• S.

    VI

    „Sie haben einen großen Aufwand gemacht, um
    mir zu zeigen, was die Psychoanalyse ist und was
    für Kenntnisse man braucht, um sie mit Aussicht auf
    Erfolg zu betreiben. Gut, es kann mir nichts schaden,
    Sie angehört zu haben. Aber ich weiß nicht, welchen
    Einfluß auf mein Urteil Sie von Ihren Ausführungen
    erwarten. Ich sehe einen Fall vor mir, der nichts
    Außergewöhnliches an sich hat. Die Neurosen sind
    eine besondere Art von Erkrankung, die Analyse ist
    eine besondere Methode zu ihrer Behandlung, eine
    medizinische Spezialität. Es ist auch sonst die Regel,
    daß ein Arzt, der ein Spezialfach der Medizin ge-
    wählt hat, sich nicht mit der durch das Diplom be-
    stätigten Ausbildung begnügt. Besonders, wenn er
    sich in einer größeren Stadt niederlassen will, die
    allein Spezialisten ernähren kann. Wer Chirurg werden
    will, sucht einige Jahre an einer chirurgischen Klinik
    zu dienen, ebenso der Augenarzt, Laryngolog usw.,
    gar der Psychiater, der vielleicht überhaupt niemals
    von einer staatlichen Anstalt oder einem Sanatorium

  • S.

    86

    frei kommen wird. So wird es auch mit dem Psycho-
    analytiker werden; wer sich für diese neue ärztliche
    Spezialität entscheidet, wird nach Vollendung seiner
    Studien die zwei Jahre Ausbildung im Lehrinstitut
    auf sich nehmen, von denen Sie sprachen, wenn es
    wirklich eine so lange Zeit in Anspruch nehmen sollte.
    Er wird dann auch merken, daß es sein Vorteil ist,
    in einer psychoanalytischen Gesellschaft den Kontakt
    mit den Kollegen zu pflegen, und alles wird in
    schönster Ordnung vor sich gehen. Ich verstehe nicht,
    wo da Platz für die Frage der Laienanalyse ist.“

    Der Arzt, der das tut, was Sie in seinem Namen
    versprochen haben, wird uns allen willkommen sein.
    Vier Fünftel der Personen, die ich als meine Schüler
    anerkenne, sind ja ohnedies Ärzte. Gestatten Sie mir
    aber, Ihnen vorzuhalten, wie sich die Beziehungen
    der Ärzte zur Analyse wirklich gestaltet haben und
    wie sie sich voraussichtlich weiter entwickeln werden.
    Ein historisches Anrecht auf den Alleinbesitz der Analyse
    haben die Ärzte nicht, vielmehr haben sie bis vor
    kurzem alles aufgeboten, von der seichtesten Spötterei
    bis zur schwerwiegendsten Verleumdung, um ihr zu
    schaden. Sie werden mit Recht antworten, das gehört
    der Vergangenheit an und braucht die Zukunft nicht
    zu beeinflussen. Ich bin einverstanden, aber ich fürchte,
    die Zukunft wird anders sein, als Sie sie vorhergesagt
    haben.

    Erlauben Sie, daß ich dem Wort „Kurpfuscher“

  • S.

    87

    den Sinn gebe, auf den es Anspruch hat an Stelle
    der legalen Bedeutung. Für das Gesetz ist der ein
    Kurpfuscher, der Kranke behandelt, ohne sich durch
    den Besitz eines staatlichen Diploms als Arzt aus
    weisen zu können. Ich würde eine andere Definition be-
    vorzugen: Kurpfuscher ist, wer eine Behandlung unter-
    nimmt, ohne die dazu erforderlichen Kenntnisse und
    Fähigkeiten zu besitzen. Auf dieser Definition fußend,
    wage ich die Behauptung, daß – nicht nur in den euro-
    päischen Ländern – die Ärzte zu den Kurpfuschern
    in der Analyse ein überwiegendes Kontingent stellen.
    Sie üben sehr häufig die analytische Behandlung aus,
    ohne sie gelernt zu haben und ohne sie zu verstehen.
    Es ist vergeblich, daß Sie mir einwenden wollen,
    das sei gewissenlos, das möchten Sie den Ärzten nicht
    zutrauen. Ein Arzt wisse doch, daß ein ärztliches Diplom
    kein Kaperbrief ist und ein Kranker nicht vogelfrei.
    Dem Arzt dürfe man immer zubilligen, daß er im
    guten Glauben handle, auch wenn er sich dabei viel-
    leicht im Irrtum befinde.

    Die Tatsachen bestehen; wir wollen hoffen, daß
    sie sich so aufklären lassen, wie Sie es meinen. Ich
    will versuchen, Ihnen auseinanderzusetzen, wie es mög-
    lich wird, daß ein Arzt sich in den Dingen der Psycho-
    analyse so benimmt, wie er es auf jedem anderen
    Gebiet sorgfältig vermeiden würde.

    Hier kommt in erster Linie in Betracht, daß der
    Arzt in der medizinischen Schule eine Ausbildung er-

  • S.

    88

    fahren hat, die ungefähr das Gegenteil von dem ist,
    was er als Vorbereitung zur Psychoanalyse brauchen
    würde. Seine Aufmerksamkeit ist auf objektiv fest-
    stellbare anatomische, physikalische, chemische Tat-
    bestände hingelenkt worden, von deren richtiger Er-
    fassung und geeigneter Beeinflussung der Erfolg des
    ärztlichen Handelns abhängt. In seinen Gesichtskreis
    wird das Problem des Lebens gerückt, soweit es sich
    uns bisher aus dem Spiel der Kräfte erklärt hat, die
    auch in der anorganischen Natur nachweisbar sind.
    Für die seelischen Seiten der Lebensphänomene wird
    das Interesse nicht geweckt, das Studium der höheren
    geistigen Leistungen geht die Medizin nichts an, es
    ist das Bereich einer anderen Fakultät. Die Psychiatrie
    allein sollte sich mit den Störungen der seelischen
    Funktionen beschäftigen, aber man weiß, in welcher
    Weise und mit welchen Absichten sie es tut. Sie
    sucht die körperlichen Bedingungen der Seelen-
    störungen auf und behandelt sie wie andere Krank-
    heitsanlässe.

    Die Psychiatrie hat darin recht und die medi-
    zinische Ausbildung ist offenbar ausgezeichnet. Wenn
    man von ihr aussagt, sie sei einseitig, so muß man
    erst den Standpunkt ausfindig machen, von dem aus
    diese Charakteristik zum Vorwurf wird. An sich ist
    ja jede Wissenschaft einseitig, sie muß es sein, indem
    sie sich auf bestimmte Inhalte, Gesichtspunkte, Me-
    thoden einschränkt. Es ist ein Widersinn, an dem ich

  • S.

    89

    keinen Anteil haben möchte, daß man eine Wissen-
    schaft gegen eine andere ausspielt. Die Physik ent-
    wertet doch nicht die Chemie, sie kann sie nicht er-
    setzen, aber auch von ihr nicht vertreten werden. Die
    Psychoanalyse ist gewiß ganz besonders einseitig, als
    die Wissenschaft vom seelisch Unbewußten. Das Recht
    auf Einseitigkeit soll also den medizinischen Wissen-
    schaften nicht bestritten werden.

    Der gesuchte Standpunkt findet sich erst, wenn
    man von der wissenschaftlichen Medizin auf die prak-
    tische Heilkunde ablenkt. Der kranke Mensch ist ein
    kompliziertes Wesen, er kann uns daran mahnen, daß
    auch die so schwer faßbaren seelischen Phänomene
    nicht aus dem Bild des Lebens gelöscht werden dürfen.
    Der Neurotiker gar ist eine unerwünschte Komplika-
    tion, eine Verlegenheit für die Heilkunde nicht min-
    der als für die Rechtspflege und den Armeedienst.
    Aber er existiert und geht die Medizin besonders
    nahe an. Und für seine Würdigung wie für seine
    Behandlung leistet die medizinische Schulung nichts,
    aber auch gar nichts. Bei dem innigen Zusammenhang
    zwischen den Dingen, die wir als körperlich und als
    seelisch scheiden, darf man vorhersehen, daß der Tag
    kommen wird, an dem sich Wege der Erkenntnis und
    hoffentlich auch der Beeinflussung von der Biologie
    der Organe und von der Chemie zu dem Erscheinungs-
    gebiet der Neurosen eröffnen werden. Dieser Tag
    scheint noch ferne, gegenwärtig sind uns diese Krank-

  • S.

    90

    heitszustände von der medizinischen Seite her un-
    zugänglich.

    Es wäre zu ertragen, wenn die medizinische
    Schulung den Ärzten bloß die Orientierung auf dem
    Gebiete der Neurosen versagte. Sie tut mehr; sie gibt
    ihnen eine falsche und schädliche Einstellung mit. Die
    Ärzte, deren Interesse für die psychischen Faktoren
    des Lebens nicht geweckt worden ist, sind nun allzu
    bereit, dieselben gering zu schätzen und als unwissen-
    schaftlich zu bespötteln. Deshalb können sie nichts
    recht ernst nehmen, was mit ihnen zu tun hat, und
    fühlen die Verpflichtungen nicht, die sich von ihnen
    ableiten. Darum verfallen sie der laienhaften Respekt-
    losigkeit vor der psychologischen Forschung und
    machen sich ihre Aufgabe leicht. Man muß ja die
    Neurotiker behandeln, weil sie Kranke sind und sich
    an den Arzt wenden, muß auch immer Neues ver-
    suchen. Aber wozu sich die Mühe einer langwierigen
    Vorbereitung auferlegen? Es wird auch so gehen;
    wer weiß, was das wert ist, was in den analytischen
    Instituten gelehrt wird. Je weniger sie vom Gegen-
    stand verstehen, desto unternehmender werden sie.
    Nur der wirklich Wissende wird bescheiden, denn er
    weiß, wie unzulänglich dies Wissen ist.

    Der Vergleich der analytischen Spezialität mit
    anderen medizinischen Fächern, den Sie zu meiner
    Beschwichtigung herangezogen haben, ist also nicht
    anwendbar. Für Chirurgie, Augenheilkunde usw. bietet

  • S.

    91


    die Schule selbst die Möglichkeit zur weiteren Aus-
    bildung. Die analytischen Lehrinstitute sind gering an
    Zahl, jung an Jahren und ohne Autorität. Die medi-
    zinische Schule hat sie nicht anerkannt und kümmert
    sich nicht um sie. Der junge Arzt, der seinen Lehrern
    so vieles hat glauben müssen, daß ihm zur Erziehung
    seines Urteils wenig Anlaß geworden ist, wird gerne
    die Gelegenheit ergreifen, auf einem Gebiet, wo es
    noch keine anerkannte Autorität gibt, endlich auch
    einmal den Kritiker zu spielen.

    Es gibt noch andere Verhältnisse, die sein Auf-
    treten als analytischer Kurpfuscher begünstigen. Wenn
    er ohne ausreichende Vorbereitung Augenopera-
    tionen unternehmen wollte, so würde der Miß-
    erfolg seiner Staarextraktionen und Iridektomien und
    das Wegbleiben der Patienten seinem Wagestück
    bald ein Ende bereiten. Die Ausübung der Analyse
    ist für ihn vergleichsweise ungefährlich. Das Publikum
    ist durch die durchschnittlich günstigen Ausgänge der
    Augenoperationen verwöhnt und erwartet sich Heilung
    vom Operateur. Wenn aber der „Nervenarzt“ seine
    Kranken nicht herstellt, so verwundert sich niemand
    darüber. Man ist durch die Erfolge der Therapie bei
    den Nervösen nicht verwöhnt worden, der Nerven-
    arzt hat sich wenigstens „viel mit ihnen abgegeben.“
    Da läßt sich eben nicht viel machen, die Natur muß
    helfen oder die Zeit. Also beim Weib zuerst die
    Menstruation, dann die Heirat, später die Menopause.

  • S.

    92

    Am Ende hilft wirklich der Tod. Auch ist das, was der
    ärztliche Analytiker mit dem Nervösen vorgenommen
    hat, so unauffällig, daß sich daran kein Vorwurf
    klammern kann. Er hat ja keine Instrumente oder
    Medikamente verwendet, nur mit ihm geredet, ver-
    sucht, ihm etwas ein- oder auszureden. Das kann
    doch nicht schaden, besonders wenn dabei vermieden
    wurde, peinliche oder aufregende Dinge zu berühren.
    Der ärztliche Analytiker, der sich von der strengen
    Unterweisung frei gemacht hat, wird gewiß den Versuch
    nicht unterlassen haben, die Analyse zu verbessern,
    ihr die Giftzähne auszubrechen und sie den Kranken
    angenehm zu machen. Und wie gut, wenn er bei
    diesem Versuch stehen geblieben, denn wenn er wirklich
    gewagt hat, Widerstände wachzurufen, und dann nicht
    wußte, wie ihnen zu begegnen ist, ja, dann kann er
    sich wirklich unbeliebt gemacht haben.

    Die Gerechtigkeit erfordert das Zugeständnis,
    daß die Tätigkeit des ungeschulten Analytikers auch
    für den Kranken harmloser ist als die des unge-
    schickten Operateurs. Der mögliche Schaden be-
    schränkt sich darauf, daß der Kranke zu einem nutz-
    losen Aufwand veranlaßt wurde und seine Heilungs-
    chancen eingebüßt oder verschlechtert hat. Ferner
    daß der Ruf der analytischen Therapie herabgesetzt
    wird. Das ist ja alles recht unerwünscht, aber es hält
    doch keinen Vergleich mit den Gefahren aus, die vom
    Messer des chirurgischen Kurpfuschers drohen.

  • S.

    93

    Schwere, dauernde Verschlimmerungen des Krank-
    heitszustandes sind nach meinem Urteil auch bei
    ungeschickter Anwendung der Analyse nicht zu be-
    fürchten. Die unerfreulichen Reaktionen klingen nach
    einer Weile wieder ab. Neben den Traumen des
    Lebens, welche die Krankheit hervorgerufen haben,
    kommt das bißchen Mißhandlung durch den Arzt
    nicht in Betracht. Nur daß eben der ungeeignete
    therapeutische Versuch nichts Gutes für den Kranken
    geleistet hat.

    „Ich habe Ihre Schilderung des ärztlichen Kur-
    pfuschers in der Analyse angehört, ohne Sie zu
    unterbrechen, nicht ohne den Eindruck zu empfangen,
    daß Sie von einer Feindseligkeit gegen die Ärzte-
    schaft beherrscht werden, zu deren historischen Er-
    klärung Sie mir selbst den Weg gezeigt haben. Aber
    ich gebe Ihnen eines zu: wenn schon Analysen ge-
    macht werden sollen, so sollen sie von Leuten ge-
    macht werden, die sich dafür gründlich ausgebildet
    haben. Und Sie glauben nicht, daß die Ärzte, die sich
    der Analyse zuwenden, mit der Zeit alles tun werden,
    um sich diese Ausbildung zu eigen zu machen?“

    Ich fürchte, nicht. Solange das Verhältnis der
    Schule zum analytischen Lehrinstitut ungeändert
    bleibt, werden die Ärzte wohl die Versuchung, es
    sich zu erleichtern, zu groß finden.

    „Aber einer direkten Äußerung über die Frage
    der Laienanalyse scheinen Sie konsequent auszu-

  • S.

    94

    weichen. Ich soll jetzt erraten, daß Sie vorschlagen, weil
    man die Ärzte, die analysieren wollen, nicht kon-
    trollieren kann, soll man, gewissermaßen aus Rache,
    zu ihrer Bestrafung, ihnen das Monopol der Analyse ab-
    nehmen und diese ärztliche Tätigkeit auch den Laien
    eröffnen.“

    Ich weiß nicht, ob Sie meine Motive richtig er-
    raten haben. Vielleicht kann ich Ihnen später ein
    Zeugnis einer weniger parteiischen Stellungnahme
    vorlegen. Aber ich lege den Akzent auf die Forde-
    rung, daß niemand die Analyse ausüben
    soll, der nicht die Berechtigung dazu durch
    eine bestimmte Ausbildung erworben hat.
    Ob diese Person nun Arzt ist oder nicht, er-
    scheint mir als nebensächlich.

    „Was für bestimmte Vorschläge haben Sie also
    zu machen?“

    Ich bin noch nicht soweit, weiß auch nicht, ob ich
    überhaupt dahin kommen werde. Ich möchte eine
    andere Frage mit Ihnen erörtern, zur Einleitung aber
    auch einen bestimmten Punkt berühren. Man sagt,
    daß die zuständigen Behörden über Anregung der
    Ärzteschaft Laien ganz allgemein die Ausübung der
    Analyse untersagen wollen. Von diesem Verbot wür-
    den auch die nichtärztlichen Mitglieder der Psycho-
    analytischen Vereinigung betroffen, die eine ausge-
    zeichnete Ausbildung genossen und sich durch Übung
    sehr vervollkommnet haben. Wird das Verbot er-

  • S.

    95

    lassen, so stellt sich der Zustand her, daß man eine
    Reihe von Personen an der Ausübung einer Tätig-
    keit behindert, von denen man überzeugt sein kann,
    daß sie sie sehr gut leisten können, während man
    dieselbe Tätigkeit andern freigibt, bei denen von
    einer ähnlichen Garantie nicht die Rede ist. Das ist
    nicht gerade der Erfolg, den eine Gesetzgebung er-
    reichen möchte. Indes ist dieses spezielle Problem
    weder sehr wichtig, noch schwierig zu lösen. Es han-
    delt sich dabei um eine Handvoll Personen, die nicht
    schwer geschädigt werden können. Sie werden wahr-
    scheinlich nach Deutschland auswandern, wo sie durch
    keine Gesetzesvorschrift behindert, bald die Aner-
    kennung ihrer Tüchtigkeit finden werden. Will man
    ihnen dies ersparen und die Härte des Gesetzes für
    sie mildern, so kann es mit Anlehnung an bekannte
    Präzedenzfälle leicht geschehen. Es ist im monarchi-
    schen Österreich wiederholt vorgekommen, daß man
    notorischen Kurpfuschern die Erlaubnis zur ärztlichen
    Tätigkeit auf bestimmten Gebieten ad personam ver-
    liehen hat, weil man von ihrem wirklichen Können
    überzeugt worden war. Diese Fälle betrafen zumeist
    bäuerliche Heilkünstler, und die Befürwortung soll
    regelmäßig durch eine der einst so zahlreichen Erz-
    herzoginnen erfolgt sein, aber es müßte doch auch
    für Städter und auf Grund anderer, bloß sachver-
    ständiger Garantie geschehen können. Bedeutsamer
    wäre die Wirkung eines solchen Verbots auf das

  • S.

    96

    Wiener analytische Lehrinstitut, das von da an keine
    Kandidaten aus nichtärztlichen Kreisen zur Ausbil-
    dung annehmen dürfte. Dadurch wäre wieder einmal
    in unserem Vaterland eine Richtung geistiger Tätig-
    keit unterdrückt, die sich anderswo frei entfalten darf.
    Ich bin der letzte, der eine Kompetenz in der Be-
    urteilung von Gesetzen und Verordnungen in An-
    spruch nehmen will. Aber ich sehe doch soviel, daß
    eine Betonung unseres Kurpfuschergesetzes nicht im
    Sinne der Angleichung an deutsche Verhältnisse ist,
    die heute offenbar angestrebt wird, und daß die An-
    wendung dieses Gesetzes auf den Fall der Psycho-
    analyse etwas Anachronistisches hat, denn zur Zeit
    seiner Erlassung gab es noch keine Analyse und war
    die besondere Natur der neurotischen Erkrankungen
    noch nicht erkannt.

    Ich komme zu der Frage, deren Diskussion mir
    wichtiger erscheint. Ist die Ausübung der Psychoana-
    lyse überhaupt ein Gegenstand, der behördlichem Ein-
    greifen unterworfen werden soll, oder ist es zweck-
    mäßiger, ihn der natürlichen Entwicklung zu über-
    lassen? Ich werde gewiß hier keine Entscheidung
    treffen, aber ich nehme mir die Freiheit, Ihnen dieses
    Problem zur Überlegung vorzulegen. In unserem
    Vaterlande herrscht von altersher ein wahrer furor
    prohibendi, eine Neigung zum Bevormunden, Eingreifen
    und Verbieten, die, wie wir alle wissen, nicht gerade gute
    Früchte getragen hat. Es scheint, daß es im neuen,

  • S.

    97

    republikanischen Österreich noch nicht viel anders
    geworden ist. Ich vermute, daß Sie bei der Entschei-
    dung über den Fall der Psychoanalyse, der uns jetzt be-
    schäftigt, ein gewichtiges Wort mitzureden haben;
    ich weiß nicht, ob Sie die Lust oder den Einfluß
    haben werden, sich den bürokratischen Neigungen
    zu widersetzen. Meine unmaßgeblichen Gedanken
    zu unserer Frage will ich Ihnen jedenfalls nicht er-
    sparen. Ich meine, daß ein Überfluß an Verordnungen
    und Verboten der Autorität des Gesetzes schadet.
    Man kann beobachten: wo nur wenige Verbote be-
    stehen, da werden sie sorgfältig eingehalten, wo man
    auf Schritt und Tritt von Verboten begleitet wird, da
    fühlt man förmlich die Versuchung, sich über sie hin-
    wegzusetzen. Ferner, man ist noch kein Anarchist,
    wenn man bereit ist einzusehen, daß Gesetze und
    Verordnungen nach ihrer Herkunft nicht auf den
    Charakter der Heiligkeit und Unverletzlichkeit An-
    spruch haben können, daß sie oft inhaltlich unzuläng-
    lich und für unser Rechtsgefühl verletzend sind oder
    nach einiger Zeit so werden, und daß es bei der
    Schwerfälligkeit der die Gesellschaft leitenden Per-
    sonen oft kein anderes Mittel zur Korrektur solch
    unzweckmäßiger Gesetze gibt, als sie herzhaft zu
    übertreten. Auch ist es ratsam, wenn man den Re-
    spekt vor Gesetzen und Verordnungen erhalten
    will, keine zu erlassen, deren Einhaltung und Über-
    tretung schwer zu überwachen ist. Manches, was wir

  • S.

    98

    über die Ausübung der Analyse durch Ärzte gesagt
    haben, wäre hierfür die eigentliche Laienanalyse, die das
    Gesetz unterdrücken will, zu wiederholen. Der Her-
    gang der Analyse ist ein recht unscheinbarer, sie
    wendet weder Medikamente noch Instrumente an,
    besteht nur in Gesprächen und Austausch von Mit-
    teilungen; es wird nicht leicht sein, einer Laienperson
    nachzuweisen, sie übe „Analyse“ aus, wenn sie be-
    hauptet, sie gebe nur Zuspruch, teile Aufklärungen
    aus und suche einen heilsamen menschlichen Einfluß
    auf seelisch Hilfsbedürftige zu gewinnen; das könne
    man ihr doch nicht verbieten, bloß darum, weil auch
    der Arzt es manchmal tue. In den englisch sprechenden
    Ländern haben die Praktiken der Christian
    Science eine große Verbreitung; eine Art von
    dialektischer Verleugnung der Übel im Leben durch
    Berufung auf die Lehren der christlichen Religion.
    Ich stehe nicht an zu behaupten, daß dies Ver-
    fahren eine bedauerliche Verirrung des menschlichen
    Geistes darstellt, aber wer würde in Amerika oder
    England daran denken, es zu verbieten und unter
    Strafe zu setzen? Fühlt sich denn die hohe Obrigkeit
    bei uns des rechten Weges zur Seligkeit so sicher,
    daß sie es wagen darf zu verhindern, daß jeder versuche
    „nach seiner Façon selig zu werden“? Und zugegeben,
    daß viele sich selbst überlassen in Gefahren ge-
    raten und zu Schaden kommen, tut die Obrigkeit
    nicht besser daran, die Gebiete, die als unbetretbar

  • S.

    99

    gelten sollen, sorgfältig abzugrenzen und im übrigen,
    soweit es nur angeht, die Menschenkinder ihrer Er-
    ziehung durch Erfahrung und gegenseitige Beein-
    flussung zu überlassen? Die Psychoanalyse ist etwas so
    Neues in der Welt, die große Menge ist so wenig über
    sie orientiert, die Stellung der offiziellen Wissen-
    schaft zu ihr noch so schwankend, daß es mir vor-
    eilig erscheint, jetzt schon mit gesetzlichen Vor-
    schriften in die Entwicklung einzugreifen. Lassen wir
    die Kranken selbst die Entdeckung machen, daß es
    schädlich für sie ist, seelische Hilfe bei Personen zu
    suchen, die nicht gelernt haben, wie man sie leistet.
    Klären wir sie darüber auf und warnen sie davor,
    dann werden wir uns erspart haben, es ihnen zu
    verbieten. Auf italienischen Landstraßen zeigen die
    Leitungsträger die knappe und eindrucksvolle Auf-
    schrift: Chi tocca, muore. Das reicht vollkommen
    hin, um das Benehmen der Passanten gegen herab-
    hängende Drähte zu regeln. Die entsprechenden
    deutschen Warnungen sind von einer überflüssigen
    und beleidigenden Weitschweifigkeit: Das Berühren
    der Leitungsdrähte ist, weil lebensgefährlich, strengstens
    verboten. Wozu das Verbot? Wem sein Leben lieb
    ist, der erteilt es sich selbst, und wer sich auf diesem
    Wege umbringen will, der fragt nicht nach Erlaubnis.
    „Es gibt aber Fälle, die man als Präjudiz für die
    Frage der Laienanalyse anführen kann. Ich meine
    das Verbot der Versetzung in Hypnose durch Laien

  • S.

    100

    und das kürzlich erlassene Verbot der Abhaltung
    okkultistischer Sitzungen und Gründung solcher Ge-
    sellschaften.“

    Ich kann nicht sagen, daß ich ein Bewun-
    derer dieser Maßnahmen bin. Die letztere ist ein
    ganz unzweifelhafter Übergriff der polizeilichen Be-
    vormundung zum Schaden der intellektuellen Freiheit.
    Ich bin außer dem Verdacht, den sogenannt okkul-
    ten Phänomenen viel Glauben entgegenzubringen oder
    gar Sehnsucht nach ihrer Anerkennung zu verspüren;
    aber durch solche Verbote wird man das Interesse
    der Menschen für diese angebliche Geheimwelt
    nicht ersticken. Vielleicht hat man im Gegenteil etwas
    sehr Schädliches getan, der unparteiischen Wiß-
    begierde den Weg verschlossen, zu einem befreienden
    Urteil über diese bedrückenden Möglichkeiten zu
    kommen. Aber dies auch nur wieder für Österreich. In
    anderen Ländern stößt auch die „parapsychische“
    Forschung auf keine gesetzlichen Hindernisse. Der
    Fall der Hypnose liegt etwas anders als der der
    Analyse. Die Hypnose ist die Hervorrufung eines
    abnormen Seelenzustandes und dient den Laien heute
    nur als Mittel zur Schaustellung. Hätte sich die an-
    fänglich so hoffnungsvolle hypnotische Therapie ge-
    halten, so wären ähnliche Verhältnisse wie die der
    Analyse entstanden. Übrigens erbringt die Geschichte
    der Hypnose ein Präzedens zum Schicksal der Ana-
    lyse nach anderer Richtung. Als ich ein junger Dozent

  • S.

    101

    der Neuropathologie war, eiferten die Ärzte in der
    leidenschaftlichsten Weise gegen die Hypnose, er-
    klärten sie für einen Schwindel, ein Blendwerk des
    Teufels und einen höchst gefährlichen Eingriff. Heute
    haben sie dieselbe Hypnose monopolisiert, bedienen
    sich ihrer ungescheut als Untersuchungsmethode und
    für manche Nervenärzte ist sie noch immer das
    Hauptmittel ihrer Therapie.

    Ich habe Ihnen aber bereits gesagt, ich denke
    nicht daran, Vorschläge zu machen, die auf der Ent-
    scheidung beruhen, ob gesetzliche Regelung oder
    Gewährenlassen in Sachen der Analyse das Richtigere
    ist. Ich weiß, das ist eine prinzipielle Frage, auf
    deren Lösung die Neigungen der maßgebenden Per-
    sonen wahrscheinlich mehr Einfluß nehmen werden
    als Argumente. Was mir für eine Politik des laissez
    faire zu sprechen scheint, habe ich bereits zusammen-
    gestellt. Wenn man sich anders entschließt, zu einer
    Politik des aktiven Eingreifens, dann allerdings scheint
    mir die eine lahme und ungerechte Maßregel des
    rücksichtslosen Verbots der Analyse durch Nichtärzte,
    keine genügende Leistung zu sein. Man muß sich
    dann um mehr bekümmern, die Bedingungen, unter
    denen die Ausübung der analytischen Praxis gestattet
    ist, für alle, die sie ausüben wollen, feststellen, irgend
    eine Autorität aufrichten, bei der man sich Auskunft
    holen kann, was Analyse ist und was für Vorbereitung
    man für sie fordern darf, und die Möglichkeiten der

  • S.

    102

    Unterweisung in der Analyse fördern. Also ent-
    weder in Ruhe lassen oder Ordnung und Klarheit
    schaffen, nicht aber in eine verwickelte Situation mit
    einem vereinzelten Verbot dreinfahren, das mecha-
    nisch aus einer inadäquat gewordenen Vorschrift ab-
    geleitet wird.