• S.

    402

    dahin, daß die Kinder aus dem After herauskommen; die zweite schließt
    konsequent mit der Möglichkeit an, daß Männer ebensowohl Kinder
    kriegen können wie Frauen. Nach den technischen Regeln der Traum-
    deutung kann das aus dem Darm herauskommen durch seinen Gegen-
    satz: ein in den Darm hineinkriechen (wie bei der Rattenstrafe) dar-
    gestellt werden und umgekehrt.

    Einfachere Lösungen für so schwere Zwangsideen oder Lösungen
    mit anderen Mitteln zu erwarten, ist man wohl nicht berechtigt. Mit
    der Lösung, die sich uns ergab, wer das Rattendelirium beseitigt.

    II.

    a) Einige allgemeine Charaktere der Zwangsbildungen1).

    Meine im Jahre 1896 gegebene Definition der Zwangsvorstellungen,
    sie seien „verwandelte, aus der Verdrängung wiederkehrende Vorwürfe,
    die sich immer auf eine sexuelle, mit Lust ausgeführte Aktion der
    Kinderjahre beziehen2)“, erscheint mir heute formal angreifber, obwohl
    sie aus den besten Elementen zusammengesetzt ist. Sie strebte zu sehr
    nach Vereinheitlichung und nahm sich den Vorgang der Zwangskranken
    selbst zum Muster, welche mit der ihnen eigentümlichen Neigung zur
    Unbestimmtheit die verschiedenartigsten psychischen Bildungen als
    „Zwangsvorstellungen“ zusammenwerfen3). Es ist in der Tat korrekter
    von „Zwangsdenken“ zu sprechen und hervorzuheben, daß die Zwangs-
    gebilde den Wert der verschiedenartigsten psychischen Akte haben
    können. Sie lassen sich als Wünsche, Versuchungen, Impulse, Re-
    flexionen, Zweifel, Gebote und Verbote bestimmen. Die Kranken haben
    im allgemeinen des Bestreben, diese Bestimmtheit abzuschwächen und
    den seines Affektindex beraubten Inhalt als Zwangsvorstellung zu
    führen. Ein Beispiel für solche Behandlung eines Wunsches, der zur

    1) Verschiedene der hier und im nächsten Abschnitte behandelten Punkte
    sind in der Literatur der Zwangsneurose bereits erwähnt worden, wie man aus dem
    gründlichen Hauptwerke über diese Krankheitsform, dem 1904 veröffentlichten
    Buch von L. Löwenfeld, Die psychischen Zwangserscheinungen, ersehen kann.

    2) Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre‚ 1893 bis 1906, S. 118.

    3) Dieser Mangel der Definition wird im Aufsatze selbst verbessert. Es
    heißt darin Seite 119: „Die wiederbelebten Erinnerungen und die aus ihnen ge-
    bildeten Vorwürfe treten aber niemals unverändert ins Bewußtsein ein, sondern
    was als Zwangsvorstellung und Zwangsaffekt bewußt wird, die pathogene Er-
    innerung für das bewußte Leben substituiert, sind Kompromißbildungen
    zwischen den verdrängten und den verdrängenden Vorstellungen“. In der Definition
    ist also ein besonderer Akzent auf das Wort „verwandelt“ zu legen.

  • S.

    403

    bloßen „Denkverbindung“ herabgesetzt werden sollte, hat uns unser
    Patient in einer der ersten Sitzungen. (S. 373.)

    Man muß auch bald zugestehen, daß bisher nicht einmal die
    Phänomenologie des Zwangsdenkens entsprechend gewürdigt werden
    konnte. In dem sekundären Abwehrkampf, den der Kranke gegen die
    in sein Bewußtsein eingedrungenen „Zwangsvorstellungen" führt,
    kommen Bildungen zustande, die einer besonderen Benennung würdig
    sind. Man denke z. B. an die Gedankenreihen, die unseren Patienten
    Während seiner Rückfahrt von der Waffenübung beschäftigen. Es sind
    nicht rein vernünftige Erwägungen, die den Zwangsgedanken ent-
    gegengesetzt werden, sondern gleichsam Mischlinge zwischen beiden
    Denkungsarten, sie nehmen gewisse Voraussetzungen des Zwanges,
    den sie bekämpfen, in sich auf und stellen sich (mit den Mitteln der
    Vernunft) auf den Boden des krankhaften Denkens. Ich meine, solche
    Bildungen verdienen den Namen von „Delirien". Ein Beispiel, des ich
    an seine Stelle in der Krankengeschichte einzufügen bitte, wird die
    Unterscheidung klar machen. Als unser Patient sich eine Zeitlang
    während seines Studiums dem beschriebenen tollen Treiben hingegeben
    hatte, bis in die späte Nacht zu arbeiten, dann für den Geist des Vaters
    die Tür zu öffnen, dann seine Genitalien im Spiegel zu beschauen
    (S. 391), suchte er sich mit der Mahnung zurecht zu bringen, was wohl der
    Vater dazu sagen würde, wenn er wirklich noch am Leben wäre. Aber
    dieses Argument hatte keinen Erfolg, so lange es in dieser vernünftigen
    Form vorgebracht wurde; der Spuk hörte erst auf, nachdem er dieselbe
    Idee in die Form einer deliriösen Drohung gebracht hatte: Wenn er diesen
    Unsinn noch einmal übe, werde dem Vater im Jenseits ein Übel zustoßen.

    Der Wert der sicherlich berechtigten Unterscheidung zwischen
    primärem und sekundärem Abwehrkampf wird in unerwartete: Weise
    durch die Erkenntnis eingeschränkt, daß die Kranken den Wort-
    laut ihrer eigenen Zwangsvorstellungen nicht kennen. 
    Es klingt paradox, hat aber seinen guten Sinn. lm Verlaufe einer Psycho-
    Analyse wächst nämlich nicht nur der Mut des Kranken, sondern gleich-
    sam auch der seiner Krankheit; sie getraut sich deutlicherer Äußerungen. 
    Um die bildliche Darstellung zu verlassen, es geht wohl so zu, daß der
    Kranke, der sich bisher erschreckt von der Wahrnehmung seiner krank-
    haften Produktionen abgewendet hatte, ihnen nun seine Aufmerksamkeit
    schenkt und sie deutlicher und ausführlicher erfährt1).

    1) Bei manchen Kranken geht die Abwendung ihrer Aufmerksamkeit 
    soweit, daß sie den Inhalt einer Zwangsvorstellung überhaupt nicht angeben, eine 
    Zwangshandlung, die sie, unzählige Male ausgeführt, nicht beschreiben können.

  • S.

    404

    Eine schärfere Kenntnis der Zwangsbildungen gewinnt man
    überdies auf zwei besonderen Wegen. Erstens macht man die Erfahrung,
    daß die Träume den eigentlichen Text des Zwangsgebotes u. dgl. bringen
    können, der im Wachen nur verstümmelt und entstelt, wie in einer
    verunstalteten Depesche, bekannt worden ist. Diese Texte treten im
    Traume als Reden auf, entgegen der Regel, daß Reden im Traume
    von Reden am Tage herrühren1). Zweitens gewinnt man in der analy-
    tischen Verfolgung einer Krankengeschichte die Überzeugung, daß
    oft mehrere aufeinander folgende, aber im Wortlaute nicht identische
    Zwangsvorstellungen im Grunde doch eine und dieselbe sind. Die
    Zwangsvorstellung ist das erstemal glücklich abgewiesen worden, sie
    kehrt nun ein andermal in entstellter Form wieder, wird nicht erkannt
    und kann sich vielleicht gerade infolge ihrer Entstellung im Abwehr-
    kampfe besser behaupten. Die ursprüngliche Form aber ist die richtige,
    die oft ihren Sinn ganz unverhüllt erkennen läßt. Hat man eine unver-
    ständliche Zwangsidee mühselig aufgeklärt, so kann man nicht selten
    vom Kranken hören, daß ein Einfall, Wunsch, Versuchung wie der
    konstruierte, wirklich vor der Zwangsidee einmal aufgetreten ist,
    aber sich nicht gehalten hat. Die Beispiele hierfür aus der Geschichte
    unseres Patienten würden leider zu umständlich ausfallen.

    Die offiziell so bezeichnete „Zwangsvorstellung“ trägt also in
    ihrer Entstellung gegen den ursprünglichen Wortlaut die Spuren des
    primären Abwehrkampfes an sich. Ihre Entstehung macht sie nun
    lebensfähig, denn das bewußte Denken ist genötigt, sie in ähnlicher
    Weise mißzuverstehen wie den Trauminhalt, der selbst ein Kompromiß-
    und Entstellungsprodukt ist und vom wachen Denken weiter miß-
    verstanden wird.

    Das Mißverständnis des Bewußten läßt sich nun nicht nur an den
    Zwangsideen selbst, sondern auch an den Produkten des sekundären
    Abwehrkampfes, z. B. an den Schutzformeln nachweisen. Hierfür kann
    ich zwei gute Beispiele bringen. Unser Patient gebrauchte als Abwehr-
    formel ein rasch ausgesprochenes Aber, von einer abweisenden Hand-
    bewegung begleitet. Er erzählte dann einmal, diese Formel habe sich
    in letzter Zeit verändert; er sage nicht mehr Aber, sondern Abér.
    Nach dem Grunde dieser Fortentwicklung befragt, gab er an, das
    stumme e der zweiten Silbe gehe ihm keine Sicherheit gegen die ge-
    fürchtete Einmengung von etwas Fremdem und Gegensätzlichem, und
    darum habe er beschlossen, das e zu akzentuieren. Diese Aufklärung, ganz

    1) Vgl. „Traumdeutung", S. 255, 2. Aufl.

  • S.

    405

    im Stile der Zwangsnenrose gehalten, erwies sich doch als unzutreffend.
    sie konnte höchstens den Wert einer Rationalisierung beanspruchen;
    in Wirklichkeit war das aber eine Angleichung an Abwehr, welchen
    Terminus er aus den theoretischen Gesprächen über die Psychoanalyse
    kannte. Die Kur war also in mißbräuchlicher und deliriöser Weise zur
    Verstärkung einer Abwehrformel verwendet worden. Ein andermal
    sprach er von seinem Hauptzauberwort, das er zum Schutze gegen alle
    Anfechtungen aus den Anfangsbuchstaben aller heilkräftigster Gebete
    zusammengesetzt und mit einem angehängten „Amen" versehen hatte.
    Ich kann das Wort selbst nicht hierhersetzen aus Gründen, die sich
    sogleich ergeben werden. Denn, als ich es erfuhr, mußte ich bemerken,
    daß es vielmehr ein Anagramm des Namens seiner verehrten Dame war;
    in diesem Namen war ein S enthalten, welches er ans Ende und unmittel-
    bar vor das angehängte Amen gesetzt hatte. Er hatte also – wir dürfen
    sagen: seinen – Samen mit der Geliebten zusammengebracht, d. h.
    mit ihrer Person in der Vorstellung onaniert. Diesen aufdringlichen
    Zusammenhang hatte er aber selbst nicht bemerkt; die Abwehr hatte
    sich vom Verdrängten narren lassen. Übrigens ein gutes Beispiel für den
    Satz, daß mit der Zeit das Abzuwehrende sich regelmäßig Eingang
    in das verschafft, wodurch es abgewehrt wird.

    Wenn behauptet wird, daß die Zwangsgedanken eine Entstellung
    erfahren haben ähnlich wie die Traumgedanken, ehe sie zum Traum-
    inhalte werden, so darf uns die Technik dieser Entstellung interessieren,
    und es stünde nichts im Wege, die verschiedenen Mittel derselben an
    einer Reihe von übersetzten und verstandenen Zwangsideen darzulegen.
    Auch hiervon kann ich aber unter den Bedingungen dieser Publikation
    nur einzelne Proben geben. Nicht alle Zwangsideen unseres Patienten
    waren so kompliziert gebaut und so schwer auszuschließen wie die
    große Rattenvorstellung. Bei anderen war eine sehr einfache Technik
    gebraucht werden, die der Entstellung durch Auslassung – Ellipse –‚
    die beim Witz so vorzügliche Anwendung findet, aber auch hier
    ihre Schuldigkeit als Schutzmittel gegen das Verständnis tat.

    Eine seiner ältesten und beliebtesten Zwangsideen (vom Wert
    einer Mahnung oder Warnung) lautete z. B.: Wenn ich die Dame
    heirate, geschieht dem Vater ein Unglück (im Jenseits). Setzen
    wir die übersprungenen und aus der Analyse bekannten Zwischen-
    glieder ein, so lautet der Gedankengang: Wenn der Vater lebte, so
    würde er über meinen Vorsatz, die Dame zu heiraten, ebenso wütend
    werden wie damals in der Kinderszene‚ so daß ich wiederum eine Wut

  • S.

    406 

    gegen ihn bekäme und ihm alles Böse wünschte, was sich kraft der
    Allmacht1) meiner Wünsche an ihm erfüllen müßte.+

    Oder ein anderer Fall von elliptischer Auflösung, gleichfalls
    einer Warnung oder eines asketischen Verbotes. Er hatte eine herzige
    kleine Nichte, die er sehr liebte. Eines Tages bekam er die Idee: Wenn
    du dir einen Koitus gestattest, wird der Ella ein Unglück
    geschehen (sterben). Mit Einsetzung des Ausgelassenen: Bei jedem
    Koitus, auch mit einer Fremden, mußt du doch daran denken, daß der
    Sexualverkehr in deiner Ehe nie ein Kind zur Folge haben wird [die
    Sterilität seiner Geliebten). Das wird dir so leid tun, daß du auf die
    kleine Ella neidisch werden und der Schwester das Kind nicht gönnen
    wirst. Diese neidischen Regungen müssen den Tod des Kindes zur Folge
    haben2).

    Die elliptische Entstellungstechnik scheint für die Zwangsneurose
    typisch zu sein; ich bin ihr auch bei den Zwangsgedanken anderer
    Patienten begegnet. Besonders durchsichtig und durch eine gewisse
    Ähnlichkeit mit der Struktur der Rattenvorstellung interessant war
    ein Fall von Zweifel bei einer wesentlich an Zwangshandlungen leidenden
    Dame. Sie ging mit ihrem Manne in Nürnberg spazieren und ließ sich von
    ihm in einen Laden begleiten, in dem sie verschiedene Gegenstände für
    ihr Kind, darunter auch einen Kamm, einkaufte. Der Mann, dem das
    Wählen zu lange dauerte, gab an, er habe auf dem Wege einige Münzen
    bei einem Antiquar gesehen, die er erwerben wolle; er werde sie nach
    dem Kaufe aus diesem Laden abholen. Er blieb aber nach ihrer Schätzung
    viel zu lange aus. Als er wiederkam und auf die Frage, wo er sich auf-
    gehalten, antwortete: Eben bei jenem Antiquar, bekam sie in dem-
    selben Momente den quälenden Zweifel, ob sie den fürs Kind gekauften
    Kamm nicht vielmehr seit jeher besessen habe. Natürlich verstand sie

    1) Über diese Allmacht siehe später.

    2) An die Verwendung der Auslassungstechnik beim Witz will ich durch
    einige  Beispiele erinnern, die ich einer Schrift von mir entnehme. [Der Witz und
    seine Beziehung zum Unbewußten‚ 1905, S. 62.] „In Wien lebt ein geistreicher
    und kampflustiger Schriftsteller, der sich durch die Schärfe seiner Invektive
    wiederholt körperliche Mißhandlungen von seiten der Angegriffenen zugezogen hat.
    Als einmal eine neue Missetat eines seiner habituellen Gegner beredet wurde,
    äußerte ein Dritter: Wenn der X. das hört, bekommt er eine Ohrfeige . . . .
    Der Widersinn vergeht, wenn man in die Lücke einsetzt: Dann schreibt er
    einen so bissigen Artikel gegen den Betreffenden, daß usw.“ – Dieser
    elliptische Witz zeigt auch inhaltliche Übereinstimmung mit dem obigen ersten
    Beispiel.

  • S.

    407

    den simpeln Zusammenhang nicht aufzudecken. Wir können gar nicht
    anders als diesen Zweifel für einen verschobenen erklären und den voll-
    ständigen unbewußten Gedanken in folgender Art konstruieren: Wenn
    es wahr ist, daß du nur beim Antiquar warst, wenn ich das glauben soll,
    dann kann ich ebenso glauben, daß ich diesen eben gekauften Kamm
    schon seit Jahren besitze. Also eine höhnische persiflierende Gleich-
    stellung, ähnlich wie der Gedanke unseres Patienten: Ja so gewiß die
    beiden Kinder bekommen werden, so gewiß werde ich dem A. das Geld
    zurückgeben. Bei der Dame hing der Zweifel an der ihr unbewußten
    Eifersucht, die sie annehmen ließ, ihr Mann habe das Intervall zu einem
    galanten Besuch benutzt.

    Eine psychologische Würdigung des Zwangsdenkens versuche
    ich diesmal nicht zu unternehmen. Sie würde außerordentlich wert-
    volle Ergebnisse bringen und zur Klärung unserer Einsichten in
    das Wesen des Bewußten und Unbewußten mehr leisten als das
    Studium der Hysterie und der hypnotischen Erscheinungen. Es wäre
    sehr wünschenswert, daß die Philosophen und Psychologen, welche
    vom Hörensagen her oder aus ihren konventionellen Definitionen
    scharfsinnige Lehren über das Unbewußte entwickeln, sich vorher die
    entscheidenden Eindrücke aus den Erscheinungen des Zwangsdenkens
    holten; man könnte es beinahe fordern, wenn es nicht soviel mühseliger
    wäre als die ihnen sonst vertrauten Arbeitsweisen. Ich werde hier nur
    noch anführen, daß bei der Zwangsneurose gelegentlich die unbewußten
    seelischen Vorgänge in reinster, unentstellter Form zum Bewußtsein
    durchbrechen, daß der Durchbruch von den verschiedensten Stadien
    des unbewußten Denkprozesses her erfolgen kann, und daß die Zwangs-
    Vorstellungen im Momente des Durchbruches meist als längst bestehende
    Bildungen erkannt werden können. Daher die auffällige Erscheinung,
    daß der Zwangskranke, wenn man mit ihm dem ersten Auftreten einer
    Zwangsidee nachforscht, dieselbe im Laufe der Analyse immer weiter
    nach rückwärts verlegen muß, immer neue erste Veranlassungen für
    sie findet.

    b) Einige psychische Besonderheiten der Zwangskranken. – Ihr Verhältnis zur Realität, zum Aberglauben und zum Tod.

    Ich habe hier einige seelische Charaktere der Zwangskranken zu
    behandeln, welche an sich nicht wichtig scheinen, aber auf dem Wege
    zum Verständnisse von Wichtigerem liegen. Sie waren bei meinem
    Patienten sehr deutlich ausgesprochen, – ich weiß aber, daß sie nicht

  • S.

    408

    seiner Individualität, sondern seinem Leiden zuzurechnen sind und sich
    in ganz typischer Weise bei anderen Zwangskranken wiederfinden.

    Unser Patient war in hohem Grade abergläubisch und dies zwar,
    obwohl er ein hochgebildeter, aufgeklärter Mann von bedeutendem Scharf-
    sinn war und zuzeiten versichern konnte, daß er von all dem Plunder
    nichts für wahr halte. Er war also abergläubisch und war es doch nicht
    und unterschied sich doch deutlich von den ungebildeten Abergläubischen,
    die sich eins mit ihrem Glauben fühlen. Er schien zu verstehen, daß sein
    Aberglaube von seinem Zwangsdenken abhing, obwohl er sich zuzeiten
    voll zu ihm bekannte. Ein so widerspruchsvolles und schwankendes
    Benehmen läßt sich am ehesten unter dem Gesichtswinkel eines be-
    stimmten Erklärungsversuches erfassen. Ich habe nicht gezögert
    anzunehmen, daß er betreffs dieser Dinge zwei verschiedene und ent-
    gegengesetzte Überzeugungen hatte, und nicht etwa eine noch unfertige
    Meinung. Zwischen diesen beiden Meinungen oszillierte er dann in sicht-
    barster Abhängigkeit von seiner sonstigen Stellung zum Zwangsleiden.
    Sowie er eines Zwanges Herr geworden war, belächelte er seine Leicht-
    gläubigkeit mit überlegenem Verständnis, und es ereignete sich ihm
    nichts, was ihn hätte erschüttern können, und sobald er wider unter die
    Herrschaft eines ungelösten Zwanges – oder was gleichwertig ist:
    eines Widerstandes – gekommen war, erlebte er die sonderbarsten
    Zufälle, welche der gläubigen Überzeugung zu Hilfe kamen.

    Sein Aberglaube war immerhin der eines gebildeten Mannes und
    sah von Abgeschmacktheiten, wie die Angst vor dem Freitag, vor der
    Zahl 13 u. dgl. ab. Er glaubte aber an Vorzeichen, an prophetische
    Träume, begegnete beständig jenen Personen, mit denen er sich unerklär-
    licherweise eben beschäftigt hatte, und erhielt Briefe von Korrespon-
    denten, die sich ihm nach den längsten Pausen plötzlich in geistige
    Erinnerung gebracht hatten. Dabei war er rechtschaffen genug, oder viel-
    mehr soweit seiner offiziellen Überzeugung getreu, daß er Fälle nicht
    vergessen hatte, in denen die intensivsten Ahnungen zu nichts gekommen
    waren, z. B. einmal als er sich in den Sommeraufenthalt begab, die sichere
    Ahnung, er werde nicht mehr lebend nach Wien zurückkehren. Auch
    gab er zu, daß die größte Mehrzahl der Vorzeichen Dinge betrafen,
    die keine besondere Bedeutung für seine Person hatten, und daß, wenn er
    einem Bekannten begegnete, an den er schon lange nicht und gerade
    wenige Momente vorher gedacht hatte, sich zwischen diesem wunder-
    sam Erschauten und ihm Weiter nichts zutrug. Natürlich war er auch
    nicht imstande es in Abrede zu stellen, daß alles Bedeutsame seines

  • S.

    409

    Lebens sich ohne Vorzeichen zugetragen hatte, sowie er z. B. vom Tode
    des Vaters ahnungslos überrascht worden war. Aber alle solche Argumente
    änderten an dem Zwiespalt seiner Überzeugungen nichts und erwiesen
    nur den Zwangscharakter seines Aberglaubens, der bereits aus dessen
    mit dem Widerstand gleichsinnigen Schwankungen zu erschließen war.

    Ich war natürlich nicht in der Lage, alle seine älteren Wunder-
    geschichten rationell aufzuklären, aber für das, was sich von ähnlichen
    Dingen während der Zeit der Behandlung ereignete, konnte ich ihm
    nachweisen, daß er selbst beständig an der Fabrikation der Wunder
    beteiligt sei, und welcher Mittel er sich dabei bediene. Er arbeitete mit
    dem indirekten Sehen und Lesen, mit Vergessen und vor allem mit
    Gedächtnistäuschungen. Am Ende half er mir selbst die kleinen Taschen-
    spielerkünste aufdecken, durch welche jene Wunder gemacht werden.
    Als interessante infantile Wurzel seines Glaubens an das Eintreffen
    von Ahnungen und Vorhersagen ergab sich einmal die Erinnerung,
    daß die Mutter so oft, wenn ein Termin gewählt werden sollte, gesagt
    hatte: An dem und dem Tage kann ich nicht; da werde ich liegen
    müssen. Und wirklich lag sie an dem angekündigten Tage jedesmal
    zu Bett! 

    Unverkennbar, daß es ihm ein Bedürfnis war, im Erleben solche
    Stützpunkte für seinen Aberglauben zu finden, daß er darum die be-
    kannten unerklärlichen Zufälligkeiten des Alltags so sehr beachtete
    und mit unbewußtem Tun nachhalf, wo diese nicht ansreichten. Dies
    Bedürfnis habe ich bei vielen anderen Zwangskranken gefunden und
    vermute es bei noch mehreren. Es scheint mir aus dem psychologischen
    Charakter der Zwangsneurose gut erklärlich. Wie ich vorhin (S. 385)
    auseinandergesetzt, erfolgt bei dieser Störung die Verdrängung nicht
    durch Amnesie, sondern durch Zerreißung von kausalen Zusammen-
    hängen infolge von Affektentziehung. Eine gewisse mahnende Kraft
    – die ich an anderer Stelle mit einer entoptischen Wahrnehmung ver-
    glichen habe1) – scheint nun diesen verdrängten Beziehungen zu ver-
    bleiben, so daß sie auf dem Wege der Projektion in die Außenwelt einge-
    tragen werden und dort Zeugnis ablegen für das im Psychischen Unter-
    bliebene.

    Ein anderes den Zwangskranken gemeinsames seelisches Bedürfnis,
    das mit dem eben erwähnten eine gewisse Verwandtschaft hat, und dessen
    Verfolgung tief in die Trieberforschung führt, ist das nach der Un-
    sicherheit im Leben oder nach dem Zweifel. Die Herstellung der

    1) Zur Psychopathologie des Alltagslebens, S. 117, 2. Aufl., 1907.

  • S.

    410

    Unsicherheit ist eine der Methoden, Welche die Neurose anwendet, um
    den Kranken aus der Realität zu ziehen und von der Welt zu isolieren,
    was ja in der Tendenz jeder psychoneurotischen Störung liegt. Es ist
    wiederum überdeutlich, wieviel die Kranken dazutun, um einer Sicher-
    heit auszuweichen und in einem Zweifel verharren zu können; ist bei
    einigen findet diese Tendenz einen lebendigen Ausdruck in ihrer Ab-
    neigung gegen – Uhren, die wenigstens die Zeitbestimmung sichern,
    und in ihren unbewußt ausgeführten Kunststückchen, jedes solche den
    Zweifel ausschließende Instrument unschädlich zu machen. Unser
    Patient hatte eine besondere Geschicklichkeit in der Vermeidung von
    Auskünften entwickelt, welche einer Entscheidung in seinem Konflikt
    förderlich gewesen wären. So war er über die fiir die Eheschließung
    maßgebendsten Verhältnisse seiner Geliebten nicht aufgeklärt, wußte
    angeblich nicht zu sagen, wer die Operation an ihr ausgeführt, und ob
    sie ein- oder doppelseitig gewesen sei. Er wurde dazu verhalten, das
    Vergessene zu erinnern und das Vernachlässigte zu erkunden.

    Die Vorliebe der Zwangskranken für die Unsicherheit und den
    Zweifel wird für sie zum Motiv, um ihre Gedanken vorzugsweise an jene
    Themen zu heiten, wo die Unsicherheit eine allgemein menschliche
    ist, unser Wissen oder unser Urteil durch Notwendigkeit dem Zweifel
    ausgesetzt bleiben mußte. Solche Themen sind vor allem: Die Ab«
    stammung vom Vater, die Lebensdauer, das Leben nach dem Tode und
    das Gedächtnis, dem wir ja Glauben zu schenken pflegen, ohne für seine
    Verläßlichkeit die mindeste Gewähr zu besitzen1).

    Der Unsicherheit des Gedächtnisses bedient sich die Zwangs-
    neurose in ausgiebigster Weise zur Symptombildung; welche Rolle
    Lebensdauer und Jenseits inhaltlich im Denken der Kranken spielen,
    werden wir bald erfahren. Ich will als passendsten Übergang vorher
    noch jenen Zug des Aberglaubens bei unserem Patienten besprechen,

    1) Lichtenberg: „Ob der Mond bewohnt ist, weiß der Astronom ungefähr
    mit der Zuverlässigkeit, mit der er weiß, wer sein Vater war, aber nicht mit der,
    woher er weiß, wer seine Mutter gewesen ist.“ – Es war ein großer Kulturfortschritt,
    als die Menschen sich entschlossen, den Schluß neben das Zeugnis der Sinne
    zu stellen und vom Mutterrecht zum Vaterrecht überzugehen. – Prähistorische
    Figuren, in denen eine kleinere Gestalt auf dem Kopfe einer größeren sitzt, stellen
    die Abstammung vom Vater dar; die mutterlose Athene entspringt aus dem Haupte
    des Zeus. Noch in unserer Sprache heißt der Zeuge vor Gericht, der etwas be-
    glaubiget, nach dem männlichen Anteil am Geschäfte der Fortpflanzung, und
    schon in den Hieroglyphen wird der Zeuge mit dem Bilde der männlichen Genitalien
    geschrieben.

  • S.

    411

    dessen Erwähnung an einer früheren Stelle (S. 406) gewiß bei mehr als
    einem Leser Befremden erregt haben wird.

    Ich meine die von ihm behauptete Allmacht seiner Gedanken
    und Gefühle, guten und bösen Wünsche. Die Versuchung, diese Idee
    für einen Wahn zu erklären, welcher das Maß der Zwangsneurose über-
    schreitet, ist gewiß nicht gering; allein ich habe dieselbe Überzeugung
    bei einem andern Zwangskranken gefunden, der seit langem hergestellt
    ist und sich normal betätigt, und eigentlich benehmen sich alle Zwangs-
    neurotiker so, als ob sie diese Überzeugung teilten. Es wird unsere
    Aufgabe sein, diese Überschätzung aufzuklären. Nehmen wir ohne
    weiteres an, daß in diesem Glauben ein Stück des alten Kindergrößen-
    wahnes ehrlich eingestanden wird, und befragen wir unseren Patienten,
    worauf er seine Überzeugung stützt. Er antwortet mit der Berufung
    auf zwei Erlebnisse. Als er zum zweitenmal in jene Wasserheilanstalt
    kam, in welcher er die erste und einzige Beeinflussung seines Leidens
    erfahren hatte, verlangte er das nämliche Zimmer wieder, welches seine
    Beziehungen zu einer der Pflegerinnen durch seine Lage begünstigt
    hatte. Er erhielt die Antwort, das Zimmer sei schon vergeben, ein alter
    Professor habe es bereits bezogen, und er reagierte auf diese, seine
    Kuraussichten sehr herabsetzende Nachricht mit den unfreundlichen
    Worten: Dafür soll ihn aber der Schlag treffen. Vierzehn Tage später
    erwachte er aus dem Schlaf, durch die Vorstellung einer Leiche gestört,
    und am Morgen hörte er‚ daß den Professor wirklich der Schlag getroffen,
    und daß man ihn etwa um die Zeit seines Erwachens aufs Zimmer
    gebracht habe. Das andere Erlebnis betraf ein älteres, sehr liebesbedürftig-
    tiges Mädchen, welches sich sehr entgegenkommend gegen ihn benahm 
    und ihn einmal direkt befragte, ob er sie nicht lieb haben könne. Er gab
    eine ausweichende Antwort; wenige Tage nachher hörte er, daß sich das
    Mädchen aus dem Fenster gestürzt habe. Er machte sich nun Vor-
    würfe und sagte sich, es wäre in seiner Macht gelegen, sie am Leben zu
    erhalten, wenn er ihr seine Liebe geschenkt hätte. Auf solche Weise
    gewann er die Überzeugung von der ‚Allmacht seiner Liebe und seines
    Hasses. Ohne die Allmacht der Liebe zu leugnen, wollen wir hervor-
    heben, daß es sich in beiden Fällen um Tod handelt, und werden uns der
    nahe liegenden Erklärung anschließen, daß unser Patient wie andere
    Zwangskranke gezwungen ist, die Wirkung seiner feindseligen Gefühle
    in der Außenwelt zu überschätzen, weil seiner bewußten Kenntnis ein
    großes Stück der inneren psychischen Wirkung derselben Gefühle ent-
    geht. Seine Liebe oder vielmehr sein Haß ist wirklich übermächtig;

  • S.

    412

    sie schaffen gerade jene Zwangsgedanken, deren Herkunft er nicht ver-
    steht, und gegen die er sich erfolglos wehrt.

    Zum Thema des Todes hatte unser Patient ein ganz besonderes
    Verhältnis. Er nahm an allen Todesfällen warmen Anteil, beteiligte sich
    pietätvoll an den Leichenbegängnissen, so daß er von den Geschwistern
    spöttisch der Leichenvogel genannt werden konnte; er brachte aber
    auch in der Phantasie beständig Leute um, um herzliche Teilnahme mit
    den Hinterbliebenen zu äußern. Der Tod einer älteren Schwester‚ als
    er zwischen 3 und 4 Jahren alt war, spielte in seinen Phantasien eine
    große Rolle und war in die innigste Beziehung zu den kindlichen Misse-
    taten jener Jahre gebracht worden. Wir wissen ferner, wie frühzeitig
    der Gedanke an den Tod des Vaters ihn beschäftigt hatte, und dürfen
    seine Erkrankung selbst als Reaktion auf dieses 15 Jahre vorher im
    Zwange gewünschte Ereignis auffassen. Nichts anderes als eine Kom-
    pensation für diese Todeswünsche gegen den Vater ist die befremdliche
    Erstreckung seiner Zwangsbefürchtungen auf das „Jenseits“. Sie wurde
    eingeführt, als die Trauer um den verstorbenen Vater 1½ Jahre später
    eine Auffrischung erfuhr, und sollte, der Realität zum Trotze und dem
    Wunsche, der sich vorher in allerlei Phantasien versucht hatte, zuliebe,
    den Tod des Vaters wieder aufheben. Wir haben den Zusatz „im Jenseits“
    an mehreren Stellen (S. 403, 405) übersetzen gelernt mit den Worten:
    „wenn der Vater noch lebte“.

    Aber nicht viel anders als unser Patient benehmen sich andere
    Zwangskranke, denen das Schicksal nicht ein erstes Zusammentreffen
    mit dem Phänomen des Todes in so frühen Jahren beschieden hat. Ihre
    Gedanken beschäftigen sich unausgesetzt mit der Lebensdauer und der
    Todesmöglichkeit anderer, ihre abergläubischen Neigungen hatten
    zuerst keinen andern Inhalt und haben vielleicht überhaupt keine
    andere Herkunft. Vor allem aber bedürfen sie der Todesmöglichkeit
    zur Lösung der von ihnen ungelöst gelassenen Konflikte. Ihr wesentlicher
    Charakter ist, daß sie der Entscheidung zumal in Liebessachen unfähig
    sind; sie trachten jede Entscheidung hinauszuschieben und im Zweifel,
    für welche Person oder für welche Maßregel gegen eine Person sie die
    Entscheidung treffen sollen, muß das alte deutsche Reichsgericht ihr
    Vorbild werden, dessen Prozesse gewöhnlich durch den Tod der strei-
    tenden Parteien vor dem Richterspruch beendigt wurden. So lauern sie
    in jedem Lebenskonflikt auf den Tod einer für sie bedeutsamen, zumeist
    einer geliebten Person, sei es eines Teiles der Eltern, sei es eines Neben-
    buhlers oder eines der Liebesobjekte, zwischen denen ihre Neigung

  • S.

    413

    schwankt. Mit dieser Würdigung des Todeskomplexes bei der Zwangs-
    neurose streifen wir aber bereits an das Triebleben der Zwangskranken,
    das uns nun beschäftigen soll.

    c) Das Triebleben und die Ableitung von Zwang und Zweifel.

    Wenn wir zur Kenntnis der psychischen Kräfte gelangen wollen,
    deren Gegenspiel diese Neurose aufgebaut hat, so müssen wir auf das
    zurückgreifen, was wir bei unserem Patienten über die Anlässe seiner
    Erkrankung im reifen Alter und in der Kindheit erfahren haben. Er
    erkrankte in den zwanziger Jahren, als er vor die Versuchung gestellt
    wurde, ein anderes Mädchen als die von ihm längst Geliebte zu heiraten,
    und entzog sich der Entscheidnng dieses Konfliktes durch Aufschub
    aller für deren Vorbereitung erforderlichen Tätigkeiten, wozu ihm die
    Neurose die Mittel lieferte. Das Schwanken zwischen der Geliebten und
    der andern läßt sich auf den Konflikt zwischen dem Einfluß des Vaters
    und der Liebe zur Dame reduzieren, also auf eine Konfliktwahl zwischen
    Vater und Sexualobjekt‚ wie sie den Erinnerungen und Zwangseinfällen
    zufolge schon in früher Kindheit bestanden hatte. Überdies ist durch
    sein ganzes Leben unverkennbar, daß in bezug auf seine Geliebte wie
    auf seinen Vater ein Widerstreit zwischen Liebe und Haß bei ihm
    bestand, Rachephantasien und Zwangserscheinungen wie der Versteh-
    zwang oder die Hantierung mit dem Steine auf der Landstraße bezeugen
    diesen Zwiespalt in ihm, der bis zu einem gewissen Grade normal ver-
    ständlich war, denn die Geliebte hatte ihm durch eine erste Abweisung
    und durch spätere Kühle Grund zu feindseligen Gefühlen gegeben.
    Aber die gleiche Zwiespältigkeit der Gefühle beherrschte, wie wir durch
    die Übersetzung seiner Zwangsgedanken erfahren haben, sein Ver-
    hältnis zum Vater, und auch der Vater mußte ihm in Kinderzeiten
    Grund zur Feindseligkeit gegeben haben, wie wir fast mit Sicherheit
    feststellen konnten. Sein aus Zärtlichkeit und Feindseligkeit zusammen-
    gesetztes Verhältnis zur Geliebten fiel zum großen Teile in seine bewußte
    Wahrnehmung. Er täuschte sich höchstens über das Maß und über den
    Ausdruck des negativen Gefühles, hingegen war die einst intensiv
    bewußt gewesene Feindseligkeit gegen den Vater ihm längst entrückt,
    und konnte nur gegen seinen heftigsten Widerstand ins Bewußtsein
    zurückgebracht werden. In der Verdrängung des infantilen Hasses gegen
    den Vater erblicken wir jenen Vorgang, welcher alles weitere Geschehen
    in den Rahmen der Neurose zwang.

  • S.

    414

    Die einzeln bei unserem Patienten aufgezählten Gefühlskonflikte
    sind nicht unabhängig voneinander, sondern paarig miteinander ver-
    lötet. Der Haß gegen die Geliebte mußte sich zur Anhänglichkeit an den
    Vater summieren und umgekehrt. Aber die zwei Konfliktströmungen,
    die nach dieser Vereinfachung erübrigen, der Gegensatz zwischen
    dem Vater und der Geliebten und der Widerspruch von Liebe und Haß
    in jedem einzelnen Verhältnisse haben inhaltlich wie genetisch nichts
    miteinander zu schaffen. Der erste der beiden Konflikte entspricht dem
    normalen Schwanken zwischen Mann und Weib als Objekten der Liebes-
    wahl, welches dem Kinde zuerst in der berühmten Frage nahe gebracht
    wird: Wen hast du lieber, Papa oder Mama? und das ihn dann durchs
    Leben begleitet trotz aller Vetschiedenheiten in der Ausbildung der
    Empfindungsintensitäten und in der Fixierung der endgültigen Sexual-
    ziele. Nur verliert diese Gegensätzlichkeit normalerweise bald den
    Charakter des scharfen Widerspruches, des unerbittlichen Entweder –
    oder; es wird Raum für die ungleichen Ansprüche beider Teile geschaffen,
    obwohl auch beim Normalen jederzeit die Wertschätzung des einen
    Geschlechtes durch die Entwertung des andern gehoben wird.

    Fremdartiger berührt uns der andere der Konflikte, der zwischen
    Liebe und Haß. Wir wissen, daß beginnende Verliebtheit häufig als Haß
    wahrgenommen wird, daß Liebe, der die Befriedigung versagt ist,
    sich leicht zum Teil in Haß umsetzt, und hören von den Dichtern, daß
    in stürmischen Stadien der Verliebtheit beide gegensätzliche Gefühle
    eine Zeitlang nebeneinander wie im Wettstreite bestehen können. Aber
    ein chronisches Nebeneinander von Liebe und Haß gegen dieselbe
    Person, beide Gefühle von höchster Intensität, setzt uns in Erstaunen.
    Wir hätten erwartet, daß die große Liebe längst den Haß überwunden
    hätte oder von ihm aufgezehrt worden wäre. Wirklich ist ein solcher
    Fortbestand der Gegensätze nur unter besonderen psychologischen Be-
    dingungen und durch Mitwirkung des unbewußten Zustandes möglich.
    Die Liebe hat den Haß nicht auslöschen, sondern nur ins Unbewußte
    drängen können, und im Unbewußten kann er, gegen die Aufhebung
    durch die Bewußtseinswirkung geschützt, sich erhalten und selbst
    wachsen. Die bewußte Liebe pflegt unter diesen Umständen reaktions-
    weise zu einer besonders hohen Intensität anzuschwellen, damit sie
    der ihr konstant auferlegten Arbeit gewachsen sei, ihr Gegenspiel
    in der Verdrängung zurückzuhalten. Eine sehr frühzeitig, in den
    prähistorischen Kindheitsjahren erfolgte Scheidung der beiden Gegen-
    sätze mit Verdrängung des einen Anteiles, gewöhnlich des Hasses,

  • S.

    415 

    scheint die Bedingung dieser befremdenden Konstellation des Liebes-
    lebens zu sein1).

    Wenn man eine Anzahl von Analysen Zwangskranker überschaut,
    so muß man den Eindruck gewinnen, daß ein solches Verhalten von Liebe
    und Haß wie bei unserem Patienten zu den häufigsten, ausgesprochensten
    und darum wahrscheinlich bedeutsamsten Charakteren der Zwangs-
    neurose gehört. Aber so verlockend es wäre, das Problem der „Neurosen-
    wahl“ auf das Triebleben zu beziehen, man hat doch Gründe genug, dieser
    Versuchung aus dem Wege zu gehen, und muß sich sagen, daß man bei
    allen Neurosen die nämlichen unterdrückten Triebe als Symptom-
    träger aufdeckt. Der von der Liebe in der Unterdrückung des Unbe-
    wußten zurückgehaltene Haß spielt doch auch eine große Rolle in der
    Pathogenese der Hysterie und der Paranoia. Wir kennen das Wesen der
    Liebe zu wenig, um hier eine bestimmte Entscheidung zu treffen; ins-
    besondere das Verhältnis ihres negativen Faktors2) zur sadistischen
    Komponente der Libido ist völlig ungeklärt. Es hat daher etwa den Wert
    einer vorläufigen Auskunft, wenn wir sagen: in den besprochenen Fällen
    von unbewußtem Hasse sei die sadistische Komponente der Liebe
    konstitutionell besonders stark entwickelt gewesen, habe darum eine
    vorzeitige und allzu gründliche Unterdrückung erfahren, und nun leiten
    sich die beobachteten Phänomene der Neurose einerseits von der durch
    Reaktion in die Höhe getriebenen bewußten Zärtlichkeit, anderseits
    von dem im Unbewußten als Haß fortwirkenden Sadismus ab. 

    Wie immer aber dies merkwürdige Verhalten von Liebe und Haß
    zu verstehen sein mag, sein Vorkommen ist durch die Beobachtung
    an unserem Patienten über jeden Zweifel erhaben, und es ist erfreulich
    zu sehen, wie leicht begreiflich nun die rätselhaften Vorgänge der Zwangs-
    neurose durch die Beziehung auf dieses eine Moment werden. Steht
    einer intensiven Liebe ein fast ebenso starker Haß bindend entgegen,
    so muß die nächste Folge eine partielle Willenslähmung sein, eine Un-
    fähigkeit zur Entschließung in all den Aktionen, für welche die Liebe
    das treibende Motiv sein soll. Aber die Unentschlossenheit bleibt nicht
    lange auf eine Gruppe von Handlungen beschränkt. Denn erstens,
    welche Handlungen eines Liebenden träten nicht mit seinem Haupt-

    1) Vgl. Die Erörterungen hierüber in einer der ersten Sitzungen.

    2) „Ja oft habe ich da den Wunsch, ihn nicht mehr unter den Lebenden
    zu sehen. Und doch wenn das je einträfe, ich weiß, ich würde noch viel unglücklicher
    sein, so wehrlos, so ganz wehrlos bin ich gegen ihn“, sagt Alkibiades über den
    Sokrates im Symposion (übersetzt von R. Kassner).

  • S.

    416

    motiv in Beziehung? Zweitens kommt dem sexuellen Verhalten eine vor-
    bildliche Macht zu, mit der es umformend auf die übrigen Reaktionen
    eines Menschen wirkt, und drittens liegt es im psychologischen Charakter
    der Zwangsneurose, von dem Mechanismus der Verschiebung den
    ausgiebigsten Gebrauch zu machen. So breitet sich die Entschlußlähmung
    allmählich über das gesamte Tun des Menschen aus1).

    Damit ist die Herrschaft von Zwang und Zweifel, wie sie uns
    im Seelenleben der Zwangskranken entgegentreten, gegeben. Der Zweifel
    entspricht der inneren Wahrnehmung der Unentschlossenheit, welche,
    infolge der Hemmung der Liebe durch den Haß, bei jeder beabsichtigten
    Handlung sich des Kranken bemächtigt. Er ist eigentlich ein Zweifel an
    der Liebe, die ja des subjektiv Sicherste sein sollte, der auf alles übrige
    diffundiert und sich vorzugsweise auf das indifferenteste Kleinste ver-
    schoben hat. Wer an seiner Liebe zweifelt, darf muß doch auch an
    allem andern, geringeren, zweifeln2)?

    Es ist derselbe Zweifel, der bei den Schutzmaßregeln zur Unsicher-
    heit und zur fortgesetzten Wiederholung führt, um diese Unsicherheit
    zu bannen, der es endlich zustande bringt, daß diese Schutzhandlungen
    ebenso unvollziehbar werden wie die ursprünglich gehemmte Liebes-
    entschließung. Ich mußte anfangs meiner Erfahrungen eine andere und
    allgemeinere Ableitung der Unsicherheit bei den Zwangskranken an-
    nehmen, die sich näher an die Norm anzuschließen schien. Wenn ich
    z. B. während der Abfassung eines Briefes durch Zwischenfragen einer
    andern Person gstört worden bin, so empfinde ich hernach eine be-
    rechtigte Unsicherheit, was ich wohl unter dem Einflusse der Störung
    geschrieben haben mag, und ich bin genötigt, zur Sicherheit den Brief,
    nachdem er fertig geworden ist, nochmals durchzulesen. So konnte ich
    auch meinen, daß die Unsicherheit der Zwangskranken, z. B. bei ihren
    Gebeten, daher rühre, daß sich ihnen unaufhörlich unbewußte Phan-
    tasien als Störer in die Tätigkeit des Betens mengten. Diese Annahme
    war richtig und ist doch leicht mit unserer früheren Behauptung zu
    versöhnen. Es trifft zu, daß die Unsicherheit, eine Schutzmaßregel
    vollzogen zu haben, von den störenden unbewußten Phantasien herrührt,

    1) Vgl. Die Darstellung durch ein Kleinstes als Witztechnik‚ l. c. S. 64.

    2) Hamlets Liebesverse an Ophelia:
    „Doubt thou the stars are fire;
    Doubt that the sun doth move;
    Doubt truth to be a liar;
    But never doubt I love.“ (II, 2.)

  • S.

    417

    aber diese Phantasien enthalten eben den gegenteiligen Impuls, der
    gerade durch das Gebet abgewehrt werden sollte. Es wird dies einmal
    überdeutlich bei unserem Patienten, indem die Störung nicht unbewußt
    bleibt, sondern sich Laut vernehmen läßt. Wenn er beten will: Gott
    schütze sie, so stürzt plötzlich aus dem Unbewußten ein feindseliges:
    nicht dazu heraus, und er hat erraten, daß es der Ansatz zu einem
    Fluche ist. (S. 333.) Bliebe dieses „nicht" stumm, so befände auch er sich
    im Zustande der Unsicherheit und würde sein Beten immer mehr ver-
    längern; auf das Lautwerden bin hat er endlich das Beten aufgegeben.
    Ehe er das tat, versuchte er wie andere Zwangskranke allerlei Methoden,
    um die Einmengung des Gegensatzes hintanzuhalten, die Verkürzung
    der Gebete, das beschleunigte Aussprechen derselben; andere bemühen
    sich jede solche Schutzaktion sorgfältig von anderem zu „isolieren".
    Aber alle diese Techniken fruchten auf die Dauer nichts; hat der liebe-
    volle Impuls in seiner Verschiebung auf eine geringfügige Handlung
    etwas durchführen können, so wird ihm der feindselige bald auch dahin
    folgen und sein Werk wieder aufheben.

    Wenn dann der Zwangskranke die schwache Stelle in der Sicherung
    unseres Seelenlebens, die Unverläßlichkeit des Gedächtnisses, entdeckt
    hat, so kann er mit ihrer Hilfe den Zweifel auf alles ausdehnen, auch auf
    bereits vollzogene Handlungen, die noch nicht in Beziehung zum Liebe-
    Haß-Komplex standen, und auf die ganze Vergangenheit. Ich erinnere
    an das Beispiel jener Frau, die eben im Laden einen Kamm für ihre
    kleine Tochter gekauft hatte, und nach dem Argwohn an ihrem Mann
    zu zweifeln begann, ob sie ihn nicht vielmehr schon längst besessen:
    Sagt diese Freu nicht direkt: Wenn ich an deiner Liebe zweifeln kann
    (und das ist nur eine Projektion ihres Zweifels an der eigenen Liebe zu
    ihm), so kann ich auch daran, so kann ich an allem zweifeln, und gibt so
    den verborgenen Sinn des neurotischen Zweifels unserem Verständnis
    Preis?

    Der Zwang aber ist ein Versuch zur Kompensation des Zweifels 
    und zur Korrektur der unerträglichen Hemmungszustände, von denen
    der Zweifel Zeugnis ablegt. Ist es endlich mit Hilfe der Verschiebung
    gelungen, irgendeinen der gehemmten Vorsätze zum Entschluß zu bringen,
    so muß dieser ausgeführt werden; es ist freilich nicht der ursprüngliche
    mehr, aber die dort aufgestaute Energie wird auf die Gelegenheit, an
    der Ersatzhandlung ihre Abfuhr zu finden, nicht mehr verzichten. Sie
    äußert sich also in Geboten und Verboten, indem bald der zärtliche, 
    bald der feindliche Impuls diesen Weg zur Abfuhr erobert. Die Spannung,

  • S.

    418

    wenn des Zwangsgebot nicht angeführt werden soll, ist eine unerträgliche
    und wird als höchste Angst wahrgenommen. Aber der Weg selbst zu
    der auf ein Kleinsten verschobenen Ersatzhandlung wird so heiß um-
    stritten, daß diese meist nur als Schutzmaßregel im engsten Anschlusse
    an einen abzuwehrenden Impuls durchgesetzt werden kann,

    Durch eine Art von Regression treten ferner vorbereitende Akte
    an die Stelle der endgültigen Entschließung, das Denken ersetzt das
    Handeln und irgendeine Gedankenvorstufe der Tat setzt sich mit
    Zwangsgewalt durch anstatt der Ersatzhandlung. Je nachdem diese
    Regression vom Handeln aufs Denken mehr oder weniger ausgeprägt
    ist, nimmt der Fall von Zwangsneurose den Charakter des Zwangs-
    denkens (Zwangsvorstellung) oder des Zwangshandelns im engeren
    Sinne an. Diese eigentlichen Zwangshandlungen werden aber nur
    dadurch ermöglicht, daß in ihnen eine Art Versöhnung der beiden
    einander bekämpfenden Impulse in Kompromißbildungen statt hat.
    Die Zwangshandlungen nähern sich nämlich immer mehr, und je länger
    das Leiden andauert, um so deutlicher, den infantilen Sexualhandlungen
    nach Art der Onanie. So ist es bei dieser Form der Neurose doch zu
    Liebesakten gekommen, aber nur mit Zuhilfenahme einer neuen Re
    gression, nicht mehr zu Akten, die einer Person gelten, dem Objekte
    von Liebe und Haß, sondern zu autoerotischen Handlungen wie in der
    Kindheit.

    Die erstere Regression, die vom Handeln aufs Denken, wird durch
    einen andern an der Entstehung der Neurose beteiligten Faktor be-
    günstigt. Ein fast regelmäßiges Vorkommnis in den Geschichten der
    Zwangskranken ist das frühzeitige Auftreten und die vorzeitige Ver-
    drängung des sexuellen Schau- und Wißtriebes, der ja auch bei unserem
    Patienten ein Stück seiner infantilen Sexualbetätigung dirigiert1).

    Wir haben der Bedeutung der sadistischen Komponente für
    die Genese der Zwangsneurose bereits gedacht; wo der Wißtrieb in
    der Konstitution des Zwangskranken überwiegt, da wird das Grübeln
    zum Hauptsymptome der Neurose. Der Denkvorgang selbst wird
    sexualisiert, indem die sexuelle Lust, die sich sonst auf den Inhalt
    des Denkens bezieht, auf den Denkakt selbst gewendet wird‚ und
    die Befriedigung beim Erreichen eines Denkergebnisses wird als
    sexuelle Befriedigung empfunden. Diese Beziehung des Wißtriebes
    zu den Denkvorgängen macht ihn besonders geeignet, in den ver-

    1) Hiermit hängt wahrscheinlich auch die im Durchschnitt recht große
    intellektuelle Begabung der Zwangskranken zusammen.

  • S.

    419

    schiedenen Formen der Zwangsneurose, an denen er Anteil hat, die
    Energie, die sich vergeblich zur Handlung durchzudringen bemüht,
    aufs Denken zu locken, wo sich die Möglichkeit einer andern Art von
    Lustbefriedigung bietet. So kann sich mit Hilfe des Wißtriebes die
    Ersatzhandlung durch vorbereitende Denkakte weiter ersetzen.
    Der Aufschub im Handeln findet aber bald seinen Ersatz durch das
    Verweilen im Denken, und der ganze Prozeß ist schließlich mit Er-
    haltung all seiner Eigentümlichkeiten auf ein neues Gebiet übersetzt,
    wie die Amerikaner ein Haus zu „moven" vermögen.

    Ich würde mich nun getrauen, den lange gesuchten psychologischen
    Charakter, der den Produkten der Zwangsneurose des „Zwangsartige"
    verleiht, in Anlehnung an die oben stehenden Erörterungen zu be-
    stimmen. Zwanghaft werden solche Denkvorgänge, welche (infolge der
    Gegensatzhemmung am motorischen Ende der Denksysteme) mit einem
    – qualitativ wie quantitativ – sonst nur für des Handeln bestimmten
    Energieaufwand unternommen werden, also Gedanken, die regressiv
    Taten vertreten müssen. Die Annahme wird wohl keinen Wider-
    spruch erfahren, daß das Denken sonst aus ökonomischen Gründen mit
    kleineren Energieverschiebungen (wahrscheinlich auf höherem Niveau)
    betrieben wird als das zur Abfuhr und zur Veränderung der Außenwelt
    bestimmte Handeln.

    Was als Zwangsgedanke überstark zum Bewußtsein durch-
    gedrungen ist, muß nun gegen die auflösenden Bemühungen des be-
    wußten Denkens versichert werden. Wir wissen bereits, daß dieser
    Schutz durch die Entstellung erreicht wird, welche der Zwangs-
    gedanke vor seinem Bewußtwerden erfahren hat. Doch ist dies nicht das
    einzige Mittel. Überdies wird selten versäumt, die einzelne Zwangsidee
    der Situation ihrer Entstehung zu entrücken, in welcher sie trotz der
    Entstehung am leichtesten dem Verständnisse zugänglich wäre. In dieser
    Absicht wird einerseits ein Intervall zwischen die pathogene Situation
    und die abfolgende Zwangsidee eingeschoben, welches die Kausal-
    erforschung des Bewußten irre führt; anderseits wird der Inhalt der
    Zwangsidee durch Verallgemeinerung aus seinen speziellen Be-
    ziehungen gelöst.

    Ein Beispiel hierfür gibt unser Patient im „Verstehzwang“
    (S. 381); ein besseres vielleicht eine andere Kranke, die sich verbot, irgend-
    welchen Schmuck zu tragen, obwohl die Veranlassung auf ein einziges
    Schmuckstück zurückging, um welches sie ihre Mutter beneidet hatte,
    und von dem sie hoffte, es würde ihr dereinst durch Erbschaft zufallen.

  • S.

    420

    Endlich dient noch zum Schutze der Zwangsidee gegen die bewußte
    Lösungsarbeit der unbestimmt oder zweideutig gewählte Wortlaut,
    wenn man diesen von der inhaltlichen Entstellung absondern will.
    Dieser mißverstandene Wortlaut kann nun in die Delirien eingehen und
    die weiteren Fortbildungen oder Ersetzungen des Zwanges werden
    an das Mißverständnis anknüpfen anstatt an den richtigen Text. Doch
    kann man beobachten, daß diese Delirien bestrebt sind, immer wieder
    neue Beziehungen zu dem nicht im Bewußtsein enthaltenen Gehalt
    und Wortlaut des Zwanges zu gewinnen. 

    Einer einzigen Bemerkung wegen möchte ich noch zum Triebleben
    der Zwangsneurose zurückkehren. Unser Patient erwies sich auch als
    ein Riecher‚ der nach seiner Behauptung in der Kindheit wie ein
    Hund jeden Menschen nach dem Geruch erkennt hatte, und dem auch
    heute noch Riechwahrnehmungen mehr sagten als anderen1). Ich habe
    ähnliches auch bei anderen Neurotikern, Zwangskranken und Hyste-
    rikern gefunden und gelernt, der Rolle einer seit der Kindheit unter-
    gegangenen Riechlust in der Genese der Neurosen Rechnung zu tragen2).
    Ganz allgemein möchte ich die Frage aufwerfen, ob nicht die mit der
    Abkehrung des Menschen vom Erdboden unvermeidlich gewordene
    Verkümmerung des Geruchsinnes und die so hergestellte organische
    Verdrängung der Riechlust einen guten Anteil an seiner Befähigung
    zu neurotischen Erkrankungen haben kann. Es ergäbe sich ein Ver-
    ständnis dafür, daß bei steigender Kultur gerade das Sexualleben die
    Opfer der Verdrängung bringen muß. Wir wissen ja längst, welch
    inniger Zusammenhang in der tierischen Organisation zwischen dem
    Sexualtrieb und der Funktion des Riechorgans hergestellt ist.

    Zum Schlusse dieser Arbeit will ich die Hoffnung aussprechen,
    daß meine in jedem Sinne unvollständigen Mitteilungen wenigstens
    anderen die Anregung bringen mögen, durch weitere Vertiefung in das
    Studium der Zwangsneurose mehr zutage zu fördern. Das Charakteri-
    stische dieser Neurose, das, was sie von der Hysterie unterscheidet, ist
    meines Erachtens nicht im Triebleben, sondern in den psychologischen Ver-
    hältnissen zu suchen. Ich kann meinen Patienten nicht verlassen, ohne
    dem Eindrucke Worten zu leihen, daß er gleichsam in drei Persönlichkeiten
    zerfallen war; ich würde sagen: in eine unbewußte und zwei vorbewußte,

    1) Ich füge hinzu, daß in seinen Kinderjahren starke koprophile Neigungen
    gewaltet hatten. Dazu die bereits betonte Analerotik. (S. 397.)

    2) Z. B. bei gewissen Formen des Fetischismus.

  • S.

    421

    zwischen denen sein Bewußtsein oszillieren konnte. Sein Unbewußtes
    umschloß die frühzeitig unterdrückten, als leidenschaftlich und böse
    zu bezeichnenden Regungen, in seinem Normalzustande war er gut,
    lebensfroh‚ überlegen, klug und aufgeklärt, aber in einer dritten psy-
    chischen Organisation huldigte er dem Aberglauben und der Askese,
    so daß er zwei Überzeugungen haben und zweierlei Weltanschauungen
    vertreten konnte. Diese vorbewußte Person enthielt vorwiegend die
    Reaktionsbildungen auf seine verdrängten Wünsche, und es war leicht
    vorherzusehen, daß sie bei weiterem Bestande der Krankheit die normale
    Person aufgezehrt hätte. Ich habe jetzt Gelegenheit, eine an schweren
    Zwangshandlungen leidende Dame zu studieren, die in ähnlicher Weise
    in eine tolerante, heitere und in eine schwer verdüsterte, asketische
    Persönlichkeit zerfallen ist, die erstere als ihr offizielles Ich vorschiebt, 
    während sie von der letzteren beherrscht wird. Beide psychische Or-
    ganisationen haben Zugang zu ihrem Bewußtsein, und hinter der aske-
    tischen Person ist das ihr völlig unbekannte Unbewußte ihres Wesens
    aufzufinden, bestehend aus uralten, längst verdrängten Wunsch-
    regungen.