Sigmund Freud1925-041/1924.01
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    aber später etwa von 1908 an durch direkte
    Beobachtungen an Kindern bis in alle Einzel-
    heiten und in beliebigem Ausmaße bestätigt
    werden. Es ist wirklich so leicht, sich von den
    regulären sexuellen Betätigungen und Interessen
    der Kinder zu überzeugen, daß man sich ver-
    wundert fragen muß, wie es die Menschen
    zu Stande gebracht haben, diese Tatsachen zu
    zu übersehen und die Wunschlegende von
    der asexuellen Kindheit so lange aufrecht zu
    halten. Dies muß mit der Amnesie der meisten
    Erwachsenen für ihre eigene Kindheit zusammenhängen.

    IV.

         Die Lehren vom Widerstand und der Verdrängung,
    vom Unbewußten, von der aetiologischen Be-
    deutung des Sexuallebens und der Wichtigkeit
    der Kindheitserlebnisse sind die Hauptbestand-
    teile des psychoanalytischen Lehrgebäudes. Ich
    bedauere, daß ich hier nur die einzelnen Stücke
    beschreiben konnte und nicht auch, wie sie sich
    zusammensetzen und ineinander greifen. Es ist
    jetzt an der Zeit, sich zu den Veränderungen zu
    wenden, die sich allmälich an der Technik des
    analytischen Verfahrens vollzogen.
          Die zuerst geübte Überwindung des Widerstands
    durch Drängen und Versichern war unentbehr-
    lich gewesen, um dem Arzt die ersten Orientier-
    ungen in dem, was er zu erwarten hatte, zu
    verschaffen. Auf die Dauer war sie aber für beide
    Teile zu anstrengend und schien nicht frei von ge-
    wissen naheliegenden Bedenken. Sie
    wurde also von einer anderen Methode abgelöst,
    welche in gewissem Sinn ihr Gegensatz war. Anstatt
    den Patienten anzutreiben, etwas zu einem bestimmten Thema
    zu sagen, forderte man ihn jetzt auf, sich der
    „freien Assoziation“ zu überlassen, d. h. zu sagen,
    was immer ihm in den Sinn kam, wenn er sich
    jeder bewußten Zielvorstellung enthielt.
    Nur mußte er sich dazu verpflichten, auch wirklich
    alles mitzuteilen, was ihm seine Selbstwahrnehm-
    ung ergab, und den kritischen Einwendungen
    nicht nachzugeben, die oft einzelne Einfälle
    mit den Motivierungen beseitigen wollten,
    sie seien nicht wichtig genug, gehörten nicht
    dazu oder seien überhaupt ganz unsinnig.
    Die Absicht der Forderung nach Aufrichtigkeit in der Mitteilung
    brauchte man nicht ausdrücklich zu wiederholen,
    sie war ja die Voraussetzung der analytischen
    Kur. Daß dies Verfahren der freien Assoziation unter Einhaltung
    der psychoanalytischen Grundregel
    leisten sollte, was man von ihm erwartete,
    nämlich das verdrängte und durch Widerstände
    ferngehaltene Material dem Bewußtsein

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    zuzuführen mag befremdend erscheinen. Allein
    man muß bedenken, daß die freie Assoziation
    nicht wirklich frei ist. Der Patient bleibt
    unter dem Einfluß der analytischen Situation,
    auch wenn er seine Denktätigkeit nicht
    auf ein bestimmtes Thema richtet. Man hat
    das Recht anzunehmen, daß ihm nichts anderes
    einfallen wird, als was zu dieser Situation in
    Beziehung steht. Sein Widerstand gegen die Re-
    produktion des Verdrängten wird sich jetzt
    auf zweierlei Weise äußern. Erstens durch
    jene kritischen Einwendungen, auf welche die
    psychoanalytische Grundregel gemünzt ist. Über-
    windet er aber in Befolgung der Regel diese
    Abhaltungen, so findet der Widerstand einen
    anderen Ausdruck. Er wird es durchsetzen,
    daß dem Analysierten niemals
    das Verdrängte selbst einfällt, sondern
    nur etwas, was diesem nach Art einer Anspiel-
    ung nahe kommt und je größer der Wider-
    stand ist, desto weiter wird sich der mitzuteilende
    Ersatzeinfall von dem Eigentlichen, das man sucht
    entfernen. Der Analytiker, der in Sammlung
    aber ohne Anstrengung zuhört und der durch seine Erfahrung im
    allgemeinen auf das Kommende vorbe-
    reitet ist, kann nun
    das Material, das der Patient zu Tage
    fördert, nach zwei Möglichkeiten ver-
    werten. Entweder gelingt es ihm, bei geringem
    Widerstand aus den Andeutungen das
    Verdrängte selbst zu erraten oder er
    kann bei stärkerem Widerstand an den
    Einfällen, die sich vom Thema zu entfernen
    scheinen, die Beschaffenheit dieses
    Widerstandes erkennen, den er dann dem
    Patienten mitteilt. Die Aufdeckung des
    Widerstandes ist aber der erste Schritt
    zu seiner Überwindung. So ergiebt sich
    im Rahmen der analytischen Arbeit eine
    Deutungskunst, deren erfolgreiche Hand-
    habung zwar Takt und Übung erfordert,
    die aber unschwer zu erlernen ist.
    Die Methode der freien Assoziation hat
    große Vorzüge vor der früheren, nicht
    nur den der Ersparung an Mühe. Sie
    setzt den Analysierten dem geringsten
    Maß von Zwang aus, verliert nie den
    Kontakt mit der realen Gegenwart, ge-
    währt weitgehende Garantien dafür,
    daß man kein Moment in der Struktur
    der Neurose übersieht und nichts aus
    eigener Erwartung in sie einträgt.
    Man überläßt es bei ihr wesentlich
    dem Patienten, den Gang der Analyse und die Anordnung
    des Stoffes zu bestimmen, daher

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    wird die systematische Bearbeitung der einzelnen
    Symptome und Komplexe unmöglich. Recht im
    Gegensatz zum Hergang beim hypnotischen oder
    antreibenden Verfahren erfährt man das
    Zusammengehörige zu verschiedenen Zeiten
    und an verschiedenen Stellen der Kur Behandlung. Für
    einen Zuhörer – den es in Wirklichkeit nicht
    geben darf – würde die analytische Behandlung Kur
    daher ganz undurchsichtig sein.
          Ein anderer Vorteil der Methode ist, daß sie
    eigentlich nie zu versagen braucht. Es muß
    theoretisch immer möglich sein, einen Einfall
    zu haben, wenn man seine Ansprüche an
    die Art desselben fallen läßt. Doch tritt
    solches Versagen ganz regelmäßig in einem
    Falle auf, aber gerade durch seine Vereinzel-
    ung wird auch dieser Fall deutbar.
          Ich nähere mich nun der Beschreibung eines
    Moments, welches einen wesentlichen Zug
    zum Bild der Analyse hinzufügt und technisch
    wie theoretisch die größte Bedeutung bean-
    spruchen darf. In jeder analytischen Behandlung
    stellt sich ohne Dazutun des Arztes eine intensive
    Gefühlsbeziehung des Patienten zur Person
    des Analytikers her, die in den realen Ver-
    hältnissen keine Erklärung finden kann. Sie
    ist positiver oder negativer Natur, variiert
    von leidenschaftlicher, vollsinnlicher Verliebt-
    heit bis zum extremen Ausdruck von Auf-
    lehnung, Erbitterung und Haß. Diese abkürzend
    so genannte „Übertragung“ setzt sich beim Pa-
    tienten bald an die Stelle des Wunsches nach
    Genesung und wird, so lange sie zärtlich und
    gemäßigt ist, zum Träger des ärztlichen Ein-
    flusses und zur eigentlichen Triebfeder der
    gemeinsamen analytischen Arbeit. Später, wenn
    sie leidenschaftlich geworden ist oder ins
    Feindselige umgeschlagen hat, wird sie das Haupt-
    werkzeug des Widerstandes. Dann geschieht
    es auch, daß sie die Einfallstätigkeit des
    Patienten lahm legt und den Erfolg der
    Behandlung gefährdet. Es wäre aber unsinnig,
    ihr ausweichen zu wollen; eine Analyse ohne
    Übertragung ist eine Unmöglichkeit.
    Man darf nicht glauben, daß die Analyse die Über-
    tragung schafft und daß diese nur bei ihr vor-
    kommt. Die Übertragung wird von der Analyse
    nur aufgedeckt und isoliert. Sie ist ein allgemein
    menschliches Phänomen, entscheidet über den
    Erfolg bei jeder ärztlichen Beeinflussung,
    ja sie beherrscht überhaupt die Beziehungen
    einer Person zu ihrer menschlichen Umwelt.
    Unschwer erkennt man in ihr denselben dynam-
    + ischen Faktor, den die Hypnotiker Sugger-

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    ierbarkeit genannt haben, der der Träger des hypnot-
    ischen Rapports ist, über dessen Unberechenbar-
    keit auch die kathartische Methode zu klagen
    hatte. Wo diese Neigung zur Gefühlsübertragung
    fehlt oder durchaus negativ geworden ist, wie
    bei der Dementia und der Paranoia, da
    entfällt auch die Möglichkeit einer psychischen
    Beeinflussung des Kranken.
          Es ist ganz richtig, daß auch die Psychoanalyse mit dem
    Mittel der Suggestion arbeitet, wie andere
    psychotherapeutische Methoden. Der Unterschied ist
    aber, daß ihr – der Suggestion oder der Über-
    tragung – hier nicht die Entscheidung über
    den therapeutischen Erfolg überlassen wird.
    Sie wird vielmehr dazu verwendet, den Kranken
    zur Leistung einer psychischen Arbeit zu bewegen
    – zur Überwindung seiner Übertragungswider-
    stände –, die eine dauernde Veränderung
    seiner seelischen Oekonomie bedeutet. Die
    Übertragung wird vom Analytiker dem
    Kranken bewußt gemacht, sie wird aufgelöst,
    indem man ihn davon überzeugt, daß
    er in seinem Übertragungsverhalten Ge-
    fühlsrelationen wiedererlebt, die von
    seinen frühesten Objektbesetzungen aus der
    verdrängten Periode seiner Kindheit
    herstammen. Durch solche Wendung wird
    die Übertragung aus der stärksten Waffe
    des Widerstandes zum besten Instrument
    der analytischen Kur. Immerhin bleibt
    ihre Handhabung das schwierigste wie das
    wichtigste Stück der analytischen Technik.
          Mit Hilfe des Verfahrens der freien Assoz-
    iation und der an sie anschließenden Deut-
    ungskunst gelang der Psychoanalyse eine Leistung,
    die anscheinend nicht praktisch bedeutsam war,
    aber in Wirklichkeit zu einer völlig neuen
    Stellung und Geltung im wissenschaftlichen Be-
    trieb führen mußte. Es wurde möglich, nach-
    zuweisen, daß Träume sinnvoll sind, und
    den Sinn derselben zu erraten. Träume
    waren noch im klassischen Altertum als
    Verkündigungen der Zukunft hochgeschätzt
    worden; die moderne Wissenschaft wollte
    vom Traum nichts wissen, überließ ihn dem
    Aberglauben, erklärte ihn für einen bloß „körperlichen“
    Akt, für eine Art Zuckung des sonst
    schlafenden Seelenlebens. Daß Jemand, der
    ernste wissenschaftliche Arbeit geleistet hatte,
    als „Traumdeuter“ auftreten könnte, schien
    doch ausgeschlossen. Wenn man sich aber um
    eine solche Verdammung des Traumes nicht
    kümmerte, ihn behandelte wie ein unver-
    standenes neurotisches Symptom, eine Wahn-

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    oder Zwangsidee, von seinem scheinbaren 
    Inhalt absah und seine Elemente einzelnen Bilder zu Objekten
    der freien Assoziation machte, so kam man zu
    einem anderen Ergebnis. Man gewann durch
    die zahlreichen Einfälle des Träumers Kennt-
    nis von einem Gedankengebilde, das nicht mehr
    absurd oder verworren genannt werden konnte,
    das einer vollwertigen psychischen Leistung
    entsprach und von dem der manifeste Traum
    nur eine Übersetzung entstellte, verkürzte und mißverstand-
    ene Übersetzung war, zumeist eine Übersetz-
    ung in visuelle Bilder. Diese latenten Traum-
    gedanken enthielten den Sinn des Traumes,
    der manifeste Trauminhalt war nur eine Täuschung,
    eine Fassade an welche zwar die Assoziation
    + anknüpfen konnte, aber nicht die Deutung.
          Man stand nun vor der Beantwortung einer ganzen
    Reihe von Fragen, die wichtigsten darunter, ob es
    denn ein Motiv für die Traumbildung gebe,
    unter welchen Bedingungen sie sich vollziehen
    könne, auf welchen Wegen die Überführung
    der immersinnreichen Traumgedanken in den
    oft sinnlosen Traum vor sich geht u. a. In meiner
    1900 veröffentlichten „Traumdeutung“ habe ich ver-
    sucht, all diese Probleme zu erledigen.
    Nur der kürzeste Auszug aus dieser Unter-
    suchung kann hier Raum finden. Wenn
    man die latenten Traumgedanken, die
    man aus der Analyse des Traumes erfahren
    hat, untersucht, findet man einen unter
    ihnen, der sich von den anderen, ver-
    ständigen und dem Träumer wohlbekann-
    ten, scharf abhebt. Diese anderen sind Reste des
    Wachlebens (Tagesreste); in dem einen vereinzelten
    aber erkennt man eine oft
    sehr anstößige Wunschregung, die dem
    Wachleben des Träumers fremd ist, die er
    daher dementsprechend auch verwundert oder
    entrüstet verleugnet. Diese Regung ist
    der eigentliche Traumbildner, sie hat die
    Energie für die Produktion des Traumes auf-
    gebracht und sich der Tagesreste als Material
    bedient; der so entstandene Traum stellt
    eine Befriedigungssituation für sie vor,
    ist ihre Wunscherfüllung. Dieser Vorgang
    wäre nicht möglich geworden, wenn nicht
    etwas in der Natur des Schlafzustandes
    ihn begünstigt hätte. Die psychische Vor-
    aussetzung des Schlafens ist die Einstellung
    des Ich's auf den Schlafwunsch und die Ab-
    ziehung der Besetzungen von allen Interessen
    des Lebens; da gleichzeitig die Zugänge
    zur Motilität gesperrt werden, kann das
    Ich auch den Aufwand herabsetzen, mit dem

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    es sonst die Verdrängungen aufrecht hält. Diesen
    nächtlichen Nachlaß der Verdrängung macht sich die unbewußte
    WunschRegung zu Nutze, um mit dem
    Traum zum Bewußtsein vorzudringen.
    Der Verdrängungswiderstand des Ich's ist aber
    auch im Schlaf nicht aufgehoben, sondern
    bloß herabgesetzt worden. Ein Rest von
    ihm ist als Traumzensur verblieben und
    verbietet nun der unbewußten Wunsch-
    regung, sich in den Formen zu äußern,
    die ihr eigentlich angemessen wären. Infolge
    der Strenge der Traumzensur müssen sich
    die latenten Traumgedanken Ab-
    änderungen und Abschwächungen gefallen
    lassen, die den verpönten Sinn des
    Traumes unkenntlich machen. Dies ist
    die Erklärung der Traumentstellung,
    welcher der manifeste Traum seine auf-
    fälligsten Charaktere verdankt. Daher
    auch die Berechtigung des Satzes: der
    Traum sei die (verkappte) Erfüllung
    eines (verdrängten) Wunsches. Wir er-
    kennen schon jetzt, daß der Traum gebaut
    ist wie ein neurotisches Symptom, er ist
    eine Kompromißbildung zwischen dem An-
    spruch einer verdrängten Triebregung
    und dem Widerstand einer zensurieren-
    den Macht im Ich. Infolge der gleichen Genese
    ist er auch ebenso unverständlich wie das
    Symptom und in gleicher Weise der Deutung
    bedürftig.
          Die allgemeine Funktion des Träumens ist leicht
    aufzufinden. Es dient dazu um äußere oder
    innere Reize, welche zum Erwachen auf-
    fordern würden, durch eine Art von Be-
    schwichtigung abzuwehren und so den Schlaf
    gegen Störung zu versichern. Der äußere
    Reiz wird abgewehrt, indem er umgedeutet
    und in irgend eine harmlose Situation
    verwoben wird; den inneren Reiz des
    Triebanspruchs läßt der Schläfer gewähren
    und gestattet ihm die Befriedigung durch
    die Traumbildung, solange sich die latenten
    Traumgedanken der Bändigung durch die
    Zensur nicht entziehen. Droht aber diese
    Gefahr und wird der Traum allzu deutlich,
    so bricht der Schläfer den Traum ab und
    wacht erschreckt auf (Angsttraum). Dasselbe
    Versagen der Traumfunktion tritt
    ein, wenn der äußere Reiz so stark
    wird, daß er sich nicht mehr abweisen
    läßt (Wecktraum).

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    Den Prozeß, welcher unter Mitwirkung der Traum-
    zensur die latenten Gedanken in den mani-
    festen Trauminhalt überführt, habe ich die
    Traumarbeit genannt. Er besteht in einer
    Bearbeitung Behandlung eigenartigen Bearbeitung des vorbewußten
    Gedankenmaterials, bei welcher dessen Bestand-
    teile verdichtet, seine psychischen Akzente
    verschoben, das Ganze dann in visuelle
    Bilder umgesetzt, dramatisiert, und durch
    eine mißverständliche sekundäre Bearbeitung
    ergänzt wird. Die Traumarbeit ist ein ausge-
    zeichnetes Muster der Vorgänge in den tieferen,
    unbewußten Schichten des Seelenlebens, welche
    sich von den uns bekannten normalen Denk-
    vorgängen erheblich unterscheiden. Sie
    bringt auch eine Anzahl archaischer
    Züge zum Vorschein, z. B. die Verwendung
    einer hier vorwiegend sexuellen Symbolik,
    die man dann auf anderen Gebieten geistiger
    Tätigkeit wiedergefunden hat.
          Indem sich die unbewußte Triebregung des
    Traumes mit einem Tagesrest, einem uner-
    ledigten Interesse des Wachlebens, in Verbind-
    ung setzt, verschafft sie dem von ihr gebildeten
    Traum einen zweifachen Wert für die analytische
    Arbeit. Der gedeutete Traum erweist sich ja einer-
    seits als die Erfüllung eines verdrängten Wunsches,
    andererseits kann er die vorbewußte Denk-
    tätigkeit des Tages fortgesetzt und sich mit be-
    liebigem Inhalt erfüllt haben, einem Vorsatz,
    einer Warnung, Überlegung und auch wiederum einer
    Wunscherfüllung Ausdruck geben. Die Analyse
    verwertet ihn nach beiden Richtungen, sowohl
    für die Kenntnis der bewußten wie der
    unbewußten Vorgänge beim Analysierten.
    Auch zieht sie aus dem Umstande Vorteil, daß
    dem Traume der vergessene Stoff des
    Kindheitslebens zugänglich ist, so daß die infantile
    Amnesie zumeist im Anschluß an die Deutung
    von Träumen überwunden wird. Der Traum
    leistet hier ein Stück von dem, was früher
    der Hypnose auferlegt war. Dagegen habe ich
    nie die mir oft zugeschriebene Behauptung auf-
    gestellt, die Traumdeutung ergebe, daß alle
    Träume sexuellen Inhalt haben oder auf sexuelle
    Triebkräfte zurückgehen. Es ist leicht zu sehen, daß
    Hunger, Durst und Exkretionsdrang ebenso
    gut Befriedigungsträume erzeugen wie
    irgend eine verdrängte sexuelle oder egoist-
    + ische Regung. Bei kleinen Kindern stellt
    sich eine bequeme Probe auf die Richtigkeit
    unserer Traumtheorie zur Verfügung. Hier,
    wo die verschiedenen psychischen Systeme noch
    nicht scharf gesondert, die Verdrängungen
    noch nicht tiefer ausgebildet sind, erfährt

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    man häufig von Träumen, die nichts anderes
    sind als unverhüllte Erfüllungen irgend
    welcher vom Tage erübrigter Wunschregungen.
    Unter dem Einfluß imperativer Bedürfnisse
    können auch Erwachsene solche Träume
    von infantilem Typus produzieren.
          In ähnlicher Weise wie der Traumdeutung bedient
    sich die Analyse des Studiums der so häufigen kleinen
    Fehlleistungen und Symptomhandlungen der
    Menschen, denen ich eine 1904 zuerst als Buch
    veröffentlichte Untersuchung „Zur Psychopathologie
    des Alltagslebens“ gewidmet habe. Den Inhalt
    dieses vielgelesenen Werkes bildet der Nach-
    weis, daß diese Phänomene nichts Zufälliges
    sind, daß sie über physiologische Erklärungen
    hinausgehen, sinnvoll und deutbar sind
    und zum Schluß auf zurückgehaltene oder
    verdrängte Regungen und Intentionen
    berechtigen. Der überragende Wert
    der Traumdeutung wie dieser Studie liegt
    aber nicht in der Unterstützung, die
    sie der analytischen Arbeit leihen, sondern
    in einer anderen Eigenschaft derselben.
    Bisher hatte die Psychoanalyse sich nur mit der
    Auflösung pathologischer Phänomene beschäftigt
    und zu deren Erklärung oft weite An-
    nahmen machen müssen, deren Tragweite
    außer Verhältnis zur Wichtigkeit des
    behandelten Stoffes stand. Der Traum
    aber, den sie dann in Angriff nahm, war
    kein krankhaftes Symptom, er war ein
    Phänomen des normalen Seelenlebens,
    konnte sich bei jedem gesunden Menschen
    ereignen. Wenn die Erklärung des Traumes der Traum
    so gebaut ist wie ein Symptom, wenn seine
    Erklärung die nämlichen Annahmen erfordert,
    die der Verdrängung von Triebregungen,
    der Ersatz- und Kompromißbildung,
    der verschiedenen psychischen Systeme zur
    Unterbringung des Bewußten und Unbe-
    wußten, dann ist die Psychoanalyse nicht
    mehr eine Hilfswissenschaft der Psychopathologie,
    dann ist sie vielmehr der Ansatz zu einer
    neuen und gründlicheren Seelenkunde, die
    auch für das Verständnis des Normalen
    unentbehrlich wird. Man darf ihre Voraus-
    setzungen und Ergebnisse auf andere Gebiete
    des seelischen und geistigen Geschehens übertragen;
    der Weg ins Weite, zum Weltinteresse,
    ist ihr eröffnet.