S.
IV
„Alles, was Sie mir bisher erzählt haben, war Psycho-
logie. Es klang oft befremdlich, spröde, dunkel, aber es
war doch immer, wenn ich so sagen soll: reinlich. Nun
habe ich zwar bisher sehr wenig von Ihrer Psycho-
analyse gewußt, aber das Gerücht ist doch zu mir
gedrungen, daß sie sich vorwiegend mit Dingen be-
schäftigt, die auf dieses Prädikat keinen Anspruch
haben. Es macht mir den Eindruck einer beab-
sichtigten Zurückhaltung, daß Sie bisher nichts Ähn-
liches berührt haben. Auch kann ich einen anderen
Zweifel nicht unterdrücken. Die Neurosen sind doch,
wie Sie selbst sagen, Störungen des Seelenlebens.
Und so wichtige Dinge wie unsere Ethik, unser Gewissen,
unsere Ideale, sollten bei diesen tiefgreifenden
Störungen gar keine Rolle spielen?“Sie vermissen also in unseren bisherigen Bespre-
chungen die Berücksichtigung des Niedrigsten wie des
Höchsten. Das kommt aber daher, daß wir von den
Inhalten des Seelenlebens überhaupt noch nicht
gehandelt haben. Lassen Sie mich aber jetzt einmalS.
45
selbst die Rolle des Unterbrechers spielen, der den
Fortschritt der Unterredung aufhält. Ich habe Ihnen
soviel Psychologie erzählt, weil ich wünschte, daß Sie
den Eindruck empfangen, die analytische Arbeit sei
ein Stück angewandter Psychologie, und zwar
einer Psychologie, die außerhalb der Analyse nicht
bekannt ist. Der Analytiker muß also vor allem diese
Psychologie, die Tiefenpsychologie oder Psychologie
des Unbewußten, gelernt haben, wenigstens soviel als
heute davon bekannt ist. Wir werden das für unsere
späteren Folgerungen brauchen. Aber jetzt, was
meinten Sie mit der Anspielung auf die Reinlichkeit?„Nun, es wird allgemein erzählt, daß in den
Analysen die intimsten – und garstigsten Angelegen-
heiten des Geschlechtslebens mit allen Details zur
Sprache kommen. Wenn das so ist, – aus Ihren psy-
chologischen Auseinandersetzungen habe ich nicht
entnehmen können, daß es so sein muß, – so wäre
es ein starkes Argument dafür, solche Behandlungen
nur Ärzten zu gestatten. Wie kann man daran
denken, anderen Personen, deren Diskretion man
nicht sicher ist, für deren Charakter man keine Bürg-
schaft hat, so gefährliche Freiheiten einzuräumen?“Es ist wahr, die Ärzte genießen auf sexuellem
Gebiet gewisse Vorrechte; sie dürfen ja auch die
Genitalien inspizieren. Obwohl sie es im Orient nicht
durften; auch manche Idealreformer – Sie wissen,
wen ich meine – haben diese Vorrechte bekämpft.S.
46
Aber Sie wollen zunächst wissen, ob es in der Analyse
so ist und warum es so sein muß? – Ja, es ist so.Es muß aber so sein, erstens weil die Analyse
überhaupt auf volle Aufrichtigkeit gebaut ist. Man
behandelt in ihr z. B. Vermögensverhältnisse mit eben
solcher Ausführlichkeit und Offenheit, sagt Dinge, die
man jedem Mitbürger vorenthält, auch wenn er nicht
Konkurrent oder Steuerbeamter ist. Daß diese Ver-
pflichtung zur Aufrichtigkeit auch den Analytiker unter
schwere moralische Verantwortlichkeit setzt, werde
ich nicht bestreiten, sondern selbst energisch betonen.
Zweitens muß es so sein, weil unter den Ursachen
und Anlässen der nervösen Erkrankungen Momente
des Geschlechtslebens eine überaus wichtige, eine
überragende, vielleicht selbst eine spezifische Rolle
spielen. Was kann die Analyse anderes tun, als sich
ihrem Stoff, dem Material, das der Kranke bringt, an-
zuschmiegen? Der Analytiker lockt den Patienten
niemals auf das sexuelle Gebiet, er sagt ihm nicht
voraus: es wird sich um die Intimitäten Ihres
Geschlechtslebens handeln! Er läßt ihn seine Mitteilun-
gen beginnen, wo es ihm beliebt, und wartet ruhig ab,
bis der Patient selbst die geschlechtlichen Dinge an-
rührt. Ich pflegte meine Schüler immer zu mahnen:
Unsere Gegner haben uns angekündigt, daß wir auf
Fälle stoßen werden, bei denen das sexuelle Moment
keine Rolle spielt; hüten wir uns davor, es in die
Analyse einzuführen, verderben wir uns die ChanceS.
47
nicht, einen solchen Fall zu finden. Nun bis jetzt hat
niemand von uns dieses Glück gehabt.Ich weiß natürlich, daß unsere Anerkennung der
Sexualität – eingestandener oder uneingestandener
Maßen – das stärkste Motiv für die Feindseligkeit
der Anderen gegen die Analyse geworden ist. Kann
uns das irre machen? Es zeigt uns nur, wie neurotisch
unser ganzes Kulturleben ist, da sich die angeblich Nor-
malen nicht viel anders benehmen als die Nervösen.
Zur Zeit als in gelehrten Gesellschaften Deutschlands
feierlich Gericht über die Psychoanalyse gehalten
wurde, – heute ist es wesentlich stiller geworden, –
beanspruchte ein Redner besondere Autorität, weil
er nach seiner Mitteilung auch die Kranken sich
äußern lasse. Offenbar in diagnostischer Absicht und
um die Behauptungen der Analytiker zu prüfen.
Aber, setzte er hinzu, wenn sie anfangen von sexuel-
len Dingen zu reden, dann verschließe ich ihnen den
Mund. Was denken Sie von einem solchen Beweis-
verfahren? Die gelehrte Gesellschaft jubelte dem
Redner Beifall zu, anstatt sich gebührender Weise
für ihn zu schämen. Nur die triumphierende Sicher-
heit, welche das Bewußtsein gemeinsamer Vorurteile
verleiht, kann die logische Sorglosigkeit dieses Redners
erklären. Jahre später haben einige meiner damaligen
Schüler dem Bedürfnis nachgegeben, die menschliche
Gesellschaft vom Joch der Sexualität, das ihr die
Psychoanalyse auferlegen will, zu befreien. Der eineS.
48
hat erklärt, das Sexuelle bedeute gar nicht die Sexuali-
tät, sondern etwas anderes, Abstraktes, Mystisches;
ein zweiter gar, das Sexualleben sei nur eines der
Gebiete, auf dem der Mensch das ihn {treibende
Bedürfnis nach Macht und Herrschaft betätigen wolle.
Sie haben sehr viel Beifall gefunden, für die nächste
Zeit wenigstens.„Da getraue ich mich aber doch einmal Partei zu
nehmen. Es scheint mir sehr gewagt, zu behaupten,
daß die Sexualität kein natürliches, ursprüngliches
Bedürfnis der lebenden Wesen ist, sondern der Aus-
druck für etwas anderes. Man braucht sich da nur
an das Beispiel der Tiere zu halten.“Das macht nichts. Es gibt keine, noch so absurde
Mixtur, die die Gesellschaft nicht bereitwillig schlucken
würde, wenn sie nur als Gegenmittel gegen die ge-
fürchtete Übermacht der Sexualität ausgerufen wird.Ich gestehe Ihnen übrigens, daß mir die Ab-
neigung, die Sie selbst verraten haben, dem sexuellen
Moment eine so große Rolle in der Verursachung
der Neurosen einzuräumen, mit Ihrer Aufgabe als
Unparteiischer nicht gut verträglich scheint. Fürchten
Sie nicht, daß Sie durch solche Antipathie in der
Fällung eines gerechten Urteils gestört sein werden?„Es tut mir leid, daß Sie das sagen. Ihr Ver-
trauen zu mir scheint erschüttert. Warum haben Sie
dann nicht einen anderen zum Unparteiischen ge-
wählt?“S.
49
Weil dieser andere auch nicht anders gedacht
hätte als Sie. Wenn er aber von vorneherein bereit
gewesen wäre, die Bedeutung des Geschlechtslebens
anzuerkennen, so hätte alle Welt gerufen: Das ist
ja kein Unparteiischer, das ist ja ein Anhänger von
Ihnen. Nein, ich gebe die Erwartung keineswegs auf,
Einfluß auf Ihre Meinungen zu gewinnen. Ich bekenne
aber, dieser Fall liegt für mich anders als der vorhin
behandelte. Bei den psychologischen Erörterungen
mußte es mir gleich gelten, ob Sie mir Glauben schen
ken oder nicht, wenn Sie nur den Eindruck bekom-
men, es handle sich um rein psychologische Probleme.
Diesmal, bei der Frage der Sexualität, möchte ich
doch, daß Sie der Einsicht zugänglich werden, Ihr
stärkstes Motiv zum Widerspruch sei eben die mit
gebrachte Feindseligkeit, die Sie mit so vielen anderen
teilen.„Es fehlt mir doch die Erfahrung, welche Ihnen
eine so unerschütterliche Sicherheit geschaffen hat.“Gut, ich darf jetzt in meiner Darstellung fortfahren.
Das Geschlechtsleben ist nicht nur eine Pikanterie,
sondern auch ein ernsthaftes wissenschaftliches Pro-
blem. Es gab da viel Neues zu erfahren, viel Sonder-
bares zu erklären. Ich sagte Ihnen schon, daß die
Analyse bis in die frühen Kindheitsjahre des Patien-
ten zurückgehen mußte, weil in diesen Zeiten und
während der Schwäche des Ichs die entscheidenden
Verdrängungen vorgefallen sind. In der Kindheit gibtS.
50
es aber doch gewiß kein Geschlechtsleben, das hebt
erst mit der Pubertätszeit an? Im Gegenteile, wir
hatten die Entdeckung zu machen, daß die sexuellen
Triebregungen das Leben von der Geburt an be-
gleiten, und daß es gerade diese Triebe sind, zu
deren Abwehr das infantile Ich die Verdrängungen
vornimmt. Ein merkwürdiges Zusammentreffen, nicht
wahr, daß schon das kleine Kind sich gegen die Macht
der Sexualität sträubt, wie später der Redner in
der gelehrten Gesellschaft und noch später meine
Schüler, die ihre eigenen Theorien aufstellen? Wie
das zugeht? Die allgemeinste Auskunft wäre, daß
unsere Kultur überhaupt auf Kosten der Sexualität
aufgebaut wird, aber es ist viel anderes darüber zu
sagen.Die Entdeckung der kindlichen Sexualität gehört
zu jenen Funden, deren man sich zu schämen hat.
Einige Kinderärzte haben immer darum gewußt, wie
es scheint, auch einige Kinderpflegerinnen. Geistreiche
Männer, die sich Kinderpsychologen heißen, haben
dann in vorwurfsvollem Ton von einer „Entharmlosung
der Kindheit“ gesprochen. Immer wieder Sentimente
an Stelle von Argumenten! In unseren politischen
Körperschaften sind solche Vorkommnisse alltäglich.
Irgendwer von der Opposition steht auf und denun-
ziert eine Mißwirtschaft in der Verwaltung, Armee,
Justiz und dergleichen. Darauf erklärt ein anderer,
am liebsten einer von der Regierung, solche Konsta-S.
51
tierungen beleidigen das staatliche, militärische, dyna-
stische oder gar das nationale Ehrgefühl. Sie seien
also so gut wie nicht wahr. Diese Gefühle vertragen
keine Beleidigung.Das Geschlechtsleben des Kindes ist natürlich ein
anderes als das des Erwachsenen. Die Sexualfunktion
macht von ihren Anfängen bis zu der uns so ver-
trauten Endgestaltung eine komplizierte Entwicklung
durch. Sie wächst aus zahlreichen Partialtrieben mit
besonderen Zielen zusammen, durchläuft mehrere
Phasen der Organisation, bis sie sich endlich in den
Dienst der Fortpflanzung stellt. Von den einzelnen
Partialtrieben sind nicht alle für den Endausgang
gleich brauchbar, sie müssen abgelenkt, umgemodelt,
zum Teil unterdrückt werden. Eine so weitläufige Ent-
wicklung wird nicht immer tadellos durchgemacht, es
kommt zu Entwicklungshemmungen, partiellen Fixie-
rungen auf frühen Entwicklungsstufen; wo sich später
der Ausübung der Sexualfunktion Hindernisse ent-
gegenstellen, weicht das sexuelle Streben – die Libido,
wie wir sagen – gern auf solche frühere Fixierungs-
stellen zurück. Das Studium der kindlichen Sexualität
und ihrer Umwandlungen bis zur Reife hat uns auch
den Schlüssel zum Verständnis der sogenannten se-
xuellen Perversionen gegeben, die man immer mit
allen geforderten Anzeichen des Abscheus zu be-
schreiben pflegte, deren Entstehung man aber nicht
aufklären konnte. Das ganze Gebiet ist ungemein in-S.
52
teressant, es hat nur für die Zwecke unserer Unter-
redungen nicht viel Sinn, wenn ich Ihnen mehr davon
erzähle. Man braucht, um sich hier zurechtzufinden,
natürlich anatomische und physiologische Kenntnisse,
die leider nicht sämtlich in der medizinischen Schule
zu erwerben sind, aber eine Vertrautheit mit Kultur-
geschichte und Mythologie ist ebenso unerläßlich.„Nach alledem kann ich mir vom Geschlechtsleben
des Kindes doch keine Vorstellung machen.“So will ich noch länger bei dem Thema verweilen;
es fällt mir ohnedies nicht leicht, mich davon loszu-
reißen. Hören Sie, das Merkwürdigste am Geschlechts-
leben des Kindes scheint mir, daß es seine ganze,
sehr weitgehende Entwicklung in den ersten fünf
Lebensjahren durchläuft; von da an bis zur Pubertät
erstreckt sich die sogenannte Latenzzeit, in der – nor-
maler Weise – die Sexualität keine Fortschritte macht,
die sexuellen Strebungen im Gegenteil an Stärke
nachlassen und vieles aufgegeben und vergessen wird,
was das Kind schon geübt oder gewußt hatte. In
dieser Lebensperiode, nachdem die Frühblüte des
Geschlechtslebens abgewelkt ist, bilden sich jene Ein-
stellungen des Ichs heraus, die wie Scham, Ekel, Mo-
ralität dazu bestimmt sind, dem späteren Pubertäts-
sturm standzuhalten und dem neu erwachenden se-
xuellen Begehren die Bahnen zu weisen. Dieser so-
genannte zweizeitige Ansatz des Sexual-
lebens hat sehr viel mit der Entstehung der nervösenS.
53
Erkrankungen zu tun. Er scheint sich nur beim Men-
schen zu finden, vielleicht ist er eine der Bedingungen
des menschlichen Vorrechtes, neurotisch zu werden. Die
Vorzeit des Geschlechtslebens ist vor der Psychoana-
lyse ebenso übersehen worden, wie auf anderem Ge-
biet der Hintergrund des bewußten Seelenlebens. Sie-
werden mit Recht vermuten, daß beide auch innig
zusammengehören.Von den Inhalten, Äußerungen und Leistungen
dieser Frühzeit der Sexualität wäre sehr viel zu be-
richten, worauf die Erwartung nicht vorbereitet ist.
Zum Beispiel: Sie werden gewiß erstaunt sein zu
hören, daß sich das Knäblein so häufig davor äng-
stigt, vom Vater aufgefressen zu werden. (Wundern-
Sie sich nicht auch, daß ich diese Angst unter die
Äußerungen des Sexuallebens versetze?) Aber ich-
darf Sie an die mythologische Erzählung erinnern,-
die Sie vielleicht aus Ihren Schuljahren noch nicht-
vergessen haben, daß auch der Gott Kronos seine
Kinder verschlingt. Wie sonderbar muß Ihnen dieser
Mythos erschienen sein, als Sie zuerst von ihm hör-
ten! Aber ich glaube, wir haben uns alle damals nichts-
dabei gedacht. Heute können wir auch mancher Mär-
chen gedenken, in denen ein fressendes Tier, wie der
Wolf, auftritt, und werden in diesem eine Verkleidung-
des Vaters erkennen. Ich ergreife diese Gelegenheit, um-
Ihnen zu versichern, daß Mythologie und Märchen-
welt überhaupt erst durch die Kenntnis des kindlichenS.
54
Sexuallbens verständlich werden. Es ist das so ein
Nebengewinn der analytischen Studien.Nicht minder groß wird Ihre Überraschung sein
zu hören, daß das männliche Kind unter der Angst
leidet, vom Vater seines Geschlechtsgliedes beraubt
zu werden, so daß diese Kastrationsangst den stärk-
sten Einfluß auf seine Charakterentwicklung und die
Entscheidung seiner geschlechtlichen Richtung nimmt.
Auch hier wird Ihnen die Mythologie Mut machen, der
Psychoanalyse zu glauben. Derselbe Kronos, der
seine Kinder verschlingt, hatte auch seinen Vater Ura-
nos entmannt und ist dann zur Vergeltung von
seinem durch die List der Mutter geretteten Sohn
Zeus entmannt worden. Wenn Sie zur Annahme ge-
neigt haben, daß alles, was die Psychoanalyse von
der frühzeitigen Sexualität der Kinder erzählt, aus
der wüsten Phantasie der Analytiker stammt, so
geben Sie doch wenigstens zu, daß diese Phantasie
dieselben Produktionen geschaffen hat wie die Phan-
tasietätigkeit der primitiven Menschheit, von der
Mythen und Märchen der Niederschlag sind. Die an-
dere, freundlichere und wahrscheinlich auch zutreffen-
dere Auffassung wäre, daß im Seelenleben des Kin-
des noch heute dieselben archaischen Momente nach-
weisbar sind, die einst in den Urzeiten der mensch-
lichen Kultur allgemein geherrscht haben. Das Kind
würde in seiner seelischen Entwicklung die Stammes-
geschichte in abkürzender Weise wiederholen, wieS.
55
es die Embryologie längst für die körperliche Ent-
wicklung erkannt hat.Ein weiterer Charakter der frühkindlichen Sexu-
alität ist, daß das eigentlich weibliche Geschlechtsglied
in ihr noch keine Rolle spielt – es ist für das Kind
noch nicht entdeckt. Aller Akzent fällt auf das männ-
liche Glied, alles Interesse richtet sich darauf, ob dies
vorhanden ist oder nicht. Vom Geschlechtsleben des
kleinen Mädchens wissen wir weniger als von dem
des Knaben. Wir brauchen uns dieser Differenz nicht
zu schämen; ist doch auch das Geschlechtsleben des
erwachsenen Weibes ein dark continent für die
Psychologie. Aber wir haben erkannt, daß das Mäd-
chen den Mangel eines dem männlichen gleichwertigen
Geschlechtsgliedes schwer empfindet, sich darum für
minderwertig hält, und daß dieser „Penisneid“ einer
ganzen Reihe charakteristisch weiblicher Reaktionen
den Ursprung gibt.Dem Kind eigen ist es auch, daß die beiden ex-
krementellen Bedürfnisse mit sexuellem Interesse be-
setzt sind. Die Erziehung setzt später eine scharfe
Scheidung durch, die Praxis der Witze hebt sie wieder
auf. Das mag uns unappetitlich scheinen, aber es
braucht bekanntlich beim Kind eine ganze Zeit, bis
sich der Ekel einstellt. Das haben auch die nicht ge-
leugnet, die sonst für die seraphische Reinheit der
Kinderseele eintreten.Keine andere Tatsache hat aber mehr Anspruch
S.
56
auf unsere Beachtung, als daß das Kind seine sexu-
ellen Wünsche regelmäßig auf die ihm verwandt-
schaftlich nächsten Personen richtet, also in erster
Linie auf Vater und Mutter, in weiterer Folge auf
seine Geschwister. Für den Knaben ist die Mutter das
erste Liebesobjekt, für das Mädchen der Vater, so-
weit nicht eine bisexuelle Anlage auch gleichzeitig die
gegenteilige Einstellung begünstigt. Der andere Eltern-
teil wird als störender Rivale empfunden und nicht
selten mit starker Feindseligkeit bedacht. Verstehen
Sie mich recht, ich will nicht sagen, daß das Kind sich
nur jene Art von Zärtlichkeit vom bevorzugten Eltern-
teil wünscht, in der wir Erwachsene so gern das
Wesen der Eltern-Kind-Beziehung sehen. Nein, die
Analyse läßt keinen Zweifel darüber, daß die Wünsche
des Kindes über diese Zärtlichkeit hinaus alles an-
streben, was wir als sinnliche Befriedigung begreifen,
soweit eben das Vorstellungsvermögen des Kindes
reicht. Es ist leicht zu verstehen, daß das Kind den
wirklichen Sachverhalt der Vereinigung der Geschlech-
ter niemals errät, es setzt dafür andere aus seinen
Erfahrungen und Empfindungen abgeleitete Vor-
stellungen ein. Gewöhnlich gipfeln seine Wünsche in
der Absicht, ein Kind zu gebären oder – in unbe-
stimmbarer Weise – zu zeugen. Von dem Wunsche,
ein Kind zu gebären, schließt sich in seiner Un-
wissenheit auch der Knabe nicht aus. Diesen ganzen
seelischen Aufbau heißen wir nach der bekanntenS.
57
griechischen Sage den Oedipuskomplex. Er soll
normalerweise mit dem Ende der sexuellen Frühzeit
verlassen, gründlich abgebaut und umgewandelt
werden und die Ergebnisse dieser Verwandlung sind
zu großen Leistungen im späteren Seelenleben be-
stimmt. Aber es geschieht in der Regel nicht gründ-
lich genug und die Pubertät ruft dann eine Wieder-
belebung des Komplexes hervor, die schwere Folgen
haben kann.Ich wundere mich, daß Sie noch schweigen. Das
kann kaum Zustimmung bedeuten. – Wenn die Ana-
lyse behauptet, die erste Objektwahl des Kindes sei
eine inzestuöse, um den technischen Namen zu
gebrauchen, so hat sie gewiß wieder die heiligsten
Gefühle der Menschheit gekränkt und darf auf das
entsprechende Ausmaß von Unglauben, Widerspruch
und Anklage gefaßt sein. Die sind ihr auch reichlich
zuteil geworden. Nichts anderes hat ihr in der Gunst
der Zeitgenossen mehr geschadet als die Aufstellung
des Oedipuskomplexes als einer allgemein mensch-
lichen, schicksalsgebundenen Formation. Der griechische
Mythos muß allerdings dasselbe gemeint haben, aber
die Überzahl der heutigen Menschen, gelehrter wie
ungelehrter, zieht es vor zu glauben, daß die Natur
einen angeborenen Abscheu als Schutz gegen die
Inzestmöglichkeit eingesetzt hat.Zunächst soll uns die Geschichte zu Hilfe kommen.
Als C. Julius Caesar Ägypten betrat, fand er die ju-S.
58
gendliche Königin Kleopa-
tra, die ihm bald so bedeu-
tungs-
voll werden sollte, vermählt mit ihrem noch
jüngeren Bruder Ptolemäus. Das war in der ägyp-
tischen Dynastie nichts Besonderes; die ursprünglich
griechischen Ptolemäer hatten nur den Brauch fort-
gesetzt, den seit einigen Jahrtausenden ihre Vor-
gänger, die alten Pharaonen, geübt hatten. Aber das
ist ja nur Geschwisterinzest, der noch in der Jetztzeit
milder beurteilt wird. Wenden wir uns darum an
unsere Kronzeugin für die Verhältnisse der Urzeit,
die Mythologie. Sie hat uns zu berichten, daß die
Mythen aller Völker, nicht nur der Griechen, über-
reich sind an Liebesbeziehungen zwischen Vater und
Tochter und selbst Mutter und Sohn. Die Kosmologie
wie die Genealogie der königlichen Geschlechter ist
auf dem Inzest begründet. In welcher Absicht, meinen
Sie, sind diese Dichtungen geschaffen worden? Um
Götter und Könige als Verbrecher zu brandmarken,
den Abscheu des Menschengeschlechts auf sie zu
lenken? Eher doch, weil die Inzestwünsche uraltes
menschliches Erbgut sind und niemals völlig über-
wunden wurden, so daß man ihre Erfüllung den
Göttern und ihren Abkömmlingen noch gönnte, als
die Mehrheit der gewöhnlichen Menschenkinder be-
reits darauf verzichten mußte. Im vollsten Einklang
mit diesen Lehren der Geschichte und der Mythologie
finden wir den Inzestwunsch in der Kindheit des Ein-
zelnen noch heute vorhanden und wirksam.S.
59
„Ich könnte es Ihnen übelnehmen, daß Sie mir
all das über die kindliche Sexualität vorenthalten
wollten. Es scheint mir gerade wegen seiner
Beziehungen zur menschlichen Urgeschichte sehr
interessant.“Ich fürchtete, es würde uns zu weit von unserer
Absicht abführen. Aber vielleicht wird es doch seinen
Vorteil haben.„Nun sagen Sie mir aber, welche Sicherheit haben
Sie für Ihre analytischen Resultate über das Sexual-
leben der Kinder zu geben? Ruht Ihre Überzeugung
allein auf den Übereinstimmungen mit Mythologie
und Historie?“Oh, keineswegs. Sie ruht auf unmittelbarer Beob-
achtung. Es ging so zu: Wir hatten zunächst den In-
halt der sexuellen Kindheit aus den Analysen Er-
wachsener, also zwanzig bis vierzig Jahre später, er-
schlossen. Später haben wir die Analysen an den
Kindern selbst unternommen, und es war kein gerin-
ger Triumph, als sich an ihnen alles so bestätigen
ließ, wie wir es trotz der Überlagerungen und Ent-
stellungen der Zwischenzeit erraten hatten.„Wie, Sie haben kleine Kinder in Analyse ge-
nommen, Kinder im Alter vor sechs Jahren? Geht
das überhaupt und ist es nicht für diese Kinder recht
bedenklich?“Es geht sehr gut. Es ist kaum zu glauben, was
in einem solchen Kind von vier bis fünf Jahren schonS.
60
alles vorgeht. Die Kinder sind geistig sehr regsam in
diesem Alter, die sexuelle Frühzeit ist für sie auch
eine intellektuelle Blüteperiode. Ich habe den Ein-
druck, daß sie mit dem Eintritt in die Latenzzeit auch
geistig gehemmt, dümmer, werden. Viele Kinder ver-
lieren auch von da an ihren körperlichen Reiz. Und
was den Schaden der Frühanalyse betrifft, so kann
ich Ihnen berichten, daß das erste Kind, an dem dies
Experiment vor nahezu zwanzig Jahren gewagt wurde,
seither ein gesunder und leistungsfähiger junger Mann
geworden ist, der seine Pubertät trotz schwerer psy-
discher Traumen klaglos durchgemacht hat. Den an-
deren „Opfern“ der Frühanalyse wird es hoffentlich
nicht schlechter ergehen. An diese Kinderanalysen
knüpfen sich mancherlei Interessen; es ist möglich, daß
sie in der Zukunft zu noch größerer Bedeutung kommen
werden. Ihr Wert für die Theorie steht ja außer
Frage. Sie geben unzweideutige Auskünfte über Fra-
gen, die in den Analysen Erwachsener unentschieden
bleiben, und schützen den Analytiker so vor Irrtümern,
die für ihn folgenschwer wären. Man überrascht eben
die Momente, welche die Neurose gestalten, bei ihrer
Arbeit und kann sie nicht verkennen. Im Interesse
des Kindes muß allerdings die analytische Beein-
flussung mit erzieherischen Maßnahmen verquickt
werden. Diese Technik harrt noch ihrer Ausgestal-
tung. Ein praktisches Interesse wird aber durch die
Beobachtung geweckt, daß eine sehr große AnzahlS.
61
unserer Kinder in ihrer Entwicklung eine deutlich
neurotische Phase durchmachen. Seitdem wir schärfer
zu sehen verstehen, sind wir versucht zu sagen, die
Kinderneurose sei nicht die Ausnahme, sondern die
Regel, als ob sie sich auf dem Weg von der infan-
tilen Anlage bis zur gesellschaftlichen Kultur kaum
vermeiden ließe. In den meisten Fällen wird diese
neurotische Anwandlung der Kinderjahre spontan
überwunden; ob sie nicht doch regelmäßig ihre
Spuren auch beim durchschnittlich Gesunden hinter-
läßt? Hingegen vermissen wir bei keinem der späte-
ren Neurotiker die Anknüpfung an die kindliche Er-
krankung, die ihrerzeit nicht sehr auffällig gewesen
zu sein braucht. In ganz analoger Weise, glaube ich,
behaupten heute die Internisten, daß jeder Mensch
einmal in seiner Kindheit eine Erkrankung an Tuber-
kulose durchgemacht hat. Für die Neurosen kommt
allerdings der Gesichtspunkt der Impfung nicht in
Betracht, nur der der Prädisposition.Ich will zu Ihrer Frage nach den Sicherheiten
zurückkehren. Wir haben uns also ganz allgemein
durch die direkte analytische Beobachtung der Kinder
überzeugt, daß wir die Mitteilungen der Erwachsenen
über ihre Kinderzeit richtig gedeutet hatten. In einer
Reihe von Fällen ist uns aber noch eine andere Art
der Bestätigung möglich geworden. Wir hatten aus
dem Material der Analyse gewisse äußere Vorgänge,
eindrucksvolle Ereignisse der Kinderjahre rekon-
S.
62
struiert, von denen die bewußte Erinnerung der
Kranken nichts bewahrt hatte, und glückliche Zufälle,
Erkundigungen bei Eltern und Pflegepersonen haben
uns dann den unwiderleglichen Beweis erbracht, daß
diese erschlossenen Begebenheiten sich wirklich so
zugetragen hatten. Das gelang natürlich nicht sehr
oft, aber wo es eintraf, machte es einen über-
wältigenden Eindruck. Sie müssen wissen, die richtige
Rekonstruktion solcher vergessenen Kindererlebnisse
hat immer einen großen therapeutischen Effekt, ob sie
nun eine objektive Bestätigung zulassen oder nicht.
Ihre Bedeutung verdanken diese Begebenheiten na-
türlich dem Umstand, daß sie so früh vorgefallen sind, zu
einer Zeit, da sie auf das schwächliche Ich noch trau-
matisch wirken konnten.„Um was für Ereignisse kann es sich da handeln,
die man durch die Analyse aufzufinden hat?“Um Verschiedenartiges. In erster Linie um Ein-
drücke, die imstande waren, das keimende Sexualleben
des Kindes dauernd zu beeinflussen, wie Beobachtungen
geschlechtlicher Vorgänge zwischen Erwachsenen
oder eigene sexuelle Erfahrungen mit einem Er-
wachsenen oder einem anderen Kind, – gar nicht so
seltene Vorfälle, – des weiteren um Mithören von
Gesprächen, die das Kind damals oder erst nachträglich
verstand, aus denen es Aufschluß über geheimnis-
volle oder unheimliche Dinge zu entnehmen glaubte,
ferner Äußerungen und Handlungen des KindesS.
63
selbst, die eine bedeutsame zärtliche oder feindselige
Einstellung desselben gegen andere Personen be-
weisen. Eine besondere Wichtigkeit hat es in der
Analyse, die vergessene eigene Sexualbetätigung des
Kindes erinnern zu lassen und dazu die Einmengung
der Erwachsenen, welche derselben ein Ende setzte.„Das ist jetzt für mich der Anlaß, eine Frage
vorzubringen, die ich längst stellen wollte. Worin be-
steht also die ‚Sexualbetätigung‘ des Kindes während
dieser Frühzeit, die man, wie Sie sagen, vor der Zeit
der Analyse übersehen hatte?“Das Regelmäßige und Wesentliche an dieser
Sexualbetätigung hatte man merkwürdigerweise doch
nicht übersehen; das heißt, es ist gar nicht merk-
würdig, es war eben nicht zu übersehen. Die sexu-
ellen Regungen des Kindes finden ihren hauptsäch-
lichsten Ausdruck in der Selbstbefriedigung durch
Reizung der eigenen Genitalien, in Wirklichkeit des
männlichen Anteils derselben. Die außerordentliche
Verbreitung dieser kindlichen „Unart“ war den Er-
wachsenen immer bekannt, diese selbst wurde als schwere
Sünde betrachtet und strenge verfolgt. Wie man diese
Beobachtung von den unsittlichen Neigungen der
Kinder – denn die Kinder tun dies, wie sie selbst
sagen, weil es ihnen Vergnügen macht – mit der
Theorie von ihrer angeborenen Reinheit und Unsinn-
lichkeit vereinigen konnte, danach fragen Sie mich
nicht. Dieses Rätsel lassen Sie sich von der Gegen-S.
64
seite aufklären. Für uns stellt sich ein wichtigeres
Problem her. Wie soll man sich gegen die Sexual-
betätigung der frühen Kindheit verhalten? Man
kennt die Verantwortlichkeit, die man durch ihre
Unterdrückung auf sich nimmt, und getraut sich
doch nicht, sie uneingeschränkt gewähren zu lassen.
Bei Völkern niedriger Kultur und in den unteren
Schichten der Kulturvölker scheint die Sexualität der
Kinder freigegeben zu sein. Damit ist wahrscheinlich
ein starker Schutz gegen die spätere Erkrankung an
individuellen Neurosen erzielt worden, aber nicht
auch gleichzeitig eine außerordentliche Einbuße an
der Eignung zu kulturellen Leistungen? Manches
spricht dafür, daß wir hier vor einer neuen Scylla
und Charybdis stehen.Ob aber die Interessen, die durch das Studium
des Sexuallebens bei den Neurotikern angeregt
werden, eine für die Erweckung der Lüsternheit gün-
stige Atmosphäre schaffen, getraue ich mich doch
Ihrem eigenen Urteil zu überlassen.
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Die Frage der Laienanalyse1926-002/1926