• S.

    628 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.

    vorganges mit der kastrierten Mutter identifizierte und sich
    nun gegen dieses Ergebnis stråubte. In hoffentlich zutreffen-
    der Übersetzung: Wenn du vom Vater befriedigt werden willst,
    mußt du dir wie die Mutter die Kastration gefallen lassen;
    das will ich aber nicht. Also ein deutlicher Protest der
    Männlichkeit! Machen wir uns übrigens klar, daß die Sexual-
    entwicklung des Falles, den wir hier verfolgen, fiir unsere
    Forschung den großen Nachteil hat, daß sie keine ungestôrte
    ist. Sie wird zuerst durch die Verführung entscheidend be-
    einfluBt und nun durch die Szene der Koitusbeobachtung
    abgelenkt, die nachträglich wie eine zweite Verführung
    wirkt,

    V. EINIGE DISKUSSIONEN.

    Eisbär und Walfisch, hat man gesagt, können nicht mit-
    einander Krieg führen, weil sie, ein jeder auf sein Element
    beschränkt, nicht zueinander kommen. Ebenso unmöglich wird
    es mir, mit Arbeitern auf dem Gebiet der Psychologie oder
    der Neurotik zu diskutieren, die die Voraussetzungen der
    Psychoanalyse nicht anerkennen und ihre Ergebnisse für
    Artefakte halten. Daneben hat sich aber in den letzten Jah-
    ren eine Opposition von Anderen entwickelt, die, nach ihrem
    eigenen Vermeinen wenigstens, auf dem Boden der Analyse
    stehen, die Technik und Resultate derselben nicht bestreiten
    und sich nur für berechtigt halten, aus dem nämlichen Ma-
    terial andere Folgerungen abzuleiten und es anderen Auf-
    fassungen zu unterziehen.

    Theoretischer Widerspruch ist aber zumeist unfruchtbar.
    Sowie man begonnen hat, sich von dem Material, aus dem
    man schöpfen soll, zu entfernen, läuft man Gefahr, sich an
    seinen Behauptungen zu berauschen und endlich Meinungen

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 629

    zu vertreten, denen jede Beobachtung widersprochen hätte, Es
    scheint mir darum ungleich zweckmäßiger, abweichende Auf-
    fassungen dadurch zu bekämpfen, daß man sie an einzelnen
    Fällen und Problemen erprobt,

    Ich habe oben (S. 616) ausgeführt, es werde gewiß für
    unwahrscheinlich gehalten werden, „daß ein Kind in dem
    zarten Alter von 11/, Jahren im stande sein sollte, die Wahr-
    nehmungen eines so komplizierten Vorganges in sich aufzu-
    nehmen und sie so getreu in seinem Unbewußten zu bewahren,
    zweitens, daß eine nachträglich zum Verständnis vordringende
    Bearbeitung dieses Materials zu vier Jahren möglich ist, und
    endlich, daß es durch irgend ein Verfahren gelingen sollte, die
    Einzelheiten einer solchen Szene, unter solchen Umständen
    erlebt und verstanden, in zusammenhängender und iiber-
    zeugender Weise bewußt zu machen“,

    Die letzte Frage ist eine rein faktische. Wer sich die
    Mühe nimmt, die Analyse mittels der vorgezeichneten Tech-
    nik in solche Tiefen zu treiben, wird sich überzeugen, daß
    es sehr wohl möglich ist; wer es unterläßt und in irgend
    einer höheren Schicht die Analyse unterbricht, hat sich des
    Urteils darüber begeben. Aber die Auffassung des von der
    Tiefenanalyse Erreichten ist damit nicht entschieden.

    Die beiden anderen Bedenken stützen sich auf eine Gering-
    schätzung der frithinfantilen Eindrücke, denen so nachhaltige
    Wirkungen nicht zugetraut werden. Sie wollen die Verursachung
    der Neurosen fast ausschließlich in den ernsthaften Konflik-
    ten des späteren Lebens suchen, und nehmen an, die Be-
    deutsamkeit der Kindheit werde uns in der Analyse nur durch
    die Neigung der Neurotiker vorgespiegelt, ihre gegenwärtigen
    Interessen in Reminiszenzen und Symbolen der frithen Ver-
    gangenheit auszudrücken, Mit solcher Einschätzung des in-

  • S.

    630 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.

    fantilen Moments fiele manches weg, was zu den intimsten
    Eigentimlichkeiten der Analyse gehört hat, freilich auch
    vieles, was ihr Widerstände schafft und das Zutrauen der
    AuBenstehenden entfremdet.

    Wir stellen also zur Diskussion die Auffassung ein, solche
    frithinfantile Szenen, wie sie eine erschópfende Analyse der
    Neurosen, z. B. unseres Falles liefert, seien nicht Reproduk-
    tionen realer Begebenheiten, denen man Einfluß auf die Ge-
    staltung des späteren Lebens und auf die Symptombildung
    zuschreiben diirfe, sondern Phantasiebildungen, die der Zeit
    der Reife ihre Anregung entnehmen, zur gewissermalien sym-
    bolischen Vertretung realer Wünsche und Interessen be-
    stimmt sind, und die einer regressiven Tendenz, einer Ab-
    wendung von den Aufgaben der Gegenwart ihre Entstehung
    verdanken, Wenn dem so ist, dann kann man sich natürlich
    alle die befremdenden Zumutungen an das Seelenleben und
    die intellektuelle Leistung von Kindern im unmündigsten
    Alter ersparen,

    Dieser Auffassung kommt außer dem uns allen gemein-
    samen Wunsch nach Rationalisierung und Vereinfachung der
    schwierigen Aufgabe mancherlei Tatsächliches entgegen. Auch
    kann man im vorhinein ein Bedenken aus dem Wege räu-
    men, welches sich gerade beim praktischen Analytiker er-
    heben könnte, Man muß zugestehen, wenn die besprochene
    Auffassung dieser infantilen Szenen die richtige ist, dann
    wird an der Ausübung der Analyse zunächst nichts geändert.
    Hat der Neurotiker einmal die üble Eigentümlichkeit, sein
    Interesse von der Gegenwart abzuwenden und es an solche
    regressive Ersatzbildungen seiner Phantasie zu heften, so
    kann man gar nichts anderes tun, als ihm auf seinen Wegen
    zu folgen und ihm diese unbewußten Produktionen zum Be-

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 631

    wuftsein zu bringen, denn sie sind, von ihrem realen Unwert
    ganz abzusehen, fir uns höchst wertvoll als die derzeitigen
    Träger und Besitzer des Interesses, welches wir frei machen
    wollen, um es auf die Aufgaben der Gegenwart zu lenken.
    Die Analyse müßte genau ebenso verlaufen wie jene, die im
    naiven Zutrauen solche Phantasien fiir wahr nimmt, Erst am
    Ende der Analyse, nach der Aufdeckung dieser Phantasien,
    käme der Unterschied, Man würde dann dem Kranken sagen:
    „Nun gut; Ihre Neurose ist so verlaufen, als ob Sie in Ihren
    Kinderjahren solche Eindriicke empfangen und fortgesponnen
    hätten. Sie sehen wohl ein, daß dies nicht möglich ist. Es
    waren Produkte Ihrer Phantasietåtigkeit zur Ablenkung von
    realen Aufgaben, die Ihnen bevorstanden. Nun lassen Sie uns
    nachforschen, welches diese Aufgaben waren, und welche Ver-
    bindungswege zwischen diesen und Ihren Phantasien bestan-
    den haben.” Ein zweiter, dem realen Leben zugewendeter Ab-
    schnitt der Behandlung würde nach dieser Erledigung der
    infantilen Phantasien einsetzen können.

    Eine Abkürzung dieses Weges, also eine Abänderung der
    bisher geübten psychoanalytischen Kur, wäre technisch un-
    zulässig. Wenn man dem Kranken diese Phantasien nicht in
    ihrem vollen Umfange bewußt macht, kann man ihm die
    Verfügung über das an sie gebundene Interesse nicht geben.
    Wenn man ihn von ihnen ablenkt, sobald man ihre Existenz
    und allgemeine Umrisse ahnt, unterstützt man nur das Werk
    der Verdrängung, durch das sie fiir alle Bemühungen des Kran-
    ken unantastbar geworden sind. Wenn man sie ihm früh-
    zeitig entwertet, etwa indem man ihm eröffnet, es werde sich
    nur um Phantasien handeln, die ja keine reale Bedeutung
    haben, wird man nie seine Mitwirkung bereit finden, um sie
    dem Bewußtsein zuzuführen, Die analytische Technik dürfte

  • S.

    632 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.

    also bei korrektem Vorgehen keine Änderung erfahren, wie
    immer man diese Infantilszenen einschätzt.

    Ich habe erwähnt, daß die Auffassung dieser Szenen als
    regressiver Phantasien, manche tatsächliche Momente zu ihrer
    Unterstützung anrufen kann, Vor allem das eine: Diese In-
    fantilszenen werden in der Kur — soweit meine Erfahrung
    bis jetzt reicht — nicht als Erinnerungen reproduziert, sie sind
    Ergebnisse der Konstruktion. Gewiß wird manchem der Streit
    schon durch dieses eine Zugeständnis entschieden scheinen.

    Ich möchte nicht mißverstanden werden. Jeder Analytiker
    weiß und hat es ungezählte Male erfahren, daß in einer ge-
    lungenen Kur der Patient eine ganze Anzahl spontaner Er-
    innerungen aus seinen Kinderjahren mitteilt, an deren Auf-
    tauchen — vielleicht erstmaligem Auftauchen — der Arzt sich
    völlig unschuldig fühlt, indem er durch keinerlei Konstruk-
    tionsversuch dem Kranken einen ähnlichen Inhalt nahe gelegt
    hat. Diese vorher unbewußten Erinnerungen müssen nicht
    einmal immer wahr sein; sie können es sein, aber sie sind
    oft gegen die Wahrheit entstellt, mit phantasierten Elementen
    durchsetzt, ganz ähnlich wie die spontan erhalten gebliebenen
    sogenannten Deckerinnerungen. Ich will nur sagen: Szenen,
    wie die bei meinem Patienten, aus so früher Zeit und mit
    solchem Inhalt, die dann eine so außerordentliche Bedeutung
    für die Geschichte des Falles beanspruchen, werden in der
    Regel nicht als Erinnerungen reproduziert, sondern müssen
    schrittweise und mühselig aus einer Summe von Andeutungen
    erraten — konstruiert — werden. Es reicht auch für das
    Argument hin, wenn ich zugebe, daß solche Szenen bei den
    Fällen von Zwangsneurose nicht als Erinnerung bewußt wer-
    den, oder wenn ich die Angabe auf den einen Fall, den wir
    hier studieren, beschrānke. |

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 633

    Ich bin nun nicht der Meinung, daB diese Szenen not-
    wendigerweise Phantasien sein müßten, weil sie nicht als Er-
    innerungen wiederkommen. Es scheint mir durchaus der Er-
    innerung gleichwertig, daß sie sich — wie in unserem Falle
    — durch Träume ersetzen, deren Analyse regelmäßig zu der-
    selben Szene zurückführt, die in unermüdlicher Umarbeitung
    jedes Stiick ihres Inhalts reproduzieren. Tråumen ist ja auch
    ein Erinnern, wenn auch unter den Bedingungen der Nacht-
    zeit und der Traumbildung. Durch diese Wiederkehr in Tråu-
    men erklåre ich mir, daB sich bei den Patienten selbst all-
    mählich eine sichere Überzeugung von der Realität dieser Ur-
    szenen bildet, eine Uberzeugung, die der auf Erinnerung ge-
    gründeten in nichts nachsteht.*)

    Dic Gegner brauchen freilich den Kampf gegen diese Ar-
    gumente nicht als aussichtslos aufzugeben. Träume sind be-
    kanntlich lenkbar.**) Und die Überzeugung des Analysierten
    kann ein Erfolg der Suggestion sein, fiir die immer noch eine
    Rolle im Kråftespiel der analytischen Behandlung gesucht
    wird. Der Psychotherapeut alten Schlages würde seinem Pa-
    tienten suggerieren, daß er gesund ist, seine Hemmungen über-
    'wunden hat u. del. Der Psychoanalytiker aber, daß er als
    Kind dies oder jenes Erlebnis gehabt hat, das er jetzt er-
    innern miisse, um gesund zu werden. Das wåre der Unterschied

    zwischen beiden.
    *) Wie frühzeitig ich mich mit diesem Problem beschäftigt habe,
    mag einc Stelle aus der ersten Auflage meiner Traumdeutung 1900 be-
    weisen, Dort heißt es S. 126 zur Analyse der in einem Traum 'vor-
    kommenden Rede: Das ist nicht mehrzu haben, diese Rede stammt
    von mir selbst; ich hatte ihr einige Tage vorher erklärt, „daß die ältesten
    Kindererlebnisse nicht mehr als solche zu ha ben sind, sondern durch
    „Übertragungen“ und Träume in der Analyse ersetzt werden“,
    **) Der Mechanismus des Traumes kann nicht beeinflußt werden, aber
    das Traummaterial 1306 sich partiell kommandieren.

  • S.

    634 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE, IV.

    Machen wir uns klar, daB dieser letzte Erklårungsversuch
    der Gegner auf eine weit griindlichere Erledigung der Infan-
    tilsøenen hinauslåuft, als anfangs angekiindigt wurde. Sie
    sollten nicht Wirklichkeiten sein, sondern Phantasien. Nun
    wird es offenbar: nicht Phantasien des Kranken, sondern des
    Analytikers selbst, die er aus irgend welchen persénlichen
    Komplexen dem Analysierten aufdrångt. Der Analytiker frei-
    lich, der diesen Vorwurf hørt, wird sich zu seiner Beruhigung
    vorfithren, wie allmåhlich die Konstruktion dieser angeblich
    von ihm eingegebenen Phantasie zu stande gekommen ist, wie
    unabhångig sich doch deren Ausgestaltung in vielen Punkten
    von der årztlichen Anregung benommen hat, wie von einer
    gewissen Phase der Behandlung an alles auf sie hin zu kon-
    vergieren schien, und wie nun in der Synthese die ver-
    schiedensten merkwürdigen Erfolge von ihr ausstrahlen, wie
    die grofen und die kleinsten Probleme und Sonderbarkeiten
    der Krankengeschichte ihre Lösung in der einen Annahme
    fånden, und wird geltend machen, daB er sich nicht den
    Scharfsinn zutraut, eine Begebenheit auszuhecken, welche alle
    diese Ansprüche in einem erfüllen kann, Aber auch dieses
    Plaidoyer wird nicht auf den anderen Teil wirken, der die
    Analyse nicht selbst erlebt hat. Raffinierte Selbsttåuschung
    — wird es von der einen Seite lauten, Stumpfheit der Be-
    urteilung — von der anderen ; eine Entscheidung wird nicht
    zu fållen sein. ⑧

    Wenden wir uns zu einem anderen Moment, welches die
    gegnerische Auffassung der konstruierten Infantilszenen unter-
    stützt. Es ist folgendes: Alle die Prozesse, welche zur Auf-
    klärung dieser fraglichen Bildungen als Phantasien heran-
    gezogen worden sind, bestehen wirklich und sind als be-
    deutungsvoll anzuerkennen. Die Abwendung des Interesses

  • S.

    XXXI. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 635

    von den Aufgaben des realen Lebens,*) die Existenz von Phan-
    tasien als Ersatzbildungen für die unterlassenen Aktionen,
    die regressive Tendenz, die sich in diesen Schôpfungen aus-
    spricht — regressiv in mehr als einem Sinne, insofern gleich-
    zeitig ein Zuriickweichen vor dem Leben und ein Zuriick-
    greifen auf die Vergangenheit eintritt —, all das trifft zu
    und Jäßt sich regelmäßig durch die Analyse bestätigen, Man
    sollte meinen, es würde auch hinreichen, die in Rede stehen-
    den angeblichen frithinfantilen Reminiszenzen aufzuklären, und

    diese Erklärung hätte nach den ökonomischen Prinzipien der
    Wissenschaft das Vorrecht vor einer anderen, die ohne neue
    und befremdliche Annahmen nicht ausreichen kann,

    Ich gestatte mir, an dieser Stelle darauf aufmerksam zu
    machen, daB die Widerspriiche in der heutigen psychoanaly-
    tischen. Literatur gewöhnlich nach dem Prinzip des Pars
    pro toto angefertigt werden. Man greift aus einem hoch
    zusammengesetzten Ensemble einen Anteil der wirksamen
    Faktoren heraus, proklamiert diesen als die Wahrheit und
    widerspricht nun zu dessen Gunsten dem anderen Anteil und
    dem Ganzen. Sieht man etwa nåher zu, welcher Gruppe dieser
    Vorzug zugefallen ist, so findet man, es ist die, welche das
    bereits anderswoher Bekannte enthålt oder sich am ehesten
    ihm anschlieBt. So bei Jung die Aktualitåt und die Regres-
    sion, bei Adler die egoistischen Motive. Zuriickgelassen, als
    Irrtum verworfen, wird aber gerade das, was an der Psycho-
    analyse neu ist und ihr eigentümlich zukommt. Auf diesem
    Wege lassen sich die revolutionären Vorstöße der unbequemen
    Psychoanalyse am leichtesten zuriickweisen. i

    Es ist nicht überflüssig hervorzuheben, daß keines der

    *) Ich ziehe aus guten Griinden vor zu sagen: Die Abwendung der
    Libido von den aktuellen Konflikten,

  • S.

    636 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.

    Momente, welche die gegnerische Auffassung zum Verstånd-
    nis der Kindheitsszenen heranzieht, von Jung als Neuheit
    gelehrt zu werden brauchte, Der aktuelle Konflikt, die Ab-
    wendung von der Realität, die Ersatzbefriedigung in der Phan-
    tasie, die Regression auf Material der Vergangenheit, dies
    alles hat, und zwar in der nåmlichen Zusammenfiigung, viel-
    leicht mit geringer Abånderung der Terminologie, von jeher
    einen integrierenden Bestandteil meiner eigenen Lehré ge-
    bildet. Es war nicht das Ganze derselben, nur der Anteil
    der Verursachung, der von der Realität her zur Neurosen-
    bildung in regressiver Richtung einwirkt. Ich habe daneben
    noch Raum gelassen für einen zweiten progredienten Ein-
    fluB, der von den Kindheitseindrücken her wirkt, der vom
    Leben zurückweichenden Libido.den Weg weist und die sonst
    unerklürliche Regression auf die Kindheit verstehen läßt. So
    wirken die beiden Momente nach meiner Auffassung bei der
    Symptombildung zusammen, aber ein früheres Zusammen-
    wirken scheint mir ebenso bedeutungsvoll Ich behaupte, daß
    der Kindheitseinfluf sich bereits in der An-
    fangssituation der Neurosenbildung fühlbar
    macht,indem er in entscheidender Weise mitbe-
    stimmt, ob und an welcher Stelle das Indivi-
    duum in der Bewältigung der realen Probleme
    des Lebens versagt.

    Im Streit steht also die Bedeutung des infantilen Mo-
    ments. Die Aufgabe geht dahin, einen Fall zu finden, der
    diese Bedeutung, jedem Zweifel entzogen, erweisen kann. Ein
    solcher ist aber der Krankheitsfall, den wir hier so ausführ-
    lich behandeln, der durch den Charakter ausgezeichnet ist,
    daß der Neurose im späteren Leben eine Neurose in frühen
    Jahren der Kindheit vorhergeht. Gerade darum habe ich ja

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 637

    diesen Fall zur Mitteilung gewählt. Sollte jemand ihn
    etwa darum ablehnen wollen, weil ihm die Tierphobie nicht
    wichtig genug erscheint, um als selbständige Neurose aner-
    kannt zu werden, so will ich ihn darauf verweisen, daß ohne
    Intervall an diese Phobie ein Zwangszeremoniell, Zwangs-
    handlungen und Gedanken anschließen, von denen in den fol-
    genden Abschnitten dieser Schrift die Rede sein wird.

    Eine neurotische Erkrankung im vierten und fünften Jahr
    der Kindheit beweist vor allem, daß die infantilen Erlebnisse
    für sich allein im stande sind, eine Neurose zu produzieren,
    ohne daß es dazu der Flucht vor ciner im Leben gestellten
    Aufgabe bediirfte. Man wird einwenden, daß auch an das
    Kind unausgesetzt Aufgaben herantreten, denen es sich viel-
    leicht entziehen möchte. Das ist richtig, aber das Leben eines
    Kindes vor der Schulzeit ist leicht zu übersehen, man kann
    ja untersuchen, ob sich eine die Verursachung der Neurose
    bestimmende „Aufgabe“ darin findet. Man entdeckt aber
    nichts anderes als Triebregungen, deren Befriedigung dem
    Kind unmöglich, deren Bewältigung es nicht gewachsen ist,
    und die Quellen, aus denen diese fließen.

    Die enorme Verkürzung des Intervalls zwischen dem
    Ausbruch der Neurose und der Zeit der in Rede stehenden
    Kindheitserlebnisse läßt, wie zu erwarten stand, das regressive
    Stück der Verursachung aufs äußerste einschrumpfen und
    bringt den progredienten Anteil derselben, den Einfluß frü-
    herer Eindrücke unverdeckt zum Vorschein. Von diesem Ver-
    hältnis wird diese Krankengeschichte, wie ich hoffe, ein deut-
    liches Bild geben, Auf die Frage nach der Natur der Ur-
    szenen oder frühesten in der Analyse eruierten Kindheits-
    erlebnisse gibt die Kindheitsneurose noch aus anderen Grün-
    den eine entscheidende Antwort.

  • S.

    638 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.

    Nehmen wir als unwidersprochene Voraussetzung an, daß
    eine solche Urszene technisch richtig entwickelt worden sei,
    daß sie unerläßlich sei zur zusammenfassenden Lösung aller
    Rätsel, welche uns die Symptomatik der Kindheitserkran-
    kung aufgibt, daß alle Wirkungen von ihr ausstrahlen, wie
    alle Faden der Analyse zu ihr hingeführt haben, so ist es
    mit Rücksicht auf ihren Inhalt unmöglich, daß sie etwas an-
    deres sei als die Reproduktion einer vom Kinde erlebten Reali-
    tät. Denn das Kind kann wie auch der Erwachsene Phan-
    tasien nur produzieren mit irgendwo erworbenem Material;
    die Wege dieser Erwerbung sind dem Kinde zum Teil (wie
    die Lektüre) verschlossen, der fiir die Erwerbung zu Gebote
    stehende Zeitraum ist kurz und leicht nach solchen Quellen
    zu durchforschen.

    In unserem Falle enthält die Urszene das Bild des ge-
    schlechtlichen Verkehrs zwischen den Eltern in einer für
    gewisse Beobachtungen besonders günstigen Stellung. Es
    würde nun gar nichts für die Realität dieser Szene beweisen,
    wenn wir sie bei einem Kranken finden, dessen Symptome,
    also die Wirkungen der Szene, irgendwann in seinem späteren
    Leben hervorgetreten wären. Ein solcher kann zu den ver-
    schiedensten Zeitpunkten des langen Intervalls die Eindrücke,
    Vorstellungen und Kenntnisse erworben haben, die er dann in
    ein Phantasiebild verwandelt, in seine Kindheit zurückproji-
    ziert und an seine Eltern heftet. Aber wenn die Wirkungen
    einer solchen Szene im vierten und fünften Lebensjahr her-
    vortreten, so muß das Kind diese Szene in noch früherem
    Alter mitangesehen haben. Dann bleiben aber alle die be-
    fremdenden Folgerungen aufrecht, die sich uns aus der Analyse
    der infantilen Neurose ergeben haben. Es sei denn, es wolle
    jemand annehmen, der Patient habe nicht nur diese Urszene

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 639

    unbewuBt phantasiert, sondern ebenso seine Charakterverån-
    derung, seine Wolfsangst und seinen religiösen Zwang kon-
    fabuliert, welcher Auskunft aber sein sonstiges niichternes
    Wesen und die direkte Tradition in seiner Familie wider-
    sprechen würde. Es muß also dabei bleiben — ich sehe keine
    andere Möglichkeit —, entweder ist die von seiner Kindheits-
    neurose ausgehende Analyse überhaupt ein Wahnwitz, oder
    es ist alles so richtig, wie ich es oben dargestellt habe.

    Wir haben an einer früheren Stelle auch an der Zwei-
    deutigkeit Anstoß genommen, daß des Patienten Vorliebe fiir
    die weiblichen Nates und für den Koitus in derjenigen Stel-
    lung, bei der diese besonders hervortreten, eine Ableitung
    von dem beobachteten Koitus der Eltern zu fordern schien,
    während doch solche Bevorzugung ein allgemeiner Zug der
    zur Zwangsneurose disponierten archaischen Konstitutionen
    ist, Hier bietet sich eine nahe liegende Auskunft, die den
    Widerspruch als Uberdeterminierung løst. Die Person, an
    welcher er diese Position beim Koitus beobachtet, war doch
    sein leiblicher Vater, von dem er diese konstitutionelle Vor-
    liebe auch ererbt haben konnte. Weder die spåtere Krank-
    heit des Vaters noch die Familiengeschichte sprechen da-
    gegen; ein Vatersbruder ist, wie bereits erwåhnt, in einem
    Zustand gestorben, der als Ausgang eines schweren Zwangs-
    leidens aufgefaBt werden muß,

    Wir erinnern uns in diesem Zusammenhange, daB die
    Schwester bei der Verführung des 31/,jåhrigen Knaben gegen
    die brave alte Kinderfrau die sonderbare Verleumdung aus-
    gesprochen, sie stelle alle Leute auf den Kopf und greife
    ihnen dann an die Genitalien.*) Es mußte sich uns da die Idee
    aufdrången, daB vielleicht auch die Schwester in åhnlich zar-
    tem Alter dieselbe Szene E dee wie spáter der Bru-

    *) Vgl. S. 592.

  • S.

    640 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE, IV.

    der und sich daher die Anregung für das Auf-den-Kopf-stel-
    len beim sexuellen Akt geholt håtte. Diese Annahme bråchte
    auch einen Hinweis auf eine Quelle ihrer eigenen sexuellen
    Voreiligkeit.

    [Ich hatte ursprünglich nicht die Absicht, die Diskus-
    sion über den Realwert der ,, Urszenen“ an dieser Stelle weiter
    zu führen, aber da ich unterdes veranlaBt worden bin, dieses
    Thema in meinen „Vorlesungen zur Einführung in die Psycho-
    analyse" in breiterem Zusammenhange und nicht mehr in pole-
    mischer Absicht zu behandeln, so wire es irrefiihrend, wollte
    ich die Anwendung der dort bestimmenden Gesichtspunkte
    auf den uns hier vorliegenden Fall unterlassen. Ich setze also
    ergånzend und berichtigend fort: Es ist doch noch eine an-
    dere Auffassung der dem Traume zu Grunde liegenden Ur-
    szene moglich, welche die vorhin getroffene Entscheidung um
    ein gutes Stiick ablenkt und uns mancher Schwierigkeiten
    überhebt. Die Lehre, welche die Infantilszenen zu regres-
    siven Symbolen herabdriicken will, wird zwar auch bei dieser
    Modifikation nichts gewinnen; sie scheint mir iiberhaupt
    durch diese — wie durch jede andere — Analyse einer Kinder-
    neurose endgiiltig erledigt.

    Ich meine nåmlich, man kann sich den Sachverhalt auch
    in folgender Art zurechtlegen. Auf die Annahme, daB das
    Kind einen Koitus beobachtet, durch dessen Anblick es die
    Überzeugung gewonnen, daß die Kastration mehr sein könne
    als eine leere Drohung, können wir nicht verzichten; auch
    1äßt uns die Bedeutung, welche späterhin den Stellungen von
    Mann und Weib für die Angstentwicklung und als Liebes-
    bedingung zukommt, keine andere Wahl, als zu schließen, es
    müsse ein Coitus a tergo, more ferrarum gewesen sein, Aber
    ein anderes Moment ist nicht so unersetzlich und mag. fallen

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 641

    gelassen werden. Es war vielleicht nicht ein Koitus der El-
    tern, sondern ein Tierkoitus, den das Kind beobachtet und
    dann auf die Eltern geschoben, als ob es erschlossen håtte,
    die Eltern machten es auch nicht anders.

    Dieser Auffassung kommt vor allem zu gute, daß die
    Wölfe des Traumes ja eigentlich Schåferhunde sind und auch
    in der Zeichnung als solche erscheinen. Kurz vor dem Traum
    war der Knabe wiederholt zu den Schafherden mitgenommen
    worden, wo er solche große weiße Hunde sehen und sie wahr-
    scheinlich auch beim Koitus beobachten konnte. Ich móchte
    auch die Dreizahl, die der Tráumer ohne jede weitere Moti-
    vierung hinstellte, hieher beziehen und annehmen, es sei ihm
    im Gedächtnis geblieben, daß er drei solcher Beobachtungen
    an den Scháferhunden gemacht. Was in der erwartungsvollen
    Erregtheit seiner Traumnacht hinzukam, war dann die Über-
    tragung des kürzlich gewonnenen Erinnerungsbildes mit
    allen seinen Einzelheiten auf die Eltern, wodurch aber erst
    jene máchtigen Affektwirkungen ermóglicht wurden. Es gab
    jetzt ein nachtrågliches Verständnis jener vielleicht vor we-
    nigen Wochen oder Monaten empfangenen Eindrücke, ein Vor-
    gang, wie ihn vielleicht jeder von uns an sich selbst erlebt
    haben mag. Die Übertragung von den koitierenden Hunden
    auf die Eltern vollzog sich nun nicht mittels eines an Worte
    gebundenen Schlufverfahrens, sondern indem eine reale Szene
    vom Beisammensein der Eltern in der Erinnerung aufgesucht
    wurde, welche sich mit der Koitussituation verschmelzen lief.
    Alle in der Traumanalyse behaupteten Details der Szene moch-
    ten genau reproduziert sein. Es war wirklich an einem
    Sommernachmittag, wilirend das Kind an Malaria litt, die
    Eltern waren in weißer Kleidung beide anwesend, als das
    Kind aus seinem Schlaf erwachte, aber — die Szene war

    Freud, Neurosenlehre. IV. i 4

  • S.

    642 SOHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.

    harmlos, Das Übrige hatte der spätere Wunsch des WiB-
    begierigen, auch die Eltern bei ihrem Liebesverkéhr zu be-
    lauschen, auf Grund seiner Erfahrungen an den Hunden hin-
    zugefügt, und nun entfaltete die so phantasierte Szene alle
    die Wirkungen, die wir ihr nachgesagt haben, die nåmlichen,
    als ob sie durchaus real gewesen und nicht aus zwei Bestand-
    teilen, einem früheren indifferenten und einem späteren, höchst
    eindrucksvollen, zusammengekleistert worden wire.

    Es ist sofort ersichtlich, um wieviel das Maß der uns
    zugemuteten Glaubensleistung erleichtert wird. Wir brauchen
    nicht mehr anzunehmen, daß die Eltern den Koitus in Gegen-
    wart des, wenn auch sehr jugendlichen, Kindes vollzogen ha-
    ben, was für viele von uns eine unliebsame Vorstellung ist.
    Der Betrag der Nachtrüglichkeit wird sehr herabgesetzt; sie
    bezieht sich jetzt nur auf einige Monate des vierten Lebens-
    jahres und greift überhaupt nicht in die dunkeln ersten Kind-
    heitsjahre zurück. An dem Verhalten des Kindes, welches von
    den Hunden auf die Eltern übertrágt und sich vor dem Wolf
    anstatt vor dem Vater fürchtet, bleibt kaum etwas Befremd-
    liches. Es befindet sich ja in der Entwicklungsphase seiner
    Weltanschauung, die in „Totem und Tabu“ als die Wieder-
    kehr des Totemismus gekennzeichnet worden ist. Die Lehre,
    welche die Urszenen der Neurosen durch Zurückphantasieren
    aus späteren Zeiten aufklären will, scheint in unserer Beob-
    achtung trotz des zarten Alters von vier Jahren bei unserem
    Neurotiker eine starke Unterstützung zu finden. So jung er
    ist, so hat er es doch zu stande gebracht, einen Eindruck
    aus dem vierten Jahr durch ein phantasiertes Trauma mit
    11/, Jahren zu ersetzen; diese Regression erscheint aber weder
    råtselhaft noch tendenziós. Die Szene, die herzustellen war,
    mußte gewisse Bedingungen erfüllen, welche infolge der Le-

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 643

    bensumstånde des Tråumers gerade nur in dieser friihen Zeit
    zu finden waren, wie z. B. die eine, daß er sich im Schlaf-
    zimmer der Eltern im Bette befand.

    Fiir die Richtigkeit der hier vorgeschlagenen Auffassung
    wird es aber den meisten Lesern geradezu entscheidend
    scheinen, was ich aus den analytischen Ergebnissen an an-
    deren Fållen hinzugeben kann. Die Szene einer Beobachtung
    des Sexualverkehrs der Eltern in sehr friiher Kindheit — sei
    sie nun reale Erinnerung oder Phantasie — ist in den Analysen
    neurotischer Menschenkinder wahrlich keine Seltenheit. Viel-
    leicht findet sie sich ebenso häufig bei den nicht neurotisch
    Gewordenen. Vielleicht gehört sie zum regelmäßigen Bestand
    ihres — bewußten oder unbewußten — Erinnerungsschatzes.
    So oft ich aber eine solche Szene durch Analyse entwickeln
    konnte, zeigte sie dieselbe Eigentümlichkeit, die uns auch
    bei unserem Patienten stutzig machte, sie bezog sich auf den
    Coitus a tergo, der allein dem Zuschauer die Inspektion der
    Genitalien ermöglicht. Da braucht man wohl nicht länger zu
    bezweifeln, daß es sich nur um eine Phantasie handelt, die
    vielleicht regelmäßig durch die Beobachtung des tierischen
    Sexualverkehrs angeregt wird. Ja noch mehr; ich habe an-
    gedeutet, daß meine Darstellung der ,,Urszene“ unvollstän-
    dig geblieben ist, indem ich mir für später aufsparte mitzu-
    teilen, auf welche Weise das Kind den Verkehr der Eltern
    stört. Ich muß jetzt hinzufügen, daß auch die Art dieser
    Störung in allen Fällen die nämliche ist.

    Ich kann mir denken, daß ich mich jetzt schweren Ver-
    dåchtigungen von Seiten der Leser dieser Krankengeschichte
    ausgesetzt habe. Wenn mir diese Argumente zu Gunsten einer
    solchen Auffassung der „Urszene“ zu Gebote standen, wie
    könnte ich es überhaupt verantworten, zuerst eine so absurd

    41%

  • S.

    644 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE, IV.

    erscheinende andere zu vertreten? Oder sollte ich im Inter-
    vall zwischen der ersten Niederschrift der Krankengeschichte
    und diesem Zusatz jene neuen Erfahrungen gemacht haben,
    die mich zur Abänderung meiner anfänglichen Auffassung
    genötigt haben, und wollte dies aus irgend welchen Motiven
    nicht eingestehen ① Ich gestehe dafür etwas anderes éin: daß ich
    die Absicht habe, die Diskussion über den Realwert der Urszene
    diesmal mit einem non liquet zu beschließen. Diese Kranken-
    geschichte ist noch nicht zu Ende; in ihrem weiteren Ver-
    lauf wird ein Moment auftauchen, welches die Sicherheit stort,
    deren wir uns jetzt zu erfreuen glauben. Dann wird wohl nichts
    anderes übrig bleiben als der Verweis auf die Stellen in meinen
    „Vorlesungen“, in denen ich das Problem der Urphantasien
    oder Urszenen behandelt habe.] ⑤ AE

    VI. DIE ZWANGSNEUROSE.

    Zum drittenmal erfuhr er nun eine Beeinflussung, die
    seine Entwicklung in entscheidender Weise abånderte. Als
    er 41/, Jahre alt war und sein Zustand von Reizbarkeit und
    Angstlichkeit sich noch immer nicht gebessert hatte, entschloB
    sich die Mutter, ihn mit der biblischen Geschichte bekannt
    zu machen, in der Hoffnung, ihn so abzulenken und zu er-
    heben, Es gelang ihr auch; die Einführung der Religion machte
    der bisherigen Phase ein Ende, brachte aber eine Ablösung
    der Angstsymptome durch Zwangssymptome mit sich. Er hatte
    bisher nicht leicht einschlafen können, weil er fürchtete, åhn-
    Tich schlechte Dinge zu träumen wie in jener Nacht vor Weih-
    nachten; es mußte jetzt vor dem Zubettgehen alle Heiligen-
    bilder im Zimmer küssen, Gebete hersagen und ungezåhlte
    Kreuze über seine Person und sein Lager schlagen.