• S.

    229

    trag aus, auf dem die analytische Situation ruht. Das Ich unterstützt unsere
    Bemühung um die Aufdeckung des Es nicht mehr, es widersetzt sich ihr,
    hält die analytische Grundregel nicht ein, läßt keine weiteren Abkömmlinge
    des Verdrängten auftauchen. Eine starke Überzeugung von der heilenden
    Macht der Analyse kann man vom Patienten nicht erwarten; er mag ein
    Stück Vertrauen zum Analytiker mitgebracht haben, das durch die zu er-
    weckenden Momente der positiven Übertragung zur Leistungsfähigkeit ver-
    stärkt wird. Unter dem Einfluß der Unlustregungen, die durch das neuerliche
    Abspielen der Abwehrkonflikte verspürt werden, können jetzt negative
    Übertragungen die Oberhand gewinnen und die analytische Situation völlig
    aufheben. Der Analytiker ist jetzt für den Patienten nur ein fremder Mensch,
    der unangenehme Zumutungen an ihn stellt, und er benimmt sich gegen
    ihn ganz wie das Kind, das den Fremden nicht mag und ihm nichts glaubt.
    Versucht der Analytiker, dem Patienten eine der in der Abwehr vorgenom-
    menen Entstellungen aufzuzeigen und sie zu korrigieren, so findet er ihn ver-
    ständnislos und unzugänglich für gute Argumente. So gibt es wirklich einen
    Widerstand gegen die Aufdeckung von Widerständen und die Abwehr-
    mechanismen verdienen wirklich den Namen, mit dem wir sie anfänglich
    bezeichnet haben, ehe sie genauer erforscht wurden; es sind Widerstände
    nicht nur gegen die Bewußtmachung der Es‑Inhalte, sondern auch gegen die
    Analyse überhaupt und somit gegen die Heilung.

    Die Wirkung der Abwehren im Ich können wir wohl als „Ichverände-
    rung“ bezeichnen, wenn wir darunter den Abstand von einem fiktiven
    Normal‑Ich verstehen, das der analytischen Arbeit unerschütterliche Bünd-
    nistreue zusichert. Es ist nun leicht zu glauben, was die tägliche Erfahrung
    zeigt, daß es wesentlich davon abhängt, wie stark und wie tief eingewurzelt
    diese Widerstände der Ichveränderung sind, wo es sich um den Ausgang
    einer analytischen Kur handelt. Wieder tritt uns hier die Bedeutung des
    quantitativen Faktors entgegen, wieder werden wir daran gemahnt, daß die
    Analyse nur bestimmte und begrenzte Mengen von Energien aufwenden
    kann, die sich mit den feindlichen Kräften zu messen haben. Und als ob der
    Sieg wirklich meist bei den stärkeren Bataillonen wäre.

    VI.

    Die nächste Frage wird lauten, ob alle Ichveränderung – in unserem Sinne
    – während der Abwehrkämpfe der Frühzeit erworben wird. Die Antwort
    kann nicht zweifelhaft sein. Es besteht kein Grund, die Existenz und Bedeu-
    tung ursprünglicher, mitgeborener Ichverschiedenheiten zu bestreiten. Schon
    die eine Tatsache ist entscheidend, daß jede Person ihre Auswahl unter den

  • S.

    230

    möglichen Abwehrmechanismen trifft, immer nur einige und dann stets die-
    selben verwendet. Das deutet darauf hin, daß das einzelne Ich von vornherein
    mit individuellen Dispositionen und Tendenzen ausgestattet ist, deren Art
    und Bedingtheit wir nun freilich nicht angeben können. Außerdem wissen
    wir, daß wir den Unterschied zwischen ererbten und erworbenen Eigen-
    schaften nicht zu einem Gegensatz überspannen dürfen; unter dem Ererbten
    ist, was die Vorfahren erworben haben, gewiß ein wichtiger Anteil. Wenn
    wir von „archaischer Erbschaft“ sprechen, denken wir gewöhnlich nur an
    das Es und scheinen anzunehmen, daß ein Ich am Beginn des Eigenlebens
    noch nicht vorhanden ist. Aber wir wollen nicht übersehen, daß Es und
    Ich ursprünglich eins sind, und es bedeutet noch keine mystische Über-
    schätzung der Erblichkeit, wenn wir für glaubwürdig halten, daß dem noch
    nicht existierenden Ich bereits festgelegt ist, welche Entwicklungsrichtungen,
    Tendenzen und Reaktionen es späterhin zum Vorschein bringen wird. Die
    psychologischen Besonderheiten von Familien, Rassen und Nationen auch
    in ihrem Verhalten gegen die Analyse lassen keine andere Erklärung zu.
    Ja noch mehr, die analytische Erfahrung hat uns die Überzeugung aufge-
    drängt, daß selbst bestimmte psychische Inhalte wie die Symbolik keine
    anderen Quellen haben als die erbliche Übertragung, und in verschiedenen
    völkerpsychologischen Untersuchungen wird uns nahegelegt, noch andere,
    ebenso spezialisierte Niederschläge frühmenschlicher Entwicklung in der
    archaischen Erbschaft vorauszusetzen.

    Mit der Einsicht, daß die Eigenheiten des Ichs, die wir als Widerstände zu
    spüren bekommen, ebensowohl hereditär bedingt als in Abwehrkämpfen er-
    worben sein können, hat die topische Unterscheidung, ob Ich, ob Es, viel
    von ihrem Wert für unsere Untersuchung eingebüßt. Ein weiterer Schritt in
    unserer analytischen Erfahrung führt uns zu Widerständen anderer Art, die
    wir nicht mehr lokalisieren können und die von fundamentalen Verhältnissen
    im seelischen Apparat abzuhängen scheinen. Ich kann nur einige Proben
    dieser Gattung aufführen, das ganze Gebiet ist noch verwirrend fremd, un-
    genügend erforscht. Man trifft z. B. auf Personen, denen man eine besondere
    „Klebrigkeit der Libido“ zuschreiben möchte. Die Prozesse, die die Kur bei
    ihnen einleitet, verlaufen so viel langsamer als bei anderen, weil sie sich, wie
    es scheint, nicht entschließen können, Libidobesetzungen von einem Objekt
    abzulösen und auf ein neues zu verschieben, obwohl besondere Gründe für
    solche Besetzungstreue nicht zu finden sind. Man begegnet auch dem ent-
    gegengesetzten Typus, bei dem die Libido besonders leicht beweglich er-
    scheint, rasch auf die von der Analyse vorgeschlagenen Neubesetzungen

  • S.

    231

    eingeht und die früheren für sie aufgibt. Es ist ein Unterschied, wie ihn der
    bildende Künstler verspüren mag, ob er in hartem Stein oder in weichem
    Ton arbeitet. Leider zeigen sich die analytischen Resultate bei diesem zweiten
    Typus oft als sehr hinfällig; die neuen Besetzungen werden bald wieder
    verlassen, man bekommt den Eindruck, als habe man nicht in Ton gearbeitet,
    sondern in Wasser geschrieben. Die Warnung „Wie gewonnen, so zer-
    ronnen“ behält hier Recht.

    Bei einer anderen Gruppe von Fällen wird man durch ein Verhalten über-
    rascht, das man nur auf eine Erschöpfung der sonst zu erwartenden Plasti-
    zität, der Fähigkeit zur Abänderung und Weiterentwicklung beziehen kann.
    Auf ein gewisses Maß von psychischer Trägheit sind wir in der Analyse wohl
    vorbereitet; wenn die analytische Arbeit der Triebregung neue Wege er-
    öffnet hat, so beobachten wir fast regelmäßig, daß sie nicht ohne deutliche
    Verzögerung begangen werden. Wir haben dies Verhalten, vielleicht nicht
    ganz richtig, als „Widerstand vom Es“ bezeichnet. Aber bei den Fällen, die
    hier gemeint sind, erweisen sich alle Abläufe, Beziehungen und Kraftver-
    teilungen als unabänderlich, fixiert und erstarrt. Es ist so, wie man es bei
    sehr alten Leuten findet, durch die sogenannte Macht der Gewohnheit, die
    Erschöpfung der Aufnahmsfähigkeit, durch eine Art von psychischer
    Entropie erklärt; aber es handelt sich hier um noch jugendliche Individuen.
    Unsere theoretische Vorbereitung scheint unzureichend, um die so beschrie-
    benen Typen richtig aufzufassen; es kommen wohl zeitliche Charaktere in
    Betracht, Abänderungen eines noch nicht gewürdigten Entwicklungs-
    rhythmus im psychischen Leben.

    Anders und noch tiefer begründet mögen die Ichverschiedenheiten sein,
    die in einer weiteren Gruppe von Fällen als Quellen des Widerstands gegen
    die analytische Kur und als Verhinderungen des therapeutischen Erfolgs
    zu beschuldigen sind. Hier handelt es sich um das letzte, was die psycho-
    logische Erforschung überhaupt zu erkennen vermag, das Verhalten der
    beiden Urtriebe, deren Verteilung, Vermengung und Entmischung, Dinge,
    die nicht auf eine einzige Provinz des seelischen Apparates, Es, Ich und
    Über‑Ich beschränkt vorzustellen sind. Es gibt keinen stärkeren Eindruck
    von den Widerständen während der analytischen Arbeit als den von einer
    Kraft, die sich mit allen Mitteln gegen die Genesung wehrt und durchaus an
    Krankheit und Leiden festhalten will. Einen Anteil dieser Kraft haben wir,
    sicherlich mit Recht, als Schuldbewußtsein und Strafbedürfnis agnosziert und
    im Verhältnis des Ichs zum Über‑Ich lokalisiert. Aber das ist nur jener An-
    teil, der vom Über‑Ich sozusagen psychisch gebunden ist und in solcher

  • S.

    232

    Weise kenntlich wird; andere Beträge derselben Kraft mögen, unbestimmt
    wo, in gebundener oder freier Form, am Werke sein. Hält man sich das Bild
    in seiner Gesamtheit vor, zu dem sich die Erscheinungen des immanenten
    Masochismus so vieler Personen, der negativen therapeutischen Reaktion und
    des Schuldbewußtseins der Neurotiker zusammensetzen, so wird man nicht
    mehr dem Glauben anhängen können, daß das seelische Geschehen aus-
    schließlich vom Luststreben beherrscht wird. Diese Phänomene sind un-
    verkennbare Hinweise auf das Vorhandensein einer Macht im Seelenleben,
    die wir nach ihren Zielen Aggressions- oder Destruktionstrieb heißen und
    von dem ursprünglichen Todestrieb der belebten Materie ableiten. Ein
    Gegensatz einer optimistischen zu einer pessimistischen Lebenstheorie kommt
    nicht in Frage; nur das Zusammen- und Gegeneinanderwirken beider Ur-
    triebe Eros und Todestrieb erklärt die Buntheit der Lebenserscheinungen,
    niemals einer von ihnen allein.

    Wie Anteile der beiden Triebarten zur Durchsetzung der einzelnen Lebens-
    funktionen miteinander zusammentreten, unter welchen Bedingungen diese
    Vereinigungen sich lockern oder zerfallen, welche Störungen diesen Ver-
    änderungen entsprechen und mit welchen Empfindungen die Wahrneh-
    mungsskala des Lustprinzips auf sie antwortet, das klarzustellen wäre die
    lohnendste Aufgabe der psychologischen Forschung. Vorläufig beugen wir
    uns vor der Übermacht der Gewalten, an der wir unsere Bemühungen schei-
    tern sehen. Schon die psychische Beeinflussung des einfachen Masochismus
    stellt unser Können auf eine harte Probe.

    Beim Studium der Phänomene, die die Betätigung des Destruktionstriebs
    erweisen, sind wir nicht auf Beobachtungen an pathologischem Material ein-
    geschränkt. Zahlreiche Tatsachen des normalen Seelenlebens drängen nach
    einer solchen Erklärung, und je mehr unser Blick sich schärft, desto reich-
    licher werden sie uns auffallen. Es ist ein Thema, zu neu und zu wichtig, um
    es in dieser Erörterung wie beiläufig zu behandeln; ich werde mich damit
    bescheiden, einige wenige Proben herauszuheben. Die folgende als Beispiel:

    Es ist bekannt, daß es zu allen Zeiten Menschen gegeben hat und noch
    gibt, die Personen des gleichen wie des anderen Geschlechts zu ihren Sexual-
    objekten nehmen können, ohne daß die eine Richtung die andere beeinträch-
    tigt. Wir heißen diese Leute Bisexuelle, nehmen ihre Existenz hin, ohne uns
    viel darüber zu verwundern. Wir haben aber gelernt, daß alle Menschen in
    diesem Sinne bisexuell sind, ihre Libido entweder in manifester oder in
    latenter Weise auf Objekte beider Geschlechter verteilen. Nur fällt uns fol-
    gendes dabei auf. Während im ersten Falle die beiden Richtungen sich ohne

  • S.

    233

    Anstoß mit einander vertragen haben, befinden sie sich im anderen und
    häufigeren Falle im Zustand eines unversöhnlichen Konflikts. Die Hetero-
    sexualität eines Mannes duldet keine Homosexualität, und ebenso ist es um-
    gekehrt. Ist die erstere die stärkere, so gelingt es ihr, die letztere latent zu
    erhalten und von der Realbefriedigung abzudrängen; andererseits gibt es
    keine größere Gefahr für die heterosexuelle Funktion eines Mannes als die
    Störung durch die latente Homosexualität. Man könnte die Erklärung ver-
    suchen, daß eben nur ein bestimmter Betrag von Libido verfügbar ist, um
    den die beiden mit einander rivalisierenden Richtungen ringen müssen. Allein
    man sieht nicht ein, warum die Rivalen nicht regelmäßig den verfügbaren
    Betrag der Libido je nach ihrer relativen Stärke unter sich aufteilen, wenn sie
    es doch in manchen Fällen tun können. Man bekommt durchaus den Ein-
    druck, als sei die Neigung zum Konflikt etwas Besonderes, was neu zur
    Situation hinzukommt, unabhängig von der Quantität der Libido. Eine solche
    unabhängig auftretende Konfliktneigung wird man kaum auf anderes zurück-
    führen können als auf das Eingreifen eines Stückes von freier Aggression.

    Wenn man den hier erörterten Fall als Äußerung des Destruktions- oder
    Aggressionstriebs anerkennt, so erhebt sich sofort die Frage, ob man nicht
    dieselbe Auffassung auf andere Beispiele von Konflikt ausdehnen, ja ob
    man nicht überhaupt all unser Wissen vom psychischen Konflikt unter
    diesem neuen Gesichtspunkt revidieren soll. Wir nehmen doch an, daß auf
    dem Weg der Entwicklung vom Primitiven zum Kulturmenschen eine sehr
    erhebliche Verinnerlichung, Einwärtswendung der Aggression stattfindet,
    und für die Außenkämpfe, die dann unterbleiben, wären die inneren Kon-
    flikte sicherlich das richtige Äquivalent. Es ist mir wohl bekannt, daß die
    dualistische Theorie, die einen Todes-, Destruktions- oder Aggressionstrieb
    als gleichberechtigten Partner neben den in der Libido sich kundgebenden
    Eros hinstellen will, im allgemeinen wenig Anklang gefunden und sich auch
    unter Psychoanalytikern nicht eigentlich durchgesetzt hat. Umsomehr mußte
    es mich erfreuen, als ich unlängst unsere Theorie bei einem der großen
    Denker der griechischen Frühzeit wiederfand. Ich opfere dieser Bestätigung
    gern das Prestige der Originalität, zumal da ich bei dem Umfang meiner
    Lektüre in früheren Jahren doch nie sicher werden kann, ob meine angeb-
    liche Neuschöpfung nicht eine Leistung der Kryptomnesie war.

    Empedokles aus Akragas (Girgenti),6) etwa 495 a. Chr. geboren, er-
    scheint als eine der großartigsten und merkwürdigsten Gestalten der griechi-
    schen Kulturgeschichte. Seine vielseitige Persönlichkeit betätigte sich in den

    6)Das Folgende nach Wilhelm Capelle: Die Vorsokratiker, Alfred Kröner, Leipzig,
    1935.

  • S.

    234

    verschiedensten Richtungen; er war Forscher und Denker, Prophet und
    Magier, Politiker, Menschenfreund und naturkundiger Arzt; er soll die Stadt
    Selinunt von der Malaria befreit haben, von seinen Zeitgenossen wurde er
    wie ein Gott verehrt. Sein Geist scheint die schärfsten Gegensätze in sich
    vereinigt zu haben; exakt und nüchtern in seinen physikalischen und physio-
    logischen Forschungen, scheut er doch vor dunkler Mystik nicht zurück,
    baut kosmische Spekulation auf von erstaunlich phantastischer Kühnheit.
    Capelle vergleicht ihn dem Dr. Faust, „dem gar manch Geheimnis wurde
    kund“. Zu einer Zeit entstanden, da das Reich des Wissens noch nicht in
    so viele Provinzen zerfiel, müssen manche seiner Lehren uns primitiv an-
    muten. Er erklärte die Verschiedenheiten der Dinge durch Mischungen der
    vier Elemente, Erde, Wasser, Feuer und Luft, glaubte an die Allbelebtheit
    der Natur und an die Seelenwanderung, aber auch so moderne Ideen wie die
    stufenweise Entwicklung der Lebewesen, das Überbleiben des Tauglichsten
    und die Anerkennung der Rolle des Zufalls (τύχη) bei dieser Entwicklung
    gehen in sein Lehrgebäude ein.

    Unser Interesse gebührt aber jener Lehre des Empedokles, die der psycho-
    analytischen Triebtheorie so nahe kommt, daß man versucht wird zu be-
    haupten, die beiden wären identisch, bestünde nicht der Unterschied, daß
    die des Griechen eine kosmische Phantasie ist, während unsere sich mit dem
    Anspruch auf biologische Geltung bescheidet. Der Umstand freilich, daß
    Empedokles dem Weltall dieselbe Beseelung zuspricht wie dem ein-
    zelnen Lebewesen, entzieht dieser Differenz ein großes Stück ihrer Bedeu-
    tung.

    Der Philosoph lehrt also, daß es zwei Prinzipien des Geschehens im welt-
    lichen wie im seelischen Leben gibt, die in ewigem Kampf mit einander liegen.
    Er nennt sie φιλία – Liebe – und νεῖκος – Streit. Die eine dieser
    Mächte, die für ihn im Grunde „triebhaft wirkende Naturkräfte, durchaus
    keine zweckbewußten Intelligenzen“7) sind, strebt darnach, die Urteilchen der
    vier Elemente zu einer Einheit zusammenzuballen, die andere im Gegenteile
    will all diese Mischungen rückgängig machen und die Urteilchen der Ele-
    mente von einander sondern. Den Weltprozeß denkt er sich als fortgesetzte,
    niemals aufhörende Abwechslung von Perioden, in denen die eine oder die
    andere der beiden Grundkräfte den Sieg davonträgt, so daß einmal die Liebe,
    das nächstemal der Streit seine Absicht voll durchsetzt und die Welt be-
    herrscht, worauf der andere, unterlegene, Teil einsetzt und nun seinerseits
    den Partner niederringt.

    7)l. c., S. 186.

  • S.

    235

    Die beiden Grundprinzipien des Empedokles – φιλία und νεῖκος –
    sind dem Namen wie der Funktion nach das Gleiche wie unsere beiden Ur-
    triebe Eros und Destruktion, der eine bemüht, das Vorhandene zu
    immer größeren Einheiten zusammenzufassen, der andere, diese Vereini-
    gungen aufzulösen und die durch sie entstandenen Gebilde zu zerstören. Wir
    werden uns aber auch nicht verwundern, daß diese Theorie in manchen
    Zügen verändert ist, wenn sie nach zweiundeinhalb Jahrtausenden wieder
    auftaucht. Von der Einschränkung auf das Biopsychische abgesehen, die uns
    auferlegt ist, unsere Grundstoffe sind nicht mehr die vier Elemente des
    Empedokles, das Leben hat sich für uns scharf vom Unbelebten geson-
    dert, wir denken nicht mehr an Vermengung und Trennung von Stoffteilchen,
    sondern an Verlötung und Entmischung von Triebkomponenten. Auch
    haben wir das Prinzip des „Streites“ gewissermaßen biologisch unterbaut,
    indem wir unseren Destruktionstrieb auf den Todestrieb zurückführten, den
    Drang des Lebenden, zum Leblosen zurückzukehren. Das will nicht in Ab-
    rede stellen, daß ein analoger Trieb schon vorher bestanden hat, und natür-
    lich nicht behaupten, daß ein solcher Trieb erst mit dem Erscheinen des
    Lebens entstanden ist. Und niemand kann vorhersehen, in welcher Einklei-
    dung der Wahrheitskern in der Lehre des Empedokles sich späterer Ein-
    sicht zeigen wird.

    VII.

    Ein inhaltreicher Vortrag, den S. Ferenczi 1927 gehalten, „Das Pro-
    blem der Beendigung der Analysen“,8) schließt mit der tröstlichen Versiche-
    rung, „daß die Analyse kein endloser Prozeß ist, sondern bei entsprechender
    Sachkenntnis und Geduld des Analytikers zu einem natürlichen Abschluß
    gebracht werden kann“. Ich meine, im ganzen kommt dieser Aufsatz doch
    einer Mahnung gleich, sich nicht die Abkürzung, sondern die Vertiefung
    der Analyse zum Ziel zu setzen. Ferenczi fügt noch die wertvolle Be-
    merkung an, es sei so sehr entscheidend für den Erfolg, daß der Analytiker
    aus seinen eigenen „Irrungen und Irrtümern“ genügend gelernt und die
    „schwachen Punkte der eigenen Persönlichkeit“ in seine Gewalt bekommen
    habe. Das ergibt eine wichtige Ergänzung zu unserem Thema. Nicht nur die
    Ichbeschaffenheit des Patienten, auch die Eigenart des Analytikers fordert
    ihre Stelle unter den Momenten, die die Aussichten der analytischen Kur
    beeinflussen und dieselbe nach Art der Widerstände erschweren.

    Es ist unbestreitbar, daß die Analytiker in ihrer eigenen Persönlichkeit
    nicht durchwegs das Maß von psychischer Normalität erreicht haben, zu

    8)Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIV, 1928.