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aber man kann nicht eine für alle gültige Verpflichtung
auf ein Motiv aufbauen, das nur bei ganz wenigen exi-
stiert. Wenn der Eine aus einem ihn tief ergreifenden
ekstatischen Zustand die unerschütterliche Überzeugung
von der realen Wahrheit der religiösen Lehren gewonnen
hat, was bedeutet das dem Anderen?Der zweite Versuch ist der der Philosophie, das „Als
ob“. Er führt aus, daß es in unserer Denktätigkeit reich-
lich Annahmen gibt, deren Grundlosigkeit, ja deren
Absurdität wir voll einsehen. Sie werden Fiktionen ge-
heißen, aber aus mannigfachen praktischen Motiven
müßten wir uns so benehmen, „als ob“ wir an diese
Fiktionen glaubten. Dies treffe für die religiösen Lehren
wegen ihrer unvergleichlichen Wichtigkeit für die Auf-
rechterhaltung der menschlichen Gesellschaft zu. Diese
Argumentation ist von dem Credo quia absurdum nicht
weit entfernt. Aber ich meine die Forderung „Als ob“
ist eine solche, wie sie nur ein Philosoph aufstellen
kann. Der durch die Künste der Philosophie in seinem
Denken nicht beeinflußte Mensch wird sie nie annehmen
können, für ihn ist mit dem Zugeständnis der Absurdität
der Vernunftwidrigkeit alles erledigt. Er kann nicht
dazu verhalten werden, gerade in der Behandlung seiner
wichtigsten Interessen auf die Sicherheiten zu verzichten,
die er sonst für alle seine gewöhnlichen Tätigkeiten ver-
langt. Ich erinnere mich an eines meiner Kinder, das
sich frühzeitig durch eine besondere Betonung der Sach-
lichkeit auszeichnete. Wenn den Kindern ein Märchen
erzählt wurde, dem sie andächtig lauschten, kam er hinzu
und fragte: Ist das eine wahre Geschichte? Nachdem
man es verneint hatte, zog er mit einer geringschätzigen
Miene ab. Es steht zu erwarten, daß sich die Menschen
gegen die religiösen Märchen bald ähnlich benehmen
werden, trotz der Fürsprache des „Als ob“.Aber sie benehmen sich derzeit noch ganz anders und
in vergangenen Zeiten haben die religiösen Vorstellungen
trotz ihres unbestreitbaren Mangels an Beglaubigung den
allerstärksten Einfluß auf die Menschheit geübt. Das ist
ein neues psychologisches Problem. Man muß fragen,
worin besteht die innere Kraft dieser Lehren, welchem
Umstand verdanken sie ihre von der vernünftigen An-
erkennung unabhängige Wirksamkeit?VI
Ich meine, wir haben die Antwort auf beide Fragen
genügsam vorbereitet. Sie ergibt sich, wenn wir die
psychische Genese der religiösen Vorstellungen ins Auge
fassen. Diese, die sich als Lehr-sätze ausgeben, sind nicht
Niederschläge der Erfahrung oder Endresultate des Den-
kens, es sind Illusionen, Erfüllungen der ältesten, stärk-
sten, dringendsten Wünsche der Menschheit, das Geheimnis
ihrer Stärke ist die Stärke dieser Wünsche. Wir wissen
schon, der schreckende Eindruck der kindlichen Hilflosig-
keit hat das Bedürfnis nach Schutz – Schutz durch
Liebe – erweckt, dem der Vater abgeholfen hat, die
Erkenntnis von der Fortdauer dieser Hilflosigkeit durchs
ganze Leben hat das Festhalten an der Existenz eines
– aber nun mächtigeren Vaters – verursacht. Durch
das gütige Walten der göttlichen Vorsehung wird die
Angst vor den Gefahren des Lebens beschwichtigt, die
Weltordnung versichert die Erfüllung der Gerechtigkeits-
forderung, die innerhalb der menschlichen Kultur so oft
unerfüllt geblieben ist, die Verlängerung der irdischen
Existenz durch ein zukünftiges Leben stellt den örtlichen
und zeitlichen Rahmen bei, in dem sich diese Wunscher-
füllungen vollziehen sollen. Antworten auf Rätselfragen
der menschlichen Wißbegierde, wie nach der Entstehung
der Welt und der Be-S.
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ziehung zwischen Körperlichem und Seelischem werden
unter den Voraussetzungen dieses Systems entwickelt;
es bedeutet eine großartige Erleichterung für die Einzel-
psyche, wenn die nie ganz überwundenen Konflikte der
Kinderzeit aus dem Vaterkomplex ihr abgenommen und
einer von allen angenommenen Lösung zugeführt werden.Wenn ich sage, daß das alles Illusionen, muß ich
die Bedeutung des Wortes abgrenzen. Eine Illusion ist
nicht dasselbe wie ein Irrtum, sie ist auch nicht not-
wendig ein Irrtum. Die Meinung des Aristoteles, daß
sich Ungeziefer aus Unrat entwickle, an der das un-
wissende Volk noch heute festhält, war ein Irrtum, eben-
so die einer früheren ängstlichen Generation, daß die
Tabes dorsalis die Folge von sexualer Ausschweifung sei.
Es wäre mißbräuchlich, diese Irrtümer Illusionen zu heißen.
Dagegen war es eine Illusion des Kolumbus, daß er
einen neuen Seeweg nach Indien entdeckt habe. Der
Anteil seines Wunsches an diesem Irrtum ist sehr deut-
lich. Als Illusion kann man die Behauptung gewisser
Nationalisten bezeichnen, die Indogermanen seien die
einzige kulturfähige Menschenrasse, oder den Glauben,
den erst die Psychoanalyse zerstört hat, das Kind sei
ein Wesen ohne Sexualität. Für die Illusion bleibt
charakteristisch die Ableitung aus menschlichen Wünschen,
sie nähert sich in dieser Hinsicht der psychiatrischen
Wahnidee, aber sie scheidet sich, abgesehen von dem
komplizierteren Aufbau der Wahnidee, auch von dieser.
An der Wahnidee heben wir als wesentlich den Wider-
spruch gegen die Wirklichkeit hervor, die Illusion muß
nicht notwendig falsch, d. h. unrealisierbar oder im Wider-
spruch mit der Realität sein. Ein Bürgermädchen kann
sich z. B. die Illusion machen, daß ein Prinz kommen
wird um sie heimzuholen. Es ist möglich, einige Fälle dieser
Art haben sich ereignet. Daß der Messias kommen und ein
goldenes Zeitalter begründen wird, ist weit weniger
wahrscheinlich; je nach der persönlichen Einstellung des
Urteilenden wird er diesen Glauben als Illusion oder
als Analogie einer Wahnidee klassifizieren. Beispiele
von Illusionen, die sich bewahrheitet haben, sind sonst
nicht leicht aufzufinden. Aber die Illusion der Alchi-
misten, alle Metalle in Gold verwandeln zu können,
könnte eine solche sein. Der Wunsch, sehr viel Gold,
soviel Gold als möglich zu haben, ist durch unsere
heutige Einsicht in die Bedingungen des Reichtums sehr
gedämpft, doch hält die Chemie eine Umwandlung der
Metalle in Gold nicht mehr für unmöglich. Wir heißen
also einen Glauben als Illusion, wenn sich in seiner
Motivierung die Wunscherfüllung vordrängt und sehen
dabei von seinem Verhältnis zur Wirklichkeit ab, ebenso
wie die Illusion selbst auf ihre Beglaubigungen ver-
zichtet.Wenden wir uns nach dieser Orientierung wieder zu
den religiösen Lehren, so dürfen wir wiederholend
sagen: Sie sind sämtlich Illusionen, unbeweisbar, niemand
darf gezwungen werden, sie für wahr zu halten, an sie
zu glauben. Einige von ihnen sind so unwahrscheinlich,
so sehr im Widerspruch zu allem, was wir mühselig über
die Realität der Welt erfahren haben, daß man sie –
mit entsprechender Berücksichtigung der psychologischen
Unterschiede – den Wahnideen vergleichen kann. Über
den Realitätswert der meisten von ihnen kann man nicht
urteilen. So wie sie unbeweisbar sind, sind sie auch un-
widerlegbar. Man weiß noch zu wenig, um ihnen kri-
tisch näher zu rücken. Die Rätsel der Welt entschleiern
sich unserer Forschung nur langsam, die Wissenschaft
kann auf viele Fragen heute noch keine Antwort geben.
Die wissenschaftliche Arbeit ist aber für uns der einzige
Weg, der zur Kenntnis der Relation außer uns führen
soll.S.
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kann. Es ist wiederum nur Illusion, wenn man von der
Intuition und der Selbstversenkung etwas erwartet, sie
kann uns nichts geben als – schwer deutbare – Auf-
schlüsse über unser eigenes Seelenleben, niemals Aus-
kunft über die Fragen, deren Beantwortung der reli-
giösen Lehre so leicht wird. Die eigene Willkür in die
Lücke eintreten zu lassen und nach persönlichem Er-
messen dies oder jenes Stück des religiösen Systems für
mehr oder weniger annehmbar zu erklären, wäre frevel-
haft. Dafür sind diese Fragen zu bedeutungsvoll, man
möchte sagen: zu heilig.
An dieser Stelle kann man auf den Einwand gefaßt
sein: Also, wenn selbst die verbissenen Skeptiker zu-
geben, daß die Behauptungen der Religion nicht mit
dem Verstand zu widerlegen sind, warum soll ich ihnen
dann nicht glauben, da sie doch so viel für sich haben,
die Tradition, die Übereinstimmung der Menschen und all
das Tröstliche ihres Inhalts? Ja, warum nicht? So wie
niemand zum Glauben gezwungen werden kann, so auch
niemand zum Unglauben. Aber man gefalle sich nicht
in der Selbsttäuschung, daß man mit solchen Begrün-
dungen die Wege des korrekten Denkens geht. Wenn
die Verurteilung „faule Ausrede“ je am Platze war, so
hier. Die Unwissenheit ist kein Recht etwas zu glauben,
leitet sich aus ihr ab. Kein vernünftiger Mensch wird sich
in anderen Dingen so leichtsinnig benehmen und sich mit
so armseligen Begründungen seiner Urteile, seiner Partei-
nahme zufrieden geben, nur in den höchsten und heiligsten
Dingen gestattet er sich das. In Wirklichkeit sind es nur
Bemühungen um sich oder anderen vorzuspiegeln, man
halte noch an der Religion fest, während man sich längst
von ihr abgelöst hat. Wenn es sich um Fragen der Reli-
gion handelt, machen die möglichen Unaufrichtigkeiten
und intellektuellen Unarten schuldig. Philosophen über-
dehnen die Bedeutung von Worten, bis diese kaum etwas
von ihrem ursprünglichen Sinn übrig behalten, sie heißen
irgendeine verschwommene Abstraktion, die sie sich ge-
schaffen haben „Gott“, und sind nun auch Deisten,
Gottesgläubige, vor aller Welt, können sich selbst rühmen,
einen höheren, reineren Gottesbegriff erkannt zu haben,
obwohl ihr Gott nur mehr ein wesenloser Schatten ist
und nicht mehr die machtvolle Persönlichkeit der reli-
giösen Lehre. Kritiker behaupten, einen Menschen, der
sich zum Gefühl der menschlichen Kleinheit und Ohnmacht
vor dem Ganzen der Welt bekannt, für „tief religiös“
zu erklären, obwohl wohl nicht dieses Gefühl das Wesen
der Religiösität ausmacht sondern erst der nächste
Schritt, die Reaktion darauf, einen Menschen, der gegen
dies Gefühl eine Abhilfe sucht. Wer nicht weiter geht, wer
sich demütig mit der geringfügigen Rolle des Menschen in der
großen Welt bescheidet, der ist vielmehr irreligiös im wahrsten
Sinne des Wortes.
Es liegt nicht im Plane dieser Untersuchung, zum
Wahrheitswert der religiösen Lehre Stellung zu nehmen.
Es genügt uns, sie in ihrer psychologischen Natur als
Illusionen erkannt zu haben. Aber wir brauchen nicht
zu verhehlen, daß diese Aufdeckung auch unsere Ein-
stellung zu der Frage, die vielen als die wichtigste er-
scheinen muß, mächtig beeinflußt. Wir wissen ungefähr,
zu welchen Zeiten die religiösen Lehren geschaffen worden
sind und von was für Menschen. Erfahren wir noch aus
welchen Motiven es geschah, so erfährt unser Standpunkt
zum religiösen Problem eine merkliche Verschiebung.
Wir sagen uns, es wäre ja sehr schön, wenn es einen
Gott gäbe als Weltenschöpfer und gütige Vorsehung,
eine sittliche Weltordnung und ein jenseitiges Leben,
aber es ist doch sehr auffällig, daß dies alles so ist, wie
wir es uns wünschen müssen. Und es wäre noch sonder-
barer, daß unseren armen, unwissenden, unfreien Vor-
vätern die Lösung all dieser schwierigen Welträtsel ge-
glückt sein sollte.
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Die Zukunft einer Illusion1927-001/1927.02
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