• S.

    III

    „Ich erwarte, daß Sie mir aus den Theorien der
    Psychoanalyse ableiten wollen, wie man sich die Ent-
    stehung eines nervösen Leidens vorstellen kann.“

    Ich will es versuchen. Zu dem Zweck müssen wir
    aber unser Ich und unser Es von einem neuen
    Gesichtspunkt aus studieren, vom dynamischen,
    das heißt mit Rücksicht auf die Kräfte, die in und
    zwischen ihnen spielen. Vorhin hatten wir uns ja mit
    der Beschreibung des seelischen Apparats begnügt.

    „Wenn es nur nicht wieder so unfaßbar wird!“

    Ich hoffe, nicht. Sie werden sich bald zurecht-
    finden. Also wir nehmen an, daß die Kräfte, welche
    den seelischen Apparat zur Tätigkeit treiben, in den
    Organen des Körpers erzeugt werden als Ausdruck
    der großen Körperbedürfnisse. Sie erinnern sich an
    das Wort unseres Dichterphilosophen: Hunger und
    Liebe. Übrigens ein ganz respektables Kräftepaar!
    Wir heißen diese Körperbedürfnisse, insofern sie
    Anreize für seelische Tätigkeit darstellen, Triebe, ein
    Wort, um das uns viele moderne Sprachen beneiden.

  • S.

    35

    Diese Triebe erfüllen nun das Es, alle Energie im
    Es, können wir abkürzend sagen, stammt von ihnen.
    Die Kräfte im Ich haben auch keine andere Her-
    kunft, sie sind von denen im Es abgeleitet. Was
    wollen nun die Triebe? Befriedigung, das heißt die
    Herstellung solcher Situationen, in denen die Körper-
    bedürfnisse erlöschen können. Das Herabsinken der
    Bedürfnisspannung wird von unserem Bewußtseins-
    organ als lustvoll empfunden, eine Steigerung der
    selben bald als Unlust. Aus diesen Schwankungen
    entsteht die Reihe von Lust-
    Unlustempfindungen,
    nach der der ganze seelische Apparat seine Tätigkeit
    reguliert. Wir sprechen da von einer „Herrschaft
    des Lustprinzips“.

    Es kommt zu unerträglichen Zuständen, wenn die
    Triebansprüche des Es keine Befriedigung finden. Die
    Erfahrung zeigt bald, daß solche Befriedigungssitua-
    tionen nur mit Hilfe der Außenwelt hergestellt wer-
    den können. Damit tritt der der Außenwelt zuge-
    wendete Anteil des Es, das Ich, in Funktion. Wenn
    alle treibende Kraft, die das Fahrzeug von der Stelle
    bringt, vom Es aufgebracht wird, so übernimmt das
    Ich gleichsam die Steuerung, bei deren Ausfall ja ein
    Ziel nicht zu erreichen ist. Die Triebe im Es drängen
    auf sofortige, rücksichtslose Befriedigung, erreichen
    auf diese Weise nichts oder erzielen selbst fühlbare
    Schädigung. Es wird nun die Aufgabe des Ichs, diesen
    Mißerfolg zu verhüten, zwischen den Ansprüchen des

  • S.

    36

    Es und dem Einspruch der realen Außenwelt zu ver-
    mitteln. Es entfaltet seine Tätigkeit nun nach zwei
    Richtungen. Einerseits beobachtet es mit Hilfe seines
    Sinnesorgans, des Bewußtseinssystems, die Außenwelt,
    um den günstigen Moment für schadlose Befriedigung
    zu erhaschen, anderseits beeinflußt es das Es, zügelt
    dessen „Leidenschaften“, veranlaßt die Triebe, ihre
    Befriedigung aufzuschieben, ja, wenn es als notwendig
    erkannt wird, ihre Ziele zu modifizieren, oder sie
    gegen Entschädigung aufzugeben. Indem es die
    Regungen des Es in solcher Weise bändigt, ersetzt
    es das früher allein maßgebende Lustprinzip durch
    das sogenannte Realitätsprinzip, das zwar die-
    selben Endziele verfolgt, aber den von der realen
    Außenwelt gesetzten Bedingungen Rechnung trägt.
    Später lernt das Ich, daß es noch einen anderen
    Weg zur Versicherung der Befriedigung gibt als die
    beschriebene Anpassung an die Außenwelt. Man
    kann auch verändernd in die Außenwelt eingreifen
    und in ihr absichtlich jene Bedingungen herstellen,
    welche die Befriedigung ermöglichen. Diese Tätigkeit
    wird dann zur höchsten Leistung des Ichs; die Ent-
    scheidungen, wann es zweckmäßiger ist, seine Leiden-
    schaften zu beherrschen und sich vor der Realität
    zu beugen, oder ihre Partei zu ergreifen und sich
    gegen die Außenwelt zur Wehr zu setzen, sind das
    Um und Auf der Lebensklugheit.

    „Und läßt sich das Es eine solche Beherrschung

  • S.

    37

    durch das Ich gefallen, wo es doch, wenn ich Sie recht
    verstehe, der stärkere Teil ist?“

    Ja, es geht gut, wenn das Ich seine volle Organi-
    sation und Leistungsfähigkeit besitzt, zu allen Teilen
    des Es Zugang hat und seinen Einfluß auf sie üben
    kann. Es besteht ja keine natürliche Gegnerschaft
    zwischen Ich und Es, sie gehören zusammen und sind
    im Falle der Gesundheit praktisch nicht voneinander
    zu scheiden.

    „Das läßt sich alles hören, aber ich sehe nicht, wo
    sich in diesem idealen Verhältnis ein Plätzchen für
    die Krankheitsstörung findet.“

    Sie haben recht; solange das Ich und seine Be-
    ziehungen zum Es diese idealen Anforderungen er-
    füllen, gibt es auch keine nervöse Störung. Die Ein-
    bruchsstelle der Krankheit liegt an einem unerwarte-
    ten Ort, obwohl ein Kenner der allgemeinen Patho-
    logie nicht überrascht sein wird, bestätigt zu finden,
    daß gerade die bedeutsamsten Entwicklungen und
    Differenzierungen den Keim zur Erkrankung, zum
    Versagen der Funktion, in sich tragen.

    „Sie werden zu gelehrt, ich verstehe Sie nicht.“

    Ich muß ein bißchen weiter ausholen. Nicht wahr,
    das kleine Lebewesen ist ein recht armseliges, ohn-
    mächtiges Ding gegen die übergewaltige Außenwelt,
    die voll ist von zerstörenden Einwirkungen. Ein pri-
    mitives Lebewesen, das keine zureichende Ichorgani-
    sation entwickelt hat, ist all diesen „Traumen“ ausge-

  • S.

    38

    setzt. Es lebt der „blinden“ Befriedigung seiner Trieb-
    wünsche und geht so häufig an dieser zugrunde. Die
    Differenzierung eines Ichs ist vor allem ein Schritt
    zur Lebenserhaltung. Aus dem Untergang läßt sich
    zwar nichts lernen, aber wenn man ein Trauma
    glücklich bestanden hat, achtet man auf die Annähe-
    rung ähnlicher Sitationen und signalisiert die Gefahr
    durch eine verkürzte Wiederholung der beim Trauma
    erlebten Eindrücke, durch einen Angstaffekt. Diese
    Reaktion auf die Wahrnehmung der Gefahr leitet
    nun den Fluchtversuch ein, der so lange lebensrettend
    wirkt, bis man genug erstarkt ist, um dem Gefährlichen
    in der Außenwelt in aktiverer Weise, vielleicht sogar
    durch Aggression zu begegnen.

    „Das ist alles sehr weit weg von dem, was Sie
    versprochen haben.“

    Sie ahnen nicht, wie nah ich der Erfüllung mei-
    nes Versprechens gekommen bin. Auch bei den Le-
    bewesen, die später eine leistungsfähige Ichorganisa-
    tion haben, ist dieses Ich zuerst in den Jahren der
    Kindheit schwächlich und vom Es wenig differenziert.
    Nun stellen Sie sie vor, was geschehen wird, wenn
    dieses machtlose Ich einen Triebanspruch aus dem
    Es erlebt, dem es bereits widerstehen möchte, weil
    es errät, daß dessen Befriedigung gefährlich ist, eine
    traumatische Situation, einen Zusammenstoß mit der
    Außenwelt heraufbeschwören würde, den es aber
    nicht beherrschen kann, weil es die Kraft dazu noch

  • S.

    39

    nicht besitzt. Das Ich behandelt dann die Triebgefahr,
    als ob es eine äußere Gefahr wäre, es unternimmt
    einen Fluchtversuch, zieht sich von diesem Anteil des
    Es zurück und überläßt ihn seinem Schicksal, nach-
    dem es ihm alle Beiträge, die es sonst zu den Trieb-
    regungen stellt, verweigert hat. Wir sagen, das Ich
    nimmt eine Verdrängung dieser Triebregungen
    vor. Das hat für den Augenblick den Erfolg, die Ge-
    fahr abzuwehren, aber man verwechselt nicht unge-
    straft das Innen und das Außen. Man kann nicht
    vor sich selbst davonlaufen. Bei der Verdrängung
    folgt das Ich dem Lustprinzip, welches es sonst zu
    korrigieren pflegt, es hat dafür den Schaden zu tra-
    gen. Dieser besteht darin, daß das Ich nun seinen
    Machtbereich dauernd eingeschränkt hat. Die ver-
    drängte Triebregung ist jetzt isoliert, sich selbst über-
    lassen, unzugänglich, aber auch unbeeinflußbar. Sie
    geht ihren eigenen Weg. Das Ich kann zumeist auch
    später, wenn es erstarkt ist, die Verdrängung nicht
    mehr aufheben, seine Synthese ist gestört, ein Teil
    des Es bleibt für das Ich verbotener Grund. Die iso-
    lierte Triebregung bleibt aber auch nicht müßig, sie
    weiß sich dafür, daß ihr die normale Befriedigung
    versagt ist, zu entschädigen, erzeugt psychische Ab-
    kömmlinge, die sie vertreten, setzt sich mit anderen
    Vorgängen in Verknüpfung, die sie durch ihren Ein-
    fluß gleichfalls dem Ich entreißt, und bricht endlich
    in einer unkenntlich entstellten Ersatzbildung ins Ich

  • S.

    40

    und zum Bewußtsein durch, schafft das, was man
    ein Symptom nennt. Mit einem Male sehen wir den
    Sachverhalt einer nervösen Störung vor uns: ein Ich,
    das in seiner Synthese gehemmt ist, das auf Teile
    des Es keinen Einfluß hat, das auf manche seiner
    Tätigkeiten verzichten muß, um einen neuerlichen
    Zusammenstoß mit dem Verdrängten zu vermeiden,
    das sich in meist vergeblichen Abwehrreaktionen gegen
    die Symptome, die Abkömmlinge der verdrängten
    Regungen, erschöpft, und ein Es, in dem sich einzelne
    Triebe selbständig gemacht haben, ohne Rücksicht
    auf die Interessen der Gesamtperson ihre Ziele ver-
    folgen und nur mehr den Gesetzen der primitiven
    Psychologie gehorchen, die in den Tiefen des Es ge-
    bietet. Übersehen wir die ganze Situation, so erweist
    sich uns als einfache Formel für die Entstehung der
    Neurose, daß das Ich den Versuch gemacht hat, ge-
    wisse Anteile des Es in ungeeigneter Weise
    zu unterdrücken, daß dies mißlungen ist und das Es
    dafür seine Rache genommen hat. Die Neurose ist
    also die Folge eines Konflikts zwischen Ich und Es,
    in den das Ich eintritt, weil es, wie eingehende Un-
    tersuchung zeigt, durchaus an seiner Gefügigkeit ge-
    gen die reale Außenwelt festhalten will. Der Gegen-
    satz läuft zwischen Außenwelt und Es, und weil das
    Ich, seinem innersten Wesen getreu, für die Außen-
    welt Partei nimmt, gerät es in Konflikt mit seinem
    Es. Beachten Sie aber wohl, nicht die Tatsache dieses

  • S.

    41


    Konflikts schafft die Bedingung des Krankseins, – denn
    solche Gegensätze zwischen Realität und Es sind un-
    vermeidlich und das Ich führt unter seinen beständi-
    gen Aufgaben, in ihnen zu vermitteln, – sondern der
    Umstand, daß das Ich sich zur Erledigung des Kon-
    flikts des unzureichenden Mittels der Verdrängung
    bedient hat. Dies hat aber selbst seinen Grund da-
    rin, daß das Ich zur Zeit, als sich ihm die Aufgabe
    stellte, unentwickelt und ohnmächtig war. Die ent-
    scheidenden Verdrängungen fallen ja alle in früher
    Kindheit vor.

    „Welch ein merkwürdiger Weg! Ich folge Ihrem
    Rat, nicht zu kritisieren, da Sie mir ja nur zeigen
    wollen, was die Psychoanalyse von der Entstehung
    der Neurose glaubt, um daran zu knüpfen, was sie
    zu ihrer Bekämpfung unternimmt. Ich hätte verschie-
    denes zu fragen, werde einiges auch später vorbrin-
    gen. Zunächst verspüre ich auch einmal die Versu-
    chung, auf Grund ihrer Gedankengänge weiter zu
    bauen und selbst eine Theorie zu wagen. Sie haben
    die Relation Außenwelt–Ich–Es entwickelt und als
    die Bedingung der Neurose hingestellt, daß das Ich in
    seiner Abhängigkeit von der Außenwelt das Es be-
    kämpft. Ist nicht auch der andere Fall denkbar, daß
    das Ich in einem solchen Konflikt sich vom Es fort-
    reißen läßt und seine Rücksicht auf die Außenwelt
    verleugnet? Was geschieht in einem solchen Falle?
    Nach meinen laienhaften Vorstellungen von der Na-

  • S.

    42

    tur einer Geisteskrankheit könnte diese Entscheidung
    des Idhs die Bedingung der Geisteskrankheit sein.
    Solch eine Abwendung von der Wirklichkeit scheint
    doch das Wesentliche an der Geisteskrankheit.“

    Ja, daran habe ich selbst gedacht, und halte es
    sogar für zutreffend, wenngleich der Erweis dieser
    Vermutung eine Diskussion von recht komplizierten
    Verhältnissen erfordert. Neurose und Psychose sind
    offenbar innig verwandt und müssen sich doch in
    einem entscheidenden Punkt voneinander trennen.
    Dieser Punkt könnte wohl die Parteinahme des Idhs
    in einem solchen Konflikt sein. Das Es würde in bei-
    den Fällen seinen Charakter von blinder Unnachgie-
    bigkeit bewahren.

    „Nun setzen Sie fort. Welche Winke gibt ihre
    Theorie für die Behandlung der neurotischen Er-
    krankungen?“

    Unser therapeutisches Ziel ist jetzt leicht zu
    umschreiben. Wir wollen das Ich herstellen, es von
    seinen Einschränkungen befreien, ihm die Herrschaft
    über das Es wiedergeben, die es infolge seiner
    frühen Verdrängungen eingebüßt hat. Nur zu diesem
    Zweck machen wir die Analyse, unsere ganze Technik
    ist auf dieses Ziel gerichtet. Wir haben die vor-
    gefallenen Verdrängungen aufzusuchen und das Ich
    zu bewegen, sie nun mit unserer Hilfe zu korrigie-
    ren, die Konflikte besser als durch einen Fluchtver-
    such zu erledigen. Da diese Verdrängungen sehr

  • S.

    43


    frühen Kinderjahren angehören, führt uns auch die
    analytische Arbeit in diese Lebenszeit zurück. Den
    Weg zu den meist vergessenen Konfliktsituationen,
    die wir in der Erinnerung des Kranken wiederbele-
    ben wollen, weisen uns die Symptome, Träume und
    freien Einfälle des Kranken, die wir allerdings erst
    deuten, übersetzen müssen, da sie unter dem Ein-
    fluß der Psychologie des Es für unser Verständnis
    fremdartige Ausdrucksformen angenommen haben.
    Von den Einfällen, Gedanken und Erinnerungen, die
    uns der Patient nicht ohne inneres Sträuben mittei-
    len kann, dürfen wir annehmen, daß sie irgendwie
    mit dem Verdrängten zusammenhängen oder Ab-
    kömmlinge desselben sind. Indem wir den Kranken
    dazu antreiben, sich über seine Widerstände bei der
    Mitteilung hinauszusetzen, erziehen wir sein Ich da-
    zu, seine Neigung zu Fluchtversuchen zu überwinden
    und die Annäherung des Verdrängten zu vertragen.
    Am Ende, wenn es gelungen ist, die Situation der
    Verdrängung in seiner Erinnerung zu reproduzieren,
    wird seine Gefügigkeit glänzend belohnt. Der ganze
    Unterschied der Zeiten läuft zu seinen Gunsten, und
    das, wovor sein kindliches Ich erschreckt die Flucht
    ergriffen hatte, das erscheint dem erwachsenen und
    erstarkten Ich oft nur als Kinderspiel.