Die Zukunft einer Illusion1927-001/1927.02
  • S.

    16

    aber man kann nicht eine für alle gültige Verpflichtung
    auf ein Motiv aufbauen, das nur bei ganz wenigen exi-
    stiert. Wenn der Eine aus einem ihn tief ergreifenden
    ekstatischen Zustand die unerschütterliche Überzeugung
    von der realen Wahrheit der religiösen Lehren gewonnen
    hat, was bedeutet das dem Anderen?

    Der zweite Versuch ist der der Philosophie, das „Als
    ob“. Er führt aus, daß es in unserer Denktätigkeit reich-
    lich Annahmen gibt, deren Grundlosigkeit, ja deren
    Absurdität wir voll einsehen. Sie werden Fiktionen ge-
    heißen, aber aus mannigfachen praktischen Motiven
    müßten wir uns so benehmen, „als ob“ wir an diese
    Fiktionen glaubten. Dies treffe für die religiösen Lehren
    wegen ihrer unvergleichlichen Wichtigkeit für die Auf-
    rechterhaltung der menschlichen Gesellschaft zu. Diese
    Argumentation ist von dem Credo quia absurdum nicht
    weit entfernt. Aber ich meine die Forderung „Als ob“
    ist eine solche, wie sie nur ein Philosoph aufstellen
    kann. Der durch die Künste der Philosophie in seinem
    Denken nicht beeinflußte Mensch wird sie nie annehmen
    können, für ihn ist mit dem Zugeständnis der Absurdität
    der Vernunftwidrigkeit alles erledigt. Er kann nicht
    dazu verhalten werden, gerade in der Behandlung seiner
    wichtigsten Interessen auf die Sicherheiten zu verzichten,
    die er sonst für alle seine gewöhnlichen Tätigkeiten ver-
    langt. Ich erinnere mich an eines meiner Kinder, das
    sich frühzeitig durch eine besondere Betonung der Sach-
    lichkeit auszeichnete. Wenn den Kindern ein Märchen
    erzählt wurde, dem sie andächtig lauschten, kam er hinzu
    und fragte: Ist das eine wahre Geschichte? Nachdem
    man es verneint hatte, zog er mit einer geringschätzigen
    Miene ab. Es steht zu erwarten, daß sich die Menschen
    gegen die religiösen Märchen bald ähnlich benehmen
    werden, trotz der Fürsprache des „Als ob“.

    Aber sie benehmen sich derzeit noch ganz anders und
    in vergangenen Zeiten haben die religiösen Vorstellungen
    trotz ihres unbestreitbaren Mangels an Beglaubigung den
    allerstärksten Einfluß auf die Menschheit geübt. Das ist
    ein neues psychologisches Problem. Man muß fragen,
    worin besteht die innere Kraft dieser Lehren, welchem
    Umstand verdanken sie ihre von der vernünftigen An-
    erkennung unabhängige Wirksamkeit?

    VI

    Ich meine, wir haben die Antwort auf beide Fragen
    genügsam vorbereitet. Sie ergibt sich, wenn wir die
    psychische Genese der religiösen Vorstellungen ins Auge
    fassen. Diese, die sich als Lehr-sätze ausgeben, sind nicht
    Niederschläge der Erfahrung oder Endresultate des Den-
    kens, es sind Illusionen, Erfüllungen der ältesten, stärk-
    sten, dringendsten Wünsche der Menschheit, das Geheimnis
    ihrer Stärke ist die Stärke dieser Wünsche. Wir wissen
    schon, der schreckende Eindruck der kindlichen Hilflosig-
    keit hat das Bedürfnis nach Schutz – Schutz durch
    Liebe – erweckt, dem der Vater abgeholfen hat, die
    Erkenntnis von der Fortdauer dieser Hilflosigkeit durchs
    ganze Leben hat das Festhalten an der Existenz eines
    – aber nun mächtigeren Vaters – verursacht. Durch
    das gütige Walten der göttlichen Vorsehung wird die
    Angst vor den Gefahren des Lebens beschwichtigt, die
    Weltordnung versichert die Erfüllung der Gerechtigkeits-
    forderung, die innerhalb der menschlichen Kultur so oft
    unerfüllt geblieben ist, die Verlängerung der irdischen
    Existenz durch ein zukünftiges Leben stellt den örtlichen
    und zeitlichen Rahmen bei, in dem sich diese Wunscher-
    füllungen vollziehen sollen. Antworten auf Rätselfragen
    der menschlichen Wißbegierde, wie nach der Entstehung
    der Welt und der Be-

  • S.

    17

    ziehung zwischen Körperlichem und Seelischem werden
    unter den Voraussetzungen dieses Systems entwickelt;
    es bedeutet eine großartige Erleichterung für die Einzel-
    psyche, wenn die nie ganz überwundenen Konflikte der
    Kinderzeit aus dem Vaterkomplex ihr abgenommen und
    einer von allen angenommenen Lösung zugeführt werden.

    Wenn ich sage, daß das alles Illusionen, muß ich
    die Bedeutung des Wortes abgrenzen. Eine Illusion ist
    nicht dasselbe wie ein Irrtum, sie ist auch nicht not-
    wendig ein Irrtum. Die Meinung des Aristoteles, daß
    sich Ungeziefer aus Unrat entwickle, an der das un-
    wissende Volk noch heute festhält, war ein Irrtum, eben-
    so die einer früheren ängstlichen Generation, daß die
    Tabes dorsalis die Folge von sexualer Ausschweifung sei.
    Es wäre mißbräuchlich, diese Irrtümer Illusionen zu heißen.
    Dagegen war es eine Illusion des Kolumbus, daß er
    einen neuen Seeweg nach Indien entdeckt habe. Der
    Anteil seines Wunsches an diesem Irrtum ist sehr deut-
    lich. Als Illusion kann man die Behauptung gewisser
    Nationalisten bezeichnen, die Indogermanen seien die
    einzige kulturfähige Menschenrasse, oder den Glauben,
    den erst die Psychoanalyse zerstört hat, das Kind sei
    ein Wesen ohne Sexualität. Für die Illusion bleibt
    charakteristisch die Ableitung aus menschlichen Wünschen,
    sie nähert sich in dieser Hinsicht der psychiatrischen
    Wahnidee, aber sie scheidet sich, abgesehen von dem
    komplizierteren Aufbau der Wahnidee, auch von dieser.
    An der Wahnidee heben wir als wesentlich den Wider-
    spruch gegen die Wirklichkeit hervor, die Illusion muß
    nicht notwendig falsch, d. h. unrealisierbar oder im Wider-
    spruch mit der Realität sein. Ein Bürgermädchen kann
    sich z. B. die Illusion machen, daß ein Prinz kommen
    wird um sie heimzuholen. Es ist möglich, einige Fälle dieser
    Art haben sich ereignet. Daß der Messias kommen und ein
    goldenes Zeitalter begründen wird, ist weit weniger
    wahrscheinlich; je nach der persönlichen Einstellung des
    Urteilenden wird er diesen Glauben als Illusion oder
    als Analogie einer Wahnidee klassifizieren. Beispiele
    von Illusionen, die sich bewahrheitet haben, sind sonst
    nicht leicht aufzufinden. Aber die Illusion der Alchi-
    misten, alle Metalle in Gold verwandeln zu können,
    könnte eine solche sein. Der Wunsch, sehr viel Gold,
    soviel Gold als möglich zu haben, ist durch unsere
    heutige Einsicht in die Bedingungen des Reichtums sehr
    gedämpft, doch hält die Chemie eine Umwandlung der
    Metalle in Gold nicht mehr für unmöglich. Wir heißen
    also einen Glauben als Illusion, wenn sich in seiner
    Motivierung die Wunscherfüllung vordrängt und sehen
    dabei von seinem Verhältnis zur Wirklichkeit ab, ebenso
    wie die Illusion selbst auf ihre Beglaubigungen ver-
    zichtet.

    Wenden wir uns nach dieser Orientierung wieder zu
    den religiösen Lehren, so dürfen wir wiederholend
    sagen: Sie sind sämtlich Illusionen, unbeweisbar, niemand
    darf gezwungen werden, sie für wahr zu halten, an sie
    zu glauben. Einige von ihnen sind so unwahrscheinlich,
    so sehr im Widerspruch zu allem, was wir mühselig über
    die Realität der Welt erfahren haben, daß man sie –
    mit entsprechender Berücksichtigung der psychologischen
    Unterschiede – den Wahnideen vergleichen kann. Über
    den Realitätswert der meisten von ihnen kann man nicht
    urteilen. So wie sie unbeweisbar sind, sind sie auch un-
    widerlegbar. Man weiß noch zu wenig, um ihnen kri-
    tisch näher zu rücken. Die Rätsel der Welt entschleiern
    sich unserer Forschung nur langsam, die Wissenschaft
    kann auf viele Fragen heute noch keine Antwort geben.
    Die wissenschaftliche Arbeit ist aber für uns der einzige
    Weg, der zur Kenntnis der Relation außer uns führen
    soll.

  • S.

    18

    kann. Es ist wiederum nur Illusion, wenn man von der
    Intuition und der Selbstversenkung etwas erwartet, sie
    kann uns nichts geben als – schwer deutbare – Auf-
    schlüsse über unser eigenes Seelenleben, niemals Aus-
    kunft über die Fragen, deren Beantwortung der reli-
    giösen Lehre so leicht wird. Die eigene Willkür in die
    Lücke eintreten zu lassen und nach persönlichem Er-
    messen dies oder jenes Stück des religiösen Systems für
    mehr oder weniger annehmbar zu erklären, wäre frevel-
    haft. Dafür sind diese Fragen zu bedeutungsvoll, man
    möchte sagen: zu heilig.
    An dieser Stelle kann man auf den Einwand gefaßt
    sein: Also, wenn selbst die verbissenen Skeptiker zu-
    geben, daß die Behauptungen der Religion nicht mit
    dem Verstand zu widerlegen sind, warum soll ich ihnen
    dann nicht glauben, da sie doch so viel für sich haben,
    die Tradition, die Übereinstimmung der Menschen und all
    das Tröstliche ihres Inhalts? Ja, warum nicht? So wie
    niemand zum Glauben gezwungen werden kann, so auch
    niemand zum Unglauben. Aber man gefalle sich nicht
    in der Selbsttäuschung, daß man mit solchen Begrün-
    dungen die Wege des korrekten Denkens geht. Wenn
    die Verurteilung „faule Ausrede“ je am Platze war, so
    hier. Die Unwissenheit ist kein Recht etwas zu glauben,
    leitet sich aus ihr ab. Kein vernünftiger Mensch wird sich
    in anderen Dingen so leichtsinnig benehmen und sich mit
    so armseligen Begründungen seiner Urteile, seiner Partei-
    nahme zufrieden geben, nur in den höchsten und heiligsten
    Dingen gestattet er sich das. In Wirklichkeit sind es nur
    Bemühungen um sich oder anderen vorzuspiegeln, man
    halte noch an der Religion fest, während man sich längst
    von ihr abgelöst hat. Wenn es sich um Fragen der Reli-
    gion handelt, machen die möglichen Unaufrichtigkeiten
    und intellektuellen Unarten schuldig. Philosophen über-
    dehnen die Bedeutung von Worten, bis diese kaum etwas
    von ihrem ursprünglichen Sinn übrig behalten, sie heißen
    irgendeine verschwommene Abstraktion, die sie sich ge-
    schaffen haben „Gott“, und sind nun auch Deisten,
    Gottesgläubige, vor aller Welt, können sich selbst rühmen,
    einen höheren, reineren Gottesbegriff erkannt zu haben,
    obwohl ihr Gott nur mehr ein wesenloser Schatten ist
    und nicht mehr die machtvolle Persönlichkeit der reli-
    giösen Lehre. Kritiker behaupten, einen Menschen, der
    sich zum Gefühl der menschlichen Kleinheit und Ohnmacht
    vor dem Ganzen der Welt bekannt, für „tief religiös“
    zu erklären, obwohl wohl nicht dieses Gefühl das Wesen
    der Religiösität ausmacht sondern erst der nächste
    Schritt, die Reaktion darauf, einen Menschen, der gegen
    dies Gefühl eine Abhilfe sucht. Wer nicht weiter geht, wer
    sich demütig mit der geringfügigen Rolle des Menschen in der
    großen Welt bescheidet, der ist vielmehr irreligiös im wahrsten
    Sinne des Wortes.
    Es liegt nicht im Plane dieser Untersuchung, zum
    Wahrheitswert der religiösen Lehre Stellung zu nehmen.
    Es genügt uns, sie in ihrer psychologischen Natur als
    Illusionen erkannt zu haben. Aber wir brauchen nicht
    zu verhehlen, daß diese Aufdeckung auch unsere Ein-
    stellung zu der Frage, die vielen als die wichtigste er-
    scheinen muß, mächtig beeinflußt. Wir wissen ungefähr,
    zu welchen Zeiten die religiösen Lehren geschaffen worden
    sind und von was für Menschen. Erfahren wir noch aus
    welchen Motiven es geschah, so erfährt unser Standpunkt
    zum religiösen Problem eine merkliche Verschiebung.
    Wir sagen uns, es wäre ja sehr schön, wenn es einen
    Gott gäbe als Weltenschöpfer und gütige Vorsehung,
    eine sittliche Weltordnung und ein jenseitiges Leben,
    aber es ist doch sehr auffällig, daß dies alles so ist, wie
    wir es uns wünschen müssen. Und es wäre noch sonder-
    barer, daß unseren armen, unwissenden, unfreien Vor-
    vätern die Lösung all dieser schwierigen Welträtsel ge-
    glückt sein sollte.