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VII
Wenn wir die religiösen Lehren als Illusionen er-
kannt haben, erhebt sich sofort die weitere Frage, ob
nicht auch anderer Kultur-besitz, den wir hochhalten
und von dem wir unser Leben beherrschen lassen, ähn-
licher Natur ist. Ob nicht die Voraussetzungen, die
unsere staatlichen Einrichtungen, die gleichfalls Illusi-
onen genannt werden müssen, ob nicht die Beziehungen
der Geschlechter in unserer Kultur durch eine oder eine
Reihe von erotischen Illusionen getrübt werden? Ist
unser Mißtrauen einmal rege geworden, so werden wir
auch vor der Frage nicht zurückschrecken, ob unsere
Überzeugung durch die Anwendung des Beobachtens und
des Denkens in wissenschaftlicher Arbeit etwas von der
äußeren Realität erfahren zu können, eine bessere Be-
gründung hat. Nichts darf uns abhalten, die Wendung
der Beobachtung auf unser eigenes Wesen und die Ver-
wendung des Denkens zu seiner eigenen Kritik gutzu-
heißen. Eine Reihe von Untersuchungen eröffnet sich
hier, deren Ausfall entscheidend für den Aufbau einer
„Weltanschauung“ werden müßte. Wir ahnen auch, daß
eine solche Bemühung nicht verschwendet sein und daß
sie unserem Argwohn wenigstens teilweise Rechtfertigung-
bringen wird. Aber das Vermögen des Autors verweigert
sich einer so umfassenden Aufgabe, notgedrungen eng-
er seine Arbeit auf die Verfolgung einer einzigen, von
diesen Illusionen, eben der religiösen, ein.Laute Stimmen gebieten uns nun halt. Wir werden
zur Rechenschaft gezogen ob unseres verbotenen Tuns.
Man sagt uns, archäologische Interessen sind ja recht
lobenswert, aber man stellt keine Ausgrabungen an, wenn
man durch sie die Wohnstätten der Lebenden untergräbt,
so daß sie einstürzen und die Menschen unter ihren
Trümmern verschütten. Die religiösen Lehren sind kein
Gegenstand über den man klügeln kann wie über einen
beliebigen anderen. Unsere Kultur ist auf ihnen auf-
gebaut, die Erhaltung der menschlichen Gesellschaft hat
zur Voraussetzung daß die Menschen in ihrer Überzahl
an die Wahrheit dieser Lehren glauben. Wenn man
sie lehrt, daß es keinen allmächtigen und allgerechten
Gott gibt, keine göttliche Weltordnung und kein künf-
tiges Leben, so werden sie sich aller Verpflichtung zur
Befolgung der Kulturvorschriften ledig fühlen. Jeder
wird ungehemmt, angstfrei seinen asozialen, egoistischen
Trieben folgen, seine Macht zu betätigen suchen, das
Chaos wird wieder beginnen, das wir in vieltausend-
jähriger Kulturarbeit gebannt haben. Selbst wenn man
es wüßte und beweisen könnte, daß die Religion nicht
im Besitz der Wahrheit ist, müßte man es verschweigen
und sich benehmen, wie es die Philosophie des „Als ob“
verlangt. Im Interesse der Erhaltung „Aller!“ Und von
der Gefährlichkeit des Unternehmens abgesehen, es ist
auch eine zwecklose Grausamkeit. Unzählige Menschen
finden in den Lehren der Religion ihren einzigen Trost,
können nur durch ihre Hilfe das Leben ertragen. Man
will ihnen diese ihre Stütze rauben und hat ihnen nichts
besseres dafür zu geben. Es ist zugestanden worden, daß
die Wissenschaft derzeit nicht viel leistet, aber auch wenn
sie viel weiter fortgeschritten wäre, würde sie den Men-
schen nicht genügen. Der Mensch hat noch andere im-
perative Bedürfnisse, die nie durch die kühle Wissen-
schaft befriedigt werden können und es ist sehr sonder-
bar, geradezu ein Gipfel der Inkonsequenz, wenn ein
Psycholog, der immer betont hat, wie sehr im Leben
der Menschen die Intelligenz gegen das Triebleben zu-
rücktritt, sich nun bemüht, den Menschen eine kostbare
Wunschbefriedigung zu rauben und sie dafür mit in-
tellektueller Kost entschädigen will.S.
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Das sind viel Anklagen auf einmal! Aber ich bin
vorbereitet, ihnen allen zu widersprechen und überdies
die Behauptung vertreten, daß es eine größere
Gefahr für die Kultur bedeutet, wenn man ihr gegen-
wärtiges Verhältnis zur Religion aufrecht hält, als wenn
man es löst. Nur weiß ich kaum, womit ich in meiner
Erwiderung beginnen soll.Vielleicht mit der Versicherung, daß ich selbst mein
Unternehmen für völlig harmlos und ungefährlich halte.
Die Überschätzung des Intellekts ist diesmal nicht auf
meiner Seite. Wenn die Menschen so sind, wie die
Gegner sie beschreiben – und ich mag dem nicht wider-
sprechen – so besteht keine Gefahr, daß ein Fromm-
gläubiger sich, durch meine Ausführungen überwältigt,
seinen Glauben entreißen läßt. Außerdem habe ich nichts
gesagt, was nicht andere, bessere, kraf-
tiger, kraftvoller und eindrucksvoller vor mir gesagt
haben. Die Namen dieser Männer sind bekannt; ich
werde sie nicht anführen, es soll nicht der Anschein ge-
weckt werden, daß ich mich in ihre Reihe stellen will.
Ich habe bloß – dies ist das einzig Neue an meiner
Darstellung – der Kritik meiner großen Vorgänger
etwas psychologische Begründung hinzugefügt. Daß ge-
rade dieser Zusatz die Wirkung erzwingen wird, die
den früheren versagt geblieben ist, ist kaum zu erwarten.
Freilich könnte man mich jetzt fragen, wozu schreibt
man solche Dinge, wenn man ihrer Wirkungslosigkeit
sicher ist. Aber darauf kommen wir später zurück.Der einzige, dem diese Veröffentlichung Schaden
bringen kann, bin ich selbst. Ich werde die unliebens-
würdigsten Vorwürfe zu hören bekommen wegen Seichtig-
keit, Borniertheit, Mangel an Idealismus und an Ver-
ständnis für die höchsten Interessen der Menschheit. Aber
einerseits sind mir diese Verhaltungen nicht neu, und
andererseits, wenn jemand schon in jungen Jahren sich
über das Mißfallen seiner Zeitgenossen hinausgesetzt hat,
was soll es ihm im Greisenalter anhaben, wenn er sicher
ist, bald jeder Gunst und Mißgunst entrückt zu werden?
In früheren Zeiten war es anders, da erwarb man durch
solche Äußerungen eine sichere Verkürzung seiner irdi-
schen Existenz und eine gute Beschleunigung der Gelegen-
heit, eigene Erfahrungen über das jenseitige Leben zu
machen. Aber jene Zeiten sind vorüber, und heute sind
solche Schreibereien auch für den Autor ungefährlich.
Höchstens daß sein Buch in dem einen
oder dem anderen Land nicht übersetzt und nicht ver-
breitet werden darf. Natürlich gerade in einem Land,
das sich des Hochstands seiner Kultur sicher fühlt. Aber
wenn man überhaupt für Wunschverzicht und Ergebung
in das Schicksal plädiert, muß man auch diesen Schaden
ertragen können.Es tauchte dann bei mir die Frage auf, ob die Ver-
öffentlichung dieser Schrift nicht doch jemand Unheil
bringen könnte, nicht einer Person, aber einer Sache,
der Sache der Psychoanalyse. Es ist ja nicht zu leugnen,
daß sie meine Schöpfung ist, man hat ihr reichlich Miß-
trauen und Übelwollen gezeigt; wenn ich jetzt mit so
unliebsamen Äußerungen hervortrete, wird man für die
Verschiebung von meiner Person auf die Psychoanalyse
nur allzu bereit sein. Jetzt sieht man, wird es heißen,
wohin die Psychoanalyse führt. Die Maske ist gefallen,
zur Leugnung von Gott und sittlichem Ideal, wie wir
es ja immer vermutet haben. Um uns von der Ent-
deckung abzuhalten, hat man uns vorgespiegelt, die Psycho-
analyse habe keine Weltanschauung und könne keine
bilden.Dieser Lärm wird mir wirklich unangenehm sein,
meiner vielen Mitarbeiter wegen, von denen mancheS.
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meine Einstellung zu den religiösen Problemen über-
haupt nicht teilen. Aber die Psychoanalyse hat schon
viele Stürme überstanden, nun muß sie auch diesem
neuen aussetzen. In Wirklichkeit ist die Psychoanalyse eine
Forschungsmethode, ein parteiloses Instrument, wie etwa
die Infinitesimalrechnung. Wenn ein Physiker mit deren
Hilfe herausbekommen sollte, daß die Erde nach einer
bestimmten Zeit zugrunde gehen wird, so wird man
sich doch bedenken, dem Kalkül selbst destruktive
Tendenzen zuzuschreiben und ihn darum zu ächten.
Alles, was ich hier gegen den Wahrheitswert der Reli-
gionen gesagt habe, braucht die Psychoanalyse nicht,
ist lange vor ihrem Bestand von anderen gesagt worden.
Kann man aus der Anwendung der psychoanalytischen
Methode ein neues Argument gegen den Wahrheits-
gehalt der Religion gewinnen, so ist das tout pis für die Religion,
aber Verteidiger der Religion werden sich mit demselben
Recht der Psychoanalyse bedienen, um die affektive Be-
deutung der religiösen Lehre voll zu würdigen.Nun, um in der Verteidigung fortzufahren: die
Religion hat der menschlichen Kultur offenbar große
Dienste geleistet, zur Bändigung der asozialen Triebe
viel beigetragen, aber nicht genug. Sie hat durch viele
Jahrtausende die menschliche Gesellschaft beherrscht:
hatte Zeit zu zeigen, was sie leisten kann. Wenn es
ihr gelungen wäre, die Mehrzahl der Menschen zu be-
glücken, zu trösten, mit dem Leben auszusöhnen, sie zu
Kulturträgern zu machen, so würde es niemand einfallen,
nach einer Änderung der bestehenden Verhältnisse zu
streben. Was sehen wir anstatt dessen? Daß eine er-
schreckend große Anzahl von Menschen mit der Kultur
unzufrieden und in ihr unglücklich ist, sie als ein Joch
empfindet, das man abschütteln muß, daß diese Menschen
entweder alle Kräfte an eine Abänderung dieser Kultur
setzen, oder in ihrer Kulturfeindschaft so weit gehen,
daß sie von Kultur und Triebbeinschränkung überhaupt
nichts wissen wollen. Man wird uns hier einwerfen,
dieser Zustand komme eben daher, daß die Religion
einen Teil ihres Einflusses auf die Menschenmassen ein-
gebüßt hat, gerade infolge der bedauerlichen Wirkung
der Fortschritte in der Wissenschaft. Wir werden uns
dieses Zugeständnis und seine Begründung merken und
es später für unsere Absichten verwerten, aber der Ein-
wand selbst ist trostlos.Es ist zweifelhaft, ob die Menschen zur Zeit der
uneingeschränkten Herrschaft der religiösen Lehren im
ganzen glücklicher waren als heute, sittlicher waren sie
gewiß nicht. Sie haben es immer verstanden, die reli-
giösen Vorschriften zu veräußerlichen und damit deren
Absichten zu vereiteln. Die Priester, die den Gehorsam
gegen die Religion zu bewachen hatten, kamen ihnen
dabei entgegen. Gottes Güte mußte seiner Gerechtigkeit
in den Arm fallen. Man sündigte und dann bradite
man Opfer oder tat Buße und dann war man frei, um
von neuem zu sündigen. Russische Innerlichkeit hat
sich zur Folgerung aufgeschwungen, daß die Sünde un-
erläßlich sei, um alle Seligkeiten der göttlichen Gnade
zu genießen, also im Grunde ein gottgefälliges Werk.
Es ist offenkundig, daß die Priester die Unterwürfigkeit
der Massen gegen die Religion nur erhalten konnten,
indem sie der menschlichen Triebnatur so große Zu-
geständnisse einräumten. Es blieb dabei, Gott allein ist
stark und gut, der Mensch aber schwach und sündhaft.
Die Unsittlichkeit hat zu allen Zeiten an der Religion
keine mindere Stütze gefunden als die Sittlichkeit. Wenn
die Leistungen der Religion in bezug auf die Beglückung
der Menschen ihre Kultureignung und ihre sittliche Be-
schränkung keine besseren sind, dann erhebt sich doch
die Frage, ob wir ihre Notwendigkeit für die Mensch-
heit nicht überschätzen und ob wir weise daran tun,
unsere Kulturforderungen auf sie zu gründen.S.
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Die Zukunft einer Illusion1927-001/1927.02
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