• S.

    696 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.

    IX. ZUSAMMENFASSUNGEN UND PROBLEME.

    Ich weiß micht, ob es dem Leser des vorstehenden
    Analysenberichtes gelungen ist, sich ein deutliches Bild von
    der Entstehung und Entwicklung des Krankseins bei meinem
    Patienten zu machen, Vielmehr ich fürchte, es ist nicht der
    Fall gewesen. Aber, so wenig ich sonst für die Kunst mei-
    ner Darstellung Partei genommen habe, diesmal möchte ich
    doch auf mildernde Umstände plaidieren. Es ist eine Auf-
    gabe gewesen, die noch niemals zuvor in Angriff genommen
    wurde, in die Beschreibung so frühe Phasen und so tiefe
    Schichten des Seelenlebens einzuführen, und es ist ‘besser,
    man löst sie schlecht, als man ergreift vor ihr die Flucht,
    was ja überdies mit gewissen Gefahren für den Verzagten
    verbunden sein soll. Man zeigt also lieber kühnlich, daß man
    sich durch das Bewußtsein seiner Minderwertigkeiten nicht
    hat abhalten lassen,

    Der Fall selbst war nicht besonders günstig. Was den
    Reichtum der Auskünfte über die Kindheit ermöglichte, daß
    man das Kind durch das Medium des Erwachsenen studieren
    konnte, mußte mit den ärgsten Zerstücklungen der Analyse
    und den entsprechenden Unvollständigkeiten in der Darstel-
    lung erkauft werden, Persönliche Eigentümlichkeiten, ein dem
    unserigen fremder Nationalcharakter, machten die Einfühlung
    mühsam. Der Abstand zwischen der liebenswürdig entgegen-
    kommenden Persönlichkeit des Kranken, seiner scharfen In-
    telligenz, vornehmen Denkungsart und seinem völlig unge-
    bändigtem Triebleben machte eine überlange Vorbereitungs-
    und Erziehungsarbeit notwendig, durch welche die Übersicht
    erschwert wurde, An dem Charakter des Falles, welcher der
    Beschreibung die härtesten Aufgaben stellte, ist der Patient
    selbst aber völlig unschuldig. Wir haben es in der Psycho-

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 697

    logie des Erwachsenen glücklich dahin gebracht, die seelischen
    Vorgänge in bewußte und unbewußte zu scheiden und beide
    in klaren Worten zu beschreiben. Vom Kinde läßt diese Unter-
    scheidung uns beinahe im Stiche. Man ist oft in Verlegen-
    heit anzugeben, was man als bewußt und was man als unbe-
    wußt bezeichnen möchte. Vorgänge, die die herrschenden ge-
    worden sind, und die nach ihrem späteren Verhalten den be-
    wußten gleichgestellt werden müssen, sind beim Kinde den-
    noch micht bewußt gewesen. Man kann leicht verstehen,
    warum; das Bewußte hat beim Kinde noch nicht alle seine
    Charaktere gewonnen, es ist noch in der Entwicklung be-
    griffen und besitzt nicht recht die Fähigkeit, sich in Sprach-
    vorstellungen umzusetzen. Die Verwechslung, deren wir uns
    sonst regelmäßig schuldig machen, zwischen dem Phänomen,
    als Wahrnehmung im Bewußtsein aufzutreten, und der Zu-
    gehörigkeit zu einem angenommenen psychischen System, das
    wir irgendwie konventionell benennen sollten, das wir aber
    gleichfalls Bewußtsein (System Bw) heißen, diese Ver-
    wechslung ist harmlos bei der psychologischen Beschreibung
    des Erwachsenen, aber irreführend für die des kleinen Kin-
    des. Auch die Einführung des „Vorbewußten“ nützt hier nicht
    viel, denn das Vorbewußte des Kindes braucht sich mit dem
    des Erwachsenen ebensowenig zu decken. Man begnügt sich
    also damit, die Dunkelheit klar erkannt zu haben,

    Es ist selbstverständlich, daß ein Fall wie der hier be-
    schriebene Anlaß geben könnte, alle Ergebnisse und Pro-
    bleme der Psychoanalyse in Diskussion zu ziehen. Es wäre
    eine unendliche und eine ungerechtfertigte Arbeit. Man muß
    sich sagen, daß man aus einem einzigen Fall nicht alles er-
    fahren, an ihm nicht alles entscheiden kann, und sich darum
    begnügen, ihn für das zu verwerten, was er am deutlichsten

  • S.

    698 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.

    zeigt. Die Erklårungsaufgabe in der Psychoanalyse ist über-
    haupt enge begrenzt. Zu erklären sind die auffälligen Sym-
    ptombildungen durch Aufdeckung ihrer Genese; die psy-
    chischen Mechanismen und Triebvorgänge, zu denen man so
    geführt wird, sind nicht zu erklären, sondern zu beschreiben.
    Um aus den Feststellungen über diese beiden letzteren Punkte
    neue Allgemeinheiten zu gewinnen, sind zahlreiche solche gut
    und tief analysierte Fälle erforderlich. Sie sind nicht leicht
    zu haben, jeder einzelne verbraucht jahrelange Arbeit. Der
    Fortschritt in diesen Gebieten kann sich also nur langsam
    vollziehen. Die Versuchung liegt freilich sehr nahe, sich damit
    zu begnügen, daß man bei einer Anzahl von Personen die
    psychische Oberfläche „ankratzt“, und das Unterlassene dann
    durch Spekulationen ersetzt, die man unter die Patronanz
    irgend einer philosophischen Richtung stellt. Man kann auch
    praktische Bedürfnisse zu Gunsten dieses Verfahrens geltend
    machen, aber die Bedürfnisse der Wissenschaft lassen sich
    durch kein Surrogat befriedigen.

    Ich will versuchen, eine synthetische Übersicht der
    Sexualentwicklung meines Patienten zu entwerfen, bei der
    ich mit den frühesten Anzeichen beginnen kann. Das erste,
    was wir über ihn hören, ist die Störung der Eßlust, die ich
    nach anderen Erfahrungen, aber doch mit aller Zurückhal-
    tung, als den Erfolg eines Vorgangs auf sexuellem Gebiet
    auffassen will. Als die erste kenntliche Sexualorganisation
    habe ich die sogenannte kannibale oder orale betrachten
    müssen, in welcher die ursprüngliche Anlehnung der Sexual-
    erregung an den Eßtrieb noch die Szene beherrscht. Direkte
    Äußerungen dieser Phase werden nicht zu erwarten sein, wohl
    aber Anzeichen bei eingetretenen Störungen, Die Beeinträch-
    tigung des Eßtricbs — die natürlich sonst auch andere Ur-

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 699

    sachen haben kann — macht uns dann aufmerksam, daß eine
    Bewältigung sexueller Erregung dem Organismus nicht ge-
    Iungen ist, Das Sexualziel dieser Phase könnte nur der Kanni-
    balismus, das Fressen sein; es kommt bei unserem Patienten
    durch Regression von einer höheren Stufe her in der Angst
    zum Vorschein: vom Wolf gefressen zu werden, Diese Angst
    mußten wir uns ja übersetzen: vom Vater koitiert zu werden.
    Es ist bekannt, daß es in weit vorgerückteren Jahren, bei Mäd-
    chen in den Zeiten der Pubertät oder bald nachher, eine
    Neurose gibt, welche die Sexualablehnung durch Anorexie
    ausdrückt; man wird sie in Beziehung zu dieser oralen Phase
    des Sexuallebens bringen dürfen. Auf der Höhe des verlieb-
    ten Paroxysmus („Ich könnte dich fressen vor Liebe“) und im
    zärtlichen. Verkehr mit kleinen Kindern, wobei der Erwach-
    sene sich selbst wie infantil gebärdet, tritt das Liebesziel der
    oralen Organisation wieder auf, Ich habe an anderer Stelle die
    Vermutung ausgesprochen, daß der Vater unseres Patienten
    selbst das „zärtliche Schimpfen“ gehabt, mit dem Kleinen
    Wolf oder Hund gespielt und ihn im Scherz mit dem Auf-
    fressen bedroht hat. (S. 609.) Der Patient hat diese Vermutung
    durch sein auffälliges Benehmen in der Übertragung nur be-
    stätigt. So oft er vor Schwierigkeiten der Kur auf die Über-
    tragung zurückwich, drohte er mit dem Auffressen und später
    mit allen anderen möglichen Mißhandlungen, was alles nur
    Ausdruck von Zärtlichkeit war.

    Der Sprachgebrauch hat gewisse Prägungen dieser oralen
    Sexualphase dauernd angenommen, er spricht von einem
    „appetitlichen“ Liebesobjekt, nennt die Geliebte „süß“. Wir er-
    innern uns, daß unser kleiner Patient auch nur Süßes essen
    wollte. Süßigkeiten, Bonbons vertreten im Traume cene
    Liebkosungen, sexuelle Befriedigungen.

  • S.

    700 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE, IV.

    Es scheint, daß zu dieser Phase auch eine Angst gehört
    (im Falle von Störung natürlich), die als Lebensangst auf-
    tritt und sich an alles heften kann, was dem Kinde als ge-
    eignet bezeichnet wird. Bei unserem Patienten wurde sie dazu
    benützt, um ihn zur Überwindung seiner Eßunlust, ja zur Über-
    kompensation derselben anzuleiten. Auf die mögliche Quelle
    seiner Eßstörung werden wir geleitet, wenn wir — auf dem Bo-
    den jener vielberedeten Annahme — daran erinnern, daß die
    Koitusbeobachtung, von welcher so viele nachträgliche Wir-
    kungen ausgingen, in das Alter von 11/, Jahren sicherlich vor
    der Zeit der Efschwierigkeiten fällt. Vielleicht dürfen wir an-
    nehmen, daf sie die Prozesse der Sexualrcifung beschleunigt
    und so auch direkte, wenn auch unscheinbare ‚Wirkungen ent-
    faltet hat.

    Ich weiß natürlich auch, daß man die Symptomatik dieser
    Periode, die Wolfsangst, die Efstérung anders und einfacher
    erklåren kann, ohne Riicksicht auf die Sexualitåt und eine
    prågenitale Organisationsstufe derselben. Wer die Zeichen der
    Neurotik und den Zusammenhang der Erscheinungen gern ver-
    nachlåssigt, wird diese andere Erklårung vorziehen und ich
    werde ihn daran nicht hindern können, Es ist schwer, über
    diese Anfänge des Sexuallebens anders als auf den ange-
    zeigten Umwegen etwas Zwingendes zu eruieren.

    Die Szene mit der Gruscha (um 21/, Jahre) zeigt uns
    unseren Kleinen zu Beginn einer Entwicklung, welche die
    Anerkennung als normal verdient, vielleicht bis auf ihre Vor-
    zeitigkeit: Identifizierung mit dem Vater, Harnerotik in Ver-
    tretung der Männlichkeit. Sie steht ja auch ganz unter dem
    EinfluB der Urszene. Die Vateridentifizierung haben wir bis-
    her als eine narziBtische aufgefaBt, mit Rücksicht auf den
    Inhalt der Urszene können wir es nicht abweisen, daß sie bereits

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NÉUROSE. 701,

    der Stufe der Genitalorganisation entspricht. Das männliche
    Genitale hat seine Rolle zu spielen begonnen und setzt sie
    unter dem Einfluß der Verführung durch die Schwester fort.

    Man bekommt aber den Eindruck, daß die Verführung
    nicht bloß die Entwicklung fördert, sondern sie noch in
    höherem Grade stört und ablenkt. Sie gibt ein passives Sexual-
    ziel, welches mit der Aktion des männlichen Genitales im

    + Grunde unvertråglich ist. Beim ersten äußeren Hindernis, bei
    der Kastrationsandeutung der Nanja, bricht (mit 33/, Jah-
    ren) die noch zaghafte genitale Organisation zusammen und
    regrediert auf die ihr vorhergehende Stufe der wadistisch-
    analen Organisation, welche vielleicht sonst mit ebenso leich-
    ten Anzeichen wie bei anderen Kindern durchlaufen worden
    wäre,

    Die sadistisch-anale Organisation ist leicht als Fort-
    bildung der oralen zu erkennen. Die gewaltsame Muskel-
    betätigung am Objekt, die sie auszeichnet, findet ihre Stelle
    als vorbereitender Akt für das Fressen, das dann als Sexual-
    ziel ausfällt. Der vorbereitende Akt wird ein selbständiges
    Ziel. Die Neuheit gegen die vorige Stufe besteht wesentlich
    darin, daß das aufnehmende, passive Organ, von der Mund-
    zone abgesondert, an der Analzone ausgebildet wird, Biolo-
    gische Parallelen oder die Auffassung der prägenitalen mensch-
    lichen Orgänisationen als Reste von Einrichtungen, die in
    manchen Tierklassen dauernd festgehalten werden, liegen hier
    sehr nahe. Die Konstituierung des Forschertriebes aus seinen
    Komponenten ist für diese Stufe gleichfalls charakteristisch.

    Die Analerotik macht sich nicht auffällig bemerkbar. Der
    Kot hat unter dem Einfluß des Sadismus seine zärtliche gegen
    seine offensive Bedeutung vertauscht. An der Verwandlung
    des Sadismus in Masochismus ist ein Schuldgefühl mitbe-

  • S.

    702 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE, IV.

    teiligt, welches auf Entwicklungsvorgånge in anderen als den
    sexuellen Sphåren hinweist.

    Die Verführung setzt ihren Einfluß fort, indem sie die
    Passivität des Sexualziels aufrechthält. Sie verwandelt jetzt
    den Sadismus zu einem großen Teil in sein passives Gegen-
    stück, den Masochismus. Es ist fraglich, ob man den Cha-
    rakter der Passivitit ganz auf ihre Rechnung setzen darf,
    denn die Reaktion des 11/,jåhrigen Kindes auf die Koitus-
    beobachtung war bereits vorwiegend eine passive. Die sexuelle
    Miterregung äußerte sich in einer Stuhlentleerung, an der
    allerdings auch ein aktiver Anteil zu unterscheiden ist. Neben
    dem Masochismus, der seine Sexualstrebung beherrscht und
    sich in Phantasien äußert, bleibt auch der Sadismus bestehen
    und betätigt sich gegen kleine Tiere. Seine Sexualforschung
    hat von der Verführung an eingesetzt, wesentlich zwei Pro-
    bleme in Angriff genommen, woher die Kinder kommen, und
    ob ein Verlust des Genitales möglich ist, und verwebt sich
    mit den Äußerungen seiner Triebregungen. Sie lenkt seine
    sadistischen Neigungen auf die kleinen Tiere als Repråsen-
    tanten der kleinen Kinder.

    Wir haben die Schilderung bis in die Nahe des vierten
    Geburtstages geführt, zu welchem Zeitpunkt der Traum die
    Koitusbeobachtung von 11/, Jahren zur nachträglichen Wir-
    kung bringt. Die Vorgänge, die sich nun abspielen, können
    wir weder vollständig erfassen, noch sie hinreichend be-
    schreiben. Die Aktivierung des Bildes, das nun dank der vor-
    geschrittenen intellektuellen Entwicklung verstanden werden
    kann, wirkt wie ein frisches Ereignis, aber auch wie ein neues
    Trauma, ein fremder Eingriff analog der Verführung. Die ab-
    gebrochene genitale Organisation wird mit einem Schlage wie-
    der eingesetzt, aber der im Traum vollzogene Fortschritt kann

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE, 703

    nicht festgehalten werden. Es kommt vielmehr durch einen
    Vorgang, den man nur einer Verdrängung gleichstellen kann,
    zur Ablehnung des Neuen und dessen Ersetzung durch eine
    Phobie, -

    Die sadistisch-anale Organisation bleibt also auch in der
    jetzt einsetzenden Phase der Tierphobie fortbestehen, nur sind
    ihr die Angsterscheinungen beigemengt. Das Kind setzt die
    sadistischen wie die masochistischen Betåtigungen fort, doch
    reagiert es mit Angst gegen einen Teil derselben; die Ver-
    kehrung des Sadismus in sein Gegenteil macht wahrscheinlich
    weitere Fortschritte.

    Aus der Analyse des Angsttraumes entnehmen wir, daB
    die Verdrängung sich an die Erkenntnis der Kastration an-
    schließt. Das Neue wird verworfen, weil seine Annahme den
    Penis kosten würde. Eine sorgfåltigere Überlegung läßt etwa
    Folgendes erkennen: Das Verdrängte ist die homosexuelle Ein-
    stellung im genitalen Sinne, die sich unter dem Einfluß der
    Erkenntnis gebildet hatte. Sie bleibt nun aber fürs Unbe-
    wußte erhalten, als eine abgesperrte tiefere Schichtung kon-
    stituiert. Der Motor dieser Verdrängung scheint die narziß-
    tische Männlichkeit des Genitales zu sein, die in einen längst
    vorbereiteten Konflikt mit der Passivität des homosexuellen
    Sexualzieles gerät. Die Verdrängung ist also ein Erfolg der
    Männlichkeit. ME TRIP i |

    Man käme in Versuchung, von hier aus ein Stück der
    psychoanalytischen Theorie abzuåndern. Man glaubt doch mit
    Händen zu greifen, daß es der Konflikt zwischen männlichen
    und weiblichen Strebungen, also die Bisexualitåt, ist, aus der
    die Verdrängung und Neurosenbildung hervorgeht. Allein diese
    Auffassung ist lückenhaft. Von den beiden widerstreitenden
    Sexualregungen, ist die eine ichgerecht, die andere beleidigt

  • S.

    704 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.

    das narziDtische Interesse; sie verfällt darum der Verdrån-
    gung. Es ist auch in diesem Falle das Ich, von dem die !Ver-
    drångung ins Werk gesetzt wird, zu Gunsten einer der sexuel-
    len Strebungen. In anderen Fållen existiert ein solcher Kon-
    flikt zwischen Månnlichkeit und Weiblichkeit nicht; es ist
    nur eine Sexualstrebung da, die Annahme heischt, aber gegen
    gewisse Mächte des Ichs verstößt und darum selbst verstoßen
    wird, Weit häufiger als Konflikte innerhalb der Sexualität
    selbst finden sich ja die anderen vor, die sich zwischen der
    Sexualität und den moralischen Ichtendenzen ergeben, Ein
    solcher moralischer Konflikt fehlt in unserem Falle, Die Be-
    tonung der Bisexualität als Motiv der Verdrängung wäre also
    zu enge; die des Konflikts zwischen Ich und Sexualstreben
    (Libido) deckt alle Vorkommnisse, | "

    Der Lehre vom „männlichen Protest“, wie sie Adler aus-
    gebildet hat, ist entgegenzuhalten, daß die Verdrängung
    keineswegs immer die Partei der Männlichkeit nimmt und die
    Weiblichkeit betrifft; in ganzen großen Klassen von Fällen
    ist es die Männlichkeit, die sich vom Ich die Verdrängung
    gefallen lassen muß, ·

    Eine gerechtere Würdigung des Verdrångungsvorganges
    in unserem Falle würde übrigens der narziBtischen Männlich-
    keit die Bedeutung des einzigen Motivs bestreiten. Die homo-
    sexuelle Einstellung, die während des Traumes zu stande
    kommt, ist eine so intensive, daß das Ich des kleinen Men-
    schen an ihrer Bewältigung verzagt und sich durch den Ver-
    drångungsvorgang ihrer erwehrt. Als Helfer bei dieser Ab-
    sicht wird die ihr gegensåtzliche narziBtische Männlichkeit
    des Genitales herangezogen. Daß alle narzibtischen Regun-
    gen vom Ich aus wirken und beim Ich verbleiben, die Ver-
    drängungen gegen libidinöse Objektbesetzungen gerichtet sind,

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 705

    soll nur zur Vermeidung von Mifverstándnissen ausgesprochen
    werden. : å

    Wenden wir uns von dem Vorgang der: Verdrängung, des-
    sem restlose Bewältigung uns vielleicht. nicht gegliickt ist,
    zu dem Zustand, der sich beim Erwachen aus dem Traum
    ergibt. Wåre es wirklich die Månnlichkeit gewesen, die wåh-
    rend des Traumvorganges über die Homosexualitát (Weib:
    lichkeit) gesiegt hat, so müßten wir nun eine aktive Sexual-
    strebung von bereits ausgesprochen. männlichem Charakter als
    die herrschende finden. Davon ist keine Rede, das Wesent-
    liche der Sexualorganisation hat sich nicht geändert, dio
    sadistisch-anale Phase setzt ihren Bestand fort, sie ist: die
    herrschende geblieben. Der Sieg der Månnlichkeit zeigt sich
    bloß darin, daß nun auf die passiven Sexualziele der herr-
    schenden Organisation (die masochistisch, aber nicht. weib-
    lich sind) mit Angst reagiert wird, Es ist keine sieghafte
    månnliche Sexualregung vorhanden, sondern nur eine passive
    und ein Stråuben gegen dieselbe.

    Ich kann mir vorstellen, welche Schwierigkeiten die un-
    gewohnte, aber unerláfliche scharfe Scheidung von aktiv-
    männlich und passiv-weiblich dem Leser bereitet, und will
    darum Wiederholungen‘ nicht vermeiden. Den Zustand nach
    dem Traume kann man also in folgender Art beschreiben:
    Die Sexualstrebungen sind zerspalten worden, im UnbewuB-
    ten ist die Stufe der genitalen Organisation erreicht und eine
    sehr intensive Homosexualitåt konstituiert, dariiber besteht
    (virtuell im BewuBten) die frühere sadistische und über-
    wiegend masochistische Sexualstrómung, das Ich hat seine
    Stellung zur Sexualität im ganzen geändert, es befindet sich
    in Sexualablehnung und weist die herrschenden masochisti-
    schen Ziele mit Angst ab, wie es auf die tieferen homosexuel-

    Freud, Neurosenlehre, 1V. 45

  • S.

    706 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE, IV.

    len mit der Bildung einer Phobie reagiert hat. Der Erfolg
    des Traumes war also nicht so sehr der Sieg einer männ-
    lichen Strömung, sondern die Reaktion gegen eine feminine
    und eine passive. Es wäre gewaltsam, dieser Reaktion den
    Charakter der Männlichkeit zuzuschreiben. Das Ich hat eben
    keine Sexualstrebungen, sondern nur das Interesse an seiner
    Selbstbewahrung und der Erhaltung seines NarziBmus.

    Fassen wir nun die Phobie ins Auge. Sie ist auf dem
    Niveau der genitalen Organisation entstanden, zeigt uns den
    relativ einfachen Mechanismus einer Angsthysterie. Das Ich
    schiitzt sich durch Angstentwicklung vor dem, was es als
    übermächtige Gefahr wertet, vor der homosexuellen. Befrie-
    digung, Doch hinterläßt der Verdrängungsvorgang eine nicht
    zu übersehende Spur. Das Objekt, an das sich das gefürchtete
    Sexualziel geknüpft hat, muß sich vor dem Bewußtsein durch
    ein anderes vertreten lassen. Nicht die Angst vor dem Va-
    ter, sondern die vor dem Wolf wird bewußt. Es bleibt auch
    nicht bei der Bildung der Phobie mit dem einen Inhalt. Der
    Wolf ersetzt sich cine ganze Weile später durch den Lô-
    wen. Mit den sadistischen Regungen gegen die kleinen Tiere
    konkurriert eine Phobie vor ihnen als Vertreter der Neben-
    buhler, der möglichen kleinen Kinder. Besonders interessant
    ist die Entstehung der Schmetterlingsphobie. Es ist wie eine
    Wiederholung des Mechanismus, der im Traum die Wolfs-
    phobie erzeugt hat. Durch eine zufållige Anregung wird ein
    altes Erlebnis aktiviert, die Szene mit Gruscha, deren Ka-
    strationsdrohung nachträglich zur Wirkung kommt, während
    sie, als sie vorfiel, ohne Eindruck geblieben war.*)

    +) Die Gruschaszene war, wie erwähnt, eine spontane Erinnerungs-
    Jeistung des Patienten, an welcher eine Konstruktion oder Anregung des
    Arites keinen Anteil hatte; die Lücke in ihr wurde von der Analyse in

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 707

    Man kann sagen, die Angst, welche in die Bildung dieser
    Phobien eingeht, ist Kastrationsangst. Diese Aussage enthilt
    keinen Widerspruch gegen die Auffassung, die Angst sei aus
    der Verdrängung homosexueller Libido hervorgegangen. In bei-
    den Ausdrucksweisen meint man den nåmlichen Vorgang, daß
    das Ich der homosexuellen Wunschregung Libido entzieht,
    welche in freischwebende Angst umgesetzt wird, sich dann
    in Phobien binden lát. In der ersten Ausdrucksweise hat man
    nur das Motiv, welches das Ich treibt, mitbezeichnet.

    Bei nåherem Zusehen findet man nun, daß diese erste Er-
    krankung unseres Patienten (von der EBstérung abzusehen).
    durch das Herausgreifen der Phobie nicht erschopft wird, son-
    dern als eine echte Hysterie verstanden werden muß, der ne-
    ben Angstsymptomen auch Konversionserscheinungen zukom-
    men, Ein Anteil der homosexuellen Regung wird in dem bei
    ihr beteiligten Organ festgehalten; der Darm benimmt sich
    von da an und ebenso in der Spåtzeit wie ein hysterisch affi-

    einer Weise ausgefüllt, die tadellos genannt werden muß, wenn man auf
    die Arbeitsweise der Analyse iiberhaupt Wert legt. Dine rationalistische
    Aufklärung dieser Phobie könnte nur sagen: Es sei nichts Ungewohnliches,
    daf ein zur Angstlichkeit disponiertes Kind auch einmal vor einem gelb-
    streifigen Schmetterling einen Angstanfall bekomme, wahrscheinlich in-
    folge einer ererbten Angstneigung. (Vgl. Stanley Hall, A synthetic genetic
    study of fear. Amer. J. of Psychology XXV, 1914.) In Unwissenheit dieser
    Ursache suche es nun nach einer Kindheitsankniipfung fiir diese Angst und
    beniitzo den Zufall der Namensgleichheit und der Wiederkehr der Streifen,
    um sich die Phantasie eines Abenteuers mit dem noch erinnerten Kinder-
    mådchen zu konstruieren. Wenn aber die Nebensachen der an sich harm-
    losen Begebenheit, Auiwaschen, Kiibel, Besen im spåteren Leben die Macht
    zeigen, dauernd und zwanghaft die Objektwahl des Menschen zu bestimmen,
    so fällt der Schmetterlingsphobie eine unbegreifliche Bedeutung zu. Der
    Sachverhalt wird mindestens ebenso merkwiirdig wie der von mir behaup-
    tete, und der Gewinn aus der rationalistischen Auffassung dieser Szenen
    ist zerronnen. Die Gruschaszene wird uns also besonders wertvoll, da wir
    an ihr unser Urteil über die minder gesicherte Urszene vorbereiten können.

    45%

  • S.

    Da SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE, IV,

    ziertes Organ. Die unbewufte, verdrångte Homosexualität hat
    sich in den Darm zurückgezogen. Gerade dieses Stück Hy-
    sterie hat dann bei der Lésung des spåteren Krankseins die
    besten Dienste geleistet.

    Nun soll es uns auch nicht am Mute mangeln, die noch
    komplizierteren Verhältnisse der Zwangsneurose in Angriff
    zu nehmen. Halten wir uns nochmals die Situation vor: eine
    herrschende masochistische und eine verdrängte homosexuelle
    Sexualströmung, dagegen ein in hysterischer Ablehnung befan-
    genes Ich; welche Vorgänge wandeln diesen Zustand in den
    der Zwangsneurose um?

    Die Verwandlung geschieht nicht spontan, durch innere
    Fortentwicklung, sondern durch fremden Einfluß von auBen.
    Ihr sichtbarster Erfolg ist, daß das im Vordergrund stehende
    Verhältnis zum Vater, welches bisher in der Wolfsphobie Aus-
    druck gefunden hatte, sich nun in Zwangsfrömmigkeit äußert
    Ich kann es nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, daß der
    Vorgang bei diesem Patienten eine unzweideutige Bestätigung
    einer Behauptung liefert, die ich in „Totem und Tabu“ über
    das Verhältnis. des Totemtieres zur Gottheit aufgestellt habe.*)
    Ich entschied mich dort dafür, daß die Gottesvorstellung nicht
    eine Fortentwicklung des Totem sei, sondern sich unabhängig
    von ihm aus der gemeinsamen Wurzel beider zu ‚seiner Ab-
    lösung erhébe. Der Totem sei der erste Vaterersatz, der Gott
    aber ein späterer, in dem der Vater seine menschliche Ge-
    stalt wiedergewinne. So finden wir es auch bei unserem Pa-
    tienten. Er macht in der Wolfsphobie das Studium des totemi-
    stischen Vaterersatzes durch, welches nun abbricht und in-
    folge neuer Relationen zwischen ihm und dem Vater durch
    eine Phase von religióser Frómmigkeit ersetzt wird.
    EST) Totem und Tabu, p. 187, 1918. ⑧

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 709

    „Der Einfluß, welcher diese Wandlung hervorruft; ist die
    durch die Mutter vermittelte Bekanntschaft mit den Lehren
    der Religion und mit der heiligen Geschichte. Das Ergebnis
    wird das von der Erziehung gewiinschte. Der sadistisch-
    masochistischen Sexualorganisation wird ein langsames Ende
    bereitet, die Wolfsphobic verschwindet rasch, an Stelle der
    Angstablehnung der Sexualität tritt eine höhere Form der
    Unterdrückung derselben. Die Frömmigkeit wird zur herr-
    schenden Macht im Leben des Kindes. Allein diese Uber-
    windungen gehen nicht ohne Kåmpfe vor sich, als deren Zei-
    chen die Dlasphemischen Gedanken erscheinen, und als de-
    ren Folge eine zwanghafte Übertreibung des religiösen Zere-
    moniells sich festsetzt.

    Wenn wir von diesen pathologischen Phånomenen ab-
    schen, können wir sagen, die Religion hat in diesem Falle alles
    das geleistet, wofür sie in der Erziehung des Individuums ein-
    gesetzt wird. Sie hat seine Sexualstrebungen gebåndigt, in-
    dem sie ihnen eine Sublimierung und feste Verankerung bot,
    seine familiären Beziehungen entwertet und damit einer
    drohenden Isolierung vorgebeugt, dadurch daß sie ihm den
    Anschluß an die große Gemeinschaft der Menschen eröffnete.
    Das wilde, verängstigte Kind wurde sozial, gesittet und er-
    ziehbar,

    Der Hauptmotor des religiösen Einflusses war die Iden-
    lifizierung mit der Christusgestalt, die ihm durch die Zu-
    füligkeit seines Geburtsdatums besonders nahe gelegt war.
    Hier fand die iibergroBe Liebe zum Vater, welche die Ver-
    drüngung notwendig gemacht hatte, endlich einen Ausweg
    in eine ideale Sublimierung. Als Christus durfte man den Va-
    ter, der nun Gott hieß, mit einer Inbrunst lieben, die beim
    irdischen Vater vergeblich nach Entladung gesucht hatte. Die

  • S.

    710 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.

    Wege, auf denen man diese Liebe bezeugen konnte, waren
    von der Religion angezeigt, an ihnen haftete auch nicht das
    SchuldbewuBtsein, das sich von den individuellen Liebes-
    strebungen nicht ablösen ließ. Wenn so die tiefste, bereits
    als unbewuBte Homosexualität niedergeschlagene Sexual-
    strómung noch drainiert werden konnte, so fand die oberflàch-
    lichere masochistische Strebung eine unvergleichliche Subii-
    miorung ohne viel Verzicht in der Leidensgeschichte Christi,
    der sich im Auftrage und zu Ehren des góttlichen Vaters hatte
    miBhandeln und opfern lassen. So tat die Religion ihr Werk
    bei dem kleinen Entgleisten durch die Mischung von Be-
    friedigung, Sublimierung, Ablenkung vom Sinnlichen auf rein
    geistige Prozesse, und die Eröffnung sozialer Beziehungen,
    die sie dem Gläubigen bietet.

    + Sein anfångliches Stråuben gegen die Religion hatte drei
    verschiedene Ausgangspunkte. Erstens war es überhaupt, wo-
    von wir schon Beispiele gesehen haben, seine Art, alle Neu-
    heiten abzuwehren. Er verteidigte jede einmal eingenommene
    Libidoposition in der Angst vor dem Verlust bei ihrem Auf-
    geben und im MiBtranen gegen die Wahrscheinlichkeit eines
    vollen Ersatzes durch die neu zu beziehende, Es ist das eine
    wichtige und fundamentale psychologische Besonderheit, die
    ich in den drei Abhandlungen zur Sexualtheorie als Fåhig-
    keit zur Fixierung aufgestellt habe. Jung hat sie unter
    dem Namen der psychischen ,, Trågheit" zur Tlauptverursachung
    aller Miferfolge der Neurotiker machen wollen. Ich glaube,
    mit Unrecht, sie reicht viel weiter hinaus und spielt auch
    im Leben nicht Nervôser ihre bedeutsame Rolle. Die Leicht-
    beweglichkeit oder Schwerflüssigkeit der libidinósen, und
    ebenso der. andersartigen Energiebesetzungen ist ein beson-
    derer Charakter, der vielen Normalen und nicht einmal allen

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 711

    Nervösen eignet, und der bisher noch nicht in Zusammenhang
    mit anderem gebracht ist, etwas wie eine Primzahl nicht wei-
    ter zerteilbares. Wir wissen nur das eine, daß die Eigenschaft
    der Beweglichkeit psychischer Besetzungen mit dem Lebens-
    alter anffållig zurückgeht. Sie hat uns eine der Indikationen
    für die Grenzen der psychoanalytischen Beeinflussung ge-
    liefert. Es gibt aber Personen, bei denen diese psychische Pla-
    stizität weit über die gewöhnliche Altersgrenze hinaus be-
    stehen bleibt, und andere, bei denen sie sehr frühzeitig ver-
    Toren geht. Sind es Neurotiker, so macht man mit Unbe-
    hagen die Entdeckung, daß unter scheinbar gleichen Verhält-
    nissen bei ihnen Veränderungen nicht rückgängig zu machen
    sind, die man bei anderen mit Leichtigkeit bewältigt hat. Es
    ist also auch bei den Umsetzungen psychischer Vorgänge der
    Begriff einer Entropie in Betracht zu ziehen, deren Maß
    sich einer Riickbildung des Geschehenen widersetzt.

    Einen zweiten Angriffspunkt bot ihm die Tatsache, daß
    die Religionslehre selbst kein eindeutiges Verhältnis zu Gott —
    Vater zu ihrer Grundlage hat, sondern von den Anzeichen der
    ambivalenten Einstellung durchsetzt ist, welche über ihrer
    Entstehung gewaltet hat. Diese Ambivalenz spürte er mit der
    hochentwickelten eigenen heraus und kniipfte an sie jene
    scharfsinnige Kritik, welche uns von einem Kinde im fiinf-
    ten Lebensjahr so sehr Wunder nehmen mußte. Am bedeut-
    samsten war aber gewiß ein drittes Moment, auf dessen Wir-
    kung wir die pathologischen Ergebnisse seines Kampfes ge-
    gen die Religion zurückführen dürfen. Die zum Manne drån-
    gende Stromung, welche von der Religion sublimiert werden
    sollte, war ja nicht mehr frei, sondern zum Teil durch Ver:
    drångung abgesondert und damit der Sublimierung entzogen,
    an ihr urspriingliches sexuelles Ziel gebunden. Kraft dieses

  • S.

    712 22 - | ¡SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE, IV. . 5

    Zusammenhanges strebte der verdrångte Anteil sich den Weg
    zum sublimierten Anteil zu ‚bahnen oder ihn zu sich herab-
    zuzichen, Die ersten Grübeleien, die die Person Christi um-
    spannen, enthielten bereits die Frage, ob dieser sublime Sohn
    auch das im UnbewuBten festgehaltene sexuelle Verhältnis
    zum Vater erfüllen könne. Die Abweisungen dieses Bestrebens
    hätten keinen anderen Erfolg, als scheinbar blasphemische
    Zwangsgedanken entstehen zu lassen, in denen sich die kør-
    perliche Zärtlichkeit für Gott in der Form seiner Erniedrigung
    durchsetzte. Kin heftiger Abwehrkampf gegen diese Kom-
    promiBbildungen mußte‘ dann zur zwanghaften Übertreibung
    aller der Tätigkeiten führen, in denen die Frömmigkeit, die
    reine Liebe zu Gott, ihren vorgezeichneten Ausweg fand. End-
    lich hatte die Religion gesiegt, aber ihre triebhafte Fundierung
    erwies sich unvergleichlich stärker als die Haftbarkeit ihrer
    Sublimierungsprodukte. Sowie das Leben einen neuen Vater-
    ersatz brachte, dessen Einfluß sich gegen dic Religion rich-
    tete, wurde sie fallen gelassen und durch anderes ersetzt. Ge-
    denken wir noch der interessanten Komplikation, daß die
    Frömmigkeit unter dem Einfluß von Frauen entstand (Mut-
    ter und Kinderfrau) während männlicher Einfluß die Be-
    freiung von ihr ermöglichte,

    Die Entstehung der Zwangsneurose auf dem Boden der
    sadistisch-analen Sexualorganisation bestätigt im ganzen, was
    ich an anderer Stelle „über die Disposition zur Zwangs-
    neurose'*) ausgeführt habe. Aber der vorherige Bestand einer
    starken Hysterie macht unseren Fall in dieser Hinsicht un-
    durchsichtiger. Ich will die Übersicht über die Sexualentwick-
    lung unseres Kranken beschließen, indem ich ein kurzes Streif-

    *) Internat. Zeitschrift für ärztliche ss I. Band, 1913,
    8.525 ff. (Diese Sammlung III.)

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 713

    licht auf deren spätere Wandlungen werfe. Mit den Pubertåts-
    jahren trat bei ihm die normal zu nennende, stark sinnliche,
    männliche Strömung mit dem Sexualziel der Genitalorgani-
    sation auf, deren Schicksale die Zeit bis zu seiner Spät-
    erkrankung füllen, Sie knüpfte direkt an die Gruschaszene an,
    entlehnte von ihr den Charakter zwanghafter, anfallsweise
    kommender und schwindender Verliebtheit und hatte mit den
    Hemmungen zu kämpfen, die von den Resten der infantilen
    Neurosen ausgingen. Mit einem gewaltsamen Durchbruch zum
    .Weib hatte er sich endlich die volle Männlichkeit erkämpft;
    dies Sexualobjekt wurde von nun an festgehalten, aber er
    wurde des Besitzes nicht froh, denn eine starke, nun völlig
    unbewufte Hinneigung zum Manne, die alle Kräfte der früheren
    Phasen in sich vereinigte, zog ihn immer wieder vom weib-
    lichen Objekt ab und nótigte ihn, in den Zwischenzeiten. die
    Abhängigkeit vom Weib zu übertreiben. Er legte der Kur die
    Klage vor, daß er es beim Weibe nicht aushalten könne, und
    alle Arbeit richtete sich darauf, sein ihm unbewubtes Ver.
    háltnis zum Manne aufzudecken. Seine Kindheit war, um es
    formelhaft zusammenzufassen, durch das Schwanken zwischen
    Aktivität und Passivitåt ausgezeichnet gewesen, seine Puber-
    tåtszeit durch das Ringen um die Männlichkeit, und die Zeit
    von seiner Erkrankung an durch den Kampf um das Objekt
    der männlichen Strebung. Der Anlaß seiner Erkrankung fällt
    nicht unter die ,neurotischen Erkrankungstypen“, die ich als
    Spezialfålle der , Versagung^ zusammenfassen konnte*), und
    macht so auf eine Lücke in dieser Reihenbildung aufmerk-
    sam. Er brach zusammen, als eine organische Affektion des
    Genitales seine Kastrationsangst aufleben machte, seinem
    Narzißmus Abbruch tat. und ihn zwang, die Erwartung einer
    — め Zentralblatt für Psychoanalyse, II, ⑥ 1912.

  • S.

    714 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE, IV.

    persönlichen Bevorzugung durch das Schicksal aufzugeben.
    Er erkrankte also an einer narziBtischen ,, Versagung“. Diese
    Uberstårke seines NarziBmus stand in vollem Einklang mit
    den anderen Anzeichen einer gehemmten Sexualentwicklung,
    daß seine heterosexuelle Liebeswahl bei aller Energie so
    wenig psychische Strebungen in sich konzentrierte, und daß
    die homosexuelle Einstellung, die dem NarziBmus um so vieles
    näher liegt, sich als unbewuBte Macht bei ihm mit solcher
    Zåhigkeit behauptet hatte. Natiirlich kann die psychoanaly-
    tische Kur bei solchen Stérungen nicht einen momentanen
    Umschwung und eine Gleichstellung mit einer normalen. Ent-
    wicklung herbeifiihren, sondern nur die Hindernisse beseitigen
    und die Wege gangbar machen, damit die Einflüsse des Le-
    bens die Entwicklung nach den besseren Richtungen durch-
    setzen können,

    Als Besonderheiten seines psychischen Wesens, die von
    der psychoanalytischen Kur aufgedeckt, aber nicht weiter auf-
    geklärt und dementsprechend auch nicht unmittelbar be-
    einflußt werden konnten, stelle ich zusammen: die bereits be-
    sprochene Zähigkeit der Fixierung, die außerordentliche Aus-
    bildung der Ambivalenzneigung, und als dritten Zug einer
    archaisch zu nennenden Konstitution die Fähigkeit, die ver-
    schiedenartigsten und widersprechendsten libidinösen Beset-
    zungen alle nebeneinander funktionsfähig zu erhalten. Das
    beständige Schwanken zwischen denselben, durch welches Er-
    ledigung und Fortschritt lange Zeit ausgeschlossen erschienen,
    beherrschten das Krankheitsbild der Spätzeit, das ich ja hier
    nur streifen konnte. Ohne allen Zweifel war dies ein Zug
    aus der Charakteristik des Unbewußten, der sich bei ihm in
    die bewußt gewordenen Vorgänge fortgesetzt hatte; aber er
    zeigte sich nur an den Ergebnissen affektiver Regungen, auf

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 715

    rein logischen Gebieten bewies er viclmehr ein besonderes Ge-
    schick in der Aufspürung von Widersprüchen und Unvertråg-
    lichkeiten, So empfing man von seinem Seelenleben einen Bin-
    druck, wie ihn die altägyptische Religion macht, die dadurch
    får uns so unvorstellbar wird, daß sie die Entwicklungsstufen
    neben den Endprodukten konserviert, dic ältesten Götter und
    Gottesbedeutungen wie die jüngsten fortsetzt, in eine Fläche
    ausbreitet, was in anderen Entwicklungen zu einem Tiefen-
    gebilde wird, ;

    Ich habe nun zu Ende gebracht, was ich über diesen
    Krankheitsfall mitteilen wollte. Nur noch zwei der zahlreichen
    Probleme, die er anregt, scheinen mir einer besonderen Her-
    vorhebung würdig. Das erste betrifft die phylogenetisch mit-
    gebrachten Schemata, die wie philosophische „Kategorien“ die
    Unterbringung der Lebenseindrücke besorgen. Ich móchte die
    Auffassung vertreten, sie seien Niederschläge der menschlichen
    Kulturgeschichte. Der Ódipuskomplex, der die Beziehung des
    Kindes zu den Eltern umfaßt, gehört zu ihnen, ist vielmehr
    das bestgekannte Beispiel dieser Art. Wo die Erlebnisse sich
    dem hereditáren Schema nicht fügen, kommt es zu einer Um-
    arbeitung derselben in der Phantasie, deren Werk im ein-
    zelnen zu verfolgen, gewiß nutzbringend wäre, Gerade diese
    Fille sind geeignet, uns die selbstándige Existenz des Schemas
    zu erweisen. Wir können oft. bemerken, daß das Schema über
    das individuelle Erleben siegt, so wenn in unserem Falle der
    Vater zum Kastrator und Bedroher der kindlichen Sexualität
    wird, trotz eines sonst negativen Odipuskomplexes. Eine an-
    dere Wirkung ist es, wenn die Amme an die Stelle der Mut-
    ter tritt oder mit ihr verschmolzen wird. Die Widersprüche
    des Erlebens gegen das Schema scheinen den infantilen Kon-
    flikten reichlichen Stoff zuzuführen,

  • S.

    A16 ⑥ SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE, IV.

    Das zweite Problem liegt von diesem nicht fernab, es ist
    aber ungleich bedeutsamer. Wenn man das Verhalten des vier-
    jährigen Kindes gegen die reaktivierte Urszene in Betracht
    zieht,*) ja wenn man nur an die weit einfacheren Reaktionen
    des 11/,jåhrigen Kindes beim Erleben dieser Szene denkt, kann
    man die Auffassung schwer von sich weisen, daß eine Art von
    schwer bestimmbarem Wissen, etwas wie eine Vorbereitung
    zum Verständnis, beim Kinde dabei mitwirkt.**) Worin dies
    bestehen mag, entzieht sich jeder Vorstellung; wir haben nur
    die eine ausgezeichnete Analogie mit dem weitgehenden in-
    stinktiven Wissen der Tiere zur Verfügung.

    Gäbe es einen solchen instinktiven Besitz auch beim
    Menschen, so wäre es nicht zu verwundern, wenn er die Vor-
    gänge des Sexuallebens ganz besonders beträfe, wenngleich
    er auf sie keineswegs beschränkt sein kann. Dieses Instinktive
    wäre der Kern des Unbewußten, eine primitive Geistestätig-
    keit, die später durch die zu erwerbende Menschheitsvernuntt
    entthront und überlagert wird, aber so oft, vielleicht bei allen,
    die Kraft behält, höhere seelische Vorgänge zu sich. herab-
    zuziehen. Die Verdrängung wäre die Rückkehr zu dieser. in-
    stinktiven Stufe, und der Mensch würde so mit seiner Fähig-
    keit zur Neurose seine große Neuerwerbung bezahlen und durch
    die Möglichkeit der Neurosen die Existenz der früheren in-
    stinktartigen Vorstufe bezeugen. Die Bedeutung der frühen
    Kindheitstraumen läge aber darin, daß sie diesem Unbewußten

    *) Ich darf davon absehen, daß dies Verhalten erst zwei Dezennien
    später in Worte gefaßt werden konnte, denn alle Wirkungen, die wir von
    der Szene ableiten, haben sich ja in Form von Symptomen, Zwängen usw.
    bereits in der Kindheit und lange vor der Analyse geäußert. Dabei ist es
    gleichgültig, ob man sie als Urszene oder als Urphantasie gelten lassen will.

    ++) Von neuem muß ich betonen, daß diese Überlegungen müßig wären,
    wenn Traum und Neurose nicht der Kindheitszeit selbst angehörten.

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 717

    einen Stoff zuführen, der es gegen die Aufzehrung durch die

    nachfolgende Entwicklung schützt.

    Ich weiß, daß ähnliche Gedanken, die das hereditäre,
    phylogenetisch erworbene Moment im Seelenleben betonen,
    von verschiedenen -Seiten ausgesprochen worden sind, ja ich
    meine, daß man allzu bereit war, ihnen einen Platz in der
    psychoanalytischen Würdigung einzuräumen. Sie erscheinen
    mir erst zulässig, wenn die Psychoanalyse in Einhaltung des
    korrekten Instanzenzuges auf die Spuren des Ererbten gerät,
    nachdem sie durch die Schichtung des individuell Erworbenen
    hindurchgedrungen ist,