• S.

    XXXII, AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 657

    forschende Auflehnung geführt und hatte die Verdrängung
    der homosexuellen Einstellung zur Voraussetzung gehabt. Aus
    beiden Faktoren ergaben sich dauernde Nachteile, Die in-
    tellektuelle Betåtigung blieb seit dieser ersten groBen Nieder-
    lage schwer geschådigt. Es entwickelte sich kein Lerneifer,
    es zeigte sich nichts mehr von dem Scharfsinn, der seinerzeit
    im zarten Alter von fiinf Jahren die Lehren der Religion kri-
    tisch zersetzt hatte. Die wåhrend jenes Angsttraumes erfolgte
    Verdrångung der iiberstarken Homosexualitåt reservierte diese
    bedeutungsvolle Regung fiir das UnbewuBte, erhielt sie so bei
    der ursprünglichen Zieleinstellung und entzog sie all den
    Sublimierungen, zu denen sie sich sonst bietet. Es fehlten
    dem Patienten darum alle die sozialen Interessen, welche dem
    Leben Inhalt geben. Erst als in der analytischen Kur die
    Lösung dieser Fesselung der Homosexualität gelang, konnte
    sich der Sachverhalt zum Besseren wenden, und es war sehr
    merkwürdig mitzuerleben, wie — ohne direkte Mahnung des
    Arztes — jedes befreite Stück der homosexuellen Libido eine
    Anwendung im Leben und eine Anheftung an die großen ge-
    meinsamen Geschäfte der Menschheit suchte.

    VII. ANALEROTIK UND KASTRATIONSKOMPLEX.

    Ich bitte den Leser sieh zu erinnern, daB ich diese Ge-
    schichte einer infantilen Neurose sozusagen als Nebenprodukt
    wåhrend der Analyse einer Erkrankung im reiferen Alter ge-
    wonnen habe. Ich mußte sie also aus noch kleineren Brocken
    zusammensetzen, als sonst der Synthese zu Gebote stehen.
    Diese sonst nicht schwierige Arbeit findet eine natürliche
    Grenze, wo es sich darum handelt, ein vieldimensionales Ge-
    bilde in die Ebene der Deskription zu bannen. Ich muß mich
    also damit begniigen, Gliederstiicke vorzulegen, die der Le-

    Freud, Neurosenlehre. IV 42

  • S.

    658 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.

    ser zum lebenden Ganzen zusammenfügen mag. Die geschil-
    derte Zwangsneurose entstand, wie wiederholt betont, auf dem
    Boden einer sådistisch-analen Konstitution. Es war aber bisher
    nur von dem einen Hauptfaktor, dem Sadismus und seinen
    Umwandlungen, die Rede. Alles, was die Analerotik betrifft,
    ist mit Absicht beiseite gelassen worden und soll hier ge-
    sammelt nachgetragen werden.
    || Die Analytiker sind längst einig darüber, daß den viel-
    fachen Triebregungen, die man als Analerotik zusammenfaßt,
    eine außerordentliche, gar nicht zu überschätzende Bedeutung
    für den Aufbäu des Sexuallebens und der seelischen Tätig-
    keit überhaupt zukommt. Ebenso, daß eine der wichtigsten
    Äußerungen der umgebildeten Erotik aus dieser Quelle in der
    Behandlung des Geldes vorliegt, welcher wertvolle Stoff im
    Laufe des Lebens das psychische Interesse an sich gezogen hat,
    dag ursprünglich dem Kot, dem Produkt der Analzone, ge-
    bührte, Wir haben uns gewöhnt, das Interesse am Gelde, soweit
    es libidinöser und nicht rationeller Natur ist, auf Exkremental-
    Just zurückzuführen und vom normalen Menschen zu ver-
    Tangen, daß er sein Verhältnis zum Gelde durchaus von libi-
    dinösen Einflüssen frei halte und es nach realen Rücksich-
    ten regle. i り
    Bei unserem Patienten war zur Zeit seiner späteren Er-
    krankung dies Verhältnis in besonders argem Maße gestört,
    und dies war nicht das Geringste an seiner Unselbståndigkeit
    und Lebensuntiichtigkeit. Er war durch Erbschaft von Vater
    und Onkel sehr reich geworden, legte manifesterweise viel
    Wert darauf, fiir reich zu gelten, und konnte sich sehr krån-
    ken, wenn man ihn darin unterschåtzte. Aber er wuBte nicht,
    wieviel er besaB, was er verausgabte, was er iibrig behielt.
    Es war schwer zu sagen, ob man ihn geizig oder verschwen-

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 659

    derisch heißen sollte. Er benahm sich bald so, bald anders,
    niemals in einer Art, die auf eine konsequente Absicht hin-
    deuten konnte. Nach einigen auffälligen Zügen, die ich wei-
    ter unten anführen werde, konnte man ihn für einen ver-
    stockten Geldprotzen halten, der in dem Reichtum den größ-
    ten Vorzug seiner Person erblickt und Gefühlsinteressen ne-
    ben Geldinteressen nicht einmal in Betracht ziehen läßt. Aber
    er schätzte andere nicht nach ihrem Reichtum ein und zeigte
    sich bei vielen Gelegenheiten vielmehr bescheiden, hilfs-
    bereit und mitleidig. Das Geld war eben seiner bewußten Ver-
    fügung entzogen und bedeutete für ihn irgend etwas anderes,

    Ich habe schon erwähnt (S. 596), daß ich die Art schr
    bedenklich fand, wie er sich über den Verlust der Schwe-
    ster, die in den letzten Jahren sein bester Kamerad geworden
    war, mit der Überlegung trôstete: Jetzt brauche er die Erb-
    schaft von den Eltern nicht mit ihr zu teilen, Auffälliger
    vielleicht war noch die Ruhe, mit welcher er dies erzåhlen
    konnte, als hatte er kein Verståndnis fiir die so eingestandene
    Gefühlsroheit. Die Analyse rehabilitierte ihn zwar, indem sie
    zeigte, daB der Schmerz um die Schwester nur eine Ver-
    schicbung erfahren hatte, aber es wurde nun erst recht un-
    verständlich, daß er in der Bereicherung einen Ersatz für die
    Schwester hatte finden wollen.

    Sein Benehmen in einem anderen Falle erschien ihm selbst
    råtselhaft. Nach dem Tode des Vaters wurde das hinter-
    lassene Vermögen zwischen ihm und der Mutter aufgeteilt.
    Dic Mutter verwaltete es und kam seinen Geldanspriichen, wie
    er selbst zugab, in tadelloser, freigebiger Weise entgegen.
    Dennoch pflegte jede Besprechung über Geldangelegenieiten
    zwischen ihnen mit den heftigsten Vorwürfen von seiner
    Seite zu endigen, daß sie ihn nicht liebe, daß sie daran denke,

    42*

  • S.

    660 "SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.

    an ihm zu sparen, und daß sie ihn wahrscheinlich am liebsten
    tot schen möchte, um allein über das Geld zu verfügen. Die
    Mutter beteuerte dann weinend ihre Uneigenniitzigkeit, er
    schämte sich und konnte mit Recht versichern, daß er das
    gar micht von ihr denke, aber er war sicher, dieselbe Szene
    bei nächster Gelegenheit zu wiederholen,

    Daß der Kot für ihn lange Zeit vor der Analyse Geld-
    bedeutung gehabt hat, geht aus vielen Zufällen hervor, von
    denen ich zwei mitteilen will. In einer Zeit, da der Darm
    noch unbeteiligt an seinem Leiden war, besuchte er einmal
    in einer großen Stadt einen armen Vetter, Als er wegging,
    machte er sich Vorwürfe, daß ‘er diesen Verwandten nicht
    mit Geld unterstütze, und bekam unmittelbar darauf den
    „vielleicht stärksten Stuhldrang seines Lebens“, Zwei Jahre
    später setzte er wirklich diesem Vetter eine Rente aus. Der
    andere Fall: Mit 18 Jahren während der Vorbereitung zur
    Maturitätsprüfung besuchte er einen Kollegen und verab-
    redete mit ihm, was die gemeinsame Angst, bei der Prüfung
    durchzufallen, ratsam erscheinen lief.*) Man hatte beschlos-
    sen, den Schuldiener zu bestechen, und sein Anteil an der
    aufzubringenden Summe war natürlicherweise der größte. Auf
    dem Heimwege dachte er, er wolle gern noch mehr geben,
    wenn er nur durchkomme, wenn ihm bei der Prüfung nur
    nichts passiere, und wirklich passierte ihm ein anderes Mal-
    heur, ehe er noch bei seiner Haustüre war.**)

    Wir sind darauf vorbereitet zu hören, daß er in seiner
    späten Erkrankung an sehr hartnäckigen, wenn auch mit ver-

    *) Der Patient teilte mit, daß seine Muttersprache die im Deutschen
    bekannte Verwendung des Wortes „Durchfall“ zur Bezeichnung von Darm-
    störungen nicht kennt.

    **) Diese Redensart ist in der SHE des Patienten Beton Em
    wie im Deutschen. 2 5

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 661

    schiedenen Anlässen schwankenden Störungen der Darmfunk- :
    tion litt. Als er in meine Behandlung trat, hatte er sich an
    Lavements gewöhnt, die ihm ein Begleiter machte; spontane
    Entleerungen kamen Monate hindurch nicht vor, wenn nicht
    eine plötzliche Erregung von einer bestimmten Seite her da-
    zukam, in deren Folge sich normale Darmtätigkeit får einige
    Tage herstellen konnte. Seine Hauptklage war, daß dic Welt
    für ihn in einen Schleier gehiillt sei, oder er durch einen
    Schleier von der Welt getrennt sei. Dieser Schleier zerriB
    nur in dem einen Moment, wenn beim Lavement der Darm-
    inhalt den Darm verließ, und dann fühlte er sich auch wie-
    der gesund und normal. +) i ;
    Der Kollege, an den ich den Patienten zur Begut-
    achtung seines Darmzustandes wies, war einsichtsvoll ge-
    nug, denselben für einen funktionellen oder selbst psychisch
    bedingten zu erklären, und sich eingreifender Medikation
    zu enthalten. Übrigens nützte weder diese noch die ange-
    ordnete Diät, In den Jahren der analytischen Behandlung
    gab es keinen spontanen Stuhlgang (von jenen plôtzlichen
    Beeinflussungen abgesehen). Der Kranke ließ sich überzeugen,
    daß jede intensivere Bearbeitung des störrischen Organs den
    Zustand noch verschlimmern würde, und gab sich damit zu-
    frieden, ein- oder zweimal in der Woche durch ein Lavement
    oder ein Abführmittel eine Darmentleerung zu erzwingen.
    Ich habe bei der Besprechung der Darmstérungen dem
    späteren Krankheitszustand des Patienten einen breiteren
    Raum gelassen, als es sonst im Plane dieser mit seiner Kind-
    heitsneurose beschäftigten Arbeit liegt. Dafür waren zwei
    Gründe maßgebend, erstens, daß die Darmsymptomatik sich

    *) Dieselbe Wirkung, ob er das Lavement von einem anderen machen
    ließ oder es selbst besorgte, MB

  • S.

    662 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV,

    eigentlich wenig verändert aus der Kinderneurose in die spä-
    tere fortgesetzt hatte, und zweitens, daß ihr bei der Be-
    endigung der Behandlung eine Hauptrolle zufiel.

    Man weiB, welche Bedeutung der Zweifel fir den Arzt
    hat, der eine Zwangsneurose analysiert. Er ist die stärkste
    Waffe des Kranken, das bevorzugte Mittel seines Wider-
    standes, Dank diesem Zweifel konnte auch unser Patient,
    hinter einer respektvollen Indifferenz verschanzt, Jahre hin-
    durch die Bemühungen der Kur von sich abgleiten lassen.
    Es ånderte sich nichts, und es fand sich kein Weg, ihn zu
    überzeugen. Endlich erkannte ich die Bedeutung der Darm-
    stérung fiir meine Absichten; sie reprisentierte das Stiick-
    chen Hysterie, welches regelmäßig zu Grunde einer Zwangs-
    neurose gefunden wird. Ich versprach dem Patienten die völ-
    lige Herstellung seiner Darmtåtigkeit, machte seinen Un-
    glauben durch diese Zusage offenkundig, und hatte dann die
    Befriedigung, seinen Zweifel schwinden zu sehen, als der Darm
    wie ein hysterisch affizicrtes Organ bei der Arbeit „mitzu-
    sprechen“ begann, und im Laufe weniger Wochen seine nor-
    male, so lange beeintråchtigte Funktion wiedergefunden hatte.

    Ich kehre nun zur Kindheit des Patienten zuriick, in eine
    Zeit, zu welcher der Kot unmåglich Geldbedeutung fiir ihn
    gehabt haben kann.

    Darmstórungen sind sehr frühzeitig bei ihm aufgetreten,
    vor allem die håufigste und fiir das Kind normalste, die In-
    kontinenz. Wir haben aber gewiß recht, wenn wir für diese
    frühesten Vorfälle eine pathologische Erklärung ablehnen und
    in ihnen nur einen Beweis für die Absicht sehen, sich in
    der an die Entleerungsfunktion geknüpften Lust nicht stö-
    ren oder aufhalten zu lassen. Ein starkes Vergnügen an analen
    Witzen und Schaustellungen, wie es sonst der natürlichen

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 663

    Derbheit mancher Gesellschaftsklassen entspricht, hatte sich
    bei ihm bis über den Beginn der späteren Erkrankung
    erhalten.

    Zur Zeit der englischen Gouvernante traf es sich wieder-
    holt, daß er und die Nanja das Schlafzimmer der Verhaßten
    teilen mußten. Die Nanja konstatierte dann mit Verständnis,
    daß er gerade in diesen Nächten ins Bett gemacht hatte, was
    sonst lange nicht mehr der Fall gewesen war. Er schämte
    sich dessen gar nicht; es war eine Äußerung des Trotzes ge-
    gen die Gouvernante,

    Ein Jahr später (zu 4!/, Jahren), in der Angstzeit, pas-
    sierte es ihm, daß er bei Tage die Hose schmutzig machte.
    Er schämte sich entsetzlich, und jammerte, als er gereinigt
    wurde: er könne so nicht mehr leben. Dazwischen hatte sich
    also etwas verändert, auf dessen Spur wir durch die Ver-
    folgung seiner Klage geführt wurden. Es stellte sich heraus,
    daß er die Worte: so könne er nicht mehr leben, jemand an-
    derem nachgeredet hatte. Irgend einmal*) hatte ihn die Mutter
    mitgenommen, während sie den Arzt, der sie besucht hatte,
    zur Bahnstation begleitete, Sie klagte während dieses Weges
    über ihre Schmerzen und Blutungen und brach in die näm-
    lichen Worte aus: So kann ich nicht mehr leben, ohne zu er-
    warten, daß das an der Hand geführte Kind sie im Gedächtnis
    behalten werde, Die Klage, die er übrigens in seiner späteren
    Krankheit ungezählte Male wiederholen sollte, bedeutete also
    eine — Identifizierung mit der Mutter.

    Ein der Zeit und dem Inhalt nach fehlendes Mittelglied
    zwischen beiden Vorfällen stellte sich bald in der Erinnerung

    *) Es ist nicht näher bestimmt worden, wann es war, aber jeden-
    falls vor dem Angsttraum mit vier Jahren, wahrscheinlich vor der Reise
    der Eltern.

  • S.

    664 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.

    ein. Es geschah einmal zu Beginn us Angstzeit, daB die
    besorgte Mutter Warnungen ausgehen ließ, die Kinder vor
    der Dysenterie zu behüten, die in der Nàhe des Gutes aufge-
    treten war. Er erkundigte sich, was das sei, und als er ge-
    hort hatte, bei der Dysenterie finde man Blut im Stuhl, wurde
    er sehr ängstlich und behauptete, daß auch in seinem Stuhl-
    gang Blut sei; er fürchtete, an der Dysenterie zu sterben, lief
    sich aber durch die Untersuchung überzeugen, daß er sich
    geirrb habe und nichts zu fürchten brauche. Wir verstehen,
    daB sich in dieser Angst die Identifizierung mit der Mutter
    durchsetzen wollte, von deren Blutungen er im Gespräch mit
    dem Arzt gehört hatte. Bei seinem späteren Identifizierungs-
    versuch (mit 41/, Jahren) hatte er das Blut fallen gelassen;
    er verstand sich nicht mehr, vermeinte sich zu schämen und
    wußte nicht, daß er von Todesangst geschüttelt wurde, die
    sich in seiner Klage aber unzweideutig verriet.

    Die unterleibsleidende Mutter war damals überhaupt
    üngstlich für sich und die Kinder; es ist durchaus wahr-
    scheinlich, daß seine Angstlichkeit sich neben ihren eigenen Mo-
    tiven auf die Identifizierung mit der Mutter stützte.

    Was sollte nun die Identifizierung mit der Mutter be-
    deuten? i į

    Zwischen der kėcken Verwendung der Inkontinenz mit
    31/, Jahren und dem Entsetzen vor ihr mit 41/, Jahren liegt
    der Traum, mit dem seine Angstzeit begann, der ihm nach-
    triigliches Verständnis der mit 11/, Jahren erlebten Szene*)
    und Aufklärung über die Rolle der Frau beim Geschlechtsakt
    brachte. Es liegt nahe, auch die Wandlung in seinem Verhal-
    ten gegen die Defåkation mit dieser großen Umwålzung zu-
    sammenzubringen, Dysenterie war ihm offenbar der Name der
    り Siehe vorhin В. 625.

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 665

    Krankheit, über die er die Mutter klagen gehört hatte, mit
    der man nicht leben könne; die Mutter galt ihm nicht als
    unterleibs-, sondern als darmkrank. Unter dem Einfluß der
    Urszene erschlo sich ihm der Zusammenhang, daß die Mut-
    ter durch das, was der Vater mit ihr vorgenommen,%) krank
    geworden sei, und seine Angst, Blut im Stuhle zu haben,
    ebenso krank zu sein wie die Mutter, war die Ablehnung
    der Identifizierung mit der Mutter in jener sexuellen Szene,
    dieselbe Ablehnung, mit der er aus dem Traum erwacht war.
    Die Angst war aber auch der Beweis, daB er in der spåteren
    Bearbeitung der Urszene sich an die Stelle der Mutter ge-
    setzt, ihr diese Beziehung zum Vater geneidet hatte. Das Organ,
    an dem sich die Identifizierung mit dem Weibe, die passiv
    homosexuelle Einstellung zum Manne äußern konnte, war die
    Analzone. Die Stérungen in der Funktion dieser Zone hatten
    nun die Bedeutung von homosexuellen Zårtlichkeitsregungen
    bekommen und behielten sie auch wåhrend der spåteren Er-
    krankung bei.

    An dieser Stelle miissen wir nun einen Einwand an-
    hören, dessen Diskussion viel zur Klärung der scheinbar ver-
    worrenen Sachlage beitragen kann. Wir haben ja annehmen
    müssen, daß er während des Traumvorganges verstanden, das
    Weib sei kastriert, habe anstatt des männlichen Gliedes eine
    Wunde, die dem Geschlechtsverkehr diene, die Kastration sei
    die Bedingung der Weiblichkeit, und dieses drohenden Ver-
    lustes wegen habe er die feminine Einstellung zum Manne
    verdrångt und sei mit Angst aus der homosexuellen Schwår-
    merei erwacht. Wie vertrågt sich dies Verståndnis des Ge-
    schlechtsverkehrs, diese Anerkennung der Vagina, mit der Aus-
    wahl des Darmes zur Identifizierung mit dem Weib? Ruhen
    ー の Wobei er ja wahrscheinlich nicht irre ging.

  • S.

    666 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE, IV.

    die Darmsymptome nicht auf der wahrscheinlich älteren, der
    Kastrationsangst voll widersprechenden Auffassung, daß der
    Darmausgang die Stelle des sexuellen Verkehrs sei?

    Gewiß, dieser Widerspruch besteht, und die beiden Auf-
    fassungen vertragen sich gar nicht miteinander. Die Frage
    ist nur, ob sie sich zu vertragen brauchen. Unser Befremden
    rührt nur daher, daß wir immer geneigt sind, die unbewußten
    seelischen Vorgänge wie die bewuBten zu behandeln und an
    die tiefgehenden Verschiedenheiten der beiden psychischen
    Systeme zu vergessen. .

    Als die erregte Erwartung des Weihnachtstraumes ihm das
    Bild des einst beobachteten (oder konstruierten) Geschlechts-
    verkehres der Eltern vorzauberte, trat gewiß zuerst die alte
    Auffassung desselben auf, derzufolge die das Glied aufnehmende
    Korperstelle des Weibes der Darmausgang war. Was konnte er
    auch anderes geglaubt haben, als er mit 11/, Jahren Zuschauer
    dieser Szene war?) Aber nun kam das, was sich mit vier
    Jahren neu ereignete, Seine seitherigen Erfahrungen, die ver-
    nommenen Andeutungen der Kastration, wachten auf und
    warfen einen Zweifel auf die ,,Kloakentheorie“, legten ihm
    die Erkenntnis des Geschlechtsunterschiedes und der sexuel-
    len Holle des Weibes nahe. Er benahm sich dabei, wie sich
    überhaupt Kinder benehmen, denen man eine unerwünschte
    Aufklärung — eine sexuelle oder andersartige — gibt. Er
    verwarf das Neue — in unserem Falle aus Motiven der Ka-
    strationsangst — und hielt am Alten fest. Er entschied. sich
    für den Darm gegen die Vagina in derselben Weise und aus
    ähnlichen Motiven, wie er später, gegen Gott für den Vater
    Partei nahm. Die neue Aufklärung wurde abgewiesen, die alte
    Theorie festgehalten; die letztere durfte das Material für die
    ー つ Oder solange er den Koitus der Hunde nicht verstand,

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 667

    Identifizierung mit dem Weib abgeben, die später als Angst
    vor dem Darmtod auftrat, und fiir die ersten religiösen Skru-
    pel, ob Christus einen Hintern gehabt habe u. dgl. Nicht
    als ob die neue Einsicht wirkungslos geblieben wire; ganz im
    Gegenteile, sie entfaltete eine auBerordentlich starke Wir-
    kung, indem sie zum Motiv wurde, den ganzen Traumvorgang
    in der Verdrängung zu erhalten und von späterer bewuBter
    Verarbeitung auszuschließen. Aber damit war ihre Wirkung er-
    schöpft; auf die Entscheidung des sexuellen Problems nahm sie
    keinen Einfluß, Es war freilich ein Widerspruch, daß von da an
    Kastrationsangst bestehen konnte neben der Identifizierung
    mit dem Weib mittels des Darmes, aber doch nur ein logischer
    Widerspruch, was nicht viel besagt. Der ganze Vorgang ist
    vielmehr jetzt charakteristisch dafür, wie das Unbewußte arbei-
    tet. Eine Verdrängung ist etwas anderes als eine Verurteilung.
    Als-wir die Genese der Wolfsphobie studierten, verfolgten
    wir die Wirkung der neuen Einsicht in den geschlechtlichen
    Akt; jetzt, wo wir die Störungen der Darmtätigkeit untersuchen,
    befinden wir uns auf dem Boden der alten Kloakentheorie,
    Die beiden Standpunkte bleiben durch eine Verdrängungs-
    stufe voneinander getrennt. Die durch den Verdrängungsakt
    abgewiesene weibliche Einstellung zum Manne zieht sich gleich-
    sam in die Darmsymptomatik zurück und äußert sich in den
    häufig auftretenden Diarrhöen, Obstipationen und Darm-
    schmerzen der Kinderjahre. Die späteren sexuellen Phantasien,
    die auf der Grundlage richtiger Sexualerkenntnis aufgebaut
    sind, können sich nun in regressiver Weise als Darmstörungen
    äußern. Wir verstehen dieselben aber nicht, ehe wir den Be-
    deutungswandel des Kotes seit den ersten Kindheitszeiten auf-
    gedeckt haben.*)
    — vel: Uber Triebumsetzungen usw. Diese Sammlung У. (8, 139.)

  • S.

    668 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE, IV.

    Ich habe an einer friiheren Stelle erraten lassen, daB vom
    Inhalt der Urszene ein Stück zurückgehalten ist, das ich nun
    nachtragen kann. Das Kind unterbrach endlich das Bei-
    sammensein der Eltern durch eine Stuhlentleerung, die sein
    Geschrei motivieren konnte. Für die Kritik dieses Zusatzes
    gilt alles das, was ich vorhin. von dem anderen Inhalt derselben
    Szene in Diskussion gezogen habe. Der Patient akzeptierte
    diesen von mir konstruierten Schlußakt und schien ihn durch
    »passagere Symptombildung“ zu bestätigen. Ein weiterer Zu-
    satz, den ich vorgeschlagen hatte, daß der Vater über die
    Störung unzufrieden seinem Unmut durch Schimpfen Luft
    gemacht hatte, mußte wegfallen. Das Material der Analyse
    reagierte nicht darauf,

    Das Detail, das ich jetzt hinzugefügt habe, darf natür-
    lich mit dem anderen Inhalt der Szene nicht in eine Linie
    gestellt werden. Es handelt sich bei ihm nicht um einen Bin-
    druck von außen, dessen Wiederkehr man in soviel späteren
    Zeichen zu erwarten hat, sondern um eine eigene Reaktion
    des Kindes. Es würde sich an der ganzen Geschichte nichts
    ändern, wenn diese Äußerung damals unterblieben oder wenn
    sie von später her in den Vorgang der Szene eingesetzt wäre.
    Ihre Auffassung ist aber nicht zweifelhaft. Sie bedeutet eine
    Erregtheit der Analzone (im weitesten Sinne). In anderen
    Fällen ähnlicher Art hat eine solche Beobachtung des Sexual-
    verkehrs mit einer Harnentleerung geendigt; ein erwachsener
    Mann würde unter den gleichen Verhältnissen eine Erektion
    verspüren. Daß unser Knäblein als Zeichen seiner sexuellen
    Erregung eine Darmentleerung produziert, ist als Charakter
    seiner mitgebrachten Sexualkonstitution zu beurteilen. Er stellt
    sich sofort passiv ein, zeigt mehr Neigung zur späteren Iden-
    tifizierung mit dem Weibe als mit dem Manne,

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 669

    Er verwendet dabei den Darminhalt wie jedes andere
    Kind in einer seiner ersten und ursprünglichsten Bedeutungen,
    Der Kot ist das erste Geschenk, das erste Zårtlichkeits-
    opfer des Kindes, ein Teil des eigenen Leibes, dessen man sich
    entäußert, aber auch nur zu Gunsten einer geliebten. Person.*)
    Die Verwendung zum Trotz wie in unserem Falle mit 31/,
    Jahren gegen die Gouvernante ist nur die negative Wendung
    dieser früheren Geschenkbedeutung. Der „Grumus merdae“, den
    die Einbrecher am Tatorte hinterlassen, scheint beides zu be-
    deuten: den Hohn und die regressiv ausgedrückte Entschå-
    digung. Immer, wenn eine höhere Stufe erreicht ist, kann
    die friihere noch im negativ erniedrigten Sinne Verwendung
    finden. Die Verdrångung findet ihren Ausdruck in der Gegen-
    satzlichkeit.**)

    Auf einer späteren Stufe der Sexualentwicklung nimmt
    der Kot die Bedeutung des Kindes an. Das Kind wird ja
    durch den After geboren wie der Stuhlgang. Die Geschenk-
    bedeutung des Kotes läßt diese Wandlung leicht zu. Das Kind
    wird im Sprachgebrauch als ein „Geschenk“ bezeichnet; es
    wird häufiger vom Weibe ausgesagt, daß sie dem Manne „ein

    *) Ich glaube, es läßt sich leicht bestätigen, daß Säuglinge nur die
    Personen, die von ihnen gekannt und geliebt werden, mit ihren Exkremen-
    ten beschmutzen; Fremde würdigen sie dieser Auszeichnung nicht. In
    den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ habe ich die allererste Ver-
    wendung des Kotes zur autoerotischen Reizung der Darmsihleimhaut er-
    wåhnt; als Fortschritt schließt sich nun an, daß die Rücksicht auf ein
    Objekt fiir die Defåkation maßgebend wird, dem das Kind dabei gehorsam
    oder gefållig ist. Diese Relation setzt sich dann fort, indem sich auch
    das åltere Kind nur von gewissen bevorzugten Personen auf den Topf
    setzen, beim Urinieren helfen lift, wobei aber auch andere Befriedigungs-
    absichten in Betracht kommen.

    **) Es gibt im UnbewuBten bekanntlich kein „Nein“; Gegensätze fallen

    zusammen. Die Negation wird erst durch den Vorgang der Verdrängunz cin-
    geführt. E :

  • S.

    670 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.

    Kind geschenkt“ hat, aber im Gebrauch des UnbewuB-
    ten wird mit Recht die andere Seite des Verhältnisses, daß das
    Weib das Kind vom Manne als Geschenk „empfangen“ hat,
    ebenso berücksichtigt. ⑧ |

    Die Geldbedeutung des Kotes zweigt nach einer an-
    deren Richtung von der Geschenkbedeutung ab.

    Die frühe Deckerinnerung unseres Kranken, daß er einen
    ersten Wutanfall produziert, weil er zu Weihnachten nicht
    genug Geschenke bekommen habe, enthüllt nun ihren tie-
    feren Sinn. Was er vermifite, war die Sexualbefricdigung, die
    er anal gefaßt hatte. Seine Sexualforschung war vor dem Traum
    darauf vorbereitet und hatte es wåhrend des Traumvorganges
    begriffen, daß der Sexualakt das Rätsel der Herkunft der
    kleinen Kinder løse, Er hatte die kleinen Kinder schon vor
    dem Traum nicht gemocht. Einmal fand er einen kleinen,
    noch nackten Vogel, der aus dem Nest gefallen war, hielt ihn
    fir einen kleinen Menschen und grauste sich vor ihm. Die
    Analyse wies nach, daB all die kleinen Tiere, Raupen, Insek-
    ten, gegen die er wiitete, ihm kleine Kinder bedeutet hatten.*)
    Sein Verhältnis zur älteren Schwester hatte ihm Anlaß ge-
    geben, viel iiber die Beziehung der ålteren Kinder zu den jiin-
    geren nachzudenken; als ihm die Nanja einmal gesagt hatte,
    die Mutter habe ihn so lieb, weil er der jüngste sei, hatte er
    ein begreifliches Motiv bekommen zu wünschen, daß ihm kein
    jingeres Kind nachfolgen möge. Die Angst vor diesem jiing-
    sten wurde dann unter dem EinfluB des Traumes, der ihm den
    Verkehr der Eltern vorfiihrte, neu belebt.

    Wir sollen also zu den uns bereits bekannten eine neue
    Sexualstrómung hinzufügen, die wie die anderen von der im

    *) Ebenso das Ungeziefer, das in Träumen und Phobien häufig får
    die kleinen Kinder steht.

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 671

    Traum reproduzierten Urszene ausgeht. In der Identifizierung
    mit dem Weibe (der Mutter) ist er bereit, dem Vater ein
    Kind zu schenken, und eifersüchtig auf die Mutter, die das
    schon getan hat und vielleicht wieder tun wird.

    Auf dem Umweg über den gemeinsamen Ausgang der
    Geschenkbedeutung kann nun das Geld die Kindbedeutung an
    sich ziehen und solcher Art den Ausdruck der femininen
    (homosexuellen) Befriedigung übernehmen. Dieser Vorgang
    vollzog sich bei unserem Patienten, als er einmal zur Zeit,
    da beide Geschwister in einem deutschen Sanatorium weil-
    ten, sah, daß der Vater der Schwester zwei große Geldnoten
    gab. Er hatte den Vater in seiner Phantasie immer mit der
    Schwester verdächtigt; nun erwachte seine Eifersucht, er
    stürzte sich auf die Schwester, als sie allein waren, und for-
    derte mit solchem Ungestüm und mit solchen Vorwürfen
    seinen Anteil am Gelde, daß ihm die Schwester weinend das
    Ganze hinwarf. Es war nicht allein das reale Geld gewesen,
    das ihn gereizt hatte, viel mehr noch das Kind, die anale
    Sexualbefriedigung vom Vater, Mit dieser konnte er sich dann
    trösten, als — zu Lebzeiten des Vaters — die Schwester ge-
    storben war. Sein empörender Gedanke bei der Nachricht ihres
    Todes bedeutete eigentlich nichts anderes als: Jetzt bin ich
    das einzige Kind, jetzt muß der Vater mich allein lieb haben.
    Aber der homosexuelle Hintergrund dieser durchaus bewußt-
    seinsfähigen Erwägung war so unerträglich, daß ihre Ver-
    kleidung in schmutzige Habsucht wohl als große Erleichterung
    ermöglicht wurde. :

    Ahnlich wenn er nach dem Tode des Vaters der Mutter
    jene ungerechten Vorwürfe machte, daß sie ihn ums Geld
    betriigen wolle, daß sie das Geld lieber habe als ihn. Die
    alte Eifersucht, daß sie noch ein anderes Kind als ihn ge-

  • S.

    672 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.

    Tiebt, die Möglichkeit, daß sie sich noch nach ihm ein anderes
    Kind gewünscht, zwangen ihn zu Beschuldigungen, deren Halt-
    Josigkeit er selbst erkannte,
    | Durch diese Analyse der Kotbedeutung wird uns nun klar-
    gelegt, daB die Zwangsgedanken, die Gott in Verbindung mit
    Kot bringen mußten, noch etwas anderes bedeuteten als die
    Schmåhung, fiir die er sie erkannte. Sie waren vielmehr echte
    KompromiBergebnisse, an denen eine zärtliche, hingebende
    Strömung ebenso Anteil hatte wie eine feindselig beschimp-
    fende. , Gott — Kot“ war wahrscheinlich eine Abkürzung für
    ein Anerbieten, wie man es im Leben auch in ungekiirzter
    Form zu hören bekommt. „Auf Gott scheiBen“, „Gott etwas
    scheiBen“ heißt auch, ihm ein Kind schenken, sich von
    ihm ein Kind schenken lassen. Die alte negativ erniedrigte
    Geschenkbedeutung und die spåter aus ihr entwickelte Kind-
    bedeutung sind in den Zwangsworten miteinander vereinigt.
    In der letzteren kommt eine feminine Zårtlichkeit zum Aus-
    druck, die Bereitwilligkeit, auf seine Männlichkeit zu ver-
    zichten, wenn man dafür als Weib geliebt werden kann. Also
    gerade jene Regung gegen Gott, die in dem Wahnsystem des
    paranoischen Senatspråsidenten Schreber%) in unzweideutigen
    Worten ausgesprochen wird.

    Wenn ich später von der letzten Symptomlósung bei mei-
    nem Patienten berichten werde, wird sich noch einmal zcigen
    lassen, wie die Darmstórung sich in den Dienst der homosexuel-
    len Strómung gestellt und die feminine Einstellung zum Vater
    ausgedrückt hatte. Eine neue Bedeutung des Kotes soll uns jetzt
    den Weg zur Besprechung des Kastrationskomplexes bahnen.

    Indem die Kotsåule die erogene Darmschleimheit reizt,

    *) Siehe dessen Analyse in Sammlung Kl. Schriften 2. Neurosenlehre,
    Dritte Folge. ·

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 673

    spielt sie die Rolle eines aktiven Organs fiir dieselbe, benimmt
    sie sich wie der Penis gegen die Vaginalschleimhaut und wird
    gleichsam zum Vorläufer desselben in der Epoche der Kloake.
    Das Hergeben des Kotes zu Gunsten (aus Liebe zu) einer
    anderen Person wird seinerseits zum Vorbild der Kastration,
    es ist der erste Fall des Verzichtes auf ein Stück des eigenen
    Kórpers,*) um die Gunst eines geliebten Anderen zu ge-
    winnen. Die sonst narziBtische Liebe zu seinem Penis entbehrt
    also nicht eines Beitrages von seiten der Analerotik, Der Kot,
    das Kind, der Penis ergeben also eine Einheit, einen unbe-
    wuBten Begriff — sit venia verbo —, den des vom Körper ab-
    trennbaren Kleinen. Auf diesen Verbindungswegen konnen sich
    Verschiebungen und Verstårkungen der Libidobesetzung voll-
    Ziehen, die für die Pathologie von Bedeutung sind und von
    der Analyse aufgedeckt worden

    Die anfängliche Stellungnahme unseres Patienten gegen
    das Problem der Kastration ist uns bekannt geworden. Er
    verwarf sie und blieb auf dem Standpunkt des Verkehrs im
    After. Wenn ich gesagt habe, daß er sie verwarf, so ist die
    náchste Bedeutung dieses Ausdrucks, daf er von ihr nichts
    wissen wollte im Sinne der Verdrängung, Damit war eigent-
    lich kein Urteil über ihre Existenz gefállt, aber es war so
    gut, als ob sie nicht existierte. Diese Einstellung kann aber
    nicht die definitive, nicht einmal für die Jahre seiner Kind-
    heitsneurose geblieben sein. Spåterhin finden sich gute Be-
    weise dafür, daB er die Kastration als Tatsache anerkannt
    hatte. Er hatte sich auch in diesem Punkte benommen, wie
    es für sein Wesen kennzeichnend war, was uns allerdings die
    Darstellung wie die Einfühlung so auferordentlich erschwert.
    Er hatte sich zuerst gestråubt und dann nachgegeben, aber
    ー の Als welches der Kot durchaus vom Kinde behandelt wird.

    Freud, Neurosenlehre. IV. 43

  • S.

    674 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.

    die eine Reaktion hatte die andere nicht aufgehoben. Am
    Ende bestanden bei ihm zwei gegensåtzliche Strömungen neben-
    einander, von denen die eine die Kastration verabscheute, die
    andere bereit war, sie anzunehmen und sich mit der Weib-
    lichkeit als Ersatz zu trösten. Die dritte, älteste und tiefste,
    welche die Kastration einfach verworfen hatte, wobei das
    Urteil über ihre Realität noch nicht in Frage kam, war ge-
    wiß auch noch aktivierbar. Ich habe von eben diesem Pa-
    tienten an anderer Stelle*) cine Halluzination aus seinem
    fünften Jahr erzählt, zu der ich hier nur einen kurzen Kom-
    mentar hinzuzufügen habe:

    „Als ich fünf Jahre alt war, spielte ich im Garten ne-
    ben meiner Kinderfrau und schnitzelte mit meinem Taschen-
    messer an der Rinde eines jener Nußbäume, die auch in mei-
    nem Traum**) eine Rolle spielen +++) Plötzlich bemerkte ich
    mit unaussprechlichem Schrecken, daß ich mir den kleinen
    Finger der (rechten oder linken?) Hand so durchgeschnitten
    hatte, daß er nur noch an der Haut hing. Schmerz spürte ich
    keinen, aber eine große Angst. Ich getraute mich nicht, der
    wenige Schritte entfernten Kinderfrau etwas zu sagen, sank
    auf die nächste Bank und blieb da sitzen, unfähig, noch einen
    Blick auf den Finger zu werfen, Endlich wurde ich ruhig, faBte
    den Finger ins Auge, und siche da, er war ganz unverletzt.“

    *) Uber fausse reconnaissance (,,déjà raconté“) während der psycho-
    analytischen Arbeit. Intern. Zeitschr. f. ärztl. Psychoanalyse. I, 1913. (Diese
    Sammlung VI.)

    **) Vgl. Mårchenstoffe in Träumen. Intern. Zeitschr. f. årztl. Psycho-
    analyse, I, 2. Heft.

    ***) Korrektur bei späterer Erzählung: Ich glaube, ich schnitt nicht
    in den Baum. Das ist eine Verschmelzung mit einer anderen Erinnerung,
    die auch halluzinatorisch gefälscht sein muß, daß ich in einen Baum
    einen Schnitt mit dem Messer machte, und daß dabei Blut aus dem
    Baume kam. OR

  • S.

    XXXII AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 675

    Wir wissen, daß mit 41/, Jahren nach der Mitteilung
    der heiligen Geschichte bei ihm jene intensive Denkarbeit
    einsetzte, die in die Zwangsfrommigkeit auslief. Wir dürfen
    also annehmen, daß diese Halluzination in die Zeit fällt, in
    der er sich zur Anerkennung der Realität der Kastration ent-
    schloß, und dà sie vielleicht gerade diesen Schritt mar-
    kieren sollte. Auch die kleine Korrektur des Patienten ist
    nicht ohne Interesse, Wenn er dassclbe schaurige Erlebnis
    halluzinierte, das Tasso im ,,Befreiten Jerusalem“ von seinem
    Helden Tancred berichtet, so ist wohl die Deutung gerecht-
    fertigt, daß auch für meinen kleinen Patienten der Baum |
    ein Weib bedeutete. Er spielte also dabei den Vater und
    brachte die ihm bekannten Blutungen der Mutter mit der
    von ihm erkannten Kastration der Frauen, „der Wunde“, in
    Beziehung.

    Die Anregung zur Halluzination vom abgeschnittenen
    Finger gab ihm, wie er später berichtete, die Erzählung, daß
    einer Verwandten, die mit sechs Zehen geboren wurde, dieses
    Üüberzählige Glied gleich nachher mit einem Beil abgehackt
    wurde. Die Frauen hatten also keinen Penis, weil er ihnen
    bei der Geburt abgenommen wurde. Auf diesem Wege akzep-
    tierte er zur Zeit der Zwangsneurose, was er schon während
    des Traumvorganges erfahren und damals durch Verdrüngung
    von sich gewiesen hatte. Auch die rituelle Beschneidung Christi,
    wie der Juden überhaupt, konnte ihm während der Lektüre
    der heiligen Geschichte und der Gespräche über sie nicht
    unbekannt bleiben,

    Es ist ganz unzweifelhaft, daß ihm um diese Zeit der
    Valter zu jener Schreckensperson wurde, von der die Ka-
    stration droht. Der grausame Gott, mit dem er damals rang,
    der die Menschen schuldig werden läßt, um sie dann zu be-

    43*

  • S.

    676 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.

    strafen, der seinen Sohn und die Söhne der Menschen opfert,
    warf seinen Charakter auf den Vater zurück, den er ander-
    seits gegen diesen Gott zu verteidigen suchte. Der Knabe hat
    hier ein phylogenetisches Schema zu erfüllen und bringt es
    zu stande, wenngleich seine persönlichen Erlebnisse nicht dazu
    stimmen mögen, Die Kastrationsdrohungen oder Andeutungen,
    die er erfahren hatte, waren vielmehr von Frauen ausgegan-
    gen,*) aber das konnte das Endergebnis nicht für lange auf-
    halten. Am Ende wurde es doch der Vater, von dem er die
    Kastration befürchtete, In diesem Punkte siegte die Here-
    dität über das mkzidentelle Erleben; in der Vorgeschichte der
    Menschheit ist es gewiß der Vater gewesen, der die Kastra-
    tion als Strafe übte und sie dann zur Beschneidung ermiBigte.
    Je weiter er auch im Verlauf des Prozesses der Zwangsneurose
    in der Verdrängung der Sinnlichkeit kam,**) desto natürlicher
    mußte es ihm werden, den Vater, den eigentlichen Vertreter
    der sinnlichen Betätigung, mit solchen bösen Absichten aus-
    zustatten,

    Die Identifizierung des Vaters mit dem Kastrator***) wurde
    bedeutungsvoll als die Quelle einer intensiven, bis zum Todes-
    wunsch gesteigerten, unbewußten Feindseligkeit gegen ihn und
    der darauf reagierenden Schuldgefühle. Soweit benahm er sich
    aber normal, d. h. wie jeder Neurotiker, der von einem posi-
    tiven Ödipuskomplex besessen ist. Das Merkwürdige war dann,

    *) Wir wissen es von der Nanja und werden es von einer anderen
    Frau noch erfahren.

    **) Siehe die Belege dafür S. 653.

    ***( Zu den quälendsten, aber auch groteskesten Symptomen seines
    späteren Leidens gehörte sein Verhältnis zu jedem — Schneider, bei dem
    er ein Kleidungsstück bestellt hatte, sein Respekt und seine Schüchtern-
    heit vor dieser hohen Person, seine Versuche, sie durch unmäßige Trink-

    gelder für sich einzunehmen, und scino Verzweiflung üher den Erfolg der
    Arbeit, wie immer sie ausgefallen sein mochte.

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 677

    daß auch hiefür bei ihm eine Gegenstrómung existierte, bei
    der der Vater vielmehr der Kastrierte war und als solcher
    sein Mitleid herausforderte.

    “ Ich habe bei der Analyse des Atemzeremoniells beim An-
    blick von Kriippeln, Bettlern usw. zeigen können, daß auch
    dieses Symptom auf den Vater zuriickging, der ihm als Kran-
    ker bei dem Besuch in der Anstalt leid getan hatte. Die
    Analyse gestattete diesen Faden noch weiter zuriickzuver-
    folgen. Es gab in sehr frither Zeit, wahrscheinlich noch vor
    der Verführung (31/, Jahre) auf dem Gute einen armen Tag-
    lóhner, der das Wasser ins Haus zu tragen hatte. Er konnte
    nicht sprechen, angeblich weil man ihm die Zunge abgeschnit-
    ten hatte. Wahrscheinlich war es ein Taubstummer. Der Kleine
    liebte ihn sehr und bedauerte ihn vom Ilerzen. Als er ge-
    storben war, suchte er ihn am Himmel.*) Das war also der
    erste von ihm bemitleidete Krippel; nach dem Zusammen-
    hang und der Anreihung in der Analyse unzweifelhaft ein
    Vaterersatz,

    Die Analyse schloB an ihn die Erinnerung an andere ihm
    sympathische Diener an, von denen er hervorhob, daB sie
    kränklich oder Juden (Beschneidung!) gewesen waren. Auch
    der Lakai, der ihn bei seinem Malheur mit 41/, Jahren rei-
    nigen half, war ein Jude und schwindsüchtig und genoß sein
    Mitleid. Alle diese Personen fallen in die Zeit vor dem Be-
    such des Vaters im Sanatorium, also vor die Symptombil-
    dung, die vielmehr durch das Ausatmen eine Identifizierung
    mit den Bedauerten fernhalten sollte. Dann wandte sich die
    Analyse plötzlich im Anschluß an einen Traum in die Vorzeit

    *) Ich erwåhne in diesem Zusammenhange Träume, die später als
    der Angsttraum, aber noch auf dem ersten Gut vorfielen und die Koitus-
    szene als Vorgang zwischen Himmelskórpern darstellten ⑥

  • S.

    678 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.

    zurück und lief ihn die Behauptung aufstellen, daß er bei
    dem Koitus der Urszene des Verschwinden des Penis beob-
    achtet, den Vater darum bemitleidet und sich über das Wie-
    dererscheinen des verloren Geglaubten gefreut habe. Also eine
    neue Gefühlsregung, die wiederum von dieser Szene ausgeht.
    Der narziBtische Ursprung des Mitleids, für den das Wort
    selbst spricht, ist hier übrigens ganz unverkennbar.

    VIIL NACHTRAGE AUS DER URZEIT. — LOSUNG. i

    In vielen Analysen geht es so zu, daB, wenn man sich
    dem Ende nähert, plötzlich neues Erinnerungsmaterial auf-
    taucht, welches bisher sorgfältig verborgen gehalten wurde.
    Oder es wird einmal eine unscheinbare Bemerkung hinge-
    worfen, im gleichgültigen Ton, als wäre es etwas Uber-
    flüssiges, zu dieser kommt ein andermal etwas hinzu, was
    den Arzt bereits aufhorchen läßt, und endlich erkennt man
    in jenem geringgeschátzten Brocken Erinnerung den Schlüs-
    sel zu den wichtigsten Geheimmissen, welche die Neurose des
    Kranken umkleidete. ⑧

    Friihzeitig hatte mein Patient eine Erinnerung aus der
    Zeit erzåhlt, da seine Schlimmheit in Angst umzuschlagen
    pflegte. Er verfolgte einen schönen großen Schmetterling mit
    gelben Streifen, dessen große Flügel in spitze Fortsätze aus-
    liefen, — also einen Admiral. Plötzlich erfaßte ihn, als der
    Schmetterling sich auf eine Blume gesetzt hatte, eine schreck-
    liche Angst vor dem Tier und er lief schreiend davon,

    Diese Erinnerung kehrte von Zeit zu Zeit in der Analyse
    wieder und forderte ihre Erklärung, die sie lange nicht er-
    hielt. Es war doch von vornherein anzunehmen, daß ein sol-
    ches Detail nicht seinetwegen selbst einen Platz im Gedächt-
    nis behalten hatte, sondern als Deckerinnerung Wichtigeres