S.
31
aber später etwa von 1908 an durch direkte
Beobachtungen an Kindern bis in alle Einzel-
heiten und in beliebigem Ausmaße bestätigt
werden. Es ist wirklich so leicht, sich von den
regulären sexuellen Betätigungen und Interessen
der Kinder zu überzeugen, daß man sich ver-
wundert fragen muß, wie es die Menschen
zu Stande gebracht haben, diese Tatsachenzu
zu übersehen und die Wunschlegende von
der asexuellen Kindheit so lange aufrecht zu
halten. Dies muß mit der Amnesie der meisten
Erwachsenen für ihre eigene Kindheit zusammenhängen.IV.
Die Lehren vom Widerstand und der Verdrängung,
vom Unbewußten, von der aetiologischen Be-
deutung des Sexuallebens und der Wichtigkeit
der Kindheitserlebnisse sind die Hauptbestand-
teile des psychoanalytischen Lehrgebäudes. Ich
bedauere, daß ich hier nur die einzelnen Stücke
beschreiben konnte und nicht auch, wie sie sich
zusammensetzen und ineinander greifen. Es ist
jetzt an der Zeit, sich zu den Veränderungen zu
wenden, die sich allmälich an der Technik des
analytischen Verfahrens vollzogen.
Die zuerst geübte Überwindung des Widerstands
durch Drängen und Versichern war unentbehr-
lich gewesen, um dem Arzt die ersten Orientier-
ungen in dem, was er zu erwarten hatte, zu
verschaffen. Auf die Dauer war sie aber für beide
Teile zu anstrengend und schien nicht frei von ge-
wissen naheliegenden Bedenken. Sie
wurde also von einer anderen Methode abgelöst,
welche in gewissem Sinn ihr Gegensatz war. Anstatt
den Patienten anzutreiben, etwas zu einem bestimmten Thema
zu sagen, forderte man ihn jetzt auf, sich der
„freien Assoziation“ zu überlassen, d. h. zu sagen,
was immer ihm in den Sinn kam, wenn er sich
jeder bewußten Zielvorstellung enthielt.
Nur mußte er sich dazu verpflichten, auch wirklich
alles mitzuteilen, was ihm seine Selbstwahrnehm-
ung ergab, und den kritischen Einwendungen
nicht nachzugeben, die oft einzelne Einfälle
mit den Motivierungen beseitigen wollten,
sie seien nicht wichtig genug, gehörten nicht
dazu oder seien überhaupt ganz unsinnig.
DieAbsicht derForderung nach Aufrichtigkeit in der Mitteilung
brauchte man nicht ausdrücklich zu wiederholen,
sie war ja die Voraussetzung der analytischen
Kur. Daß dies Verfahren der freien Assoziation unter Einhaltung
der psychoanalytischen Grundregel
leisten sollte, was man von ihm erwartete,
nämlich das verdrängte und durch Widerstände
ferngehaltene Material dem BewußtseinS.
32
zuzuführen mag befremdend erscheinen. Allein
man muß bedenken, daß die freie Assoziation
nicht wirklich frei ist. Der Patient bleibt
unter dem Einfluß der analytischen Situation,
auch wenn er seine Denktätigkeit nicht
auf ein bestimmtes Thema richtet. Man hat
das Recht anzunehmen, daß ihm nichts anderes
einfallen wird, als was zu dieser Situation in
Beziehung steht. Sein Widerstand gegen die Re-
produktion des Verdrängten wird sich jetzt
auf zweierlei Weise äußern. Erstens durch
jene kritischen Einwendungen, auf welche die
psychoanalytische Grundregel gemünzt ist. Über-
windet er aber in Befolgung der Regel diese
Abhaltungen, so findet der Widerstand einen
anderen Ausdruck. Er wird es durchsetzen,
daß dem Analysierten niemals
das Verdrängte selbst einfällt, sondern
nur etwas, was diesem nach Art einer Anspiel-
ung nahe kommt und je größer der Wider-
stand ist, desto weiter wird sich der mitzuteilende
Ersatzeinfall von dem Eigentlichen, das man sucht
entfernen. Der Analytiker, der in Sammlung
aber ohne Anstrengung zuhört und der durch seine Erfahrung im
allgemeinen auf das Kommende vorbe-
reitet ist, kann nun
das Material, das der Patient zu Tage
fördert, nach zwei Möglichkeiten ver-
werten. Entweder gelingt es ihm, bei geringem
Widerstand aus den Andeutungen das
Verdrängte selbst zu erraten oder er
kann bei stärkerem Widerstand an den
Einfällen, die sich vom Thema zu entfernen
scheinen, die Beschaffenheit dieses
Widerstandes erkennen, den er dann dem
Patienten mitteilt. Die Aufdeckung des
Widerstandes ist aber der erste Schritt
zu seiner Überwindung. So ergiebt sich
im Rahmen der analytischen Arbeit eine
Deutungskunst, deren erfolgreiche Hand-
habung zwar Takt und Übung erfordert,
die aber unschwer zu erlernen ist.
Die Methode der freien Assoziation hat
große Vorzüge vor der früheren, nicht
nur den der Ersparung an Mühe. Sie
setzt den Analysierten dem geringsten
Maß von Zwang aus, verliert nie den
Kontakt mit der realen Gegenwart, ge-
währt weitgehende Garantien dafür,
daß man kein Moment in der Struktur
der Neurose übersieht und nichts aus
eigener Erwartung in sie einträgt.
Man überläßt es bei ihr wesentlich
dem Patienten, den Gang der Analyse und die Anordnung
des Stoffes zu bestimmen, daherS.
33
wird die systematische Bearbeitung der einzelnen
Symptome und Komplexe unmöglich. Recht im
Gegensatz zum Hergang beim hypnotischen oder
antreibenden Verfahren erfährt man das
Zusammengehörige zu verschiedenen Zeiten
und an verschiedenen Stellen derKurBehandlung. Für
einen Zuhörer – den es in Wirklichkeit nicht
geben darf – würde die analytischeBehandlungKur
daher ganz undurchsichtig sein.
Ein anderer Vorteil der Methode ist, daß sie
eigentlich nie zu versagen braucht. Es muß
theoretisch immer möglich sein, einen Einfall
zu haben, wenn man seine Ansprüche an
die Art desselben fallen läßt. Doch tritt
solches Versagen ganz regelmäßig in einem
Falle auf, aber gerade durch seine Vereinzel-
ung wird auch dieser Fall deutbar.
Ich nähere mich nun der Beschreibung eines
Moments, welches einen wesentlichen Zug
zum Bild der Analyse hinzufügt und technisch
wie theoretisch die größte Bedeutung bean-
spruchen darf. In jeder analytischen Behandlung
stellt sich ohne Dazutun des Arztes eine intensive
Gefühlsbeziehung des Patienten zur Person
des Analytikers her, die in den realen Ver-
hältnissen keine Erklärung finden kann. Sie
ist positiver oder negativer Natur, variiert
von leidenschaftlicher, vollsinnlicher Verliebt-
heit bis zum extremen Ausdruck von Auf-
lehnung, Erbitterung und Haß. Diese abkürzend
so genannte „Übertragung“ setzt sich beim Pa-
tienten bald an die Stelle des Wunsches nach
Genesung und wird, so lange sie zärtlich und
gemäßigt ist, zum Träger des ärztlichen Ein-
flusses und zur eigentlichen Triebfeder der
gemeinsamen analytischen Arbeit. Später, wenn
sie leidenschaftlich geworden ist oder ins
Feindselige umgeschlagen hat, wird sie das Haupt-
werkzeug des Widerstandes. Dann geschieht
es auch, daß sie die Einfallstätigkeit des
Patienten lahm legt und den Erfolg der
Behandlung gefährdet. Es wäre aber unsinnig,
ihr ausweichen zu wollen; eine Analyse ohne
Übertragung ist eine Unmöglichkeit.
Man darf nicht glauben, daß die Analyse die Über-
tragung schafft und daß diese nur bei ihr vor-
kommt. Die Übertragung wird von der Analyse
nur aufgedeckt und isoliert. Sie ist ein allgemein
menschliches Phänomen, entscheidet über den
Erfolg bei jeder ärztlichen Beeinflussung,
ja sie beherrscht überhaupt die Beziehungen
einer Person zu ihrer menschlichen Umwelt.
Unschwer erkennt man in ihr denselben dynam-
+ ischen Faktor, den die Hypnotiker Sugger-S.
34
ierbarkeit genannt haben, der der Träger des hypnot-
ischen Rapports ist, über dessen Unberechenbar-
keit auch die kathartische Methode zu klagen
hatte. Wo diese Neigung zur Gefühlsübertragung
fehlt oder durchaus negativ geworden ist, wie
bei der Dementia und der Paranoia, da
entfällt auch die Möglichkeit einer psychischen
Beeinflussung des Kranken.
Es ist ganz richtig, daß auch die Psychoanalyse mit dem
Mittel der Suggestion arbeitet, wie andere
psychotherapeutische Methoden. Der Unterschied ist
aber, daß ihr – der Suggestion oder der Über-
tragung – hier nicht die Entscheidung über
den therapeutischen Erfolg überlassen wird.
Sie wird vielmehr dazu verwendet, den Kranken
zur Leistung einer psychischen Arbeit zu bewegen
– zur Überwindung seiner Übertragungswider-
stände –, die eine dauernde Veränderung
seiner seelischen Oekonomie bedeutet. Die
Übertragung wird vom Analytiker dem
Kranken bewußt gemacht, sie wird aufgelöst,
indem man ihn davon überzeugt, daß
er in seinem Übertragungsverhalten Ge-
fühlsrelationen wiedererlebt, die von
seinen frühesten Objektbesetzungen aus der
verdrängten Periode seiner Kindheit
herstammen. Durch solche Wendung wird
die Übertragung aus der stärksten Waffe
des Widerstandes zum besten Instrument
der analytischen Kur. Immerhin bleibt
ihre Handhabung das schwierigste wie das
wichtigste Stück der analytischen Technik.
Mit Hilfe des Verfahrens der freien Assoz-
iation und der an sie anschließenden Deut-
ungskunst gelang der Psychoanalyse eine Leistung,
die anscheinend nicht praktisch bedeutsam war,
aber in Wirklichkeit zu einer völlig neuen
Stellung und Geltung im wissenschaftlichen Be-
trieb führen mußte. Es wurde möglich, nach-
zuweisen, daß Träume sinnvoll sind, und
den Sinn derselben zu erraten. Träume
waren noch im klassischen Altertum als
Verkündigungen der Zukunft hochgeschätzt
worden; die moderne Wissenschaft wollte
vom Traum nichts wissen, überließ ihn dem
Aberglauben, erklärte ihn für einen bloß „körperlichen“
Akt, für eine Art Zuckung des sonst
schlafenden Seelenlebens. Daß Jemand, der
ernste wissenschaftliche Arbeit geleistet hatte,
als „Traumdeuter“ auftreten könnte, schien
doch ausgeschlossen. Wenn man sich aber um
eine solche Verdammung des Traumes nicht
kümmerte, ihn behandelte wie ein unver-
standenes neurotisches Symptom, eine Wahn-S.
35
oder Zwangsidee, von seinem scheinbaren
Inhalt absah und seineElementeeinzelnen Bilder zu Objekten
der freien Assoziation machte, so kam man zu
einem anderen Ergebnis. Man gewann durch
die zahlreichen Einfälle des Träumers Kennt-
nis von einem Gedankengebilde, das nicht mehr
absurd oder verworren genannt werden konnte,
das einer vollwertigen psychischen Leistung
entsprach und von dem der manifeste Traum
nur eineÜbersetzungentstellte, verkürzte und mißverstand-
ene Übersetzung war, zumeist eine Übersetz-
ung in visuelle Bilder. Diese latenten Traum-
gedanken enthielten den Sinn des Traumes,
der manifeste Trauminhalt war nur eine Täuschung,
eine Fassade an welche zwar die Assoziation
+ anknüpfen konnte, aber nicht die Deutung.
Man stand nun vor der Beantwortung einer ganzen
Reihe von Fragen, die wichtigsten darunter, ob es
denn ein Motiv für die Traumbildung gebe,
unter welchen Bedingungen sie sich vollziehen
könne, auf welchen Wegen die Überführung
der immersinnreichen Traumgedanken in den
oft sinnlosen Traum vor sich geht u. a. In meiner
1900 veröffentlichten „Traumdeutung“ habe ich ver-
sucht, all diese Probleme zu erledigen.
Nur der kürzeste Auszug aus dieser Unter-
suchung kann hier Raum finden. Wenn
man die latenten Traumgedanken, die
man aus der Analyse des Traumes erfahren
hat, untersucht, findet man einen unter
ihnen, der sich von den anderen, ver-
ständigen und dem Träumer wohlbekann-
ten, scharf abhebt. Diese anderen sind Reste des
Wachlebens (Tagesreste); in demeinenvereinzelten
aber erkennt man eine oft
sehr anstößige Wunschregung, die dem
Wachleben des Träumers fremd ist, die erdaherdementsprechend auch verwundert oder
entrüstet verleugnet. Diese Regung ist
der eigentliche Traumbildner, sie hat die
Energie für die Produktion des Traumes auf-
gebracht und sich der Tagesreste als Material
bedient; der so entstandene Traum stellt
eine Befriedigungssituation für sie vor,
ist ihre Wunscherfüllung. Dieser Vorgang
wäre nicht möglich geworden, wenn nicht
etwas in der Natur des Schlafzustandes
ihn begünstigt hätte. Die psychische Vor-
aussetzung des Schlafens ist die Einstellung
des Ich's auf den Schlafwunsch und die Ab-
ziehung der Besetzungen von allen Interessen
des Lebens; da gleichzeitig die Zugänge
zur Motilität gesperrt werden, kann das
Ich auch den Aufwand herabsetzen, mit demS.
36
es sonst die Verdrängungen aufrecht hält. Diesen
nächtlichen Nachlaß der Verdrängung macht sich die unbewußteWunschRegung zu Nutze, um mit dem
Traum zum Bewußtsein vorzudringen.
Der Verdrängungswiderstand des Ich's ist aber
auch im Schlaf nicht aufgehoben, sondern
bloß herabgesetzt worden. Ein Rest von
ihm ist als Traumzensur verblieben und
verbietet nun der unbewußten Wunsch-
regung, sich in den Formen zu äußern,
die ihr eigentlich angemessen wären. Infolge
der Strenge der Traumzensur müssen sich
die latenten Traumgedanken Ab-
änderungen und Abschwächungen gefallen
lassen, die den verpönten Sinn des
Traumes unkenntlich machen. Dies ist
die Erklärung der Traumentstellung,
welcher der manifeste Traum seine auf-
fälligsten Charaktere verdankt. Daher
auch die Berechtigung des Satzes: der
Traum sei die (verkappte) Erfüllung
eines (verdrängten) Wunsches. Wir er-
kennen schon jetzt, daß der Traum gebaut
ist wie ein neurotisches Symptom, er ist
eine Kompromißbildung zwischen dem An-
spruch einer verdrängten Triebregung
und dem Widerstand einer zensurieren-
den Macht im Ich. Infolge der gleichen Genese
ist er auch ebenso unverständlich wie das
Symptom und in gleicher Weise der Deutung
bedürftig.
Die allgemeine Funktion des Träumens ist leicht
aufzufinden. Es dient dazu um äußere oder
innere Reize, welche zum Erwachen auf-
fordern würden, durch eine Art von Be-
schwichtigung abzuwehren und so den Schlaf
gegen Störung zu versichern. Der äußere
Reiz wird abgewehrt, indem er umgedeutet
und in irgend eine harmlose Situation
verwoben wird; den inneren Reiz des
Triebanspruchs läßt der Schläfer gewähren
und gestattet ihm die Befriedigung durch
die Traumbildung, solange sich die latenten
Traumgedanken der Bändigung durch die
Zensur nicht entziehen. Droht aber diese
Gefahr und wird der Traum allzu deutlich,
so bricht der Schläfer den Traum ab und
wacht erschreckt auf (Angsttraum). Dasselbe
Versagen der Traumfunktion tritt
ein, wenn der äußere Reiz so stark
wird, daß er sich nicht mehr abweisen
läßt (Wecktraum).S.
37
Den Prozeß, welcher unter Mitwirkung der Traum-
zensur die latenten Gedanken in den mani-
festen Trauminhalt überführt, habe ich die
Traumarbeit genannt. Er besteht in einerBearbeitungBehandlung eigenartigenBearbeitungdes vorbewußten
Gedankenmaterials, bei welcher dessen Bestand-
teile verdichtet, seine psychischen Akzente
verschoben, das Ganze dann in visuelle
Bilder umgesetzt, dramatisiert, und durch
eine mißverständliche sekundäre Bearbeitung
ergänzt wird. Die Traumarbeit ist ein ausge-
zeichnetes Muster der Vorgänge in den tieferen,
unbewußten Schichten des Seelenlebens, welche
sich von den uns bekannten normalen Denk-
vorgängen erheblich unterscheiden. Sie
bringt auch eine Anzahl archaischer
Züge zum Vorschein, z. B. die Verwendung
einer hier vorwiegend sexuellen Symbolik,
die man dann auf anderen Gebieten geistiger
Tätigkeit wiedergefunden hat.
Indem sich die unbewußte Triebregung des
Traumes mit einem Tagesrest, einem uner-
ledigten Interesse des Wachlebens, in Verbind-
ung setzt, verschafft sie dem von ihr gebildeten
Traum einen zweifachen Wert für die analytische
Arbeit. Der gedeutete Traum erweist sich ja einer-
seits als die Erfüllung eines verdrängten Wunsches,
andererseits kann er die vorbewußte Denk-
tätigkeit des Tages fortgesetzt und sich mit be-
liebigem Inhalt erfüllt haben, einem Vorsatz,
einer Warnung, Überlegung undauchwiederum einer
Wunscherfüllung Ausdruck geben. Die Analyse
verwertet ihn nach beiden Richtungen, sowohl
für die Kenntnis der bewußten wie der
unbewußten Vorgänge beim Analysierten.
Auch zieht sie aus dem Umstande Vorteil, daß
dem Traume der vergessene Stoff des
Kindheitslebens zugänglich ist, so daß die infantile
Amnesie zumeist im Anschluß an die Deutung
von Träumen überwunden wird. Der Traum
leistet hier ein Stück von dem, was früher
der Hypnose auferlegt war. Dagegen habe ich
nie die mir oft zugeschriebene Behauptung auf-
gestellt, die Traumdeutung ergebe, daß alle
Träume sexuellen Inhalt haben oder auf sexuelle
Triebkräfte zurückgehen. Es ist leicht zu sehen, daß
Hunger, Durst und Exkretionsdrang ebenso
gut Befriedigungsträume erzeugen wie
irgend eine verdrängte sexuelle oder egoist-
+ ische Regung. Bei kleinen Kindern stellt
sich eine bequeme Probe auf die Richtigkeit
unserer Traumtheorie zur Verfügung. Hier,
wo die verschiedenen psychischen Systeme noch
nicht scharf gesondert, die Verdrängungen
noch nicht tiefer ausgebildet sind, erfährtS.
38
man häufig von Träumen, die nichts anderes
sind als unverhüllte Erfüllungen irgend
welcher vom Tage erübrigter Wunschregungen.
Unter dem Einfluß imperativer Bedürfnisse
können auch Erwachsene solche Träume
von infantilem Typus produzieren.
In ähnlicher Weise wie der Traumdeutung bedient
sich die Analyse des Studiums der so häufigen kleinen
Fehlleistungen und Symptomhandlungen der
Menschen, denen ich eine 1904 zuerst als Buch
veröffentlichte Untersuchung „Zur Psychopathologie
des Alltagslebens“ gewidmet habe. Den Inhalt
dieses vielgelesenen Werkes bildet der Nach-
weis, daß diese Phänomene nichts Zufälliges
sind, daß sie über physiologische Erklärungen
hinausgehen, sinnvoll und deutbar sind
und zum Schluß auf zurückgehaltene oder
verdrängte Regungen und Intentionen
berechtigen. Der überragende Wert
der Traumdeutung wie dieser Studie liegt
aber nicht in der Unterstützung, die
sie der analytischen Arbeit leihen, sondern
in einer anderen Eigenschaft derselben.
Bisher hatte die Psychoanalyse sich nur mit der
Auflösung pathologischer Phänomene beschäftigt
und zu deren Erklärung oftweiteAn-
nahmen machen müssen, deren Tragweite
außer Verhältnis zur Wichtigkeit des
behandelten Stoffes stand. Der Traum
aber, den sie dann in Angriff nahm, war
kein krankhaftes Symptom, er war ein
Phänomen des normalen Seelenlebens,
konnte sich bei jedem gesunden Menschen
ereignen. Wenndie Erklärung des Traumesder Traum
so gebaut ist wie ein Symptom, wenn seine
Erklärung die nämlichen Annahmen erfordert,
die der Verdrängung von Triebregungen,
der Ersatz- und Kompromißbildung,
der verschiedenen psychischen Systeme zur
Unterbringung des Bewußten und Unbe-
wußten, dann ist die Psychoanalyse nicht
mehr eine Hilfswissenschaft der Psychopathologie,
dann ist sie vielmehr der Ansatz zu einer
neuen und gründlicheren Seelenkunde, die
auch für das Verständnis des Normalen
unentbehrlich wird. Man darf ihre Voraus-
setzungen und Ergebnisse auf andere Gebiete
des seelischen und geistigen Geschehens übertragen;
der Weg ins Weite, zum Weltinteresse,
ist ihr eröffnet.
You are here
Sigmund Freud1925-041/1924.01