S.
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Man wird nur allzuleicht geneigt sein, die Ideale einer
Kultur, d. h. die Wertungen, welche die höchststehenden
und am meisten anzustrebenden Leistungen seien, unter
deren psychische Besitztümer aufzunehmen. Zunächst
scheint es, als ob diese Ideale die Leistungen des Kultur-
kreises bestimmen würden, der wirkliche Hergang dürfte
aber der sein, daß sich die Ideale nach den ersten Lei-
stungen bilden, welche das Zusammenwirken von innerer
Begabung und äußeren Verhältnissen einer Kultur er-
möglicht und daß diese ersten Leistungen nun vom Ideal
zur Fortführung festgehalten werden. Die Befriedigung,
die das Ideal den Kulturteilnehmern schenkt ist also
narzißtischer Natur, sie ruht auf dem Stolz auf die be-
reits geglückte Leistung. Zu ihrer Vervollständigung be-
darf sie des Vergleichs mit anderen Kulturen die sich
andere Leistungen gewidmet und andere Ideale ent-
wickelt haben. Kraft dieser Differenzen spricht sich jede
Kultur das Recht zu, die andere gering zu schätzen. Auf
solche Weise werden die Kulturideale Anlaß zur Ent-
zweiung und Verfeindung zwischen verschiedenen Kultur-
kreisen, wie es unter Nationen am deutlichsten wird.
Die narzißtische Befriedigung aus dem Kulturideal
gehört auch jenen Mächten, die der Kulturfeindschaft
innerhalb des Kulturkreises erfolgreich entgegenwirken.
Nicht nur die bevorzugten Klassen, welche die Wohl-
taten dieser Kultur genießen, sondern auch die Unter-
drückten können an ihr Anteil haben, indem die Be-
rechtigung, die Außenstehenden zu verachten, sie für die
Beeinträchtigung in ihrem eigenen Kreis entschädigt. Man
ist zwar ein elender, von Schulden und Kriegsdiensten
geplagter Plebejer, aber dafür ist man Römer, hat seinen
Anteil an der Aufgabe, andere Nationen zu beherr-
schen und ihnen Gesetze vorzuschreiben. Diese Identi-
fizierung der Unterdrückten mit der sie beherrschenden
und ausbeutenden Klasse ist aber nur ein Stück eines
größeren Zusammenhanges. Anderseits können sie affektiv
an sie gebunden sein, trotz der Feindseligkeit ihre Ideale
in ihren Herren erblicken. Wenn nicht solche im Grunde
befriedigende Beziehungen bestünden, bliebe es unver-
ständlich, daß so manche Kulturen sich trotz berechtigter
Feindseligkeit großer Menschenmassen so lange Zeit er-
halten haben.
Von anderer Art ist die Befriedigung, welche die
Kunst des Teilhabens an einem Kulturkreis gewährt,
obwohl diese in der Regel den Massen, die durch er-
schöpfende Arbeit in Anspruch genommen sind und
keine persönliche Erziehung genossen haben, unzugäng-
lich bleibt. Die Kunst bietet, wie wir längst gelernt
haben, Ersatzbefriedigungen für die ältesten, immer noch
wirksamen Kulturverzichte und wirkt dar-
um wie nichts anderes aussöhnend mit den für sie ge-
brachten Opfern. Anderseits heben ihre Schöpfungen
die Identifizierungsgefühle, deren jeder Kulturkreis so
sehr bedarf, durch den Anlaß zu gemeinsam erlebten,
hocheingeschätzten Empfindungen; sie dienen aber auch
der narzißtischen Befriedigung, wenn sie die Leistungen
der besonderen Kultur darstellen, in eindrucksvoller Art
an ihre Ideale mahnen.
Das vielleicht bedeutsamste Stück des psychischen
Inventars einer Kultur hat noch keine Erwähnung ge-
funden. Es sind ihre im weitesten Sinn religiösen Vor-
stellungen, mit anderen später zu rechtfertigenden Worten,
ihre Illusionen.III
Wir haben von Kulturfeindseligkeit gesprochen, er-
zeugt durch den Druck, den sie ausübt, die Triebver-S.
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zichte, die sie verlangt. Denkt man sich ihre Verbote
aufgehoben, man darf also zum Sexualobjekt jedes
Weib wählen das einem gefällt, darf seinen Rivalen
beim Weib, oder wer einem sonst im Weg steht, ohne
Bedenken erschlagen, kann dem Anderen auch irgend
eines seiner Güter wegnehmen, ohne ihn um Erlaubnis
zu fragen, wie schön, welche Kette von Befriedi-
gungen wäre dann das Leben! Zwar findet man bald
die nächste Schwierigkeit. Jeder andere hat genau die
selben Wünsche wie ich und wird mich nicht schonender
behandeln als ich ihn. Im Grunde kann also nur ein
Einziger durch solche Aufhebung der Kultureinschrän-
kungen uneingeschränkt glücklich werden, ein Tyrann,
ein Diktator, der alle Machtmittel an sich gerissen hat
und auch der hat allen Grund zu wünschen, daß die
Anderen wenigstens dies eine Kulturgebot einhalten:
sollst nicht töten.Aber wie undankbar, wie kurzsichtig überhaupt, eine
Aufhebung der Kultur anzustreben! Was dann übrig
bleibt ist der Naturzustand und der ist weit schwerer
zu ertragen. Es ist wahr, die Natur verlangte von uns
keine Triebbeschränkungen, sie ließe uns gewähren,
aber sie hat ihre besonders wirksame Art uns zu be-
schränken, sie bringt uns um, kalt, grausam, rücksichts-
los wie uns scheint, möglicherweise gerade bei den An- mit denen die Natur uns droht, haben wir uns ja zu-
sammengetan und die Kultur geschaffen, die unter anderem
auch unser Zusammenleben möglich machen soll. Es ist
ja die Hauptaufgabe der Kultur, ihr eigentlicher Daseins-Es ist bekannt, daß sie es in manchen Stücken schon
jetzt leidlich gut trifft, sie wird es offenbar später ein- Täuschung hin zu glauben, daß die Natur jetzt schon
bezwungen ist; wenige wagen zu hoffen, daß sie einmal
dem Menschen ganz unterworfen sein wird. Da sind
die Elemente, die jedem menschlichen Zwang zu spotten
scheinen, die Erde, die bebt und zerreißt, alles Menschliche
und Menschenwerk begräbt, das Wasser, das im Auf-- als die Angriffe anderer Lebewesen erkennen, endlich
das schmerzliche Rätsel des Todes, gegen den bisher kein
Kräutlein gefunden wurde und wahrscheinlich keines
gefunden werden wird. Mit diesen Gewalten steht die
Natur wieder uns auf, grausam, unerbittlich, rücksichts- Augen, der wir uns durch die Kulturarbeit zu entziehen
gedachten. Es ist einer der wenigen erfreulichen und er- kann, wenn sie angesichts einer Elementarkatastrophe
ihrer Kulturerfahrenheit, aller inneren Schwierigkeiten
und Feindseligkeiten vergißt und sich der großen gemein- der Natur, erinnert.Wie für die Menschheit im ganzen, so ist für den
Einzelnen das Leben schwer zu ertragen. Ein Stück Ent- ein Maß Leiden bereiten ihm die anderen Menschen,
entweder trotz der Kulturvorschriften oder infolge der
Unvollkommenheit dieser Kultur. Dazu kommt, was ihm
die unbezwungene Natur – er nennt es Schicksal – an
Schädigung zufügt. Ein ständiger ängstlicher Erwartungs- Narzissmus sollte die Folge dieses Zustandes sein. Wie
der Einzelne gegen die Schädigungen durch die Kultur8
und die Anderen reagiert wissen wir bereits, er ent- die Einrichtungen dieser Kultur, von Kulturfeindschaft.
Aber wie setzt er sich gegen die Übermächte der Natur,
die ihm wie allen Anderen
drohen?Die Kultur nimmt ihm diese Leistung ab, sie besorgt
sie für alle in gleicher Weise, es ist auch bemerkens- gleiche tun. Sie macht nicht etwa halt in der Erledigung
ihrer Aufgabe, den Menschen gegen die Natur zu ver- Aufgabe ist hier eine mehrfache, das schwer bedrohte
Selbstgefühl des Menschen verlangt nach Trost, der Welt
und dem Leben sollen ihre Schrecken genommen werden,
nebenbei will auch die Wißbegierde der Menschen, die
freilich von dem stärksten praktischen Interesse angetriebenS.
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und die Anderen reagiert wir bereits, er ent-
wickelt ein entsprechendes Maß von Widerstand gegen
die Einrichtungen dieser Kultur, von Kulturfeindschaft.
Also wie setzt er sich gegen die Übermächte der Natur,
wie des Schicksals zur Wehr, die ihm wie allen Anderen
drohen?Die Kultur nimmt ihm diese Leistung ab, sie besorgt
sie für alle in gleicher Weise, es ist auch bemerkens-
wert, daß auch so ziemlich alle Kulturen hierin das
gleiche tun. Sie macht nicht etwa halt in der Erledigung
ihrer Aufgabe, den Menschen gegen die Natur zu ver-
teidigen, sie setzt sie nur mit anderen Mitteln fort. Die
Aufgabe ist hier eine mehrfache, das schwer bedrohte
Selbstgefühl des Menschen verlangt nach Trost, der Welt
und dem Leben sollen ihre Schrecken genommen werden,
nebenbei will auch die Wißbegierde der Menschen, die
freilich von dem stärksten praktischen Interesse angetrieben
wird, eine Antwort haben.Mit dem ersten Schritt ist bereits sehr viel gewonnen.
Und dieser ist, die Natur zu vermenschlichen. An die
unpersönlichen Kräfte und Schicksale kann man nicht
heran, sie bleiben ewig fremd. Aber wenn in den Ele-
menten Leidenschaften toben wie in der eigenen Seele,
wenn selbst der Tod nicht Spontanes ist, sondern die
Gewalttat eines bösen Willens, wenn man überall
in der Natur Wesen um sich hat wie man sie aus der
eigenen Gesellschaft kennt, dann atmet man auf, fühlt
sich heimisch im Unheimlichen, kann seine sinnlose Angst
psychisch bearbeiten. Man ist vielleicht noch wehrlos,
aber nicht mehr hilflos gelähmt, man kann zum min-
desten reagieren, ja vielleicht ist man nicht einmal wehr-
los, man kann gegen diese gewalttätigen Übermenschen
draußen dieselben Mittel in Anwendung bringen, deren
man sich in seiner Gesellschaft bedient, kann versuchen,
sie zu beschwören, beschwichtigen, bestechen, raubt ihnen
durch solche Beeinflussung einen Teil ihrer Macht. Solch
ein Ersatz einer Naturwissenschaft durch Psychologie
schafft nicht bloß sofortige Erleichterung, er zeigt auch
den Weg zu einer weiteren Bewältigung der Situation.S.
Mit dem ersten Schritt ist bereits sehr viel gewonnen.
Und dieser ist, die Natur zu vermenschlichen. An die
unpersönlichen Kräfte und Schicksale kann man nicht
heran, sie bleiben ewig fremd. Aber wenn in den Ele-
menten Leidenschaften toben wie in der eigenen Seele,
wenn selbst der Tod nichts Spontanes ist, sondern die
Gewalttat eines bösen Willens, wenn man nicht
in der Natur Wesen um sich hat wie man sie aus der
eigenen Gesellschaft kennt, dann atmet man auf, fühlt
sich heimisch im Unheimlichen, kann seine sinnlose Angst
psychisch bearbeiten. Man ist vielleicht noch wehrlos,
aber nicht mehr hilflos gelähmt, man kann zum min-
desten reagieren, ja vielleicht ist man nicht einmal wehr-
los, man kann gegen diese gewalttätigen Übermenschen
drauf dieſelben Mittel in Anwendung bringen, deren
man sich in seiner Gesellschaft bedient, kann versuchen,
sie zu beschwören, beschwichtigen, bestechen, raubt ihnen
durch solche Beeinflussung einen Teil ihrer Macht. Solch
ein Ersatz einer Naturwissenschaft durch Psychologie
schafft nicht bloß sofortige Erleichterung, er zeigt auch
den Weg zu einer weiteren Bewältigung der Situation.S.
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Denn diese Situation ist nichts Neues, sie hat ein in-
fantiles Vorbild, ist eigentlich nur die Fortsetzung des
früheren, denn in solcher Hilflosigkeit hatte man sich
schon einmal befunden, als kleines Kind, einem Eltern-
paar gegenüber, das man Grund hatte zu fürchten, zu-
mal den Vater, dessen Schutzes man aber auch sicher
war gegen die Gefahren, die man damals kannte. So
lag es nahe, die beiden Situationen einander anzu-
gleichen. Auch kam wie im Traumleben der Wunsch
dabei auf seine Rechnung. Eine Todesahnung befällt
den Schlafenden, will ihn in das Grab versetzen, aber
die Traumarbeit weiß die Bedingung auszuwählen unter
der auch dies gefürchtete Ereignis zur Wunscherfüllung
wird, der Träumer sieht sich in einem alten Etrusker-
grab, in das er selig über die Befriedigung seiner archä-
ologischen Interessen hinabgestiegen war. Ähnlich macht
der Mensch die Naturkräfte nicht einfach zu Menschen,
mit denen er wie mit seinesgleichen verkehren kann,
das würde auch dem überwältigenden Eindruck nicht ge-
recht werden, den er von ihnen hat, sondern er gibt
ihnen Vatercharakter, macht sie zu Göttern, folgt dabei
nicht nur einem infantilen, sondern auch, wie ich ver-
sucht habe zu zeigen, einem phylogenetischen Vorbild.
Mit der Zeit werden die ersten Beobachtungen von
Regel- und Gesetzmäßigkeit an den Naturerscheinungen
gemacht, die Naturkräfte verlieren damit ihre mensch-
lichen Züge. Aber die Hilflosigkeit der Menschen bleibt
und damit ihre Vatersehnsucht und die Götter. Die
Götter behalten ihre dreifache Aufgabe, die Schrecken
der Natur zu bannen mit der Grausamkeit des Schick-
sals, besonders wie es sich im Tode zeigt, zu versöhnen
und für die Leiden und Entbehrungen zu entschädigen,
die dem Menschen durch das kulturelle Zusammenleben
auferlegt werden.Aber allmählich verschiebt sich innerhalb dieser Lei-
stungen der Akzent. Man merkt, daß die Naturerschei-
nungen sich nach inneren Notwendigkeiten von selbst
abwickeln, gewiß sind die Götter die Herren der Natur,
sie haben sie so eingerichtet und können sie nun sich
selbst überlassen. Nur gelegentlich greifen sie in den
sogenannten Wundern in ihren Lauf ein, wie um zu
versichern, daß sie von ihrer ursprünglichen Machtsphäre
nichts aufgegeben haben. Was die Ausfeilung des Schick-
sals betrifft, so bleibt eine unbehagliche Ahnung be-
stehen, daß der Rat– und Hilflosigkeit des Menschen-
geschlechts nicht abgeholfen werden kann. Hier versagen
die Götter am ehesten, wenn sie selbst das Schicksal
machen, so muß man ihren Ratschluß unerforschlich
heißen; dem begabtesten Volk des Altertums dämmert
die Einsicht, daß die Moira über den Göttern steht
und daß die Götter selbst ihre Schicksale haben. Und je
mehr die Natur selbständig wird, die Götter sich von
ihr zurückziehen, desto ernsthafter drängen alle Erwartun-
gen auf die dritte Leistung, die ihnen zugewiesen ist,
desto mehr wird das Moralische ihre eigentliche Domäne.
Göttliche Aufgabe wird es nun, die Mängel und Schäden
der Kultur auszugleichen, die Leiden in acht zu nehmen,
die die Menschen im Zusammenleben einander zufügen,
über die Ausführung der Kulturvorschriften zu wachen,
die die Menschen so schlecht befolgen. Den Kultur-
vorschriften selbst wird göttlicher Ursprung zugesprochen,
sie werden über die menschliche Gesellschaft hinausge-
hoben, auf Natur und Weltgeschehen ausgedehnt.So wird ein Schatz von Vorstellungen geschaffen, ge-
boren aus dem Bedürfnis, die menschliche Hilflosigkeit
erträglich zu machen, erbaut aus dem Material der Er-
innerungen an die Hilflosigkeit der eigenen und der Kind-
heit.S.
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heit des Menschengeschlechts. Es ist deutlich erkennbar,
daß dieser Besitz den Menschen nach zwei Richtungen
beschützt, gegen die Gefahren der Natur und des Schick-
sals und gegen die Schädigungen aus der menschlichen
Gesellschaft selbst. Im Zusammenhang lautet es: das
Leben in dieser Welt dient zu einem höheren Zweck, der
zwar nicht leicht zu erraten ist, aber gewiß eine Ver-
vollkommnung des menschlichen Wesens bedeutet. Wahr-
scheinlich soll das Geistige des Menschen die Seele, die
sich im Lauf der Zeiten so langsam und widerstrebend
vom Körper getrennt hat, das Objekt dieser Erhebung
und Erhöhung sein. Alles was in dieser Welt vor sich
geht, ist Ausführung der Absichten einer uns überlegenen
Intelligenz, die uns auf schwer zu verfolgenden
Wegen und Umwegen, schließlich alles zum Guten, d. h.
für uns Erfreulichen lenkt. Über jedem von uns wacht
eine gütige und scheinbar gestrenge Vorsehung, die nicht
zuläßt, daß wir zum Spielball der überstarken und
schonungslosen Naturkräfte werden, der Tod selbst ist
keine Vernichtung, keine Rückkehr zum anorganisch-
Leblosen, sondern der Anfang einer neuen Art von
Existenz, der auf dem Wege der Höherentwicklung
liegt. Und nach der anderen Seite gewendet, dieselben
Sittengesetze, die unsere Kulturen aufgestellt haben, be-
herrschen auch alles Weltgeschehen, nur werden sie von
einer höchsten richterlichen Instanz mit ungleich mehr
Macht und Konsequenz behütet. Alles Gute findet end-
lich seinen Lohn, alles Böse seine Strafe, wenn nicht
schon in dieser Form des Lebens, so in den späteren
Existenzen, die nach dem Tod beginnen. Somit sind alle
Schrecken, Leiden und Härten des Lebens zur Austilgung
bestimmt, das Leben nach dem Tode, das unser irdisches
Leben fortsetzt, wie das unsichtbare Stück des Spektrums
dem sichtbaren angefügt ist, bringt all die Vollendung,
die wir hier vielleicht vermißt haben. Und die über-
legene Weisheit, die diesen Ablauf lenkt, die Allgüte,
die sich in ihm äußert, die Gerechtigkeit, die sich in
ihm durchsetzt, das sind die Eigenschaften der göttlichen
Wesen, die auch uns und die Welt im Ganzen ge-
schaffen haben. Oder vielmehr des einen göttlichen
Wesens, zu dem sich in unserer Kultur alle Götter der
Vorzeiten vereinigt haben. Das Volk, dem zuerst solche
Konzentrierung der göttlichen Eigenschaften gelang, war
nicht wenig stolz auf diesen väterlichen Stern, der von
jeher hinter jeder Gottes-
gestalt verborgen war, freigelegt, im Grunde war es eine
Rückkehr zu den historischen Anfängen der Gottesidee.
Nun, da Gott ein Einziger war, konnten die Beziehun-
gen zu ihm die Innigkeit und Intensität des kindlichen
Verhältnisses zum Vater wiedergewinnen. Wenn man
soviel für den Vater getan hatte, wollte man aber auch
belohnt werden, zum mindesten das einziggeliebte Kind
sein, das auserwählte Volk. Sehr viel später erhebt das
fromme Amerika den Anspruch „God’s own country“ zu
sein, und für eine der Formen, unter denen die Menschen
die Gottheit verehren, trifft es auch zu.Die religiösen Vorstellungen, die vorhin zusammen-
gefaßt wurden, haben natürlich eine lange Entwicklung
durchgemacht, sind von verschiedenen Kulturen ver-
schiedenen Phasen festgehalten worden. Ich habe eine
einzelne solche Entwicklungsphase herausgegriffen, die
etwa der Endgestaltung in unserer heutigen weißen, christ-
lichen Kultur entspricht. Es ist leicht zu bemerken, daß
nicht alle Stücke dieses Ganzen gleich gut zueinander
stimmen, daß nicht alle dringenden Fragen beantwortet
werden, daß der Widerspruch der täglichen Erfahrung
nur mit Mühe abgewiesen werden kann. Aber so wieS.
11
sie sind, werden diese Vorstellungen – die im weitesten
Sinn religiösen – als der kostbarste Besitz der Kultur
eingeschätzt, als das Wertvollste, was sie ihren Teil-
nehmern zu bieten hat, weil höher geschätzt als alle
Künste, der Erde ihre Schätze zu entlocken, die Mensch-
heit mit Nahrung zu versorgen oder ihren Krankheiten
vorzubeugen usw. Die Menschen meinen, das Leben
nicht ertragen zu können, wenn sie diesen Vorstellungen
nicht den Wert beilegen, der für sie beansprucht wird.Und nun ist die Frage, was sind diese Vorstellungen
im Lichte der Psychologie, woher beziehen sie ihre Hoch-
schätzung und um schüchtern fortzusetzen: was ist ihr
wirklicher Wert?IV
Eine Untersuchung, die ungestört fortschreitet, wie ein
Monolog, ist nicht ganz ungefährlich. Man gibt zu leicht
der Versuchung nach, Gedanken zur Seite zu schieben,
die sie unterbrechen wollen, und tauscht dafür ein Ge-
fühl von Unsicherheit ein, das man am Ende durch allzu
große Entschiedenheit übertönt. Ich stelle mir also
einen Gegner vor, der meine Ausführungen mit Miß-
trauen verfolgt, und lasse ihn von Stelle zu Stelle zu
Worte kommen.Ich höre ihn sagen: Sie haben wiederholt die Aus-
drücke gebraucht: die Kultur schafft diese religiösen Vor-
stellungen, die Kultur stellt sie ihren Teilnehmern zur
Verfügung, daran klingt etwas befremdend; ich könnte
selbst nicht sagen warum, hört sich nicht so selbstver-
ständlich an, wie daß die Kultur Anordnungen geschaffen
hat über die Verteilung des Arbeitsertrags, oder über
die Rechte an Weib und Kind.Ich meine aber doch, daß man berechtigt ist, sich so
auszudrücken. Ich habe versucht zu zeigen, daß die reli-
giösen Vorstellungen aus demselben Bedürfnis hervor-
gegangen sind wie alle anderen Errungenschaften der
Kultur aus der Notwendigkeit, sich gegen die erdrückende
Übermacht der Natur zu verteidigen. Dazu kam ein
zweites Motiv, der Drang, die peinlich verspürten Un-
vollkommenheiten der Kultur zu korrigieren. Es ist
auch besonders zutreffend zu sagen, daß die Kultur dem
Einzelnen diese Vorstellungen schenkt, denn er findet
sie vor, sie werden ihm fertig entgegengebracht, er wäre
nicht imstande, sie allein zu finden. Es ist die Erb-
schaft vieler Generationen, in die er eintritt, die er über-
nimmt wie das Einmaleins, die Geometrie u. a. Es gibt
hierbei freilich einen Unterschied, aber der liegt anders-
wo, kann jetzt noch nicht beleuchtet werden. In dem
Gefühl von Befremdung, die Sie aussprechen, mag ein
Teil haben, daß man uns diesen Besitz von religiösen
Vorstellungen als göttliche Offenbarung vorzuführen
pflegt. Allein das ist selbst schon ein Stück des reli-
giösen Systems, vernachlässigt ganz die uns bekannte
historische Entwicklung dieser Ideen und ihre Ver-
schiedenheiten in verschiedenen Zeiten und Kulturen.Ein anderer Punkt, der mir wichtiger erscheint. Sie
lassen die Vermenschlichung der Natur aus dem Bedürf-
nis hervorgehen, der menschlichen Rat- und Hilflosigkeit
gegen ihre gefürchteten Kräfte ein Ende zu machen, sich
in Beziehung zu ihnen zu setzen und sie endlich zu be-
einflussen. Aber ein solches Motiv scheint überflüssig zu
sein. Der primitive Mensch hat ja keine Wahl, keinen
anderen Weg des Denkens. Es ist ihm natürlich, wie
eingeboren, daß er sein Wesen in die Welt hinaus-
projiziert, alle Vorgänge, die er beobachtet, als Äußerun-
gen von Wesen ansieht, die im Grunde ähnlich sind
wie er selbst. Es ist das die einzige Methode seines
Begreifens. Und es ist keineswegs selbstverständlich, viel-
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Die Zukunft einer Illusion1927-001/1927.02
1927-001/1927.02/3