Sigmund Freud1925-041/1924.01
  • S.

    11

    Zustandes herausheben. Daß sie jedesmal nach
    einiger Zeit rückfällig wurde, schob ich in meiner
    damaligen Unkenntnis darauf, daß ihre Hypnose
    niemals den Grad von Somnambulismus
    mit Amnesie erreicht hatte. Bernheim ver-
    suchte es nun mit ihr wiederholte Male, brachte
    es aber auch nicht weiter. Er gestand mir
    freimütig, daß er die großen therapeutischen
    Erfolge durch die Suggestion durch in seiner
    Spitalspraxis, nicht auch an seinen Privat-
    patienten erziele. Ich hatte viele anregende
    Unterhaltungen mit ihm und übernahm
    es, seine beiden Werke über die Suggestion
    und ihre Heilwirkungen ins Deutsche zu
    übersetzen.
          Im Zeitraum von 1886-1891 habe ich wenig wissen-
    schaftlich gearbeitet und kaum etwas publiziert.
    Ich war davon in Anspruch genommen mich in den
    neuen Beruf zu finden und meine materielle
    Existenz sowie die meiner rasch anwachsenden
    Familie zu sichern. 1891 erschien die erste der
    Arbeiten über die Gehirnlähmungen der
    Kinder, in Gemeinschaft mit meinem Freunde
    und Assistenten Dr Oscar Rie abgefaßt. Im selben
    Jahr veranlaßte mich ein Auftrag der Mitarbeit-
    erschaft an einem Handwörterbuch der Medizin
    die Lehre von der Aphasie zu erörtern, die
    damals von dem rein lokalisatorischen
    Gesichtspunkte Wernicke-Lichtheim's beherrscht wur-
    de. Ein kleines kritisch-spekulatives Buch
    „Zur Auffassung der Aphasie“ war die Frucht dieser
    Bemühung. Ich habe nun aber zu verfolgen,
    wie es kam, daß die wissenschaftliche
    Forschung wieder zum Hauptinteresse
    meines Lebens wurde.

    II.

         Meine frühere Darstellung ergänzend muß
    ich angeben, daß ich von Anfang an außer
    der hypnotischen Suggestion eine andere
    Verwendung der Hypnose übte. Ich bediente
    mich ihrer zur Ausforschung des Kranken
    über die Entstehungsgeschichte seines Symptoms,
    die er im Wachzustand oft gar nicht oder
    nur sehr unvollkommen mitteilen konnte.
    Dies Verfahren schien nicht nur wirksamer
    als das bloße suggestive Gebot oder Verbot,
    es befriedigte auch die Wißbegierde des Arztes,
    der doch ein Recht hatte, etwas von der Her-
    kunft des Phänomens zu erfahren, das
    er durch die monotone suggestive Prozedur
    aufzuheben strebte.
          Zu diesem anderen Verfahren war ich aber
    auf folgende Weise gekommen. Noch im
    Brücke'schen Laboratorium wurde ich

  • S.

    12

    mit Dr Josef Breuer bekannt, einem einem der
    angesehensten Familienärzte Wien's, der aber auch
    eine wissenschaftliche Vergangenheit hatte, da
    mehrere Arbeiten von bleibendem Wert
    über die Physiologie der Atmung und über
    das Gleichgewichtsorgan von ihm herrührten.
    Er war ein Mann von überragender Intelli-
    genz, 14 Jahre älter als ich; unsere Beziehungen
    wurden bald intimer, er wurde mein
    Freund und Helfer in schwierigen Lebens-
    lagen. Wir hatten uns daran gewöhnt,
    alle wissenschaftlichen Interessen mit ein-
    ander zu teilen. Natürlich war ich der
    gewinnende Teil in diesem Verhältnis.
    Die Entwicklung der Psychoanalyse hat mich
    dann seine Freundschaft gekostet. Es wurde
    mir nicht leicht, diesen Preis dafür zu zahlen,
    aber es war unvermeidlich, unausweichlich.
          Breuer hatte mir schon ehe ich nach Paris
    ging, Mitteilungen über einen Fall von
    Hysterie gemacht, den er in den Jahren
    1880-82 auf eine besondere Art behandelt,
    wobei er tiefe Einblicke in die Ver-
    ursachung und Bedeutung der hysterischen
    Symptome gewinnen konnte. Das war also
    zu einer Zeit geschehen, als die Arbeiten
    Janet's noch der Zukunft angehörten. Er las
    mir wiederholt Stücke der Krankengeschichte
    vor, von denen ich den Eindruck empfing,
    hier sei mehr für das Verständnis der Neurose
    geleistet worden als je zuvor. Ich beschloß
    bei mir, Charcot von diesen Funden
    Kunde zu geben, wenn ich nach Paris
    käme, und tat dies dann auch. Aber
    der Meister zeigte für meine ersten Andeut-
    ungen kein Interesse, so daß ich nicht
    mehr auf die Sache zurückkam und
    sie auch bei mir fallen ließ.
          Nach Wien zurückgekehrt wandte ich mich
    wieder der Breuer'schen Beobachtung
    zu und ließ mir mehr von ihr erzählen.
    Die Patientin war ein junges Mädchen von
    ungewöhnlicher Bildung und Begabung gewesen,
    die während der Pflege ihres zärtlich
    geliebten Vaters erkrankt war. Als
    Breuer sie übernahm, bot sie ein buntes
    Bild von Lähmungen mit Kontrakturen,
    Hemmungen und Zuständen von
    psychischer Verworrenheit. Eine zufällige
    Beobachtung ließ den Arzt erkennen,
    daß sie von einer solchen Bewußtseins-
    trübung befreit werden konnte,
    wenn man sie veranlaßte, in Worten
    der affektiven Phantasie Ausdruck zu geben,

  • S.

    13

    von der sie eben beherrscht wurde. Breuer
    gewann aus dieser Erfahrung eine Methode
    der Behandlung. Er versetzte sie in tiefe
    Hypnose und ließ sie jedesmal von dem
    erzählen, was ihr Gemüt bedrückte. Nachdem
    die Anfälle von depressiver Verworren-
    heit auf diese Weise überwunden waren,
    verwendete er dasselbe Verfahren zur
    Aufhebung ihrer Hemmungen und körperlichen
    Zustände Störungen. Im wachen Zustande
    wußte das Mädchen so wenig wie andere
    Kranke zu sagen, wie ihre Symptome ent-
    standen waren, und fand kein Band
    zwischen ihnen und irgend welchen Ein-
    drücken ihres Lebens. In der Hypnose ent-
    deckte sie sofort den gesuchten Zusammen-
    hang. Es ergab sich, daß alle ihre Symptome
    auf eindrucksvolle Erlebnisse während
    der Pflege des kranken Vaters zurück-
    gingen, also sinnvoll waren und Resten
    oder Reminiszenzen dieser affektiven
    Situationen entsprachen. Gewöhnlich war es
    so zugegangen, daß sie am Krankenbett
    des Vaters einen Gedanken oder Impuls
    hatte unterdrücken müssen; an dessen
    Stelle, in seiner Vertretung, war
    dann später das Symptom erschienen. In
    der Regel war aber das Symptom nicht
    der Niederschlag einer einzigen traumat-
    ischen Szene, sondern das Ergebnis der
    Summation von zahlreichen ähnlichen
    Situationen. Wenn nun die Kranke in
    der Hypnose eine solche Situation halluzinat-
    orisch wieder erinnerte und den damals
    unterdrückten Akt seelischen Akt nachträglich
    unter freier Affektentfaltung zu Ende
    führte, war das Symptom weggewischt
    und trat nicht wieder auf. Durch dies
    Verfahren gelang es Breuer in langer
    und mühevoller Arbeit seine Kranke
    von all ihren Symptomen zu befreien.
          Die Kranke war genesen und seither
    gesund geblieben, ja bedeutsamer Leistungen
    fähig geworden. Aber über dem Ausgang
    der hypnotischen Behandlung lastete ein
    Dunkel, das Breuer mir niemals aufhellte;
    auch konnte ich nicht verstehen, warum
    er seine, wie mir schien, unschätzbare Er-
    kenntnis so lange geheim gehalten hatte
    anstatt die Wissenschaft durch sie zu be-
    reichern. Die nächste Frage war aber, ob
    man verallgemeinern dürfe, was er an einem
    einzigen Krankheitsfalle gefunden. Die
    von ihm aufgedeckten Verhältnisse erschienen

  • S.

    14

    mir so fundamentaler Natur, daß ich nicht
    glauben konnte, sie würden bei irgend
    einem Fall von Hysterie vermißt
    werden können, wenn sie einmal bei
    einem einzigen nachgewiesen waren. Doch
    konnte nur die Erfahrung darüber entscheiden.
    Ich begann also die Breuer'schen Untersuchungen an
    meinen Kranken zu wiederholen und tat,
    besonders nachdem mir der Besuch bei Bernheim
    1889 die Begrenzung in der Leistungsfähigkeit
    der hypnotischen Suggestion gezeigt hatte, über-
    haupt nichts anderes mehr. Als ich mehrere Jahre
    hindurch immer nur Bestätigungen gefunden
    hatte, bei jedem Fall von Hysterie, der
    solcher Behandlung zugänglich war, auch
    bereits über ein stattliches Material von
    Beobachtungen verfügte, die der seinigen
    analog waren, schlug ich ihm eine gemein-
    same Publikation vor, gegen die er
    sich anfangs heftig sträubte. Er gab endlich
    nach, zumal da unterdess Janet's Arbeiten
    einen Teil seiner Ergebnisse, die Zurück-
    führung hysterischer Symptome auf Lebens-
    eindrücke und deren Aufhebung durch
    hypnotische Reproduktion in statu nascendi
    vorweggenommen hatten. Wir ließen 1893 eine
    vorläufige Mitteilung erscheinen: „Über den
    psychischen Mechanismus hysterischer Phäno-
    mene.“ 1895 folgte unser Buch „Studien
    über Hysterie“.
          Wenn die bisherige Darstellung beim Leser
    die Erwartung erweckt hat, die „Studien
    über Hysterie“ würden in allem Wesent-
    lichen ihres materiellen Inhalts Breuer's
    geistiges Eigentum sein, so ist das genau
    dasjenige, was ich immer vertreten habe
    und auch diesmal aussagen wollte. An der
    Theorie, welche das Buch versucht, habe ich in
    heute nicht mehr bestimmbarem Ausmaße
    mitgearbeitet. Diese ist bescheiden,
    geht nicht weit über den unmittelbaren
    Ausdruck der Beobachtungen hinaus. Sie
    will nicht die Natur der Hysterie ergründen,
    sondern bloß die Entstehung ihrer
    Symptome beleuchten. Dabei betont sie die
    Bedeutung des Affektlebens, die Wichtigkeit
    der Unterscheidung zwischen unbewußten
    und bewußten (besser: bewußtseins-
    fähigen) seelischen Akten, führt einen
    dynamischen Faktor ein, indem sie das
    Symptom durch die Aufstauung eines
    Affekts entstehen läßt, und einen öko-
    nomischen, indem sie dasselbe Symptom
    als das Ergebnis der Umsetzung einer

  • S.

    15

    sonst anderswie verwendeten Energiemenge be-
    trachtet (sog: Konversion). Breuer nannte unser
    Verfahren das kathartische; als dessen thera-
    peutische Absicht wurde angegeben den zur Erhal-
    tung des Symptoms verwendeten Affektbetrag,
    der auf falsche Bahnen geraten und dort gleich-
    sam eingeklemmt war, auf die normalen
    Wege zu leiten, wo er zur Abfuhr gelangen
    konnte (abreagieren). Der praktische Erfolg
    der kathartischen Prozedur war ein ausge-
    zeichneter. Die Mängel, die sich später heraus-
    stellten, waren die einer jeden hypnotischen
    Behandlung. Noch jetzt giebt es eine Anzahl
    von Psychotherapeuten, die bei der Katharsis
    im Sinne Breuer's stehen geblieben sind
    und sie zu loben wissen. In der Behandlung
    der Kriegsneurotiker des deutschen Heeres
    während des Weltkrieges hat sie sich als
    abkürzendes Heilverfahren unter den Händen
    von E. Simmel von Neuem bewährt. Von
    der Sexualität ist in der Theorie der Katharsis
    nicht viel die Rede. In den Krankengeschichten
    die ich zu den „Studien“ beigesteuert, spielen
    Momente aus dem Sexualleben eine gewisse
    Rolle, werden aber kaum anders gewertet
    als sonstige affektive Erregungen. Von seiner
    berühmt gewordenen ersten Patientin
    erzählt Breuer, das Sexuale sei bei ihr
    erstaunlich unentwickelt gewesen. Aus
    den „Studien über Hysterie“ hätte man
    nicht leicht erraten können, welche Be-
    deutung die Sexualität für die Aetiologie
    der Neurosen hat.
          Das nun folgende Stück der Entwicklung, den
    Übergang von der Katharsis zur eigentlichen
    Psychoanalyse habe ich bereits mehrmals so
    eingehend beschrieben, daß es mir schwer
    fallen wird, hier etwas Neues vorzubringen.
    Das Ereignis, welches diese Zeit einleitete, war
    der Rücktritt Breuer's von unserer Arbeits-
    gemeinschaft, so daß ich sein Erbe allein zu ver-
    walten hatte. Es hatte schon frühzeitig Meinungs-
    verschiedenheiten zwischen uns gegeben, die
    aber keine Entzweiung begründeten. In der
    Frage, wann ein seelischer Ablauf pathogen,
    d. h. von der normalen Erledigung ausge-
    schlossen werde, bevorzugte Breuer eine
    sozusagen physiologische Theorie; er meinte,
    solche Vorgänge entzögen sich dem norm-
    alen Schicksal, die in außergewöhn-
    lichen – hypnoiden – Seelenzuständen
    entstanden seien. Damit war eine neue
    Frage, die nach der Herkunft solcher Hypnoide,

  • S.

    16

    aufgeworfen. Ich hingegen vermutete eher ein
    Kräftespiel, die Wirkung von Absichten
    und Tendenzen, wie sie im normalen Leben
    zu beobachten sind. So stand „Hypnoidhysterie“
    gegen „Abwehrneurose“. Aber dieser und
    ähnliche Gegensätze hätten ihn wohl der Sache
    nicht abwendig gemacht, wenn nicht andere
    Momente hinzugetreten wären. Das eine
    derselben war gewiß, daß er als Internist und
    Familienarzt stark in Anspruch genommen
    war und nicht wie ich seine ganze Kraft
    der kathartischen Arbeit widmen konnte.
    Ferner wurde er durch die Aufnahme beein-
    flußt, welche unser Buch in Wien wie
    im Reich draußen gefunden hatte. Sein
    Selbstvertrauen und seine Widerstands-
    fähigkeit standen nicht auf der Höhe
    seiner sonstigen geistigen Organisation.
    Als z. B. die „Studien“ von Strümpell
    eine harte Abweisung erfuhren, konnte
    ich über die verständnislose Kritik
    lachen, er aber kränkte sich und
    wurde entmutigt. Am meisten trug
    aber zu seinem Entschluß bei, daß meine
    eigenen weiteren Arbeiten eine Richtung
    einschlugen, mit der er sich vergeblich zu
    befreunden versuchte.
          Die Theorie, die wir in den „Studien“ aufzu-
    bauen versucht hatten, war ja noch sehr un-
    vollständig gewesen, insbesondere das Problem
    der Aetiologie, die Frage, auf welchem
    Boden der pathogene Vorgang entstehe,
    hatten wir kaum berührt. Nun zeigte
    mir eine rasch sich steigernde Erfahrung, daß
    nicht beliebige Affekterregungen hinter
    den Erscheinungen der Neurose wirksam
    waren, sondern regelmäßig solche sexueller
    Natur, entweder aktuelle sexuelle Kon-
    flikte oder Nachwirkungen früherer
    sexueller Erlebnisse. Ich war auf dieses Re-
    sultat nicht vorbereitet, meine Erwart-
    ung hatte keinen Anteil daran, ich
    war vollkommen arglos an die Unter-
    suchung der Neurotiker herangetreten.
    Als ich 1914 die „Geschichte der psychoanalyt-
    ischen Bewegung“ schrieb, tauchte in mir
    die Erinnerung an einige Aussprüche
    von Breuer, Charcot und Chrobak auf,
    aus denen ich eine solche Erkenntnis hätte
    frühzeitig gewinnen können. Allein ich
    verstand damals nicht, was diese Autorit-
    äten meinten; sie hatten mir

  • S.

    17

    auch wirklich mehr gesagt, als sie selbst wußten
    und zu vertreten bereit waren. Was ich
    von ihnen gehört hatte, schlummerte unwirk-
    sam in mir, bis es bei Gelegenheit der kathar-
    tischen Untersuchungen als anscheinend originelle
    Erkenntnis hervorbrach. Auch wußte ich
    damals noch nicht, daß ich mit der Zurück-
    führung der Hysterie auf Sexualität bis
    auf die ältesten Zeiten der Medizin zu-
    rückgegriffen und an Plato angeknüpft
    hatte. Ich erfuhr es erst später aus einem
    Aufsatz von Havelock Ellis.
          Unter dem Einfluß meines überraschenden
    Fundes machte tat ich nun einen folgenschweren
    Schritt. Ich ging über die Hysterie hinaus
    und begann das Sexualleben der sogenannten
    Neurastheniker zu erforschen, die sich zahl-
    reich in meiner Sprechstunde einzufinden
    pflegten. Dieses Experiment kostete mich
    zwar meine Beliebtheit als Arzt, aber es
    trug mir Überzeugungen ein, die sich
    heute, fast 30 Jahre später, noch nicht abge-
    schwächt haben. Man hatte viel Verlogen-
    heit und Geheimthuerei zu überwinden,
    aber wenn das gelungen war, fand
    man, daß bei all diesen Kranken schwere
    Mißbräuche der Sexualfunktion bestanden.
    Bei der großen Häufigkeit solcher Mißbräuche
    einerseits, der Neurasthenie andererseits,
    hatte ein häufiges Zusammentreffen beider
    natürlich auch nicht viel Beweiskraft, aber
    es blieb auch nicht bei dieser einen
    groben Tatsache. Schärfere Beobachtung legte
    mir nahe, aus dem bunten Gewirre von
    Krankheitsbildern, die man mit dem Namen
    Neurasthenie deckte, zwei grundver-
    schiedene Typen herauszugreifen, die in
    beliebiger Vermengung vorkommen konnten,
    aber doch in reiner Ausprägung zu
    beobachten waren. Bei dem einen Typus
    war der Angstanfall das zentrale Phänomen
    mit seinen Aequivalenten, rudimentären
    Formen und chronischen Ersatzsymptomen;
    ich hieß ihn darum auch Angstneurose.
    Auf den anderen Typus beschränkte ich die Be-
    zeichnung Neurasthenie. Nun war es leicht
    festzustellen, daß jedem dieser Typen
    eine andere Abnormität des Sexuallebens
    als aetiologisches Moment entsprach
    (Coitus interruptus, frustrane Erregung, sexuelle
    Enthaltung hier, exzessive Masturbation,
    gehäufte Pollutionen dort). Für einige
    besonders instruktive Fälle, in denen

  • S.

    18

    eine überraschende Wendung des Krankheits-
    bildes von dem einen Typus zum anderen
    stattgefunden hatte, gelang es auch nachzu-
    weisen, daß ein entsprechender Wechsel
    des sexuellen Regimes zu Grunde lag.
    Konnte man den Mißbrauch abstellen und
    durch normale Sexualtätigkeit ersetzen,
    so lohnte sich dies durch eine auffällige
    Besserung des Zustandes.
          So wurde ich dazu geführt, die Neurosen ganz
    allgemein als Störungen der Sexualfunktion
    zu erkennen, und zwar die sog. Aktual-
    neurosen als direkten toxischen Ausdruck,
    die Psychoneurosen als psychischen Ausdruck
    dieser Störungen. Mein ärztliches Gewissen
    fühlte sich durch diese Aufstellung befriedigt.
    Ich hoffte eine Lücke in der Medizin aus-
    gefüllt zu haben, die bei einer biologisch
    so wichtigen Funktion keine anderen Schädi-
    gungen als durch Infektion oder grobe
    anatomische Läsion in Betracht ziehen
    wollte. Außerdem kam der ärztlichen Auf-
    fassung zu Gute, daß die Sexualität ja
    keine bloß psychische Sache war. Sie hatte
    auch ihre somatische Seite, man durfte
    ihr einen besonderen Chemismus zuschreiben
    und die Sexualerregung von der Anwesen-
    heit bestimmter, wenn auch noch unbekannter
    Stoffe ableiten. Es mußte auch seinen guten
    Grund haben, daß die echten, spontanen Neurosen
    mit keiner anderen Krankheitsgruppe
    so viel Ähnlichkeit zeigen wie mit den
    Intoxikations- und Abstinenzerscheinungen, her-
    vorgerufen durch die Einführung und die
    Entbehrung gewisser toxisch wirkender
    Stoffe, oder mit dem M. Basedowii, dessen
    Abhängigkeit vom Produkt der Schilddrüse
    bekannt ist.
          Ich habe später keine Gelegenheit mehr gehabt,
    auf diese Untersuchungen über die Aktual-
    neurosen zurückzukommen. Auch von anderen
    ist dieses Stück meiner Arbeit nicht fortge-
    setzt worden. Blicke ich heute auf meine
    damaligen Ergebnisse zurück, so kann
    ich sie als erste rohe Schematisierungen
    erkennen an einem wahrscheinlich
    weit komplizierterem Sachverhalt. Aber
    sie scheinen mir im Ganzen heute noch
    richtig zu sein. Gerne hätte ich später
    Fälle von reiner juveniler Neurasthenie
    dem psychoanalytischen Examen unterzogen;
    es hat sich leider nicht gefügt. Um miß-
    verständlichen Auffassungen zu begegnen,

  • S.

    19

    will ich betonen, daß es mir ferne liegt, die
    Existenz des psychischen Konflikts und der
    neurotischen Komplexe bei der Neurasthenie
    zu leugnen. Die Behauptung geht nur
    dahin, daß die Symptome dieser Kranken
    nicht psychisch determiniert und analytisch
    auflösbar sind, sondern als direkte Folgen
    des gestörten Sexualchemismus aufgefaßt
    werden müssen.
          Als ich in den nächsten Jahren nach den „Studien“
    diese Ansichten über die aetiologische Rolle
    der Sexualität bei den Neurosen gewonnen
    hatte, hielt ich über sie einige Vorträge in
    ärztlichen Vereinen, fand aber nur Unglauben
    und Widerspruch. Breuer versuchte noch einige
    Male das große Gewicht seines persönlichen
    Ansehens zu meinen Gunsten in die Wagschale
    zu werfen, aber er erreichte nichts, und es
    war leicht zu sehen, daß die Anerkennung
    der sexuellen Aetiologie auch gegen seine
    Neigungen ging. Er hätte mich durch den
    Hinweis auf seine eigene erste Patientin
    schlagen oder irre machen können, bei der
    sexuelle Momente angeblich gar keine Rolle
    gespielt hatten. Er tat es aber nie; ich
    verstand es lange nicht, bis ich gelernt hatte,
    mir diesen Fall richtig zu deuten und nach
    noch einigen früheren Bemerkungen von
    ihm den Ausgang seiner Behandlung zu
    rekonstruieren. Nachdem die kathartische
    Behandlung erledigt schien, hatte sich bei
    dem Mädchen plötzlich ein Zustand von
    „Übertragungsliebe“ eingestellt, den er nicht
    mehr mit ihrem Kranksein in Beziehung
    brachte, so daß er sich bestürzt von ihr
    zurückzog. Es war ihm offenbar peinlich,
    an dieses anscheinende Mißgeschick er-
    innert zu werden. Im Benehmen gegen
    mich schwankte er eine Weile zwischen
    Anerkennung und herber Kritik, dann
    traten Zufälligkeiten hinzu, wie sie
    in gespannten Situationen niemals
    ausbleiben, und wir trennten uns von
    einander.
          Nun hatte meine Beschäftigung mit den Formen
    allgemeiner Nervosität die weitere Folge,
    daß ich die Technik der Katharsis abänderte.
    Ich gab die Hypnose auf und suchte sie
    durch eine andere Methode zu ersetzen,
    weil ich die Einschränkung der Behandlung
    auf hysteriforme Zustände überwinden
    wollte. Auch hatten sich mir mit zunehmender
    Erfahrung zwei schwere Bedenken

  • S.

    20

    gegen die Anwendung der Hypnose selbst im
    Dienste der Katharsis ergeben. Das erste war
    daß selbst die schönsten Resultate plötzlich
    wie weggewischt waren, wenn sich das per-
    sönliche Verhältnis zum Patienten ge-
    trübt hatte. Sie stellten sich zwar wieder
    her, nachdem man den Weg zur
    Versöhnung fand, aber man wurde belehrt,
    daß die persönliche affektive Beziehung
    doch mächtiger war als alle kathartische
    Arbeit, und gerade dieses Moment entzog
    sich der Beherrschung. Sodann machte ich
    eines Tages eine Erfahrung, die mir in
    grellem Lichte zeigte, was ich längst ver-
    mutet hatte. Als ich einmal eine
    meiner gefügigsten Patientinnen, bei
    der die Hypnose die merkwürdigsten
    Kunststücke ermöglicht hatte, durch die Zu-
    rückführung ihres Schmerzanfalls auf
    seine Veranlassung von ihrem Leiden
    befreite, schlug sie beim Erwachen ihre
    Arme um meinen Hals. Der unvermutete
    Eintritt einer dienenden Person enthob
    uns einer peinlichen Auseinandersetzung,
    aber wir verzichteten von da an in
    stillschweigender Übereinkunft auf die
    Fortsetzung der hypnotischen Behandlung.
    Ich war nüchtern genug, diesen Zufall
    nicht auf die Rechnung meiner persönlichen
    Unwiderstehlichkeit zu setzen und meinte
    jetzt die Natur des mystischen Elements
    welches hinter der Hypnose wirkte, erfaßt
    zu haben. Um es auszuschalten oder wenig-
    stens zu isolieren, mußte ich die Hypnose
    aufgeben.
          Die Hypnose hatte aber der kathartischen Be-
    handlung außerordentliche Dienste geleistet,
    indem sie das Bewußtseinsfeld der
    Patienten erweiterte und ihnen ein
    Wissen zur Verfügung stellte, über
    das sie im Wachen nicht verfügten.
    Es schien nicht leicht, sie darin zu ersetzen.
    In dieser Verlegenheit kam mir die
    Erinnerung an ein Experiment zu Hilfe,
    das ich oft bei Bernheim mitangesehen
    hatte. Wenn die Versuchsperson aus dem
    Somnambulismus erwachte, schien sie jede
    Erinnerung an die Vorfälle während
    dieses Zustandes verloren zu haben.
    Aber Bernheim behauptete, sie wisse
    es doch, und wenn er sie aufforderte
    sich zu erinnern, wenn er beteuerte,

  • S.

    21

    sie wisse alles, sie solle es doch nur sagen, und ihr
    dabei noch die Hand auf die Stirne legte, so
    kamen die vergessenen Erinnerungen wirk-
    lich wieder, zuerst nur zögernd und dann
    im Strome und in voller Klarheit. Ich beschloß
    es ebenso zu machen. Meine Patienten
    mußten ja auch all das „wissen“, was ihnen
    sonst erst die Hypnose zugänglich machte,
    und mein Versichern und Antreiben (etwa
    unterstützt durch Handauflegen) sollte die Macht
    haben, die vergessenen Tatsachen und Zu-
    sammenhänge ins Bewußtsein zu drängen.
    Das schien freilich mühseliger zu sein als
    die Versetzung in die Hypnose, aber
    es war vielleicht sehr lehrreich. Ich gab
    also die Hypnose auf und behielt von
    ihr nur die Lagerung des Patienten auf
    einem Ruhebett bei, hinter dem ich
    saß, so daß ich ihn sah, aber nicht selbst
    gesehen wurde.

    III.

         Meine Erwartung erfüllte sich, ich wurde von
    der Hypnose frei, aber mit dem Wechsel
    der Technik änderte auch die kathartische
    Arbeit ihr Gesicht. Die Hypnose hatte ein
    Kräftespiel verdeckt, welches sich nun
    enthüllte, dessen Erfassung der Theorie eine
    sichere Begründung gab.
          Woher kam es nur, daß die Kranken soviel
    Tatsachen des äußeren und inneren Erlebens
    vergessen hatten, und diese doch erinnern
    konnten, wenn man die beschriebene Technik
    auf sie anwendete? Auf diese Fragen er-
    teilte die Beobachtung erschöpfende Antwort.
    All das Vergessene war irgendwie peinlich
    gewesen, entweder schreckhaft oder schmerzlich
    oder beschämend für die Ansprüche der
    Persönlichkeit. Es drängte sich von selbst
    der Gedanke auf: gerade darum sei es
    vergessen worden, d. h. nicht bewußt geblieben.
    Um es doch wieder bewußt zu machen, mußte
    man etwas in dem Kranken überwinden,
    was sich sträubte, mußte man eigene
    Anstrengung aufwenden, um ihn zu
    drängen und zu nötigen. Die vom Arzt
    erforderte Anstrengung war verschieden
    groß für verschiedene Fälle, sie wuchs
    im geraden Verhältnis zur Schwere des
    zu Erinnernden. Der Kraftaufwand des
    Arztes war offenbar das Maß für
    einen Widerstand des Kranken. Man
    brauchte jetzt nur in Worte zu übersetzen,
    was man selbst verspürt hatte, und man