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Internationale Zeitschrift
für PsychoanalyseHerausgegeben von Sigm. Freud
XXIII. Band 1937 Heft 2
Die endliche und die unendliche Analyse
Von
Sigm. FreudI.
Erfahrung hat uns gelehrt, die psychoanalytische Therapie, die Befreiung
eines Menschen von seinen neurotischen Symptomen, Hemmungen und
Charakterabnormitäten ist eine langwierige Arbeit. Daher sind von allem
Anfang an Versuche unternommen worden, um die Dauer der Analysen zu
verkürzen. Solche Bemühungen bedurften keiner Rechtfertigung, sie konnten
sich auf die verständigsten und zweckmäßigsten Beweggründe berufen. Aber
es wirkte in ihnen wahrscheinlich auch noch ein Rest jener ungeduldigen
Geringschätzung, mit der eine frühere Periode der Medizin die Neurosen
betrachtet hatte, als überflüssige Erfolge unsichtbarer Schädigungen. Wenn
man sich jetzt mit ihnen beschäftigen mußte, wollte man nur möglichst bald
mit ihnen fertig werden. Einen besonders energischen Versuch in dieser
Richtung hat O. Rank gemacht im Anschluß an sein Buch „Das Trauma
der Geburt“ (1924). Er nahm an, daß der Geburtsakt die eigentliche Quelle
der Neurose sei, indem er die Möglichkeit mit sich bringt, daß die „Urfixie-
rung“ an die Mutter nicht überwunden wird und als „Urverdrängung“ fort-
besteht. Durch die nachträgliche analytische Erledigung dieses Urtraumas
hoffte Rank die ganze Neurose zu beseitigen, so daß das eine Stückchen
Analyse alle übrige analytische Arbeit ersparte. Einige wenige Monate sollten
für diese Leistung genügen. Man wird nicht bestreiten, daß der Ranksche
Gedankengang kühn und geistreich war; aber er hielt einer kritischen Prüfung
nicht stand. Der Versuch Ranks war übrigens aus der Zeit geboren, unter
dem Eindruck des Gegensatzes von europäischem Nachkriegselend und
amerikanischer „prosperity“ konzipiert und dazu bestimmt, das Tempo derS.
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analytischen Therapie der Hast des amerikanischen Lebens anzugleichen.
Man hat nicht viel davon gehört, was die Ausführung des Rankschen
Planes für Krankheitsfälle geleistet hat. Wahrscheinlich nicht mehr, als die
Feuerwehr leisten würde, wenn sie im Falle eines Hausbrandes durch eine
umgestürzte Petroleumlampe sich damit begnügte, die Lampe aus dem
Zimmer zu entfernen, in dem der Brand entstanden war. Eine erhebliche Ab-
kürzung der Löschaktion wäre allerdings auf diese Weise zu erreichen.
Theorie und Praxis des Rankschen Versuchs gehören heute der Ver-
gangenheit an – nicht anders als die amerikanische „prosperity“ selbst.Einen anderen Weg, um den Ablauf einer analytischen Kur zu beschleu-
nigen, hatte ich selbst noch vor der Kriegszeit eingeschlagen. Ich übernahm
damals die Behandlung eines jungen Russen, der, durch Reichtum verwöhnt,
in völliger Hilfslosigkeit, von Leibarzt und Pfleger begleitet, nach Wien ge-
kommen war.1) Im Laufe einiger Jahre gelang es, ihm ein großes Stück seiner
Selbständigkeit wiederzugeben, sein Interesse am Leben zu wecken, seine
Beziehungen zu den für ihn wichtigsten Personen in Ordnung zu bringen,
aber dann stockte der Fortschritt; die Aufklärung der Kindheitsneurose, auf
der ja die spätere Erkrankung begründet war, ging nicht weiter und es war
deutlich zu erkennen, daß der Patient seinen derzeitigen Zustand als recht
behaglich empfand und keinen Schritt tun wollte, der ihn dem Ende der
Behandlung näher brächte. Es war ein Fall von Selbsthemmung der Kur;
sie war in Gefahr, grade an ihrem – teilweisen – Erfolg zu scheitern. In
dieser Lage griff ich zu dem heroischen Mittel der Terminsetzung. Ich er-
öffnete dem Patienten zu Beginn einer Arbeitssaison, daß dieses nächste Jahr
das letzte der Behandlung sein werde, gleichgiltig, was er in der ihm noch
zugestandenen Zeit leiste. Er schenkte mir zunächst keinen Glauben, aber
nachdem er sich von dem unverbrüchlichen Ernst meiner Absicht überzeugt
hatte, trat die gewünschte Wandlung bei ihm ein. Seine Widerstände
schrumpften ein und in diesen letzten Monaten konnte er alle Erinnerungen
reproduzieren und alle Zusammenhänge auffinden, die zum Verständnis
seiner frühen und zur Bewältigung seiner gegenwärtigen Neurose notwendig
schienen. Als er mich im Hochsommer 1914 verließ, ahnungslos wie wir
alle der so nah bevorstehenden Ereignisse, hielt ich ihn für gründlich und
dauernd geheilt.In einem Zusatz zur Krankengeschichte (1923) habe ich schon berichtet,
1)Siehe die mit Einwilligung des Patienten veröffentlichte Schrift „Aus der Geschichte
einer infantilen Neurose“, 1918. Die spätere Erkrankung des jungen Mannes wird dort
nicht ausführlich dargestellt, sondern nur gestreift, wo es der Zusammenhang mit der
Kindheitsneurose unbedingt erfordert.S.
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daß dies nicht zutraf. Als er gegen Kriegsende als mittelloser Flüchtling nach
Wien zurückkam, mußte ich ihm dabei helfen, ein nicht erledigtes Stück
der Übertragung zu bewältigen; das gelang in einigen Monaten und ich
konnte den Nachtrag mit der Mitteilung schließen, daß „der Patient, dem
der Krieg Heimat, Vermögen und alle Familienbeziehungen geraubt hatte,
sich seitdem normal gefühlt und tadellos benommen hat“. Die anderthalb
Jahrzehnte seither haben dies Urteil nicht Lügen gestraft, aber doch Ein-
schränkungen daran notwendig gemacht. Der Patient ist in Wien geblieben
und hat sich in einer, wenn auch bescheidenen, sozialen Position bewährt.
Aber mehrmals in diesem Zeitraum wurde sein Wohlbefinden durch Krank-
heitszufälle unterbrochen, die nur als Ausläufer seiner Lebensneurose aufge-
faßt werden konnten. Die Geschicklichkeit einer meiner Schülerinnen, Frau
Dr. Ruth Mack Brunswick, hat diese Zustände jedesmal nach kurzer
Behandlung zu Ende gebracht; ich hoffe, sie wird bald selbst über diese
Erfahrungen berichten. In einigen dieser Anfälle handelte es sich immer noch
um Restbestände der Übertragung; sie zeigten dann bei all ihrer Flüchtigkeit
deutlich paranoischen Charakter. In anderen aber bestand das pathogene
Material aus Fragmenten seiner Kindergeschichte, die in der Analyse bei
mir nicht zum Vorschein gekommen waren und sich nun – man kann dem
Vergleich nicht ausweichen – wie Fäden nach einer Operation oder nekro-
tische Knochenstückchen nachträglich abstießen. Ich fand die Heilungsge-
schichte dieses Patienten nicht viel weniger interessant als seine Kranken-
geschichte.Ich habe die Terminsetzung später auch in anderen Fällen angewendet
und auch die Erfahrungen anderer Analytiker zur Kenntnis genommen. Das
Urteil über den Wert dieser erpresserischen Maßregel kann nicht zweifelhaft
sein. Sie ist wirksam, vorausgesetzt, daß man die richtige Zeit für sie trifft.
Aber sie kann keine Garantie für die vollständige Erledigung der Aufgabe
geben. Man kann im Gegenteil sicher sein, daß während ein Teil des Mate-
rials unter dem Zwang der Drohung zugänglich wird, ein anderer Teil
zurückgehalten bleibt und damit gleichsam verschüttet wird, der therapeu-
tischen Bemühung verloren geht. Man darf ja den Termin nicht erstrecken,
nachdem er einmal festgesetzt worden ist; sonst hat er für die weitere Folge
jeden Glauben eingebüßt. Die Fortsetzung der Kur bei einem anderen Ana-
lytiker wäre der nächste Ausweg; man weiß freilich, daß ein solcher Wechsel
neuen Verlust an Zeit und Verzicht auf den Ertrag aufgewendeter Arbeit be-
deutet. Auch läßt sich nicht allgemein giltig angeben, wann die richtige Zeit
für die Einsetzung dieses gewaltsamen technischen Mittels gekommen ist,S.
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es bleibt dem Takt überlassen. Ein Mißgriff ist nicht mehr gutzumachen.
Das Sprichwort, daß der Löwe nur einmal springt, muß recht behalten.II.
Die Erörterungen über das technische Problem, wie man den langsamen
Ablauf einer Analyse beschleunigen kann, leiten uns nun zu einer anderen
Frage von tieferem Interesse, nämlich, ob es ein natürliches Ende einer Ana-
lyse gibt, ob es überhaupt möglich ist, eine Analyse zu einem solchen Ende
zu führen. Der Sprachgebrauch unter Analytikern scheint eine solche Voraus-
setzung zu begünstigen, denn man hört oft bedauernd oder entschuldigend
über ein in seiner Unvollkommenheit erkanntes Menschenkind äußern: Seine
Analyse ist nicht fertig geworden, oder: Er ist nicht zu Ende analysiert
worden.Man muß sich zunächst darüber verständigen, was mit der mehrdeutigen
Redensart „Ende einer Analyse“ gemeint ist. Praktisch ist das leicht zu sagen.
Die Analyse ist beendigt, wenn Analytiker und Patient sich nicht mehr zur
analytischen Arbeitsstunde treffen. Sie werden so tun, wenn zwei Bedin-
gungen ungefähr erfüllt sind, die erste, daß der Patient nicht mehr an seinen
Symptomen leidet und seine Ängste wie seine Hemmungen überwunden hat,
die zweite, daß der Analytiker urteilt, es sei beim Kranken soviel Verdrängtes
bewußt gemacht, soviel Unverständliches aufgeklärt, soviel innerer Wider-
stand besiegt worden, daß man die Wiederholung der betreffenden patholo-
gischen Vorgänge nicht zu befürchten braucht. Ist man durch äußere
Schwierigkeiten verhindert worden, dies Ziel zu erreichen, so spricht man
besser von einer unvollständigen als von einer unvollendeten Analyse.Die andere Bedeutung des Endes einer Analyse ist weit ehrgeiziger. In
ihrem Namen wird gefragt, ob man die Beeinflussung des Patienten soweit
getrieben hat, daß eine Fortsetzung der Analyse keine weitere Veränderung
versprechen kann. Also als ob man durch Analyse ein Niveau von absoluter
psychischer Normalität erreichen könnte, dem man auch die Fähigkeit zu-
trauen dürfte, sich stabil zu erhalten, etwa wenn es gelungen wäre, alle vor-
gefallenen Verdrängungen aufzulösen und alle Lücken der Erinnerung aus-
zufüllen. Man wird zuerst die Erfahrung befragen, ob dergleichen vorkommt,
und dann die Theorie, ob es überhaupt möglich ist.Jeder Analytiker wird einige Fälle mit so erfreulichem Ausgang behandelt
haben. Es ist gelungen, die vorhandene neurotische Störung zu beseitigen,
sie ist nicht wiedergekehrt und hat sich durch keine andere ersetzt. Man ist
auch nicht ohne Einsicht in die Bedingungen dieser Erfolge. Das Ich der
Patienten war nicht merklich verändert und die Ätiologie der Störung eine
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Die endliche und die unendliche Analyse1937-001/1937
1937-001/1937/1