. die Aufnahme in eine Heilstätte
ausschließen würden. Ich ziehe aber diesen Vergleich heran, weil wir
bei den leichten und den schwereren, aber frühzeitig bekämpften FällenS.
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der Zwangsneurose, ganz ähnlich wie bei jener chronischen Infek-
tionskrankheit, auf eine Reihe glänzender Heilerfolge hinweisen
können.Unter solchen Umständen bleibt nichts anderes möglich, als die
Dinge so unvollkommen und so unvollständig mitzuteilen, wie man
sie weiß und weiter sagen darf. Die hier gebotenen, mühselig genug
zutage geförderten Brocken von Erkenntnis mögen an sich wenig be-
friedigend wirken, aber die Arbeit anderer Untersucher mag an sie
anschließen, und der gemeinsamen Bemühung kann die Leistung gelingen,
die für den einzelnen vielleicht zu schwer ist.I. Aus der Krankengeschichte.
Ein jüngerer Mann von akademischer Bildung führt sich mit
der Angabe ein, er leide an Zwangsvorstellungen schon seit seiner Kindheit,
besonders stark aber seit vier Jahren. Hauptinhalt seines Leidens
seien Befürchtungen, daß zwei Personen, die er sehr liebe, etwas
geschehe, dem Vater und einer Dame, die er verehre. Außerdem ver-
spüre er Zwangsimpulse, wie z. B. sich mit einem Rasiermesser
den Hals abzuschneiden, und produziere Verbote, die sich auch auf gleich-
gültige Dinge beziehen. Er habe durch den Kampf gegen seine Ideen
Jahre verloren und sei darum im Leben zurückgeblieben. Von den ver-
suchten Kuren habe ihm nichts genützt als eine Wasserbehandlung
in einer Anstalt bei **; diese aber wohl nur darum, weil er dort eine
Bekanntschaft machte, die zu regelmäßigem Sexualverkehr führte.
Hier habe er keine solche Gelegenheit, verkehre selten und in unregel-
mäßigen Intervallen. Vor Prostituierten empfinde er Ekel. Sein Sexual-
leben sei überhaupt kümmerlich gewesen, Onanie habe nur eine geringe
Rolle gespielt, im 16. oder 17. Jahre. Seine Potenz sei normal; erster
Koitus mit 26 Jahren.Er macht den Eindruck eines klaren, scharfsinnigen Kopfes.
Von mir befragt, was ihn veranlasse, die Auskünfte über sein Sexual-
leben in den Vordergrund zu rücken, antwortet er, das sei dasjenige,
was er von meinen Lehren wisse. Er habe sonst nichts von meinen
Schriften gelesen, aber vor kurzem beim Blättern in einem Buche
von mir die Aufklärung sonderbarer Wortverknüpfungen gefunden1),
die ihn so sehr an seine eigenen Denkarbeiten mit seinen Ideen gemahnt
hätten, daß er beschlossen habe, sich mir anzuvertrauen.1) Zur Psychopathologie des Alltagslebens. 2. Aufl. 1907.
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Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose1909-004/1909
1909-004/1909/V