S.
52
stehen weiterer Entwicklungen nach dieser
Richtung.VI.
Ich verfolge jetzt aus der Ferne, unter welchen
Reaktionssymptomen sich der Einzug der
Psychoanalyse in das lange refraktäre
Frankreich vollzieht. Es wirkt wie eine Re-
produktion von früher Erlebtem, hat aber
doch auch seine besonderen Züge. Einwendungen
von unglaublicher Einfalt werden laut,
wie der, das französische Feingefühl nehme
Anstoß an der Pedanterie und Plumpheit
der psychoanalytischen Namengebungen.
(Man muß dabei an Lessing's unsterblichen Chevalier
Ricçaut de la Martinière denken). Ein anderes
Argument klingt ernsthafter. Es ist selbst einem
Professor der Psychologie an der Sorbonne
nicht unwürdig erschienen: das génie latin ver-
trage sich überhaupt nicht mit der Denkungsart der
Psychoanalyse. Dabei werden die angelsächsischen
Allierten, die als ihre Anhänger gelten, aus-
drücklich ausgenommen. Wer das hört, muß
natürlich glauben, das génie teutonique
habe die Psychoanalyse gleich nach ihrer Geburt
als sein liebes Kind an's Herz gedrückt.
In Frankreich ist das Interesse an der Psycho-
analyse von den Männern der schönen Literat-
ur ausgegangen. Um das zu verstehen, muß
man sich erinnern, daß die Psychoanalyse
mit der Traumdeutung die Grenzen einer
rein ärztlichen Angelegenheit überschritten
hatte. Zwischen ihrem Auftreten in Deutschland
und nun in Frankreich liegen ihre mannig-
fachen Anwendungen auf Gebiete der Liter-
atur und Kunstwissenschaft, Religionsgeschichte
(Pädagogik usw.) und Vorgeschichte, Mythologie, Volkskunde,
Alle diese Dinge haben mit der Medizin
wenig zu tun, sind, lehre ich, eben nur durch
die Vermittlung der Psychoanalyse verständlich.
Ich habe darum keine Ursache, sie an dieser Stelle
eingehend zu behandeln. Ich kann sie aber auch
nicht ganz vernachlässigen, denn einerseits sind
sie unerläßlich, um die richtige Vorstellung
von Art und Wesen der Psychoanalyse
zu geben, anderseits habe ich mich ja der Auf-
gabe unterzogen, einige dieser Neben-
werk-Arbeit darzustellen. Von den meisten dieser
Anwendungen gehen die Anfänge auf
meine Arbeiten zurück. Hier und da habe
ich wol auf einem Gebiete den Weg gewiesen
um ein solches außerordentliches Interesse zu
befriedigen. Andere, nicht nur Ärzte sondern
auch Fachmänner sind dann meiner Wegspur
nachgefolgt und weit in die betreffenden
Gebiete eingedrungen. Da ich mich aber meinerS.
53
Programm gemäß auf den Bericht über meine
eigenen Beiträge zur Anwendung der Psychoanalyse
beschränken werde, kann ich dem Leser nur ein
ganz unzureichendes Bild von deren Ausdehnung und
Bedeutung ermöglichen.
Eine Reihe von Anregungen ging für mich vom
Oedipuskomplex aus, dessen Ubiquität ich allmälig
erkannte. War schon immer die Wahl, ja die Schöpf-
ung des grauenhaften Stoffes rätselhaft gewesen,
die erschütternde Wirkung seiner poetischen
Darstellung und das Wesen der Schicksalstragödie
überhaupt, so erklärte sich dies alles durch die
Einsicht, daß hier eine Gesetzmäßigkeit des seelischen
Geschehens in ihrer vollen affektiven Bedeutung
erfaßt worden war. Verhängnis und Orakel
waren nur die Materialisationen der inneren
Notwendigkeit; daß der Held ohne sein Wissen
und gegen seine Absicht sündigte, verstand sich
als der richtige Ausdruck der unbewußten
Natur seiner verbrecherischen Strebungen.
Vom Verständnis dieser Schicksalstragödie war dann
nur ein Schritt bis zur Aufstellung der Charakter-
tragödie des Hamlet, die man seit 300 Jahren
bewunderte, ohne ihren Sinn angeben und die
Motive des Dichters erraten zu können. Es
war doch merkwürdig, daß dieser vom Dichter
erschaffene Neurotiker am Oedipuskomplex
scheitert wie seine zahlreichen Gefährten in der
realen Welt, denn Hamlet ist vor die Aufgabe
gestellt, an einem anderen die beiden Taten
zu rächen, die den Inhalt des Oedipusstrebens
bilden, wobei ihm sein eigenes dunkles Schuld-
gefühl lähmend in den Arm fallen darf.
Der Hamlet ist von Shakespeare sehr bald nach dem
Tode seines Vaters geschrieben worden. Meine
Andeutungen zur Analyse dieses Trauerspiels
haben später durch Ernest Jones eine gründlicheausführlicheAusarbeitung erfahren. Dasselbe
Beispiel nahm dann Otto Rank zum Ausgangspunkt
seiner Untersuchungen über die Stoffwahl des
dramatischen Dichters. In seinem großen Buche
über „Das Inzestmotiv“ konnte er zeigen, wie
häufig die Dichter gerade die Motive der
Oedipussituation zur Darstellung wählen und
die Wandlungen, Abänderungen und Milder-
ungen des Stoffes durch die Weltliteratur
verfolgen.
Es lag nahe von da aus die Analyse des dichterischen und
künstlerischen Schaffens überhaupt in Angriff zu
nehmen. Man erkannte, daß das Reich der Phantasie
eine „Schonung“ war, die beim schmerzlich empfund-
enen Übergang vom Lust- zum Realitätsprinzip
eingerichtet wurde, um einen Ersatz für Triebbe-
friedigung zu gestatten, auf die man im wirklichen
Leben hatte verzichten müssen. Der Künstler
hatte sich wie der Neurotiker von der unbefried-
igenden Wirklichkeit in diese PhantasieweltS.
54
zurückgegangen, aber anders als der Neurotiker, verstand
er den Rückweg aus ihr zu finden und in der
Wirklichkeit wieder festen Fuß zu fassen. Seine
Schöpfungen, die Kunstwerke, waren Phantasie-
befriedigungen unbewußter Wünsche, ganz
wie die Träume, mit denen sie auch den
Charakter des Kompromisses gemein hatten,
denn sie auch mußten den offenen
Konflikt mitderden Mächten der Verdrängung vermeiden,
aber zum Unterschied von den asozialen, narz-
ißtischen Traumproduktionen waren sie
auf die Anteilnahme anderer Menschen berechnet,
konnten bei diesen die nämlichen unbewußten
Wunschregungen beleben und befriedigen.
Überdies bedienten sie sich der Wahrnehmungs-
lust der Formschönheit als „Verlockungs-
prämie“. Was die Psychoanalyse leisten konnte,
war, aus der Aufeinanderbeziehung der Lebens-
eindrücke, zufälligen Schicksale, und der
Werke des Künstlers seine Konstitution
und die in ihr wirksamen Triebregungen,
also das allgemein Menschliche an ihm,
zu konstruieren. In solcher Absicht habe ich
z. B. Leonardo da Vinci zum Gegenstand einer Studie
genommen, die auf einer einzigen, von ihm
mitgeteilten Kindheitserinnerung ruht
und im Wesentlichen auf die Erklärung
seines Bildes, „die heilige Anna selbdritt“
hinzielt. Meine Freunde und Schüler haben
dann zahlreiche Analysen an Künstlern und
ihren Werken unternommen. Es ist nicht ein-
getroffen, daß der Genuß am Kunstwerk
durch das so gewonnene analytische Ver-
ständnis geschädigt wird. Dem Laien, der
aber hier vielleicht von der Analyse zu viel
erwartet, muß eingestanden werden, daß
sie auf zwei Probleme kein Licht wirft,
die ihn wahrscheinlich am meisten interessieren.
Die Analyseder Kunstkann nichts zur Auf-
klärung der künstlerischen Begabung sagen
und auch die Aufdeckung der Mittel, mit
denen der Künstler arbeitet, der künstler-
ischen Technik, fällt ihr nicht zu.
An einer kleinen, an sich nicht besonders wert-
vollen Novelle, der „Gradiva“ von W.
Jensen, konnte ich nachweisen, daß erdichtete
Träume dieselben Deutungen zulassen
wie reale, daß also in der Produktion
des Dichters die uns aus der Traumarbeit
bekannten Mechanismen des Unbe-
wußten wirksam sind.
Mein Buch über den „Witz und seine Beziehung
zum Unbewußten“ ist direkt ein Seiten-
sprung von der Traumdeutung her. DerS.
55
einzige Freund, der damals an meinen Arbeiten.
Anteil nahm, hatte mir bemerkt, daß meine
Traumdeutungen häufig einen witzigen Eindruck
machten. Um diesen Eindruck aufzuklären,
nahm ich die Untersuchung der Witze vor und
fand, das Wesen des Witzes liege in seinen
technischen Mitteln, diese seien aber dieselben
wie die derTraumArbeitsweisen der „Traum-
arbeit“, also Verdichtung, Verschiebung, Dar-
stellung durch das Gegenteil, durch ein Kleinstes
usw. Daran schloß sich die ökonomische Unter-
suchung, wie der hohe Lustgewinn beim
Hörer des Witzes zu Stande komme; die
Antwort war: durch momentane Aufhebung
von Verdrängungsaufwand nach der Verlock-
ung durch eine dargebotene Lustprämie (Vorlust).
Höher schätze ich selbst meine Beiträge
zur Religionspsychologie ein, die 1907 mit der
Feststellung einer überraschenden Ähnlichkeit
zwischen Zwangshandlungen und Religionsübungen
(Ritus) begannen. Ohne noch die tieferen Zusammen-
hänge zu kennen, bezeichnete ich die Zwangsneurose
als eine verzerrte Privatreligion, die Religion
sozusagen als eine universelle Zwangsneurose.
Später, 1912, wurde der nachdrückliche Hinweis von
Jung auf die weitgehenden Analogien zwischen
den geistigen Produktionen der Neurotiker
und der Primitiven mir zum Anlaß, meine
Aufmerksamkeit diesem Thema zuzuwenden.
In den vier Aufsätzen, welche zu einem Buch
mit dem Titel „Totem und Tabu“ zusammen-
gefaßt wurden, führte ich aus, daß bei den
Primitiven die Inzestscheu noch stärker
ausgeprägt ist als bei den Kultivierten und
ganz besondere Abwehrmaßregeln hervor-
gerufen hat, untersuchte die Beziehungen der
Tabuverbote, in welcher Form die ersten
Moraleinschränkungen auftreten, zur Gefühls-
ambivalenz und deckte im primitiven
Weltsystem des Animismus das Prinzip
der Überschätzung der psychischen Realität,
der „Allmacht der Gedanken“ auf, welches
auch der Magie zu Grunde liegt. Überall
wurde die Vergleichung mit der Zwangs-
neurose durchgeführt und gezeigt, wieviel
von den Voraussetzungen des primit-
iven Geisteslebens bei dieser merk-
würdigen Affektion noch in Kraft ist.
Vor allem zog mich aber der Totemismus an, dies
erste Organisationssystem primitiver Stämme,
in dem die Anfänge sozialer Ordnung
mit einer rudimentären Religion und
der unerbittlichen Herrschaft einiger
Tabuverbote vereinigt sind. Das verehrteS.
56
Wesen ist hier ursprünglich immer ein Tier, von
dem der Clan auch abzustammen behauptet.
Aus verschiedenen Anzeichen wird erschlossen, daß
alle, auch die höchststehenden Völker, einst dieses
Stadium des Totemismus durchgemacht haben.
Meine literarische Hauptquelle für die
Arbeiten auf diesem Gebiet waren die bekannten
Werke von J. G. Frazer (Totemism and Exogamy,
The Golden Bough) eine Fundgrube wertvoller
Tatsachen und Gesichtspunkte. Aber zur Aufklärung
der Probleme des Totemismus leistete Frazer
wenig; er hatte seine Ansicht über diesen
Gegenstand mehrmals grundstürzend verändert
und die anderen Ethnologen und Praehistorikerwaren scheinbarschienen ebenso unsicher als uneinig in
diesen Dingen. Mein Ausgangspunkt war die
auffällige Übereinstimmung der beiden
Tabusatzungen des Totemismus, den Totem
nicht zu töten und kein Weib des gleichen
Totemclans geschlechtlich zu gebrauchen, mit
den beiden Inhalten des Oedipuskomplexes,
den Vater zutötenbeseitigen und die
Mutter zum Weib zu nehmen. Es ergab sich
so die Versuchung, das Totemtier dem
Vater gleichzustellen, wie es die Primitiven
ohnedies ausdrücklich taten, indem sie es
als den Ahnherrn des Clans verehrten. Von
psychoanalytischer Seite kamen mir dann zwei
Tatsachen zu Hilfe, eine glückliche Beobachtung
Ferenczi's am Kinde, welche gestattete,
von einer infantilen Wiederkehr des
Totemismus zu sprechen, und die Analyse der
frühen Tierphobien der Kinder, welche
so oft zeigte, daß dies Tier ein Vaterersatz
war, auf welchen die im Oedipuskom-
plex begründete Furcht vor dem Vater
verschoben wurde. Es fehlte nun nicht mehr
viel, um die Vatertötung als Kern des
Totemismus und als Ausgangspunkt der
Religionsbildung zu erkennen.
Dies fehlende Stück kam durch die Kenntnisnahme
von W. Robertson Smith's Werk The Religion
of the Semites hinzu. Der geniale Mann, Physiker
und Bibelforscher, hatte als ein wesentliches
Stück der Totemreligion die sogenannte
Totemmahlzeit hingestellt. Einmal im Jahre wurde
das sonst heilig gehaltene Totemtier feierlich
unter Beteiligung aller Stammesgenossen
getötet,undverzehrt und dann betrauert. An
diese Trauer schloß sich ein großes Fest an.
Nahm ich die Darwin'sche Vermutung hinzu, daß
die Menschen ursprünglich in Horden lebten,
deren jede unter der Herrschaft eines einzigen,
starken, gewalttätigen und eifersüchtigenS.
57
Männchens stand, so gestaltete sich mir aus all
diesen Komponenten die Haypothese oder ich möchte
lieber sagen: die Vision des folgenden Her-
gangs: Der Vater der Urhorde hatte als un-
umschränkter Despot alle Frauen für sich
in Anspruch genommen, die als Rivalen gefährlichen
Söhne getötet oder verjagt. Eines Tages aber
taten sich diese Söhne zusammen, überwältigten,
töteten undaßenverzehrten ihn gemeinsam,undder ihr Feind, aber auch ihr Ideal gewesen
war. Nach der Tat waren sie außer Stande
sein Erbe anzutreten, da einer dem anderen
im Wege stand. Unter dem Einfluß des
Mißerfolgs und der Reuevereintenlernten sie sich mit-
einander zu vertragen, banden sich zu einem
Brüderclan durch die Satzungen des Totemis-
mus, welche die Wiederholung einer solchen Tat
ausschließen sollten, und verzichteten insgesamt
auf den Besitz der Frauen, um welche sie
den Vater getötet hatten. Sie waren nun
auf fremde Frauen angewiesen; dies der
Ursprung der mit dem Totemismus eng ver-
knüpften Exogamie. Die Totemmahlzeit war die
Gedächtnisfeier der ungeheuerlichen Tat,mitwelcher dasvon der das Schuld-bewußtsein der
Menschheit (die Erbsünde) herrührte, mit
der soziale Organisation, Religion und
sittliche Beschränkung gleichzeitig ihren Anfang
nahmen.
Ob nun eine solche Möglichkeit als historisch anzunehmen
ist oder nicht, die Religionsbildung war hiermit
auf den Boden des Vaterkomplexes ge-
stellt und über der Ambivalenz, aufgebaut, welche diesen
beherrscht. Nachdem der Vaterersatz durch das
Totemtier verlassen war, wurde der gefürchtete
und gehaßte, verehrte und beneidete Urvater
selbst das Vorbild Gottes. Der Sohnes-
trotz und seine Vatersehnsucht rangen mit ein-
ander in immer neuen Kompromißbild-
ungen, durch welche einerseits die Tat des Vatermordes gesühnt,
anderseits deren Gewinn behauptet werden
sollte. Ein besonders helles Licht wirft diese
Auffassung der Religion auf die psychologische
Fundierung des Christentums, in dem ja
dieTotemmahlzeitZeremonie dernoch
Totemmahlzeit noch wenig entstellt als Com-
munion fortlebt. Ich will ausdrücklich bemerken, daß diese
letztere Agnoszierung nicht von mir
herrührt, sondern sich bereits bei Frazer
und Robertson Smith findet.
Th. Reik und der Ethnologe G. Roheim haben
in zahlreichen beachtenswerten Arbeiten an
die Gedankengänge von Totem und Tabu
angeknüpft, sie fortgeführt, vertieft oderS.
58
berichtigt. Ich selbst bin später noch einige Male
auf sie zurückgekommen, bei Untersuchungen über
das „unbewußte“ Schuldgefühl, dem auch unter den
Motiven des neurotischen Leidens eine so große
Bedeutung zukommt, und bei Bemühungen, die
soziale Psychologie enger an die Psychologie
des Individuums zu binden. (Das Ich und das
Es. – Massenpsychologie und Ich-Analyse). Auch zur
Erklärung der Hypnotisierbarkeit habe ich
die archaische Erbschaft aus der Urhorden-
zeit der Menschen herangezogen.
Gering ist mein direkter Anteil an anderen An-
wendungen der Psychoanalyse, die doch des allgemein-
sten Interesses würdig sind. Von den Phantasie-
bildungen des einzelnen Neurotikers führt
ein breiter Weg zu den Phantasieschöpfungen
der Massen und Völker, wie sie in den
Mythen, Sagen und Märchen zu Tage liegen. Die
Mythologie ist das Arbeitsgebiet von Otto Rank
geworden, die Deutung der Mythen, ihre Zurück-
führung auf die bekannten unbewußten
Kindheitskomplexe, der Ersatz astraler Erklärungen
durch menschliche Motivierung war in vielen
Fällen der Erfolg seiner analytischen Be-
mühung. Auch das Thema der Symbolik hat
zahlreiche Bearbeiter in meinen Kreisen ge-
funden. Die Symbolik hat der Psychoanalyse
viel Feindschaft eingetragen; manche
allzu nüchterne Forscher haben ihr die Aner-
kennung der Symbolik, wie sie sich aus
der Deutung der Träume ergab, niemals
verzeihen können. Aber die Analyse ist
an der Entdeckung der Symbolik unschuldig,
sie war auf anderen Gebieten längst
bekannt und spielt dort (Folklore, Sage,
Mythus) selbst eine größere Rolle als in
der „Sprache des Traumes“.
Zur Anwendung der Analyse auf die Pädagogik
habe ich persönlich nichts beigetragen; aber
es war natürlich, daß die analytischen Ermitt-
lungen über das Sexualleben und die
seelische Entwicklung der Kinder die Auf-
merksamkeit der Erzieher auf sich zogen
und sie ihre Aufgaben in einem neuen
Lichte sehen ließen. Als unermüdlicher
Vorkämpfer dieser Richtung in der Pädagogik
hat sich der protestantische Pfarrer
O. Pfister in Zürich hervorgetan, der die
Pflege der Analyse auch mit dem Festhalten
an einer allerdings sublimierten Religiosität
vereinbar fand; neben ihm Frau Dr. Hug-
Hellmuth u. Dr S. Bernfeld in Wien
sowie viele andere. Aus der VerwendungS.
59
der Analyse zur Erziehung des gesunden und zur
Korrektur des noch nicht neurotischen aber in
seiner Entwicklung entgleisten Kindes hat
sich eine praktisch wichtige Folge ergeben. Es
ist nicht mehr möglich, die Ausübung der Psycho-
analyse den Ärzten vorzubehalten und die
Laien von ihr auszuschließen. In der Tat ist
der Arzt, der nicht eine besondere Ausbildung
erfahren hat, trotz seines Diploms ein Laie
in der Analyse, und der Nichtarzt kann
bei entsprechender Vorbereitung und geleg-
entlicher Anlehnung an einen Arzt auch die
Aufgabe der analytischen Behandlung von
Neurosen erfüllen.
____________________________________________________
So kann ich denn rückschauend auf das Stückwerk
meiner Lebensarbeit, sagen, daß ich vielerlei
Anfänge gemacht und manche Anregungen
ausgeteilt habe, woraus dann in der Zukunft
etwas werden soll. Ich kann selbst nicht
wissen, ob es viel sein wird oder wenig.
26. 7. 24.
Durch eine jener Entwicklungen, gegen
deren Erfolg man sich vergebens sträuben
würde, ist das Wort Psychoanalyse selbst mehr-
deutig geworden. Ursprünglich die Bezeichnung
eines bestimmten therapeutischen Verfahrens ist
es jetzt auch der Name einer Wissenschaft
geworden, der vom Unbewußt-Seelischen. Diese Wissen-
schaft kann nur selten für sich allein ein
Problem voll erledigen, aber sie scheint
berufen, zu den verschiedensten Wissens-
gebieten wichtige Beiträge zu liefern.
Das Anwendungsgebiet der Psychoanalyse
reicht eben so weit wie das der Psych-
ologie, zu der sie eine Ergänzung von
mächtiger Tragweite hinzufügt.
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Sigmund Freud1925-041/1924.01