• S.

    212

    es bleibt dem Takt überlassen. Ein Mißgriff ist nicht mehr gutzumachen.
    Das Sprichwort, daß der Löwe nur einmal springt, muß recht behalten.

    II.

    Die Erörterungen über das technische Problem, wie man den langsamen
    Ablauf einer Analyse beschleunigen kann, leiten uns nun zu einer anderen
    Frage von tieferem Interesse, nämlich, ob es ein natürliches Ende einer Ana-
    lyse gibt, ob es überhaupt möglich ist, eine Analyse zu einem solchen Ende
    zu führen. Der Sprachgebrauch unter Analytikern scheint eine solche Voraus-
    setzung zu begünstigen, denn man hört oft bedauernd oder entschuldigend
    über ein in seiner Unvollkommenheit erkanntes Menschenkind äußern: Seine
    Analyse ist nicht fertig geworden, oder: Er ist nicht zu Ende analysiert
    worden.

    Man muß sich zunächst darüber verständigen, was mit der mehrdeutigen
    Redensart „Ende einer Analyse“ gemeint ist. Praktisch ist das leicht zu sagen.
    Die Analyse ist beendigt, wenn Analytiker und Patient sich nicht mehr zur
    analytischen Arbeitsstunde treffen. Sie werden so tun, wenn zwei Bedin-
    gungen ungefähr erfüllt sind, die erste, daß der Patient nicht mehr an seinen
    Symptomen leidet und seine Ängste wie seine Hemmungen überwunden hat,
    die zweite, daß der Analytiker urteilt, es sei beim Kranken soviel Verdrängtes
    bewußt gemacht, soviel Unverständliches aufgeklärt, soviel innerer Wider-
    stand besiegt worden, daß man die Wiederholung der betreffenden patholo-
    gischen Vorgänge nicht zu befürchten braucht. Ist man durch äußere
    Schwierigkeiten verhindert worden, dies Ziel zu erreichen, so spricht man
    besser von einer unvollständigen als von einer unvollendeten Analyse.

    Die andere Bedeutung des Endes einer Analyse ist weit ehrgeiziger. In
    ihrem Namen wird gefragt, ob man die Beeinflussung des Patienten soweit
    getrieben hat, daß eine Fortsetzung der Analyse keine weitere Veränderung
    versprechen kann. Also als ob man durch Analyse ein Niveau von absoluter
    psychischer Normalität erreichen könnte, dem man auch die Fähigkeit zu-
    trauen dürfte, sich stabil zu erhalten, etwa wenn es gelungen wäre, alle vor-
    gefallenen Verdrängungen aufzulösen und alle Lücken der Erinnerung aus-
    zufüllen. Man wird zuerst die Erfahrung befragen, ob dergleichen vorkommt,
    und dann die Theorie, ob es überhaupt möglich ist.

    Jeder Analytiker wird einige Fälle mit so erfreulichem Ausgang behandelt
    haben. Es ist gelungen, die vorhandene neurotische Störung zu beseitigen,
    sie ist nicht wiedergekehrt und hat sich durch keine andere ersetzt. Man ist
    auch nicht ohne Einsicht in die Bedingungen dieser Erfolge. Das Ich der
    Patienten war nicht merklich verändert und die Ätiologie der Störung eine

  • S.

    213

    wesentlich traumatische. Die Ätiologie aller neurotischen Störungen ist ja
    eine gemischte; es handelt sich entweder um überstarke, also gegen die Bän-
    digung durch das Ich widerspenstige Triebe, oder um die Wirkung von
    frühzeitigen, d. h. vorzeitigen Traumen, deren ein unreifes Ich nicht Herr
    werden konnte. In der Regel um ein Zusammenwirken beider Momente, des
    konstitutionellen und des akzidentellen. Je stärker das erstere, desto eher wird
    ein Trauma zur Fixierung führen und eine Entwicklungsstörung zurück-
    lassen; je stärker das Trauma, desto sicherer wird es seine Schädigung auch
    unter normalen Triebverhältnissen äußern. Es ist kein Zweifel, daß die trau-
    matische Ätiologie der Analyse die weitaus günstigere Gelegenheit bietet.
    Nur im vorwiegend traumatischen Fall wird die Analyse leisten, was sie
    meisterlich kann, die unzulängliche Entscheidung aus der Frühzeit dank der
    Erstarkung des Ichs durch eine korrekte Erledigung ersetzen. Nur in einem
    solchen Falle kann man von einer endgiltig beendeten Analyse sprechen.
    Hier hat die Analyse ihre Schuldigkeit getan und braucht nicht fortgesetzt
    zu werden. Wenn der so hergestellte Patient niemals wieder eine Störung
    produziert, die ihn der Analyse bedürftig macht, so weiß man freilich nicht,
    wieviel von dieser Immunität der Gunst des Schicksals zu danken ist, die ihm
    zu starke Belastungsproben erspart haben mag.

    Die konstitutionelle Triebstärke und die im Abwehrkampf erworbene un-
    günstige Veränderung des Ichs, im Sinne einer Verrenkung und Ein-
    schränkung, sind die Faktoren, die der Wirkung der Analyse ungünstig sind
    und ihre Dauer ins Unabschließbare verlängern können. Man ist versucht,
    das erstere, die Triebstärke, auch für die Ausbildung des anderen, der Ich-
    veränderung, verantwortlich zu machen, aber es scheint, daß diese auch ihre
    eigene Ätiologie hat, und eigentlich muß man zugestehen, daß diese Ver-
    hältnisse noch nicht genügend bekannt sind. Sie werden eben erst jetzt
    Gegenstand des analytischen Studiums. Das Interesse der Analytiker scheint
    mir in dieser Gegend überhaupt nicht richtig eingestellt zu sein. Anstatt zu
    untersuchen, wie die Heilung durch die Analyse zustande kommt, was ich
    für hinreichend aufgeklärt halte, sollte die Fragestellung lauten, welche
    Hindernisse der analytischen Heilung im Wege stehen.

    Hier anschließend möchte ich zwei Probleme behandeln, die sich direkt
    aus der analytischen Praxis ergeben, wie die nachstehenden Beispiele zeigen
    sollen. Ein Mann, der die Analyse selbst mit großem Erfolge ausgeübt hat,
    urteilt, daß sein Verhältnis zum Mann wie zur Frau – zu den Männern,
    die seine Konkurrenten sind, und zur Frau, die er liebt – doch nicht frei von
    neurotischen Behinderungen ist, und macht sich darum zum analytischen

  • S.

    214

    Objekt eines Anderen, den er für ihm überlegen hält. Diese kritische Durch-
    leuchtung der eigenen Person bringt ihm vollen Erfolg. Er heiratet die ge-
    liebte Frau und wandelt sich zum Freund und Lehrer der vermeintlichen
    Rivalen. Es vergehen so viele Jahre, in denen auch die Beziehung zum ein-
    stigen Analytiker ungetrübt bleibt. Dann aber tritt ohne nachweisbaren
    äußeren Anlaß eine Störung ein. Der Analysierte tritt in Opposition zum
    Analytiker, er wirft ihm vor, daß er es versäumt hat, ihm eine vollständige
    Analyse zu geben. Er hätte doch wissen und in Betracht ziehen müssen, daß
    eine Übertragungsbeziehung niemals bloß positiv sein kann; er hätte sich
    um die Möglichkeiten einer negativen Übertragung bekümmern müssen. Der
    Analytiker verantwortet sich darin, daß zur Zeit der Analyse von einer nega-
    tiven Übertragung nichts zu merken war. Aber selbst angenommen, daß er
    leiseste Anzeichen einer solchen übersehen hätte, was bei der Enge des Hori-
    zonts in jener Frühzeit der Analyse nicht ausgeschlossen wäre, so bliebe es
    zweifelhaft, ob er die Macht gehabt hätte, ein Thema, oder, wie man sagt:
    einen „Komplex“, durch seinen bloßen Hinweis zu aktivieren, solange er beim
    Patienten selbst nicht aktuell war. Dazu hätte es doch gewiß einer im realen
    Sinne unfreundlichen Handlung gegen den Patienten bedurft. Und außerdem
    sei nicht jede gute Beziehung zwischen Analytiker und Analysiertem, während
    und nach der Analyse, als Übertragung einzuschätzen. Es gebe auch freund-
    schaftliche Beziehungen, die real begründet sind und sich als lebensfähig
    erweisen.

    Ich füge gleich das zweite Beispiel an, aus dem sich das nämliche Pro-
    blem erhebt. Ein älteres Mädchen ist seit ihrer Pubertät durch Gehunfähig-
    keit infolge heftiger Beinschmerzen aus dem Leben ausgeschaltet worden,
    der Zustand ist offenbar hysterischer Natur, er hat vielen Behandlungen
    getrotzt; eine analytische Kur von dreiviertel Jahren beseitigt ihn und gibt
    einer tüchtigen und wertvollen Person ihre Rechte auf einen Anteil am
    Leben wieder. Die Jahre nach der Genesung bringen nichts Gutes: Kata-
    strophen in der Familie, Vermögensverlust, mit dem Altern das Schwinden
    jeder Aussicht auf Liebesglück und Ehe. Aber die ehemals Kranke hält allem
    wacker stand und wirkt in schweren Zeiten als eine Stütze für die Ihrigen.
    Ich weiß nicht mehr, ob es 12 oder 14 Jahre nach Beendigung der Kur war,
    daß profuse Blutungen eine gynäkologische Untersuchung notwendig
    machten. Es fand sich ein Myom, das die Totalexstirpation des Uterus be-
    rechtigte. Von dieser Operation an war das Mädchen wieder krank. Sie ver-
    liebte sich in den Operateur, schwelgte in masochistischen Phantasien von
    den schrecklichen Veränderungen in ihrem Inneren, mit denen sie ihren

  • S.

    215

    Liebesroman verhüllte, erwies sich als unzugänglich für einen neuerlichen
    analytischen Versuch und wurde auch bis zu ihrem Lebensende nicht mehr
    normal. Die erfolgreiche Behandlung liegt so weit zurück, daß man keine
    großen Ansprüche an sie stellen darf; sie fällt in die ersten Jahre meiner ana-
    lytischen Tätigkeit. Es ist immerhin möglich, daß die zweite Erkrankung
    aus derselben Wurzel stammte wie die glücklich überwundene erste, daß sie
    ein veränderter Ausdruck derselben verdrängten Regungen war, die in der
    Analyse nur eine unvollkommene Erledigung gefunden hatten. Aber ich
    möchte doch glauben, daß es ohne das neue Trauma nicht zum neuerlichen
    Ausbruch der Neurose gekommen wäre.

    Diese beiden Fälle, absichtlich ausgewählt aus einer großen Anzahl ähn-
    licher, werden hinreichen, um die Diskussion über unsere Themen anzu-
    fachen. Skeptiker, Optimisten, Ehrgeizige werden sie in ganz verschiedener
    Weise verwerten. Die ersteren werden sagen, es sei nun erwiesen, daß auch
    eine geglückte analytische Behandlung den derzeit Geheilten nicht davor
    schütze, später an einer anderen Neurose, ja selbst an einer Neurose aus der
    nämlichen Triebwurzel, also eigentlich an einer Wiederkehr des alten Leidens,
    zu erkranken. Die anderen werden diesen Beweis nicht für erbracht halten.
    Sie werden einwenden, die beiden Erfahrungen stammten aus den Frühzeiten
    der Analyse, vor 20 und vor 30 Jahren. Seither haben sich unsere Ein-
    sichten vertieft und erweitert, unsere Technik habe sich in Anpassung an
    die neuen Errungenschaften verändert. Man dürfe heute fordern und er-
    warten, daß eine analytische Heilung sich als dauernd bewähre, oder zum
    mindesten, daß eine neuerliche Erkrankung sich nicht als Wiederbelebung
    der früheren Triebstörung in neuen Ausdrucksformen erweise. Die Erfah-
    rung nötige uns nicht, die Ansprüche an unsere Therapie in so empfind-
    licher Weise einzuschränken.

    Ich habe natürlich die beiden Beobachtungen darum ausgewählt, weil sie
    so weit zurückliegen. Je rezenter ein Erfolg der Behandlung ist, desto mehr
    wird er begreiflicher Weise unbrauchbar für unsere Erwägungen, da wir
    kein Mittel haben, das spätere Schicksal einer Heilung vorherzusehen. Die
    Erwartungen der Optimisten setzen offenbar mancherlei voraus, was nicht
    grade selbstverständlich ist, erstens, daß es überhaupt möglich ist, einen
    Triebkonflikt (d. h. besser: einen Konflikt des Ichs mit einem Trieb) end-
    gültig für alle Zeiten zu erledigen, zweitens, daß es gelingen kann, einen
    Menschen, während man ihn an dem einen Triebkonflikt behandelt, gegen
    alle anderen solcher Konfliktmöglichkeiten sozusagen zu impfen, drittens,
    daß man die Macht hat, einen solchen pathogenen Konflikt, der sich derzeit

  • S.

    216

    durch kein Anzeichen verrät, zum Zwecke der vorbeugenden Behandlung zu
    wecken, und daß man weise daran tut. Ich werfe diese Fragen auf, ohne sie
    gegenwärtig beantworten zu wollen. Vielleicht ist uns eine sichere Beant-
    wortung derzeit überhaupt nicht möglich.

    Theoretische Überlegungen werden uns wahrscheinlich gestatten, einiges
    zu ihrer Würdigung beizutragen. Aber etwas anderes ist uns jetzt schon klar
    geworden: Der Weg zur Erfüllung der gesteigerten Ansprüche an die ana-
    lytische Kur führt nicht zur oder über die Abkürzung ihrer Dauer.

    III.

    Analytische Erfahrung, die sich über mehrere Dezennien erstreckt, und
    ein Wechsel in der Art und Weise meiner Betätigung ermutigen mich, die
    Beantwortung der gestellten Fragen zu versuchen. In früheren Zeiten hatte
    ich es mit einer größeren Anzahl von Patienten zu tun, die, wie begreiflich,
    auf rasche Erledigung drängten; in den letzten Jahren haben die Lehranalysen
    überwogen und eine im Verhältnis geringe Zahl von schwerer Leidenden
    blieb bei mir zu fortgesetzter, wenn auch durch kurze oder längere Pausen
    unterbrochener Behandlung. Bei diesen letzteren war die therapeutische Ziel-
    setzung eine andere geworden. Eine Abkürzung der Kur kam nicht mehr in
    Betracht, die Absicht war, eine gründliche Erschöpfung der Krankheitsmög-
    lichkeiten und tiefgehende Veränderung der Person herbeizuführen.

    Von den drei Momenten, die wir als maßgebend für die Chancen der
    analytischen Therapie anerkannt haben: Einfluß von Traumen – konstitu-
    tionelle Triebstärke – Ichveränderung, kommt es uns hier nur auf das mitt-
    lere an, die Triebstärke. Die nächste Überlegung läßt uns in Zweifel ziehen,
    ob die Einschränkung durch das Beiwort konstitutionell (oder kongenital)
    unerläßlich ist. So entscheidend von allem Anfang das konstitutionelle Mo-
    ment sein mag, so bleibt es doch denkbar, daß eine später im Leben auf-
    tretende Triebverstärkung die gleichen Wirkungen äußern mag. Die Formel
    wäre dann abzuändern: derzeitige Triebstärke anstatt der konstitutionellen.
    Die erste unserer Fragen hat gelautet: ist es möglich, einen Konflikt des
    Triebs mit dem Ich oder einen pathogenen Triebanspruch an das Ich durch
    analytische Therapie dauernd und endgültig zu erledigen? Es ist wahrschein-
    lich zur Vermeidung von Mißverständnis nicht unnötig, näher auszuführen,
    was mit der Wortfügung: dauernde Erledigung eines Triebanspruchs ge-
    meint ist. Gewiß nicht, daß man ihn zum Verschwinden bringt, so daß er
    nie wieder etwas von sich hören läßt. Das ist im allgemeinen unmöglich, wäre
    auch gar nicht wünschenswert. Nein, sondern etwas anderes, was man un-
    gefähr als die „Bändigung“ des Triebes bezeichnen kann: das will heißen,