S.
21
sie wisse alles, sie solle es doch nur sagen, und ihr
dabei noch die Hand auf die Stirne legte, so
kamen die vergessenen Erinnerungen wirk-
lich wieder, zuerst nur zögernd und dann
im Strome und in voller Klarheit. Ich beschloß
es ebenso zu machen. Meine Patienten
mußten ja auch all das „wissen“, was ihnen
sonst erst die Hypnose zugänglich machte,
und mein Versichern und Antreiben (etwa
unterstützt durch Handauflegen) sollte die Macht
haben, die vergessenen Tatsachen und Zu-
sammenhänge ins Bewußtsein zu drängen.
Das schien freilich mühseliger zu sein als
die Versetzung in die Hypnose, aber
es war vielleicht sehr lehrreich. Ich gab
also die Hypnose auf und behielt von
ihr nur die Lagerung des Patienten auf
einem Ruhebett bei, hinter dem ich
saß, so daß ich ihn sah, aber nicht selbst
gesehen wurde.III.
Meine Erwartung erfüllte sich, ich wurde von
der Hypnose frei, aber mit dem Wechsel
der Technik änderte auch die kathartische
Arbeit ihr Gesicht. Die Hypnose hatte ein
Kräftespiel verdeckt, welches sich nun
enthüllte, dessen Erfassung der Theorie eine
sichere Begründung gab.
Woher kam es nur, daß die Kranken soviel
Tatsachen des äußeren und inneren Erlebens
vergessen hatten, und diese doch erinnern
konnten, wenn man die beschriebene Technik
auf sie anwendete? Auf diese Fragen er-
teilte die Beobachtung erschöpfende Antwort.
All das Vergessene war irgendwie peinlich
gewesen, entweder schreckhaft oder schmerzlich
oder beschämend für die Ansprüche der
Persönlichkeit. Es drängte sich von selbst
der Gedanke auf: gerade darum sei es
vergessen worden, d. h. nicht bewußt geblieben.
Um es doch wieder bewußt zu machen, mußte
man etwas in dem Kranken überwinden,
was sich sträubte, mußte man eigene
Anstrengung aufwenden, um ihn zu
drängen und zu nötigen. Die vom Arzt
erforderte Anstrengung war verschieden
groß für verschiedene Fälle, sie wuchs
im geraden Verhältnis zur Schwere des
zu Erinnernden. Der Kraftaufwand des
Arztes war offenbar das Maß für
einen Widerstand des Kranken. Man
brauchte jetzt nur in Worte zu übersetzen,
was man selbst verspürt hatte, und manS.
22
war im Besitz der Theorie der Verdrängung.
Der pathogene Vorgang ließ sich jetzt leicht
rekonstruieren. Um beim einfachsten Beispiele
zu bleiben, es war im Seelenleben
eine einzelne Strebung aufgetreten,
der aber mächtige andere widerstrebten. Der
nun entstehende seelische Konflikt sollte
nach unserer Erwartung so verlaufen, daß
die beiden dynamischen Größen – heißen
wir sie für unsere Zwecke: Trieb und
Widerstand – eine Weile unter stärkster
Anteilnahme des Bewußtseins mit ein-
ander rangen, bis der Triebüberwältigt
abgewiesen, seiner Strebung die Energiebesetzung
entzogen war. Das wäre die normale Erledig-
ung. Bei der Neurose hatte aber – aus noch
unbekannten Gründen – der Konflikt
einen anderen Ausgang gefunden. Das
+ Ich hatte sich sozusagen beim ersten Zusammen-
stoß von der anstößigen Triebregung
zurückgezogen, ihr den Zugang zum Bewußt-
sein und zur direkten motorischen Abfuhr
versperrt, dabei hatte sie aber ihre volle
Energiebesetzung behalten. Diesen Vorgang
nannte ich Verdrängung; er war eine Neuheit,
nichts ihm Ähnliches war je im Seelenleben
erkannt worden. Er war offenbar ein
primärer Abwehrmechanismus, einem Flucht-
versuch vergleichbar, erst ein Vorläufer
der späteren normalen Urteilserledigung.
An den ersten Akt der Verdrängung knüpften
weitere Folgen an. Erstens mußte sich das
Ich*gegen den immer bereiten Andrang
der verdrängten Regung durch einen
permanenten Aufwand, eine Gegenbesetzung,
schützen und verarmte dabei, andererseits
+ konnte sich das Verdrängte, das nun unbe-
wußt war, sich Abfuhr und Ersatzbefriedig-
ung auf Umwegen schaffen und solcher
Art die Absicht der Verdrängung zum
Scheitern bringen. Bei der Konversions-
hysterie führte dieser Umweg in die
Körperinnervation, die verdrängte Regung
brach an irgend einer Stelle durch und
schuf sich die Symptome, die also Kom-
promißergebnisse waren, zwar Ersatz-
befriedigungen, aber doch entstellt
und von ihrem Ziel abgelenkt durch
den Widerstand des Ichs.
Die Lehre von der Verdrängung wurde
zum Grundpfeiler des Verständnisses
der Neurosen. Die therapeutische Aufgabe
mußte nun anders gefaßt werden; ihrS.
23
Ziel war nicht mehr das Abreagieren des auf
falsche Bahnen geratenen Affekts, sondern
die Aufdeckung der Verdrängungen und
deren Ablösung durch Urteilsleistungen, die
in Annahme oder Verwerfung des damals
Abgewiesenen ausgehen konnten. Ich trug
der neuen Sachlage Rechnung, indem ich das
Verfahren zur Untersuchung und Heilung
nicht mehr Katharsis sondern Psycho-
analyse benannte.
Man kann von der Verdrängung wie von
einem Zentrum ausgehen und alle Stücke
der psychoanalytischen Lehre mit ihr in Verbindung
bringen. Vorher will ich aber noch eine Bemer-
kung polemischen Inhalts machen. Nach der Meinung
Janet's war die Hysterika eine arme Person,
die infolge einer konstitutionellen Schwäche
ihre seelischen Akte nicht zusammenhalten
konnte. Darum verfiel sie der seelischen
Spaltung und der Einengung des Bewußt-
seins. Nach den Ergebnissen der psychoanal-
ytischen Untersuchungen waren diese Phäno-
mene aberErfolgFolge dynamischer Faktoren, des seel-
ischen Konflikts und der vollzogenen Ver-
drängung. Ich meine dieser Unterschied
ist weittragend genug und sollte dem immer
wiederholten Gerede ein Ende machen, was
an der Psychoanalyse wertvoll sei, schränke
sich auf eine Entlehnung Janet'scher Gedanken
ein. Meine Darstellung muß dem Leser ge-
zeigt haben, daß die Psychoanalyse von
den Janet'schen Funden in historischer Hinsicht
völlig unabhängig ist, wie sie auch inhaltlich
von ihnen abweicht und weit über sie
hinausgreift. Niemals wären auch von den
Arbeiten Janet's die Folgerungen ausgegangen,
welche die Psychoanalyse so wichtig für
die Geisteswissenschaften gemacht und ihr das
allgemeinste Interesse zugewendet haben.
Janet selbst habe ich immer respektvoll behandelt,
weil seine Entdeckungen ein ganzes Stück
weit mit denen Breuer's zusammentrafen,
die früher gemacht und später veröffent-
licht worden waren. Aber als die Psycho-
analyse Gegenstand der Diskussion auch
in Frankreich wurde, hat Janet sich
schlecht benommen, geringe Sachkenntnis
gezeigt und unschöne Argumente gebraucht.
Endlich hat er sich in meinen Augen bloßge-
stellt und sein Werk entwertet, indem
er verkündete, wenn er von unbewußten
seelischen Akten gesprochen, so habe er nichts
damit gemeint, es sei bloß „une façon de parler“
gewesen.S.
24
Die Psychoanalyse wurde aber durch das Studium
der pathogenen Verdrängungen und anderer noch
zu erwähnender Phänomene gezwungen, den Begriff
des „Unbewußten“ ernst zu nehmen. Für sie
war alles Psychische zunächst unbewußt, die
Bewußtseinsqualität konnte dann dazukommen
oder auch wegbleiben. Dabei stieß man freilich
mit dem Widerspruch der Philosophen zu-
sammen, für die „bewußt“ und „psychisch“ identisch
war und die beteuerten, sie könnten sich so
ein Unding wie das „unbewußte Seelische“
nicht vorstellen. Es half aber nichts, man mußte
sich achselzuckend über diese Idiosynkrasie
der Philosophen hinaussetzen. Die Erfahr-
+ ungen am pathologischen Material, das die
Philosophen nicht kannten, über die Häufig-
keit und Mächtigkeit solcher Regungen, von
denen man nichts wußte und die man wie
irgend eine Tatsache der Außenwelt er-
schließen mußte, ließen keine Wahl. Man
konnte dann geltend machen, daß man
eigentlich nur am eigenen Seelenleben
tat, was man immer schon für das anderer
getan hatte. Man schrieb doch auch der
anderen Person psychische Akte zu, obwohl
man kein unmittelbares Bewußtsein von
diesen hatte und sie aus Äußerungen und
Handlungen erraten mußte. Was aber beim
anderen recht ist, das muß auch für dieder
eigene Person billig sein. Will man
dies Argument weiter treiben und daraus
ableiten, daß die eigenen verborgenenebensoAkte eben einem zweiten Bewußtsein an-
gehören, so steht man vor der Konzeption
eines Bewußtseins, von dem man nichts
weiß, eines unbewußten Bewußtseins,
was doch kaum ein Vorteil gegen
die Annahme eines unbewußten Psychischen
ist. Sagt man aber mit anderen Philosophen,
man würdige die pathologischen Vorkomm-
nisse, nur sollten die diesen zu Grunde
liegenden Akte nicht psychisch sondern
psychoid geheißen werden, so läuft die
Differenz auf einen unfruchtbaren Wort-
streit hinaus, in dem man sich doch am
zweckmäßigsten für die Beibehaltung
des Ausdrucks „unbewußt psychisch“ ent-
scheidet. Die Frage, was dies Unbewußte
an sich sei, ist dann nicht klüger und aus-
sichtsreicher als die andere, frühere,
was das Bewußte sei.S.
25
Schwieriger wäre es in Kurzem darzustellen, wie
die Psychoanalyse dazu gekommen ist, das von
ihr anerkannte Unbewußte noch zu gliedern,
es in ein Vorbewußtes und in das eigentlich
Unbewußte zu zerlegen. Es mag die Bemerk-
ung genügen, daß es legitim erschien, die
Theorien, welche direkter Ausdruck derBeob-achtungErfahrung sind, durch Hypothesen zu ergänzen,
welche zur Bewältigung des Stoffes zweckdienlich
sind und sich auf Verhältnisse beziehen, die
nicht Gegenstand unmittelbarer Beobachtung
werden können. Man pflegt auch in älteren
Wissenschaften nicht anders zu verfahren. Die
Gliederung des Unbewußten hängt mit dem
Versuch zusammen, sich den seelischen Apparat
aus einer Anzahl von Instanzen oder
Systemen aufgebaut zu denken, von
deren Beziehungen zu einander man in
räumlicher Ausdrucksweise spricht, wobei
aber ein Anschluß an die reale Gehirn-
anatomie nicht gesucht wird. (Der sog. topische
Gesichtspunkt.) Solche und ähnliche Vorstell-
ungen gehören zu einem spekulativen
Überbau der Psychoanalyse, von dem
jedes Stück ohne Schaden und Bedauern
geopfert oder ausgetauscht werden kann,
sobald seine Unzulänglichkeit erwiesen
ist. Es bleibt genug zu berichten übrig, was
der Beobachtung näher steht.
Ich habe schon erwähnt, daß die Forschung
nach den Veranlassungen und Begründ-
ungen der Neurose mit immer steigender
Häufigkeit auf Konflikte zwischen sexuellen
Regungen der Person und den Wider-
ständen gegen die Sexualität führte.
Bei der Suche nach den pathogenen Situationen,
in denen die Verdrängungen der Sexual-
ität eingetreten waren, und aus denen
die Symptome als Ersatzbildungen
des Verdrängten stammten, wurde man
in immer frühere Lebenszeiten des
Kranken zurückgeleitet und langte
endlich in dessen ersten Kindheitsjahren
an. Es ergab sich, was Dichter und Menschen-
kenner immer behauptet hatten, daß die
Eindrücke dieser frühen Lebensperiode,
obwohl sie meist der Amnesie verfallen,
unvertilgbare Spuren in der Entwicklung
des Individuums zurücklassen, insbesondere
daß sie die Disposition für spätere neurot-
ische Erkrankungen festlegen. Da es sich
aber in diesen Kindererlebnissen immer
um sexuelle Erregungen und um die
Reaktion gegen dieselben handelte,S.
26
stand man vor der Tatsache der infantilen
Sexualität, die wiederum eine Neuheit
und einen Widerspruch gegen eines der
stärksten Vorurteile der Menschen be-
deutete. Die Kindheit sollte ja „unschuldig“
sein, frei von geschlechtlichen Gelüsten,
und der Kampf mit dem Dämon „Sinnlich-
keit“ erst mit dem Sturm und Drang der
Pubertät einsetzen. Was man von sexuellen
Betätigungen gelegentlich an Kindern hatte
wahrnehmen müssen, faßte man als Zeichen
von Degeneration, vorzeitiger Verderbtheit
oder als kuriose Laune der Natur auf. Wenige
der Ermittlungen der Psychoanalyse haben eine
so allgemeine Ablehnung gefunden, einen
solchen Ausbruch von Entrüstung hervor-
gerufen, wie die Behauptung, daß die
Sexualfunktion vom Anfang des Lebens an
beginne und schon in der Kindheit sich in
wichtigen Erscheinungen äußere. Und doch ist
kein anderer analytischer Fund so leicht und
so vollständig zu erweisen.
Ehe ich weiter in die Würdigung der infantilen
Sexualität eingehe, muß ich eines Irrtums
gedenken, dem ich eine Weile verfallen
war und der bald für meine ganze Arbeit
verhängnisvoll geworden wäre. Unter dem
Drängen meines damaligen technischen Verfahrens
reproduzierten die meisten meiner Patienten
Szenen aus ihrer Kindheit, deren Inhalt die
sexuelle Verführung durch einen Erwachsenen
war. Bei den weiblichen Personen war die
Rolle des Verführers fast immer dem Vater
zugeteilt. Ich schenkte diesen Mitteilungen
Glauben und nahm also an, daß ich in diesen Er-
lebnissen sexueller Verführung in der Kind-
heit die Quellen der späteren Neurose auf-
gefunden hatte. Einige Fälle, in denen sich solche
Beziehungen zum Vater, Oheim oder älterem
Bruder bis in die Jahre sicherer Erinnerung
fortgesetzt hatten, bestärkten mich in meinem
Zutrauen. Wenn Jemand über meine Leicht-
gläubigkeit mißtrauisch den Kopf schütteln
wollte, so kann ich ihm nicht ganz unrecht
geben, will aber vorbringen, daß es die
Zeit war, da ich meiner Kritik absichtlich
Zwang antat, um unparteiisch und aufnahms-
fähig für die vielen Neuheiten zu
bleiben, die mir täglich entgegentraten.
Als ich dann doch erkennen mußte, diese Verführ-
ungsszenen seien niemals vorgefallen, seien
nur Phantasien, die meine Patienten erdichtet,
die ich ihnen vielleicht selbst aufgedrängt hatte,S.
27
war ich eine Zeit lang ratlos. Mein Vertrauen
in meine Technik wie in ihre Ergebnisse
hatte einen harten Stoß bekommen,erlitt einen harten Stoß;
ich hatte doch diese Szenen auf einem technischen
Weg, den ich für korrekt hielt, gewonnen
und ihr Inhalt stand in unverkennbarer Bezieh-
ung zu den Symptomen, von denen meine
Untersuchung ausgegangen war. Als ich mich gefaßt
hatte, zog ich aus meiner Erfahrung die richtigen
Schlüsse, daß die neurotischen Symptome
nicht direkt an wirkliche Erlebnisse anknüpfen,
sondern an Wunschphantasien, und daß
für die Neurose die psychische Realität
mehr bedeute als die materielle. Ich glaube
auch heute nicht, daß ich meinen Patienten
jene Verführungsphantasien aufgedrängt,
„suggeriert“ habe. Ich war da zum ersten Mal
mit dem Oedipuskomplex zusammengetroffen,
der späterhin eine so überragende Bedeut-
ung gewinnen sollte, den ich aber in solch
phantastischer Verkleidung noch nicht erkannte.
Auch blieb der Verführung im Kindesalter
ihr Anteil an der Aetiologie, wenngleich
in bescheidenerem Ausmaß, gewahrt. Die
Verführer waren aber zumeist ältere
Kinder gewesen.
Mein Irrtum war also der nämliche gewesen, wie
wenn Jemand die Sagengeschichte der römischen
Königszeit nach der Erzählung des Livius für
historische Wahrheit nehmen würde, anstatt
für das, was sie ist, eine Reaktionsbildung
gegen die Erinnerung armseliger, wahrscheinlich
nicht immer rühmlicher Zeiten und Verhält-
nisse. Nach der Aufhellung des Irrtums war
der Weg zum Studium des infantilen Sexual-
lebens frei. Man kam da in die Lage, die
Psychoanalyse auf ein anderes Wissensgebiet anzu-
wenden, aus ihren Daten ein bisher unbekanntes
Stück des biologischen Geschehens zu erraten.
Die Sexualfunktion war von Anfang an vor-
handen, lehnte sich zunächst an die anderen lebens-
wichtigen Funktionen an,machte sich dann von
zu 28ihnen unabhängig,sie hatte eine lange und komplizierte Ent-
wicklung durchzumachen, bis aus ihr das wurde,
was als das normale Sexualleben des Erwachsenen
bekannt war. Sie äußerte sich zuerst als Tätigkeit
einer ganzen Reihe von Triebkomponenten,
welche von erogenen Körperzonen abhängig
waren, zum Teil in Gegensatzpaaren auftraten
(Sadismus - Masochismus, Schautrieb - Exhibitionlust)
unabhängig von einander auf Lustgewinn aus-
gingen und ihr Objekt zumeist am eigenen Körper
fanden. Sie war also zuerst nicht zentriert und
vorwiegend autoerotisch. Später traten
Zusammenfassungen in ihr auf; eine ersteS.
28
Organisationsstufe stand unter der Vorherrschaft
der oralen Komponenten, dann folgte eine
sadistisch-anale Phase und erst die spät erreichte
dritte Phase brachte den Primat der Genitalien,
womit erst die Sexualfunktion in den
Dienst der Fortpflanzung trat. 27 lehnte
sich zunächst an die anderen lebenswichtigen
Funktionen an und machte sich dann von
ihnen unabhängig. Während dieser Entwicklung
wurden manche Triebanteile als für diesen
Endzweck unbrauchbar bei Seite gelassen oder
anderen Verwendungen zugeführt, andere
von ihren Zielen abgelenkt und in die
genitale Organisation übergeleitet. Ich nannte
die Energie der Sexualtriebe – und nur
diese – Libido. Ich mußte nun annehmen,
daß die Libido die beschriebene Entwicklung
nicht immer tadellos durchmache. Infolge
der Überstärke einzelner Komponenten
oder frühzeitiger Befriedigungserlebnisse
kommt es zu Fixierungen der Libido an
gewissen Stellen des Entwicklungsweges.
Zu diesen Stellen strebt dann die Libido
im Falle einer späteren Verdrängung
zurück (Regression) und von ihnen aus
wird auch der Durchbruch zum Symptom
erfolgen. Eine spätere Einsicht fügte hinzu,
daß die Lokalisation der Fixierungsstelle
auch entscheidend ist für die Neurosenwahl,
für die Form, in der die spätere Er-
krankung auftritt.
Neben der Organisation der Libido geht der Prozeß
der Objektfindung einher, dem eine große Rolle
im Seelenleben vorbehalten ist. Das erste Liebes-
objekt nach dem Stadium des Autoerotismus
wird für beide Geschlechter die Mutter, deren
nährendes Organ wahrscheinlich anfänglich vom
eigenen Körper nicht unterschieden wurde.
Später aber noch in den ersten Kinderjahren
stellt sich die Relation des Oedipuskom-
plexes her, in welcher der Knabe seine
sexuellen Wünsche auf die Person der Mutter
konzentriert und feindselige Regungen
gegen den Vater als Rivalenerent-
wickelt. In analoger Weise stellt sich das
kleine Mädchen ein; alle Variationen
und Abfolgen des Oedipuskomplexes werden
bedeutungsvoll, die angeborene bisexuelle
Konstitution macht sich geltend und ver-
mehrt die Anzahl der gleichzeitig vorhandenen
Strebungen. Es dauert eine ganze Weile,
bis das Kind über die Unterschiede der
Geschlechter Klarheit gewinnt; in dieser
Zeit der Sexualforschung schafft es sich
typische Sexualtheorien, die, abhängig vonS.
29
der Unvollkommenheit der eigenen körperlichen
Organisation, Richtiges und Falsches vermengen,
über die Probleme des Geschlechtslebens (das
Rätsel der Sphinx: woher die Kinder kommen)
nicht lösen können. Die erste Objektwahl
des Kindes ist also eine inzestuöse.
Die ganze hier beschriebene Entwicklung
wird rasch durchlaufen. Der merkwürdigste
Charakter des menschlichen Sexuallebens ist
sein zweizeitiger Ansatz mit dazwischenliegender
Pause. Im vierten und fünften Lebensjahr
erreicht es einen ersten Höhepunkt, dann aber
vergeht diese Frühblüte der Sexualität, die
bisher lebhaften Strebungen verfallen der
Verdrängung und es tritt die bis zur
Pubertät dauernde Latenzzeit ein, während
welcher die Reaktionsbildungengegen die
der Moral, der Scham, des Ekels aufgerichtet
werden. Diese Zweizeitigkeit der Sexualent-
wicklung scheint von allen Lebewesen
allein dem Menschen zuzukommen, sie
ist vielleicht die biologische Bedingung seiner
Disposition zur Neurose. Mit der Pubertät
werden die Strebungen und Objektbesetzungen
der Frühzeit wieder belebt, auch die Gefühls-
bindungen des Oedipuskomplexes. Im Sexual-
leben der Pubertät ringen mit einander
die Anregungen der Frühzeit und die Hem-
mungen der Latenzperiode. Noch auf der
Höhe der infantilen Sexualentwicklung hatte
sich eine Art von genitaler Organisation
hergestellt, in der aber nur das
männliche Genitale eine Rolle spielte, das
weibliche unentdeckt geblieben war.
(Der sog. phallische Primat). Der Gegensatz
der Geschlechter hieß damals noch nicht männlich
oder weiblich, sondern: im Besitz eines
Penis oder kastriert. Der hier anschließende
Kastrationskomplex wird überaus bedeutsam
für die Bildung von Charakter und Neurose.
In dieser verkürzten Darstellung meiner
Befunde über das menschliche Sexualleben habe
ich dem Verständnis zu Liebe vielfach zu-
sammengetragen, was zu verschiedenen Zeiten
entstand und alsNachtragErgänzung oder Bericht-
igung in die aufeinander folgenden Auflagen
meiner „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“
+ Aufnahme fand. Ich hoffe, es läßt sich aus ihr
leicht entnehmen, worin die oft betonteErweiterung undbeanstandete Erweiterung
des Begriffes Sexualität besteht. Diese Erweit-
erung ist eine zweifache. Erstens wird die Sex-
ualität aus ihren allzu engen Beziehungen zu
den Genitalien gelöst und als eine um-S.
30
fassendere Körperfunktion hingestellt, welche
erst sekundär das Lust strebende in den Dienst
der Fortpflanzung tritt; zweitens werden
zu den sexuellen Regungen alle die zärtlichen
und freundschaftlichen gerechnet, für welche
unser Sprachgebrauch das vieldeutige Wort
„Liebe“ verwendet. Allein ich meine, diese
Erweiterungen sind nicht Neuerungen, sondern
Wiederherstellungen, sie bedeuten die Auf-
hebung von unzweckmäßigen Einengungen des
Begriffes, zu denen wir uns haben bewegen
lassen. Die Loslösung der Sexualität von
den Genitalien hat den Vorteil, daß sie
uns gestattet, die Sexualbetätigung der
Kinder und der Perversen unter dieselben
Gesichtspunkte zu bringen wie diedernormalen
Erwachsenen, während die erstere bisher völlig
vernachlässigt, die andere zwar mit moralischer
Entrüstung, aber ohne Verständnis aufgenom-
men wurde. Der psychoanalytischen Auffassung
erklären sich auch die absonderlichsten und abstoß-
endsten Perversionen als Äußerung von sexuellen
Partialtrieben, die sich dem Genitalprimat ent-
zogen haben und wie in den Urzeiten der
Libidoentwicklung selbständig dem Lusterwerb
nachgehen. Die wichtigste dieser Perversionen, die
Homosexualität, verdient kaum diesen Namen.
Sie führt sich auf die konstitutionelle Bisexualität
und auf die Nachwirkung des phallischen Primats
zurück; durch Psychoanalyse kann man bei
Jedermann ein Stück homosexueller Objekt-
wahl nachweisen. Wenn man die Kinder
„polymorph pervers“ genannt hat, so war das nur
eine Beschreibung in allgemein gebräuchlichen
Ausdrücken; eine moralische Wertung sollte
damit nicht ausgesprochen werden. Solche Wert-
urteile liegen der Psychoanalyse überhaupt ferne.
Die andere der angeblichen Erweiterungen recht-
fertigt sich durch den Hinweis auf die psychoanalyt-
ische Untersuchung, welche zeigt, daß all diese
zärtlichen Gefühlsregungen ursprünglich
vollsexuelle Strebungen waren, die dann
„zielgehemmt“ oder „sublimiert“ worden sind. Auf
dieser Beeinflußbarkeit und Ablenkbarkeit
der Sexualtriebe beruht auch ihre Verwend-
barkeit für mannigfache kulturelle
Leistungen, zu denen sie die bedeutsamsten
Beiträge stellen.
Die überraschenden Ermittlungen über die
Sexualität des Kindes wurden zunächst durch
die Analyse Erwachsener gewonnen, konntenS.
31
aber später etwa von 1908 an durch direkte
Beobachtungen an Kindern bis in alle Einzel-
heiten und in beliebigem Ausmaße bestätigt
werden. Es ist wirklich so leicht, sich von den
regulären sexuellen Betätigungen und Interessen
der Kinder zu überzeugen, daß man sich ver-
wundert fragen muß, wie es die Menschen
zu Stande gebracht haben, diese Tatsachenzu
zu übersehen und die Wunschlegende von
der asexuellen Kindheit so lange aufrecht zu
halten. Dies muß mit der Amnesie der meisten
Erwachsenen für ihre eigene Kindheit zusammenhängen.IV.
Die Lehren vom Widerstand und der Verdrängung,
vom Unbewußten, von der aetiologischen Be-
deutung des Sexuallebens und der Wichtigkeit
der Kindheitserlebnisse sind die Hauptbestand-
teile des psychoanalytischen Lehrgebäudes. Ich
bedauere, daß ich hier nur die einzelnen Stücke
beschreiben konnte und nicht auch, wie sie sich
zusammensetzen und ineinander greifen. Es ist
jetzt an der Zeit, sich zu den Veränderungen zu
wenden, die sich allmälich an der Technik des
analytischen Verfahrens vollzogen.
Die zuerst geübte Überwindung des Widerstands
durch Drängen und Versichern war unentbehr-
lich gewesen, um dem Arzt die ersten Orientier-
ungen in dem, was er zu erwarten hatte, zu
verschaffen. Auf die Dauer war sie aber für beide
Teile zu anstrengend und schien nicht frei von ge-
wissen naheliegenden Bedenken. Sie
wurde also von einer anderen Methode abgelöst,
welche in gewissem Sinn ihr Gegensatz war. Anstatt
den Patienten anzutreiben, etwas zu einem bestimmten Thema
zu sagen, forderte man ihn jetzt auf, sich der
„freien Assoziation“ zu überlassen, d. h. zu sagen,
was immer ihm in den Sinn kam, wenn er sich
jeder bewußten Zielvorstellung enthielt.
Nur mußte er sich dazu verpflichten, auch wirklich
alles mitzuteilen, was ihm seine Selbstwahrnehm-
ung ergab, und den kritischen Einwendungen
nicht nachzugeben, die oft einzelne Einfälle
mit den Motivierungen beseitigen wollten,
sie seien nicht wichtig genug, gehörten nicht
dazu oder seien überhaupt ganz unsinnig.
DieAbsicht derForderung nach Aufrichtigkeit in der Mitteilung
brauchte man nicht ausdrücklich zu wiederholen,
sie war ja die Voraussetzung der analytischen
Kur. Daß dies Verfahren der freien Assoziation unter Einhaltung
der psychoanalytischen Grundregel
leisten sollte, was man von ihm erwartete,
nämlich das verdrängte und durch Widerstände
ferngehaltene Material dem Bewußtsein
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Sigmund Freud1925-041/1924.01