Sigmund Freud1925-041/1924.01
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    I.

         Ich bin am 6 Mai 1856 zu Freiberg in
    Mähren geboren, einem kleinen Städtchen
    der heutigen Czechoslovakei. Meine Eltern
    waren Juden, auch ich bin Jude geblieben.
    Von meiner väterlichen Familie glaube
    ich zu wissen, daß sie lange Zeiten am
    Rhein (in Köln) gelebt hat, aus Anlaß
    einer Judenverfolgung im 14ten oder
    15 Jahrhundert nach dem Osten floh und
    im Laufe des 19 Jahrhunderts die Rück-
    wanderung von Litauen über Galizien
    nach dem deutschen Österreich antrat. Als
    Kind von 4 Jahren kam ich nach Wien, wo
    ich alle Schulen durchmachte. Auf dem Gym-
    nasium war ich durch 7 Jahre Primus, hatte
    eine bevorzugte Stellung, wurde kaum
    je geprüft. Obwohl wir in sehr beengten
    Verhältnissen lebten, verlangte mein Vater,
    daß ich in der Berufswahl nur meinen Neig-
    ungen folgen sollte. Eine besondere Vor-
    liebe für die Stellung und Tätigkeit des
    Arztes habe ich in jenen Jugendjahren nicht
    verspürt, übrigens auch später nicht. Eher be-
    wegte mich eine Art von Wißbegierde,
    die sich aber mehr auf menschliche Verhältnisse
    als auf natürliche Objekte bezog und auch
    den Wert der Beobachtung als eines Haupt-
    mittels zu ihrer Befriedigung nicht erkannt
    hatte. Indes, die damals aktuelle Lehre
    Darwins zog mich mächtig an, weil sie eine
    außerordentliche Förderung des Weltver-
    ständnisses versprach und ich weiß, daß der
    Vortrag von Goethe's schönem Aufsatz
    „Die Natur“ in einer populären Vorlesung kurz
    vor der Reifeprüfung die Entscheidung
    gab, daß ich Medizin inskribierte.

         Die Universität, die ich 1873 bezog, brachte
    mir zunächst einige fühlbare Enttäuschungen.
    Vor allem traf mich die Zumutung, daß
    ich mich als minderwertig und nicht volks-
    zugehörig fühlen sollte, weil ich Jude war.
    Das erstere lehnte ich mit aller Entschiedenheit
    ab. Ich habe nie begriffen, warum ich mich
    meiner Abkunft, oder wie man zu sagen
    begann: Rasse, schämen sollte. Auf die mir
    verweigerte Volksgemeinschaft verzichtete
    ich ohne viel Bedauern. Ich meinte, daß sich
    für einen eifrigen Mitarbeiter ein Plätzchen
    innerhalb des Rahmens des Menschtums
    auch ohne solche Einreihung finden müsse.
    Aber eine für später wichtige Folge dieser

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    ersten Eindrücke von der Universität war, daß ich
    so frühzeitig mit dem Los vertraut wurde,
    in der Opposition zu stehen und von der „kom-
    pakten Majorität“ in Bann getan zu werden.
    Eine gewisse Unabhängigkeit des Urteils
    wurde so vorbereitet.

         Außerdem mußte ich in den ersten Universitäts-
    jahren die Erfahrung machen, daß Eigenheit
    und Enge meiner Begabungen mir in mehr-
    eren wissenschaftlichen Fächern, auf die ich
    mich in jugendlichem Übereifer gestürzt
    hatte, jeden Erfolg versagten. Ich lernte so die
    Wahrheit der Mahnung Mephistos erkennen:
            „Vergebens, daß ihr ringsum wissenschaft-
            lich schweift,
            Ein jeder lernt nur, was er lernen kann.“

         Im physiologischen Laboratorium von Ernst
    Brücke fand ich endlich Ruhe und volle
    Befriedigung, auch die Personen, die ich respekt-
    ieren und zu Vorbildern nehmen konnte.
    Brücke stellte mir eine Aufgabe aus der Histologie
    des Nervensystems, die ich zu seiner Zufrieden-
    heit lösen und selbständig weiterführen
    konnte. Ich arbeitete in diesem Institut
    von 1876-82 mit kurzen Unterbrechungen
    und galt allgemein als designiert für die
    nächste sich dort ergebende Assistentenstelle.
    Die eigentlichen medizinischen Fächer zogen mich
    - mit Ausnahme der Psychiatrie - nicht an.
    Ich betrieb das medizinische Studium recht
    nachlässig, wurde auch erst 1881, mit ziemlicher
    Verspätung also, zum Doktor der gesamten
    Heilkunde promoviert.

         Die Wendung kam 1882, als mein über alles
    verehrter Lehrer den großmütigen Leichtsinn
    meines Vaters korrigierte, indem er mich
    mit Rücksicht auf meine schlechte materielle
    Lage dringend ermahnte, die theoretische
    Laufbahn aufzugeben. Ich folgte seinem Rat,
    verließ das physiologische Laboratorium und
    trat als Aspirant in das Allgemeine
    Krankenhaus ein. Dort wurde ich nach einiger
    Zeit zum Sekundararzt (Interne) beför-
    dert und diente an verschiedenen Ab-
    teilungen, auch länger als ein halbes Jahr
    bei Meynert, dessen Werk und Persönlichkeit
    mich schon als Studenten gefesselt hatten.

         In gewissem Sinne blieb ich doch der zuerst
    eingeschlagenen Arbeitsrichtung treu. Brücke

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    hatte mich an das Rückenmark eines der niedrigsten
    Fische (Ammocoetes-Petromyzon) als Untersuchungs-
    objekt gewiesen, ich ging nun zum mensch-
    lichen Zentralnervensystem über, auf dessen
    verwickelte Faserung die Flechsig'schen
    Funde der ungleichzeitigen Markscheiden-
    bildung damals gerade ein helles Licht
    warfen. Auch daß ich mir zunächst einzig und
    allein die Medulla oblongata zum Objekt
    wählte, war eine Fortwirkung meiner
    Anfänge. Recht im Gegensatz zur diffusen
    Natur meiner Studien in den ersten
    Universitätsjahren entwickelte ich nun eine
    Neigung zur ausschließenden Konzentration
    der Arbeit auf einen Stoff oder ein Problem.
    Diese Neigung ist mir verblieben und hat
    mir später den Vorwurf der Einseitigkeit
    eingetragen.

         Ich war nun ein ebenso eifriger Arbeiter im
    gehirnanatomischen Institut wie vorher im
    physiologischen. Mehrere Kleine Arbeiten über
    Faserverlauf und Kernursprünge in der
    Oblongata sind in diesen Spitalsjahren
    entstanden und immerhin von Edinger
    vermerkt worden. Eines Tages machte mir
    Meynert, der mir das Laboratorium eröffnet
    hatte, auch als ich nicht bei ihm diente, den
    Vorschlag, ich sollte mich endgiltig der Gehirn-
    anatomie zuwenden, er verspreche, mir
    seine Vorlesung abzutreten, denn er
    fühle sich zu alt, um die neueren Methoden
    zu handhaben. Ich lehnte erschreckt durch
    die Größe der Aufgabe ab; auch mochte
    ich damals schon erraten haben, daß der
    geniale Mann mir keineswegs wohlwoll-
    end und zuverlässig gesinnt sei.

         Die Gehirnanatomie war in praktischer Hinsicht
    gewiß kein Fortschritt gegen die Physiologie.
    Den materiellen Anforderungen trug ich Rech-
    nung, indem ich das Studium der Nerven-
    krankheiten begann. Dieses Spezialfach
    wurde damals in Wien wenig gepflegt,
    das Material war auf verschiedenen
    internen Abteilungen verstreut, es gab
    keine gute Gelegenheit sich auszubilden,
    man mußte sein eigener Lehrer sein.
    Auch Nothnagel, den man kurz vorher auf
    Grund seines Buches über die Gehirn-
    lokalisation berufen hatte, zeichnete
    die Neuropathologie nicht vor anderen
    Teilgebieten der internen Medizin aus. In
    der Ferne leuchtete der große Name
    Charcot's und so machte ich mir den Plan,

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    hier die Dozentur für Nervenkrankheiten
    zu erwerben und dann zur weiteren Aus-
    bildung nach Paris zu gehen.
          In den nun folgenden Jahren sekundarärzt-
    lichen Dienstes veröffentlichte ich mehrere
    kasuistische Beobachtungen über organische
    Krankheiten des Nervensystems. Ich wurde
    allmälich mit dem Gebiet vertraut; ich ver-
    stand es nun, einen Herd in der Oblongata so
    genau zu lokalisieren, daß der pathologische
    Anatom nichts hinzuzusetzen hatte, ich war
    der erste in Wien, der einen Fall mit
    der Diagnose „Polyneuritis acuta“ zur Sektion
    schickte. Der Ruf meiner durch die Aut-
    opsie bestätigten Diagnosen trug mir
    den Zulauf amerikanischer Ärzte ein, denen
    ich in einer Art von „Pidgin-English“
    Kurse an den Kranken meiner Ab-
    teilung las. Von den Neurosen verstand
    ich nichts. Als ich einmal meinen Hörern
    einen Neurotiker als mit fixiertem
    Kopfschmerz als Fall von chronischer circum-
    skripter Meningitis vorstellte, fielen sie
    alle in berechtigter herabsetzender kritischer Auflehnung
    von mir ab und meine vorzeitige Lehr-
    tätigkeit hatte ein Ende. Zu meiner
    Entschuldigung sei bemerkt, es war die
    Zeit, da auch größere Autoritäten in
    Wien die Neurasthenie als Hirntumor
    zu diagnostizieren pflegten.
          Im Frühjahr 1885 erhielt ich die Dozentur
    für Neuropathologie auf Grund meiner
    histologischen und klinischen Arbeiten. Bald
    darauf wurde mir infolge des warmen
    Fürspruchs Brücke's ein größeres Reise-
    stipendium zugeteilt. Im Herbst dieses
    Jahres reiste ich nach Paris.
          Ich trat als Eleve in die Salpêtrière ein,
    fand aber anfangs als einer der vielen
    Mitläufer aus der Fremde wenig Beachtung.
    Eines Tages hörte ich Charcot sein Bedauern
    darüber äußern, daß der deutsche Übersetzer
    seiner Vorlesungen seit dem Kriege
    nichts von sich habe hören lassen. Es wäre ihm
    lieb, wenn wenn jemand die deutsche Übersetzung
    seiner „Neuen Vorlesungen“ übernehmen
    würde. Ich bot mich schriftlich dazu an, ich
    weiß noch, daß der Brief die Wendung
    enthielt, ich sei bloß mit der Aphasie
    motrice, aber nicht mit der Aphasie sensor-
    ielle du français behaftet. Charcot
    akzeptierte mich, zog mich in seinen Privat-
    verkehr und von da an hatte ich meinen

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    vollen Anteil an allem, was auf der Klinik
    vorging.
          Während ich dies schreibe, erhalte ich zahlreiche Auf-
    sätze und Zeitungsartikel aus Frankreich,
    die von dem heftigen Sträuben gegen die
    Aufnahme der Psychoanalyse zeugen und
    oft die unzutreffendsten Behauptungen
    über mein Verhältnis zur französischen
    Schule aufstellen. So lese ich z. B. daß ich meinen
    Aufenthalt in Paris dazu benützt, mich mit
    den Lehren von P. Janet vertraut zu
    machen und dann mit meinem Raube
    die Flucht zu ergreifen ergriffen habe. Ich will darum
    ausdrücklich erwähnen, daß der Name
    Janet's während meines Verweilens an der
    Salpêtrière (1885/6) überhaupt nicht genannt
    wurde.
          Von allem, was ich bei Charcot sah, machten mir
    den größten Eindruck seine letzten Unter-
    suchungen über die Hysterie, die zum Teil
    noch unter meinen Augen ausgeführt wurden.
    Also der Nachweis der Echtheit und Gesetzmäßig-
    keit der hysterischen Phänomene („Introite
    et hic dii sunt“), des häufigen Vorkommens
    der Hysterie bei Männern, die Erzeugung
    hysterischer Lähmungen und Kontrakturen
    durch hypnotische Suggestion, das Ergebnis,
    daß diese Kunstprodukte dieselben Charaktere
    bis ins Einzelnste zeigten wie die spontanen,
    oft durch Trauma hervorgerufenen Zufälle.
    Manche von Charcot's Demonstrationen hatten
    bei mir wie bei anderen Gästen zunächst
    Befremden und Neigung zum Widerspruch
    erzeugt, den wir durch Berufung auf eine
    der herrschenden Theorien zu stützen ver-
    suchten. Er erledigte solche Bedenken immer
    freundlich und geduldig, aber auch sehr be-
    stimmt; in einer dieser Diskussionen
    fiel das Wort: Ça n'empêche pas
    d'exister, das sich mir unvergeßlich ein-
    geprägt hat.
          Bekanntlich ist heute nicht mehr alles aufrecht geblieben
    was uns Charcot damals lehrte. Einiges
    ist unsicher geworden, anderes hat die Probe
    der Zeit offenbar nicht bestanden. Aber
    es ist genug davon übrig geblieben, was
    als dauernder Besitz der Wissenschaft ge-
    wertet wird. Ehe ich Paris verließ, verab-
    redete ich mit dem Meister den Plan
    einer Arbeit zur Vergleichung der hysterischen
    mit den organischen Lähmungen. Ich wollte
    den Satz durchführen, daß bei der Hysterie
    Lähmungen und Anästhesien einzelner

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    Körperteile sich so abgrenzen, wie es der gemeinen
    (nicht anatomischen) Vorstellung des Menschen
    entspricht. Er war damit einverstanden, aber es
    war leicht zu sehen, daß er im Grunde keine
    besondere Vorliebe für ein tieferes Ein-
    gehen in die Psychologie der Neurose hatte.
    Er war doch von der pathologischen Anatomie
    her gekommen.
          Ehe ich nach Wien zurückkehrte, hielt ich mich
    einige Wochen in Berlin auf, um mir einige
    Kenntnisse über die allgemeinen Erkrankungen
    des Kindesalters zu holen. Kassowitz in Wien,
    der ein öffentliches Kinderkrankeninstitut
    leitete, hatte versprochen, mir dort eine Ab-
    teilung für Nervenkrankheiten der Kinder
    einzurichten. Ich fand in Berlin bei Ad. Baginsky
    freundliche Aufnahme und Förderung.
    Aus dem Kassowitz'schen Institut habe ich im
    Laufe der nächsten Jahre mehrere größere
    Arbeiten über die einseitigen und doppel-
    seitigen Gehirnlähmungen der Kinder veröff-
    entlicht. Demzufolge übertrug mir auch später
    1897 Nothnagel die Bearbeitung des ent-
    sprechenden Stoffes in seinem großen
    „Handbuch der allgem. und speziellen Therapie“.
          Im Herbst 1886 ließ ich mich in Wien
    als Arzt nieder und heiratete das Mädchen
    das seit länger als 4 Jahren in einer fernen
    Stadt auf mich gewartet hatte. Ich kann hier
    rückgreifend erzählen, daß es die Schuld
    meiner Braut war, wenn ich nicht schon in
    jenen jungen Jahren berühmt geworden
    bin. Ein abseitiges, aber tiefgehendes Interesse
    hatte mich 1884 veranlaßt, mir das damals
    wenig bekannte Alkaloid Cocain von
    Merck kommen zu lassen und dessen
    physiologische Wirkungen zu studieren.
    Mitten in dieser Arbeit eröffnete sich mir die
    Aussicht einer Reise, um meine Verlobte
    wieder zu sehen, von der ich zwei Jahre
    getrennt gewesen war. Ich schloß die
    Untersuchung über das Cocain
    rasch ab und nahm in meine Publikation
    die Vorhersage auf, daß sich bald weitere
    Verwendungen des Mittels ergeben
    würden. Meinem Freund, dem Augenarzt
    L. Königstein legte ich aber nahe zu prüfen
    inwieweit sich die anästhesierenden Eigen-
    schaften des Cocains am kranken Auge
    verwerten ließen. Als ich vom Urlaub

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    zurück kam fand ich, daß nicht er, sondern ein
    anderer Freund, Carl Koller (jetzt in New
    York) dem ich auch vom von dem Cocain erzählt, die entscheid-
    enden Versuche am Tierauge angestellt
    und sie auf dem Ophthalmologen-Kongreß
    zu Heidelberg demonstriert hatte. Koller gilt
    darum mit Recht als der Entdecker der
    Lokalanästhesie durch Cocain, die für
    die kleine Chirurgie so wichtig geworden
    ist; ich habe aber habe mein damaliges Versäumnis
    meiner Braut nicht nachgetragen.
          Ich wende mich nun wieder zu meiner
    Niederlassung als Nervenarzt in Wien 1886.
    zu 7 g Wenn man von der Behandlung Nerven-
    kranker leben wollte, mußte man offenbar
    ihnen etwas leisten können. Mein therapeut-
    isches Arsenal umfaßte nur zwei Waffen,
    die Elektrotherapie und die Hypnose, denn
    die Versendung in die Wasserheilanstalt
    nach einmaliger Konsultation war keine
    zureichende Einnahmsquelle Erwerbsquelle. + Es oblag mir
    die Verpflichtung in der „Gesellschaft der Ärzte“
    Bericht über das zu erstatten, was ich
    bei Charcot gesehen und gelernt hatte. Allein
    ich fand eine üble Aufnahme. Maßgebende
    Personen wie der Vorsitzende, der Internist
    Bamberger erklärten das, was ich erzählte, für
    unglaubwürdig. Meynert forderte mich auf,
    Fälle, wie die von mir geschilderten, doch in
    Wien aufzusuchen und der Gesellschaft vor-
    zustellen. Dies versuchte ich auch, aber die
    Primarärzte auf deren Abteilung ich solche
    Fälle fand, verweigerten es mir, sie zu
    beobachten oder zu bearbeiten. Einer von
    ihnen, ein alter Chirurg, brach direkt in
    den Ausruf aus: „Aber Herr Kollege, wie
    können Sie solchen Unsinn reden! Hysteron
    (sic!) heißt doch der Uterus. Wie kann denn
    ein Mann hysterisch sein?“ Ich wendete
    vergebens ein, daß ich nur die Verfügung
    über den Krankheitsfall brauchte und nicht
    die Genehmigung meiner Diagnose. Endlich
    trieb ich außerhalb des Spitals einen Fall
    von klassischer hysterischer Hemianästhesie
    bei einem Manne auf, den ich in der
    Gesellschaft der Ärzte demonstrierte. Diesmal
    klatschte man mir Beifall, nahm aber
    weiter kein Interesse an mir. Der Eindruck
    daß die großen Autoritäten meine Neuig-
    keiten abgelehnt hätten, blieb unerschüttert;
    ich fand mich mit der männlichen Hysterie
    und der suggestiven Erzeugung hysterischer

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    Lähmungen in die Opposition gedrängt. Als mir
    bald darauf das hirnanatomische Laboratorium
    versperrt wurde und ich durch Semester kein
    Lokal hatte, in dem ich meine Vorlesung
    abhalten konnte, zog ich mich aus dem akade-
    mischen und Vereinsleben zurück. Ich habe die „Gesellschaft
    der Ärzte“ seit einem Menschenalter nicht
    mehr besucht.
    Einschaltung I g
          In der Elektrotherapie vertraute ich mich dem Hand-
    buch von W. Erb an, welches detaillierte Vorschriften
    für die Behandlung aller Symptome der Nerven-
    leiden zur Verfügung stellte. Leider mußte
    ich bald erfahren, daß die Befolgung dieser
    Vorschriften niemals half, daß, was ich für
    den Niederschlag exakter Beobachtung ge-
    halten hatte, eine phantastische Konstruktion
    war. Die Einsicht, daß das Werk des ersten
    Namens der deutschen Neuropathologie
    nicht mehr Beziehung zur Realität habe als
    etwa ein „ägyptisches“ Traumbuch, wie es
    in unseren Volksbuchhandlungen verkauft
    wird, war schmerzlich, aber sie verhalf dazu,
    wieder ein Stück des naiven Autoritäts-
    glaubens abzutragen, von dem ich noch
    nicht frei war. So schob ich denn den elektrischen
    Apparat beiseite, noch ehe Moebius das erlös-
    ende Wort gesprochen hatte, die Erfolge
    der elektrischen Behandlung bei Nerven-
    kranken seien – wo sie sich überhaupt
    ergeben – eine Wirkung der ärztlichen
    Suggestion.
          Mit der Hypnose stand es besser. Noch als Student
    hatte ich der einer öffentlichen Vorstellung
    des „Magnetiseurs“ Hansen beigewohnt
    und bemerkt, daß eine der Versuchs-
    personen totenbleich wurde als sie in kata-
    leptische Starre geriet und während der
    ganzen Dauer des Zustandes so verharrte.
    Damit war meine Überzeugung von der Echt-
    heit der hypnotischen Phänomene fest be-
    gründet. Bald nachher fand diese Auffassung
    in Heidenhain ihren wissenschaftlichen
    Vertreter, was aber die Professoren
    der Psychiatrie nicht abhielt, noch auf
    lange hinaus die Hypnose für etwas
    Schwindelhaftes und überdies Gefährliches
    zu erklären und auf die Hypnotiseure
    geringschätzig herabzusehen. In Paris hatte
    ich gesehen, daß man sich der Hypnose unbe-
    denklich als Methode bediente, um bei
    den Kranken Symptome zu schaffen
    und wieder aufzuheben. Dann drang die

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    Kunde zu uns, daß in Nancy eine Schule entstan-
    den war, welche die Suggestion – mit oder ohne Hypnose –
    im großen Ausmaße und mit besonderem
    Erfolg zu therapeutischen Zwecken verwen-
    dete. Es machte sich so ganz natürlich, daß in den ersten
    Jahren meiner ärztlichen Tätigkeit, von
    den mehr zufälligen und nicht systematischen
    psychotherapeutischen Methoden abgesehen, die
    hypnotische Suggestion mein hauptsächlichstes
    Arbeitsmittel wurde.
          Damit war zwar der Verzicht auf die Behandlung
    der organischen Nervenkrankheiten gegeben, aber
    das verschlug wenig. Denn einerseits gab die
    Therapie dieser Zustände überhaupt keine erfreu-
    liche Aussicht, andererseits verschwand
    in der Stadtpraxis des Privatarztes die geringe
    Anzahl der an ihnen Leidenden gegen die
    Menge von Nervösen, die sich überdies
    dadurch vervielfältigten, daß sie unerlöst
    von einem Arzt zum anderen liefen.
    Sonst aber war die Arbeit mit der Hypnose
    wirklich verführerisch. Man hatte zum ersten
    Male das Gefühl seiner Ohnmacht über-
    wunden, der Ruf des Wundertäters war
    sehr schmeichelhaft. Welches die Mängel
    des Verfahrens waren, sollte ich später ent-
    decken. Vorläufig konnte ich mich nur
    über zwei Punkte beklagen, erstens daß
    es nicht gelang alle Kranken zu hypnotisieren,
    zweitens daß man es nicht in der Hand hatte,
    den einzelnen in so tiefe Hypnose
    zu versetzen, als man gewünscht hätte. In
    der Absicht, meine hypnotische Technik zu ver-
    vollkommnen reiste ich im Sommer 1889
    nach Nancy, wo ich mehrere Wochen zubrachte.
    Ich sah den rührenden alten Liébault
    bei seiner Arbeit an den armen Frauen
    und Kindern der Arbeiterbevölkerung,
    wurde Zeuge der erstaunlichen Experimente
    Bernheim's an seinen Spitalspatienten
    und holte mir die stärksten Eindrücke
    von der Möglichkeit mächtiger seelischer Vorgänge,
    die doch dem Bewußtsein des Menschen
    verhüllt bleiben. Zum Zwecke meiner der Be-
    lehrung hatte ich eine meiner Patientinnen
    bewogen, nach Nancy nachzukommen.
    Es war eine vornehme, genial begabte
    Hysterika, die mir überlassen worden
    war, weil man nichts mit ihr anzufangen
    wußte. Ich hatte ihr durch hypnotische
    Beeinflussung eine menschenwürdige
    Existenz ermöglicht und konnte sie
    immer wieder aus dem Elend ihres

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    Zustandes herausheben. Daß sie jedesmal nach
    einiger Zeit rückfällig wurde, schob ich in meiner
    damaligen Unkenntnis darauf, daß ihre Hypnose
    niemals den Grad von Somnambulismus
    mit Amnesie erreicht hatte. Bernheim ver-
    suchte es nun mit ihr wiederholte Male, brachte
    es aber auch nicht weiter. Er gestand mir
    freimütig, daß er die großen therapeutischen
    Erfolge durch die Suggestion durch in seiner
    Spitalspraxis, nicht auch an seinen Privat-
    patienten erziele. Ich hatte viele anregende
    Unterhaltungen mit ihm und übernahm
    es, seine beiden Werke über die Suggestion
    und ihre Heilwirkungen ins Deutsche zu
    übersetzen.
          Im Zeitraum von 1886-1891 habe ich wenig wissen-
    schaftlich gearbeitet und kaum etwas publiziert.
    Ich war davon in Anspruch genommen mich in den
    neuen Beruf zu finden und meine materielle
    Existenz sowie die meiner rasch anwachsenden
    Familie zu sichern. 1891 erschien die erste der
    Arbeiten über die Gehirnlähmungen der
    Kinder, in Gemeinschaft mit meinem Freunde
    und Assistenten Dr Oscar Rie abgefaßt. Im selben
    Jahr veranlaßte mich ein Auftrag der Mitarbeit-
    erschaft an einem Handwörterbuch der Medizin
    die Lehre von der Aphasie zu erörtern, die
    damals von dem rein lokalisatorischen
    Gesichtspunkte Wernicke-Lichtheim's beherrscht wur-
    de. Ein kleines kritisch-spekulatives Buch
    „Zur Auffassung der Aphasie“ war die Frucht dieser
    Bemühung. Ich habe nun aber zu verfolgen,
    wie es kam, daß die wissenschaftliche
    Forschung wieder zum Hauptinteresse
    meines Lebens wurde.

    II.

         Meine frühere Darstellung ergänzend muß
    ich angeben, daß ich von Anfang an außer
    der hypnotischen Suggestion eine andere
    Verwendung der Hypnose übte. Ich bediente
    mich ihrer zur Ausforschung des Kranken
    über die Entstehungsgeschichte seines Symptoms,
    die er im Wachzustand oft gar nicht oder
    nur sehr unvollkommen mitteilen konnte.
    Dies Verfahren schien nicht nur wirksamer
    als das bloße suggestive Gebot oder Verbot,
    es befriedigte auch die Wißbegierde des Arztes,
    der doch ein Recht hatte, etwas von der Her-
    kunft des Phänomens zu erfahren, das
    er durch die monotone suggestive Prozedur
    aufzuheben strebte.
          Zu diesem anderen Verfahren war ich aber
    auf folgende Weise gekommen. Noch im
    Brücke'schen Laboratorium wurde ich