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sie sind, werden diese Vorstellungen – die im weitesten
Sinn religiösen – als der kostbarste Besitz der Kultur
eingeschätzt, als das Wertvollste, was sie ihren Teil-
nehmern zu bieten hat, weil höher geschätzt als alle
Künste, der Erde ihre Schätze zu entlocken, die Mensch-
heit mit Nahrung zu versorgen oder ihren Krankheiten
vorzubeugen usw. Die Menschen meinen, das Leben
nicht ertragen zu können, wenn sie diesen Vorstellungen
nicht den Wert beilegen, der für sie beansprucht wird.
Und nun ist die Frage, was sind diese Vorstellungen
im Lichte der Psychologie, woher beziehen sie ihre Hoch-
schätzung und um schüchtern fortzusetzen: was ist ihr
wirklicher Wert?IV
Eine Untersuchung, die ungestört fortschreitet, wie ein
Monolog, ist nicht ganz ungefährlich. Man gibt zu leicht
der Versuchung nach, Gedanken zur Seite zu schieben,
die sie unterbrechen wollen, und tauscht dafür ein Ge-
fühl von Unsicherheit ein, das man am Ende durch allzu
große Entschiedenheit übertönt. Ich stelle mir also
einen Gegner vor, der meine Ausführungen mit Miß-
trauen verfolgt, und lasse ihn von Stelle zu Stelle zu
Worte kommen.Ich höre ihn sagen: Sie haben wiederholt die Aus-
drücke gebraucht: die Kultur schafft diese religiösen Vor-
stellungen, die Kultur stellt sie ihren Teilnehmern zur
Verfügung, daran klingt etwas befremdend; ich könnte
selbst nicht sagen warum, hört sich nicht so selbstver-
ständlich an, wie daß die Kultur Anordnungen geschaffen
hat über die Verteilung des Arbeitsertrags, oder über
die Rechte an Weib und Kind.
Ich meine aber doch, daß man berechtigt ist, sich so
auszudrücken. Ich habe versucht zu zeigen, daß die reli-
giösen Vorstellungen aus demselben Bedürfnis hervor-
gegangen sind wie alle anderen Errungenschaften der
Kultur aus der Notwendigkeit, sich gegen die erdrückende
Übermacht der Natur zu verteidigen. Dazu kam ein
zweites Motiv, der Drang, die peinlich verspürten Un-
vollkommenheiten der Kultur zu korrigieren. Es ist
auch besonders zutreffend zu sagen, daß die Kultur dem
Einzelnen diese Vorstellungen schenkt, denn er findet
sie vor, sie werden ihm fertig entgegengebracht, er wäre
nicht imstande, sie allein zu finden. Es ist die Erb-
schaft vieler Generationen, in die er eintritt, die er über-
nimmt wie das Einmaleins, die Geometrie u. a. Es gibt
hierbei freilich einen Unterschied, aber der liegt anders-
wo, kann jetzt noch nicht beleuchtet werden. In dem
Gefühl von Befremdung, die Sie theil haben, daß man uns
diesen Besitz von religiösen
Vorstellungen als göttliche Offenbarung vorzuführen
pflegt. Allein das ist selbst schon ein Stück des reli-
giösen Systems, vernachlässigt ganz die uns bekannte
historische Entwicklung dieser Ideen und ihre Ver-
schiedenheiten in verschiedenen Zeiten und Kulturen.
Ein anderer Punkt, der mir wichtiger erscheint. Sie
lassen die Vermenschlichung der Natur aus dem Bedürf-
nis hervorgehen, der menschlichen Rat- und Hilflosigkeit
gegen ihre gefürchteten Kräfte ein Ende zu machen, sich
in Beziehung zu ihnen zu setzen und sie endlich zu be-
einflussen. Aber ein solches Motiv scheint überflüssig zu
sein. Der primitive Mensch hat ja keine Wahl, keinen
anderen Weg des Denkens. Es ist ihm natürlich, wie
eingeboren, daß er sein Wesen in die Welt hinaus-
projiziert, alle Vorgänge, die er beobachtet, als Äußerun-
gen von Wesen ansieht, die im Grunde ähnlich sind
wie er selbst. Es ist das die einzige Methode seines
Begreifens. Und es ist keineswegs selbstverständlich, viel-S.
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mehr ein merkwürdiges Zusammentreffen, wenn es ihm
gelingen sollte, durch solches Gewährenlassen seiner na-
türlichen Anlage eines seiner großen Bedürfnisse zu be-
friedigen.«Ich finde das nicht so auffällig. Meinen Sie denn
daß das Denken des Menschen keine praktischen Mo-
tive kennt, bloß der Ausdruck einer uneigennützigen
Wißeegierde ist? Das ist doch sehr unwahrscheinlich.
Eher glaube ich, daß der Mensch, auch wenn er die
Naturkräfte personifiziert, einem infantilen Vorbild
folgt. Er hat an den Personen seiner ersten Umgebung
gelernt, daß, wenn er eine Relation zu ihnen herstellt,
dies der Weg ist, um sie zu beeinflussen, und darum
behandelt er später in der gleichen Absicht alles Andere,
was ihm begegnet, wie jene Personen. Ich widerspreche
also Ihrer deskripten Bemerkung nicht, es ist wirklich
dem Menschen natürlich, alles zu personifizieren, was
er begreifen will, um es später zu beherrschen – die
psychische Bewältigung als Vorbereitung zur physischen –,
aber ich gebe Motiv und Genese dieser Eigentümlich-
keit des menschlichen Denkens dazu.»Und jetzt noch ein dritter: Sie haben ja den Ur-
sprung der Religion früher einmal behandelt in Ihrem
Buch Totem und Tabu. Aber dort sieht es anders aus.
Alles ist das Sohn-Vater-Verhältnis, Gott ist der erhöhte
Vater, die Vatersehnsucht ist die Wurzel des religiösen
Bedürfnisses. Seither scheint es, haben Sie das Moment
der menschlichen Ohnmacht und Hilflosigkeit entdeckt,
dem ja allgemein die größte Rolle bei der Religions-
bildung zugeschrieben wird und nun schreiben Sie alles
auf Hilflosigkeit um, was früher Vaterkomplex war.
Darf ich Sie um Auskunft über diese Wandlung bitten?«Gern, ich wartete nur auf diese Aufforderung. Wenn
es wirklich eine Wandlung ist. In Totem und Tabu
sollte nicht die Entstehung der Religionen erklärt werden,
sondern nur die des Totemismus. Können Sie von irgend-
einem der Ihnen bekannten Standpunkte verständlich
machen, daß die erste Form, in der sich die schützende
Gottheit dem Menschen offenbarte, die tierische war,
daß ein Verbot bestand, dieses Tier zu töten und zu
verzehren, und doch die feierliche Sitte, es einmal im
Jahr gemeinsam zu töten und zu verzehren? Gerade
das hat im Totemismus statt. Und es ist kaum zweck-
mäßig, darüber zu streiten, ob man den Totemismus
eine Religion heißen soll. Er hat einige Beziehungen
zu den späteren Gottesreligionen, die Totemtiere werden
zu den heiligen Tiere der Götter. Und die ersten, aber
tiefgehendsten, sittlichen Beschränkungen – das Mord-
und das Inzestverbot – entstehen auf dem Boden des
Totemismus. Ob Sie nun die Folgerungen von »Totem
und Tabu« annehmen oder nicht, ich hoffe Sie werden
zugeben, daß in dem Buch eine Anzahl von sehr merk-
würdigen, versprengten Tatsachen zu einem konsistenten
Ganzen zusammengefaßt sind.»Warum aber tierische Gott auf die Dauer nicht ge-
nügte und durch den menschlichen abgelöst wurde, das
ist in Totem und Tabu kaum gestreift worden, andere
Probleme der Religionsbildung finden dort überhaupt
keine Erwähnung. Halten Sie solche Beschränkung für
identisch mit einer Verleugnung? Meine Arbeit ist ein
gutes Beispiel von strenger Isolierung des Anteils, den
die psychoanalytische Betrachtung zur Lösung des reli-
giösen Problems leisten kann. Wenn ich jetzt versuche,
das andere, weniger tief Verborgene hinzuzufügen, so
sollen Sie mich nicht des Widerspruchs beschuldigen
wie früher der Einseitigkeit. Es ist natürlich meine Auf-
gabe, die Verbindungswege zwischen dem früher Ge-S.
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sagten und dem jetzt Vor-
der manifesten Motivierung des Vaterkomplex und der
Hilflosigkeit und Schutzbedürftigkeit des Menschen auf-
zuzeigen.Diese Verbindungen sind nicht schwer zu finden. Es
sind die Beziehungen der Hilflosigkeit des Kindes zu
der sie fortsetzenden des Erwachsenen, so daß wie zu
erwarten stand, die psychoanalytische Motivierung der
Religionsbildung der infantilen Beitrag zu ihrer mani-
festen Motivierung wird. Versetzen wir uns in das
Seelenleben des kleinen Kindes. Sie erinnern sich an
die Objektwahl nach dem Anlehnungstypus, von dem die
Analyse spricht? Die Libido folgt den Wegen der nar-
zißtischen Bedürfnisse und heftet sich an die Objekte,
welche deren Befriedigung versichern. So wird die Mutter,
die den Hunger befriedigt, zum ersten Liebesobjekt und
gewiß auch zum ersten Schutz gegen alle die unbe-
stimmten, in der Außenwelt drohenden Gefahren, zum
ersten Angstschutz, dürfen wir sagen.In dieser Funktion wird die Mutter bald von dem
stärkeren Vater abgelöst, dem sie nun über die ganze
Kindheit verbleibt. Das Verhältnis zum Vater ist aber
mit einer eigentümlichen Ambivalenz behaftet. Er war
selbst eine Gefahr, vielleicht von dem früheren Verhält-
nis zur Mutter her. So fürchtet man ihn nicht minder,
als man sich nach ihm sehnt und ihn bewundert. Die
Anzeichen dieser Ambivalenz des Vaterverhältnisses sind
allen Religionen tief eingeprägt, wie auch in »Totem und
Tabu« ausgeführt wird. Wenn nun der Heranwachsende
merkt, daß es ihm bestimmt ist, immer ein Kind zu
bleiben, daß er des Schutzes gegen fremde Übermächte
nie entbehren kann, verleiht er diesen die Züge der
Vatergestalt, er schafft sich die Götter, vor denen er sich
fürchtet, die er zu gewinnen sucht und denen er doch
seinen Schutz überträgt. So ist das Motiv der Vater-
sehnsucht identisch mit dem Bedürfnis nach Schutz gegen
die Folgen der menschlichen Ohnmacht, die Abwehr
der kindlichen Hilflosigkeit, die der Erwachsene aner-
kennen muß, die Hilflosigkeit, die der Erwachsene aner-
kennen muß, ihre charakteristischen Züge eben der
Religionsbildung, ihre charakteristischen Züge eben der
Gottesidee weiter zu erforschen; wir haben es hier mit
dem fertigen Schatz von religiösen Vorstellungen zu
tun, wie ihn die Kultur dem Einzelnen übermittelt.V
Um den Faden der Untersuchung wieder aufzunehmen:
Welches ist also die psychologische Bedeutung der reli-
giösen Vorstellungen, und was können wir sie klassifi-
zieren? Die Frage ist zunächst gar nicht leicht zu be-
antworten. Nach Abweisung verschiedener Formulierung
wird man bei der einen stehen bleiben: Es sind Lehr-
sätze, Aussagen über Tatsachen und Verhältnisse der
äußeren (oder inneren) Realität, die etwas mitteilen, was
man selbst nicht gefunden hat und die beanspruchen, daß
man ihnen Glauben schenkt. Da Auskunft geben über
das für Wichtigste und Interessanteste im Leben, werden
sie besonders hochgeschätzt. Wer nichts von ihnen weiß,
ist sehr unwissend, wer sie in sein Wissen aufgenom-
men hat, darf sich für sehr bereichert halten.Es gibt natürlich viele solche Lehrsätze über die ver-
schiedenartigsten Dinge dieser Welt. Jede Schulstunde ist
voll von ihnen. Wählen wir die geographische. Wir
hören da: Konstanz liegt am Bodensee. Ein Studenten-
lied setzt hinzu: Wer's nicht glaubt, geh' hin und seh'.
Ich war zufällig dort und kann bestätigen, die schöne
Stadt liegt am Ufer eines weiten Gewässers, das alle
Umwohnenden Bodensee heißen. Ich bin jetzt auch von
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Die Zukunft einer Illusion1927-001/1927.02
1927-001/1927.02/4