Die Zukunft einer Illusion1927-001/1927.02
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    sie sind, werden diese Vorstellungen – die im weitesten
    Sinn religiösen – als der kostbarste Besitz der Kultur
    eingeschätzt, als das Wertvollste, was sie ihren Teil-
    nehmern zu bieten hat, weil höher geschätzt als alle
    Künste, der Erde ihre Schätze zu entlocken, die Mensch-
    heit mit Nahrung zu versorgen oder ihren Krankheiten
    vorzubeugen usw. Die Menschen meinen, das Leben
    nicht ertragen zu können, wenn sie diesen Vorstellungen
    nicht den Wert beilegen, der für sie beansprucht wird.
    Und nun ist die Frage, was sind diese Vorstellungen
    im Lichte der Psychologie, woher beziehen sie ihre Hoch-
    schätzung und um schüchtern fortzusetzen: was ist ihr
    wirklicher Wert?

    IV

    Eine Untersuchung, die ungestört fortschreitet, wie ein
    Monolog, ist nicht ganz ungefährlich. Man gibt zu leicht
    der Versuchung nach, Gedanken zur Seite zu schieben,
    die sie unterbrechen wollen, und tauscht dafür ein Ge-
    fühl von Unsicherheit ein, das man am Ende durch allzu
    große Entschiedenheit übertönt. Ich stelle mir also
    einen Gegner vor, der meine Ausführungen mit Miß-
    trauen verfolgt, und lasse ihn von Stelle zu Stelle zu
    Worte kommen.

    Ich höre ihn sagen: Sie haben wiederholt die Aus-
    drücke gebraucht: die Kultur schafft diese religiösen Vor-
    stellungen, die Kultur stellt sie ihren Teilnehmern zur
    Verfügung, daran klingt etwas befremdend; ich könnte
    selbst nicht sagen warum, hört sich nicht so selbstver-
    ständlich an, wie daß die Kultur Anordnungen geschaffen
    hat über die Verteilung des Arbeitsertrags, oder über
    die Rechte an Weib und Kind.
    Ich meine aber doch, daß man berechtigt ist, sich so
    auszudrücken. Ich habe versucht zu zeigen, daß die reli-
    giösen Vorstellungen aus demselben Bedürfnis hervor-
    gegangen sind wie alle anderen Errungenschaften der
    Kultur aus der Notwendigkeit, sich gegen die erdrückende
    Übermacht der Natur zu verteidigen. Dazu kam ein
    zweites Motiv, der Drang, die peinlich verspürten Un-
    vollkommenheiten der Kultur zu korrigieren. Es ist
    auch besonders zutreffend zu sagen, daß die Kultur dem
    Einzelnen diese Vorstellungen schenkt, denn er findet
    sie vor, sie werden ihm fertig entgegengebracht, er wäre
    nicht imstande, sie allein zu finden. Es ist die Erb-
    schaft vieler Generationen, in die er eintritt, die er über-
    nimmt wie das Einmaleins, die Geometrie u. a. Es gibt
    hierbei freilich einen Unterschied, aber der liegt anders-
    wo, kann jetzt noch nicht beleuchtet werden. In dem
    Gefühl von Befremdung, die Sie theil haben, daß man uns
    diesen Besitz von religiösen
    Vorstellungen als göttliche Offenbarung vorzuführen
    pflegt. Allein das ist selbst schon ein Stück des reli-
    giösen Systems, vernachlässigt ganz die uns bekannte
    historische Entwicklung dieser Ideen und ihre Ver-
    schiedenheiten in verschiedenen Zeiten und Kulturen.
    Ein anderer Punkt, der mir wichtiger erscheint. Sie
    lassen die Vermenschlichung der Natur aus dem Bedürf-
    nis hervorgehen, der menschlichen Rat- und Hilflosigkeit
    gegen ihre gefürchteten Kräfte ein Ende zu machen, sich
    in Beziehung zu ihnen zu setzen und sie endlich zu be-
    einflussen. Aber ein solches Motiv scheint überflüssig zu
    sein. Der primitive Mensch hat ja keine Wahl, keinen
    anderen Weg des Denkens. Es ist ihm natürlich, wie
    eingeboren, daß er sein Wesen in die Welt hinaus-
    projiziert, alle Vorgänge, die er beobachtet, als Äußerun-
    gen von Wesen ansieht, die im Grunde ähnlich sind
    wie er selbst. Es ist das die einzige Methode seines
    Begreifens. Und es ist keineswegs selbstverständlich, viel-

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    mehr ein merkwürdiges Zusammentreffen, wenn es ihm
    gelingen sollte, durch solches Gewährenlassen seiner na-
    türlichen Anlage eines seiner großen Bedürfnisse zu be-
    friedigen.«

    Ich finde das nicht so auffällig. Meinen Sie denn
    daß das Denken des Menschen keine praktischen Mo-
    tive kennt, bloß der Ausdruck einer uneigennützigen
    Wißeegierde ist? Das ist doch sehr unwahrscheinlich.
    Eher glaube ich, daß der Mensch, auch wenn er die
    Naturkräfte personifiziert, einem infantilen Vorbild
    folgt. Er hat an den Personen seiner ersten Umgebung
    gelernt, daß, wenn er eine Relation zu ihnen herstellt,
    dies der Weg ist, um sie zu beeinflussen, und darum
    behandelt er später in der gleichen Absicht alles Andere,
    was ihm begegnet, wie jene Personen. Ich widerspreche
    also Ihrer deskripten Bemerkung nicht, es ist wirklich
    dem Menschen natürlich, alles zu personifizieren, was
    er begreifen will, um es später zu beherrschen – die
    psychische Bewältigung als Vorbereitung zur physischen –,
    aber ich gebe Motiv und Genese dieser Eigentümlich-
    keit des menschlichen Denkens dazu.

    »Und jetzt noch ein dritter: Sie haben ja den Ur-
    sprung der Religion früher einmal behandelt in Ihrem
    Buch Totem und Tabu. Aber dort sieht es anders aus.
    Alles ist das Sohn-Vater-Verhältnis, Gott ist der erhöhte
    Vater, die Vatersehnsucht ist die Wurzel des religiösen
    Bedürfnisses. Seither scheint es, haben Sie das Moment
    der menschlichen Ohnmacht und Hilflosigkeit entdeckt,
    dem ja allgemein die größte Rolle bei der Religions-
    bildung zugeschrieben wird und nun schreiben Sie alles
    auf Hilflosigkeit um, was früher Vaterkomplex war.
    Darf ich Sie um Auskunft über diese Wandlung bitten?«

    Gern, ich wartete nur auf diese Aufforderung. Wenn
    es wirklich eine Wandlung ist. In Totem und Tabu
    sollte nicht die Entstehung der Religionen erklärt werden,
    sondern nur die des Totemismus. Können Sie von irgend-
    einem der Ihnen bekannten Standpunkte verständlich
    machen, daß die erste Form, in der sich die schützende
    Gottheit dem Menschen offenbarte, die tierische war,
    daß ein Verbot bestand, dieses Tier zu töten und zu
    verzehren, und doch die feierliche Sitte, es einmal im
    Jahr gemeinsam zu töten und zu verzehren? Gerade
    das hat im Totemismus statt. Und es ist kaum zweck-
    mäßig, darüber zu streiten, ob man den Totemismus
    eine Religion heißen soll. Er hat einige Beziehungen
    zu den späteren Gottesreligionen, die Totemtiere werden
    zu den heiligen Tiere der Götter. Und die ersten, aber
    tiefgehendsten, sittlichen Beschränkungen – das Mord-
    und das Inzestverbot – entstehen auf dem Boden des
    Totemismus. Ob Sie nun die Folgerungen von »Totem
    und Tabu« annehmen oder nicht, ich hoffe Sie werden
    zugeben, daß in dem Buch eine Anzahl von sehr merk-
    würdigen, versprengten Tatsachen zu einem konsistenten
    Ganzen zusammengefaßt sind.

    »Warum aber tierische Gott auf die Dauer nicht ge-
    nügte und durch den menschlichen abgelöst wurde, das
    ist in Totem und Tabu kaum gestreift worden, andere
    Probleme der Religionsbildung finden dort überhaupt
    keine Erwähnung. Halten Sie solche Beschränkung für
    identisch mit einer Verleugnung? Meine Arbeit ist ein
    gutes Beispiel von strenger Isolierung des Anteils, den
    die psychoanalytische Betrachtung zur Lösung des reli-
    giösen Problems leisten kann. Wenn ich jetzt versuche,
    das andere, weniger tief Verborgene hinzuzufügen, so
    sollen Sie mich nicht des Widerspruchs beschuldigen
    wie früher der Einseitigkeit. Es ist natürlich meine Auf-
    gabe, die Verbindungswege zwischen dem früher Ge-

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    sagten und dem jetzt Vor-
    der manifesten Motivierung des Vaterkomplex und der
    Hilflosigkeit und Schutzbedürftigkeit des Menschen auf-
    zuzeigen.

    Diese Verbindungen sind nicht schwer zu finden. Es
    sind die Beziehungen der Hilflosigkeit des Kindes zu
    der sie fortsetzenden des Erwachsenen, so daß wie zu
    erwarten stand, die psychoanalytische Motivierung der
    Religionsbildung der infantilen Beitrag zu ihrer mani-
    festen Motivierung wird. Versetzen wir uns in das
    Seelenleben des kleinen Kindes. Sie erinnern sich an
    die Objektwahl nach dem Anlehnungstypus, von dem die
    Analyse spricht? Die Libido folgt den Wegen der nar-
    zißtischen Bedürfnisse und heftet sich an die Objekte,
    welche deren Befriedigung versichern. So wird die Mutter,
    die den Hunger befriedigt, zum ersten Liebesobjekt und
    gewiß auch zum ersten Schutz gegen alle die unbe-
    stimmten, in der Außenwelt drohenden Gefahren, zum
    ersten Angstschutz, dürfen wir sagen.

    In dieser Funktion wird die Mutter bald von dem
    stärkeren Vater abgelöst, dem sie nun über die ganze
    Kindheit verbleibt. Das Verhältnis zum Vater ist aber
    mit einer eigentümlichen Ambivalenz behaftet. Er war
    selbst eine Gefahr, vielleicht von dem früheren Verhält-
    nis zur Mutter her. So fürchtet man ihn nicht minder,
    als man sich nach ihm sehnt und ihn bewundert. Die
    Anzeichen dieser Ambivalenz des Vaterverhältnisses sind
    allen Religionen tief eingeprägt, wie auch in »Totem und
    Tabu« ausgeführt wird. Wenn nun der Heranwachsende
    merkt, daß es ihm bestimmt ist, immer ein Kind zu
    bleiben, daß er des Schutzes gegen fremde Übermächte
    nie entbehren kann, verleiht er diesen die Züge der
    Vatergestalt, er schafft sich die Götter, vor denen er sich
    fürchtet, die er zu gewinnen sucht und denen er doch
    seinen Schutz überträgt. So ist das Motiv der Vater-
    sehnsucht identisch mit dem Bedürfnis nach Schutz gegen
    die Folgen der menschlichen Ohnmacht, die Abwehr
    der kindlichen Hilflosigkeit, die der Erwachsene aner-
    kennen muß, die Hilflosigkeit, die der Erwachsene aner-
    kennen muß, ihre charakteristischen Züge eben der
    Religionsbildung, ihre charakteristischen Züge eben der
    Gottesidee weiter zu erforschen; wir haben es hier mit
    dem fertigen Schatz von religiösen Vorstellungen zu
    tun, wie ihn die Kultur dem Einzelnen übermittelt.

    V

    Um den Faden der Untersuchung wieder aufzunehmen:
    Welches ist also die psychologische Bedeutung der reli-
    giösen Vorstellungen, und was können wir sie klassifi-
    zieren? Die Frage ist zunächst gar nicht leicht zu be-
    antworten. Nach Abweisung verschiedener Formulierung
    wird man bei der einen stehen bleiben: Es sind Lehr-
    sätze, Aussagen über Tatsachen und Verhältnisse der
    äußeren (oder inneren) Realität, die etwas mitteilen, was
    man selbst nicht gefunden hat und die beanspruchen, daß
    man ihnen Glauben schenkt. Da Auskunft geben über
    das für Wichtigste und Interessanteste im Leben, werden
    sie besonders hochgeschätzt. Wer nichts von ihnen weiß,
    ist sehr unwissend, wer sie in sein Wissen aufgenom-
    men hat, darf sich für sehr bereichert halten.

    Es gibt natürlich viele solche Lehrsätze über die ver-
    schiedenartigsten Dinge dieser Welt. Jede Schulstunde ist
    voll von ihnen. Wählen wir die geographische. Wir
    hören da: Konstanz liegt am Bodensee. Ein Studenten-
    lied setzt hinzu: Wer's nicht glaubt, geh' hin und seh'.
    Ich war zufällig dort und kann bestätigen, die schöne
    Stadt liegt am Ufer eines weiten Gewässers, das alle
    Umwohnenden Bodensee heißen. Ich bin jetzt auch von