Die Zukunft einer Illusion1927-001/1927.02
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    sagten und dem jetzt Vor-
    der manifesten Motivierung des Vaterkomplex und der
    Hilflosigkeit und Schutzbedürftigkeit des Menschen auf-
    zuzeigen.

    Diese Verbindungen sind nicht schwer zu finden. Es
    sind die Beziehungen der Hilflosigkeit des Kindes zu
    der sie fortsetzenden des Erwachsenen, so daß wie zu
    erwarten stand, die psychoanalytische Motivierung der
    Religionsbildung der infantilen Beitrag zu ihrer mani-
    festen Motivierung wird. Versetzen wir uns in das
    Seelenleben des kleinen Kindes. Sie erinnern sich an
    die Objektwahl nach dem Anlehnungstypus, von dem die
    Analyse spricht? Die Libido folgt den Wegen der nar-
    zißtischen Bedürfnisse und heftet sich an die Objekte,
    welche deren Befriedigung versichern. So wird die Mutter,
    die den Hunger befriedigt, zum ersten Liebesobjekt und
    gewiß auch zum ersten Schutz gegen alle die unbe-
    stimmten, in der Außenwelt drohenden Gefahren, zum
    ersten Angstschutz, dürfen wir sagen.

    In dieser Funktion wird die Mutter bald von dem
    stärkeren Vater abgelöst, dem sie nun über die ganze
    Kindheit verbleibt. Das Verhältnis zum Vater ist aber
    mit einer eigentümlichen Ambivalenz behaftet. Er war
    selbst eine Gefahr, vielleicht von dem früheren Verhält-
    nis zur Mutter her. So fürchtet man ihn nicht minder,
    als man sich nach ihm sehnt und ihn bewundert. Die
    Anzeichen dieser Ambivalenz des Vaterverhältnisses sind
    allen Religionen tief eingeprägt, wie auch in »Totem und
    Tabu« ausgeführt wird. Wenn nun der Heranwachsende
    merkt, daß es ihm bestimmt ist, immer ein Kind zu
    bleiben, daß er des Schutzes gegen fremde Übermächte
    nie entbehren kann, verleiht er diesen die Züge der
    Vatergestalt, er schafft sich die Götter, vor denen er sich
    fürchtet, die er zu gewinnen sucht und denen er doch
    seinen Schutz überträgt. So ist das Motiv der Vater-
    sehnsucht identisch mit dem Bedürfnis nach Schutz gegen
    die Folgen der menschlichen Ohnmacht, die Abwehr
    der kindlichen Hilflosigkeit, die der Erwachsene aner-
    kennen muß, die Hilflosigkeit, die der Erwachsene aner-
    kennen muß, ihre charakteristischen Züge eben der
    Religionsbildung, ihre charakteristischen Züge eben der
    Gottesidee weiter zu erforschen; wir haben es hier mit
    dem fertigen Schatz von religiösen Vorstellungen zu
    tun, wie ihn die Kultur dem Einzelnen übermittelt.

    V

    Um den Faden der Untersuchung wieder aufzunehmen:
    Welches ist also die psychologische Bedeutung der reli-
    giösen Vorstellungen, und was können wir sie klassifi-
    zieren? Die Frage ist zunächst gar nicht leicht zu be-
    antworten. Nach Abweisung verschiedener Formulierung
    wird man bei der einen stehen bleiben: Es sind Lehr-
    sätze, Aussagen über Tatsachen und Verhältnisse der
    äußeren (oder inneren) Realität, die etwas mitteilen, was
    man selbst nicht gefunden hat und die beanspruchen, daß
    man ihnen Glauben schenkt. Da Auskunft geben über
    das für Wichtigste und Interessanteste im Leben, werden
    sie besonders hochgeschätzt. Wer nichts von ihnen weiß,
    ist sehr unwissend, wer sie in sein Wissen aufgenom-
    men hat, darf sich für sehr bereichert halten.

    Es gibt natürlich viele solche Lehrsätze über die ver-
    schiedenartigsten Dinge dieser Welt. Jede Schulstunde ist
    voll von ihnen. Wählen wir die geographische. Wir
    hören da: Konstanz liegt am Bodensee. Ein Studenten-
    lied setzt hinzu: Wer's nicht glaubt, geh' hin und seh'.
    Ich war zufällig dort und kann bestätigen, die schöne
    Stadt liegt am Ufer eines weiten Gewässers, das alle
    Umwohnenden Bodensee heißen. Ich bin jetzt auch von

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    der Richtigkeit dieser geographischen Behauptung voll-
    kommen überzeugt. Dabei erinnere ich mich an ein an-
    deres, sehr merkwürdiges Erlebnis. Ich war schon ein
    gereifter Mann, als ich zum erstenmal auf dem Hügel
    der athenischen Akropolis stand, zwischen den Tempel-
    ruinen, mit dem Blick aufs blaue Meer. In meine Be-
    glückung mengte sich ein Gefühl von Erstaunen, das
    mir die Deutung eingab: „Also ist das wirklich so, wie
    wir’s in der Schule gelernt hatten! Was für seichten und
    straflosen Glauben an die reale Wahrheit des Gehörten
    muß ich damals erworben haben, wenn ich heute so er-
    staunt sein kann!“ Aber ich will die Bedeutung dieses
    Erlebnisses nicht zu sehr betonen; es ist noch eine an-
    dere Erklärung meines Erstaunens möglich, die mir da-
    mals nicht einfiel, die durchaus subjektiver Natur ist
    und mit der Besonderheit des Ortes zusammenhängt.

    Alle solche Lehrsätze verleihen ihre In-
    halte, aber nicht ohne ihren Anspruch zu be-
    gründen. Sie geben sich als das abgekürzte Resultat
    eines längeren, auf Beobachtung, eventuell auch Schluß-
    folgerung gegründeten Denkprozesses; wer die Absicht
    hat, diesen Prozeß selbst durchzumachen, anstatt sein
    Ergebnis anzunehmen, dem zeigen sie den Weg dazu.
    Es wird immer auch hinzugesetzt, woher man die Kennt-
    nis hat, die der Lehrsatz verkündet, wo er nicht, wie
    bei geographischen Behauptungen, selbstverständlich ist.
    Z. B. die Erde hat die Gestalt einer Kugel; als Be-
    weise dafür werden angeführt der Foucaultsche Pendel-
    versuch, das Verhalten des Horizonts, die Möglichkeit,
    die Erde zu umschiffen. Da es, wie alle Beteiligten
    einsehen, untunlich ist, alle Schulkinder auf Erdumseg-
    lungen zu schicken, bescheidet man sich damit, die Lehren
    der Schule auf Treu und Glauben »annehmen« zu lassen,
    aber man weiß, der Weg zur persönlichen Überzeugung
    bleibt offen.

    Versuchen wir die religiösen Lehrsätze mit demselben
    Maß zu messen. Wenn wir die Frage aufwerfen, worauf
    sich ihr Anspruch gründet, geglaubt zu werden, erhalten
    wir drei Antworten, die merkwürdig schlecht zusammen-
    stimmen. Erstens, sie verdienen Glauben, weil schon
    unsere Urvorväter sie geglaubt haben, zweitens besitzen
    wir Beweise, die uns aus eben dieser Vorzeit überliefert
    sind und drittens ist es überhaupt verboten, die Frage
    nach dieser Beglaubigung aufzuwerfen. Dies Unterfangen
    wurde früher mit den allerhärtesten Strafen belegt und
    noch heute sieht es die Gesellschaft ungern, daß jemand
    es erneuert.

    Dieser dritte Punkt muß unsere stärksten Bedenken
    wecken. Ein solches Verbot kann doch nur die eine
    Motivierung haben, daß die Gesellschaft die Unsicher-
    heit des Anspruchs sehr wohl kennt, den sie für ihre reli-
    giösen Lehren erhebt. Wäre es anders, so würde sie ge-
    wiß jedem, der sich selbst eine Überzeugung schaffen
    will, das Material dazu bereitwilligst zur Verfügung
    stellen. Wir gehen darum mit einem nicht leicht zu be-
    schwichtigenden Mißtrauen an die Prüfung der beiden an-
    deren Beweisgründe. Wir sollen glauben, weil unsere Ur-
    väter geglaubt haben. Aber diese unsere Ahnen waren weit
    unwissender als wir, sie haben an Dinge geglaubt, die
    wir heute unmöglich annehmen können. Die Möglich-
    keit regt sich, daß auch die religiösen Lehren von solcher
    Art sein könnten. Die Beweise, die sie uns hinterlassen
    haben, sind in Schriften niedergelegt, die selbst alle
    Charaktere der Unzuverlässigkeit an sich tragen. Sie
    sind widerspruchsvoll, überarbeitet, verfälscht, wo sie
    von tatsächlichen Beglaubigungen berichten, selbst unbe-
    glaubigt. Es hilft nicht viel, wenn für ihren Wortlaut
    oder auch nur für ihren Inhalt die Herkunft von gött-

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    licher Offenbarung behauptet wird, denn diese Behaup-
    tung ist bereits selbst ein Stück jener Lehren, die auf
    ihre Glaubwürdigkeit untersucht werden sollen und kein
    Satz kann sich doch selbst beweisen.

    So kommen wir zu dem sonderbaren Ergebnis, daß
    gerade diejenigen Mitteilungen unseres Kulturbesitzes,
    die die größte Bedeutung für uns haben könnten, denen
    die Aufgabe zugeteilt ist, uns die Rätsel der Welt auf-
    zuklären und uns mit den Leiden des Lebens zu ver-
    söhnen, daß gerade sie die allerschwächste Beglaubigung
    haben. Wir würden uns nicht entschließen können, eine
    für uns so gleichgültige Tatsache anzunehmen, wie daß
    Walfische Junge gebären anstatt Eier abzulegen, wenn
    sie nicht besser erweisbar wäre.

    Dieser Sachverhalt ist an sich ein sehr merkwürdiges
    psychologisches Problem. Auch möge niemand glauben,
    daß die vorstehenden Bemerkungen über die Unbeweis-
    barkeit der religiösen Lehren etwas Neues enthalten.
    Sie ist zu jeder Zeit verspürt worden, gewiß auch von
    den Urahnen, die solche Erbschaft hinterlassen haben.
    Wahrscheinlich haben viele von ihnen dieselben Zweifel
    gehegt wie wir, es lastete aber ein zu starker Druck
    auf ihnen, als daß sie sich unzählige Menschen mit den
    nämlichsten Zweifeln gequält, die sie unterdrücken wollten.
    Weil sie sich für verpflichtet hielten zu glauben, sind
    viele glänzende Intellekte an diesem Konflikt gescheitert,
    haben viele Charaktere an den Kompromissen Schaden
    gelitten, in denen sie einen Ausweg suchten.

    Wenn alle Beweise, die man für die Glaubwürdig-
    keit der religiösen Lehr-sätze vorbringt, aus der Ver-
    gangenheit stammen, so liegt es nahe umzuschauen, ob
    nicht die besser zu beurteilende Gegenwart auch solche Be-
    weise liefern kann. Wenn es gelänge, nur ein einzelnes
    Stück des religiösen Systems solcher Art dem Zweifel
    zu entziehen, so würde dadurch das Ganze außerordent-
    lich an Glaubhaftigkeit gewinnen. Hier setzt die Tätig-
    keit der Spiritisten ein, die von der Fortdauer der in-
    dividuellen Seele überzeugt sind und uns diesen einen
    Satz der religiösen Lehre zweifelsfrei demonstrieren
    wollen. Es gelingt ihnen leider nicht zu widerlegen, daß
    die Erscheinungen und Äußerungen ihrer Geister nur
    Produktionen ihrer eigenen Seelentätigkeit sind. Sie
    haben die Geister der größten Menschen, der hervor-
    ragendsten Denker zitiert, aber alle Äußerungen und
    Auskünfte, die sie von ihnen erhielten, waren so insipid,
    so trostlos nichtssagend, daß man nichts anderes glaub-
    würdig finden kann, als die Fähigkeit der Geister, sich
    dem Kreis von Menschen anzupassen, der sie herauf-
    beschwört.

    Man muß nun zweier Versuche gedenken, die den
    Eindruck krampfhafter Bemühung machen, dem Problem
    zu entgehen. Der eine, gewaltsamer Natur, ist der andere
    subtil und modern. Der erstere ist das Credo quia ab-
    surdum des Kirchenvaters. Das will besagen, die reli-
    giösen Lehren sind den Ansprüchen der Vernunft ent-
    zogen, sie stehen über der Vernunft. Man muß ihre
    Wahrheit innerlich verspüren, braucht sie nicht zu be-
    greifen. Allein dieses Credo ist nur als Selbstbekenntnis
    interessant, als Machtspruch ist es ohne Verbindlichkeit.
    Soll ich verpflichtet werden, jede Absurdität zu glauben?
    Und wenn nicht, warum gerade diese? Es gibt keine
    Instanz über der Vernunft. Wenn die Wahrheit der reli-
    giösen Lehren abhängig ist von einem inneren Erlebnis,
    das diese Wahrheit bezeugt, was macht man mit den
    vielen Menschen, die solch ein seltenes Erlebnis nicht
    haben? Man kann von allen Menschen verlangen, daß
    sie die Gabe der Vernunft anwenden, die sie besitzen,

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    aber man kann nicht eine für alle gültige Verpflichtung
    auf ein Motiv aufbauen, das nur bei ganz wenigen exi-
    stiert. Wenn der Eine aus einem ihn tief ergreifenden
    ekstatischen Zustand die unerschütterliche Überzeugung
    von der realen Wahrheit der religiösen Lehren gewonnen
    hat, was bedeutet das dem Anderen?

    Der zweite Versuch ist der der „Als
    ob“. Er führt aus, daß es in unserer Denktätigkeit reich-
    lich Annahmen gibt, deren Grundlosigkeit, ja deren
    Absurdität wir voll einsehen müßten, aber aus mannig-
    fachen praktischen Motiven müßten wir uns so benehmen,
    „als ob“ wir an diese Fiktionen glaubten. Dies treffe für
    die religiösen Lehren wegen ihrer unvergleichlichen Wich-
    tigkeit für die Aufrechterhaltung der menschlichen Gesell-
    schaft zu. Diese Argumentation ist von dem Credo quia
    absurdum nicht weit entfernt. Aber ich meine die Forderung
    „Als ob“ ist eine solche, wie sie nur ein Philosoph aufstellen
    kann. Der durch die Künste der Philosophie in seinem
    Denken nicht beeinflußte Mensch wird sie nie annehmen
    können, für ihn ist mit dem Zugeständnis der Absurdität
    der Vernunftwidrigkeit alles erledigt. Er kann nicht
    dazu verhalten werden, gerade in der Behandlung seiner
    wichtigsten Interessen auf die Sicherheiten zu verzichten,
    die er sonst für alle seine gewöhnlichen Tätigkeiten ver-
    langt. Ich erinnere mich an eines meiner Kinder, das
    sich frühzeitig durch eine besondere Betonung der Sach-
    lichkeit auszeichnete. Wenn den Kindern ein Märchen
    erzählt wurde, dem sie andächtig lauschten, kam er hinzu
    und fragte: Ist das eine wahre Geschichte? Nachdem
    man es verneint hatte, zog er mit einer geringschätzigen
    Miene ab. Es steht zu erwarten, daß sich die Menschen
    gegen die religiösen Märchen bald ähnlich benehmen
    werden, trotz der Fürsprache des „Als ob“.

    Aber sie benehmen sich auch heute noch ganz anders und
    in vergangenen Zeiten haben die religiösen Vorstellungen
    trotz ihres unbestreitbaren Mangels an Beglaubigung den
    allerstärksten Einfluß auf die Menschheit geübt. Das ist
    ein neues psychologisches Problem. Man muß fragen,
    worin besteht die innere Kraft dieser Lehren, welchem
    Umstand verdanken sie ihre von der vernünftigen An-
    erkennung unabhängige Wirksamkeit?

    VI

    Ich meine, wir haben die Antwort auf beide Fragen
    genügsam vorbereitet. Sie ergibt sich, wenn wir die
    psychische Genese der religiösen Vorstellungen ins Auge
    fassen. Diese, die sich als Lehr-sätze ausgeben, sind nicht
    Niederschläge der Erfahrung oder Endresultate des Den-
    kens, es sind Illusionen, Erfüllungen der ältesten, stärk-
    sten, dringendsten Wünsche der Menschheit, das Geheimnis
    ihrer Stärke ist die Stärke dieser Wünsche. Wir wissen
    schon, der schreckende Eindruck der kindlichen Hilflosig-
    keit hat das Bedürfnis nach Schutz – Schutz durch
    Liebe – erweckt, dem der Vater abgeholfen hat, die
    ganze Leben hat das Festhalten an der Existenz eines
    gütigen Vaters – verursacht. Durch
    das gütige Walten der göttlichen Vorsehung wird die
    Angst vor den Gefahren des Lebens beschwichtigt, die
    Einsetzung einer sittlichen Weltordnung versichert die
    Erfüllung der Gerechtigkeitsforderung, die innerhalb der
    menschlichen Kultur so oft unerfüllt geblieben ist, die
    Verlängerung der irdischen Existenz durch ein zukünftiges
    Leben stellt den örtlichen und zeitlichen Rahmen bei,
    in dem sich diese Wunscherfüllungen vollziehen sollen.
    Antworten auf Rätselfragen der menschlichen Wißbe-
    gierde, wie nach der Entstehung der Welt und der Be-