• S.

    644 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE, IV.

    erscheinende andere zu vertreten? Oder sollte ich im Inter-
    vall zwischen der ersten Niederschrift der Krankengeschichte
    und diesem Zusatz jene neuen Erfahrungen gemacht haben,
    die mich zur Abänderung meiner anfänglichen Auffassung
    genötigt haben, und wollte dies aus irgend welchen Motiven
    nicht eingestehen ① Ich gestehe dafür etwas anderes éin: daß ich
    die Absicht habe, die Diskussion über den Realwert der Urszene
    diesmal mit einem non liquet zu beschließen. Diese Kranken-
    geschichte ist noch nicht zu Ende; in ihrem weiteren Ver-
    lauf wird ein Moment auftauchen, welches die Sicherheit stort,
    deren wir uns jetzt zu erfreuen glauben. Dann wird wohl nichts
    anderes übrig bleiben als der Verweis auf die Stellen in meinen
    „Vorlesungen“, in denen ich das Problem der Urphantasien
    oder Urszenen behandelt habe.] ⑤ AE

    VI. DIE ZWANGSNEUROSE.

    Zum drittenmal erfuhr er nun eine Beeinflussung, die
    seine Entwicklung in entscheidender Weise abånderte. Als
    er 41/, Jahre alt war und sein Zustand von Reizbarkeit und
    Angstlichkeit sich noch immer nicht gebessert hatte, entschloB
    sich die Mutter, ihn mit der biblischen Geschichte bekannt
    zu machen, in der Hoffnung, ihn so abzulenken und zu er-
    heben, Es gelang ihr auch; die Einführung der Religion machte
    der bisherigen Phase ein Ende, brachte aber eine Ablösung
    der Angstsymptome durch Zwangssymptome mit sich. Er hatte
    bisher nicht leicht einschlafen können, weil er fürchtete, åhn-
    Tich schlechte Dinge zu träumen wie in jener Nacht vor Weih-
    nachten; es mußte jetzt vor dem Zubettgehen alle Heiligen-
    bilder im Zimmer küssen, Gebete hersagen und ungezåhlte
    Kreuze über seine Person und sein Lager schlagen.

  • S.

    2

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 645

    Seine Kindheit gliedert sich uns nun übersichtlich in
    folgende Epochen: erstens die Vorzeit bis zur Verfithrung
    (31/4 J.), in welche die Urszene fällt, zweitens, die Zeit der
    Charakterveränderung bis zum Angsttraum (4 J.), drittens, die
    der Tierphobie bis zur Einführung in die Religion (41/, J.),
    und von da an die der Zwangsneurose bis nach dem zehnten
    Jahr, Eine momentane und glatte Ersetzung einer Phase durch
    die nåchstfolgende liegt weder in der Natur der Verhältnisse,
    noch in der unseres Patienten, für den im Gegenteil die Ere
    haltung alles Vergangenen und die Koexistenz der verschieden-
    artigsten Strömungen charakteristisch waren, Die Schlimmheit
    schwand nicht, als die Angst auftrat, und setzte sich lang-
    sam abnehmend in die Zeit der Frömmigkeit fort, Von der
    Wolfsphobie ist aber Ш dieser letzten Phase nicht mehr die
    Rede. Die Zwangsneurose verlief diskontinuierlich; der erste
    Anfall war der längste und intensivste, andere traten zu acht
    und zu zehn Jahren auf, jedesmal nach Veranlassungen, die in
    ersichtlicher Beziehung zum Inhalt der Neurose standen,
    Die Mutter erzählte ihm die heilige Geschichte selbst und
    ließ ihm außerdem durch die Nanja aus einem Buch, das mit
    Illustrationen geschmückt war, darüber vorlesen. Das Haupt-
    gewicht bei der Mitteilung fiel natürlich auf die Passions-
    geschichte. Die Nanja, die sehr fromm und abergläubisch war,
    gab ihre Erläuterungen dazu, mußte aber auch alle Einwen-
    dungen und Zweifel des kleinen Kritikers anhören. Wenn die
    Kämpfe, die ihn nun zu erschüttern begannen, schließlich
    in einen Sieg des Glaubens ausliefen, so war der 18
    der Nanja nicht unbeteiligt daran,

    Was er mir als Erinnerung von seinen Reaktionen auf die
    Einführung in die Religion mitteilte, traf zunächst auf
    meinen entschiedenen Unglauben, Das konnten, meinte ich,

  • S.

    646 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV,

    nicht die Gedanken eines 41/,—5jåhrigen Kindes sein; wahr-
    scheinlich schob er in diese frühe Vergangenheit zurück, was
    aus dem Nachdenken des bald 30jåhrigen Erwachsenen ent-
    sprang.*) Allein der Patient wollte von dieser Korrektur nichts
    wissen; es gelang nicht, ihn wie bei so vielen anderen Urteils-
    verschiedenheiten zwischen uns zu überführen; der Zu-
    sammenhang seiner erinnerten Gedanken mit seinen berich-
    teten Symptomen sowie deren Einfügung in seine sexuelle
    Entwicklung nótigten mich schlieBlich, vielmehr ihm Glau-
    ben zu schenken. Ich sagte mir dann auch, daB gerade die
    Kritik gegen die Lehren der Religion, die ich dem Kinde
    nicht zutrauen wollte, nur von einer verschwindenden Minder-
    zahl der Erwachsenen zu stande gebracht wird

    Ich werde nun das Material seiner Erinnerungen vor-
    bringen und erst dann nach einem Weg suchen, der zum
    Verstándnis desselben führt.

    Der Eindruck, den er von der Erzáhlung der heiligen
    Geschichte empfing, war, wie er berichtet, anfangs kein an-
    genehmer. Er stråubte sich zuerst gegen den Leidenscharak-
    ter der Person Christi, dann gegen den ganzen Zusammen-
    hang seiner Geschichte. Er richtete seine unzufriedene Kritik
    gegen Gottvater. Wenn er allmåchtig sei, so sei es seine
    Schuld, daß die Menschen schlecht seien und andere quälen,
    wofür sie dann in die Holle kommen. Er hätte sie gut ma-
    chen sollen; er sei selbst verantwortlich für alles Schlechte
    EASTON machte auch wiederholt den Versuch, die Geschichte des
    Kranken wenigstens um ein Jahr vorzuschieben, also die Verführung auf
    41/, Jahre, den Traum auf den fiinften Geburtstag usw. zu verlegen. An
    den Intervallen war ja nichts zu gewinnen, allein der Patient blieb auch
    hierin unbeugsam, ohne mich übrigens vom letzten Zweifel daran be-
    freien zu können. Für den Eindruck, den seine Geschichte macht, und

    alle daran geknüpften Erórterungen und Folgerungen wäre ein solcher Auf-
    schub um ein Jahr offenbar gleichgültig.

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 647

    und alle Qualen, Er nahm AnstoB an dem Gebot, die andere
    Wange hinzuhalten, wenn man einen Schlag auf die eine
    empfangen habe, daran, daß Christus am Kreuz gewünscht
    habe, der Kelch solle an ihm voriibergehen, aber auch daran,
    daß kein Wunder geschehen sei, um ihn als Gottes Sohn zu
    erweisen, So war also sein Scharfsinn geweckt und wußte
    mit unerbittlicher Strenge die Schwächen der heiligen Dich-
    tung auszuspiiren,

    Zu dieser rationalistischen Kritik gesellten sich aber sehr
    bald Griibeleien und Zweifel, die uns die Mitarbeit geheimer
    Regungen verraten können, Eine der ersten Fragen, dic er
    an die Nanja richtete, war, ob Christus auch einen Hintern
    gehabt habe. Die Nanja gab die Auskunft, er sei ein Gott ge-
    wesen und auch ein Mensch. Als Mensch habe er alles ge-
    habt und getan wie die anderen Menschen. Das befriedigte
    ihn nun gar nicht, aber er wußte sich selbst zu trösten, in-
    dem er sich sagte, der Hintere sei ja nur die Fortsetzung
    der Beine. Die kaum beschwichtigte Angst, die heilige Per-
    son erniedrigen zu müssen, flammte wieder auf, als ihm die
    weitere Frage auftauchte, ob Christus auch geschissen habe.
    Die Frage getraute er sich nicht, der frommen Nanja vorzu-
    legen, aber er fand selbst eine Ausflucht, die sie ihm nicht
    hätte besser zeigen können, Da Christus Wein aus dem Nichts
    gemacht, hätte er auch das Essen zu nichts machen und
    sich so die Defåkation ersparen können,

    Wir werden uns dem Verståndnis dieser Griibeleien nåhern,
    wenn wir an ein vorhin besprochenes Stiick seiner Sexual-
    entwicklung ankniipfen. Wir wissen, daf sich sein Sexual-
    leben seit der Zurückweisung durch die Nanja und die damit
    verbundene Unterdriickung der beginnenden Genitalbetåtigung
    nach den Richtungen des Sadismus und Masochismus ent-

  • S.

    648 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.

    wickelt hatte. Er quålte, miBhandelte kleine Tiere, phanta-
    sierte vom Schlagen der Pferde, anderseits vom Geschlagen-
    werden des Thronfolgers.*) Im Sadismus hielt er die uralte
    Identifizierung mit dem Vater aufrecht, im Masochismus hatte
    er sich diesen zum Sexualobjekt erkoren. Er befand sich voll
    in einer Phase der prågenitalen Organisation, in welcher ich
    die Disposition zur Zwangsneurose erblicke. Durch die Ein-
    wirkung jenes Traumes, der ihn unter den EinfluB der Ur-
    szene brachte, håtte er den Fortschritt zur genitalen Organi-
    sation machen und seinen Masochismus gegen den Vater in
    feminine Einstellung gegen ihn, in Homosexualitåt, verwan-
    deln kånnen. Allein dieser Traum brachte den Fortschritt
    nicht, er ging in Angst aus. Das Verhåltnis zom Vater, das
    von dem Sexualzicl, von ihm gezüchtigt zu werden, zum näch-
    sten Ziel hätte führen sollen, vom Vater koitiert zu werden
    wie ein Weib, wurde durch den Einspruch seiner narzib-
    stischen Männlichkeit auf eine noch primitivere Stufe zurück-
    geworfen und unter Verschiebung auf einen Vaterersatz als
    Angst, vom Wolf gefressen zu werden, abgespalten, aber keines-
    wegs auf diese Weise erledigt. Vielmehr können wir dem kom-
    pliziert erscheinenden Sachverhalt nur gerecht werden, wenn
    wir an der Koexistenz der drei auf den Vater zielenden Sexual-
    strebungen festhalten. Er war vom Traume an im Unbewubten
    homosexuell, in der Neurose auf dem Niveau des Kannibalis-
    mus; herrschend blieb die frühere masochistische Einstellung.
    Alle drei Strömungen hatten passive Sexualziele; es war das-
    selbe Objekt, die nümliche Sexualregung, aber es hatte sich
    eine Spaltung derselben nach drei verschiedenen Niveaus
    herausgebildet.

    Die Kenntnis der heiligen Geschichte gab ihm nun die

    *) Besonders von Schlägen auf den Penis. S. 601.

  • S.

    7 XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 649

    Möglichkeit, die vorherrschende masochistische Einstellung
    zum Vater zu sublimieren. Er wurde Christus, was ihm durch
    den gleichen Geburtstag besonders erleichtert war. Damit war
    er etwas Großes geworden und auch — worauf vorläufig noch
    nicht genug Akzent fiel — ein Mann. In dem Zweifel, ob
    Christus einen Hintern haben kann, schimmert die verdrångte
    homosexuelle Einstellung durch, denn die Griibelei konnte
    nichts anderes bedeuten, als die Frage, ob er vom Vater ge-
    braucht werden könne wie ein Weib, wie die Mutter in der
    Urszene. Wenn wir zur Auflösung der anderen Zwangsideen
    kommen, werden wir diese Deutung beståtigt finden. Der Ver-
    drångung der passiven Homosexualitåt entsprach nun das Be-
    denken, daß es schimpflich sei, die heilige Person mit sol-
    chen Zumutungen in Verbindung zu bringen. Man merkt, er
    bemiihte sich, seine neue Sublimierung von dem Zusatz frei-
    zuhalten, den sie aus den Quellen des Verdrångten bezog.
    Aber es gelang ihm nicht.

    Wir verstehen es noch nicht, warum er sich nun auch
    gegen den passiven Charakter Christi und gegen die Miß-
    handlung durch den Vater stråubte, und damit auch sein
    bisheriges masochistisches Ideal, selbst in seiner Sublimierung,
    zu verleugnen begann. Wir dürfen annehmen, daß dieser zweite
    Konflikt dem Hervortreten der erniedrigenden Zwangsgedan-
    ken aus dem ersten Konflikt (zwischen herrschender maso-
    chistischer und verdrängter homosexueller Strömung) beson-
    ders günstig vor, denn es ist nur natürlich, daß sich in einem
    seelischen Konflikt alle Gegenstrebungen, wenn auch aus
    den verschiedensten Quellen, miteinander summieren. Das
    Motiv seines Sträubens und somit der an der Religion ge-
    übten Kritik werden wir aus neuen Mitteilungen kennen
    lernen,

  • S.

    650 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE, 1V.

    Aus den Mitteilungen über die heilige Geschichte hatte
    auch seine Sexualforschung Gewinn gezogen. Bisher hatte er
    keinen Grund zur Annahme gehabt, daß die Kinder nur von
    der Frau kommen, Im Gegenteile, die Nanja hatte ihn glau-
    ben lassen, er sei das Kind des Vaters, die Schwester das
    der Mutter, und diese nähere Beziehung zum Vater war ihm
    sehr wertvoll gewesen, Nun hörte er, daß Maria die Gottes-
    gebärerin hieß. Also kamen die Kinder von der Frau und
    die Angabe der Nanja war nicht mehr zu halten, Ferner wurde
    er durch die Erzählungen irre gemacht, wer eigentlich der
    Vater Christi war. Er war geneigt, Josef dafiir zu halten,
    denn er hörte ja, daß sie immer mitsammen gelebt hatten,
    aber die Nanja sagte: Josef war nur wie sein Vater, der
    eigentliche Vater sei Gott gewesen. Daraus konnte er nichts
    machen. Er verstand nur soviel, wenn man überhaupt darüber
    diskutieren konnte, so. war das Verhältnis zwischen Vater
    und Sohn kein so inniges, wie er sich’s immer vorgestellt hatte.

    Der Knabe fühlte gewissermaßen die Gefühlsambivalenz
    gegen den Vater, die in allen Religionen niedergelegt ist,
    heraus und griff seine Religion wegen der Lockerung dieses

    Vaterverhältnisses an. Natürlich hörte seine Opposition bald |

    auf, ein Zweifel an der Wahrheit der. Lehre zu sein, und
    wandte sich dafür direkt gegen die Person Gottes. Gott hatte
    seinen Sohn hart und grausam behandelt, aber er war nicht
    besser gegen die Menschen. Er hatte seinen Sohn geopfert
    und dasselbe von Abraham gefordert. Er begann Gott zu
    fürchten.

    Wenn er Christus war, so war der Vater Gott. Aber
    der Gott, den ihm die Religion aufdrångte, war kein rich-
    tiger Ersatz fir den Vater, den er geliebt hatte, und den er
    sich nicht wollte rauben lassen. Die Liebe zu diesem Vater

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 651

    schuf ihm seinen kritischen Scharfsinn. Er wehrte sich ge-
    gen Gott, um am Vater festhalten zu können, verteidigte
    dabei eigentlich den alten Vater gegen den neuen. Er hatte da
    ein schwieriges Stück der Ablösung vom Vater zu vollbringen.

    Es war also die alte, in frithester Zeit offenbar gewor-
    dene Liebe zu seinem Vater, der er die Energie zur Bekämpfung
    Gottes und den Scharfsinn zur Kritik der Religion entnahm.
    Aber anderseits war diese Feindseligkeit gegen den neuen
    Gott auch kein urspriinglicher Akt, sie hatte ein Vorbild in
    einer feindseligen Regung gegen den Vater, die unter dem
    Einfluß des Angsttraumes entstanden war, und war im Grunde
    nur ein Wiederaufleben derselben, Die beiden gegensåtzlichen
    Gefiihlsregungen, die sein ganzes spåteres Leben regieren soll-
    ten, trafen sich hier zum Ambivalenzkampfe beim Thema der
    Religion. Was sich aus diesem Kampf als Symptom ergab,
    die blasphemischen Ideen, der Zwang, der ihn überfiel,
    Gott — Dreck, Gott — Schwein zu denken, war darum auch ein
    richtiges Kompromifergebnis, wie die Analyse dieser Ideen
    im Zusammenhange der Analerotik uns zeigen wird.

    Einige andere Zwangssymptome von minder typischer Art
    führen ebenso sicher auf den Vater, lassen aber auch den
    Zusammenhang der Zwangsneurose mit den früheren Zufållen
    erkennen.

    Zu dem Frómmigkeitszeremoniell, mit dem er am Ende
    seine Gotteslästerungen sühnte, gehörte auch das Gebot,
    unter gewissen Bedingungen in feierlicher Weise zu atmen.
    Beim Kreuzeschlagen mußte er jedesmal tief einatmen oder
    stark aushauchen. Hauch ist in seiner Sprache gleich Geist.
    Das war also die Rolle des Heiligen Geistes. Er mußte den
    Heiligen Geist einatmen oder die bösen Geister, von denen
    er gehört und gelesen hatte,*) ausatmen. Diesen bösen Gei-

  • S.

    652 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE, IV.

    stern schrieb er auch die blasphemischen Gedanken zu, fiir
    die er sich soviel Buße auferlegen mußte, Er war aber ge-
    nôtigt auszuhauchen, wenn er Bettler, Krüppel, häßliche, alte,
    erbarmenswerte Leute sah, und diesen Zwang verstand er nicht,
    mit den Geistern zusammenzubringen, Er gab sich selbst nur
    die Rechenschaft, er tue es, um nicht zu werden wie diese.

    Dann brachte die Analyse im AnschluB an einen Traum
    die Aufklirung, daB das Ausatmen beim Anblick der be-
    dauernswerten Personen erst nach dem sechsten Jahr be-
    gonnen hatte und an den Vater anschloB. Er hatte den Vater
    lange Monate nicht gesehen, als die Mutter einmal sagte,
    sie wiirde mit den Kindern in die Stadt fahren und ihnen
    etwas zeigen, was sie sehr erfreuen wiirde. Sie brachte sie
    dann in ein Sanatorium, in dem sie den Vater wiedersahen ;
    er sah schlecht aus und tat dem Sohne sehr leid. Der Vater
    war also auch das Urbild all der Krüppel, Bettler und Armen,
    vor denen er ausatmen mußte, wie er sont das Urbild der
    Fratzen ist, die man in Angstzuständen sieht, und der Kari-
    katuren, die man zum Hohne zeichnet. Wir werden noch an
    anderer Stelle erfahren, daB diese Mitleidseinstellung auf ein
    besonderes Detail der Urszene zurückgeht, welches so spit
    in der Zwangsneurose zur Wirkung kam.

    Der Vorsatz, nicht zu werden wie diese, der sein Aus-
    atmen vor den Kriippeln motivierte, war also die alte Vater-
    identifizierung, ins Negativ gewandelt. Doch kopierte er dabei
    den Vater auch im positiven Sinne, denn das starke Atmen
    war eine Nachahmung des Geråusches, das er beim Koitus vom
    Vater ausgehend gehört hatte.**) Der Heilige Geist dankte

    *) Dies Symptom hatte sich, wie wir hören werden, nach dem sechsten
    Jahr, als er lesen konnte, entwickelt.
    **) Die reale Natur der Urszene vorausgesetzt!

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 653

    seinen Ursprung diesem Zeichen der sinnlichen Erregung des
    Mannes. Durch die Verdrängung wurde dies Atmen zum bô-
    sen Geist, fiir den noch eine andere Genealogie bestand, die
    Malaria nämlich, an der er zur Zeit der Urszene gelitten
    hatte. ј

    Die Ablehnung dieser bösen Geister entsprach einem un-
    verkennbar asketischen Zug, der sich noch in anderen Reak-
    tionen äußerte, Als er hörte, daß Christus einmal böse Gei-
    ster in Säue gebannt hatte, die dann in einen Abgrund stürz-
    ten, dachte er daran, daß die Schwester in ihren ersten
    Kinderjahren vor seiner Erinnerung vom Klippenweg des Ha-
    fens an den Strand herabgerollt war. Sie war auch so ein
    böser Geist und eine Sau; von hier führte ein kurzer Weg
    zu Gott— Schwein. Der Vater selbst hatte sich als ebenso
    von Sinnlichkeit beherrscht erwiesen. Als er die Geschichte
    der ersten Menschen erfuhr, fiel ihm die Ähnlichkeit seines
    Schicksals mit dem Adams auf. Er wunderte sich heuch-
    Jerischerweise im Gespräch mit der Nanja, daß Adam sich
    durch ein Weib hatte ins Unglück stürzen lassen, und ver-
    sprach der Nanja, er werde nie heiraten. Eine Verfeindung
    mit dem Weibe wegen der Verführung durch die Schwester
    schaffte sich um diese Zeit starken Ausdruck. Sie sollte ihn
    in seinem späteren Liebesleben noch oft genug stören. Die
    Schwester wurde ihm zur dauernden Verkörperung der Ver-
    suchung und der Sünde, Wenn er gebeichtet hatte, kam er
    sich rein und sündenfrei vor, Dann schien es ihm aber, als
    ob die Schwester darauf lauerte, ihn wieder in Sünde zu
    stürzen, und ehe er sich’s versah, hatte er eine Streitszene mit
    der Schwester provoziert, durch die er wieder sündig wurde,
    So war er genötigt, die Tatsache der Verführung immer wie-
    der von Neuem zu reproduzieren, Seine blasphemischen Ge-

  • S.

    654 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.

    danken hatte er übrigens, so sehr sie ihn drückten, niemals
    in der Beichte preisgegeben.

    Wir sind unversehens in die Symptomatik der späteren
    Jahre ‘der Zwangsneurose geraten und wollen darum mit
    Hinwegsetzung über soviel, was dazwischen liegt, über ihren
    Ausgang berichten. Wir wissen schon, daß sie, von ihrem
    permanenten Bestand abgesehen, zeitweise Verstärkungen
    erfuhr, das eine Mal, was uns noch nicht durchsichtig
    sein kann, als ein Knabe in derselben Straße starb,
    mit dem er sich identifizieren konnte. Als er zehn Jahre alt
    war, bekam er einen deutschen Hofmeister, der sehr bald
    großen Einfluß auf ihn gewann. Es ist sehr lehrreich, daB
    seine ganze schwere Frömmigkeit dahinschwand, um nie
    wieder aufzuleben, nachdem er gemerkt und in belehrenden
    Gesprächen mit dem Lehrer erfahren hatte, daß dieser Vater-
    ersatz keinen Wert auf Frómmigkeit legte und nichts von der
    Wahrheit der Religion hielt. Die Frómmigkeit fiel mit der
    Abhängigkeit vom Vater, der nun von einem neuen, umging-
    licheren Vater abgelöst wurde. Dies geschah allerdings nicht
    ohne ein letztes Aufflackern der Zwangsneurose, von dem der
    Zwang besonders erinnert wurde, an die Heilige Dreieinigkeit
    zu denken, so oft er auf der Straße drei Háufchen Kot bei-
    sammenlicgen sah. Er gab eben nie einer Anregung nach, ohne
    noch éinen Versuch zu machen, das Entwertete festzuhalten.
    Als der Lehrer ihm von den Grausamkeiten gegen die kleinen
    Tiere abredete, machte er auch diesen Untaten ein Ende, aber
    nicht, ohne sich vorher noch einmal im Zerschneiden von
    Raupen gründlich genug getan zu haben. Er benahm sich
    noch in der analytischen Behandlung ebenso, indem er eine
    passagere ,negative Reaktion" entwickelte; nach jeder ein-
    schneidenden Lósung versuchte er für eine kurze Weile, deren

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 655

    Wirkung durch eine Verschlechterung des geldsten Symptoms
    zu negieren. Man weiB, daß Kinder sich ganz allgemein ähn-
    lich gegen Verbote benchmen, Wenn man sie angefahren hat,
    weil sie z B. ein unleidliches Geräusch produzieren, so wieder-
    holen sie es nach dem Verbot noch einmal, ehe sie damit
    aufhören, Sie haben dabei erreicht, daß sie anscheinend frei-
    willig aufgehört und dem Verbot getrotzt haben.

    Unter dem EinfluB des deutschen Lehrers entstand eine
    neue und bessere Sublimierung seines Sadismus, der entspre-
    chend der nahen Pubertåt damals die Oberhand iiber den
    Masochismus gewonnen hatte. Er begann fiirs Soldatenwesen
    zu schwårmen, får Uniformen, Waffen und Pferde, und nåhrte
    damit kontinuierliche Tagtråume, So war er unter dem Ein-
    fluB eines Mannes von seinen passiven Einstellungen losge-
    kommen und befand sich zunåchst in ziemlich normalen
    Bahnen. Eine Nachwirkung der Anhånglichkeit an den Lehrer,
    der ihn bald darauf verlieB, war es, daf er in seinem spå-
    teren Leben das deutsche Element (Arzte, Anstalten, Frauen)
    gegen das heimische (Vertretung des Vaters) bevorzugte,
    woraus noch die Übertragung in der Kur großen Vorteil zog.

    In die Zeit vor der Befreiung durch den Lehrer fållt
    noch ein Traum, den ich erwåhne, weil er bis zu seiner Ge-
    legenheit in der Kur vergessen war. Er sah sich auf einem
    Pferd reitend von einer riesigen Raupe verfolgt. Er erkannte
    in dem Traum eine Anspielung auf einen früheren aus der
    Zeit vor dem Lehrer, den wir längst gedeutet hatten. In
    diesem früheren Traum sah er den Teufel im schwarzen Ge-
    wand und in der aufrechten Stellung, die ihn seinerzeit am
    Wolf und am Lowen so sehr erschreckt hatte, Mit dem ausge-
    streckten Finger wies er auf eine riesige Schnecke hin. Er
    hatte bald erraten, daB dieser Teufel der Dåmon aus einer

  • S.

    656 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.

    bekannten Dichtung, der Traum selbst die Umarbeitung eines
    sehr verbreiteten Bildes sei, das den Dämon in einer Liebes-
    szene mit einem Madchen darstellte. Die Schnecke war an
    der Stelle des Weibes als exquisit weibliches Sexualsymbol.
    Durch die zeigende Gebärde des Dämons geleitet, konnten
    wir bald als den Sinn des Traumes angeben, daß er sich nach
    jemand sehne, der ihm die letzten noch fehlenden Beleh-
    rungen über die Rätsel des Geschlechtsverkehrs geben sollte,
    wie seinerzeit der Vater in der Urszene die ersten.

    Zu dem späteren Traum, in dem das weibliche Symbol
    durch das ménnliche ersetzt war, erinnerte er ein bestimmtes
    Erlebnis kurz vorher. Er ritt eines Tages auf dem Land-

    “gut an einem schlafenden Bauern vorüber, neben dem sein
    Junge lag. Dieser weckte den Vater und sagte ihm etwas,
    worauf der Vater den Reitenden zu beschimpfen und zu ver-
    folgen begann, so daß er sich rasch auf seinem Pferd ent-
    fernte. Dazu die zweite Erinnerung, daß es-auf demselben
    Gut Bäume gab, die ganz weiß, ganz von Raupen umsponnen
    waren. Wir verstehen, daß er auch vor der Realisierung der
    Phantasie die Flucht ergriff, daß der Sohn beim Vater schlafe,
    und daß er die weißen Bäume heranzog, um eine Anspielung
    an den Angsttraum von den weißen Wölfen auf dem Nuß-
    baum herzustellen. Es war also ein direkter Ausbruch der
    Angst vor jener femininen Einstellung zum Mann, gegen
    die er sich zuerst durch die religiöse Sublimierung geschützt
    hatte und bald durch die militärische noch wirksamer schüt-
    zen sollte,

    Es wäre aber ein großer Irrtum anzunehmen, daß nach
    der Aufhebung der Zwangssymptome keine permanenten Wir-
    kungen der Zwangsneurose übrig geblieben wären. Der Prozeß
    hatte zu einem Sieg des frommen Glaubens über die kritisch

  • S.

    XXXII, AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 657

    forschende Auflehnung geführt und hatte die Verdrängung
    der homosexuellen Einstellung zur Voraussetzung gehabt. Aus
    beiden Faktoren ergaben sich dauernde Nachteile, Die in-
    tellektuelle Betåtigung blieb seit dieser ersten groBen Nieder-
    lage schwer geschådigt. Es entwickelte sich kein Lerneifer,
    es zeigte sich nichts mehr von dem Scharfsinn, der seinerzeit
    im zarten Alter von fiinf Jahren die Lehren der Religion kri-
    tisch zersetzt hatte. Die wåhrend jenes Angsttraumes erfolgte
    Verdrångung der iiberstarken Homosexualitåt reservierte diese
    bedeutungsvolle Regung fiir das UnbewuBte, erhielt sie so bei
    der ursprünglichen Zieleinstellung und entzog sie all den
    Sublimierungen, zu denen sie sich sonst bietet. Es fehlten
    dem Patienten darum alle die sozialen Interessen, welche dem
    Leben Inhalt geben. Erst als in der analytischen Kur die
    Lösung dieser Fesselung der Homosexualität gelang, konnte
    sich der Sachverhalt zum Besseren wenden, und es war sehr
    merkwürdig mitzuerleben, wie — ohne direkte Mahnung des
    Arztes — jedes befreite Stück der homosexuellen Libido eine
    Anwendung im Leben und eine Anheftung an die großen ge-
    meinsamen Geschäfte der Menschheit suchte.

    VII. ANALEROTIK UND KASTRATIONSKOMPLEX.

    Ich bitte den Leser sieh zu erinnern, daB ich diese Ge-
    schichte einer infantilen Neurose sozusagen als Nebenprodukt
    wåhrend der Analyse einer Erkrankung im reiferen Alter ge-
    wonnen habe. Ich mußte sie also aus noch kleineren Brocken
    zusammensetzen, als sonst der Synthese zu Gebote stehen.
    Diese sonst nicht schwierige Arbeit findet eine natürliche
    Grenze, wo es sich darum handelt, ein vieldimensionales Ge-
    bilde in die Ebene der Deskription zu bannen. Ich muß mich
    also damit begniigen, Gliederstiicke vorzulegen, die der Le-

    Freud, Neurosenlehre. IV 42